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Jüdisches Volksblatt · 1903-07-17 · 29 (17.7.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
29 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Lrd«tton: n/3. Lropoldsgaffe 49. GtzrschWmte»» Rn «ochentaaen turn 4 Bi» 6 llhr nachmittas». Mwq»e« «ol»»dlntt, »n«,. uL8. Bestktorrdr» «egm »rrspSteter oder gar nicht d. — Ml Avflellang eröiüen «ir «geNeM. an» dringend. - MmmMtSle »erbe» »tcht Woßspo««asien»ronto 8470S7. In da» Ubonnement kann «an täglich eintretm. Grslhemt jede» Freiillg «ntrr MirwtrKung der vom flartWpm Volk»- vrrrw rrwShttrn Prrssrommtfston. »Afttnle üvernehmm dt« Firme»: A. Lanneberg, vt. Duke», Hassen« ßei» * Vogler, «udolf Stoffe, «. Oppeltk. DL Pozsonyi, fL Schale» in «im. ferner alle Annonem-Srpeditionm iw Aurlande. Gi»zel.N««mer i» Wie» IS Heller« UdminNkrakion: H/3. Leopoldsgaffe 49. Telephou-Nr. 14VSS Nbottuemeutspreis r Telephon.Nr. 147SS Für «ien n. Oesterreich-Ungar« lamm: Franco,ustellung. Ganzjährig Halbjährig . vierteljährig. . Kr. 8.— " »i- Für baS gelammte AnSlan» sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. . 4.SV > . *as Ur. SS Wien, 17. Juli 1903 (SS. Thamu; S603). V. Jahrgang. Zwei Jubiläen. Wien, den 15. Juli. Am 13. d. M. waren gerade fünfundzwanzig Jahre verflossen, seit die Berliner K o n g r e ß a kt e unterzeichnet wurden. Dieses Jubiläum ist für uns Juden höchst bedeutungsvoll. Denn es ist zugleich das fünfundzwanzigste Jubiläum des Wortbruches und der Perfidie Rumäniens, das heute noch nicht sein am Kongresse gegebenes Wort eingelöst hat. Doch wir wollen nicht alte Wunden unnütz aufreißen; die rumänische Frage ist unter dem Eindrücke Kischenews in den Hintergrund gedrängt worden. Wir wollen uns anderen Reminiszenzen zuwenden, die dieses Jubiläum erweckt. An diesen Kongreß und an die durch ihn sanktionierte Okkupation Bosniens knüpft sich der Niedergang der deutschen Vorherrschaft in Oesterreich. Und es ist charakteristisch, daß man, zurückblickend auf diesen Wendepunkt und die neuesten Kundgebungen der deutschen Politiker betrachtend, ruhig sagen kann: Wieder ist die Zeit der „Herbstzeitlosen" angebrochen. Die Deutschen verstehen heute ebenso wenig, wie vor 25 Jahren die Zeichen der Zeit zu deuten. Die Deutschen haben in der langen, bitteren Zeit der Opposition nichts gelernt und nichts vergessen. Noch immer jagen sie vagen Phantomen nach, die jeden Tag eine andere Gestalt annehmen, aber nie verwirklicht werden. Sie schwanken stets zwischen schrankenlosen Siegeshoffnungen, die der nächste Tag Lügen straft und zwischen einer stumpfen Resignation, die einem alten Kulturvolke wahrlich nicht zur Ehre gereicht. Die anmutigen Episoden in diesem regelmäßigen Wechsel bilden die Kognak-Phantasien eines Schönerer und Schneider. Nicht zum Wenigsten haben die Juden die Kosten der politischen Unreife, der Unvernunft bezahlt. Zur Zeit der Verfassungstreuen gingen sie beinahe restlos in der „Vereinigten Linken" und in dem mit ihr verbündeten Polenklub auf. Mit dem Zusammenbruche dieser Koalition entstand in der österreichischen Judenschast eine Ziel- und Planlosigkeit, die bis heute noch nicht gewichen ist. Der Grund ist klar. Die Führer der Juden aus der „alten guten Zeit" besitzen noch heute die jüdischen Mandate. Die öffentlichen, politischen