Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. Juli 19( 3 Nr. 29 Auf dem Gebiete des M a r a m a r o s e r K o m i t a t e s wohnen heute ungefähr 50.000 jüdische Seelen, welche 2Oo/g der rund 280.000 Seelen betragenden Gesamleinwohnec des Komitates ausmachen. Dieses auffallende Anwachsen der Juden vollzog sich in dem letzten Jahrhundert, denn noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts betrug die Zahl der Juden im Maramaroser Komitate nicht einmal den zehnten Teil der jetzigen Judenzahl. Diese rapide Zunahme hat unstreitig zum größten Teile die galizische Einwanderung verursacht; erleichtert und gefördert aber wurde sie durch den Umstand, daß sowohl die ärarischen, als die Gemeinde- und Privatwaldungen reichliche Gelegenheit zum Holzhandel boten. Das Aerar hat damals das beim Salztransporte nicht verwendete Holzmaterial auch noch in kleinen Mengen verkauft. Mit dem Holzhandel hatten sich ausschließlich Juden befaßt, die das Holzmaterial aus den reichhaltigen Waldungen in dem kapitalsarmenKomitate sicherlich zu sehr billigen Preisen erstanden, da wir damals noch kein ordentliches Forstgesetz besaßen, und das Gesetz vom Jahre 1870, welches kaum einige nennenswerte Verfügungen enthielt, von den Waldbesitzern selbst gerne umgangen wurde. Es war demnach Holzmaterial in reichlichem Maße vorhanden und sein Transport abwärts der Theiß, wo es dann im Kleinen verkauft wurde, bot eine lohnende Beschäftigung. Mit dem Fortschreiten der Landwirtschaft stieg auch der Wert des Holzes, und viele Juden beschäftigten sich mit dem Holzhandel längs der Theiß, in deren Dienste wieder eine noch größere Anzahl von Juden als Faktoren standen. Aber nicht der Holzhandel allein, sondern auch die Holzproduktion bot eine sichere Erwerbsquelle, da sie ständig eine große Anzahl von Arbeitern beschäftigte; die Holzfuhrleute und ihre Tiere mußten mit Nahrungsmitteln versehen werden, wobei sie — wie dies auch heute noch der Fall ist — auf den Handel angewiesen waren, da damals auf dem Gebiete des Komitates nicht einmal der vierte Teil dessen wuchs, was an Nahrungsmitteln konsumiert wurde (auch heute produziert das Komitat noch kaum die Hälfte des Konsums). Die wichtigsten Nahrungs¬ und Kleidungsartikel mußten von anderswo beschafft und den unter den Bergen in Hütten lebenden Arbeitern zur Verfügung gestellt werden. Diese Zustände bestehen zum großen Teile auch heute noch. bildet doch das rote oder weiße Zwilchtuch, aus welchem die Beinkleider und Röcken des Maramaroser Bauern-Arbeiters hergestellt werden, hier in der Maramaros, wo in den Bergen Hunderttausende von Schafen weiden, noch zur Hülste einen Importartikel. <L>te werden von den Siebenbürger Sacysen in Ragydiszuod angefertigt und von dort durch die Juden importiert. Die Eigentümer der über den Wäldern sich erstreckenden fetten Wiesen waren auch auf die Juden angewiesen. Diese pachteten die Wiesen, trieben im Frühjahr das allerorten zusammengekaufte magere Vieh hinauf, um es dann im Herbste vorzüglich gemästet auf den Viehmärkten von M.-Sziget und Tecsö den Fleischhauern der größeren Städte des Alföld, seit Eröffnung der Eisenbahnen sogar den Fleischern von Budapest und Wien zu verkaufen. Das in jener Gegend gemästete Vieh war stets ein sehr gesuchter Artikel und ist es auch heute noch. Diese Art des Handels bot nun mehreren, und zwar sowohl den kleinen als auch den größeren Kapitalisten guten Erwerb, da sich auch die kleinen Kapitalisten zusammentaten, um eine solche Weide zu pachten. Die in den Salzwerken und den damals noch bestandenen Eisenwerken beschäftigten Arbeiter hatten auch einen ständigen Erwerb, deren Bedarf aber im Wege des Handels beschafft werden mußte, mit einem Worte: dem Komitate als solchem, das einerseits den größten Teil seines Bedarfes aus den anderen Teilen des Landes beschaffen mußte und anderseits gezwungen war, seine eigenen Produkte in den anderen Teilen des Landes zu verwerten, bot sich ein großes Feld für den -Handel, wodurch