Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5. Juni 1903 Nr. 23 straße wäre eine noch zweckentsprechendere Mandatsaus» gefallen. Nichts kann die staatsmännische Tätigkeit Schmerlings teilung und eine bessere Berücksichtigung der kleineren besser charakterisieren als dies. Allein wir Jubcu können leider Bezirksgruppen ermöglicht. Es wird die vornehmste Aufgabe der neu konstituierten Bezirksko mmissionen sein, die ja auch schon deutliche Regungen selbständigen oppositionellen Geistes gezeigt haben, die hier dargelegte Idee der Wahl nach Bezirksgruppen zu der ihrigen zu machen und den Kahal zu einer dahingehenden Reform des schändlichen Statutes zu zwingen. Das reiche Leben, das dann zweifellos in dem jetzt schlaffen Körper unserer Gemeinde pulsieren wird, mag uns dann Trost für Kampfesmühen sein. Dr. E. M. Zweig. nicht mit cinstimmen, Schmerling habe für uns keine Spuren hinterlassen, denn niemand anderer als dieser war es, der den Voden für den derzeit üppig in die Halme schiebenden Antisemitismus urbar machte, der den Samen legte fiir die gegenwärtig in die Breite, Länge und Dichte schießende Seat. Man muß sich nur bergegeiuväctigcn, zu welcher Zeit und unter welchen Verhältnissen Schmerling zur Negierung gelangte, um die Geschicke Oesterreichs zu lenken. Nachdem Oesterreich, auf sich selbst angewiesen, bom deutschen Bundesstaate unter Einwirkung Preußens verlassen, 1869 niedergernngcn, lernt inan, in maßgebenden Kreisen endlich zur Einsicht, daß man mit dem absolutistischen System nicht weiterzukommen vermag und daß man zu einem liberalen Regime die Zuflucht nehmen müsse, um zu retten, was noch zu retten möglich. Eine der schönsten und kostbarsten Provinzen, die Lombardei, tvar uns abgenommcn worden, und Venedig, die Perle Italiens, Ivar - J inan in Gefahr, jeden Moment verlustig zu werden. Ungarn rang An die Adresse des Floridsdorfer „Bolksboten"! Das Florids-s mit aller Energie nach einem selbständigen Regime. Die Finanzen dorfer sozialdemokratische Organ suchte schon lange Gelegenheit, sich.waren zerrüttet. Anlehen konnten nur unter den drückendsten an der neuen jüdischen Organisation, dem israelitisch-politischen! Bedingungen kontrahiert werden, ein Systemwechsel erwies sich. Verein „Gleichheit" zu reiben. Wiederholt schoß es seine Pfeile Häher als ein Gebot der Notwendigkeit, zur Erhaltung der altehr- Von der Woche. auf das noch gar nicht geborene Kind ab, ein Vcivcis, wie unangenehm ihm diese Gründung ist. Leider gingen aber immer diese Pfeile daneben, und auch der neueste Vorstoß ist nicht mlr grammatikalisch verunglückt. Der betreffende Skribent sagt, daß die Wahrung der Gleichberechtigung der Inden — dies die Hauptaufgabe des Vereines — eine — gewi s s e Vcrechtigting habe — also nur eine gewisse — doch sei hierzu die Kultusgemeinde der berufenste Faktor und die Gründung eines eigenen Vereines Wohl äitßerst unnötig. Gemach. Wir müssen den „Volksboten" eines Besseren belehren. Die Kultusgemeindcn haben Kultus- und Kulturzwecke, ein direktes politisches Eingreifen ist nach dem würdigen Habsburger Monarchie. Als rettender Engel aus der Schlmnastik sich zu befreien, erwies sich keiner mehr geeignet als Schmerling, dem vom Reichsparlamente in der Paulskirchc ein freilich falscher Nimbus, ein Glorienschein anhaftete. Die seilten Nmncn tragende Verfassung war nicht warm, nicht kalt. Die Wahlorduung war darauf berechnet, deir Zentralismus fcstzulegen, den Deutschen die Führung im Staate zu sichern und von bürgerlichen und politischen Freiheiten dem Volke nicht mehr als lt n u mgänglich notwendig zu ge w äh reu, nur damit das Kind einen Namen habe, daß es heiße, Oesterreich besitze eine Verfassung, cs sei ein konstitutioneller