Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432970-2432998--2017-2435837
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 10. Juli 1903 Nr. 28 verstehen, die sich in der Wiener antisemitischen Presse breit machen. In dasselbe Horm bläst auch der „Parlamentär", dessen Beziehungen zu der russischen Negierung zu offenkundig sind, als daß es sich verlohnte, dariiber ein Wort zu verlieren. Der „Parlamentär" droht nichts mehr mrd nichts weniger als ein allgemeines Mussacre in ganz Rußland au. Ivcnu die Juden nicht die Propagcnrda cinstellten. Er schreibt in seiner letzten Nummer: „Jsrnel-Jnda und das Slavenreich Carjs". Das tragische Schicksal des Hauses Israel und Jrrda ivirkt innner noch nach, und der „fluchbeladene ewige Jude", seit römischen Cäsarenzeitcn endgiltig Exulant, irrt in der Welt bis nun nervös herum. lieberall, besonders in den deutschen Kulturländern, verfchint, verfolgt, ausgewiescn, vertrieben, hat sich das Judentum in die slavischen Reiche: Böhmen und Polen geflüchtet. Bei der Revindikation der tvcst- und südrussischen Gebiete kam das Reich Carjs erst dazu, über sechs, heißt es, acht Millionen polnische Juden sind es, zu herrschen. Diese Juden hegen naturgemäß polrusche Sympathien, sind den auswärtigen r u s s e n f e i n d l i ch e n Einflüssen der Konnationalen und der übrigen Welt zugänglich und werden in der preußisch-deutschen Kriegspolitik als ein brauchbares, revolutionäres Element in Europa neben den Polen, Balten, Finnen und llkrainzcn registriert. Daraus entstand und daraus besteht der große politische Konflikt zwischen dem Reiche Carjs und der adoptierten polnischen Judenschaft, welcher außerhalb des Zarenreiches von allen Juden in allen Staaten und Neichen, auf allen Kontinenten und Inseln, jederzeit unbesehen und ungeprüft, allerorts unkritisch und unpolitisch, genährt tvird. Die Sache, die ucuestens diplomatisch und börsenmäßig verwertet iverden möchte, tvird gewissermaßen auch den Unwissenden verständlich, wenn darauf hingewiescn wird: daß auch die Juden in- und außerhalb der b ö h m i s ch e n und ungarischen Lande als die ärgsten Slave nsresser, als die fanatischen S l a v c n h a s s e r, als die eingefleischten deutschen und magyarischen C h a u v i n i st e n sich gebe r d e n, unbekümmert um alle brutalen, liberal ausgeteilten Fußtritte von Seite des deutschen und magyarischen a n t i s e m i t i s ch e n Größenwahns und eines konfessionell bemäntelten, a n t i t a l m u d i st i s ch verbrämten Rassenhasses gegen iic Orientalen, Asiaten, Semiten, und daß dieselben Juden den Elementarbegriff der Politik a u ß e r a ch t lassen, w o n a ch sie sich als Gäste inSlavenländern oder als Abkömmlinge aus den Slave n ländern anständig und dankbar zu benehmen hätten. In der Tat: wenn die Juden in ihren historischen Ghettos, in ihrer mittelalterlichen Gefangenschaft, aus alten Beinen und Fetzen ganze Brocken von Neugold zu fabrizieren gezwungen tvaren und diese nützliche Kunst natürlich weiter -gewerbsmäßig im modernen Leben verhandeln, so folgt noch nicht daraus, das; ihre deutschtiimclnden und ncmnagyarischen Talmud- Publizisten und Talmi-Politiker, obschon sie alltäglich eine Unsumme von Slavenhaß konsumieren und das gesamte öffentliche Leben vergiften, auch etwas von der politischen Kunst verstehen; denn, wäre dies der Fall, so würden sie, im Besitze von fünf Litern Judenblutes und nur eines Funkens alttestamentarischen Judencharakters per Judenkopf, nicht mutwillig anderthalbhundert Millionen Slaven heraus fordern, das wallachisch-beharabische Blutbad an zehn Millionen polnischen Judeu zu applizieren. Eine Judenschlacht in Slave nlanden aus