Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I 825 Ur. 25 ^msssxsisssssssss^s^i!??. Mio«, IS. I,t»r 1903 (34. Sima« 5663). V. Jahrgang. sxssmmmaBm Die deutschen Reichstagswahlen. Die Reichstagswahlen haben den Verlauf genommen, den wir voraussaglen. Wir schrieben in der vorigen Nummer im reichsdeutschen Brief: „Die größten Erfolge winken den Sozialdemokraten, die in der Judenfrage sich auch viel anständiger benehmen als ihre österreichischen Genossen. Man erinnere sich nur an die Rede Bernsteins für die rumänischen Juden/' Besonders charakteristisch sind die Berliner Resultate. Am meisten Einfluß besitzen dort die Sozialdemokraten und die Freisinnigen. Der gemeinsame Gegner beider sind die Radauantisemiten mit der „Staatsbürgerzeitung" und ihrem Chefredakteur Br uh ns an der Spitze. Charakteristisch ist nun, wie sich beide Gruppen gegenüber dieser antisemitischen Bewegung verhielten. Die Freisinnigen wichen wie ihre deutschliberalen Gesinnungsgenossen in Oesterreich mutig vor den antisemitischen Instinkten zurück und trauten sich höchstens, getaufte Juden zu kandidieren, wobei sie sich alle Mühe gaben, die Abstammung solcher Kandidaten zu verschweigen. Sie beweisen damit, wie Recht Bismarck hatte, als er von den Deutschfreisinnnigen sagte, daß sie ebensowenig frei wie sinnig seien. Die Sozialdemokratie aber stellte nicht nur jüdische Kandidaten auf, in Berlin allein drei: Dr. Arons, Singer und Stadthagen — sondern brandmarkte auch dieses Vorgehen der Freisinnigen. Wir haben in dem „Reichsdeutschen Brief" die diesbezügliche Korrespondenz des „Vorwärts" über den Fall Dr. Arthur Edmund Adolf Joachim Bernstein reproduziert. Welchen Wert die sozialdemokratische Leitung dieser Brandmarkung zuschrieb, beweist der Umstand, daß sie in der Wahlnummer des „Vorwärts" an auffälliger Stelle in besonderer Umrahmung diese Korrespondenz wiederholt. Außerdem schreibt der „Vorwärts": Freisinnige Juden. Zu dieser Notiz in der Sontagsnummer des „Vorwärts" wird uns geschrieben: Gerade im Zusammenhang mit Ihrer: Mitteilungen über die „vor: Geburt an christliche Konfession" des Herrn Dr. Arthur Bernstein, freisinnigen Kandidaten für Torgan-Liebenwerda, Ivird die Geschichte einer anderen freisinnigen Kandidatur interessieren. Für den zweiten Berliner Reichstags-Wahlkreis war ursprünglich als Kandidat der Arzt Dr. Otto Mugdan-Berlin ausersehen. Herr Dr. Mugdan ist ei» gewandter Redner, rühriger Agitator, tm Kreise wohlbekannt — seine Kandidatur erschien aber bcu maßgebenden Kreisen seiner Partei wohl namentlich aus einem anderen Grunde empfehlensivert. Herr Dr. Mugdan hatte nämlich einige Jahre zuvor seine „von Geburt a u jüdis ch e K o n f e s s i o n" aufgegeben u n d Die rumänische Regierung und die Berliner Diskontogesellschaft. Von einer über die letzten Vorgänge im Stnrdza'schen Kabinett genau unterrichteten Persönlichkeit lesen wir folgenden Bericht aus Bukarest: Jedermann ist hier erstmnlt über die Kühnheit, mit welcher sich unsere Pseudo-Liberalell an die Macht klammern, besoilders daß das Kabinett Sturdza noch ilicht zurückgetreten ist, t r o tz d e m d e s s e n L e i t e r h a t s e l b st z u - geben m ü s s e n, die f a l s ch e n Rentenanslosnngen d e r a n l a ß t z u h a b e », und obgleich der — seit kurzem allerdings seines Amtes eilthobene — Generalstaatsanwalt Tata - i' n n u sich offen dahin ausgesprochen hat, daß die in dieser Betrugsaffnre A»geschuldigten Komplizen unter den Ministern hätten. Das Kabinett erscheint derart kompromittiert, daß es in den Angen aller derjenigen, die noch etwas ans die Reputation Rumäniens