Staat. Das hehre Prinzip Gesetze nicht möglich. Dazu bedarf es eben der Gründung von i der Gleichheit aller Bürger des Staates wurde uns Juden gegenüber politischen Vereinen. Der Verein sei, fährt der „Volksbote" fort, eigentlich ein nationaler (richtig) und „ist der Verein als nichts mrderes als ein chauvinistischer" zu betrachten. Nach dem edlen Volksbotcn ist also national und chauvinistisch identisch. Weiß denn der „Bolksbotc" nicht, daß seit dem Brüilner Parteitage in Oesterreich sechs nationale selbständige Organisationen, die deutsche, tschechische, polnische, südslavische, italienische und die allerjüngste, die ruthenische, existieren, von denen jede ihre Angelegenheit durch ihre nationalen Exekutivausschüsse erledigt? Weiß der „Volksbote" nicht, daß selbst in N i e d e r ö st e r r e i ch die tschechischen Arbeiter eine von ihren deutschen Genossen vollständig separierte Organisation haben? Und die Erfahrung hat gezeigt, daß man dadurch nur der gesamten Arbeiterbewegung Oesterreichs gedient hat. Trotzdem schreibt das offizielle sozialdemokratische Organ wörtlich, daß eine Organisation nach Religionen, Nationen, .Wahnsinn ist. Da können wir wirklich nicht polemisieren, sondern wir müssen dem verehrten Schreiber den Rat geben, erst die — sozialdemokratische Organisation zu studieren, bevor er ergrauten Männern Lehren erteilt. Der „Volksbote" schreibt weiters: „Die Wahlen haben uns ja gelernt (soll heißen, gelehrt), daß es Juden gab. von vornherein durchbrochen, in deutschen Erblandcn sowohl als auch in Galizien, in welch letzterem den jüdischen Mitbürgern der Erwerb von Liegenschaften verwehrt wurde. Die Zulassung von Juden in öffentliche Stellungen war gesetzlich ausdrücklich nicht gewährleistet und tatsächlich war es unter S ch m e r l i n g ' schem Regime keinem Juden möglich, eine Stelle als Staats- oder öffentlicher Beamter zu erlairg e ii. Schmerling war wohl kein Antisemit im gegenwärtig lcmdläufigen Sinne, er konnte u n d mochte aber die Juden nicht leiden, nicht aus Grundsatz, mehr aus dem jedem Arier angeborenen und unerzogenen Vorurteile. Es ist Tatsache, daß er mit jüdischen Politikern häufig verkehrte, sie zu Rate zog und ihren Rat häufig befolgte, daß er von ihren Fähigkeiten gute Meinung besaß und sie schätzte. Allein er konnte es nicht iibers Herz gewinnen, sie vollkommen gleichzustellen und sie als vollwertige Bürger anzuerkennen. Mit einem Worte, Schmerling war der Urtypus des Talmiliberalismus. Er hat diese Halbheit in seiner liberalen Richtung schwer gebüßt, denn er mußte es noch erleben, daß sein mühsam aufgebautes Gebäude einstürzte, wie alles, was er für die Ewigkeit zu bauen vermeinte, in die Brüche ging. Nur die fiir die christlich-soziale Bürgerpartei gegen die sozialdemo-! eines ist geblieben, ist der feste Pol in der Erscheinungen Flucht kratische Arbeiterschaft stimmten und die Zukunft wird es lernen (soll heißen lehren), daß einige Personen Mandate zu erringen hoffen." Mit Verlaub. Es ist richtig, daß im ersten Wahlkörper ein christlich-sozialer Kandidat, der kein ausgesprochener Parteimann ist und sich allgemeiner Beliebtheit erfreut, zwei, sage und schreibe zwei jüdische Stimmen erhielt. Es ist aber ferner richtig, daß im dritten Wahlkörper für die Sozialdemokraten 150, sage und schreibe hundertundfünfzig jüdische Stimmen abgegeben wurden; ohne die wäre eine Stichwahl unvermeidlich gewesen; jede Stichwahl hat ein unbestimmbares Moment, so daß man ruhig behaupten kann, daß die Sozialdemokraten den Juden den S i e g m i t z u v e r d a n k e n h a b e n. Während aber der „Volksbote" und die sozialdemokratischen Gemeinderäte in einemfort von den zwei Stimmen faseln, unterschlagen sie die hundertfünfzig