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Jüdisches Volksblatt · 1903-07-17 · 29 (17.7.1903) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
29 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. Juli 1903 Nr. 29 $ßavret" bestellende Repienntaspartei fielt dem Einflüsse ihres Herrn lind Meisters entrückt snh. .ziitp die mit Mühen ziisammengekleisterte „liberale Partei" sofort in die Brüche und die einzelnen Fraktionen hatten sieb lieb zum Fressen. Kaum jedoeh trat der nette Herr in die freuet, tue leite den modernen Namen „Klublokal" fuhrt, sofort hörte das gegenseitige Zähnefletschen auf und Nltliberale: N a t i o n a l p a r t e i, C a s i n o t e n, A g r a r i e r il n d die f o u ft i ei c n P arteis eh a t t i e r » it g e n loaren sofort eitel Liebe und Harmonie, die natiirlieh in die Brüche gehen wird, sobald das neue Ministerium in die Persenkung fällt. lind da felient man fielt nicht, an der Fiktion der liberalen Partei festzuhalteu, an einer Fiktion, welcher jedivede reelle Grundlage mangelt, denn weder das Programm noch die Eletuente sittd dermalen für eine regierungsfähige liberale Partei vorhanden. Es ist dies heute ein Rahmen ohne Inhalt und nirgends macht sich das Bestreben geltend diesen Rahmen zum Wöhle des Volkes auszufüllen. Man schließt sich der Regierung an, weil es wohl tut, sich im Glanze der Macht zu sonnen und inan mit deren Hilfe auf dem Rücken der Wähler emporkriecheu kann; mau macht unter großem Tam-Tam Front gegen die Regierung, um unter billigen Schlagworten Einfluß auf die Massen zu erlangen und als Tribun Position zu erringen. Um Prinzipien kümmert man sich wenig; die Ratten verlassen das sinkende Schiff und suchen sich mtf ein neueZ Schiff zu retten. Dies war die Signatur des Tages unter jedem einzelnen Ministerium. Man sah ab davon, aus welchen Gründen eine Regierung fiel, man leistete der neuen Regierung unbedingt Heerfolge. Szell versteifte sich darauf, daß die Vorlage wegen Erhöhung des Rekrutenkontingents allen anderen dringenderen Vorlagen voran zum Gesetze erhoben iverden müsse und die liberale Partei betvies haarscharf, daß dem so sein müsse, da sonst die Monarchie aus den: Leim geht. Die Opposition verhinderte, daß jene Vorlage Gesetzeskraft erlange, und die Monarchie ging trotzdem nicht aus dem Leim. Nun kommt Graf Khnen-Hedervary und konzediert, daß die anderen Vorlagen vorerst verhandelt iverden müssen und dieselbe liberale Partei stimint auch diesem Vorschläge verständnisinnig zu und hat ganz daran vergessen, daß sie einige Tage vorher einen ganz anderen intransigenten Standpunkt eingenommen hatte. Vor neun Jahren wurde Graf Khuen-Hedervary als Ministerpräsident nicht akzeptiert, weil man ihn als den Gegner des Liberalismus kannte, heute wird er anstandslos akzeptiert, trotzdem, oder weil es mit dem Liberalismus in Negierungskreisen ohnehin bergab geht. Derartiges nennt man heute liberale Partei! Was sollen wir von dem Liberalismus einer Partei halten, welche eine Regierung zu unterstützen bereit ist, von welcher der Wortführer, der V o l k s p a r t c t sagt, d a ß er diese R e g i e r u n g a l s Anzeichen dessen be g r it ß t, d a ß der Liberalismus b a n k e r o tt g e w o r d e n. da ß unter d e r A e g i d e d i e s e r Regierung das k o n f e s s i o nelle Moment bei de n 9k e g i e r! it it g s g ei s ch ä st e n z it r Gelt u n g komme n w i r d und er i n dieser E r wart u n g i m N a nt e n seiner Partei den Regierungschef sympathisch begrüßt. Wir gehen sehr ernsten Zeiten entgegeit, iveil die liberale Partei, oder vielinehr