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Jüdisches Volksblatt · 1903-05-29 · 22 (29.5.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. Mai 1903 Nr. 22 m Judentum versprach, mit großer Sympathie begrüßte. In dem auf den Vortrag folgenden zwanglosen Zusammensein wurde eine größere Anzahl Genossenschaftsanteile zu je 100 Mk. (die eventuell auch in Raten zu je 2 Mk. monatlich eingezahlt werden können) gezeichnet. Der „Rumänische Lloyd" meldet: Die radikale jüdische Partei, deren Manifest lute gestern veröffentlicht haben, macht von sich reden. Dieselbe soll in Braila zahlreiche Mitglieder halben und auch in Galatz, Bukarest lind Fokschani Zloeigverbiildungen besitzen. Die Organisation der Komitees lvird vorläufig geheim gehalten, doch soll dieselbe bei eitlem anangs iläehsten Monats abzuhaltenden Kongresse offen dargelegt lverden. Einer derjenige!:, welche die Iniriative zur Gründung dieser Partei ergriffen haben, Tr. Silberstein iu Braila, hat einem Journalisten bei einem Interviewe erklärt, das; naeb dein Kongresse ein jüdisches politisches Kampfblatt zu erscheinen beginilen ivird und dal; ivahrschcinlich in den größeren Städten des Landes öffentliche Bersammlungen Ivcrden abgchalten werden. Der Nitualmord-Bnilm, der Ahlirardts Nachfolger im Wahlkreise Iriedeberg-ArnSlvalde werdcil will lind zugleich im fünften Berliner Wahlkreise kandidiert, lvar am Dienstag in ArnSIvalde. um dort die wunderbarsten Mordgescbichteir zu erzählen. Dein unglücklichen Main: geht es wie dein Pnckler: nirgends hat er Ruhe vor den Juden. Selbst seine Setzer stehen in jüdischem Solde. Wenn er durch einen Setzersaal gehe, erzählte er, so seheil ihn säultlicbe Arbeiter mit wildrollenden Augen an, als ob sie ilu Begriffe wären, etuett Ritualmord an ihm zu begehen. Dann erzählte er, das; die Juden Marr und Lassalle ein Judenreich errichten wollteil lind daß sie teilen Ivollten. Natürlich waren Rothschild, Bleichröder liild alle jüdischen Kapitalisten in dem Judenreiche verdammt, mit Bruhn und all den christlichen Hungerleidern zu teilen, die jetzt voll den jüdischen Arbeitern ausgcbeiitet werden. Die jüdischen Arbeiter in Berlin verdienen nämlich jetzt wöchentlich bis 50 Mark und bellten mit diesem Gelde, das sic Sonuabcnds und Sonntags versaufen, die kleineil christlicheil Gewerbetreibenden alls. Weilil Wertheim, Tietz und Jüi'.dörf Versammlungen machen, um gegen Warenhaussteucrn zu protestieren, sei eine jüdisch-sozialdemokratische Schlltztruppe aniveselld, die jeden Gerechten hillarlswerfe, sobald er es wagt, für die ffeinen Leute einzutreten usw. usw. Der sozialdemokratische Kandidat des Kreises, Genosse Kiesel, unternahm den Versuch, die Versammlung auf ein etwas höheres Niveau zu bringen und ein vernünftiges Wort über politische Angelegenheiten zu reden. Der Vorsitzende der Versammlung lvar aber durch die wirren Faseleien des Herrn Bruhn ebenso unheilbar krank gcwordeil, das; er Kiesel das Wort entzog, als dieser vom Zolltarif reden wollte. Was hat auch der Zolltarif mit dem Ritrialmord zu tun; sicher ebenso wenig wie dieser mit der Reichstagswahl und wie der Verstmrd mit einer antisemitischen Versammlung. Ein großer Teil der Versammlung war allerdings mit dem Vorsitzenden nicht einverstanden und sprach von Feigheit der Antisemiten. Wir möchten das nicht unterschreiben. Feigheit oder Mrit sind Eigenschaften, von denen man nur bei zurechnungsfähigen Menschen reden kann. Megiddo ist als wichtiger historischer Ort jedem bekannt, der der biblischen Geschichte einige Beachtung geschenkt hat. Aber lange vor der Einwanderung der Israeliten und der anderen hebräischen Stämme in das Land Israel ist Megiddo ein wichtiger strategischer Punkt gewesen, der eine ähnliche Rolle für das syrische Tafelland und Bergland