Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1903-06-12 · 24 (12.6.1903) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432970-2432994--1980-2435796
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 24 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12. Juni 1903 HM» 3 midonen Vruhus mit Entschiedenheit entgegen, so z. B. inr Wahlkreise Schtochau-Flatow, Ivo der Landrat Freiherr von Mafsenvach jede sich siegen den jetzigen bündlerischen Vertreter Hilgendorff- Platzig richtende Kandidatur als eine Schädigung des Deutschtnms bezeichnen soll, schreibt „Im deutschen Reich": Es bleibt abzuwartcn, ob trotzdem Herr Bruhn, der schon einmal seinem Redakteur Otto Böckler zum Sitzen verholfen haben soll, nun feinem geschätzten Ritualmordmärcheu-Mitarbeiter in Prechlau und Umgegend einen Sitz im Parlament verschaffen wird. lieber eine Prechlauer Wahlvcrsannntnng wurde der „Ostd. Tageszeitung" am 3. Mai geschrieben: „Herr Gutsbesitzer Wendt aus Prechlau empfahl die Aufstellung des Herrn Hitgendorff-Platzig. Die Antisemiten wurden ausgepfiffen. Wie sie mit der Konitzer Sache fischen gehen, ersieht man aus ihrem Wahlflugblatt, gedruckt von der „Staatsbürger-Zeitung" in Berlin. Es heißt da u. a.: „Das mutige, unerschrockene Eintreten der „Staatsbürger-Zeitung" für die Wahrheit ist uns allen noch aus deu Vorgängen, die mit dem Konitzer Mord in Verbindung standen, bekannt. Der Kreis, den der unglückliche Ernst Winter seine Heinmt nannte, muß (?) bei der kommenden Wahl einen Antisemiten in den Reichstag entsenden; dafür zu wirken, ist Ehrenpflicht aller derjenigen, die noch nicht vergessen haben, was durch jüdische Ränke und Tücke über uns gebracht ist und noch fortdauernd gebracht Ivird." Es wird ihnen aber alles nichts nützen. Die infame versteckte Mord-Beschuldigung ivird Herrn Böckler schon lange nicht zum Siege verhelfen." Selbst in dem Wahlkreise Friedeberg-Arnswalde, den bisher Ahlwardt vertrat, und wo Brnhn deshalb leichtes Spiel zu haben meinte, dürfte ihm die Gegnerschaft des Bundes der Laudivirte das Konzept verderben. Die „Driesener Zeitung" berichtet: „Die Nachricht, wonach Herr Bruhn auch vom Bunde der Landwirte auf den Schild erhoben worden sei, trifft nicht zu. Herr Bruhn bittet uns, die Mitteilung entsprechend zu berichtigen mit dem Hinzufügen, das; er, falls an ihn dieses Ansinnen gestellt Iverdcn sollte, es entschieden aülehnen lvürde, sich für sein späteres parlamentarisches Verhalten von dem Vorstände des Bundes der Landivirte irgendlvie Instruktionen erteilen zu lassen." Das; der Bund der Landlvirte noch Iveiter in Friedcberg-Arnswalde für Herrn Bruhn eintrcten wird, nachdem dieser ihm eine so derbe Absage hat zu Teil Iverdcn lassen, ist kaum anzunehmen. Von den Konservativen des Kreises Friedcberg-Arnswalde ist freilich, wenn man ihre Absichten nach der Haltung der amtlichen Krcisblätter beurteilt, eine solche Kurzsichtigkeit zu erwarten, umsomehr, als es konservative Reichstagskandidaten bei der Agitation in den Berliner Wahlkreisen nicht unter ihrer Würde hielten, vor dem Antisemitismus den „Kotau" zu machen. So erklärte im ziveiten Berliner Wahlkreise Professor Dr. von Weuckstern, er unterschreibe fast alle von der deutsch-sozialen Reformpartei ausgestellten