Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 10. Juli 1903 Nr. 28 ©tctfunftnrtfjmc sowohl zum Grafen Tisza, ivie auch ihre Haltung dem Grafen Khuen-Hedcrvary gegenüber am deutlichsten gezeigt, und gerade weil es sich bei allen diesen Gruppen nur um die Erringung der Macht ohne großes Lcitpriuzip handelt, ist cs selbstberständlich, daß sie zum Schlüsse, einen billigen Opportunismus borschützcnd, sich demjenigen ergeben, dem es gelang, die Macht an sich 31t reißen. Man kann ruhig behaupten, daß es in Ungarn keinen unpopuläreren Menschen gibt, als deir Grafen K h n e u - H e d e r - Vary, der schon seit 20 Jahren bei jeder Ministerkrise als Ministerpräsidenten-Kandidat anftritt und immer konsequent abgelehnt wurde. So lange seine Betrauung mit der Bildung eines neuen Kabinetts nicht ganz sicher war, habe«: auch diesmal sämtliche Gruppen des ungarischen Parlaments ihrem Mißtrauen gegen K h u e n unverhohlen Ausdruck gegeben, doch kauin erschien er mit dem kaiserlichen Aufträge, da ging der allgemeine Kotau vor dem neuen Machthaber los. Die Nolle, die Franz Ko s s u th in dieser ganzen Kampagne gespielt hat, verdient hauptsächlich von uns Juden die größte Beachtung. — ßo ff u t h und sein engerer Anhang galt noch als die einzige Repräsentation eines wahren unverfälschten Liberalismus. Man dachte an die väterlichen Traditionen, welchen dieser kleilie unbedeutende Manu mit dem klangvollen Namen zu folgen versprach, aber die ganze politische Tätigkeit K 0 s s u t h s hat es bewiesen, daß auch er nur nach einer materiellen Macht lechze und seine Opposition sich nicht in dem unentwegten Ausbaue eines modernen, auf Gleichwertigkeit der einzelnen Individuen und Nationen basierenden Liberalismus auch gegen den Willen einer Negierung, sondern im Aufstcllen von sogenannten nationalen Forderungen bekundet, die nur auf Kasten der Rechte anderer in Ungarn lebender Nationalitäten erfüllt werden können. Hat Kossuth während der letzten vier Jahre auch nur ein einzigesmal sein Wort erhoben gegen jenes schändliche Treiben der S z e l l' sehen Regierung mit den elementarsten Rechten der jüdischen Handelswelt Ungarns? Hat Franz K 0 s s u t h, zu dessen Anhänge namhafte Juden gehören, sein Veto eingelegt, als die „liberalen Minister D a r a n h i, L u k a c s und Lang sich zu einem wahren Komplott Zusammengetan, um den jüdischen Handels- und Gewerbetreibenden jede Existenzmöglichkeit zu unterbinden, oder wenigstens zu erschweren? Hat etwa die Fraktion Kossuth bei dem Kompromisse mit dem Grafen Khuen außer seinen illiberalen nationalen Forderungen auch nur eine einzige Forderung gestellt, die auf die Einführung eines neuen wirklich liberalen Kurses hinzielt, und eines Kossuth würdig geivesen wäre? Nein! Kossuth hat all dies nicht getan, er hat vielmehr wortlos zugesehen, wie eine liberale Institution nach der anderen fällt, hat t§ wortlos zugegeben, daß erst in jüngster Zeit der Handelsminister Lang die verschärfte Sonntagsruhe, der neueste Streich gegen die religiösen Juden auf dem flachen Lande, einfach dekretierte und mit 'einem Federstrich eine Unzahl jüdischer Existenzen ruinierte. Es wurde schon des öfteren daraus hingewiescn, daß viele der reaktionären Gesetze Oesterreichs im liberalen Ungarn ihren Ursprung 'haben. So berief man sich bei der Schaffung des Gesetzes über die Reisenden sowie des Hausiergesetzes auf Ungarn. Aber alle diese in das Leben vieler Tausender und zunächst der Juden tief einschneidenden Gesetze, wurden in Oesterreich ivenigstens parlamentarisch durchgeführt und haben während der Debatte manche Milderung erfahren. Dem „liberalen" Handelsminister Lang blieb es Vorbehalten, im Wege eines Erlasses eine viel reaktionärere Regelung der Sonntagsruhe zu dekretieren, als es dem österreichischen Parlamente mit seiner reaktionären Majorität gelungen ist. Wo war inzwischen die ultvaliberale Fraktion Kossuth? Wo waren die angeblich