Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2432970-2432992--1964-2435778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 22 Wien, Freitag Jüdisches Volksblr.H 29. Mai 1903 ite 5 wordene Binder behufs Einschveiönnq in die Schulen vor Beginn des Schuljahres, insbesondere seit der Einberleibung der Vororte, derart zahlreich sind, das; das Matrikelaint der Israelitischen Kultnsqemcinde denselben nicht sofort Nachkommen kann, werden die Eltern nslv. in ihrem eigenen Interesse erinnert, > schon jetzt solche Dokumente zu bestellen »nd auch in Empfang zu nehmen. Vom ln. Juli ab tonnen die erlvähnten Dokumente nicht r>or drei Dagen nach der Bestellung behoben werden. Die Anitsslnnden für den Parteienverlehr sind von!Z bis 12 Uhr borrnittags. Der Wolf im Schafsfell. Vergani ist durch seine Ernennung zum Bürger der Stadt Wien wahrscheinlich in so gute Lauue versetzt worden, daß er humoristisch wird. In der Nummer vom 22. d. leistet er sich folgende Sätze: „Man wirft uns Antisemiten eine Politik des Hasses vor! (Wirklich? Gibt es wirklich Menschen auf dem Erdenruude, die den Antisemiten eine Politik des Hasses vvrwerfen? Das ist unerhört! Wir sind dafür, daß solche Individuen verurteilt werden, solange das „Deutsche Volksblatt" zu lesen, bis sie erklären, daß dieses edle Blatt stets für Liebe, Eintracht und Versöhnung eintritt.) Haben wir Rabbiner vertrieben, sind wir in jüdische Tempel eingebrochen? (Allerdings, in Tempel sind Antisemiten bis jetzt nicht eingebrochen, weil es dorten wenig zu holen gibt. Viel lieber brechen sie in jüdischen Banken ein). Nein, wir sind duldsam (!), wir sind bescheiden (!), denn wir wollen nichts als die Gleichberechtigung mit den Juden, die man uns weg e s k a m o t i e r t li a t. (In diesem Punkte stimmen wir Herrn Berg au i gerne und aus vollem Herzen bei. Wir wünschen ihm und seinesgleichen nichts anderes, als bei allen Aemtern, Behörden, beim Militär und im öffentlichen Leben dieselbe Behandlung zu erfahren, wie die Jude n. Das wäre auch der einzige Weg, um diesen Herren endlich zum Bewußtsein zu bringen, welchen Namen eigentlich ihre Politik verdient. Im übrigen werden lvir uns nicht die Gelegenheit entgehen lassen, bei passenden Anlässen, eventuell bei der Beratung des AntragesH erzog — Ehren-Berg an i daran zu erinnern, daß er für die Gleichberechtigung der Christen mit den Juden eintreten will. Wir sind neugierig, mit welchen jesuitischen Spitzfindigkeiten sich der jüngste Bürger von Wien heranswindeu wird.) General - Versammlung der „Chewra- Kadischa," Sonntag, den 17. Mai 1903, fand uft Festsaale des Hotel „Kontinental" eine außerordentliche General- Versammlung der „Chewra-Kadischa" mit der Tagesordnung „Mitteilung von der erfolgten Statnten-Aendernng und „Wahl von drei Vorstandsmitgliedern" unter Vorsitz des Ärze-Präsidrnten Herrn Dr. phil. et jur. Markus Spitzer. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in welcher er die Anwesenden, imsbesondere das Ehrenmitglied Herrn Rabbiner Dr. Adolf Schmidl und den Präsidenten der Kultusgemeinde Herrn kaiserl. Rat Heinrich Kling er wärmstens begrüßte, und letzteren für die bei jeder Gelegenheit bestätigte Förderung der Interessen der „Chewra-Kadischa" herzlichsten Dank abstattete. Herr Vize-Präsident widmete dem vor Kurzem dahingeschiedenen Präsidenten der „Chewra- Kadischa" Herrn Moriz K a r p e l e s einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er der edlen Herzenseigenschaften, des echt jüdischen Empfindens und der hervorragenden Verdienste des Verblichenen um die „Chewra-Kadischa", rühmend gedachte, die Versammlung ehrte das Andenken des Heimgegangenen Präsidenten durch Erheben von den Sitzen und wurde diese Kundgebung ins Protokoll ausgenommen. Sodauu besprach der Vorsitzende die wesentlichen Neuerungen der geänderten Statuten. Diesfalls ist besonders hervorzuheben, daß an Stelle der Kranzspenden zur Ehrung der Verstorbenen milde Gaben für die wohltätigen Vereinszwecke treten sollen, daß der Vorstand für die unentgeltliche Zuweisung einer Grabstätte auf der Zahlabteilung für mitellos verstorbene Vereinsmitglieder und für ein würdiges Leichenbegängnis Sorge tragen wird, ferner auf die nunmehr statuarisch festgelegte Institution der Delegierten, deren Aufgabe es ist, die Erfüllung der rituellen Gebräuche und Vorschriften zu überwachen und dem Verstorbenen — auch dem ärmsten der Armen — die letzte Ehre zu erweisen. Redner verweist schließlich aus die wichtige Neuerung, daß außer den kooptierten Vorstehern drei Vorstandsmitglieder durch die General-Versammlung zu wählen sind, und gibt der Ueberzeuguug Ausdruck, daß die geschaffenen Reformen zur ferneren Entwicklung der „Chewra-Kadischa" beitragen und es unter reger Anteilnahme der Mitglieder ermöglichen werden, die idealen Aufgaben der „Chewra-Kadischa" durch Uebung religiöser Liebeswerke und durch Unterstützung armer Glaubeusbrüder in erhöhtem Maße zu erfüllen. An der über den Bericht des Vorsitzenden entwickelten Debatte beteiligten sich die Herren: Jacques Weiß, Dr. Arnold Ascher, Arnold Fuchs, Jakob S. Straßberg, Jakob Ripp er, Med. Dr. Ignaz Weiß, Gemeinderat Donat Z i f f e r e r, Kultusvorsteher Salo Cohn und Dr. Marcell H o f m a n n. Herr Dr. I. S. Bloch widmete den Märtyrern von Kischenew Worte des Gedenkens und regte eine Sammlung zu Gunsten der Hinterbliebenen in der General- Versammlung an. Sodann wurde zur Wahl von drei Vorstandsmitgliedern geschritten. Das unter Zuziehung der Herren S. B r o d und Adolf S ch r a m e k vorgenommenen Skrutinium ergab die Wahl der Herren: David Ritter v. G u t t m a n n, Jakob Kann, S. Steiner. In der am 20. Mai 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rat Kling er abgehaltenen Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien wurde der Trauer und Entrüstung über die entsetzlichen Vorkomnisse in Kischenew Ausdruck gegeben und einhellig beschloffen, aus Gemeindemitteln einen Beitrag von 10.000 Kronen für die Hinterbliebenen der ermordeten Glaubensbrüder in Kischenew zu widmen. Gleichzeitig wurde der Beschluß gefaßt, sämtliche Gemeinderabbiner zu ersuchen, am Schewuoth-Feste der Opfer der traurigen Ereignisse in Kischenew zu gedenken und einen Appell an die werktätige Hilfe der Gemeindemitglieder zu richten. Der Europäische Bund jüdischer Studenten für die rumüuische„ Juden sandte im den Lordmayvr von London anläßlich der Ablehnung der Venn Petersburger Iiibiläums-Komitee an ihn gerichteten Einladung nachstehendes Telegramm: „Seiner Hoehwohlgebore» dem Lordmavor Herrn Marens Sainnel in London. Hingerissen von Ihrer einzig dastehenden Tat gegcnnver r n s s i s cb e r » n d r n in ä n i s ch e r B a r b a r c i spricht der Europäische Bund