der wirklich ttoch liberale Teil der Liberalen, dem Lande gegenüber ihre Pflicht nicht erfüllt und dem Besitze der Macht zuliebe ihre Prinzipien und sich selbst anfopfert. Seit längerer Zeit schon halten wir es für nötig, daß innerhalb der liberalen Partei sich eine reinliche L-cheidung vollziehe. Trotzdem die Partei in ihrer Mitte Männer zählt, welche liberal sind und auch solche, welche eilt stärkeres Hervorkehren des nationalen Moments wünschen, ist die liberale Partei in ihrer dermaligen Zusammenstellung w e d e r l i b e r a l n o ch n a t i o n a l, ist sie bloß eine prinzipienlose A b st i m m u n g s m a s ch i n e, ein gefügiges Werkzeug in der Hand des jeweiligen Ministerpräsidenten und ein dankbares Angriffsobjekt aller übrigen Parteien. Der gegenwärtige Parteiverbartd ist absolut unhaltbar und ohne Aenderung derselben ist eine Sanierung unserer öffentlichen Miseren nur unter gewaltigen Eruptionen möglich. Also reinliche Scheidung! « Die Südmährer. Höre Israel und staune! Wie nennst du dich doch? Ein gottbegnadetes Volk? Ja, wenn du dich noch so nennen durftest! Vorbei sind die Zeiten der Märchen, du bist heute ein Volk von der D e u t s ch e n Gnaden I Mag sich auch unsere Seele in moralischen Schmerzen winden und unser jüdischer Stolz sich dagegen aufbäumen, es nützt ja doch nichts! Also müssen wir denn, Trauer im Herzen, der Wahrheit die Ehre geben: Die Gnade unserer Gegner ist ein Hort, zu dem viele Assimilanten dankbar aufblicken sollen. Geradezu erdrückend ist die Zahl der Fälle, die uns die Unterwerfung unserer „Großen" unter deutsche Macht vor Augen führen, doch zum Glücke fehlt noch sehr viel zum Wahrwerden des Dichterwortes „.mit den Großen sinkt und fällt die Masse!" Darum kann der neueste Fall, die „Südmährer-Affäre" nicht der markanteste genannt werden; es kommt nur, was kommen muß. Leider! Also auch die Südmährer! Nun ja, „wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen I" Warum sollen die S ü d m ä h r e r j u d e n f r e u n d l i ch e r sein, a l s a l l e anderen? Aber eine Frage müssen wir unseren deutschnationalen Stammesbrüdern mit Entrüstung vorlegen: Welch elementare Macht drängt euch dazu, deutschen Vereinen anzugehören? Nach den vielen schon des öfteren diskutierten Vorgängen in verschiedenen Vereinen mit deutschnationaler Tendenz drängt sich noch immer der Jude in ihre Mitte! Und die Folgen? Fußtritte! Wären es nur solche für die Assimilanten! Aber nein! Das gesamte Judentum muß leiden, muß Strafe dulden für das, was die „Großen" im Wahne tun; in einem unheilvollen Wahne, der von Assimilationsgelüsten und unverständlichem, aussichtslosem Strebertum genährt wird. Und nun zu unseren lieben Südmährern, über deren Hauptversammlung vom 7. Juni 1903 wir den offiziellen Bericht des liberalen „Tagesboten" (Nr. 263 vom 8. Juni) vor uns haben. Ter u. a. vorgelegte Antrag an die Vundesleitung betreffend die Arisierung des Bundes beziehungsweise Ausschließung der Juden, gelangt zur Diskussion: Dr. Fossek ist dagegen und expliziert „in formvollendeter, fachlicher Rede" die Angelegenheit, ist schließlich für Ablehnung des Antrages und meint u. a.: .