einflußreichen Juden in allen politischen Lagern? Sie wird, wie manches andere — gedankenlos erfüllt — weil es eben vorgeschrieben ist? Sollte nicht vielmehr eine höhere sittliche Bedeutung in dem Blutbündnis, das jeder einzelne von uns mit der Gesamtheit der Judenschaft geschlossou hat, zu suchen sein? Blutbündnis! Es gibt wohl kaum ein Volk, in dessen nationalen Gebräuchen von einst und in dessen Mythenwelt von heute und immer der Glaube an die bindende Kraft des Blutes nicht zu starkem Ausdrucke käme. Von den Fürsten der tartarischen Völker, die sich Wunden au den Armen beibrachten, das Blut in ein Gefäß rinnen ließm und daraus zum Zeichen eiviger Treue sich gegenseitig zutranken, bis zum Mephisto des deutschen Volksmärchens, dem man seine Seele mit einem Tröpfchen Blutes verschreibt — eine Fülle ewig wechselnder Formen für den ewig gleichen ideellen Inhalt: „Ja, Blut ist ein ganz besonderer Saft." Ich fühle es wohl, daß ich in der Schaffung von Beziehungen zwischen Gedachtem und Wirklichem, zwischen Möglichem und Seiendem zu weit gehe. Aber mag's d'rum sein! Wir Juden sind ein Volk, das seine Geschichte hat. Eine harte und kampfreiche, aber eine ruhmvolle und glänzende Geschichte. Und wir sind eine tapfere Armee todesmutiger Soldaten, die in zartestem Kindesalter leiden und bluten gelernt haben. Vielleicht ist die Lösung des großen Rätsels unseres ungeschwächlen, zähen Fortbestandes in den geheimnisvolle» Bindekräften zu suchen, die aus unseren Blutstropfen empor sprießen. Eine Zeit schwerer wirtschaftlicher Kämpfe hat auch in unserem Volke Spaltungen hervorgerufen, die ihre tendenziösen Namen erhielten. Was will das bedeuten? Mögen wir immerfort au dem Glaubeit unserer Väter festhalten — mögen wir, einem neuni Zuge der Aufklärung folgend, nationale Ideen den religiösen überorducu — das Bewußtsein unseres Judentums ist in uns allen lebendig. Noch bevor wir lallen konnten, haben roir die Zugehörigkeit zu unserem Volke mit unserem Blute besiegelt. Vielleicht liegt darin das Geheimnis unserer unüberwindlichen nationalen Stärke: Die Sache seines Volkes, für die man einmal bluten durfte, gibt man nicht so leicht ans." Mit gemischten Empfindung«'« wurde die Rede von den Gästen angehört. Einige Talmnogelehrte, die die Tafel zierten, schüttelten bedenklich die Köpfe. Sie, die nicht um alles in der Welt während des Essens ihre' Häupter entblößt hätten, schauderten ob dem respektlosen Herumdenleu an einem heiligen haben fiel) alle verkrochen, haben sich von dem fait accompli stecs überraschen lassen und alle diese Attentate mit einem übel angebrachten Opportunismus einfach zur .Kenntnis genommen. So brach über sie die Trafikvcrordnuug herein und es ist bezeichnend für die »lagyarischcn Verhältnisse im allgemeinen und die Auffassung der Juden über ihre eigene Lage, daß die jüngste Abordnung der jüdischen Trafikanten von lauter arischen Abgeordneten geführt wurde, und daß sich kein einziger jüdischer Abgeordneter gefunden hat, der sich dieser jüdischen Aktion angenommen hätte. Ja, noch mehr, der Finanzmiuister Lukacs jvar sogar in der für ihn getviß angenehmen Lage, der Deputation mitznteilen, daß er schon deshalb nicht die Absicht habe, seine Verordnungen zurückzuzichcii, weil er bon „offiziell-jüdischer" Seite darauf aufmerksam gemacht wurde, das; diese Verordnungen das Judentum gar nicht tangiere». Das waren wieder einmal die Krallen der Neologcn, dieser Neomagynren, die eigentlich die Ursache der heutigen Situation in Ungarn sind. Die Regierung K h u e n - H e d e r v n r y s bedeutet auch keinen neuen Kurs. Der Befähignngsnachiveis, den sich dieser „erste Kroate", tvie er sich noch jüngst in seiner Angst lutt sein Leben genannt, aus Agram mitgcbracht hat, ist gewiß nicht empfehlend. Seine Wirtschaftspolitik!vird Uon den Ministern Daranyi, Lu - k a c s und Lang abhängeu und die Politik dieser Liberalen ist ja zur Genüge bekannt. Die