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Jüdisches Volksblatt · 1903-06-19 · 25 (19.6.1903) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
25 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag •Kniisc'hes Volksbiatt 19. Juni 1903 Nr. 25 Beamten nach Kischenew entsendet, der eilten sehe mild gefärbten Bericht erstattet habe. Selbst dieser Bericht sei dem Minister noch ZU kratz gewesen, und er habe ihn erheblich umredigiert, ehe er ihn dem Zaren borlegte. Antisemitische Exzesse in B i a t y st o f. Ein jüdischer Auswanderer aus Bialystok namens Grünfeld, der auf der Durchreise nach Rotterdam gestern hier angekommen ist. erzählte, daß in vergangener Woche bedeutende Exzesse in Bialystok stattgefundcn haben. Der antisemitische Mob erzwang sich den Eingang in viele jüdische Häuser und zerstörte in denselben alles. In einigen Häusern wurden Möbel aus den Fenstern geworfen und dann auf der Stratze augezündet. Ein Rabbiner wurde auf der Straße von der Menge bedroht und insultiert. Auch ein Jude namens Landau wurde auf der Stratze mißhandelt; Todesfälle und ernste Verletzungen sind nicht vorgekommen. Grünfeld versichert, daß die Behörden die Unruhen angestiftet haben; Polizisten hätten die Leute gefragt, tvann sie eigentlich dem Beispiele von Kischenetv folgen wollten. * Eine neue Judenhetze m Rußland. Aus Eydtkuhnen wird berichtet: Hier ist die Nachricht von einer Judenverfolgung in Borsna im russischen Gouvernement Tschernigow eingetroffen. Bei den Ausschreitungen sollen Menschen getötet worden sein; Einzelheiten über die Vorfälle fehlen noch. Die Stadt Borsna liegt cm der Libau-Rowny-Eisenbahn. Die jüdischen Einwohner der Stadt betreiben größtenteils den Tabakbau und den Holzhandel. Die Massacres von Kischenew haben somit einen verhängnisvollen Widerhall erweckt. Die von der Behörde zum Schutze der Juden ergriffenen Maßnahmen scheinen also ungenügend zu sein. *i.-.*• *. Folgen der Kischenewer Greueltaten. Aus Lemberg wird uns berichtet: Wie mis Warschau gemeldet wird, ist Fürst Urussow, ein sehr energischer Verwaltungsbeamter, an Stelle des infolge der Kischenewer Greueltaten seines Amtes entsetzten v. Raaben zum Gouverneur von Beßarabien ernannt worden. Im Beamtenkörper Kischenews, insbesondere im Polizeistatus, wurden jetzt zahlreiche Personal-Veränderungen vorgenommen. — Ein Telegramm aus Petersburg meldet: Der Verleger der antisemitischen Blätter „Snamja" (Petersburg) und „Betzarabetz" (Kischenew), Namens Kruschewan, wurde heute Nachmittags auf dem Newsky-Prospekt von einem Israeliten, angeblich einem ehemaligen Studenten des Polytechnikums in Kiew, hinterrücks mit einem Messer gestochen und am Halse verwundet. Die Verletzung ist nicht lebensgefährlich. > Kruschewan hielt den Täter mit Hilfe des Publikums fest. .* Arbeiter-Unruhen in Lodz. Aus Lodz in Russisch-Polen wird dem „Berliner Tageblatt" berichtet: Sonntag den 6. ds. kam es zu großen Arbeiter-Ansammlungen. Eine Menge jüdischer Arbeiter, gegen 5000 Mann, durchzog gegen 6 Uhr abends die Hauptstraßen, wobei einige Teilnehmer rote Fahnen in den Händen hielten. Die Polizei war schon vorher von dieser Arbeiter-Demonstration unterrichtet, und es wurden alle Maßregeln ergriffen, damit dieselbe keine großen Dimensionen annehmen sollte. Auch wurden Kosaken requiriert. Die Menge verhielt sich sehr ruhig, aber nichtsdestoweniger wurde sie seitens der Polizei schonungslos behandelt. Die Polizei schlug ein, die Kosaken ebenso, und es kam zu blutigen Zusammenstößen. Die Polizei zog die Säbel blank und Verhaftungen wurden sofort auf der Straße vorgenommen. Während des nun entstandenen Handgemenges wurde ein Polizei-Revieraufseher tödlich verwundet. Der Verletzte wollte einem Manifestanten eine rote Fahne entreißen und dabei wurden ihm von einer Gruppe Manifestanten sieben Stichwunden beigebracht. Es