vollkommen, im Gegenteil, wenn ein Jude sich an sie wendet, erklären sie, sie seien keine Judenschutztrrippe. Diese empörende Undankbarkeit hat aber vielen Juden, die mit der Sozialdemokratie durch Tick und Dünn gingen, die Augen geöffnet. Der „Volksbote" wäre aber kein offizielles sozialdemokratisches Organ, wenn er nicht zum Schlüsse eine verhüllte Drohung gegen die Juden ausstieße. „Bei den nächsten Wahlen mit den Christlich- Sozialen gegen die Jüdisch-Sozialen." So lächerlich diese Drohung ist, so muß man sie doch niedriger hängen. Wenn man nicht zu allem Ja und Amen sagt, was Schlinger und Genossen sich ausdenken, tvird sofort mit der Hungerpeitsche gedroht, das ist die Tonart der Wiener Negierungsclique. Doch hoffen wir, daß nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird; ein Blick in den I nseratenteil derselben Nummer belehrt uns, daß Genosse Schlinger jüdischen Nationaleigentümlichkeiten nicht so abhold ist. Auf Seite 9 steht folgendes Inserat: Geschäftseröffnung. Mache hiemit bekannt, dass ich Floridsdorf, Pragerstrasse 8 eine Fleischbank eröffnet habe, und jederzeit bestrebt sein werde, gutes und billiges Fleisch zu verabreichen. Achtungsvoll B. Platzer. Oder existiert dieses Interesse mir dann, Ivenn es bezahlt wird? Schmerling, der Nährvater des Antisemitismus. Die liberale Publizistik hat da in den letzten Tagen einem liberalen österreichischen Staatsmanne einen Nachruf gewidmet, 10 Jahre nach seinem Tode, dem weiland Staatsminister Anton Ritter v. S ch nurl i n g. Jedem drängt sich die Frage auf: zehn Jahre erst sind es seit seinem Hinscheiden, man möchte glauben, der Mann habe schon ein halbes Jahrhundert das Zeitliche gesegnet, denn er ist vergessen, man denkt nicht an ihn, fein Wirken als Staatsmann und Minister ist spurlos geblieben — in gewisser Richtung hat es freilich tiefe Spuren hinteclassen —• und der Vergessenheit anheimnoch derzeit: Die Schule, die er bei seinen Nachfolgern gemacht hat. In Punkto Schcinliberalismus ist Schmerling allen seinen Nachfolgern das erstrebenswerte Ziel gewesen — in der Behandlung uns Juden gegenüber. Allen Nationen, jeder Partei, werden bis ans Aeußerste das Gefüge des Staatswesens lockernde Konzessionen gemacht, cs ist kein Postulat so widersinnig, man erreicht es durch Beharrlichkeit, nur im Judenpunkt ist man von eiserner Unnachgiebigkeit. Cosi fan tuttil So waren sie alle die liberalen Ministerpräsidenten, angefangen von Schmerling, H a s n e r, Auersperg. Wiudischgrätz bis auf Koerber, jeder uns Juden gegenüber ein Fürchtegott Leberecht Biedermeier, in der Theorie, in der Praxis aber voll von Animosität. Gerade unter den konservativen Ministerien war es den wenigen im Staatsdienste befindlichen Juden gegönnt, in höhere Raugsstufen zu gelangen und sich als tüchtige Beamte Geltung zu verschaffen. Da es von anderer Seite nicht geschehen, so soll an dieser Stelle die Judenseite des Regimes Schmerling für alle kommenden Zeiten festgelegt werden als memento mori für die Lenker der Geschicke Oesterreichs, denn der Judcnpunkt ist die Stelle, über die sic alle stolpern. Noch ein Kapitel über die Geschworenengerichte. Wir haben in unserem Blatte schon wiederholt über die Wandlungen berichtet, die die Institution der Geschworenengerichte im öffentlichen Urteile durchmacht. Die Urteile österreichischer Geschworener über politische und Ehrenbeleidigungsdelikte sind oft unglaublich, ihre Voreingenommenheit tritt nackt zutage. Man denke an den Polnaer Prozeß, wo sich in der Frage-Beantwortung der ehrenwerten Herren ganz deutlich ausdrückte, daß die Geschworenen von der Annahme eines Ritualmordes mlsgegangcn waren. Die Leser erinnern sich noch an den Ehrenbeleidigungsprozeß Gregorig — Wiener