politischen Gründen wäre in einem Nu fertig, und die Israeliten, die dafür in ihrer vorwitzigen Judenpresse agitieren, kamen weder nach P a l ä st i n a zuAlt-Sion, noch nach Nordamerika zu Neu-Sion: sie wären in ihrer Rasse und" Nationalmasse vernichtet im Slavenreiche Carjs. Das wäre ein'Kurssturz! Das dürfte unbedingt 'geschehen, wenn die Schmarotzer und Schmöcke, die dem Judentum nur Schande und den Israeliten nur Schaden zufügcn, die Oberhand behielten, welche den, ohnehin gegen " Carj und dessen Reich wie Negierung wenig dankbaren Acmkees einflüstern, sich wie in die inneren spanischen oder chinesischen, so auch russischen Verhältnisse hineinzumischen. ' Bevor diesfalls die nordamerikanischen Schiffe im Namen der occidentalen arischen Zivilisation nach Port-Arthur, die englischen Fahrzeuge nach Sebaswpol, die preußischen Regimenter gegen St. Petersburg abkommandiert wäre::, dürfte die Diplomatie Carjs die Eindringlinge nicht nach der Legitimation zur Intervention für eine orientalische semitische Judenschaft, sondern nach etwas anderem fragen: was die Aankees mit dm chamitisch-afrikmnschen Neger-Exulanten, mit den Malaien auf den'Philippinen; tvas die Engländer mit katholisch-arischen Iren, mit protestantisch-arischen Buren; was die Preußen mit katholisch-arischen Polen angestellt haben. Nach diesem zeitgemäßen diplomatischen Eingriff in die inneren Verhältnisse Nordamerikas, Großbritanniens, Preußen-Deutschlands und bevor noch die germanischen Judenschutzschiffe Roosevelts, Wilhelms und Eduards in die russischen Geivässer cinliefen, wäre die große 'Judenschlacht schon geschlagen: die russische Nation hätte diesfalls längst schon einen kurzen P rozetz mit d e n Urhebern der Einmischung, mit den polnischen I u d e n g e m a ch t, die Israeliten kämen weder in eine Gefangenschaft nach Sibirien, wie anno dazumal nach Aegypten, Assyrien, ''Babylonien, noch in ein römisches Exil zu den Türken oder Dankees, sondern in ein Massengrab. Und in dem Augenblick, da die Russen die polnischen Juden harten sollten, wären alle übrigen Slaven "gleich dabei, auch ihre teutschtümelnden und neumagyarischen Judeu zu'hauen, die ägyptischen Plagen träfen diesmal das .Haus Israel und'Juda blutig, und dann mögen die nichterschlagenen geflüchteten Israeliten und Juden den Troß ihrer sehr gescheiten, hoch eingebildeten Stürmer und Dränger in der' Publizistik rtnd Politik, alle wie Stürmer und Patzer in der Diplomatie befragen, tvas diese zu der '„Menschlichkeit", „Zivilisation", „Kultur" beigetragen haben, wenn alle Juden und alle Israeliten durch einen nordmnerikanischen .Holländer, Roosevelt, im kritischen Zustande dessen zufälliger Präsidentschaftskandidatur in der Rolle des' Puppenkörügs mit dem Sack voll Phrasen gerettet zu sein glauben sollen. Die Judenrettung wider die Slavengcfahr mag der gennanischen Sippe behagen. Aber die Sa ch l a g e der polnischen Juden in den russischen Gubernien wird durch diese von der jüdischen Emigration bei Haaren hcrbeigezogene Intervention des Auslandes, eines ephemäreu, nur durch einen zufälligen Mordakt aufgekommcnen Republik-Präsidenten, nur noch schlimmer. Wir versichern dem Parlamentär und seinem russischen Auftraggeber, daß die Juden sich durch solche gemeine, „rechtgläubige" Drohungen nicht in der Verbreitung der Wahrheit über Rußland tvcrdcn abschreckeu lassen. Wir ersuchen insbesondere die jüdische Presse in Amerika, diese Nichtswürdigkeiten der russischen Regierung niedriger zu hängen. Rußland ist auf die Anleihen bei jüdischen Kapitalisten angewiesen. Rumänien kann eventuell bei seinem kleinen Budget durch innere Ersparungen das Gleichgewicht Herstellen. Das ist