spielten sich schreckliche Szenen auf der Straße ab. Zur Hilfe der Polizei wurden die polnischen Hauswächter — Struzy — herbeigeholt und es wurde ihnen seitens des Polizeimeisters Chrzanowski — eines bekannten Antisemiten — die Anweisung erteilt, die Juden schonungslos zu behandeln. Und sie erfüllten diesen Auftrag mit dem größten Eifer. Auf dem Wege nach dem Potizei-Arrestlokal schlugen die Hauswächter auf die verhafteten Manifestanten mit Fäusten, Knütteln, Stöcken ein, so daß es kein Wunder ist, daß von den zirka 100 Verhafteten alle mehr oder weniger schwere Verletzungen haben. Vielen von ihnen wurde das Nasenbein eingeschlagen, einem wurde der Schädel zersplittert, andere erlitten Hand- und Beinbrüche. Aber nicht genug mit diesen Gewalttätigkeiten auf der Straße wurden die Verhafteten im Arrestlokäl des betreffenden Polizeibezirkes von neuem auf das schwerste mißhandelt. In der Stadt geht das Gerücht um, daß gegen zehn Juden erschlagen wurden. Das Arrestlokal war mit Blut bedeckt. Die Aerzte der Freiwilligen Nettungsgesellschaft wurden herbeigeholt und hatten gegen fünf Stunden zu arbeiten. In der Stadt herrscht vorläufig Ruhe. Man erwartet aber dieser Tage christliche Arbeiter-Manifestationen als Gegendemonstration. Am 15. Juni trat hier der Petrikmier Gouverneur Geheimrat K. Miller ein, woraus man schließen kann, daß etwas Ernstes erwartet wird. Von der Woche. Die antisemitische Presse an der Arbeit. Es ist in aller Erinnerung, daß die Schönerianer in der „deutsch-freiheitlichen Koalition", die sich anläßlich der letzten niederösterreichischen Landtagswahten gebildet hatte nnd bei den letzten Lehrerwahlen in Wien wieder in Aktion trat, einen integrierenden Vestmtdteil bilden. Die liberale Tagespresse kommt dieser alldeutschen Sippe mit einer verschämten Liebe entgegen. Wie wenig sie diese verdient, zeigt unter anderem das Verhalten des „A l l - deutschen Tagblattes" gegen die Massacres von Kischenew. Dieses Blatt, das allerdings als Milderungsgrund für sich anführeu kann, daß es unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheint, bemüht sich, das, was ihm an Ausdehnung und Informiertheit gegenüber den Tagesereignissen abgeht, durch konzentrierte Gemeinheiten zu ersetzen. Es leistet sich anläßlich der Berichte über die Versammlung im Nonacher Saale einen Satz, den wir niedriger hängen wollen und den wir den Gönnern des Schön erianisinus im liberalen Lager zum liebevollen Studium empfehlen. Das „Alldeutsche Tagblatt" schreibt: „Anläßlich der Vorgänge in Kischenew, woselbst der Volkszorn über die s y st e m a t i s ch e A n s!v n ch e r n n g der arischen B e v ö l k e r u n g S s ch i ch t e u durch die Inden heit sich in blutigen Ausschreitungen Luft machte, hatte sich auch die Wiener Sozialdemokratie zu einer Kundgebung gegen die „Greuel bon Kischenew" anfgerafft." Was sagen die Protektoren im liberalen Zentral-Wahlkomitee zu dieser Leistung?! Die bezeichnendertveise unter Anführnngszeichen gesetzten Greuel bon Kischenew haben also in den Augen des Herrn Ex-Ritters Schönerer nichts anderes zu bedeuten als daß der Äolkszorn (tvie schön teutsch das klingt!) sich in blutigen Ausschreitungen Luft machte? Man sollte eigentlich Herrn Schönerer und seine Helfershelfer um den Mut beneiden, mit dem sie die Massacres zu rechtfertigen suchen. Denn tvir müssen konstatieren, daß abgesehen von diesem Falle die antisemitische Presse, sei es in Rußland, Deutschland oder Oesterreich gegenüber diesen Massacres sich in berlegeuen Entschuldigungen ergehen. Nur diesem „deutsch-freiheitlichen" Organe war es borbehalteu, diese Bestialitäten aus der Tiefe seiner alldeutschen Gesinnung heraus zu begreifen. Und da gibt es noch immer verblendete jüdische Assimilanten, die mit dem Schönerianlsmus sympathisieren. Diese Kraftleistung Schönerers ließ Vergant nicht