Tagblatt. Als der Hauptangeklagte vor der Urteilsfällung in begreiflicher Aufregung im Korridor auf und ab ging, trat ein Geschworenen, der ihn nicht erkannte, auf ihn zu und sagte ihm: „Na, heut' werden wir den Juden gut eintunkcn l" „Der Jud' Bin ich I" sagte darauf der Angesprocyene. Natürlich suchte der Geschworene sofort einzulenken; aber das Verdikt der Geschworenen bewies, daß sie den Juden gut „eingetunkt" hatten. Neuerlich ist in Wien ein christlich-sozialer Journalist namens König, der sich eine geivisse Unsterblichkeit dadurch gesichert hat, daß er von einem gewissen Shakespeare eine Berichtigung aufnahm, des Inhaltes, daß „Der Kaufmann voic Venedig" nicht von Grillparzer, sondern von ihm sei, einem jüdischen Kläger gegenübergestanden unb wurde von Ehrenbeleidigungen, derentwegen ihn jeder gelehrte Richter verurteilt hätte, frcigesprochen. Die „Extrapost" schreibt darüber: Nichtig ist, daß Geschivorene Preßsachen überhaupt weniger skrupulös beurteilen. Mehr als in anderen Delikten urteilen in solchen die Geschworenen mehr nach ihrem Gefühl als nach ihrer Ueberzeugung. Im allgemeinen sprechen sie überhaupt lieber frei und wenn einer der streitenden Teile ihrer persönlichen Sympathie näher steht als der andere, hat er leichteres Spiel bei ihnen. In solchen Fällen hört eben das Schtrmrgericht auf, eilt Gericht zu fein, und das ist der hohen Achtung, die in Oesterreich allgemein den richterlichen Aemtern entgegengebracht tvird, nicht zuträglich. Darum wird es eine sehr ersprießliche Aufgabe des neuen Preßgesetzcs sein, die Preßdelikte der Rechtssprechung der Schwurgerichte teilweise zu entziehen. Es wird ganz zweckmäßig sein, Ehrenbcleidigungssachen dem gelehrten Richter zu überweisen, der in solchen Dingen ohne Airsehen der Person zu urteilen gewohnt ist und sich von Persönlichem nicht beeinflussen läßt. Solange diese Reform aber nicht durchgeführt ist, müssen die Juden auf dem Standpunkte stehen, daß antisemitische Jourualisten sie überhaupt nicht beleidigen können. Es ist einfach lächerlich, wenn Juden heutzutage den Schutz ihrer Ehre bei christlich-sozialen Geschworenen suchen. , Ottolenghi-Gofrlcr-Pittreich f. Der deutsche Kaiser Wilhelm der Ziveite, einer der mächtigsten Potentaten, hat dem Kriegsminister des Königreichs Italien, Ottolenghi, das Grohkrcuz des Roten Adler-Ordens verliehen, wohl der erste Fall im Hause Hohenzollern, daß einem jüdischen Militär, der dazu noch Kriegsminister ist, eine der höchsten preußischen Ordensdekorationen verliehen worden wäre. Der deutsche Kaiser zählt zu den wenigen von der Natur begünstigten Menschen, die denken und dazu noch logisch denken. Er ist ein selbständiger, impulsiver Charakter, huldigt modernen Anschauungen, ist Neuerungen und Reformen nicht abhold und weisen Ratschlägen nicht unzugänglich. Kurz gesagt, er ist ein vernünftiger, mit sogenanntem Mutterwitz begabter Mensch. Allein so gottbegnadet ist er nicht, daß er das Vorurteil der Erziehung und des Milieus, in dem er aufgewachsen, großgezogen worden und sich zeitlebens bewegt, hätte abzustreifen vermocht: In dem großen Staate Preußen, in welchem Wilhelm der Ziveite König ist, kann es ein Jude in der stehenden Armee nur in den allerseltensten Fällen zum Unteroffizier bringen, das Avancement zum Offizier ist ihm aber versagt. Er wird nicht würdig erachtet, das goldene Portepee zu tragen, während sich jüdische Soldaten im deutsch-französischen Kriege anno 1870 haufcniveise das Eiserne Kreuz, die höchste Auszeichnung für Tapferkeit auf dem Schlachtfelde, vor dem Feinde crivorben hatten und vielfach von ihren Höchstkommandierendcn für ihren bewiesenen Mut, für ihre an den Tag gelegte Bravour lobend hervorgehoben ivorden sind. Woher