Forderungen. Trotzdem ihm die anrüchigen Leistungen der christlich-konservativen Industriellen Sanden, Terlinden, Exuer, Schmidt u. a. m. genau bekannt sein mußten, konnte er sich dennoch nicht versagen, in einer Versammlung des zweiten Berliner Wahlkreises zu sagen: „Was an unserem Kapitalismus schlecht und mauchesterlich ist, das ist zu 90 Prozent auch jüdisch. Singer hat den Trick gemacht, sich an die Spitze der Arbeiter zu stellen, indem er sich sagte, einzelne seiner Stammesgenossen regieren den Kapitalisnms durch die Börse, andere den Mittelstand durch Warenhäuser usw.; wenn er nun noch die Arbeiter durch die Sozialdemokratie regiert, so sind alle Stände unseres Volkes in jüdischer Gewalt, und die Herrschaft des Judentums in Deutschland ist gesichert. Diese Tatsache festzustellen, ist kein Rassenhaß, und wenn Sie mich deshalb Judenhetzer nennen, so will ich es sein, und rnfe den Antisemiten ein Heil zu." Im 0. Berliner Wahlkreise lies; sich der frühere Kollege des Stadtverordneten Pretzel» Rechtsanwalt Ulrich, durch den Rechtsanwalt Dr. Hahn auS Charlottenburg als „unabhängiger" Kandidat und Gegner des jüdischen Kapitalismus empfehlen itnb bewies seine eigenartige „Unabhängigkeit" dadurch, das; er von dem bekanntlich von dem Kaiser selbst herruhrenden Ausdruck „Brotworten, das; sie sagen, die beste Existenzmöglichkeit für das jüdische Volk ist das A u f h ö r e n seiner E x i st e n z. Ja, bester Herr, das ist keine Lösung der Judenfrage, das ist eine Lösung der Nichtjndenfrage. Um zu erfahren, das; es den Juden ganz gut ginge, wenn sie aufhörten, es zu sein, weun sie sich taufen ließen, um dies zu erfahren, dazu brauchten wir wirklich nicht auf die Weisheit deS Herrn Kautsky zu warten. DnS wissen die Juden seit dein Mittelalter, da die Täuflinge aus ihrer Mitte zu den höchsten Ehrenstetten emporstiegen. Das sehen die Juden heute jeden Tag, da die getauften Juden rasend Karriere machen und es selbst zum Erzbischof oder zum sozialdemokratischen Abgeordneten bringen. Die große Masse des jüdischen Volkes ist aber gleich den Polen und Finnen so borniert, n i ch t darnach zu fragen: Wie gestaltet sich meine Existenz, Ivenn ich meine Eigenart aufgebe, sondern sie fragt: gibt es irgend ein Recht, mir meine Eigenheit zu rauben, und ivie führe ich den Kampf f ü r m eine E i g e n a r t a in b e st e n? Das ist unsere Judenfrage. Wir wollen aber auch dem Herrn Kautsky verraten, daß nur diese Frage das jüdische Proletariat in Rußland belvegt. Denn man läßt die ärgsten Unterdrückungen nicht deshalb über sich ergehen, iveil man die tröstliche Hoffnung hat, sich einmal mit seinen M e tz g e r n zu vermischen, sondern weil man die Kraft und die Energie in sich fühlt, trotz aller Ktschenews und trotz aller Kautslys Jude zu bleiben. Wir raten Herrn KautSky auch nicht, selbst seine Theorien den jüdischen Proletariern in Rußland zu predigen. Wenn er ihnen so ungescheut jetzt in dem Momente, wo sie leiden, deshalb, weil sie Juden sind, sagt, daß ihr Leiden vom marxistis ch e n S t a u d p u n k te nur eine Lösung zulasse, nämlich, daß sie aufhören, Juden zu sein, so würden sie ihm unisono antworten: Dasselbe sagt au ch P o b e d ci.u e s z e w, nur mit dem Unterschiede, daß er von uns nicht ein jahrzehntelanges