bei dem russischen Riesenbudgct unmöglich; es sei denn, daß Rußland auf seine Großmachtstellung verzichtet. Will es das nicht, so wird Rußland wohl oder übel Rücksicht auf das jüdische Kapital nehmen müssen. Die „Woche" schreibt: In der „Times" war kürzlich ein Telegramm des russischen Ministers des Innern, Herrn v. Plehwe, eu. den englischen Unterstaatssekretär des Aeuhern zu lesen, welches eine Rechtfertigung vor der europäischen öffentlichen Meinung darstcllen sollte. Es wäre müßig, den geradezu kiudlichen Inhalt dieser Depesche Imsereu Lesern zu wiederholen, welche die Natur derartiger Scheingründe und leeren Ausflüchte, wie sie in solchen Fällen stets zur Hand sind, aus unseren Ausführungen in der „Woche" vom 1. Juni genügend kennen und auch würdigen gelernt haben. Erinnern wir uns recht, so konstatiert der Kommentar des City-Wcltblattes einen flagranten Widerspruch; er sagt, v. Plehwe habe nach der Katastrophe den bedingten und vorsichtigen Gebrauch Von Feuerwaffen bei Vorfällen im Kischenewer Stile Wohl nur deshalb gestattet, weil er ihn vor der Katastrophe offenbar untersagt habe. Wir fügen der schneidenden Ironie des Briten das Wort des deutschen Dichters bei, die Heuchelei sei der Tribut, welchen das Laster der Tugend zolle. — Der Zar hat Worte der tiefsten Entrüstung über die Mordgesellcn in Belgrad — über die scheußlichsten Untaten an Tausenden seiner eigenen Untertanen ist bis heute noch nicht eine Silbe in die Oeffentlichkeit gedrungen! Auch vom Rücktritt v. Plehwes ist es wieder stille geworden! Die exemplarische Bestrafung der serbischen Mörder wird am heftigsten in Rußland gefordert. Was geschah jedoch mit den russischen Mördern? Die Mehrzahl der Angeklagten — und angeklagt wurden ja doch bloß die auf frischer Tat Ertappten oder die sonst notorischen Missetäter — wurde freigesprochen; eine kleine Zahl wurde zu mehr oder minder geringen Freiheitsstrafen verurteilt. Die in der v. Plehwe'schen Depesche behauptete Verschickung von Schuldigen in die sibirischen Bergwerke erweist sich als krasse Unwahrheit. Die blutigen Ereignisse in Belgrad haben, wenigstens in Mitteleuropa, das Interesse für das Schicksal der unglücklichen Juden in Rußland zum guten Teile verdrängt. In Großbritannien und in Nordamerika hat die Agitation gegen die russische Barbarei keinen Augenblick geruht. In allen großen Städten Englands und der Union finden unausgesetzt Meetings statt, in welchen darüber beraten tmd beschlossen wird, wie man Rußland am empfindlichsten demonstrieren kann, daß es fortwährende Verbrechen an der Majestät der Kulturmenschheit nicht ungestraft begangen haben wird. Alles ist darin einig, daß einem Staate und einer Regierung, welche keine Treue und' keinen Gläüüeü kennt, auch Treue und Glaube versagt werden müssen, daß Rußland keinen Kredit verdient und ihm also solcher auch heute nicht gewährt werden darf. Von dieser Seite droht demnach Rußland ein wirtschaftlicher und finanzieller Boykott! Die letzten bekanntgewordenen Aeußerungen v. Plehwe» über die russische Judenfrage lauten bereits ohne jegliche Schminke dahin, daß, wenn die Juden ihrer Ausrottung entgehen wollen, sie nichts besseres tun könnten, als Rußland zu verlassen. Die jüdische Jugend sei samt und sonders revolutionär und verbreite das zersetzende Gift über alle Volksschichten. Es sei also quasi ein Gebot der Selbsterhaltung des russischen Staates, sich solcher Schädlinge um jeden Preis zu entledigen. Wir wollen mit Herrn v. Plehwe nicht darüber rechten, tvie traurig es um die Festigkeit, ja um die Bestandfähigkeit Rußlands aussehen mitß, wenn ein Zwanzigstel seiner Bevölkerung cs Umstürzen könnte. Wir wollen auch darüber