Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seift! 2 Wien, Freitag jüdisches Volksblatt 19. Juni 1903 Nr. 25 deren, und mit ihnen die gewagtesten und gefahrvollsten Akrobatenstückchen nusführen zu können, barg gerade für die Inden die größte Gefahr in sich. Suaviter in modo fortiter in re. in des Spruches schlechtester Bedeutung: Das war die Iudenpolitik S z e l l §. Es ist für bert Liberalismus des Szel l'schen Regimes bezeichnend, daß der einzige liberale Minister seines Kabkn°ts, Nuterrichtsminister Dr. Wlassics, nie recht zur Geltung kommen konnte und in seiner liberalen Kulturpolitik stets beengt wurde, während die antisemiteludeu Ackerbauminister Daranyi und Finanzminister Lukacs stets die Situation beherrschten und Iudenpolitik trieben. Die antijüdischen Einwanderungsgesetze, das Am wachsen der Macht der antisemitischen Volkspartei, das barbarische Verhalten der ungarischen Negierung den rumänischen Juden gegenüber, das Ueberhaudnebmen der judenfeindlichen Agrarpolitik, die Regierungserlässe gegen die jüdischen Trafikanten und Pfandleihanstaltenbesitzer, die Duldung der gefährlichsten Hetzereien der antisemitischen Presse; das sind im großen Ganzen die Spuren, welche die vierjährige Regierung S z e l l § zurückläßt. Wir haben keinen Grund, dem scheidenden ungarischen Premier eine Träne nachzuweinen. Wer durch sein Scheiden einen wahren Verlust erleidet, das hat sich in der Abschiedssitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses am deutlichsten gezeigt: Es waren dasZentrum und die Ultra klerikalen, sowie der antisemitische Flügel, die seinen Rückzug, ehrlich trauernd, am lautesten beklagt haben. Die unverhohlene Trauer, die Graf Johann Zichy im Namen der antisemitischen Volkspartei zum Ausdruck brachte, indem er es tief beklagte, daß „das Regime von Recht, Gesetz und Gerechtigkeit unter solchen Umständen enden müsse", und die Sympathiekundgebungen des klerikalen Jmpostors, Gabriel U g r o n, sind ein schwerwiegendes Verdammungsurteil des Szell'schen Liberalismus, welches durch die schmarotzerhaften Ueberschwäuglichkeiten der judenliberalen Blätter hüben und drüben, die noch an seine Wiederkehr glauben, nicht paralysiert werden können. Während diese Zeilen in Druck gehen, ist die Krise in Ungarn noch nicht überwunden. Graf Stefan Tisza ist wohl mit der Neubildung des Kabinets betraut worden, aber noch ist es fraglich, ob es ihm auch gelingen wird, ein von allen Parteien akzeptierbares Ministerium zusammenzustellen. Graf Stefan Tisza kommt, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß er nur „kommt zu gehen". Eines ist sicher: dem neuen Regierungschef wird es von vorneherein unmöglich gemacht, ein Ministerium nach seinem Ebenbilde, ein unverfälschtes T i s z a - Ministerium zu konstituieren. Graf Stefan Tisza wird nur im Wege von Konzessionen, und zwar Konzessionen auf Kosten einer wahrhaft liberalen Politik, seine Regierung antreten können, und diese Erkenntnis ist es, die uns in der Beurteilung der neugeschaffenen Lage die gebotene Reserve auferlegt. Der nachfolgende Situationsbericht gibt ein Bild über die Lage der Juden in Ungarn, wie sie der „kommende Mann" "tatsächlich vorfindet. Die Lage der Juden in Ungarn wird täglich unerträglicher. Stückum StückreißtderAntisemitismus, diesermoderne industrie. Die gegen eine fremde Gesellschaft gerichteten Angriffe und andererseits die Ermutigung anderer fremder Gesellschaften stellen einen flagranten Widerspruch dar. Wir erbitten die Intervention Etv. Majestät, damit allen fremden Gesellschaften, ob europäische oder amerikanische, der Eintritt nach Rumänien freigelassen werde." Nach dieser Darstellung der Verhältnisse, welche in Rumänien allgemeines Aufsehen erregen, wird man für die Ha l- - - tung eines Teiles der