einnimmt, wie etwa das große Schlachtfeld Leipzig-Jena-Roßbach auf dem Gebiete deutscher Kriegsschauplätze. Man darf daher von Ausgrabungen au dieser Stelle sehr viel' Aufschlüsse über die vorisraelitische und altisraelitische Geschichte erwarten. Seit kurzer Zeit haben nun im Auftrag des Deutschen Palästina-Vereins und mit Unterstützung der Deutschen Orient-Gesellschaft in dem alten Lcgio-Megiddo in Palästina, dem heutigen Tell el mutesselim-leddschon Ausgrabungen begonnen. König Josias starb hier nach einer Niederlage gegen den Pharao Necho. Salomo befestigte den Ort wegen seiner beherrschenden Lage am Südrand der Ebene Jesreel. Auch Ahasia, der König von Juda, fand hier sein Grab: die kanaanitischcn Könige wllrden in der Ebene geschlagen, die der Kampfplatz Palästinas war, weil seit uralten Zeiten die Straßen von Egypten lind von Mesopotamien über Damaskus Zusammentreffen. Die Ebene trug auch von der Stadt Megiddo den Namen, heute heißt sie Merdsch ihn Amiil. Bisher wurde bei den Ausgrabungen nur der 'Oberflächenschutt beseitigt. Man fand jüdische Gräber mit Resten menschlicher Knochen, den Eckturm einer jüdischen, wahrscheinlich salomonischen Burg, egyptische Götzenbildchen aus Ton und Porzellan, Wasserleitungen und Bauten aus getrockneten Lehmziegeln. Die Grabungen stehen unter der Leitzing des Oberingenieurs Tr. Schuhmacher, der durch seine Arbeiten über das Ostjordanland in der wissenschaftlichen Welt bekannt geworden ist. Aufs tiefste zu bedauern ist es, daß die Juden, deren Ehrenpflicht es wäre, auf dem Boden Palästinas zu forschen, wohl dazu zu bekommen sind, die Mäcene der Deutschen Orientgesellschaft mit fürstlichen Summen zu spielen, aber nicht imstande sind, einen j ü d i s ch e n P a l ä st i n a v e r e i n zur Erforschung des Bodens zu gründen, auf dem sich, die klassische Ruhmesgeschichte ihres alter: KultzirstmumeS abgespielt hat. Der Finanzskandal in Rumänien. In einer anläßlich der Generalratswahlen abgehalteuen öffentlichen Versammlung der liberalen Partei hielt Fincmzminifter Costinesco eine Rede, in der er den erbitterten Kampf der konservativen Partei in der Frage der bei den Ziehungen zur Amortisierling der öffentlichen Schuld vorgekommencn Betrügereien strenge tadelte und nachwies, daß in der Affäre Nifon vom Jahre 1887 alle Parteien, selbst die konservative Regierung des Jahres 1'888 stillschweigend eines Sinnes waren, um eine in ihrem Bestände bedrohte nationael Institution zu petten und dem Wortlaute des Testamentes des Metropoliten Nifon Genüge zu leisten, welches die Wiederkehr von Titres der Bank von Odessa nach Rumänien nur zu Amortisationszlvecken gestattete. Die wirklichen Betrügereien begannen im Kleinen im Jahre 1890 unter der konservative:: Negierung und dauerten bis zirm Jahre 1900, wo sie zur Zeit der Amtswirksamkeit des FinanMimsters Take Joncsco ihren Höhepunkt erreichten. Im Jahre 1901 nahmen zwei Beamte eine betrügerische Ziehung zum Nutzen des Staates vor, aber vollständig ohne Wissen (?) des Ministers Pallade uild des Generalsekretärs Vintaila Bratiano. Wohin reisen Sie? Von Juda Jetowicz Braun (Rußland). In allen Tonarten schwirrt diese Frage jetzt um unsere jüdischen Ohren. Im Bureau, an der Börse, in der Schule, im Kontor wie in der Familie. Wo zwei Menschen beisammen sind, wird sie verhandelt. „Ich reise", >,wir reisen", „sie reisen"—- wer nicht in der ersten -oder zweiten Form mitkonjugieren' kann, kommt sich wie ein Verfolgter des Schicksals -vor. Unsere russischen reichen Juden scheinen aus Räder gesetzt, sich fortbewegen ist die höchste Lust, 'je weiter je besser, je eigenartiger je schöner. Wie eine ansteckende Krankheit verbreitet sich das Reisefieber und in Wirklichkeit ist diese Reisesucht eine Modetorheit wie viele andere, eine