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Jüdisches Volksblatt · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 10. Juli 1903 Seite 3 darüber auszusprechen, ob Herr Ma y e r s o h n wirklich die gecignete Person war, die Schacht erfrage (nicht die Schächtfrage) ZN lösen. Die Schächterfragc ist eine rituelle und soziale zugleich. Soll der rituelle Wert des Schnchtens nicht vollständig verloren gehen, so muß dafür gesorgt werden, das; der Schächter — dieses eigentlich vermittelnde Exekntivorgan zwischen Religion und strcrrgglänbiger Familie — sorgenlos, ausschließlich seinem heiligen Berufe leben können; der dem Ritus innewohnende Gedanke darf nicht durch die Sorge nach fehlendem Brot, fehlender Miete us>v. niedergedrückt und zunichte gemacht werden. Herr Rabbiner Mayersohn tveis; es ja von sich selbst, Ivas das bedeutet, wenn man mit feinem Gehalt nicht anskommen kann .... Wie hat aber der Knltnsvorstand diese für ihn angeblich so wichtige Frage gelost? Er hat einfach den Schächtern das Schächtgeschäft iveggenommen, hat ihnen ganz willkürlich die Gehälter diktiert und die schärfsten Maßnahmen gegcir die Annahme von Geschenken jeder Art statuiert. Wie willkürlich, unsozial und planlos die zivischen 11OO—2(J0ü Kronen variierenden Gehälter bemessen wurden, soll an einigen Beispielen nachgetviesen iverden. Es wurde» siebzigjährige Leute, die kaum mehr die zürn Schächten erforderliche sichere Hand haben, anstatt mit entsprechender Pension in den toohlverdienten Ruhestand versetzt zu Iverden, mit verhältnismäßig hohem Gehalt in ihrer Tätigkeit belassen, tvährend jüngere, arbeitsfähige Familienväter mit einem Hungerlohne von 1000 bns 1200 Kronen bedacht Ivurden. Charakteristisch für die rückständige Auffassung des^Kultusvorstandes ist es auch, das; bei Bemessung der einzelnen (Behälter auch der Umstand maßgebend war, ob der Betreffende schon erlverbsfähige oder erwerbende Kinder hat. In diesern Falle wurde ihm ein geringeres Gehalt zugedacht. Ja, seit wann sind denn die Kinder eines Arbeiters da, um durch ihre Arbeit den Arbeitgeber von seiner Pflicht seinem eigenen Arbeiter gegenüber ganz oder teillveise zu entheben? Nach dieser Theorie würde mit der Steigerung des Erwerbes der Kinder eines Kultusbeamten das Gehalt des letzteren immer geringer Iverden, ja eventuell sogar einmal ganz aufhören I .... Wir wollen hier auf die verschiedenen Protektionsstückchen nicht weiter eingeheu. Es sei hier nur noch der unglaubliche Zu- ' stand erwähnt, daß alle diese Schächter seit Ende 1900 reell für die Wiener Kultusgemeinde Dienste versehen, aber nicht die Benefizien der Beamten der Kultusgemeinde erhalten. Ihre Zukunft ist nicht gesichert, sie schlvcben in steter Unsicherheit imb können — rechtlich — jeden Moment an die Luft gesetzt werden, ohne das Gewerbe, das ihnen weggenommen wurde, ausüben zu dürfen. Der rechtliche Standpunkt Ivird durch den Knltnsvorstand für alle Streitfälle auch dadurch gewahrt, daß die Schächter, als nicht zum Status der Knltnsbeamten gehörend, in den Kultusbndgets nicht nominell angeführt werden und ihre Bezüge in einer Pauschalsunnne für das Schlachtivesen ausgelviesen erscheinen. Das ist, meine Herren, ein unerhörter, einer Wiener Knltnsgemeinde unlvürdiger ZustandI Entweder oderl Eutlveder gilt Ihnen das Schächten als integrierender Teil des jüdischen Ritus — und das ist eS ja! — so haben Sie die Pflicht, die ausübenden Organe dieses Ritus zumindest Ihren Steucrbeamten gleichzustellen. Sind Sie aber anderer Ansicht — und neun Zehntel des Kultusvorstandes dürften es ja auch sein — dann spielen Sie nicht Kultusvorstand, der „um des Kultus und Ritus