die im benachbarten Galizien damals schon in übergroßer Zahl lebenden Juden sich herangezogen fühlten. Natürlich gehörte auch das Wirtshaus und, wozu es leugnen, auch der Wucher, als freie Beschäftigung zu den üblichen Existenzmitteln. Die Leute mit ihrem' damaligen engen geistigen Gesichtskreis erblickten im Wucher nichts Anstößiges, dachte doch die Gesetzgebung bis zum Jahre 1868 auch nicht anders. Die schon früher hier Angesiedelten haben gegen die galizische Einwanderung mehreremale Einsprache erhoben und auch das Komitat hat diesbezüglich Beschlüsse gefaßt und zur Verminderung der Einwanderung an der Grenze permanente Kommissäre aufgestellt. Diese Maßregel entfachte aber nur noch mehr die Luft zum Einwandern in das schon damals unvergleichlich freiere Land und hauptsächlich in das als Land der Verheißung ausgerufene Komitat Maramaros. So hat die Judenheit auf diesem Gebiete des Landes sowohl infolge der natürlichen Vermehrung als auch infolge der weiteren Einwanderungen aus der Bukowina und auch aus Rußland ständig zugenommen und der Zug nach Ungarn hat auch dann noch angehalten, als die für sie offen gestandenen Berufsarten schon längst überfüllt waren. Die ungeheuren Waldungen wurden allmählich abgeholzt, in Bezug auf die Verpachtung von Weiden hat das Aerar die Juden betreffend immer mehr einschränkende Maßregeln erlassen; es wurden allmählich auch den Wucher einschränkende Gesetze geschaffen, die Regalien konnten auch nicht mehr billig gepachtet werden, es erflossen strengere Waldgesetze, der Fiskus zentralisierte den Holzhandel in einem Unternehmen; in den Sechzigerjahren überließ er ihn einer steirischen, später einer Wiener, dann einer bayerischen Firma mit ausschließlichen Rechten. Jeder dieser Umstände schnitt den Juden ein immer größer werdendes Existenzgebiet ab und bald standen sie vor der betrüdenden Tatsache, daß die Erwerbsquellen zu wenig, sie selbst aber zu viel sind. Ihr materieller Wohlstand ist auf diese Weise seit Mitte der Siebzigerjahre entschieden im Untergange begriffen, so daß sie derzeit — die wenigen Ausnahmen können ja nicht in Betracht kommen — den materiell elendesten Teil des Komitas ausmachen. Das Verwandtschaftsgefühl offenbart sich bei den Juden stärker als bei vielen anderen Raffen. Hierin ist auch der Grund dafür zu suchen, daß die galizischen Einwanderer mit ihren zurückgebliebenen Verwandten ununterbrochen einen lebhaften Verkehr unterhielten. Sie bemühten sich, die galizischen Gebräuche auch in ihren neuen Wohnorten aufrechtzuerhalten, ihre in Galizien lebenden Verwandten hierher zu verheiraten, ihre Kultusgemeinden, Tempel und ihren Gsltesdienst nach dem Muster ihrer verlassenen Gemeinden einzurichten und es war gar nicht daran zu denken, daß sie ihre Rabbiner und Religionslehrer von anderswo beziehen als aus Galizien und waren darauf bedacht, daß sie ihre hierher verschlagenen Gläubigen vor der bereits bis an die Nachbargemeinden vorgedrungenen westlichen Kultur „bewahren". Dieser Umstand, daß sie in solch geschlossenen Reihen und in kurzen Intervallen in größeren Massen hereinkamen, ward das Unglück der Maramaroser Juden. Denn während an anderen Stellen unseres Vaterlandes und auch bei andören Nationen, die langsamere und in geringerem Maße erfolgte Einwanderung die Assimilation in Sprache. Sitten und Kulturneigungen zur Folge hatte, konnten auf diese große Masse, welche wie eine Niederlassung galizischer Juden hier weiterlebte, äußere Einflüsse keine Wirkung ausüben. Es ist aber auch wahr, daß sich auch diese äußeren Einflüsse nicht zeigten und solche Einwirkungen gar nicht vorhanden waren. (Fortsetzung folgt.) Der Stand des Kreditinstituts für jüdische Gewerbetreibende und Beamte (r. G. m. b. H.) Von Oberbuchhalter Em. Pollak. Die Schlußbilanz irgend eines auf Aktien gegründeten, also auf Gewinn berechneten Unternehmens, wird eine günstige genannt, wenn sie ansehnlichen Gewinn ausweist; sie wird anderenfalls ungünstig sein, unbekümmert