ruhen. Anläßlich der Tat eines Wahnsinnigen tvollte Ehren- Vergaui, tvirklicher Bürger bon Wien, ein bißchen „Kruscheivau in Wien" spielen. Dabei mochte ihn auch der Gedanke kitzeln, feinem intimen Feinde Lueger durch eventuelle Unruhen Verlegenheiten zu bereiten. So fein und würdig eines Vergant dieser Plan war, so scheiterte er doch an dem gesunden Sinn der Wiener Bevölkerung. Nein, Wien ist nicht Kischenew und verlegen zog Bergani schließlich seinen Schwanz ein. Der Herr Staatsanwalt scheint aber zu schlafen, denn wenn Vergant sich nicht in diesem Falle der Verbreitung falscher Gerüchte unter Herabwürdigung der Behörden schuldig gemacht hat, so wissen wir wirklich nicht, was fiir einen Sinn die betreffenden Gesetze haben. Oder bestehen bei uns alle Gesetze nur mif dem Papiere? m Galizische Gesetzeswächter. Graf Pminsky konnte sein Amt nicht verlassen, ohne noch eine letzte Heldentat ausznübeu. Bei der letzten Reichsratswahl in T a r n o p o b standen sich zwei Kandidaten gegenüber: Dr. Michael Landau und Dr. Dulemba; beide kandidierten ans das Programm des offiziellen Wählkomitees; trotzdem setzte die Schlachta alles in Bewegung, um die Wahl Dr. Landaus, der sich in der Bevölkerung großer Sympathie erfreut, zu Hintertreiben, aus dem einfachen Grunde, weil Doktor Landau Jude ist. Seine Begeisterungsfähigkeit für die polnische Nation half ihm gar nichts. Da aber trotzdem Dr. Landau die Mehrheit der Wähler für sich hatte, griff man zu dem landesüblichen Mittel — man korrigierte das Wahlglück. Unter bewährten Händen verwandelte sich die Majorität des Dr. Landau in eine Minorität. Doch damit nicht genug. Die Inden mußten noch eigens dafür bestraft werden, daß sie für dein jüdischen Kandidaten eingetretcn waren. Die Bezirkshanptmannschaft diktierte vielen jüdischen Kmlfleuten laut § 63 des Gewerbegesetzes hohe Geldstrafen. weil sie an den hohen jüdischen Feiertagen das Geschäft geschlossen hatten. Der 8 53 besagt nämlich, daß Geschäftsleute, die ihren Betrieb ohne Anmeldung einstellen, bestraft werden können. Dieser famose Paragraph bot nun den noch famoseren galizischen Behörden die Handhabe,.Ihn ans einen. Fall anzuwenden, auf den er paßt wie die Faust aufs Auge. D o ch setzt kommt noch das Unerwartetste. Die Betroffenen rckurierten selbstverständlich an die Statthalterei nnd diese hatte wirklich die Kühnheit, dem Rechte ein Schnippchen zu schlagen nnd die Verfügung des Bezirkshauptmannes zu bestätigen. In Gewerbesachen ist die Statthalter«! die oberste Instanz; trotzdem würden wir es für einen großen Fehler erachten, wenn die Juden Tarnopols die Sache auf sich beruhen ließen. Es bleibt ihnen noch ein G n a d e n g c s u ch a n d e n M i n i st e r d e s I n n e r n o f f e n, um diese unerhörte Entscheidung verschwinden zu mache n. Die Redaktion erklärt sich bereit, ihnen mit Rat zur Seite zu stehen. „Slovan" in Verlegenheit. Wir haben in einer unserer letzten Nummern berichtet, tvie das Wiener tschechisch-radikale Blatt „S l o b a n", welches sich für freisinnig und freidenkerisch halt, seine lobenswerten Grundsätze vergißt, wenn es sich um einen — Inden handelt und brachten eine Notiz des „Slovan", worin ein tschechisch-nationales Unternehmen an den Pranger gestellt wurde, weil es vom — Juden Deutsch Möbel auf die Bühne brachte. Der uns persönlich natürlich ganz gleichgiltige, weil uitbekannte Herr Deutsch tvnrde direkt und ausschließlich als „Jude" bezeichnet und durchaus ilicht etwa als „deutschtümeludor" Jude oder als jüdischer „Deutscher". Wir haben dieses Vorgehen des „freisinnigen" „Slovan" angeführt, um unseren Stammesgenossen darzutuu, das; im A n t i s e ul i t i s m u s sich brüderlich finden der Alldeutsche wie der freisinnige Staatsrecht-Slabe! In seiner letzten Nummer nun versucht „Slovan" die Sache so darzustelleu, als ob er den „Deutschen" Deutsch unb