jüdischer Studenten'Verbindungen für die rumänischen Juden seiuein teiichtendeu Vorbilde für sein nueutivegt mannhaftes und treues Eintreten für die unglücklichen Stammesgenossen Dank und Bewunderung ans. Bar .stvehba-Wien, Bar Koehba-Prag, Bar Kochba-StaiiiSlaü, Bar Kochba-Tarnopol. Bar «Rwra-Wieii, Charitas-Graz, Emimah-Lemberg, Erez Israel-Wien, Hasmonäa- Bertin, Ivria-Wien, Kadimah-Wien, .Nadimah-Beru, Leo Pinsler- Wien, Lese- und Redehatle-Wien, Lese- und Rcdehalle-Brüiiii, Libanoina-Wien, Makkabäa-Wie», Przedvost, Hasehaehar Krakau, IlnitaS-Freiberg i. S., Verein jüd. Studenten Berlin, Verein jüd. Studenten Bresta», Verein jüd. Studenten München, Verein jüd. Stiideiiten Straßbnrg, Verein zionist. Hochschiller Snezawa, Zephirah-Czeriiowitz." Am 30. ds. finden in Ezernowitz, sotvie in den linderen Städten der Bukowina und OstgaligienS große Monstreversammlnngen statt, in denen nebst der rumänischen Iudenfrage auch die Kl sehe ne wer Vorgänge besprochen iverden. (Wie — Andere imtionalsiotz sind.) Die Assimilationsjnden, die glücklich ffub, wenn man sie anstatt als Inden als Deutsche oder Tschechen nimmt oder, richtiger gesagt, v o n ihnen nimmt, sollten sich ein Muster nehmen an dem. Vorgehen eines echten Deutschen, welches der „Slovan" also bespricht: Durch Oberflächlichkeit der Redaktion eines die Namen der in Wien lebenden Tschechen enthaltenden Sainmeliverkes sind einige Deutsche irrtümlich als Tschechen angeführt worden, an welche der „Slovan" Epemptare versandte. Unter anderem erhielt der „Slovan" folgende Unschrift: „Ihre Zusendung tvanderte in den Papierkorb. Ich erkläre es für eine G e m e i n h c i t, tvenn Sie mich, einen Deutschen, für einen Tscheche» erklären. Achtungsvoll A. Stauda." Ob^ die Herren Dr. Stern, Dr. Mittler. Dr. G. Hohn, Donat Zisserer, Rudolf Anspitz nsiv., die alle nach Geburt, Aussehen oder ^prachllang gute Inden sind, es jemals als eine „Gemeinheit" erklären iverden, tvenn man sie für Deutsche hält oder auch nur zu hatten vorgibt. Wir würden ihnen empfehlen, diesfalls so vorzugehen, tvie es Dr. W . . . . tat, als er jüngst vom im 9. Bezirke Wiens neugegründeten Denk f eh -Forts ch r i i 11 i ch c n N c re i it e eine BetrittSeinladung erhielt. Er sandte sie zurück mit der Bemerkung: „Da ich ein Jude bin, kann ich lein Deutscher sein! und protestiere gegen die Zumutung, das; ich mich an die Rockschöße einer fremden d. i. deutschen Nation anklammern solle."*) > Als derselbe in Böhme» gebürtige Jude vor Jahresfrist vom Ver- \ eine der Deutschen in Böhmen die Aufforderung erhielt, seine tite-; rarisehen Werte in das Verzeichnis der Deutschen in Böhmen ein-! reihen zu lassen, hat er in ähnlicher Weise ablehnend geantwortet.! Leider ist ein solches n a t i o n a t b e!v u s; t e s Vorgehen unter den! Wiener Juden eine Seltenheit, trotz der Fußtritte, die die! M e h r h e i t der Deutschen in Oesterreich den Juden in so reichem j Maße angedeihen ließ. Heil! Heut? Ben-Aman.! (Kaiser Frn»z Josefs-Ferienheim.) Ta für die diesjährigen! Kolonien des Vereines „Ferienheim" bereits über 1000 Kinder an-! gemeldet sind, sieht sich der Vereinsvorstand veranlaßt, die Anj Meldungen mit dem 22. ds. abznschließen. | ipi halten und sich nicht erst bei solchen traurigen Anlässen als j National-Juden zu bekennen (gewöhnlich nur wenn man Juden schlägt, erinnern sich die Inden; bevor