wegen da ist". Wenn aber der Kultnsvorstand mit seinen für die rituellen rmd kulturellen Bedürfnisse der Mitglieder bestellten Organen so verfährt, wie sollen wir uns wundern, daß Bethausvereine diesem Beispiele folgen. Wen kann da der erst vor kurzem in Döbling sich Zugetragene Fall noch Ivundern? Er ist zu haarsträubend und zeigt zu sehr, Ivie sehr der jetzigen Wirtschaft eine soziale Injektion nottut, als daß wir ihn verschweigen könnten. Beim D ö b l i n g e r B e t h a u s v e r c i n war seit siebenu n d d r e i ß i g Ja h r e n Herr G r. als Kantor angestcllt. Er versah seine Funktionen — was ja auch die lange Dauer seiner Amtstätigkeit bekundet — stets zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzte,! und ist auch jetzt noch rüstig genug, seinen Dienst zu versehen. Am Vorabende des letzten Versöhnungstages erhält er die amtliche Mitteilung, daß sich der Bethausverein auflösen Ivcrde und er daher mit Ende des Jahres brotlos sei. Auf diese ganz unjüdische Weise Ivird ein jüdischer Kultusbeamter nach siebenunddreißigjähriger Tätigkeit, nachdem er seine besten Kräfte im Dienste des Kultus aufgezehrt hatte, kurzerhand der Verzweiflung ausgeliefert. Das ist einfach haarsträubendI Wir ivollen in diesem speziellen Falle gar nicht davon sprechen, daß die angebliche Auflösung des Bethausvereines nur ein nichtiger Vorlvand zu sein scheint, um sich den Verpflichtungen dem Angestellten gegenüber mit scheinbarem Rechte entschlagen zu können, aber ivir fragen: Wie kann der Kultusvorstand, der ja gewissermaßen die Kontrollbehörde der Bethausvereine ist, es dulden, daß durch die Behandlung der Kultusorgane wie vogelfreie Parias der Kultus selbst, der doch der Hauptzweck der Kultusgemeinde sein soll, entwürdigt werde? Wir fordern, daß derjenige, der sich dem Kultusdienste widmet und seinen Beruf auch ausfüllt, ein menschenwürdiges Dasein friste und wenigstens nicht um seine Zukunft besorgt sein müsse. Es darf nicht geduldet werden, daß es Kultusangestellte gebe, die wohl sehr viel arbeiten und sehr schlecht bezahlt werden, dafür aber das wenige — nicht sicher haben. Zettimgsschau. Die in Wien erscheinende „Ruthenische Revue" schreibt: Rxempla tralumt. Es wird oft als ein charakteristisches Merkmal der Politik des polnischen Adels hervorgehoben, daß dieser Adel gar nichts gelernt und nichts vergessen habe. Es ist dem nun nicht immer so. Die jüngsten Vorgänge in Ostgalizicn beweisen, daß der polnische Adel, vulgo Schlachta, doch imstande sei, ein gutes Beispiel nachzuahmen. In den letzten Tagen brachten einige ruthenische Blätter frappierende Nachrichten aus Ostgalizicn, daß in manchen Bezirken eine intensiv antisemitische Agitation betrieben werde, daß nämlich in den Bezirken Kolomhja und Nohatyn einige fremde und höchst verdächtige Subjekte herumirren, die sogar ruthcnisch radebrechen und die dortige Bevölkerung gegen die Juden aufzuhetzen versuchen. Näheres darüber berichteten das Tagbtatt „Dilo", sowie der bekannte Schriftsteller Dr. Ivan Franko in der Wiener „Zeit". Der Lembcrger „Wschod" bestätigt diese Nachrichten rmd meldet von ähnlicher Agitation in den Bezirken Ternopil und Zbaraz. Diese bedenkliche Agitation betreibt man bis jetzt straflos und ungehindert. Die Herren möchten sich der antisemitischen Bewegung als eines Blitzableiters bedienen. Die galizischeu Machthaber: die polnische Schlachta und die allpolnische Bnreaukratie haben doch von der russischen Negierung gelernt, wie man den gerechten Zorn der lange unterdrückten und ausgebentetcn Volksmassen von dem eigentlichen Gegenstände dieses Zornes, von den Urhebern des unerträglichen Nebels ablenken könne und