nicht den „Inden" Deutsch geißeln wollte, und wirft uns vor, daß wir den „Tschechen einen Hieb versetzen, Ivo ivir können" und daß ivir „ganz Israel" zum Alarm blasen, wenn jemand einem jüdischen Assimilanten auf die Hühneraugen tritt. Nun, u ns Feindseligkeit gegen T s ch e ch e u borwerfen, wo wir strengste Objektivität allen Volksstämuien gegenüber predigen, schon aus dem natürlichen Beweggrmlde, tveil ivir nur dam: gleiche Objektivität fürs jüdische Volk verlangen können, und u n s Vorliebe fürs Deutschtum tind Freundschaft für Assimilanten (!) imputieren, tvo wir feierlich erklärt haben, daß tvir bei Gegenseitigkeit aufrichtige Freundschaft jede!« fremden Volksstamme etltgegeubrittgen, nur die jüdischen Assimilanten bis in die — DDr. S t r « n s k h. Mittler. S t e r u, Scharf et tutti quanti bekämpfeir werden, übersteigt schon den zulässigen Grad des journalistischen — sagen wir —■ Manövers. Aber die Phrase des „Slovan", „ganz Israel zum Alarm blasen" zeigt die Hep-Hep-Stimmniig so deutlich, daß es schade wäre, iveitere Worte zu verlieren. Nur so viel tvollen wir dem „S t o b a u" bemerken, das; bei der hohen geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung der Tschechen die tschechische Publizistik sich gegen das Riege r'sche Testament versündigt, wenn sie dem verfolgten und gehetzten Jndenbolke nicht Gerechtigkeit nngedeiheit laßt. T!l e r e ch t und f ü r ch t e n u s; er Gott n i e m a rt d I Das sagte wohl mit Weglassung (!) der Worte „Tue recht" der große B i s m a r ck, das sagte aber ohne Weglassung der Worte mehr als tausend Jahre früher ein — Talmud-Judel Sir Ho rare Rumvold und das Ritualmordmärchen. Die Nummer der „Times" vom 0. ds. enthält einen Brief des früheren Botschafters in Wien, Sir Horace Numbold, der bekanntlich, nachdem er sich ins Privatleben zurückgezogen, seine interessanten Aufzeichnungen hermisgegeben hat, und der jetzt seine Stimme zu Gunsteu der verfolgten russischen Juden erhebt. Sir Horace Rumbold schreibt: „Ein Leitartikel in Ihrer Nummer vom 6. ds. weist mit großer Kraft und Wahrheit darauf hin, daß die grausamen Exzesse, ivelche in Kischenew slattfandeu, in großem Maße den Ritnalmord-Anklagen zuzuschreiben sind, die in neuerer Zeit regelmäßig zu Ostern in den östlichen Ländern von Europa gegen die Juden vorgebracht werden. Man empfiehlt mit Recht Herrn v. Plehwe, er möge seinem kaiserlichen Herrn aufs angelegentlichste die Promulgation eines Mas anempfehlen, in welchem „diese verbrechenerzeilgenden Geschichten" mit Autorität widerlegt werden. Die Frage des Ritualmordes hat mir vor einigen Jahren das lebhafteste Interesse eingeflößt, und dies muß meine Entschuldigung dafür sein, daß ich Ihren Raum in Anspruch nehme. Eine starke antisemitische Woge ging damals über das östliche Europa und erreichte ihre bedrohliche Höhe in der österreichisch-ungarischen Monarchie. In ihrem Gefolge kam eine Wiederbelebung der ent schliche n Fabeln über die Juden, deren Ursprung uns in die fernste Zeit des Mittelalters zurückführt. Die Religionsgenossen und Freunde der Inden in England — und sie haben nirgends mächtigere oder eifrigere Verteidiger als bei uns — waren sehr beunruhigt durch diese Auferstehung des antisemitischen Geistes, dem zufällige Verbrechen, tvie der berüchtigte Mord in Polna und ein ähnlicher Fall in Preußen, neue Nahrung zuführten. Ich war damals in der Lage, bel einem Versuch, das Wachstum dieses gefährlichen Geistes hintanznhaltcn, mitzuhelfen. Die Herren v. Rothschild, die aufgeklärten' und großmütigen Beschützer ihrer unterdrückten Brüder in der ganzen Welt, die meine alten und hochgeschätzten Freunde sind, waren an mich herangetrcten und ersuchten mich, meinen Einfluß zw Gunsten der armen Juden geltend zu machen. Ich sollte versuchen,- eine maßgebende Aeußerung von jener Seite zu erlangen, die allein fähig