Martyrium als Vorbereitungsstadium verlangt, sondern uns sofort in das Paradies der griechisch-orthodoxen Kirche zu führen versprichtl Was könnte Herr Kautsky darauf als überzeugter Marxist antworten) S o f e r. Wucher" zu äußern wagte: „Twr Brotwucher ist eine Phrase." Jur vierten Wahlkreise suchte der konservative Kandidat Schriftsteller Wiegner, durch Zitate aus Jesaia zu beweisen, daß die Juden nach der Weltherrschaft streben, weshalb er den Arbeitern dringend empfahl, sich für den Zolltarif 31t begeistern, den er als Schutzmittel gegen jüdische Prätensionen anzusehen schien, und von dem er sagte, daß er der ganzen deutschen Nation zum Nutzen gereichen werde. Den agrarischen Hintermännern der konservativen Klienten würde er ziveifellos nützen und dies dürfte Herrn Wegner genügen! $1 der kläglichen Haltung eines großen Teiles der konservativen Partei in dem jetzigen Wahlkampfe bildet das Verhalten der Nationalliberalen ein würdiges Gegenstück. DaS Festhalten an dem von ihnen in Sachsen mit den Konservativen und der deutschsozialen Reformpartei abgeschlossenen seltsamen.Kartell hat den von den Liberalen im Freiberger Wahlkreise den: bisherigen agrarischen Vertreter D>r. Oertel entgcgengestellten Geheimrat Luseuski veranlaßt, auf seine Kandidatur zu verzichten. Die Kartellsreunde unter den sächsischen Nationakliberaleu haben also allen Grund zu dein Jubel: „O weh, Ivir haben gesiegt!" Im ersten Meininger Wahlkreise, in dem der nationale Amtsrichter Hoßfeld von Römhild gegen die Freisinnigen agitiert, wurde auf dessen Veranlassung eine Resolution angenommen, wonach ein Zusammengehen zwischen den Nationalliberalen, dem Bund der Landwirte und den Antisemiten erwünscht sei. Diese Resolution wurde telegraphisch einer Versammlung übermittelt, in welcher der Abgeordnete Licbermanu von Sonnenberg gerade den antisemitischen Bnndeskandidaten Freiherrn von Wangenheim-Hütscheroda vorstellte. Wie wenig dankbar Liebermann für ein solches Entgegenkoimneu der Nationalliberalen ist, geht auch aus dem Wortlaut des von ihm Unterzeichneten Wahlaufrufs der deutsch-sozialen Partei hervor. Darin heißt cs ausdrücklich: „Im Kampfe gegen die Sozialdemokratie können wir keine Kartellbrüder nach dem Zuschnitt der Nationalliberaleil gebrauchen, die den Ernst der Zeit verschleiern, die das sozialdemokratische Grundübel äußerlich nach Kurpfuscherweise zurückzudrängcn suchen, statt durch Beseitigung der berechtigten Unzufriedenheit »>ld durch eine planmäßige, aber warmherzige Sozialpolitik eine gründliche Heilung anzubahnen." Mehr Selbständigkeit wld Würde bekundet jedenfalls die Zentrumspartei, die sich Iveder bei den Konservativen noch bei den Antiseiniten anvettert, und offenbar nur deshalb nicht mehr in den Bahnen Windthorsts und Liebcrs wandelt, weil sie sich nicht ausreden läßt, daß die Mehrheit der deutschen Juden den katholischen Wünschen gegenüber sich ebenso ablehnend verhalte wie die strengprotestantischen Redaktionen einiger politischer Tageszeitungen, deren Verleger zufällig Juden sind oder waren. Selbst ein sollst so tüchtig geleitetes Blatt, wie die katholische „Kölil. Volks-Zeitung", kaim sich von dem Wahne „jüdischer Kultrirkämpferei" nicht lossagen, obgleich es das Zeickrum gegen den Verdacht zll verwahren