man schlägt, Hilst kein ^Predigen), haben das hiesige jüdische Publikum zur Einigkeit und Organisierung begeistert. Während der Traueraudachten waren die jüdischen Handlungen geschlossen. Auch Sammlungen für die Waisen in Kischenew und zur Kolonisation in Palästina wurden von der akademischen Jugend vorgenommen. Der Verein „Schomer Israel" hat beschlossen, an den Lordmayor von London, Sir Markus Samuel, aus Alllaß dessen Ablehnung der Einladung der Munizipalität in Petersburg zur Feier der 200jährigen Gründung der Stadt Petersburg — f:ir dessen jüdisches Herz — wegen Massacre der Juden in Kischenew, ein Danksagungssckreiben zu rechten. J. H. (Ucker die Vorfälle in Kischenew. Ans P rag ivird uns geschrieben: Sonntag den 17. ds, fand eine vom Jüdischen Volts- Verein „Zivn" einbernfcne Versammlung statt. Die Tagesordnung war ein Referat deL ObmaimeS Herrn MUDr. Hohn über die Vorfälle in Kischenew. Der große Saat des Hotel „Central"!var bis ans den letzten Platz gefüllt. De» Vorsitz führte Herr Lissa». Herr Dr. Hohn schilderte in seiner trefflichen Rede die leider zn gut bekannten Vorfälle, und znm Schlüsse tai» der Redner ans das Jahr 1897 zu sprechen, indem er erwähnte: Aber auch noch ganz anderes lernen lvir ans diese» Ereignissen. Unser Sicherheitsgefühl ist unbeivnßt durch diese Exzesse geschivächt. Was in Hischenelv geschehen ist, kann zwar bei uns nicht geschehen. (Widerspruch, Oho-Rufe.) Nichts daß die Plünderer ans den Dezembertagen von 1897 nicht auch ähnliches hätten durchführen können (Zustimmung), aber solche Behörden sind bei uns undenkbar. Wird aber nicht auch gegen uns tagtäglich in den Spalten gewisser Blätter in Wort imd Schrift' gehetzt? (Rufe: Jawohl! Und wie!) Ist nicht der wirtschaftliche Bonlött gegen uns in vollem Gange? Wird nicht sogar die parlamentarische Tribüne dazu benützt, den Judenhaß 'öffentlich zn predigen tind macht man nicht durch den Antrag Herzog den Versuch, uns die Gleichberechtigung als Menschen — nicht als (Staatsbi'irger, denn dieser steht ja bloß ans dein Papiere (stürinische Zustimmung) — zu nehmen? In welchem Lager imnier wir standen, iitid was intmer wir mitarbeiteten an dem Fortschritte tind der Fortentwicklung der Menschheit, nirgends ward tins Anerkennung und Achtung. J'Jceml Als Inden haßt, als Inden verfolgt man tins. Nun endlich iväre es denn doch Zeit, daß wir atis diesen Geschehnissen die einzige Konsequenz ziehen und das; lvir nichts anderes sein wollen als Inden (stürmische Zustimmung), daß wir für nichts arbeiten, als für die jüdische Sache, keinem zu Leide, den Inden aber znm Wohl und zum Heile! (Langanhaltender stürmischer Beifall.) Nach Dr. Kohn erhielt vom Vorsitzenden Herr IUDr. Teller das Wort, der in tschechischer Sprache sein Referat über dasselbe Thema hielt und schließlich die Anwesenden ermahnte, sich der neuen Strömung, dem Zionisrmls znznwenden. Auch dieser Redner erntete verdienteit Beifall. Sodann wurde die Bersammlnng geschlossen. Die eingeleitcre Sammlung ergab eine namhafte Summe für die Geplünderten von Kischenew. S. L. AusiEd. Gortice. (E i n e P r o t c st versa tu tu l n n g gegen die V o r g ä n g e i n K i s ch e n e w.)