halten, die Ehre verwirkt hat. noch länger die Geschicke des Landes zu leiten. Bon welchen Intentionen indessen itnsere Minister durchdrungen sind, belveist der Ausspruch des Ministers des Innern Lascar vor den jüngst stattgehabten Distriktswahlell, daß selbst wenn das Resultat derselben der Regierung ungünstig wäre, die liberale Partei dennoch nicht die Macht abgeben werde. Allerdings hat sich die Regierilng einen mächtigen Rückhalt gesichert. Die Diskontogesellschaft in Berlin zeigte sich darüber entrüstet, daß die Agenten der Negierung die Meinung im Volke zu verbreiten suchten, die Diskontogesellschaft habe bei ihren Anleihcgeschästen mit Rnmänien letzteres besollders ansgebentet und deshalb die zugunsten des Staates borgenommenen falschen Rentenanslosnngen des Jahres 1001 als Vergeltungsbersnch zu entschuldigen seien. Es wurde deshalb der Minister des Innern Lasear nach Berlin geschickt, um die Diskontogcsellschaft zu versöhnen. Es gelang dies. Die Diskontogesellschaft erklärte sich bereit, die Beschuldigung auf sich beruhen zu lasse», wenn die Regierung dieselbe öffentlich znrückw a r aus n i ch t r e ch t e r s i ch t l i ch e n Gr ü n d e n z u m P r o t e st a n t i s in u s ü b e r g e t r e t e n. Unter diesen Umständen glaubte rnan freisiilnigerseits, für ihn eher als für manchen andereri Kandidaten auf die konservativ-antisemitische Stichwahlhilfe rechnen zu dürfen; hatte doch außerdem Herr Dr. Mugdan 1898 als freisinniger Kaildidat in Spandau-Osthavclland vor der Stichwahl erklärt, er könne seinen Wählern die Wahl des Sozialdemokraten nicht empfehlen — womit der Sieg des Konservativen Pauli in diesem Streife besiegelt war! Leider war die schöne Rechnung aber ohne die freisinnigen Wähler jüdischer Konfession gemacht, welche noch an ihrem Glauben festhalten, oder doch, wenn auch religiösfreigesinnt, doch namentlich in heutiger Zeit den Abtrünnigen keincslvegs freundliche Gefühle entgegenbringen. Sozialdemokraten werde:: ja diesen Standpunkt durchaus verstehen. (Was sagt Dr. Adler, Dr. Ingwer und Dr. Ellenbogen dazu? Anm. d. Red.) Diese jüdischen Wähler also erklärten, sie würden eher für Fischer, als für den getauften Juden stimmen — und damit war das Schicksal der Kandidatur Mogdan im zweiten Wahlkreis besiegelt. Herr Dr. Mugdan ivnrde aber bald darauf im Kreise Görlitz-Laubau anfgestellt, wo der bisherige Abgeordnete verzichtete, und wo man von freisinniger Seite den im Kreise eingesessenen Führer seines jüdischen Glaubens wegen nicht aufstellen wollte. Das Bestreben der Freisinnigen Volkspartei, sich mit den Antisemiten im Hinblick auf die Stichwahlen gut zi: stellen, dürfte übrigens auch im dritten Berliner Wahlkreise nicht ohne Einfluß auf die Kandidatenwahl gewesen sein. Seit Jahren konnte ma» hier von Freisinnigen, die in der Parteibewegung eine Rolle spieln, hören, daß bei einer demnächst eintretenden Vakanz im dritten Reichstagswahlkreise als Kandidat aufgestellt werden würde der Stadtverordnete Leopold Rosenow, der Leiter der freisinnigen Wahlagitation in diesem Kreise. Es hat ja sogar eine Zeitnngskorrespondenz, die allen Blättern zugeht, in einer Notiz über die Kandidatenaufstellung in den Berliner Kreisen vor einigen Wochen Herrn Rosenow als freisinnigen Kandidaten im dritten Kreise aufgeführt, und selbst freisinnige Zeitungen — z. B. die „Vossische" — haben diese Notiz glatt abgedruckt. Herr R o s e n o w a b e t i jt Iud c. Herr Rosenow hat sich außerdem sehr lebhaft gegen die Warenhanssteuer beteiligt — die Stimmen der antisemitischen Mittelstandsretter wären ihm also nicht zugefallen, und deswegen