darum, ob Aussichten auf Besserung der Verhältnisse für späterhin vorhanden sind oder nicht. Anders verhält es sich bei der Genossenschaft. Zwar wird auch hier der Nutzen nicht verschmäht, aber er bildet nicht immer und nicht überall die Hauptsache. In vielen Fällen mag es sich sogar gleich bleiben, ob irgend ein Reingewinn zur Verteilung gelangt oder nicht, wenn nur sonst das Interesse der Genossenschafter gewahrt wurde. So zum Beispiel wird es sich bei der Produktivgenossenschaft stets um Reingewinn handeln und gerade dann, wenn dieser ein ausgiebiger ist, war das Interesse der Genossenschafter am besten gewahrt. Nicht das Gleiche gilt für die Einkaufsgenossenschaft. Hier wird es sich entschieden weniger um Reingewinn handeln, wenn nur die Mitglieder im Lause des Jahres ihre Rohmaterialien zu möglich billigstem Preise beziehen konnten. Je mehr aber diesem Umstande Rechnung getragen wird, desto sicherer wird sich mit Ende des Jahres auf verhältnismäßig kleineren Gewinn schließen lassen. Eine solche Genossenschaft wird aber dennoch ihren Zweck besser erfüllen, als wenn sie, wie es nur zu oft der Fall ist, gerade bei dem schwächer situierten Mitgliede höhere Verkaufspreise herausschlägt, welche dann natürlich beim Gewinnausweise zum Ausdruck gelangen. Auf ähnlicher Grundlage beruht die Bilanz, beziehungsweise der in derselben ausgewiesene Reingewinn bei einer Kreditgenossenschaft. Hier kann unter Umständen der erzielte Reingewinn ein kleiner sein und die Bilanz dabei dennoch als eine verhältnismäßig günstige bezeichnet werden, wenn nur das Interesse der Gell ge Schrift. Ueber die griechische Aefthetik und Philosophie ist man schon weit hinausgegangen. Die römische Rechtsauffassung befriedigt das heutige Weltgewissen nimmer lange. Aber die jüdische Moral ist noch immer ein erstrebenswertes Endziel der fortschrittsllebenden Menschen. Im Mittelalter zeitigt die Hebräisch-arabische Wissenschaft einen M a j m v> n i d e s, den jüdischen Aristoteles. Die jüdische Bildung hält Einzug in Spanien, Südfrankreich, Italien. Jüdische Denker befassen sich mit Philosophie und Dichtkunst, sind zugleich Mediziner und Astronomen, häufig Minister und Diplomaten. So blüht weltliche Poesie neben religiöser jugendfrisch empor. Ihre Vertreter sind: Salamo ibn G a b i r o l, der erste Dichter des Weltschmerzes, und I e h u d a H a l e v i, eine wunderbare große Feuersäule des Gesanges, die der Schmerzenskarawane Israels voran gezogen! in 'der Wüste des Exils. Doch wuchert auch das Unkraut der Mystik recht üppig. Da geht eine neue Sonne der Judenheit in Holland ans. In B a r rr ch S p i n o z a findet die Philosoph i,e eineu ihrer glänzendsten Vertreter. Zu den Bewunderern und Anhängern des Diamantenschleifers gehören u. a. Goethe, Herder, Fichte und Hegel. Im achtzehntem Jahrhundert lebt und wirkt Lessings Freund, M o s e s M e n d e l s s o h n. Seit dieser Zeit datiert der Eintritt der Inden in das geistige und politische Leben der europäischen Völker, aber auch die unselige, krampfhafte A s s i nr i l a t i o n. Ergriff sie ja schon sogar die Spröstlinge des buckligen Kaufmanns und Philosophen! Ob er schuld daran war? Diese Frage verneint sein strenggläubiges Leben und seine Liebe znm Volke. Er hat nichts getan, als e i n F e n st e r geöffnet, mit einer weite,: Aussicht in eine unbekannte, lockende, r e i - z e n d s ch ö n e G egen d. Seine Volksgenossen, die bis dahin in Kellern dumpf gehaust, steckten neugierig die Köpfe zum Fenster hinaus. Frische, würzige Luft wehte sie an. Leben kam in ihre nu'idcn Glieder. Sie reckten und streckten sich. Bald lief Wohl der und jener ins Freie und tat einen Sprung auf Gostes lieber Erde, wie ihn Kinder, die man aus der Schule entläßt, zu tun pflegen. Es gab aber auch Böcke, die Seitenfprünge, und zwar ins nächstfließende T a u f w ä s s e 'U lein , machten. M enbels s o h u hat aber auch viel Positives geleistet, anregend und belebend gewirkt, Kultur geweckt und ucker den Inden