sucht, die Einschränkung der Gleichberechtigung der Juden auf seine Fahne zu schreiben und obgleich es betont, daß eine einzelne Persöillichkeit, die sich über Juden mißfällig äußere, doch nicht für eine Vertreterin des ganzen Zentrums gehalten werden dürfe. Das katholische Blatt sollte dailil aber auch anderen gegcilüber denselben Grundsatz gelten lassen und nicht, was ein einzelner Jude als seine politische Ueberzeugullg kundgibt, stets der Gesamtheit der Juden zur Last legen, die sich gewiß nicht ohne Grund oft von Aeußernngen verletzt gefühlt hat, welche die Abgeordneten Dr. Heim, Dr. Schädler u. a. doch kaum inir als „einzelne Persönlichkeiten" getan haben. Stünde die Zentrumspartei noch den Juden gegenüber ans dem vorurteilslosen Standpunkt, den sie einnähm, bevor „katholisch Trumpf" war, dann lvürde sie ihren Einfluß in Bayern rechtzeitig geltend gemacht haben, um jenen Situationswechsel zu verhindern, der sich dort nicht nur in der Schulverwaltung, sondern auch bei der in einzelnen Landesteilen ungenügend gehemmten Hetze gegen die jüdischen Metzger, besonders aber durch die Iveitverbreitete Scheu vor den antisemitischen Schimpfereien des „Bayerischen Vaterlandes" und der „Neuen Bayerischen Landeszeitung" fühlbar gemacht hat. Daß der Würzburger Redakteur des letzteren Blattes, Anton Mcmminger, dessen Aeußernngen über den deutschen Kaiser seinerzeit den Berliner Agrarier Dr. Diedrich Hahn veranlaßten, eine Bauernversammlung protestierend zu verlassen, kürzlich von der Anklage der Majestätsbeleidigung freigesprochen wurde, kennzeichnet die Stimmung in Kreisen, welche das Zentrum offenbar nicht mehr zu zügeln vermag, selbst Ivenn es versuchen Ivollte, dieselben je nach der politischen Haltung der bayerischen Juden zu leiten. Die Volkszeitung" schreibt: „Wenn nicht kirchliche Einflüsse und das Zentrum auf politischem Gebiete gebremst hätten, dann hätten Ivir in Bayern längst den politischen Antisemitismus Ivie in Oesterreich. Mögen die fraglichen Blätter sich hüten, noch länger mit dem Feuer zu spielen. Die Zentrumspresse Ivird gezlvungen, diesen Herausforderungen schärfer entgegenzurreteu. In München hat sich schon ein antisemitisches Häuflein politisch organisiert und es richtig 'ertig gebracht, daß die Zentrnmspartei bei den Gemeindeivahlen zivei Sitze verlor. Diese Antisemiten wollten ihre Macht zeigen. Wir warnen, so lange es noch Zeit ist. Ganz falsch ist es, Ivenn in der Presse die Auffassung gepflegt wird, man könne mit kulturkämpferischen Mittelchen die antisemitischen Neigungen Niederhalten". Das ist immer wieder das den Antisemiten abgelernte ledige Zentralisieren und die Verquickung der keineSIvegS kulturkämpferisch gestimmten Juden mit dem Verhalten einzelner fälschlich für „Judenblätter" ansgegebenen oppositionellen Organe! Von den liberalen Parteien ist die Fernhaltung antisemitischer Einflüsse ohne Iveiteres zu erwarten, denn für sie muß die Wahrung der Gleichberechtigung aller deutschen Staatsbürger ein Fundamentalsah bleiben. Der Freisinn verträgt sich nicht mit Rassen- und religiösen Vorurteilen; es gibt nur eine Freiheit, die alle frei macht, die jede Knechtschaft bannen hilft. In einem Artikel „Das deutsche Bürgertum" betonte die stockreaktionäre „Post", daß in Deutschland