dieser Widerspruch, diese Inkonsequenz? Sic ist nur in den eigentümlich rückständigen, verrotteten Ansichten und Anschauungen zu suchen und zu finden, die in puncto Juden herrscht — tont commes rhez nous — im Staate, das einen Kant zu seinem ausgezeichnetsten Landeskinde mit Recht sich rühmt und rühmen darf. Der herrschenden Gepflogenheit und Etikette gemäß ist cs zweifellos, daß der deutsche Kaiser bei Verleihung des Großkreuzes eines preußischen Ordens sich die Zustimmung oder Wohlmeinuug seines Kriegsministers einholte, wenn diese Auszeichmnrg nicht gar über Vorschlag des letzteren erfolgte. Herr von Goßler, der Chef der Kriegsverwaltung Preußens und des Deutschen Reiches, wie denkt er wohl über die Verleihung des Großkreuzes eines preußischen Ordens an einen Juden, an einen jüdischen Militär und noch überdies Kriegsministerl Nun ist Generalleutnant Ottolenghi freilich der Kriegsminister eines Staates, mit dem Preußen nicht nur befreundet, mit dem man überdies noch in innigster Allianz verbunden ist. Eine Inkonsequenz, eine Inkongruenz mit den in Preußen bestehenden Anschauungen gegenüber den Staatsbürgern jüdischer Konfession in puncto Militaribns besteht demnach und ist nicht aus der Welt zu schaffen. „Erkläret mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur". Ad vocem Oesterreich! Auch Oesterreich-Ungarn steht mit dem Königreich Italien de jure et de facto in intimster Allianz und ist der Dritte im Bunde mit Preußen und Italien. Nachdem Preußen dem Kriegsminister des mit ihm alliierten italienischen Staates eine so hohe Ordensauszeichnung verliehen, müßte auch folgerichtig Oesterreich mit einer gleichen Auszeichnung Vorgehen, schon deshalb, um zu markieren, daß die Beziehungen Oesterreich- Ungarns zu Italien die gleich kordialen sind und daß die Ausstreuungen, als würde Oesterreich-Ungarn nur der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, dem Dreibünde angchören, nicht den Tatsachen entsprechen. Allein da scheint man sich auf dem Holzwege zu befinden. Mit Feldmarschall-Leutnant P i t t r c i ch scheint in das graue Haus am Hof nur ein neuer Mann, nicht auch ein neuer G e i st eingczogen zu sein. Uns Juden, beziehentlich der Juden in der Armee gegenüber, scheinen tute unter dessen Vorgänger Feldzeugmeister Krieghammer -die gleichen, rückständigen, verrotteten Anschauungen Oberwasser behalten zir haben. Kriegsminister Pittreich hält lange nicht, was der ihm vorangegangene Ruf versprochen hatte. Ob er es wohl übers Herz getvinnen würde, dem Kollegen der seinem Kaiser intimst befreundeten Macht herzhaft die Hand zu drücken?! Ein Trost bleibt uns Juden: Der Jude Ottolenghi als Kriegsminister eines aufstrebenden Großstaates, der in seiner Fortentwicklung Riesenschritte macht, ist ein lebendiger P r o t e st gegen den stets tiefe re Wurzeln fassenden Antis e m i t i s m u s in O e st e r r e i ch und Preuße n. Die Tage des alten Hauses am Hof, des Kriegsministeriums, sind gezählt, ein neues Heim soll der österreichischen Kriegsverwaltnng erstehen, das Alte fällt und neues Leben sprießt ans den Ruinen, und so wollen!vir uns mit der berechtigten Eclvartung trösten, daß daun auch ein neuer, sortschrittlicher Geist in dasselbe einziehen tvird, dem Vnterlatide zum Glücke und den Juden zum Heile! Chronik. Inland. Gin mißglückter Vorstoß der Sozialdemokratie. . Da man in den Kreisen der sozialdemokratischen Parteileitung das Gefühl hat, daß die Partei durch die Haltung in der Frage der Sabbathruhe sehr viele Sympathien in jüdischen Kreisen verloren hat und die Mandate Daszynskis und Ellenbogens deshalb gefährdet seien, besann man sich rasch auf das Unglück von Kischenew und wollte durch eine Demonstration die verlorenen Sym-