überdies st e h e e s j a j e d e r Gruppe frei, e s i n i h r e m K r e i s e nt i t d e r I u d e n f r a g e n a ch e i g en e tn G u t d ii n k en und den U m st ä nd e n des Ortes a ngemessen zu halten." Also bloß ein zlveideutiges Achselzucken, ein verlegenes „Tut, wie Ihr wollt!" Ferner beruhigt Dr. Fossek mit dem interessanten Geständnisse: „I ü d i s ch e r E i n s l u ß h a b e i m B u n d e n i e i r g e n o tv e l ch e Bedeutung erlangt, a u ch f i n b Juden nicht m i t B u u d e § nt 111 e i tt u n t e r st u tz t worden." Na also! Gott sei Dank! „Namens der Arttragsteller referierte Dr. Tutschka und zog folgendett Schluß: D e r B u n d i st f it r D e u t s ch e, d e r I u d e i st n a ch d e r alten Ansicht der Radikalen kein D e u t s ch e r, a l s o g e h ö r t d e r I u d e nicht in den B u n d." Endlich eine Sanktionierung der wiederholten Mahnrufe des „Jüdischen Volksblattes"; nur hätten wir dazu nicht den „wackeren" Südmährerbund gebraucht! Und das Ende vom Liede? Nach bekanntem Muster: „Schließlich gelangte der Wunsch der Bundesleitung zur Abstimmung, solche, der gedeihlichen Entwicklung des Bundes abträgliche, dessen Grundlagen berührende und durch mehrere Hauptversammlungen mit bedeutender Mehrheit abgelehnte Anträge nicht wieder zu erneuern, sondern während der nächsten fünf Jahre zu vermeiden." Dieser Wunsch wurde „Gott sei Dank" zum Beschlüsse. Also so sehen wir aus! Das sind die Heldentaten unserer großen Juden. Ist dieser Beschluß des Bundes mißzuverstehen, oder ist die folgende llebersetzung nicht richtig: Fort mit euch Juden, Ihr seid uns eine Last; aber 6 Jahre lvollen wir uns noch aus besonderer Gnade mit euch abgeben, 6 Jahre könnt Ihr noch zahlen, nachher mußt Ihr gehen! Daß der Südmährerbund zur Stunde noch Juden in seiner Mitte birgt, ist erwiesene Sache! Aber sind das auch „Juden"? I. S ii. Chronik. Inland. Gedenktage. Juli. 9. 1391 wurden Juden ht Valencia erschlagen. 1639 st. in Koustantinopel Jos. b. Moses Trani, 70 I. 1667 wurde in Cordova von den Priestern Abraham Athias verbrannt. 1730 st. in Halberstadt d. Hofresident Bermann Lehmann. 1749 st. in Altotta der Rabb. Ezechiel b. Abraham Katzenellenbogen. 1791 st. in Ferra rer Sam. Sav Schalom Finzi. 1825 geb. in Hamburg Prof. Int. Oppert. 1849 geb. in Rawitsch Dr. M. Braun. 1871 st. in Padua Prof. Lelio de la Torre. 10. 1429 st. in Italien Jos. b. Jochattan Treves. 1874 st. in Vercelli Prof. Gins. Levi. 1.893 st. in Berlin Ernst Wechsler (E. Lothar). 11. 1605 ft. in Algier Abr. b. Jacob Gawisoit. 1622 st. in Lemberg Abr. b. David, der Alfasi n. Mordechai kommcittierte. 1865 st. in London Elia H. Lindo. 12. 1770 st. in Lemberg R. Meir Teomim. 1845 st. in Oettingen R. Pinchas Katzenellenbogen. 1845 st. in Norwegen Henr. Wergeland. 1877 st. Fanny Nathan, Begr. d. Waiseith. i. Paderborn. 13. 1105 st. in Troyes R. Salomo genannt- Jsaaki oder Raschi. 1788 st. in Triest Jsaac Formegini. 1823 geb. in Paris Eugene Manuel- 14. .1683 ward Natan Nata b. Moses, Verf. d. Geüetsammlung „Schaare Zion" itt Ilngarisch-Brod erschlagen. 1900 st. in Chicago d. Adv. Nathan M. Plotke aus Koschmin. 1902 st. in Hamburg Marc. Antokolsky, Bildhauer. 15. 1572 st. in Safet Jsaac Luria. 1841 st. in Königsberg Jacob Kaplan. 1843 st. in Paris Louis Marcus a. Dessau. 1862 geb. in Frankfurt a. M. Dr. Ludw. Fulda, Schriftsteller. — T a m m u s. 1. Im Jahre 67 fiel die Bergfeste Jotapäta. 4. 1171 st. R. Jacob Tam a. Römern. 1899-st. in Berlin Rabb. Dr. Jsr. Hildesheimer. 6. 1749 kamen in-Brxslau b. einer Explos. d. Pulverturm -(Wallstr. 4) an-60 Juden-,xnus Leben, darunter Personen a. Rawitsch, Lissa und Krotoschin, 6. 1288 Judenverfolgung in Bonn. 8. 1815 geb. in Roth Jannüwitz Dr. W. A. Meisel. 1882 st. in Würzburg Mich. H. Godofroi aus'Amsterdam. 10. 1809 geb. in Ziilz Dr- Louis Löwe, Dolmetscher Montefiores. 13. 1270 wurden in Weißenburg 7 unschuldige Juden gefoltert und getötet. 1870 st. in Emden Landrabb. Herm. Hamburger. 16. 