schweigen, welches Armutszeugnis die russische Staatskunst, die russische Verwaltung und die „russische' .Kultur" sich selbst damit ausstellen. Wir wollen bloß nach der von uns bereits augewendeten ökonomisch-statistischen Methode untersuchen, welchen praktischen Erfolg Rußland mit der von v. Plehwe als' einziges Mittel gegen die „I li b e n n o t" empfohlenen Politik erzielen würde. Rußland! zählt zum Mindesten 6 Millionen jüdischer Einwohner. Mit Bej rufung auf den Ausspruch des verewigten Erzherzog Rudolf, das kostbarste Kapital des Staates sei der Mensch, beziffern wir ben; Kapitalswert der jüdischen Menschen in Rußland durchschnittlich auf nur 5000 Francs pro Kops, das sind 30 Milliarden Francs. Der Konsumwert auf 10 Prozent davon veranschlagt (das heißt auf 500 Francs pro Kopf), kommt einem jährlichen Umsätze von drei Milliarden Francs gleich. Anders bezeichnet, ist zu konstatieren, daß bei Verwirklichung des v. Plehwe'schen Ideals, die Ausrottung oder Austreibung der sechs Millionen Juden aus Rußland . — wenn sic sich erreichen ließe — einen Verlust für. das russische Volksvermögen von dreißig Milliarden Francs bedeuten würde, womit auch der russischen Volkswirtschaft jährlich ein Manko von drei Milliarden Francs erwachsen mühte. _ Nun repräsentieren die sechs Millionen russischer Juden ziffernmäßig freilich nur 6 Prozent der Gesamtbevölkerung des Reiches. Intellektuell und wirtschaftlich sind sie jedoch im Verhältnis weit höher zu schätzen, sagen wir, ganz' gering gerechnet, sie wären bloß auf 10 Prozent des gesamten Organismus der russischen Volkswirtschaft zu iverten. Wenn rin Zehntel der Produzenten und Konsumenten, ein Zehntel der Käufer und Verkäufer in einem gegebenen Volkstum wegfällt, so überlassen tvir es der im Finanzministerium fungierenden Abteilung, die Entwertung aller Güter auszurechnen, welche daraus entstehen muß. Ohne weitere Ziffern ist es der blanke Staats¬ und Volksbankerott, welcher sich unweigerlich ergeben wird. Der Untergang Rußlands als Weltmacht wäre besiegelt! Ob die nichtrüssische Welt und nicht am wenigsten die Russen selbst, darüber zu trauern Ursache hätten oder tatsächlich tun tvürdeu, ist eine Frage, die sich solchen Regenten des russischen Schicksals gegenüber von selbst beantwortet. InIckÄd. Bezirkskommission für den 2. upd 2Y. Bezirk. Am 2. ds. fand im Sitzungssaale. der Israelitischen Kultusgemeinde eine Sitzung der Bezirkskömmission des 2. und 20. Bezirkes statt, welcher der Obmann der Kommission Herr Adolf Schramek präsidierte. Auf der Tagesordnung stand: Die Notwendigkeit der Bestellung eines Gemeinde-Rabbiners für den 20. Bezirk, Brigittenau. Herr Heinrich'Weiner lettete die Debatte ein, indem er darauf hinwies, daß die Jobl. Ku'lütsgemeinde in'allen Fällen, wo die'Hilfe der Muttecgemeinde erforderlich war, der Brigittenau hilfreich zur Seite stand und betonte namentlich, als dem Brigittenauer Tempelverein nach Fertigstellung des Tempels die Belehnung versagt wurde, die loyale , Gewährung eines bedeckten namhaften Kredits. Für diese von der 'Gemeinde erhaltenen Wohltaten seien die Mitglieder des Brigittenauer Tempelvereines gewiß sehr dankbar, aber cs muß doch dabei berücksichtigt werden, daß die Brigittenau heute einer der, mit Glaubensgenossen meist bevölkerten Bezirke ist, indem daselbst nahe an 13 000 Juden wohnen, und daß davon zumindest 11 000 der armen > lchd ärmsten Klasse angehören. Dieser Umstand allein spricht schon ' für sich, daß die löbliche Kultusgcmcindc in Ansehung der Verhältnisse iveitgehende Konzessionen machen sollte; andererseits ist der Brigittenauer Tempelverein gewiß bemüht, dem löbl. Vorstande der Kultusgcmeinde