BsränderurrHS» und Vergnügungssucht. Eitelkeit und Prahlerei haben starken Anteil daran und oft nicht die Sehnsucht nach Natur oder das Bedürfnis nach Erholung. Diese Reisenden sollten aber nach meinem Gutachten jetzt die traurige Lage unserer Brüder bedenken und die Gefahr, in der wir stündlich schweben. Die deutschen und österreichischen Juden sind noch weit nicht unterrichtet über die traurige Lage unserer Brüder hier. Sie kennen wohl die tausend Beschränkungen, die es ihnen in der russischen Heimat unmöglich machen, rin menschenwürdiges Dasein zu führen, aber nur wenige dürften eine klare Vorstellung der peinlichen Schrecken haben, die sich unser jetzt bemächtigen seit der Kischenewer Katastrophe, irrar antra ^p mn naan «Ich bin der Mann, der das Elend schaut, Den Szepter seines Grimmes." Alle Nächte werden schlaflos verbracht a«S Furcht vor Räuber»! Wir fürchten uns vor tumultuösen Szenen und Mißhandlungen. Wir Juden bleiben nie abseits und erinnern uns gar oft an das Sprichwort: „Den geschorenen Schafen mißt Gott den Wind ab!" aber unsere Verfolgungen sind schon unertragbar und wir sind allminutlich bedroht am Leben und mit Plünderung unserer Habe und leben unablässig in Todesangst. Statt dieser luxuriösen Reisen gestatte ich mir die Bitte auszusprechen, die reiselustigen Glaubensgenossen mögen meine Worte so auf sich wirken lassen, daß reichliche Spenden zu Gunsten diesen Unglücklichen in Kischenew dem Rabbinat eingesendet werden. Aus Floridsdorf. (Original-Bericht des „Jüdischen VolkSblatteS".) Dienstag, den 25. d. M. fand die erste öffentliche Vereinsversammlung des neugegründeten jüdisch-politischen Vereines „Gleichheit" statt. Es war eine Freude, zu sehen, wie zahlreich die jüdische Bürgerschaft Floridsdorfs, mit dem Rabbiner Dr. Rosen mann und den Vorständen der Kultusgemeinde an der Spitze, der Einladung gefolgt war; jedoch auch aus der Umgebung, aus Stockerau und Leopoldsau, waren Juden herbeigeeilt. Der Vorstände, Dr. S. Ruß, eröffnete mit einigen herzlichen Worten die Versammlung, begrüßte die Delegierten des „Jüdischen Volksvereines" und erteilte dann dem Referenten Dr. Paul Weisengrün das Wort zu dem Thema: „Warum müssen die Juden sich organisi e re n?" Im Eingänge seiner Rede polemisierte der Referent gegen das Vorurteil, das in den jüdischen Kreisen gegen eine Organisation überhaupt herrsche, die Juden suchten ihr Heil einfach darin, ganz und gar in einer politischen Hartei oder in einer fremden Nation aufzugehen. Was hat das ddtt Juden genützt? Was haben die Juden davon gehabt? Sie waren Kur immer für die betreffenden Gegner der willkommene Prügelknabe, ohne daß sich ihre Bundesgenossen, die Deutschliberalen oder die Sozialdemokraten, ihrer angenommen hätten. „Wir waren nur immer gut genug, für Deutsche oder Polen die Kastanien aus dem Feuer zu holen, um dann, wenn wir unsere. Arbeit getan hatten, als lästig empfunden zu werden. Erst auf diesem Umwege lernten wir es. uns auf uns selbst zu besinnen, wir lernten die Notwendigkeit des Zusammenschlusses einsehen, denn wenn schon nichts anderes, selbst der größte Assimilant müsse zugeben, daß uns das gemeinsame Interesse der gemeinsamen Verfolgung einige." Das sei die politische Seite der Frage. Doch die Organisation der Juden habe eine nicht minder ernste wirtschaftliche Seite. Niemand könne sich die Augen verschließen, daß die ganze wirtschaftliche Gesetzgebung der neuesten Zeit den unausgesprochenen Zweck habe, die Juden zu proletaristeren. Das was der Zug der wirtschaftlichen Entwicklung von jüdischem Mittelstand übrig läßt, soll eine jesuitische Gesetzgebung vernichten. Er erinnere nur an die §§ 59 und 60, an das neue Hansiergesetz, an die Verschärfung der Sonntagsruhe und an den Entwurf eines neuen Trunkenheitsgesetzes. Niemand