Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SmiMhrt- . . ft«.».— HalbMrig . . . „ 4.— BiectestäLrig. . . . » 8.— <s>—-.-- ... .Kr. 9.— .. 4L» HtWtrlpkhrtg.. 8«S > ■ — ■ taanamn fsiss^s^^Wiwißasasssss^ss^s^sES gaegsgEwsg 5EÜ99HS59S3 Nr. 88 Mir«. 10. I«li 1903 (15. Thamuz 5663), V. Jahrgang. »r.:... ,^==^si=ssr^-.^^.;aassa«waaigai Die Sitnalion «ach -er Krise. Wien, 8. Juli 1908. Wir haben also glücklich die Krise in Oesterreich Überwunden und da- Ministerium Ko erb er bleibt bis GNf weiteream Ruder. Ohne zu der privilegierten Koerb er-Presie zu gehören, erklären wir unser-Befriedigung über da- Verbleiben de- Ministeriums. Denn es gibt nur zwei Auswege aus dem Wirrsal» österreichischer Politik. Der eine Ausweg, den wir propagieren, ist -ie Aufhebung de- Dualismus und die Bildung eine- Neu-Oesterreich auf Grund der National-Autonomie aller seiner Völker; doch dazu hat man in Oesterreich nicht den Mut und in Ungarn nicht den Willen. Bleibt nur der andere Au-weg und das ist das Fortwursteln nach Taffe'schem Rezept auf Grundlage des politischen Kuhhandels. Und darin, aber bloß darin, ist K o e r b e r Meister. Die Koerber-Presse hat während der Krise wieder ein Zeichen ihrer politischen Unfähigkeit gegeben. Für jeden Eingeweihten war es klar, daß man in Wien gegen die magyarischen Machtgelüste einmalPolitik im magya'rischen Stile treiben wollte. Die Demistion Koerbers wurde arrangiert, um der Krone Gelegenheit zu geben, in Form eines Handschreibens einen kalten Wasserstrahl aus die größenwahnsinnigen Politiker in Budapest zu richten. Daß diese Absicht von den Wiener großen Politikern in der Konkordia und in der Steyrermühl nicht erkannt wurde, beweist, daß der Gesichtskreis dieser Herren nicht weiter reicht, als die offiziösen Informationen. Daß die Absicht nicht vollkommen erreicht wurde, ist nur eine Folge österreichischer Schlamperei, die immer nur halbe Mittel duldet, Man ließ sich in Wien wieder einmal von dem Grafen Khu en ins Boxhsrn jagen. Ein Mensch wird jedenfalls Schmerz darüber empfinden, daß K ö rb er bleibt; das ist — Dr. Kanner. So nahe wähnte er sich seinem Ziele, auch dieses Ministerium zu stürzen; und da zerstört das Handschreiben seine schönsten Träume. Wir Juden können dem Dr. K o e r b e r nichts anderes nachsagen, als daß es nnter seinem Ministerium für uns nicht besser, aber auch nicht schlechter geworden ist. Noch immer steht unsere Gleichberechtigung auf dem Papier Feuilleton. Meinem Wolke. . . . Jahrtausende -es nnverd-ross'nen Strebens .Haft du gekämpft in froher Jugendkraft- Und siegreich schreitend durch deu Kampf des Lebens Zu neuen Siegen stets dich aufgerafft. Und ob auch wilde Wetter gräßlich dräu'n Und deines Lebens Wogen wild sich türmen Und nichts als Dornen auf deu Pfad dir streu'n, Die Schicksalsmächte noch so arg dir zürnen: Steh' fest und treu zn deiner alten Fahne, Heb' sie empor, fern sei ein feig Bedenken, Dem stolzen Dampfroß, wie dem schwachen Kahne Ward eine Hand beschieden, sie zu lenken. So mag denn Judas Fahne leuchten und erglänzen ^Jn ferne Zeiten, so lang wie der Sonne Glut Mährt im Gedächtnis, wenn um Felsenspitzen Am Himmelsrand. grellrote Flammen blitzen . . . Berlin, Anfang Juni 1903. Ma x Nach e r. Bei einem „Briß".') Bon Otto Werueck (Wien). Der junge Vater erfüllte nicht allzu eifrig die Pflichten des Hausherrn. Wenn die Türglocke ertönte, kostete es ihm stets einige Anstrengung, sich aus seinen Träumen zu reißen und die verbindlichen Worte der Begrüßung, die er dann an die zur Feier der Beschneidung seines Erstgeborenen erscheinenden Gäste richtete, klangen etwas geistesabwesend. Als letzter Gast war ein Herr Jreim erschienen — ein junger Mann von elegantem, weltgewandtem Auftreten, dessen ausgesprochen arische Züge schlecht zu der Gesellschaft paßten, die die gewöhnlichen Typen aufwies, welche man bei jüdischen Familienfesten anzutreffen pflegt. Er trat, nachdem er höflich nach allen Seiten hin gegrüßt, und der angstvoll lächelnden Mama mit ein paar artigen Redensarten die Hand geküßt, ‘) Beschneidungsseier. und Ausnahmsgesetze bestehen in Wirklichkeit. Noch immer hat der Personalreferent de- Brünner OberlandeSgerichtes den Mut, den jüdischen Petenten zu erklären, daß erst nach zehn christlichen Auskultanten ein jüdischer Auskultant ernannt werde. Wenn aber der Petent sich taufen lassen wolle, könne er sofort ernannt werden. Und noch immer hat der Personalreferent des Prager Oberlandesgerichtes den Mut, jüdische Petenten überhaupt ä limine abzuweisen. An diesen der Verfassung direkt hohnsprechenden Verhältnissen, hat Dr. v. Ko erb er auch als Leiter des Justizministeriums nichts geändert. Im Herbst erwartet also Dr. v. Ko erb er die wohlbekannte „Situation". Die Jungtschechen wollen ihre Obstruktion nur um den Preis einer zweiten tschechischen Universität aufgebeu. So sehr wir die Obstruktion im Prinzips verdammen, weil sie den Parlamentarismus zugrunde richtet, so sehr stehen wir der tschechischen Forderung als solche sympathisch gegenüber. Eine Kulturforderung hat für keine Nation etwas Bedrohliches. Der Umstand, daß die Deutschen kulturpolitisch gesättigt sind, gibt ihnen noch lange nicht das Recht, andere N a t io n en inihrernationalenEntwicklung aufzuhalten. Die Politik der deutschen Koalition ist reaktionär bis in die Knochen, aber auch kurzsichtig im höchsten Grade. Die Deutschen wissen noch immer nicht, daß sie in Oesterreich eine Minorität bilden, die keine Taktik in eine Majorität umwandeln kann. Es wäre viel klüger von ihnen, wenn sie für wertvolle Konzessionen auf friedlichem Wege bas z'uge ^ändert, was sie schließlich der Gewalt zugesteyen werden müssen. Zu welchem lächerlichen Poffenspiel die Deutschen durch ihre starre Negation jeder nationalen Konzession sich verleiten lassen, zeigt ihre Haltung in der Innsbrucker Universitätsfrage. Kaum war es beschlossen, daß die italienischen Kurse von Innsbruck verlegt werden sollen, petitionierte das „teutsche" Kl agenfurt um Errichtung der italienischen Universität in Klagenfurt, (!) also wegen ein paar Tausender Einkünfte existierte auf einmal nicht die italienische Gefahr. Geschäft geht oorPolitik.Das hindert aber nicht verblendete — Juden, in den Sudetenländern in dem Kampfe gegen die tschechische Universität in erster Reihe zu stehen. Wir betonen es immer: Die Affimilanten übertreffen stets die wirklichen Deutschen oder Tschechen an borniertem Chauvinismus. auf den „Baal B'riß"2) zu, und suchte ihn flüsternd in ein Gespräch zu ziehen. »Du bist natürlich aufgeregt, und deine