1900 st. in Salzbrunn der Graudenzer Rabb. Dr. Mich. Rosenstein. Dev sechste Kongreß. Der Kongreß wird voraussichtlich sechs Tage dauern. Folgende Aenderungen iu den Referaten sind eingetreten. Dr. Franz Oppenheimer übernimmt das Referat „Ueber Ansiedelung" und Nord au hält das politische Referat. Interessant dürfte das Referat Zangwills „Ueber das Verhältnis von Zionismus und Wohltätigkeit" sein. Der* allgemeine Wahltag zum Kongreß findet in Oesterreich am 29. Juli d. I. statt. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 9. Juli 1903. Beginn der Sitzung 5 .Uhr nachmittags. — An Spenden sind eingelaufen: Von der israel. Kultusgemeinde Sarajevo als Ergebnis einer Sammlung unter den Gemeindemitgliedern für die Opfer der jüngsten Ereignisse in Kischenew und Ulinow Kr. 347.—; von der Kultusgemeinde Sniatyn für die unglücklichen Glaubensgenossen in Kischenew, Sammelspende von KT. 105.53; vom „Verein zur Bekleidung armer alter Männer israel. Konfession" für die unglücklichen Glaubensgenossen in Kischenew Kr. 56.—; von Herrn Max Grünberger, Ergebnis einer Sammlung für die annen Juden in Kischenew Kr. 20.—; von Herrn Theodor Neustadtl anläßlich der Köitfirmation seiner Tochter, für Armenzwecke Kr. 10.—. — Aus dem Einlaufe wird bekanntgegeben: Eine Mitteilung des Herrn Statthalters von Niederösterreich als Vorsitzenden des Landesschulrates, betreffend die neuerliche Ernennung des von der Kultusgemeinde in Vorschlag gebrachten Vorstehers phil. und jnr. Dr. Markus Spitzer zum Mitgliede des Bezirksschulrates der Stadt Wien als Vertreter des israelitischett Religionsunterrichtes für eine sechsjährige Futtktionsperiode. Ankniipfend hieran beglückwünscht der Vorsitzende Herrn Dr- Spitzer zu dieser Ernennung und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß er seilte ersprießliche Tätigkeit im Interesse eines gedeihlichen Religionsunterrichtes fortsetzen jverde. Herr Dr. Spitzer daitkt für das ihm durch den neuerlichen Vorschlag bewiesene Vertrauen und gibt einen Bericht über die Art seiner Tätigkeit im Bezirksschulräte. Der Bericht wird zur befriedigenden Kenntnis genommen. Im Einlaufe befindet sich tveiters ein Schreiben des Herrn Adolf Schrämet, in welchem derselbe erklärt, der Berufung zum Mitgliede des Bethausvorstandes Stadt und Leopoldstadt dankend Folge zu leisten. — Der an den Herrn Baron Albert von Rothschild zu erstattende Vorschlag betreffend die_ Verleihung der Anselm Freiherr von Rothschild'schen Waisenstiftung (21 Stiftplätze im Betrage von je Kr. 200.—) wird genehmigt. — Herr Architekt Max Fleischer referiert über die Durchführung der seinerzeit vom Bertreter-Köllegium beschlossenen Herstellung einer Anlage auf einem Teile des Währinger Friedhofes. Im Altschluß an dieses Referat bemerkt Vizepräsident Dr. Stern, daß die zu diesem Zwecke eingeleitete Sammlung bei Familien, von welchen Angehörige auf dem Währinger Friedhofe bestattet sind, eine Summe ergeben habe, durch welche die Kosten der bisher fertiggestellten Anlage gedeckt erscheitten. Die ErhaltiingSkosten der Anlage werden im Sinne einer diesbezüglichen Ermächtigung der Stiftungsbehörde aus den Zinseitüberschüssen einer GraberhaltungS-Stiftung gedeckt inerben. Nach längerer Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Steiner, Dr. Stern, Dp. Nappaport, Theodor Ritter v. Taussig und Baurat Stiaßnh beteiligten, tvird die bisher durchgeführte Herstellnng der Parkanlage, sowie die Art der Bedeckung der Kosten geitehtnigt, die Beschlußfassung über den iveiteren Modus ttach einem nenerlich durch den Vorstand vorzunehmenden Lokalaugenschein