Nationalitätenpolitik K h u e u s hat Kroatien zur Revolution geführt und seine Jude u- Politik wird ihm bald die Freundschaft U g r 0 u s und N akolvskis sichern, um die er seinen Vorgänger Szell beneidet. Es ist bekannt, das; Gras Khneu eS war, der nach russischem Muster die aufs äußerste gestiegene Erbitterung gegen seine Tyrannenherrschaft in Kroatien von seiner Person abznlenken und gegen die Juden zu richten versucht hat. Und Iväre der Haß gegen seine Person nicht gar zu unerbittlich geivesen, so iväre ihm dieser unedle Coup vielleicht gar gelungen. Als letztes antijüdisches Heldenstücklein Szells als Ministerpräsident kann wohl der dem „Budapester Zionistenvereiu" vor einigen Tagen zugekommcne Ministerialerlas; angesehen werden, wonach die Statuten des genannten B e r e i it c § z ur ü ck g e iv i e s c n!v n r b e n. Die Begründung der Zurückweisung ist so nichtig und an den Haaren herbcigezogen, das; wir uns gar nicht mit ihr beschäftigen wollen. Aber bon selbst ivirft sich die Frage ans: haben die ungarischen Zionisten nun etwas erreicht, indem sie vorschützten, ein „Menschenfreundlichkeitsverein" zu sein, anstatt offen und ehrlich ihrem erwachten Selbstbewusstsein zu folgen und den Kampf aufzunehmen für ihr nationales Recht, für die Erhaltung ihrer nationalen Eigenheiten, die bei den Neomagyaren schon völlig verloren gegangen sind? Allerdings, da muß man kämpfen können, und zunächst kämpfen w olle n. Hier nützen die Formeln, wie sie sich die ungarischen Zionisten zurechtlegeu, sehr wenig. T-esc toten Formeln — eine magyarische Spezialität ■— werden durch die lebendigen Tatsachen Lügen gestraft und sind höchstens geeignet, die Katastrophe zu beschleunigen und den Juden den Kampf, den sie heute scheuen, mit aller Wucht aufzudrängen. Die Zukunft, welcher Ungarn nnb hauptsächlich die Juden Ungarns entgegensehen, ist eine wenig trostvolle. Eine große Aufgabe harrt der einsichtigen Inden Ungarns: unerschrocken und bei allen Gelegenheiten eine gerechtere Nationalitätenpolitik fordern und herbeiführen helfen. Eine gerechte Wertung der einzelnen, in Ungarn lebenden Volksstämme, ist die einzige Politik, durch welche nicht nur die jetzt entrechteten Nationalitäten, sondern auch der jüdische Völksstamin in Ungarn und nicht zuletzt der magyarische gerettet werden kann. Gebote Gottes. Sie begriffen nickt, wie man die religiöse Weihe des Beschneidungsfestes zu profanen Reflexionen uiißbrauchen könne. Sie begriffen es nicht. . . Sie begriffen auch nicht, was den blonden Arier in ihrer : .itfe bewog, sich leuchtenden Blickes zu erheben und dem jungen Vater über die Festtafel hinüber wortlos die Hand zu drücken . . . Man kann gerade nicht behaupten, daß von Jahrzehnten her bis zur Gegenwart zwischen den jüdischen Studenten und de» jüdischen Einwohnern deutscher Universitätsstädte ein ideales Verhältnis bestanden hätte. Das lag nicht zum geringsten Teile an dem Jndifferentismus eines halben Jahrhunderts nnd an anderen Ursachen rein individueller Natur. Das geringe Interesse, der Mangel jeglicher Teilnahme an den jüdischen Studenten, entfremdete den jungen Mann in kürzester Zeit dem jüdischen Leben. Von Hanse ans oft noch an jüdisches Leben und besonders an Familienleben überhaupt gewöhnt, sah sich der jüdische Student, irr die Universitätsstadt versetzt, fast Plötzlich von bisherigen Gepflogenheiten losgelöst. Nur sehr wenige Universitätsstädte bvteu ein rühmliches Ausnnhmsbild. Wenn nicht gerade jüdische Stipendien den ärmeren Studierenden mit seinen Glaubensgenossen zttsammenführten, so gab es fast gar keine (Gelegenheit zu ei,rer Annäherung. Der vermögende, mehr noch der reiche Studierende, konnte etwa gesellige Bedürfnisse schon anderweitig ersetzen; ihm standen bis zur Mitte der Siebzigerjahre stndentische Bereinigungen offen, vorausgesetzt, daß nicht ein „allzujüdischer" Name oder Aeußereö feiner Anfnahme Bedenken entgegensetzten. Der