ist, in katholischen Ländern das Uebel wirksam zu bekämpfen. Andere teilten meine Meinung, daß es Zeit sei, an dcit Heiligen' Stuhl zti appellieren, und wenn es irgendwie möglich sei, vom Papst eine Erklärung zu erlangen, welche die Tradition', wonach die Juden zu irgend einer Zeit zum Zeremonie! des Passahfestes das Mut christlicher Opfer verwendet hätten, als eine böswillige Erfindung stempelte. Es gab ja Präzedenzfälle für ein solches Vorgehen seitens des Heiligen Stuhles. Eine Anzahl bon Päpsten,, bon Jnnocenz dem Vierten und Gregor dem Zehnten bis zu Clemens dem Vierzehnten, hatten Bullen erlassen, in welchen das' Ritualmordmärchen als falsch erklärt wurde; man verlangte also vom Papst nur,, was seine Vorfahren auf dem Stuhl Petri vor ihm getam Ich besuchte den liebenswürdigen Prälaten, der damals den Heiligen Stuhl in Wien vertrat und seitdem zum Kardinal ernannt wurde, und machte den Versuch, seine Sympathien für die Sache zu erwecken. Ich versicherte ihm, das; die hervorragenden englischen Katholiken dieselben Ansichten vertreten, darunter der Herzog von Norfolk, der stets unter den Vordersten ist, wenn es' eine edle Tat zu vollbringen gilt, und ebenfalls der seither verstorbene Lord Russell von Killowen. Der Nuntius, mit dem ich auf vertrautem Fuße stand, gab zu, der päpstliche Stuhl habe cs seit Jahrhunderten als.seine Aufgabe betrachtet, die Juden vor Verfolgungen zu schützen, aber er machte mich darauf aufmerksam, und darin mußte ich ihm recht geben, das; die Bewegung in Oesterreich-Ungarn zum größten Teile den politischen Zwecken einer gewissen Partei diene. Er versprach jedoch, die von mir erhobenen Beschuldigungen nach Rom zu melden, und gab zu, das; die Vorfälle nicht nur skandalös seien, sondern geradezu der Vernunft ins Antlitz schlügen. Ich bin überzeugt, der Nuntius hat mir Wort gehalten, aber damit endete, so viel ich weiß, die Sache, und jedenfalls ist niemals eine öffentliche Erklärung erfolgt, welche die Verleumdungen verdammt hätte, deren schreckliche Wirkung wir wieder gesehen haben. Ich möchte hinzusetzen, auch auf die Gefahr hin, das; mir bon neuem der Vorwurf gemacht wird, ich gebe Jnformatioueu preis, die ich als aktiver Botschafter gewonnen, daß die Regierung von meinem leider erfolglosen Versuch gewußt und ihn gutgeheißen hat. Wahrscheinlich wäre die Sache anders ansgegangen, ivenn England im direkten diplomatischen Verkehre mit dem Vatikan stünde, ein Mangel, den ich stets beklagt habe. Ich glaube noch immer, daß die beste Methode, um die Wiederholung der entsetzlichen Vorgänge, ivelche das Gewissen der zibilijierten Welt empört haben, hintanzuhalten, die iväre, den gütigen, hochherzigen Beherrscher bon Rußland und den ehrivürdigen und seelenguten Papst, welcher den Thron bon Sankt Peter mit solchem Glanz umgibt, davon zu überzeugen, das; nur ihre persönliche Einmischung bon befreiender Wirkung fein kann. Nur ivenn sie öffentlich nnd unziveifelhaft ihren Abscheu gegen das häßliche Märchen knndgeben, .werden die univissenden Massen in den iveniger zivilisierten Regionen des Kontinents ablassen von den Ansbrüchen einer sinnlosen, man möchte sagen teuflischen Grausamkeit. Horace Numbold." Chrom«. Inland. Oesterreichischer Zioniftentag. Der dritte österreichische Zionistentag findet am 26. und 20. Juni in Wien statt. Die Referate haben folgende Herren übernommen: Dr. Max Bernhardt, Wien, Nath. Groß, Wien. Dr. E. M. Zweig, Wien, Knltusvorstehrr Julius Bond y, Horowitz, Dr. Lndw. G o l d w a s s e r, Krakau, Mich. Berkowicz. Wien, Gustav Bader, Lemberg, Dr. Sal. Kren berge r. Wien, Alfred Weißberger, Wien. Anregungen und Anträge für die Referenten sind unverzüglich an das Landeskomitee zu leiten. Die Wahlen zum Parteitage fanden Vereins- Weise zwischen dem 10. und 18. Juni statt.

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