deutschen und österreichischen Presse in der Betrugsaffäre eine Erklärung besitzen, ebenso für unseren obigen Ausspruch, daß das Kabinett Sturdza sich einen mächtigen Rückhalt gesichert habe. Doch dürfte die nächste Zeit noch reich an Ueberraschungen sein. Wie sich die „Auserwöhlten des Volkes" aufführen. Die Vertreter des deutschen Edelvolkes, die Alldeutschen, und die Sozialdemokraten jammern und klagen bei jeder Gelegenheit über den rohen Ton bei den Verhandlungen unseres Abgeordnetenhauses. Da sollte man nun meinen, daß diese Parteien den übrigen mit gutem Beispiel vorangehen und stets ein gesittetes Benehmen an den Tag legen. Wie sehr aber ihre Praxis von der Theorie verschieden ist, mögen die folgenden Zeiten dartun, welche wieder eine jener wüsten Schimpfszenen schildern, an denen unser Parlament besonders in der letzten Zeit so reich war, und deren Darstellung im tvesentlichen von den offiziellen Parlamentsberichten abweicht. Abg. Ellenbogen (Sozialdenwkrat): .... Vor allem wundert es mich, daß die Herren von der alldeutschen Partei, die sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit als die wahren Freunde des Volkes bezeichnen, so sehr gegen die in Verhandlung stehende Gesetzesvorlage sind. Ich weiß allerdings .... Abg. Stein (alldeutsch): Sie wissen. an Schmarr'n, Sie Jud'l Abg. Ellenbogen: Ist das der Ton des deutschen Edelbolkes? Abg. Stein: Schmecksl Moloch, die Fetzen, welche seinen vom Schmutz und Unrat fettgewordenen Leib auch bis nun nur notdürftig bedeckt hatten, von sich und paradiert nackt und ungeschminkt durch die Städte und Dörfer des Landes, an sieb lockend alles, was dumm, niedrig und gemein ist. Der den Magyaren innewohnende und während zwei Jahrzehnte verhaltene, durch Gendarmen niedergedrückte Judenhaß ist seit dem Regierungsantritte Szells wieder frei geworden. Von „Gesetz, Recht und Gerechtigkeit" sprechen und schreiben in Ungarn nur noch die Inden, die diese Szell'sche Dreieinigkeit gegen die Uebergriffe der Antisemiten täglich — jedoch vergeblich — anrnfen. Die Situation, in welcher die Juden sich in Ungarn befinden, nimmt immer bedenklichere Formen an. Man möchte beinahe sagen, Gott sei Dank! Denn je gewissenloser die aufwieglerische Agitation der antisemitischen Presse und der Hetzkapläne wird, und je unverantwortlicher der „passive Widerstand" der Regierung diesen Ausschreitungen gegenüber erscheint, und endlich je offenkundiger einzelne Mitglieder des Szell'schen Kabinets den antisemitischen Volleitäten Vorschub leisteten, desto rascher erwacht das Selbstbewußtsein der Juden in Ungarn, das schon ganz entschlummert zu sein schien und desto näher liegt der Gedanke an die Organisation der Juden Ungarns auf rein jüdischer Grundlage. Was schadet's da, daß der „Budapester Ungarische Zionifienverein", die erste und tatkräftige jüdische "Gegenwehr gegen den magyarischen Antisemitismus, sich noch ein Feigenblättchen umhängen und, sich den Verhältnissen anpassend, sich in einer offiziellen Eingabe an den Staatsanwalt einen „Menschenschutzverein" nennen muß. Den, der die Zustände in Ungarn kennt, kann dies nicht üverraschen. Seit dem für die Judenheit Ungarns so verhängnisvoll gewordenen Kongreß vom Jahre 1807, der eigentlich keine freiwillige, sondern eine von der damaligen Regierung anbefohlene Organisation der Juden war, ist es jetzt das erstemal, daß sich die Juden in Ungarn zum Schutze ihrer eigenen Interessen organisieren und öffentlich demonstrieren. Es muß zur Charakteristik der Zerfahrenheit, welche in Ungarn herrscht, konstatiert werden, daß die zwei von einander ganz unabhängigen Demonstrationen, über welche wir hier berichten wollen, nicht vom offiziellen Judentum Ungarns angeregt oder ausgeführt wurden. Weder die beiden Landeskanzleien — diese