wurde nicht Rosenow, sondern Herr I ä g e r als freisinniger Kandidat im dritten Kreise aufgestellt, ein Mann, der auch in freisinnigen Kreisen sich der weitestgehenden Unbekanntheit erfreute. Gerade solche Leute sind ja häufig als Mischmasch-Kandidaten die geeignetsten. Man sieht, welche sonderbaren Blüten die freisinnige „Stichivahltaktik" treibt, die man mit einem unhöflichen, aber deutlicheren Ansdruck wohl besser als „Wahlmogelei" bezeichnen würde. Wie der Ausfall der Wahlen beweist, war nicht i<muaaw-n-wiiinnTT»iir■■ nnmum > nehmen werde. Das geschah. Die Diskontogesellschaft erhielt in der „Vointza Nationale:" die gewünschte Genugtuung. Aber noch etwas Weiteres Ivnrde zwischen Lascar und der Diskontogesellschaft vereinbart. Letztere versprach, ihren ganzen Einfluß d a h i n g c l tend z u n: a ch c n, daß in d erde u t s ch e n Presse die Erörterungen über die M i t s ch n l d des Kabinetts Sturdza an den falschen Auslosungen ein Ende fänden. Diesen Einfluß hat die Diskontogesellschaft denn auch alsbald a u s g e ü b t. Als Aequibalcnt wurde seitens der Regierung die Bereitlvilligkeit ausgesprochen, die bereits in einem früheren Stadium gelegentlich des Abschlusses der Konversion der 176 Millionen-Anleihe angeknüpften Verhandlungen zwischen ihr und der Diskontogesellschaft wegen Ueberlassnng der staatlichen Pctroleinnselder in einem der Diskontogesellschaft möglichst günstigen Sinne zu Ende zu sichren. Von diesem Abkommen erfuhr die Standard Oil Company. Sie entsandte schleunigst ihren europäischen Vertreter, sowie zwei ihrer kommerziellen Direktoren nach Rumänien, um trotz der Zurückweisung, die ihre frühere unter dem Ministerium Carp gemachte Offerte der Pachtung der staatlichen Petrolenmfelder noch in letzter Stunde infolge einer Heftigei: Gegenagitation erfahren hatte, zu versuchen, ob sich nicht doch irgendwie ein Arrangement treffen lasse, welches ihre Mitbeteiligung an der Ausbeutung der rumänischen Petroleumterrains sichern könnte. Die Vertreter besichtigten eine Reihe privater Petrolemnnnternehmnngen, schlossen Produktionsankäufe ab, ja gingen dazu über, sich bezüglich verschiedener in Pribathand befindlicher Terrains das Vorkaufsrecht zu sichern. Kaum lvar dies bekannt geworden, als der Ministerpräsident Sturdza sowie der Finanzminister Costineseu in einer liberalen Landesversammlung sich in äußerst heftigen Reden gegen die Arnerikaner ergingen, mit denen in Verhandlungen zu tceten aufs entfchiedenfte namens des Vaterlandes gewarnt witrde. Die beiden Minister sahen sich zu diesen Reden genötigt, da die Diskontogesellschaft sonst hätte annehmen können, die rumänische Rcgiernng treibe ein doppeltes Spiel, und da die letztere infolgedessen befürchten mußte, daß die Zeitungen erneut die falschen. nur die Anständigkeit, sondern auch der Erfolg auf Seite der Sozialdemokraten. Konstatieren müssen wir, daß sich das Verhalten der Sozialdemokraten sehr wohltuend nicht nur von der Haltung der Freisinnigen, sondern auch von dem Verhalten der österreichischen Nichtgesinnungsgenoffen in analogen Fällen absticht. Wir sehen daher auch, daß die österreichischen Sozialdemokraten durch ihre unaufrichtige ziel- und haltlose Taktik der Judenfrage gegenüber, durch das Umschmeicheln der antisemitischen Instinkte, das die „Arbeiter-Zeitung" in Salon- und die Volkstribüne" in Heurigen-Manieren betreibt, nur das eine erzielt, daß die Christlichsozialen in Wien täglich an Boden gewinnen. Dem „Roten Berlin" steht das weißnelkige Wien gegenüber. In Berlin steht an der Spitze der Parteileitung Paul Singer, der Mitglird der Berliner