die Last bedeutend zu erleichtern, denn dieser Verein sorgt für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse im Bezirke im vollen Umfange und wenn der Verein seit Heuer von der löbl. Kuk- , tusgcmeinde eine Subvention von 2000 Kronen auch bekommt, fo reicht diese kaum aus, um die Zinsen und Annuitäten des erhaltenen Darlehens zu bestreiten. Es ist selbstverständlich, daß zu« Abhaltung eines würdigen Gottesdienstes, die Anwesenheit eines Rabbiners eine unbedingte Notwendigkeit ist, einen solchen zu erhalten sei jedoch der Brigittenauer Tempelverein bei seinen jetzigen Einnahmen nicht imstande. Er bittet daher, die löbl. Bezibkskommission möge sich dieser Argumentation nicht verschließen und möge, beschließen: Es sei dem löblichen Kultusvorstande dringend zu empfehlen, für den Brigittenauer Tempel elnen Gemeinde- Rabbiner zu bestellen. Vertrauensmann Herr Voskowitz sagt: E« anerkenne die Verdienste der Herren in der Brigittenau, namentlich bic Leistungen des Tempelvereinsvorstandes, müsse sich jedoch im Prinzipe . gegen jede Mehrbelastung der Kulüisgemeinde aussprcchen, infolange nicht die Arinen-Angelegenheiten der Gemeinde geordnet erscheinen; im übrigen mögen die Brigittenauer es ruhig dem Ermessen des Vorstandes der Kultusgemeinde überlassen, der loyal genug ist, um einzusehen, wenn das Bedürfnis eines Rabbiners für^ diesen Bezirk eine dringende Notwendigkeit ist. Herr Doktor Rosenthal polemisiert gegen den Vorredner und meint, die Wichtigkeit der Aufnahme eines Rabbiners für die Brigittenau könne nicht abgesprochen werden. Es spreche schon der Umstand der großen jüdischen Bevölkcrungszahl dafür. Es läßt sich diese Angelegenheit absolut nicht mit der Armen-Angelegenheit der Kultusgemeinde verquicken. Er setze zwar in die Loyalität des löbl. Kultusvorstandes das größte Vertrauen, müsse jedoch bemerken, daß ein Gesuch des Brigittenauer Tempelvereines seit Jahresfrist diesem löblichen Vorstande mit voller und eingehender Motivierung unterbreitet wurde, dasselbe jedoch bis heute weder einer Erledigung teilhaftig, noch einer Beantwortung gewürdigt worden ist. Er müsse die Herren bitten, dieser Angelegenheit volle Aufmerksamkeit zu schenken und ernstlich zu beurteilen, ob in einem Bezirke, wo 13 000 jüdische Seelen wohnen, wo alle Samstage Konfirmationen, alle Sonntage Trauungen stattfinden, die Bestellung eines Rabbiners eine Not-. Wendigkeit sei und ersuche daher, die löbl. Bezirks-Kommission möge daher ihr Votum durch einhellige Annahme der vorbereiteten Resolution zum Ausdrucke bringen. Es ergreift sonach das Wort Herr David Pollatschek und führt aus: Es sei stets der Stolz der Brigittenauer Tempelvereinsvertretung gewesen, sich selbst zu erhalten und die Muttergemeinde so wenig als nur möglich in Anspruch zu nehmen. Der Beweis hierfür sei der Umstand, daß die Subvention bis zum heurigen Jahre bloß 1000 Kronen betrug und seit heuer erst verdoppelt wurde. Die Verwendung dieser Subvention wurde bereits von einem Herrn Vorredner erörtert und auch der Umstand, daß der Verein keine materielle Hilfe mit derselben hat. Nichtsdestoweniger hat der Tempelverein für die Erhaltung des Tempels und seiner Angestellten ein jährliches Ausgabenbudget von annähernd 20 000 Kronen zu bestreiten und wenn bei dieser Gelegenheit ausgeführt wird, daß der Verein, der nur etwas über 800 Mitglieder zählt, für die'religiösen Bedürfnisse von 13 .'