?lm 20. ds. um 6 Uhr abends fand hier eine Volksversammlung statt, um gegen die mörderischen Vorfälle in Kischenew zn protestieren. Die Versammlung war stark besucht, tind die Lokalitäten der KultnSkanzlei waren zum Erdrücken voll. Nachdem Herr E. Weiß unter einhelliger Zustimmung zmn Vorsitzenden gewählt wurde, nahm Herr Lazarus Landau, der Initiator der Versammlung, zur Erstattung des Referats das Wort. Tiefe Stille herrschte, als der Referent mit eingehenden, tief empfundenen Worten die Greueltaten, die Morde, Räubereien und Plünde''>niaeit schilderte, welchen unsere armen, unschuldigen Brüder in Kischenew durch zwei Tage ausgesetzt waren, ohne von den Behörden oder sonst jemand geschützt zu werden; auf den Gesichtern der Bersamelten malte sich. Schmerz und Entsetzen ans, und aus den Augen aller leuchtete ein tiefes Mitgefühl für die unschuldigen Opfer russischer Brutalität rmd Mordgier. Nachdem, das Referat zu Ende war, rinterbreitete der Referent der Versammlung folgende Resolution: „Die Versammlung verurteilt mit tiefer Entrüstung die unter den Augen der russischen Regierung an den unschuldigen Juden in Kischenelv begangenen Morde, Räubereien und Plünderungen und spricht die tiefste Verachtung denjenigen aus, tvelche durch Ausstreuung falscher, niederträchtiger Lügen diese Greiieltaten hervormefeu und tolerierten. Die Versammlung sendet Ausdrücke wärmsten Beileids an die unschuldigen Opfer russischer Bestialität tind Mordgier, indem sie gleichzeitig anffordert, Geldspenden für diese armen Opfer zu sammeln." Diese Resolution wurde einstimmig angenommen und ein sechsgliedriges Komitee zur Sammlung von Spenden gewählt, linier den Provinzstädten Galiziens — svweit bekannt ist — ist unsere Stadt die erste, welche zu dieser tieftraurigen Frage Stellung nahm, tmd die heutige Versammlung zeigte zur Genüge, welches tiefe Mitgefühl bei uns, obgleich auch lvir nicht auf Freiheitsrosen gebettet sind, für die unglücklichen bedrückten Inden zu finden ist. Es mögen daher sämtliche Städte und Städtchen Galiziens unserem Beispiele folgen und durch derartige. Aktionen einerseits die Not der Unglücklichen lindern, andererseits gegen die unerhörten, jedem Menschcngefühl hohnsprechenden Freveltaten entrüsteten Protest einlegen. D e s i d e r H a r l i g. Krakarr. (Gegen dasGesetz über dieSonnt a g s r u h e.) Hier fand eine Versammlung jübischer Kauflente unter dem Vorsitze des Kultus-Präsidenten De. Leo H o r o w i tz statt. Die Versammelten erklärten, daß sie die Interessen der jüdischen Kaufmannschaft, welche beinahe 70 Prozent des galizischen Handelsstandes bildet, durch die projektierte Aenderung des Gesetzes über die Sonntagsruhe sehr gefährdet sehen, und beschloffen, wenigstens eine sechsstündige Verkaufszeit zu verlangen und eine diesbezügliche Resolution an den Polen-Klub und die polnischen Abgeordneten zu senden. Aus Lemberg. In allen Synagogen sowohl als im Tempel wurden am 21. d. M. Trauerandachten für die jüdischen Märtyrer in Kischenew abgehalten. Als die zionistischen und Handwerker-Vereine rmd die akademische Jugend korporativ und demonstrativ mit Trauerfahnen mit dem Motto „Trauerkundgebung für die ermordeten Juden in Kischenew" aufmarschierten, wurde trotz der berittenen Polizeimannschaft die Ordnung aufrechterhalten. Der gestrige Trauergedenktag wird im hiesigen Archive ausgezeichnet werden. Besonders die eminenten Trauerreden der Rabbiner S ch m e l k e s und Dr. Caro, welche die Organisierung der Juden predigten und ermahnten, sich nicht erst bei solchen traurigen