wie man diesem Zorne rmd dieser Empörung der breiten Volksmassen ein Ventil zri machen imstande sei — indem man das entrüstete Volk gegen die Juden aufhetzt und dasselbe zrr überzeugen sucht, daß die einzige Ursache der schrecklichen Not der ruthenischen Bauernschaft die Jriden seien. Der große Landnrbciterstreik vom vorigen Jahre hat einen Beweis von der fortschrittlichen Emanzipation der ruthenischen Bauernschaft geliefert. Itnd so ist nicht ausgeschlossen, daß sich auch im kommeuderr Sommer der Arisstand der Feldarbeiter wiederholeil werde. Die Schlachta will somit rechtzeitig dieser drohenden Gefahr, diesem urransblciblichen Nebel, vorherigen. Ein Ventil uniß geschaffen werden, sonst kann die Empörung und Entrüstung der Volksurassen die schlachzi,zische Herrschaft endlich sprengen. Dabei Ivnrde selbstverständlich auch der Nmstand in Erivägung gezogen, daß im Falle einer antisemitischen Revolte in Ostgalizien notwcndigerlvcise der Ausnähmszristand rmd sogar das Standrecht in allen östlichen Bezirken eingeführt Iverden würde rind das Iväre eben das erfolgreichste und von der polnischen Schlachta schon lang ersehnte Mittel, jede Bauernbelvegnng, jeden Versuch der Selbstabwehr sofort im Keime zu ersticken und auf lange Jahre unmöglich zri machen. Durch die Judenhetze hoffen also die schlachzizischen Machthaber ein zweifaches Ziel inszenierte bald die bekannten Judenkrawalle in Wcstgalizien. Dev Empörung der Bauernschaft wurde ein Ventil gemacht, über Westgalizicn der Arisirahmszristand und sogar das Standrecht verhängt, jede Organisation der Volksmasscn vernichtet und die Volkspresse durch häufige Konfiskationen materiell ruiniert. Dasselbe Mittel beabsichtigt nun die polnische Schlachta in Ostgalizien wirken zu lassen, nur daß die Absichteil und die Machenschaften der galizischeu Machthaber diesmal zu zeitlich entdeckt wurden. Alle ehrlichen oppositionellen Elemente werden zweifellos dem Vorhaben der Schlachta cntgegentreten, sonst hätten wir in Ostgalizien ähnliche Krawalle wie in Kischcnew; denn die polnischen Schlachzizen folgen gerne dem guten Beispiele Rußlands. W i e n. Wladiiuir T e m n y c k y i. Der „Vorwärts" schreibt: Die Vcrjudung Deutschlands. Wer Ostgalizien herbeizuführen, der der polnischen Schlachta ermöglichen würde, die Zügel ihrer bedrohten Herrschaft wiederum kürzer zu fassen. Es ist eine traurige Schicksalsironie, daß sich die ostgalizischen Juden seit langer Zeit innner dazu verwenden lassen, die unumschränkte Herrschaft der polnischen Schlachta aufrecht zu erhalten. Bis jetzt forderte der polnische Adel von den Juden verschiedene unwürdigste und niederträchtigste Dienstleistungen ----- daß christliche Alterskominilitoueu sich nur selten im Elternhause mit ihrem religiösen Nndikalismus so zu brüsten wagten, wie die jüdischen. Wenn dann die Eltern oder Anverwandten bewundernd den großen Alaun nnstattttten nnd er sich noch die koschere Mahlzeit am Elterntisch großmütig gefalle« ließ, dann konnte der Elefeierte sich nie genug tun. Es verschlug ja dabei nicht, wenn der künftige Stern am Himmel der Wissenschaft mit Gott und Göttlichem, Irdischem und Geistigem, „vorläufig" hingegen mit den elementarsten Grundgesetzen der Physik und Chemie noch nicht ganz im Reinen war, und sogar bei „dringenden Gelegenheiten" der Wissenschaft oder deren Vertretern einige Antworten schuldig blieb. Mit solchen Elementen hätten auch gute, den geistigen und ethischen Komfort des jüdischen Studenten fördernde Institute wenig (glück gehabt. Das nur gegen die eigenen Stammesgenvsscn und seine eigenste Umgebung gerichtete herausfordernde Wesen solcher jüdischen Studenten, die