verbreitet, das Interesse für weltliche Dinge, deutsche^Sprache, fremde Literatur, eigene Geschichte und schöne Poesie wachgernfen. Um diese Zeit regt! sich's und bewegt sich's im Judentum, frühlingsfroh und ahnungsvoll. Bald erwacht aus langem; Schlaf das Dornröschen der jüdischen Dichtkunst. Die Muse unseres Volkes, die einst dem königlichen Sänger die Harfe in die Hand gedrückt und die Saiten der Leier eines Jehuda Halevi zart tönen ließ, küßt dein jugendlichen H e i n e kosend die Stirn. Im rauschenden Haine der Dichtung schluchzen traurige Nachtigallen, tolle,r die leichtschüniuernden Elfchen, weinen bk duftenden Blumen, zittern die blassen Mondesstrahlen .... Die taufrische Poesie des Schir Ha Schiri,n feiert ihr frohes Auferstchungsfest! Leider ist Heine auch der Vater des frivolsten Witzes, vermengt mit ätzender Ironie und krankhafter, lvett schmerzlicher SelbstlvevspoltNng. Aber das ist aufs Kerbholz der Enttäuschung und Erbitterung der Judenheit zu schreiben. Die r e i z e n d s ch ö n e Gegen d, die von Ferne gelockt, war in der Nähe gran und beengend. Eine neue Sehnsucht zieht in die enttä u s ch t> c n G e m ü t e r. Der goldene Saum der Hoffnung schimmert so weit am umwölkten Horizont, wie Sonnenaufgangsröte. Drohend naht indessen die gewittersihwere Z e i t d er Tat heran. Ein großes Ringen geht Hu der Welt vor sich und die Juden sind nicht die letzten Streiter. Der goldene Streifenward zu in flammenden Kreis. Für sich erkämpften die Juden, im< Vereine mit den anderen, E m a n z i P a t i o n, K o n st i t u t i o n für die anderen. Daß Beides noch kaüne befriedigende Lösiing der Judenfrage war, hat sich bis dato oftlnals erwiesen. Die Sonne leuchtet wohl, doch wärmt sie uns Juden nicht. Ich meine die Sonne der neuen Freiheit. So ging uns wieder eine Hoffnung verloren. Unsere Seele bäumte sich welttrojtzend und Himmelstürmend ans. Doch halt! auch der S o z i a l i s m u s in der Judenfrage einschneidend gewirkt, der Sozialismus, den doch! jüdischer Geist in Deutsch«- land zur Blüte gebracht. Die Internat ton,a l e inuß aber Weichen. Auf der Basis der sozialistischen Weltanschauung luirb sich, dereinst jede Nation regenerieren und reorganisieren. Warum nicht auch! die jüdische? Hoffen wir es. Wir machten doch das Feld für die zukünftige Saat urbar. Von, uns hängt es mm ab, ob die Ernte auch nun für uns selbst eine ergiebige sein, wird .... Eine fröhliche Erntezeit auf geliebtem, heimatlichem Felde bei angenehm wärmendem Lächeln! der mütterlichen Sonne! Das dachten bei sich einige weitblickende Männer der Juden, die in der Selbsthilfe das Heil des Volkes sehen. Sie lwachten zur Reife einen traumhaft gehegten, sehnsüchtigen Gedanken ihrer Nation. Es entstand der moderne Z i o n i s m u s, der Zionismus der Politik und der Tat im Gegensätze zum früheren, im Volke schlummernden und zeitweise in einzelnen Pffadsucheru, deren Säule und Leuchte Smolensky gewesen, erwachenden Zionismus der Kolonisation und des Traumes. Das aufgerüttelte jüdische Volk wurde unruhig und ungeduldig gemacht. Ein, englischer Schriftsteller sieht in der Unzufriedenheit den, Ksiim des Lebens und Fort^- schrittes. Wir sind auch in so manchen Dingen aus eigenen Stücken zu, neuem Leben erwacht. Ich, erinnere au das Aufblühen einer j n n g j ü d i sch c n K n n st. Mer für die Wunden, die dem Volke indessen das hartgraufame Lebcn schlug, hatten weder die Zukunststräumer noch die Zukiinftspolitiker einen lindernden, wirksamen Balsam. Diesen suchten neu,e Männer in einer heilspendenden Gegenwartsaktion. Sie sehen, mit offenen, scharfen Augen dem Leben ins Antlitz und rechnen; mit der Möglichkeit. Sie sind noch jung, aber hoffnungsvoll, wie die Jugend. In Wien konzentrieren sie sich im I ü d i s ch an Volksverein. Ihr Programm umfasst a l l e Juden. Da niu'v ein Teil nach Palästina answandevn wird, und zwar ist gar zu ferner Zukunft, so nmß vor allein Lokal- und Gegenwartspolitik aufs Banner geschrieben werden. Wer recht