unglückseligen Schöpfungen des Kongresses, noch die Pester Kultusgemeinde hat es für nötig erachtet angesichts der großen Gefahren, welche den Juden gesellschaftlich und wirtschaftlich drohen, energisch einzugreifen. Auf der einen Seite eine Gruppe besorgter Orthodoxen, auf der anderen eine Gruppe Zionisten: Das sind heute jene jüdischen Elemente in Ungarn, die sich wirklich um das Judentum in Ungarn kümmern, das offizielle Judentum rührt sich nicht. Die eine Aktion betrifft den berüchtigten, von uns wiederholt besprochenen Erlaß des ungarischen Finanzministeriums, die jüdischen Trafikanten betreffend. Nachdem die verschiedenen Vorstellungen seitens der orthodoxen Judenheit beim Finanzminister nichts gefruchtet haben, beschloß ein in Miskolz gebildetes Aktionskomitee für den 17. und 18. d. M. nach Budapest einen „Landeskongreß Abg. Eldersch (Sozialdemokrat): Sie hundsordin ä r e r Kerl! Abg. Stein: Ihr versteht einen Schmarr'n von deutscher Zucht und Sitte, ihr Gaukler! Abg. Perne r st orfer (Sozialdemokrat): Wenn Sie das noch einmal sagen, so erwürg' i ch S i e I Abg. Stein: Halt' die Papp'n, rotnasiger Würgengel! Der Präsident: Ich bitte die Herren, der Würde des Hauses eingedenk zu sein und sich in ihren Ausdrücken etwas zu mäßigen. Abg. Stein: Soll ich mich von einem solchen Mordsvieh beleidigen lassen? Ich . . . Abg. Eldersch: .... bekomme doch keine besonderen Diäten dafür. Die Reisediäten . . . (Heiterkeit). Abg. Malik (alldeutsch): Das war nur ein begreiflicher Irrtum des Kollegen Stein. Abg. Schuhmeier (Sozialdemokrat): So, woher wissen S' denn das? Abg. Malik: Er hat es doch selbst gesagt! (Stürmische Heiterkeit.) Abg. Seitz (Sozialdemokrat): Ja, wenn er's selber sagt, dann muß man's glauben. Abg. Malik: Sie sind ein gemeiner Mensch, mit dem zu sprechen ich unter meiner Würde finde. Abg. Schuh meier: Geh'n S' und hutsch'n S' Ihn«, Sie WurschtlI Abg. I r o (alldeutsch): Jetzt kommt der Fachmann Schuhmeier zum Wort. Abg. Eldersch: Ruhig, der Gollatschenbäck spricht! Abg. S t e i n: Ihr seid's alle miteinander Rindviecher. Hängt's euch mrf, Lausbub'nverein! Abg. Eldersch: Fahr'n S' ab l Abg. Peru er st orfer: Das tut er nicht, toeil er keine Reisediäten dafür bekommt! Abg. Stein: Potenzierter Trottel! Quadratesell Abg. Eldersch: KubikochSl Abg. Stein: Vierdimensionales Nindviech! Der Präsident: Ich muß die Herren nochmals auf das Dringendste ersuchen, die Würde des hohen Hauses zu wahren. (Es tritt endlich Ruhe ein.) jüdischer Trafikanten" einzuberufen. Wie wir mit Freuden konstatieren können, haben bis Ende voriger Woche ungefähr zweihundert Gemeinden ihre Delegierten nominiert. Es war vorn Aktionskomitee eine ebenso löbliche wie glückliche Idee, dem Kongreß nicht den Stempel einer Parteiaktion aufzudrücken, sondern als die Manifestation der gesamten Judenheit aufzufaffen. An sämtliche jüdische Gemeinden der Länder der Stefanskrone wurde der Aufruf zur Beteiligung gerichtet und es wird sich zeigen, ob unter den Juden Ungarns der Geist der Zusammengehörigkeit wenigstens dann, wenn die Gefahr gemeinsam ist, wachgerufen werden kann, oder ob auf ihn nimmer zu rechnen sei. Die Frage, über die der Kongreß zu beraten hat, ist eine wirtschaftliche und religiöse zugleich und kein Jude hat ein Recht sich von der Aktion fernzuhalten. Denn, wenn auch gegenwärtig nur die jüdischen Trafikanten die Verlusttragenden find," so wissen es die Juden Ungarns nur zu gut, daß die Minister Daranyi, Lukacs und Lang schon dafür sorgen, daß die Juden auch auf anderen wirtschaftlichen Gebieten nicht zu übermütig werden. Dieser Kongreß ist eine Feuerprobe des jüdischen Volksgeistes; möge er sie glücklich bestehen! Eine zweite Aktion geht von den Budapester Zionisten aus; sie ist mehr politischer Natur. Die Budapester