schon so taktlos waren, mit ihrer Sinnesänderung demonstrativ oder verletzend zugleich Staat zu machen, hätte nnch schwerlich sich nach jüdischen Äireifen gesehnt. Merkwürdigerweise war es gerade diese Klasse jüdischer Studenten, die den ersten Anprall des Antisemitismus in den Siebzigerjahren auszuhalten hatte und am wenigsten standhielt. Aber alles dieses entschuldigt nicht die Unterlassungssünden, die man lange Jahre hindurch in jüdischen iireifen der Universitätsftiibtc begangen hatte. Eine rühmliche Ausnahme machten nur einige wenige süddeutsche Städte, wo man jüdische Stndenten in jüdische jrreise zog und ihnen Familienkreise öffnete. Und selbst jahrelang anhaltende Ez.kli,sionsbestrebu,lge,r der antisemitischen St»,denke»,- kreise führten bedauerlicherweise keine Remedur herbei. Wenigstens ist seitens jüdischer Gemeinden an vielen Universitätsstädten bis zur Gegenwart wenig, meist gar nichts geschehen, um die jüdischen Studenten, trotzdem sie fast ganz auf sich selbst angewiesen sind, wieder für ihr Judentum eintreten. Alle Achtung vor diesen wackeren jungen Leuten, die sogar äußerlich sich ihren nichtjüdischen Kommilitonen gegenüber freimütig als Juden zeigen. Aber gerade diese äußerliche Ausprägung legt den jungen Leuten Verpflicht,»,»gen auf, an die sie zu erinnern das Recht und sogar auch die Pflicht ältererKommilitonen ist. Und gerade die Ueberzeugung, daß der jüdische Student von heute, in Selbstzucht mehr gereift, als es leider Fall vor 25 und 30 Jahren war, wo feige Flucht ins Christentum oft gar »licht mehr für oppositionell gegen die Schlachta gesinnt nnd ihre Herrschaft war in Westgakizien stark bedroht. Die galizischen Machthaber hatten einen so hervorragenden Volkspolitiker wie P. Stojalowski, der damals noch ganz demokratisch, ja sogar sozialistisch war, durch verschiedene Konzessionen nnd Versprechnngcn ihren Plänen dienlich gemacht. P. Stojalowski, der vorher mit den Inden sich sogar ralliierte, begann plötzlich eine wilde antisemitische Politik zn treiben nnd seine Partei übrige Bevölkerung, so daß die Gefahr einer Vcrjuduug in greifbare Nähe gerückt ist. Wir Ivurden in einer solchen Erscheinung durchaus nichts Beklagenswertes finden, denn wir halten nicht das Juden- ' htm, sondern den Kapitalismus für den Feind der allgemeinen Kultnrcntlvicklung, den es zn bekämpfen und zn überwinden gilt. Aber abgesehen davon ist die Behauptung von der starken Vermehrung der Juden, an den Tatsachen geprüft, überhaupt eine falsche, was ja bei Behauptungen von Antisemiten nicht gerade verwunderlich ist. Die vom Kaiserlichen Statistischell Amt herausgegebene Bearbeitung der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 zeigt bei einer Gesamtichevolkerung des Deutschen Reiches von fast 56.6 Millionen Einwohnern nur 686 833 Jsracliteti, d. i. 1 Prozent. Daneben stehen die Angaben aris früheren Zählungen, und zwar waren in den Jahren 1871, 1880, 1886, 1890, 1900 der Reihe nach 1.3, 1.2, 1.2, 1.1, 1.0 Prozent Israeliten vorhanden. In den 30 Jahren von 1871 bis 1900 ist also eine Abnahme der jüdischen Bevölkerung ilin nicht weniger als 0.3 Prozent im ganzen Reiche zu beobachten. Die Verteilung der Juden im Reiche ist sehr verschieden. Am stärksten sind sie in der Reichshauptstadt Berlin vertreten, wo auch eine Zunahme stattgcfunden hat, von 4.4 Prozent im Jahre 1871 auf 4.9 Prozent im Jahre 1900. Stärkere jüdische Bevölkerung hatten 1871 noch die Provinzen Wcstpreußen mit 2.0, Posen mit 3.9 und Hessen-Nasstm mit 2.6 Prozent. In der letztgenannten Provinz beträgt sie auch jetzt noch 2.6 Prozent, in beit anderen ist sie auf : 1.2 resp. 1.9 Prozent gesunken. Im Königreich