Kultusgemeinde ist, in Wien Viktor Adler, einst jüdisch, später katholisch und jetzt protestantisch. Die Erfolge der Sozialdemokraten sind umsohöher einzuschätzen, als sie dieselben nicht nur gegen die Freisinnigen, sondern auch gegen die Antisemiten, Agrarier und Konservativen erzielten. Die Haupthähne der ersteren sind gefallen, ein Beweis, daß dafür gesorgt ist, daß die antisemitischen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Der beste Beweis für die Niederlage der Antisemiten ist der Umstand, daß die „Staatsbürger-Zeitung" in wahnsinniger Wut den Minister Posadowsky als geheimen Verbündeten der Sozialdemokraten denunziert. Wir Juden können auch vom österreichischen Standpunkte aus mit dem Ausgange der Wahlen zufrieden sein, da die Niederlage der Agrarier einen günstigen Boden für den Abschluß von Handelsverträgen vorbereitet. Alles in allem hat die letzte Reichstagswahl gezeigt, daß die Deutschen im Reiche doch aus einem anderen Kulturniveau stehen als die Deutschen in Oesterreich. Die Krise in Ungarn. Die Demission des Kabinets Szell wurde vom Kaiser angenommen, und es liegt nahe, am Schluffe seiner Regierungstätigkeit einen kurzen Rückblick auf den Einfluß zu werfen, den die Regierung dieses Formelkünstlers auf die Lage der Juden in Ungarn geübt hat. Diese dem scheidenden Ministerpräsidenten von allen Seiten nachgerühmte Kunst, so geschickt mit Formeln han- Rentenanslosungen aufs Tapet bringen würden. Gleichzeitig mit diesen Reden wurde ein lebhafter Depeschenwechsel zwischen Bukarest und Berlin gepflogen und das Resultat war, daß der Diskontogesellschaft 2000 Hektar des besten Petroleum-Terrains des Staates überlassen und ihr auch konzediert wurde, daß die Regierung eine Pipe-Line von Cernaboda nach Constantze auf Staatskosten bauen werde. Nachdem die Diskontogesellschaft dieses Zugeständnis erhalten hatte, beeilte sie sich, das größte rumänische Petroleumunternehmen, die Steacia Romana, die stark verschuldet ist und deshalb leicht fügbar zu machen war, anzukaufen. Auch das gelang der Diskontogesellschaft, die für diesen Zweck bereits ein über 10 Millionen Francs verfügbares Syndikat in Bereitschaft hatte, an welchen: sie selbst mit 3 Millionen, die Wiener Bank mit 3 Millionen und eine französische Gesellschaft in Rouen mit 4 Millionen beteiligt ist. So weit wäre, was das deutsche Interesse betrifft, alles gut, wenn es auch nicht gerade einerlei ist, ob an der Spitze der rumänischen Staatsgeschäfte Männer stehen, die sich von dem Vorwurfe der Mitschuld an den bei den Rentenanslosnngen vorgenominenen Betrügereien nicht zu reinigen vermögen. Mit diesem Verhalten der Regierung gegenüber der Diskontogesellschaft sind aber die russischen Petroleumfelderbesitzer und ihr Anhang recht wenig einverstanden, da ihnen die Gelegenheit genommen wird, von der Konkurrenz der beiden Beiverber zu profitieren. Ihnen ist es natürlich vollständig gleich, ob sie ihren Besitz oder ihr Produkt an Deutsche oder Amerikaner verkaufen, wenn sie nur gute Preise erzielen, und sie begrüßen deshalb auch stets gern die Ankunft von Kapitalisten, gleichviel welcher Nationalität dieselben sind. In der am 3. Juni in Ploesti stattgehabten Versammlung der Petroleumexplvitenre wurde deshalb beschlossen, das folgende Telegramm an den König zu senden: „Sire! Die heute in Ploesti versammelten Petrolenmexploitenre des Distriktes Prahoba, welche die Haltung der offiziösen Presse sowie die von den Herren Derneter Sturdza rrnd Emil Costineseu gehaltenen Reden zur Kenntnis nahmen, betrachten diese »altnng der Regierung als ein wahres Unglück für die Petrolemn-