vertagt. — Herr Oberingenieur Arthur Edler von Mises referiert über einige vom Rabbinate in Vorschlag gebrachte A e n d e r u n g e n a d m i n i st r a t i v e r Natur i m 2 ch ä ch tw e s e n. Die Anträge werden nach einer Debatte, an welcher sich die Herren Eltbogen, Dr. Kohlt, Kauders und Hoffmann beteiligen, aitgenommen. Zur Amanuensis der Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde Wien wird der von den Experten primo loco in Vorschlag gebrachte Dr. Bernhard Wachsteilt bestellt. — Nach Erledigung von Steuer-Angelegenheiten wird die Sitzung um 9 Uhr abends geschlossen. Wien. (Verein jüdischer H a n d e l s a n g e st e l lt e r, 2. Bez., Stephaniestr. 8.) Samstag den 18. ds., um 8 Uhr Diskussioit über deit 3. Oesterreichischen Zionistentag, eiitgeleitet durch den Bericht unseres Delegierten Gesinnungsgenossen Moses Schmitt. Samstag den 1. August: Vorlesung des Dr. Kohn von Max Nordau. Negiebeitrag 20 Heller. Die Vorträge finden im Vereinslokal statt. Gäste willkommert. Wien. Die 6. ordentliche Generalversammlung des Allgemeinen jüdischen Arbeitervereines fand Samstag den 11. Juli statt. Der Obmann des Vereines Herr Nathait Groß erstattete den Bericht über die Tätigkeit des letzten halben Jahres. Ans dem Berichte ist die erfneuliche Tatsache zu konstatieren, daß der Verein immer im Wachsen begriffen ist. Wir iverden nur folgendes iviedergeben: Der Verein unterhält ein eigenes Lokal, ivo jeden Samstag Vorträge stattfinden, die viel dazu beitrageit, natiott a l e s und w i s s e tt s ch a f t l i ch e s I tt t c r c f f e bei seinen Mitgliedern zu wecken. Eine unentgeltliche Arbeitsvermittlung wurde iits Leben gerufen, durch welche mehrere jüdische Arbeitslose Beschäftigung sandelt. Allerdings — fugt der Bericht hinzu — konnten nicht alle Beiverber befriedigt iverden. Die Arbeitslosigkeit nahm ungeheure Dimensionen an und die Herren jüdischeit Arbeitgeber sind noch immer ihrem „liberalen" Prinzip: „Nur keine I n d e tt anstelle n" treu geblieben. In Zukunft muß gegen diese Charakterlosigkeit der „Glaubensgenossen" mit aller Macht aitgekämpft iverdeit. — Aus den iveiteren Bericht heben wir die Gründung der Gesangssektion hervor. Dieselbe bewährt sich unter Leituitg des Herrn Blaitit vorzüglich. Alt den Gesangsübutigen uahmen durchschnittlich 38 Mitglieder teil. Zwei gelungene Konzerte, die im Vereinslokale stattfandett, sittd auch hauptsächlich dieser Sektion zu verdanken. Die Eittführung der Arbeitslosenunterstützung nahm den Verein viel in Anspruch. ES wird Aufgabe der zukünftigen Leituitg sein, diesem Zweige die grösste Aufmerksamkeit zu schettkett. — In zionistischer Hinsicht war der Verein cifrigst tätig. Es sei vor allem btc Errichtung eines zionistis ch e tt B ii ch ervers ch l e i ß e S erwähnt. Der Verein organisierte zu diesem Zivecke ein Kolportagesystem und ivurde zu jeder zionistischen Versammlung in Wien und Umgebung ein Vereittskölportenr entsendet und sind dadurch tatsächlich eine große Anzahl von zionistischen Büchent und Broschüren abgesetzt wordetl. Für ben „Nationalfonds" wurde eisrigst gesammelt. Es sei hier nur folgende praktische Einrichtung wiedergegeben: nämlich: bei alleit Vereinsvorträgen tourden von den Teilnehmern je 2 Heller für den „Nationalfonds" eingehoben. Die Vereinsmitglieder zahlen den Schekel wie auch die Parteisteuer. . Alls dem Kassabericht, den der Kassier Samuel Jnslicht erstattete, ersehen wir, daß der Vereiit Einnahmen vott Kr. 730.80 und Ausgaben von Kr. 708.37 hatte, somit eilten lleberschuß von Kr. 21.93. Jnslicht, der die Leitung der Arbeitsvermittlung