Sachsen, dem Eldv- ' rado der Antisemiten, hat zwar eine Vermehrung der Juden stattgcfnudcn, voll 0.13 auf 0.30 Prozent, doch blieb sie hier, wie diese Zahlen zeigen, stets beträchtlich hinter dem Durchschnitt im Reiche zurück. Bezüglich der Ursachen der Abnahme der jüdischen Bevölkerung sagt das Statistische Amt: „Sie mag auf Ilebertritte von Israeliten' zu christlichen Bekenntnissen zu rückzu führen sein, ein Rückgana der Bevölkerung jüdischer Rasse hat schwerlich stattgefunden, indessen gibt hierüber die Statistik der Konfessionen keine Auskunft/ Diese vermutete Erklärung ist nicht stichhaltig. Bei genauerer Berechnung ist der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung 1.041 Prozent. In den sechs Jahren von 1896 bis 1900 haben 2888 Ilebertritte vom Jildentum zum Christentum stattgefundcn. Zählt man diese Personen, die am 1. Dezember 1900 zweifellos nicht mehr sämtlich; lebten, den Juden zu — man müßte bei Hervorhebung der Rage übrigens 130 vom Christentum zum Judentlim Uebergetretene m Abzug bringen, doch wollen wir dies nicht berücksichtigen — so er-; höht sich der Prozentsatz der Juden nur auf 1.046 Prozent. Nun gab ' es am 1. Dezember 1902 im Deutschen Reiche noch 10 692 „Personen anderen Bekenntnisses", worunter Freidenker, Cogitanten, aus der evangelischen Landeskirche Ausgeschiedene, Gottgläubige und viele andere zusammcngefaßt sind. Zählen wir alle diese den Juden zu, •' obwohl nur ein geringer Bruchteil von ihnen aus dem Judentum stammt, so habet: wir immer erst 1.066 Prozent Juden in Deutschland, der Rückgang wird also keineswegs hierdurch wett gemacht, Wirklichkeit kann man also nicht von einer zunehmenden Verzudung Deutschlands sprechen, sondern allenfalls von einer Entjudung, wenn Üs nicht überhaupt lächerlich wäre, bei dem überaus geringen Prozentsatz, beit unsere jüdischen Mitbürger zur Bevölkerung liefern, solche Worte anzuweiiden. j Der rollende Rubel. Der Sturm, der sich in der öffentlichen Meinung wegen der Massacres von Kischenew erhob, hat dem thönernen moskowitischen Koloß Schrecken eingejagt, lind während - sich die Tyraiinen an der Newa den Anschein geben, als ob sie hoch- Anütig die öffentliche Meinung verachten, sind sie eifrig an der , Arbeit, mit Hilfe des Rubels sie zu fälschen. So sind die Artikel zu ehrlos galt, auch willig die ernsten Aufgaben, die ihm in der Gegenwart znfallen, willig übernimmt,, veranlaßt uns, diese Aufgaben - näher zn präzisieren. | Es ist ganz selbstverständlich, daß junge jüdische Studierende,; sich alle Erholnngen gönnen und auch alle Freuden, deren nur die? Jugend fähig ist. Kein Mensch wird es anstößig finden, wenn die j jungen Leute auf ihren Stammkneipen bei Mnsik und Gesang auch. eines kräftigen Trunkes sich erfreuen. Aber sich gegenseitig niederj zutrinken, sich mit nicht sehr geistreichen Komments Bier einzu- J kübeln, ist doch gewiß nichts Nachahmenswertes. In dieser Unsitte ' sollten sie sich do»h lieber von ihre« arischen Konlmilitone,r neidlos! übertrumpfen lassen. Wer selber als Student einmal derartige Kneipabende respektive Kommerse mitgemacht nnd dann, beim zunehmenden Biergenuß (!) beobachtet hat, wie „die Bestialität sich herrlich osferrbaret", der kann nur herzlich wünschen, daß derartige Bräuche überhaupt aus den Versammlungslokalen jüdischer Studenten ferngehnlten blieben. Es wäre doch recht töricht, deshalb um seinen stndentischen Rnf besorgt zn sein, weil man statt unmäßig zu trinke»», ruhig genießt. Den To»» verfeinert das nicht, und ein Air von weniger Burschikosität, bringt deshalb in anßerjüdischen Kreisen doch kaum etwas mehr Hvchschätznng ein- Der Ehrgeiz unserer jüdischen