Mandate haben sie längst verloren. So zogen sie sich, indem sie gute Miene Feuilleton. Reife. Warte nur. Bis einst dein letztes Blühen verweht, Und deinen Händen die rächende Siegkraft genommen, Bis deines Herzens Träume in jedem „Zu spät" Zittern, dann wird der Erlöser dir kommen. In der goldenen Rüstung nicht, nicht mit geschliffenem Schwerte Hält er den Einzug; denn Frieden ziemt seinen Wegen. Nur seine Angen glühen verträumt noch im Segen, Wie wenn sein Wille dem Schicksal noch wehrte. Dann wirst du gläubig die Pfosten des Hauses küssen Siehe, dein Ang' wird die Grenzen des Lebens erkennen Sehnende Not, die du einsam hast tragen müssen, Wird einem Wachtfeuer gleich, durch die Nacht deines Lagers erbrennen. Wien. Ignaz K v h n. Betrachtungen aber Inden nnd Jndentnm. Es ist allgemein bekannt, wenn auch nicht immer anerkannt, daß am Kampfe um die höchsten Güter der Menschheit verhältnismäßig sehr viele jüdische Persönlichkeiten teilgenmmnen haben. Die lichtbringendon Ideen eines Moses, Spinoza, Marx sind heutzutage Gemeingut der meisten zivilisierten Völker. Der radikale Individualist könnte uns hier znmfen: Mit welchem Recht seid ihr, Juden, stolz aus diese Männer und schreibt ihr Einzelverdienst der gesamten Judenheit zu? Wir antworten: Jeder zum bösen Spiele machten, auf die jüdischen Ehrenstellen, die sie früher sehr gering geachtet halten, als Altersteil zurück. Diese „Ver-Führer" der Juden leiern noch immer die alten, abgedroschenen Phrasen von Liberalismus, Deutschtum und Fortschritt her und vertrösten die Inden auf eine messianische Zeit, in der wieder die Deutschliberalen ganz Oesterreich beglücken werden. Diese Zeit wird zwar niemals wiederkehren, aber ein großer Teil der Juden horcht noch immer ganz verzückt und hartnäckig aus die Ratschläge der Alten, deren ganzer politischer Befähigungsnachweis in einer ununterbrochenen Kette von Mißerfolgen besteht; es sei denn, daß sie die neueste Koalition des Deutschen, in der die Lex Herzog- Männer die überwiegende Majorität bilden, als einen politischen Erfolg ansehen. Die liberalen Tagesblätter ließen das Jubiläum des Berliner Kongresses vorüberstreichen ohne an den Wortbruch Rumäniens zu erinnern. Sie waren wahrscheinlich der Ansicht, daß es für die jüdischen Leser viel wichtiger sei, genaue Details in' hunderterlei Variationen über die Krankheit des Papstes und über die Papstmahl, zu erfahren. Sie verschwiegen auch den jüdischen Lesern, daß die Politik der Deutfchklerikalen noch freisinniger ist als die der patentierten Deutschfreiheitlichen. Von den Klerikalen erhob sich niemand für die Lex Herzog. Aber nicht nur in punkto Antisemitismus, auch in der Nationalitätenfrage sind die Klerikalen freisinniger als die Schoßkinder der freisinnigen Proffs. Dis gerechten Wünsche der verschiedenen Naljpnalitäten können bei den Klerikalen viel eher Unterstützung finden, als bei den Koalierten. Oesterreich verleugnet auch in dieser Frage nicht, daß es das Land der Unwahrscheinlichkeiten ist, denn es ist eine unleugbare Tatsache, daß die Reaktionären bei uns sowohl in der Judenals auch in der Nationalitätenfrage einen modernen entwicklungsgeschichtlichen, während die Freiheitlichen einen reaktionären Standpunkt in dieser Frage einnehmen. Aus alldem geht hervor, daß es höchste Zeit für