und ber' Kolportage über hatte, berichtet noch ausführlicher über dieselben und wurde dann auf Veranlassung des Herrn Hoffmann dem Ausschüsse daS Absolutorium erteilt. Die hierauf folgenden Nettwahlen ergaben folgendes Resultat:. Nathan Grpß, Obmann; Salomon Vrainin, Obmann-Stellvertreter; E, Hermann, 1. .Schriftführer; H. L. Teitelbanm, 2. Schriftführer; Samuel Jnslicht, Kassier; Gustav Kohn, Bibliothekar; E. Kutter, - Zeitungsrevisor; L. Bienenstock, Stern und Stein ohne Funktion; Goldfinger ltttb Berger, Kassarevisoren. Die für diese Versammlung eingesetzten Referate über den Zionistentag in Wien mußten der vorgerückten Stunde wegett auf eilt anderes Mal verschoben werden. - Rekurs gegen die Besetzung einer OberlehrerßteÜe. Die Oberlehrerstelle an der städtischen Volksschule Untere Augartenstraße 3 wurde, trotzdem die Majorität der Schüler israelitischer Konfession ist, einem Katholiken übertragen, und zwar ohne Ausschreibung. Der betreffende Oberlehrer wurde „aus Dienstesrücksichten" in kurzem Wege auf diese Stelle versetzt. Die Ausschreibung hätte schon vor einem Jahre erfolgen sollen, unterblieb aber. Der Vorstand der israk-litischen Kultusgemeinde hat nun diese Stellenbesetzung zum Gegenstand eines Rekurses gemacht. Bom alten Prager Jndenfriedhof. Auf dem Jahrhunderte hindurch stillen, der Moldau zugekehrten Teile des alten Judenfriedhofes herrscht gegenwärtig ein reges Leben. Die Fliederbäume sind bis in die Linie des angrenzenden Kunstgewerbemuseums abgeholzt. Am freien Platze sind zahlreiche Weiber mit dem Aüshacken des Gesträuches beschäftigt. Auf der dem Kunstgewerbemuseum und dem Johannisplatze zugekehrten Seite arbeiten über 50 Arbeiter an zwei parallelen, 4—5 Meter tiefen Quergraben. In den Wänden des Grabens tauchen ab und zu in tieferer oder höherer Lage Leichenreste auf, zumeist Beinknochen und Schädel, hier und da werden auch Kleiderreste gefunden. Die Schädel stad mitunter von abnormaler Größe; an einzelnen nimmt Dozent Dr. Matiezka Meffungen vor. Bei manchen Schädeln kommen Spuren von Haubendrahtgeflecht vor. Auch wurden bei den Grabungen zwei interessante Ringe vorgefunden. An den Grabungen in der Gräberpartie sind israelitische, an der Wegschaffung des Materials christliche Arbeiter beschäftigt. Die Leichen wurden ehemals im ursprünglichen Niveau bestattet. Als dieses überschritten war, wurden die Gräber mit einer neuen starken Erdschicht bedeckt und diese sodann zur Bestattung von neuen Leichen verwendet. Hierbei wurden die Grabsteine des alten Leichenfeldes ausgehoben und auf dem neuen aufgestellt. Dieser Vorgang wiederholte sich und daraus erklärt sich der Umstand, daß man die Leichenreste in verschiedenen Tiefen, die Grabsteine oben in Kreisen dicht aneinandergeschlossen findet. Die ausgegrabenen Gebeine werden in große, weiße Leintücher eingebunden und auf einer besonderen Stelle, dem sogenannten Kinderleichenkiügel desselben Friedhofes, bestattet. Es ist dies eine vier Meter hohe Erdaufschüttung in der Hahnpaßgasse, vor der Klaus- Synagoge innerhalb einer Mauereinfriedigung. In diese Erdaufschüttnng wurden bisher vier Meter tiefe Schächte gegraben und mit Brettern auch auf dem Boden verkleidet. In den ersten an die Synagoge anschließenden Schacht wurden bereits zahlreiche Menschengebeine versenkt. Unlängst fand die Bestattung einer zweiten Serie von Gebeiuen statt, welche die zweite Schicht bilden werden. Der Bestattung wohnte der Rabbiner Dr. E h r e n f e l d, der Vorstand des israelitischen Beerdigungs-

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