Frau zittert auch", sagte er, „ich sehe es euch ja an". Und als keine Antwort erfolgte, fuhr er fort: „Ich begreife euch Juden nicht, die ihr eine so intelligente Raffe seid, und so ernsthaft an dem Fortschritte unserer Kultur mitarbeitet! Werdet ihr euch von dieser barbarisch rohen Sitte niemals befreien? Und du, der aufgeklärte, freidenkerische Nationaljude gehörst auch du, von dem wahnsinnigen Buchstabenfa'natismns der Frommen mitgerissen, zu jenen Einsichtslosen, die die Vorschriften der Bibel nach ihrem dürren Wortlaut befolgen, anstatt sie auf ihre tiefe sittliche Symbolik zu prüfen?" — Ein erstaunter Blick traf den Sprecher. „Symbolik?" »Nun ja. Oder ist die Bibelvorschrift anders aufzufaffen, als etwa dahin, daß ihr eure Begierden zähmen sollt?" Die Stimme des „Moil"2) unterbrach in diesem Augenblicke das leise geführte Zwiegespräch. „Herr Qnatter 4) und Frau Quatterin 4), wenn ich bitten darf!" tönte es durch das Zimmer. Die Angerufenen machten sich bereit, ihre Funktionen zu übernehmen. In einer Sofaecke saß der blonde Arier und sah, wie die junge Mutter, der man das Knäblei» nahm, um es dem Messer des „Moil" auszuliefern, schluchzend in einen Nebenraum flüchtete, sah, wie der Vater, den die religiöse Vorschrift zum Zeugen des Vorganges zwang, zitternd nach einer Stütze suchte, sah das Kind in sein Wickelzeug und eine blaugestickte Festdecke gehüllt, auf den Schoß des „Quaters" Niederlagen — mit unverstehenden Blicken folgte er allen Vorbereitungen, und sein Herz wendete sich empört von dem rätselhaften Ethos der Zeremonie ab. Die operative Technik von vier Jahrtausenden gab der a) Der Vater des zu beschneidenden Kindes. *) Der zur Vornahme der Operation und des anschließenden religiösen Zeremoniels Autorisierte. *) Gevatter und Gevatterin. Budapester Brief. (Original-Korrespondenz des „Jüdischen Volksblat^"^ Die sogenannte Beilegung der Krise in Ungarn hat interessante und gleichzeitig betrübende Bild aus dem politische» und gesellschaftlichen Leber, in Ungarn gezeigt, das sich den maßgebenden Faktoren unbedingt tief ins Gedächtnis eingeprägt haLe« mutz. Die Freunde des wahren Fortschrittes, deren Lebensideak daS Anstreben einer unverrückbaren Gleichheit aller Individuen »n- Nationalitäten ist, stehen vor deu Enthüllungen dieser traurigen Tatsachen betrübt und beschämt da; sie sind um eine Illusion ärmer, um eine große Hoffnung betrogen worden; um die Hoffnung, daß, wenn der Liberalismus oder, wie sie ihn in jüngster Zeit nennen, den Freisinn, überall abgewirtschaftet haben wird, UngaH» ihm noch immer eine sichere Hochburg bleiben werde. Nun mutzteP sie es mit eigenen Augen sehen, daß die Negierungen Ungarns mit ihnen schon seit Jahren ein falsches Spiel trieben, indem sie woht die Huldigungen der Freisinnigen Europas ohne Erröten entgetzennahmen, zu Hause aber irn stillen Kämmerlein sich mit der schwärzesten Reaktion Rendezvous gaben. Was müssen sich wohl die Liberalen von der Couleur der „Neuen Freien Presse" und anderes Schattierungen gedacht haben, als sie auf ihre große Panegtzrik über den Liberalismus Szells die Antwort von Rakowsky und dem schwärzesten der Schwarzen, dem Grafen Johann Z ichy erhielten, indem sie S z e I l und sein Regime als die Apostel Von. Recht, Gesetz und