die ersten Träger liberaler Ideen einen ausgeprägt antisemitischen Zug aufzuweisen hätte». Es sei „dem deutschen Liberalismus zum Verhängnis geworden, daß er den Bund mit dem Jttdentume einging und sich von diesem an seinen Triumphwagen spannen, sein nationales Programm kosmopolitisch und semilisch! verfälschen ließ." Der „Vorwärts" schreibt: Einige Tage lang wiederholte die „Freisinnige Zeitung" die Enthüllung, die Sozialdemokratie sei antisemitisch, weil ein von ihr verbreitetes illustriertes Flugblatt den Kapitalismus mit krummer Nase darstellte. Die Freisiunige Volkspartei aber nimmt so sehr auf den albernsten antisemitischen Instinkt Rücksicht, daß sie nicht einmal jüdische Kandidaten aufzustellen wagt oder, wenn sie es tut, diese ihre ehrliche Abstammung verleugnen müssen. Ein widerwärtiges Beispiel dieser verächtlichen Feigheit bietet die „Wahlzeitung für Torgau-Liebeuwcrda, wo Dr. Arthur Verustein-Charlottenburg für die Volkspartei kandidiert. Dort heißt es: Dr. Arthur Edmund Adolf Joachim Bernstein wurde 1802 zu Potsdam geboren, evangelischer) Konfession. Er besuchte das Angusta-Gymnasium zu Charlottenburg und das Askanische Gymlnasium zu Berlin, welches er im Jahre 1878 nach abgelegtem Abitnrientenexamen verließ . . . Und im Briefkasten wird dann noch entrüstet beteuert: „Herrn W,. K. in Liebenwcrda. Aus dem oben mitgeteilten Lebenslauf des Herrn Dr. Bernstein ersehen Sie, daß es eine von gegnerischer Seite wissentlich verbreitete Lüge ist, daß der liberale Kandidat Jude sei. Dr. B. ist von Geburt au christlicher Koufession (evangelisch). Deu besten Beweis für die Böswilligkeit jenes Gerüchtes ersehen Sie daraus, daß Herr Dr. B. Mitglied der Kirchenvertretung in der evangelischen Trinitatisgemeinde in Charlottenburg ist. Jeder, der nur cinigcrrnaßen in derartigen Fragen bewandert ist, weiß, daß Dr. B. dort sogar eine führende Stellung in dev liberalen kirchlichen Bewegung einnkmmt. Mau merkt bei derartigen Ausstreuungen, die doch nur wider besseres Wissen erfolgen können, wie gefährlich unseren Gegnern die Persönlichkeit unseres Kandidaten erscheint, dessen Ansehen und Beliebtheit vou Versammlung zu Versammlung steigt, sonst ivürden sie nicht zu solchen gemeinen Verleumdungen ihre Zuflucht nehmen." Das hat der brave „Volks-Zeitungs"-Bernstein, der bis zum Tode ein treuer Jude blieb und auch seinen Sohn Arthur niemals hat taufen lassen, wahrlich nicht verdient, daß «ner seiner Söhne sich des Glaubens seiner Väter schämen und die Behauptung jüdischen Bekenntnisses als „genieine Verleumdung" empfinden würde. Fast wären wir angesichts solcher Feigheit versucht, deutlicher zu werden über „seine von 'Geburt christliche Konst ssion". Die bedrohten russischen Juden haben — wenigstens in Kiew — zu dem einzig zuverläßlichen Schutzmittel gegriffen: zu einer Organisation des Selbstschutzes und der bewaffneten Gegenwehr. Es sind jüdische Arbeiter, die die Organisation ins Leben gerufen haben. Die letzte Nummer des in Stuttgart erscheineirden Organs der liberalen Opposition, der „Oswoboschdenije" (Befreiung), macht darüber folgende Mitteilung: Wenn Plehwe gehofft hat, das revolutionäre Feuer in Rußland durch kaltblütige Massenopferung weiterer Bevölkeruugsschichteu zu dämpfen, so läßt sich schon jetzt