..aj' Seelen zu sorgen hat, so sei schon der Beweis erbracht, daß erstens die größte Anzahl der in der Brigittenau lebenden Juden der ärmsten Klasse angehört, also nicht unterstützungsfähig,. sondern vielmehr unterstützungsbedürftig ist und zweitens, das; die kleine Anzahl der Mitglieder durch Mitgliedsbeiträge und Tempelspenden . zu solchen Opfern herangezogen werden, um die laufenden Ausgaben bestreiten zu können. Der Verein habe daher eine be-! deutende Last von der Mnttergemeinde abgewälzt und auf die eigenen Schultern geladen. Dies möge der löbl. Kultusvorstand gefälligst anerkennen und auch die Notwendigkeit, daß in der Brigittenau ein Rabbiner ein immenses Bedürfnis ist; denn nahezu 1800 jüdische schulbesuchende Kinder stehen ohne jede geistliche Belehrung da und daß dies bei der heutigen mangelhaften häuslich religiösen Erziehung für die Heranwachsende Jugend von großem Nachteile ist, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Nachdem noch Redner an der Hand des vorjährigen Rechenschaftsberichtes des Brigittenauer Tempelvereines die Unmöglichkeit klar legt, aus eige- . neu Mitteln einen Rabbiner zu erhalten, bittet er, die löbl. Bezirks- Kommission möge die diesbezüglichen Wünsche des 20. Bezirkes unterstützen. Es sprechen hierzu noch die Herren Regicrungsrat Dr. Schlag und Jakob Ripper, die sich in sehr warmen Worten dieser "Sache annehmen, worauf die diesbezüglich vorbereitete Resolution, wonach die löbl. Kultusgemeinde dringend ersucht wird, für die Brigittenau einen Gemeinde-Rabbiner zu bestellen, einhellig angenommen wurde. Es folgt hierauf eine Eingabe des Vereines „Schomer Hadaat" um Bewilligung der Abhaltung eines täglichen; Gottesdienstes in einem Pavterre-Gcrssenlokale in der Ob. Donaustraße, wogegen sich die Bezirkskommission, als unstatthaft.. ausgesprochen hat. Vereinigung jüdischer Hochschüler and den südslavischen Ländern „Bar Giora" in Wien. Die Ferialleitung des Vereines jüdischer Hochschülcr aus den südslavischen Ländern „Bar Giova" hat jur. Max Lederer, Wien, 8. Bez., Schlösselgasse 18, 3. Stock, T. .18, übernommen. Wien. Der humanitäre Kranken-Unterstützungsverein „Treue Brüder" hat in der jüngsten Mona'tssitzung einige Gesuche nach Maßgabe seiner Kräfte günstig erledigt, darunter mit Beträgen von 30 Kr. und über Antrag des Obmannes Herrn Jakob BlumeNMrtcn den Beschluß gefaßt, ein Betlokal zu errichten, zu welchem Zwecke sicherlich milde Beiträge fließen werden. Wien. Der Verein „Mechisch Joschua" vollzog am vorigen Samstag die Einweihung seines Vetlokales in der .Josefinengasse bei großer Beteiligung von Mitgliedern und Freunden-. Die liturgische Funktion versah Kantor Roman mit dem Chor des Tempels in der Klucky-Gasse, in besonders begeisternder Weise und die Festrede hielt Rabb. Dr. K a m i n k a mit bekannter Meisterschaft. Möge der rührige Verein in seinem neuen Heim wachsen und gedeihen! Vereine jüdischer jugendlicher Arbeiter Wiens (BergnügungSkömitee). Seit noch nicht langer Zeit besteht unter den Mitgliedern dieser Vereine eine Theatersektion, die bereits einige Proben ihrer vorzüglichen Leistungen abgelegt hat. Die Mitgliedszahl dieser Sektion ist eine ziemlich große (an Herren) jedoch mangelt tzssth« au Damen. Es Iverden daher diejenigen Damen, die ihr schartspielerisches Talent beriverten wollen, höfl. gebeten, der Theater- Sektion beizutreten und bei deren Veranstaltungen gefl. ‘ mitzuwirken. Das Vergnügungs-Komitee dieser Vereine glaubt nicht.vergebens, auf. die Güte unserer GesinnmigSgenosfinnen zu appellieren und bittet die Damen, ihre werte Adresse an .den Obmarin Herrn Rudolf Roseuthal, Wien 20. Bez., Traunfelsgasse 7, gefl. etnzusenden. ' Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter ),BÜgittena«". . Die zlveite otdentliche Generalversammlung dieses Vereines findet Sonntag den 12. Juli 1003 im Vereinsheim (Cafe Kämpf, 80. Bez..

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.