die Juden ist, sich von der Herrschaft dieser freisinnigen Phrasenhelden zu emanzipieren, und sich selbst auf wirklich moderner Grundlage zu organisieren. Die Juden haben es in diesen fünfundzwanzig Jahren höchstens zu bescheidenen Ansätzen in dieser Richtung gebracht; vielleicht besinnen sie sich nun rasch des Besseren. einzelne der jüdischen Geistesheroen ist nur die spezielle Verkörperung dev Gesamtseele stiller «Nation. „Ein Herzschlag pulsiert im Leben aller." Auf diesen einen Herzschlag der Judenheit wollen will lauschen, indem mit uns in unsere Geschichte versenken. Aus jedem Ereignis, jeder Handlung, jeder Idee, die sie uns' verkündet, weht uns die jüdische! Volksseele mächtig erhebend entgegen. Liebe zu unserem Volkstum zieht in unser Gemüt. Wir atmen tiefer und freier, und stolz jauchzend rufen wir aus: Wir sind ein Volk des Lichtes! „Israeliten" ist unsere alte Bezeichnung, „Gottesstreiter" ist ihre Bedeutung. Begeistert, wäre man geneigt, einen Hymnus anzustunmen, da schleicht heran ein altes vergrämtes, liebbekanntes Wesen mit Furchen des Zweifels an der Stirn und seufzend läßt es sich also vernehmen: „War es wirklich L i ch t, was ich dev Welt gebracht? Werde ich also im Namen der von mir verkündeten Menschlichkeit gemartert?" Nein, mein Volk! Das Licht, das du einst anigezündet, haben die anderen durch die grausame Undankbarkeit gegen dich verdunkelt . . . . Du hast ihnen eine Weltanschauung gegeben, aus der sie sich die ihrigen zugefchnitieu. Sie haben es aber vergessen.-Sie warfen Steine in den Brunnen, aus dem sie ihr klarstes Wasser geschöpft. Sehen wir uns die j ü d i s ch e Weitaus ch a u - u n g näher an. Welches sind ihre charakteristischen Merkmale? Die höchste Sittlichkeit, bie „Vereinigung aller im Geiste" ist das Ideal, von dem unsere gottbegnadeten Propheten schwärmen und das die ersten unter unseren Lehrern predigen. Läßt sich nicht darauf die Begeisterung ftir dm Kvsmopolitismus, die der Jude später stets an den Tag gelegt, zunickführen? Und entspricht nicht diesem alten Prophetenideal das neue sozialistische? Verbrüderung der Menschen klingt an Vereinigung aller im Geiste an. Und wer lehrt die V erbrü d erun g? Männer, die dem Volke entstammen, das einen Moses der Welt geschenkt, einen M oses, dessen Gesetzgebung von fozibler Gerechtig- Die Judenfrage in Maramaros. (Kaffka kontra Egan) Zu den großen Errungenschaften der Regierung S z e l l - D a r a n y i gehörte auch das Aufrollen der sogenannten Rulhenensrage in den östlichen Grenzkomitaten. Zum Studimn dieser Frage wurde seinerzeit Ministerialsekretär Egan in die von Juden dicht bewohnte Gegend entsendet, der, wie lnkumi:, den Julenl'omii '»oi»,er Auftraggeber entsprechend, die Ursache des opungarischen Elends den dortigen Inden in die Schuhe schob und zur Sanierung desselben Repressalien gegen die Juden vorschlug. Bekannt ist auch, daß S zell undDaranyi diesen Vorschlägen Folge leisteteten, bis. dann der bis heute noch unaufgeklärte Tod des berüchtigten Regierungskommissärs es notwendig machte, dieReformfludien einem anderen Beamten zu übertragen. Als Nachfolger E ga ns wurde dann der Ministerialrat Ladislaus Kaff ka in die Gegend entsendender, unbekümmert um die im Ministerium herrschende Voreingenommenheit gegen die Juden und unbekümmert um die perfide