finde sich, wenn nnr speziell jüdische Interessen verletzt werden, um für die Juden einzutreten; die Liberalen seien bankerott und die Sozialdemokraten erklären, sie wollten keine Judenschutztruppe sein. Deshalb müßte« die Juden auch aus wirtschaftlichen Gründen sich organisieren. Die Vorbedingung solcher Organisationen sei die Verbreituyg einer gründlichen politischen Bildung. Dies habe sich auch'der neue Verein zur Aufgabe gemacht; er erfülle damit, wenn .auch im begrenzten Kreise, eine wichtige Aufgabe. Denn gerade auf diesem Gebiete seien die Juden sehr rückständig. Ihre Ueberlegenheit ans dem geistigen Gebiete in anderen Belangen stehe in grellem Kontrast zu ihrer bisherigen Unfähigkeit auf dem Politischen Gebiete. Das sei auch die Ursache davon, daß die Juden trotz ihrer numerischen Stärke, trotz ihrer intellektuellen Befähigung, trotz des Kapitales und der Zeitungen, die ihnenj -zur Verfügung stehen, einen solch beschämend geringen Einfluß auf die Staatsgeschäfte nehmen. Nationen, die die jüdische weder an Zahl, noch an Geist oder Nationalvermögen erreichen, überragen bei weitem die Juden an politischem Einfluß: Denn gerade Oesterreich sei der klassische Boden, wo selbst kleine, aber selbstbewußte Nationen iu dem Wettstreite so vieler widersprechender Interessen sehr viele Erfolge erzielen könnten, wie die österreichische Reichsgeschichte der letzten Dezeüpien beweise. Auch die Juden könnten diese Rolle spielen Md die „Jüdische Volkspartei" .leiste seit Jahren eine schwierige Aufklärungsarbeit, um die Juden von der Notwendigkeit der Organisation zu überzeugen. Aber dem stehe einerseits die Disziplinlosigkeit der Juden, der Widerwille, speziell einer jüdischen Führung zu gehorche», entgegen, anderseits die Furcht, 'sie könnten sich schaden. Aber diese blasse Furcht sei ein Krebsschaden; sie ermöglichte in Kischenew, daß eine Rotte von-vielleicht tausend Mordgesellen über eine Gemeinde von 70,-00 Cf Seelen Schande, Not und Tod brachte. Das sei die Lehre von Kischenew. Eine Organisation der Juden für a l l e F ä l l e, das werde unseren Gegner»- Respekt einflöße». Nie werden Fremde für die Juden etwatun, wenn die Juden nicht selbst für sich eintreten werden. Deshalb schließe er mit den Worten: „WaS bedeuten heute die Juden in Oesterreich? Nichts! Was könnten sie bedeuten? Sehr viel." (Lebhafte Bravorufe.) Der Vorsitzende dankt hierauf dem Referenten und erteilt dem Herrn Sekretär Fleischer das Wort. Derselbe erklärt, daß er alle Ausführungen des Referenten unterschreibe; sie enthielten nichts als die Wahrheit. Er wolle nur aus Kenntnis der lokalen Verhältnisse hinzufügen, warum sich speziell die Juden Floridsdorf organisieren müßten. Nicht zum wenigsten durch die Inden sei Floridsdorf zu einer Stadt emporgewachsen. Trotzdem sitze heute kein einziger Jude im Gemeinderate. Die alten Liberalen waren ganz gute Menschen, aber sehr schlechte Politiker; vor allem waren sie nie zu sehen. Wenn es sich um irgend eine freisinnige Manifestation handelte, seien es immer nur die Juden gewesen, die die Kosten in jeder Hinsicht bestritten. Nun hätten sich die Arbeiter organisiert und bei den Wahlen mit Hilfe der Juden einige ganz schöne Erfolge erzielt. Der Dank aber sei der, daß die Sozialdemokraten den Juden kein einziges Mandat im Gemeinderate bewilligten, die Juden aber überall als rote Revolutionäre ausgeschrieen werden; es müßte denn die Errichtung von Konsumvereinen als Dank an die jüdischen Kaufleute angesehen werden. Ueberhaupt betonen die Sozialdemokraten nach jeder Wahl, bei jeder Gelegenheit, sie seien keine Judenschutztruppe. Nun gut. Die Juden müßten aber daraus lernen, «ach rechts und links reinen Tisch zu machen. Wir müssen sehen, wie stark wir sind und dann unseren Freunden sagen: „Ihr wollt