Zionisten nehmen den Kampf gegen die verhetzende antisemitische Presse auf und haben, nachdem die Staatsanwaltschaft gegen diese qualifizierten Aufreizungen nicht von selbst eingeschritten ist, den ganz vernünftigen Einfall gehabt, der Staatsanwaltschaft einen Stupfer zu versetzen, sie zur Pflichterfüllung anzurufen, indem sie gegen eines jener unsauberen Blätter in aller Form die Klage erhoben. Diesmal ist es ein erst seit einigen Monaten im Verlage des „Verbandes der katholischen Vereine" erscheinendes Kreuzer-Tagblatt „Uj-Lap" („Neues Blatt"), welches inkriminiert wurde. Es ist wahrlich eine hübsche Blütenlefe, welche die Budapester Zionisten aus dem antisemitischen Moraste zusammentrugen. Wir zitieren hier nur die eine Stelle aus dem genannten Schmutzblatte, welche schon deshalb interessant und für die Auffassung der Dinge in Ungarn von Wichtigkeit ist, weil sie ein Selbstbekenntnis enthält und unsere Ansicht, daß derMagyare dem Antisemitismus nicht feind ist, nur bestätigt. Diese Stelle, welche wir der in der „Ungarischen Wochenschrift" abgedruckten Anklage entnehmen lautet: „Sieh, und wie energisch der österreichische Schwager seine Judenfrage behandelt . . . Die Ordnung ist hergestellt und die Verwaltung ist ehrlich geworden. Damit sind sie, die Oesterreicher, glücklicher und selbstständiger als wir,, denn wir können den Inden keineswegs beikommen. „Wir berichteten schon, daß beim Wiener Reichsrat ein Antrag eingebracht wurde, daß man den Juden ihre Bürgerrechte entziehen möge und außerdem auch reguliert werden sollen." „Mit Rücksicht darauf, daß man in Oesterreich keinen Spaß kennt, wenn das Interesse derselben, durch die Gegner gefährdet ist, ist es nicht unmöglich, daß, wenn auch nicht schon jetzt, aber nach 1—2 Jahren der von 20 Abgeordneten unterschriebene Antrag leicht zum Gesetz erhoben werden kann. —Wien i st sehr nahe zu uns, es kann also diese Wiener Mode Abg. Ellenbogen: Meine Herren! Wir waren soeben Zeuge, welches Maß von Roheit und Gemeinheit der Herr Stein aufbringen kann. Es ist eine .... Abg. Stein: Was, ich bin roh und gemein? Wenn S' das noch einmal sag'n, so krieg'n S' a Watsch'n, daß Jhna dreimal drinn einwickeln können, Sie Lausbub! Abg. S ch u h m e i e r: Probier'n S' das amal, dann werd'n S' so g'salz'n, daß Jhnera Bauer in a Spodiumfabrik'n kimma, Sie' w a h u sinnig e r Semaphor! Abg. Stein: Kusch, Hutsch enschleuderer außer Dienst! Der P rä s i d e u t: Aber meine Herren, vergessen Sie denn ganz, wo Sie sich befinden? Abg. Stein: Mit dem G's'mdel kann man net anders reden. Die sän ja ärger als die Pülcher v o m D r a s ch e f e l d. Abg. Malik: Man sollte Ihnen eigentlich handgreiflich kommen. Abg. P e r n e r st o r f e r: Sö nrm's Waserll Abg. Schuhmeier: Machen S' Jhna kalte Umschlag' auf Jhna Spatzenhirn. Abg. Malik: Ihr habt alle miteinander nur ein R o ßhirn in euren Schafsköpfen! Abg. Eldersch: Sö wachg'sottener Affeupoldll Abg. J r o: Ihr seids eine elende D i e b s b a g asch', die von den Arbeiterkreuzern lebt! Abg. Eldersch: Und ihr betrügt die Bauern, denen ihr den letzten Heller aus der Tasche zieht. Abg. S ch u h m e i e r: Oes seids Barrernfängerl Abg. Schönere r: Und ihr nwchtets gerne sein! Abg. Schuh meier: An Kognak, au Kognak für'n Herrn Wotan! Abg. Peru er st orfer: Der Kognak wird schlechter mit jedem Tag, wer weiß, wie das noch enden mag! Der Präsident bemüht sich vergebens, Ordnung und Ruhe zu schaffen. Das Geschimpfe wird aber immer ärger, so daß man schließlich nicht mehr zu unterscheiden vermag, wer schimpft, und sich darauf beschränken muß, festzustelleu, wer nicht schimpft. Da die Schimpforgie in Tätlichkeiten auszuarten droht, erklärt der Präsident die „Verhandlung" fiir abgebrochen und schließt die Sitzung. (Gablonzer Zeitung.)