Haltung der Neomagyaren ihren östlichen Brüdern gegenüber, es sich zur Aufgabe machte, die Lage mit unparteiischen Augen zu studieren. Die Erfolge seines Studiums hat nun K affk a in einem an die Regierung gerichteten Memorandum niedergelegt. Kaffka erblickt, im Gegensätze zu seinem Vorgänger Egan, in der ganzen Situation nicht eine N ü th o n a n f v a g s, fnnhmt eine I n b e n s raae. Die Juden leben in Elend, ihnen müsse geholfen werden, ihr Kulturniveau muß erhöht werden, wenn einer Katastrophe vorgebeugt werden soll. Kaffka beurteilt die Lage der Juden jedenfalls mit Wohlwollen, wenn er auch nicht immer die eigentlichen Ursachen des Jüdenelends erblickt. Charakteristisch ist, daß die ungarische Regierung, welche mit staunenswertem Eifer alle judenfeindlichen Berichte Egans der Öffentlichkeit übergab, dieses gegen die Juden freundlich gesinnte Memorandum unterdrückte.' Mit Recht behauptet „Magyar Estilapf dem wir den Wortlaut des Memorandums verdanken, daß Szell und Daranyi ihre Blamage mit der sogenannten ruthenischen Aktion sich einzugestehen schämten und außerdem den Zorn ihrer antisemitischen Freunde durch diese Publikation nicht auf sich laden wollten. In folgendem geben wir die wortgetreue Uebersetzung des nach jeder Richtung hochinteressanten Memorandums: keiit! geradezu trieft. Und ist es nicht die Judenheit, welche die selbstlose! Liebe in die Welt gesetzt? Wie man uns auch bedroht und bedrückt, gesteinigt und gepeinigt hat, wir wurden nicht hark und herzlos. Unsere Großen haben größtenteils für die Gesamtheit gestrebt imbi gelebt. Wir sind ein Volk des Mitleids/ vielleicht, weil wir ein Volk des Leidens sind. Lassalle und Marx littkn und! lstritten in der vordersten Reihe für die deutschjen, ja, für die gesamten Arbeitcrmassen. In ihren Herzen loderte eiill heiliges Feuer einer allumfassenden Liebe zur Ger >e; ch t! igkei t._ Ein jüdisches Erbstück. Ihr aufopferungsvolles Ringen kommt wenigstens mittelbar auch! den jüdischen.' Arbeitermassen mit dev Zeit zustatten, was man aber von dem Wirken jener Juden, die ihre Kräfte im Streite um das Wohlergehen anderer Nationen völlig, vergeuden, nicht immer behaupten kann. In fremden Lagern stehend, richten sie ihr Augenmerk aufs fremde Ziel und wollen nicht sehen, wie indes ihre eigenen Brüder, nach Licht und! Luft verschmachtend, schutzlos verkümmern. Aus dieser Klage folgt keiineswegs die Forderung, nichts für andere, alles für sich zu tun. Men kann und soll für sich und andere gleichzeitig wirken und schaffen. Eigneten sich die Juden doch endlich den kerngesunden Egoismus an, der Mark und Kraft verleiht und den Seelenadel nicht beeintirächtigt! A r b eiten w i r für n n s e r W o h l — und wir haben auch eine Wohltat der Welt erwiiesen. Das bisnun von uns im Dienste der Menschheit Vollbrachte hat eher fiir die anderen, als ftir uns Früchte getragen. Und Wenn uns welche zugefallcn sind, so waren es sicher die — h e r b st e n... . Unsere Geschichte ist eine Leidensgeschichte. Sie ist aber auch vorwiegend Kulturgeschichte, denn auf jedem, Gebiete menschlicher Tätigkeit waren die Juden kuliursüend wirksam. Uns verdankt die Welt! einen unvergleichlichen' Schatz, die h e i-! Verlanget in allen Lokalen das „Jüdische Volksblatt".!

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