unsere Hilfe? Gut! WaS bietet ihr uns dafür?" Nur dadurch könnten wir aus dem Sumpfe herauskommen. Aber der Schwindel mit den liberalen oder freisinnigen Stimmen müsse aufhören; man müsse sich daran gewöhnen, mit jüdischen Stimmen zu rechnen. Eingesendet. Wien, 22. Mai 1903. A n d i e geehrte Redaktion des „Jüdisches Volksblatt" Wien. Wir haben den in Ihrem Blatte vom 22. d. M., Nr. 21, enthaltenen Artikel mit der Aufschrift: „Die Wiener Kultusgemeinde und die jüdischen Gewerbetreibenden" gelesen und freute eS uns sehr, daß Sie in so mannhafter Weise gegen die bei der israelitischen Kultusgemeinde herrschende beispiellose Wirtschaft anftreten. Obwol in diesem Artikel die geradezu haarsträubende Art der Ossertausschreibung richtig dargestellt wurde, halten wir es für wichtig, Ihnen die Einzelheiten derselben bekanntzugeben, welche die ganze Sache in einem noch grellerem Lichte erscheinen lassen. Die Aufforderung zur Offertstellung ergieng in ziemlich oberflächlicher Weise an die Brigittenauer Elektrotechnische Fabrik, an die Firma Bernhard Spielmann, an Friedrich König, ferner an die Internationale Elektrizitäts-Gesellschaft und an die Firma Salzer & Thie, demnach im Ganzen an zwei jüdische Firmen unb an drei christliche Firmen. Die Vereinigte Elektrizitäts-Gesellschaft, resp. deren Oberingenieur, ein getaufter Jude, fungierte als „unparteiischer (!)" Experte bei Vergebung dieser Arbeiten. Nachdem die Ausschreibung sehr unklar war, ersuchten wir im technischen Amte der Kultusgemeinde um Aufklärung, welche uns dort in dem Sinne erteilt wurde, daß bei Ausführung dieser Arbeit nur das allerbeste Material und das beste System der Verlegung, wie auch bezüglich der Schaltung und Gruppeneinteilung, die für den Betrieb vorteilhafteste Art — welche allerdings nicht die billigste ist — anzuwenden sei; auch sollte darauf Rücksicht genommen werden, daß die vorhandene Dekoration nicht zerstört und die Drähte äußerlich nicht sichtbar erscheinen. Nach diesen Aufklärungen mußten wir annehmen, daß bei Einrichtung dieses Monumentalbaues das Hauptgewicht nicht auf ein möglichst billiges, sondern auf das beste Projekt gelegt wird, was wir auch ganz selbstverständlich fanden und unsere Offerte darnach verfaßten. Das Ergebnis der Preisaurschreibung war, daß die Brigittenauer Elektrotechnische Fabrik eine Offerte unter Anwendung des Bergmann'schen Isolations-Systems auf Kr. 7800.— stellten, die Internationale Elektrizitäts-Gesellschaft ein solches auf Kr. 7800.—, die Firma Spielmann zwei Projekte u. zw. eines auf Kr. 6600,—, das andere auf Kr. 5400, die Firma Salzer & Thie auf Kr. 4000 offerierten, während die Firma Friedrich König ein Reparatur-Anbot stellte. ES war demnach zwischen den billigsten jüdischen Offerenten und der erstehenden Firma im Ganzen eine Differenz von ca. 25 °/0» hiebei hatte jedoch die Firma Spielmann die vollständige Neuherstellung der Steigleitung iu Ihr Anbot einbezogen, was bei der Firma Salzer & Thie nicht der Fall war und was allein diese Preisdifferenz hinreichend rechtfertigt. Abgesehen von dem Umstande, daß die Firma Salzer & Thie in ihrem Offerte die Verlegung der Leitung auf die primitivste Art ganz frei auf Rvllen vorgesehen hatte, welches System wohl das allerbilligste, aber auch das unschönste und das am allerwenigst dauerhafte ist, stellte diese Firma ein Anbot mit so gedrückten Preisen, so daß viel eher ein Verlust als ein Gewinn dabei herausschaut. Vermutlich that sie dies mit Rücksicht auf die geringen Chancen ihres Offertes, »m der Konkurrenz das Geschäft auf jeden Fall zu verderben. Im Uebrigen stimmen wir mit dem Inhalte Ihres Artikels vollkommen überein und bitten Sie, unsere Mitteilung nach Bedarf zu benützen. A. i i

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