Gerechtigkeit in ihrem Sinne feierten, und. den Abgang Szells aus diesem Grunde beklagten? Kläglich war das Schaustück, das die Krise dem mit Spannung Znschenöeü Europa' bot. Es fand sich im ganzen ungarischen Parkarnent keine einzige Gruppe, die in diesen schweren Tagen, einen großen, wirklich rettenden Gedanken aufgeworfen hätte, es: wart nichts anderes als ein kleinlicher Kampf kleinlicher Menschen um kleinliche Machtfragen. Das Intermezzo der Betrauung des Grafen Stefan Tis za, also des Altrncisters des magyarischen Liberalismus, war nicht nur ein unglücklicher Mißgriff von kompe-. tenter Seite, sondern hat auch gezeigt, daß das, was mm« in Ungarn Liberalismus nennt, nur gewaltsam an die Oberfläche: gedrängt wird und sich nur durch Gewaltakte einführen und behaupten kann und will. Die alte Regierungspartei ist schon längst ans den heterogensten Elementen zusammengefügt und daß es sich auch diesen innerhalb der Regierungspartei befindlichen Gruppen nur um die Behauptung einer besessenen oder usurpierten Alacht handelt, hat ihre Hand des ungelehrten Operateurs die Sicherheit des vollendeten Künstlers. Ein paar Blutstropfen nur — der zur fachmännischen Beaufsichtigung der Operation bestellte Arzt konnte befriedigt mit dem Kopfe nicken. Und während das Kind in den Nebenraum gebracht, und an die alle Schmerzen beschwichtigende Mntterbrust gelegt wurde, schritt der Hausherr mit seinen Gästen zur Tafel. Die unberechenbare Logik der Tischkarten setzte Herrn Freim zwischen zwei graubärtige Schriftgelehrte, die zwischen Pfefferkarpfen und Gänsebraten in eifriger Debatte sich mühten, zu ergründen, weshalb das Volk der Juden in der heiligen Schrift stets mit dem Sand am Meere verglichen wird. Ueber den Kopf des geduldigen Gastes flogen die Pointen der beiden Alten, die sich ohne Zwang den Genüssen einer scharfen talmudischen Dialektik Hingaben, nicht denkend an eine Möglichkeit, daß der jüdische Hausherr einen Nichtjuden zum Freunde haben könnte, der ihnen, da zwischen ihnen sitzend, zuhörte. Beim Dessert war die Stimmung eine genug gehobene, um manche witzige »Gadette" ^), manches gute „Wartl" ®) zur Geltung kommen zu lassen. Auch der junge Vater sprach einen'. Toast. Sein arischer Freund wurde aufmerksam, als die klare ruhige Stimme des „aufgeklärten Nationaljuden" an sein Ohr schlug. :; „Meine Herren! Seit Jahrtausenden wird in Judenhäusern eine Sitte geübt, deren Ursprung in jene Zeiten zurückreicht,/ die nicht die Zeiten unserer eigenen nationalen Anfänge find. Aus einer überholten Kultur stammend, hat sich diese Sitte, die von der Humanität unserer fortgeschrittenen Zeit als Barbarei und Grausamkeit bezeichnet wird, bis heute. erhalten und an der Hartnäckigkeit eines überlieferten Brauches sehen wir die überquellende Zärtlichkeit jüdischer Eltern zerschellen, sehen wir jüdische Väter, wenige Minuten, nachdem ihre zarten Knäblein unter dem Messer geblutet, frohe Familienfeste begehen. Sollte diese Sitte, die die elementarsten Aeußerungen leidenschaftlicher Elternliebe unter ihren Bann zwingt, wirklich nichts weiter sein, als ein Zeremoniell, das erfüllt *) Bibelexegese. *) Wörtlein — kurzpointierte Rede.! Verlanget in allen Lokalen das „Jüdische Volksblatt".! r,r, ,'»rnrTT«rrr»«rrr,rr »rnri-oi"rm)riTnr«Mi—