Fällen das Motto des Wiener Jüdischen Volksvereines: „Juden organisiert euch" vor Augen *) Der den Einladungen beigeschlossene Aufruf zur Begründung eines deutsch-freisinnigen Vereines ist nämlich unter anderen von Herrn Dr. Gustav W v h n, Vize-Präsidenten der .Israelitischen Kchltnsgemeinde nnterzeichnpt. Jüdische Emigration und Kolonisation. Aus Breslau wird geschrieben. Es wurde folgende Einladung versendet: „Zu dem im Saale der Lessing-Loge stattfindenden Vortrage des Herrn David T riet sch aus Berlin über Jüdische Emigration und Kolonisation erlauben sich die Unterzeichneten hierdurch Sie ergebenst einzuladen, u. s. w. — Das Komitee: Profeffor Dr. Badt, Seminardozent Dr. Braun, Leo Grünthal, Rabbiner Dr. G u t t m a n n, Justizrat Doktor Kempner, Joseph Kober, Rabbiner Dr. Rosenthal, Dr. Paul Schottländer, Direktor Heinrich U r b a ch." Herr David T r i e t s ch hielt den Vortrag vor einem äußerst zahlreich erschienenen Publikum, das den Ausführungen des Redners mit großem Interesse folgte. Die Lage der jüdischen Bevölkerung im Osten Europas sei, so führte Redner aus, unerträglich; mehr als hunderttausend Juden, meist dem dürftigsten Proletariat angehörig, müßten jährlich übers Meer gehen, und selbst die Aussicht, hierbei den größten Schwierigkeiten zu begegnen, könne sie nicht von einem Verlassen der Heimat abhalten. Ihr Ziel sei insbesonders Nordamerika und England. Das könne so nicht weiter gehen. Regierung wie Volk dieser Staaten sehen in der immerwährenden Einwanderung armer Juden eine Gefahr für das Land und hätten bereits gesetzgeberische Maßregeln eingeleitet, um das Land gegen die Einwanderung von Paupers zu schützen (wie wir in Nr. 18 unseres Blattes ausgeführt haben). Es müsse also ein Ausweg geschaffen, es müßten neue Länder für die Auswanderer gesucht werden, und da wiesen, abgesehen von subjektiven Gründen, schon rein sachliche Gründe auf den Orient hin. Zunächst Palästina, das seit Beginn der dortigen Kolonisation durch jüdische Ackerbauer, also innerhalb von etwa 25 Jahren, einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung genommen habe. Wiewohl man hier zur Zeit infolge des Einwanderungsverbotes der Türkei vor einer verschlossenen Türe stehe, sei doch Entgegenkommen von seiten der Türkei zu erwarten. Um nun ein zielbewußtes Vorgehen in dieser Richtung zu ermöglichen, hat sich in jüngster Zeit als eingetragene Genossenschaft die „Jüdische Orient- Kolonisationsgesellschaft inBerlin" konstituiert, die im Gegensätze zu den bisherigen Unternehmungen auf rein geschäftlicher Basis beruht, und deren Leitung — an ihrer Spitze steht unter anderen der bekannte Nationalökonom Dr. Franz Oppenheimer inBerlin — in den besten Händen liegt. Die Grundzüge des Kvlonisationsplanes entsprechen den letzten Resultaten moderner Wissenschaft. Hiermit schloß Redner seinen klaren, von großer Sachkenntnis zeugenden Vortrag, für den ihm Profeffor Dr. B a d t, d er Leiter der Versammlung, den Dank der Erschienenen aussprach. An der sich anschließenden Diskussion beteiligten sich Herr Spediteur D. R. Schlesinger, dem auf Wunsch eine eingehende Auskunft über den in Aegypten zu besiedelnden Landstrich Wadi el Arish gegeben wurde, und ferner Rabbiner Dr. Guttmann, der daL neue Unternehmen, von dem er sich ein arbeitsfreudiges Zusammenwirken aller religiösen und politischen Richtungen