mittellose Student war aber ganz nnd gar auf sich angewiesen. Wohl schlossen sich einzelne jüdische Studenten enger aneinander an, aber sonst waren ihnen jüdische Institutionen nnd Familien völlig fvemb, nnd von Semester zu Semester entfremdeten sich die jilttgen Leute dem Judentum immer rnehr. Nur der „Stipendienstttdent" behielt mehr Fühlung mit Inden und Judentum, sonst aber verbreiterte sich die Kluft, wenn nicht etwa Gr- *) Der Artikel bespricht reichsdentsche Verhältnisse; es lassen sich aber interessante Parallelen mit österreichischen Verhältnissen ziehen. Anm. d. Red. Die Schächter der Wiener Knltnsgememde. Der Wiener Kultusborstaud verabsäumt es bei keiner passenden oder unpassende» Gelegenheit, zn betonen, daß er sich weder mit sozialen, noch politischen Frage» des Judentums zu beschäftigen habe, seine Aufgabe sei vielmehr einzig und allein, den jüdischen K u l t u s zu erhalten, ihn tvomöglich zu heben, oder, wo es nottnt, zu regeln. Es hieße den. alten, großen Kampf gegen eine politisch blinde, halsstarrige Clique tviedcr anfrollen, tvollten ivir nun zum unzähligsten Mate den Betveis erbringen, das; diese Knltuspolitik eine verfehlte, das Judentum verderbende ist, und daß sie, konsequent durchgeführt, dahin führen muß, tvo lvir wohl einen jüdischen Kultus, aber keine Inden Huben lvcrden, Ivelche ihn erhalten sollen. Wir ivollen uns für einen Moment aus den Standpunkt des KnktliSborstandes stellen nnd die Erhaltung döS jüdischen Kultus als ausschließlichen Zlveck einer jüdischen Gemeinde annehrnen; da stellt sich uns gleich die große Schwierigkeit entgegen: Was verstehen, die jetzigen Beherrscher unter jüdischen, Kultus? Während die Opposition ihre Wünsche nnd Forderungen gründlich dnrchberaten nnd genau forinnliert hat, haben sich die Machthaber der Kultusgeineindc — sagen tvir schlau — hinter dein Grundsätze verschanzt, das; diese Wünsche und Forderungen wohl sehr löblich ui,d wünschenswert seien, aber ihre Erfüllung sei ja gar nicht Ztveck der Knltusgeineinde. Das ist des Pudels Kern! Von der Ratsstube in der Seitenstettengasse her tönt es in einem fort: „Das ist nicht Ztveck der Knltusgeineindel" Ans die Frage aber: Was ist der Zlveck der Knltusgerneinde? koinmt die lakonische Anttvort: die Erhaltung des jüdischen Kultus I lind tvas versteht ihr unter jüdischem Kultus? Versteht ihr darunter die Erhaltung und Verbreitung des jüdischen R i t u s, so habt ihr eure Pflicht nicht erfüllt, denn gerade die rein rituellen Fragen habt ihr am meisten vernachlässigt. Wir Ivollen heute nur eine dieser rein rituellen Fragen herausgreifen, nnd zlvnr die S ch ä ch t e r f r a g e. Wir wählen diese Frage deshalb, weil sie anr geeignetsten erscheint, zu beweisen, daß die jetzigen Herren der Kultusgemeinde gerade den rituellen Fragen das geringste Verständnis cntgegcnbringen und ferner, weil diese Frage auch ein soziales Moment i,i sich birgt, welches uns dcr ganzen Angelegenheit nur noch näher bringt. Es ist bezeichnend für die Auffassung der „maßgebenden Faktoren" über Kultus und Ritus, daß es in Wien überhaupt nie eine Sch acht frage, sondern immer nur eine S ch ä ch t e r frage gegeben hat. Die freiwilligen und bezahlten Hüter des jüdischen Ritus und Kultus haben diese ihnen anvertrauteu Güter so lange erhalten, bis die Gemeindemitglieder sie glücklich fallen gelassen haben, und es ist so lveit gekommen, das; sieh unter sechsnnddreißig Knltiisvorstehern kaum zwei bis drei befinden, die für solche Fragen überhaupt das nötige Verständnis haben. Bis vor drei Jahren lvar das rituelle Schlachten oder, wie mau cs gerne nennt — Schächten, ein Geschäft, tvie jedes andere. Es haben sich ungezählte Schächter etabliert, die ihre Kunden hatten, bon denen sie ihr Auskommen fanden. Sie unterstanden keiner Kontrolle, sie boten einander Konkurrenz, mitunter bildete sich auch ein Kartell in Bezug auf die Schächtpreise. Ein jeder, der überhaupt