sagen, daß er sich gänzlich verrechnet hat, daß im Gegenteil die Entwicklung der revolutionären Kräfte einen gewaltigen Vorschub gerade infolge der Ereignisse erfahren habe. Das ist ein Lichtblick in dem düsteren Bilde mittelalterlichen Volkswahnsinns und verruchter Negierungspolitik, wie es die Maitage 1903 in Rußland enthüllten. Von jeglicher Staatshilfe verlassen, wird der jüdischen Einwohnerschaft in den gefährdeten Städten die Selbstverteidigung geradezu aufgezwungen, eine Organisation der Vvlksivehr förmlich aus dem Boden gestampft. Die letzten Veröffentlichungen des jüdischen Bundes bringen auch darüber ungemein interessante N'achrichtcn aus Kiew. Hier befürchtete man ebenfalls, besonders in den Tagen um den 1. Mai, Krawalle. Gegen 30 000 jüdische Familien verlassen die Stadt. Die übrige jüdische Bevölkerung organisiert einen Selbstschutz." Ungefähr zweihundert jüdische Studenten haben sich mit Waffen, Knüppeln, Messern und Revolvern ausgerüstet, ihnen gliederten sich jüdische Arbeiter, endlich auch andere Volksgenossen an. Fast alle jüdischen Tischler und Schlosser Ivaren zeitweilig mit Anfertigung von Waffen beschäftigt. Die Reicheren gaben Geld dazu. Diese jüdische Nolkswehr ist in Abteilungen von je zwanzig Mann organisiert und den freigelvählten Komitees des Selbstschutzes unter- Jede Abteilung ist mit dem Zentrum durch Telephonleitungen und Radfahrer verbunden; in fünfzehn Minuten können, wie probeiveise Alarmierungen zeigten, größere Massen an den verschiedensten Punkten der Stadt vereinigt werden. Drei Tage und drei Nächte kam nian nicht aus den Kleidern, da man jeden Augenblick einen Angriff zu gelvärtigen Hatte. In einer großen Zahl von Proklamationen wendete sich das Komitee des Selbstschutzes an die jüdische und russische Einwohnerschaft. Unter Leitung eines Mitgliedes des Kammergerichtshofes organisierten, dem Aufruf folgend, auch die Russen Hilfskorps. Die Professoren des Kielver Polytechnikums erklärten sich bereit, das Institut und ihre Privatlvohuungen jüdischen Frauen und Kindern als Zufluchtsort zur Verfügung zu stellen, ja sollen selbst sich zu einer „Abteilung" zusammengeschlossen haben. Zur Auskundschaftung der judenfeindlichen Stimmungen und Maßnahmen trieben sich jüdische und russische Studenten, als Vagabunden verkleidet, auf den Bazaren herum, gingen in die Spelunken und übernachteten in den Nachtasylen usw. Hierbei leistete die russische Jugend besonders wertvolle Dienste, da die Juden leichter erkannt wurden. Kurz, Kielv glich einer belagerten Stadt. Am 3. Mai kam es auch wirklich zu Versuchen antisemitischer Krawalle. sie Ivurden aber sofort schon von der Polizei unterdrückt, freilich tvar in beiden Fällen die Organisation der Selbstwehr sogleich zur Stelle. Aehnliches erzählt eine jüdische Nachricht aus Pinsk: Am 1. und 2. Mai Ivaren wir mit der Organisation einer Miliz zur Selbstlvehr beschäftigt, es gelang, gegen 300 kräftige Gesellen, Zimmerleute, Fleischer, Fuhrleute und dergleichen, zu organisieren. Wir iverdcn uns bis zum Aeußersken verteidigen. * Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht zivei Protest-Kundgebungen der russischen Schriftsteller von Moskau und Petersburg stellt. Köln

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.