Studenten rnuß sich in ganz anderer Weise kundgeben, als iu Triilkgelagen, die sich mm einmal mit dem jüdischen Geist der Mäßigkeit und Nüchternheit nicht vereinbaren lassen. Nicht im Nachahmcn abgebrauchter Sitten, die nicht mehr in unsere zivilisierten Zeiten passen, welche auch übrigens außerhalb Deutschlands fast ganz unbekannt sind, ohne daß deshalb Wissen uird Bildung dortselbst ins Stocken geraten, sondern im Borbahnen eines wahrhaft Humanitären Strebens in der Anregung veredelnder Genüsse müssen unsere jüdischen Studenten bestrebt sein zu wirken. Gerade jetzt, wo sich alle»»thnlbe»l jüdisches (.Geistesleben wieder regt, sollten nufere Studenten überall die Initiative ergreifen. Wir höre»», daß jüdische Studenten sich an Synngogenchöre anschließen, daß sie eigene Tnrnvereine besitzen nsw. Aber noch vermissen wir die Nachricht, daß jüdische Studentei» auf ihre Mitbürger in Universitätsstädte»» durch eigene Vereine zn ethischen, ästhetischen u»»d wissenschaftlichen Zwecken eingewirkt haben. Was bisher nuS stndei»tischen Kreisen in dieser Richtung geschehen ist, ist den» Publikum noch ziemlich unbeka»l»»t. Wenn die jüdischen Studenten sich innerhalb aller jüdischen Kreise die Sympathien erhalten wollen, die man ihnen reichlich entgegcnbringt, so sollten sie auch frühzeitig ihre Kräfte in den Dienst des Judentums stellen. Nur dann werden sie einmal später, wenn mit den Jahren nnsgereift, auf eine bevorzugtere Stellung innerhalb des jüdischen Gemeindelebens Anspruch erheben können. Das Judenturn bedarf heute, nnd noch mehr in der Zukunft der Männer, die frühzeitig ihren Blick geschärft haben für das, was uns Not tut. Darin kann sich unsere Jugend gar nicht mehr früh genug vorbereiten nnd üben. Dann darf man sich aber nicht in vermeintlicher Vornchinheit allem fernhnlten, was den Kern des Judentums trifft, man darf sich auch nicht ans gewisse jüdische Slmfc beschränken, in denen das Judentum selbst erst wieder Fuß fasse»» muß. Vielmehr muß man unter und mit der großen Masse zn leben suchen; man muß dem jüdischen Volksgeist nachgehen, seine Innerlichkeit erlauschen, in den Synagogen, Schulen und Vereinen. Nur dort nnd wo sonst sich Inden zusammenfinden, läßt sich zeitig erkennen, wo die Hebel zur Hebung der kompakten Massen anznsetzen sind. Haben nun einmal jüdische Stndenten, insbesondere Kirleurtrngende, eine repräsentative Verpflichtnng für das Judentum üver- »»ommen, so müssen sie derselben auch, und zwar jeder einzel»» nach Maßstab seiner Fähigkeiten, ernstlich nachznkommen suchen. Gar leicht verliert sich die Jugend, zumal wenn sie äußerlich schon sich von der Masse beso,»ders abhebt, auch in Aeußerlichkeiten. Da3 ist kein Zeichen geistiger Flachheit, sondern liegt in der Jnge»»d, die sich eine gefestigte Weltanschanung erst noch erringen muß. Sie u»nß aber zeitig eine solche zu erlangen suchen, wenn sie nicht wirklich der Verflachung nnheimfnllen soll. Eben darum erwarten wir von unserer studierenden jüdischen Jugend, daß sie sich nicht nur in geistes- und charnkterschttdigende Aeußerlichkeiten nicht verliere, sonderi» vielmehr, und besonders, wo sie sich durch äußerliche Kennzeichen als jüdisch präsentiert, dieses äußerliche Zeichen, als Symbol der Verinnerlichung trage; sie stets daran »»»ahnend, daß nicht Band und Farbe allein den Studenten ausmacht, sondern »vas er erstrebt n»»d leistet. Außerhalb seiner Studierstube steht dem jüdischen Stndenten eilt weites, dankbares Feld im Kreise seiner Bnndesbrüder offen, wo er an der Seite der Alten und Erfahrenen säen helfen soll, damit er auch einst „riterntcn helfe.

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