noch Gelvirht auf rituell geschlachtetes Fleisch legte — es waren zumeist die Acrmeren — hatte es mit seinem Gelvissen auszumachen, ivelchem Schächter er die Erledigung dieser Frage anbertrauen will. Es lvar dies lvvhl kein orthodox-idealer Zustand, aber man war — apathisch, wie alles für jüdisch-rituelle Angelegenheiten geivorden — so ziemlich zufrieden. Dieser anarchische Zustand dauerte bis Ende des Jahres 1000. Man begann die Frage zu studieren (lvir denken, daß die Herren Rabbiner diese Fragen in ihrer Jugend studieren mußten), und am 10. Dezember des Jahres 1900 lvnrde sie mit eineinmale gelöst. Man hatte einen Ritnalrabbiner bestellt (Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n hatte diese Amtstätigkeit in bescheidener Selbsterkenntnis abgelehnt), und die nunmehr in den Status der Beamten der Knltnsgemeinde übernommenen Schächter wurden unter die rabbinische Kontrolle des neuerlvählteu RitualrabbinerS Mayersohn gestellt. Es fällt uns natürlich nicht ein, die rabbinischen Kenntnisse des Rabbiners M a y e r s 0 h n zu bemängeln nnd seine Kompetenz in rituellen Dezisionen anzuzweifeln, lvir ivünschen höchstens, das; seine Tätigkeit ans dieses Gebiet beschränkt bleibe, aber lvir erlauben uns doch, unsere Zweifel ziehnng oder Familie erhaltend mitwirkten. Die nächste Folge war völlige Abkehr und Taufe während oder nach vollendetem Studium in vielen Fällen. Das Gefühl der völligen Isoliertheit, trotz der am Studieuort wohnhaften Glattbensgenossen, der Mangel jeglicher Einricht,mg und Fürsorge jeglicher Art, wie sie dem christlichen Studenten in verschiedenartiger Weise zugute kamen, war gewiß nicht dazu angetan, dem jüdischen Studenten besondere Liebe oder Achtnna vor seinen Stammesgenossen eiuzuflösreu. Ist doch gerade in diesem Alter nnd besonders ein junger Mann, dem sich so vielfache bisher unbekannte Eindrücke nufdräugen, zu kritischen Vergleichen ganz besonders veranlagt. Denkt man sich hierzu die ohnehin etwas distinkte Lage eirres jüdischen Studenten, so begreift mau sehr leicht, daß eine gewisse Erbitterurig platzgreift. Können lvir doch selber ans eigenster Erfahrung bestätigen, daß die Ignorierung seiner Persönlichkeit als Jude wie als Student gerade die feinfühligeren unter denselben in Kreise drängte, von wo ans die völlige Lossagung vom Judentum als unabwendbare Folge vornttszusehen war. Was uns ans diese Weise an geistigem Material, nicht minder auch an sozialen Kräften verloren ging, muß uns heute noch mit Wehmut erfüllen. Ein klein weniges Entgegenkvmme,n eine kleine geistige Fürsorge hätte sie vielleicht den» ölten Glauben erhalten, dem sie meist nur deshalb den Rücken kehrten, weil sie sahen, daß er immer inhaltloser wurde. Aber auch selbst wo der letzte Schritt nicht getan ward, blieb das Verhältnis zwischen den akademisch gebildeten Männern und den übrigen jüdischen Mitbürgern ein kühles, ablehnendes, weil sie gerade während ihrer Universitätszeit jüdischem Leben fremd geworden. Was in dieser Hinsicht in jüdischen Kreisen in den weitaus meiste,» Universitätsstädte,r gesündigt worden ist, kamt in Jahrzehllten nicht wieder gutgemacht werden. Eine häufig wiederkehrende Erscheinung war es, die studvntischerseitö dazu beitrug, die Lücken offen zu lassen. Bekanntlich sind junge Leute niemals über das Wesen aller Dinge so klar, als am Ende ihrer Ghmnnsialzeit. Das ist ja die Zeit der geistigen Flegeljnhre. Ein gut bestandenes Abiturium versetzt ihn ja ohnehin unter die großen Weisen, deren Geist sich vergebens in die Weltrütsel vertieft. Um seinen unendlich höheren Standpunkt in seiner von „Glauben und Aberglauben befangenen Umgebung" würdig zu posieren» gefallen sich gerade junge jüdische Studenten darin, daß sie alles Gegenteilige tun, was Eltern oder andere Leute in Religion oder Zeremonie hochhielten. Wir sagen jüdische Studenten, weil wir ans einer überaus reichen Erfahrung sprechend hinznsetzen können,