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Jüdisches Volksblatt · 1903-05-22 · 21 (22.5.1903) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag indisches Volksblatt 22. Mai lM'3 Nr. 21 ii'cit mtyfniTiMiben, im verfaßteil Flligschrift zu motivieren versucht. Man darf ans den Fortgang der Dinge gespannt sein. Tie „Bukvwinaer Post" «Oer den Antrag Herzog. Wir reproduzieren nachsrevende zivei Korrespondenzen der „Bnk. Post als Dokumente für daS Verhältnis zwischen Deutschen und Inden in der Bukowina. In der Nummer vom 17. Mai schreibt sie: Ein Memento für die deutschen Inden. Bor einigen Wochen machten sich deutsche Indenblätter über einen Antrag des Abgeordneten Herzog lustig. Man vezeichnete diesen Antrag, der nichts weniger wollte, als die Stellung der Inden unter AnSnahmSgesetze, Schaffung von Ghettos, Entziehung der politischen und bürgerlichen Gleichberechtigung und dergleichen mehr, als eine Verrücktheit, Tollheit oder mit anderen gleichwertigen Worten. Nun hat sich etwas ereignet, was dieser „Tollheit" ein größeres Interesse abgclvinnt. Der Antrag Herzog kam im österreichischen Abgeordnetenhause zur Abstimmung. ES handelte sich hierbei, ob dieser Antrag von vornherein im stenographischen Protokoll cndgiltig begraben sein soll, oder aber einem SpezialanSsehnsse zur Beratung vorgelegt tverdcn soll. Wer stimmte nun im Sinne des Antrages Herzog? Tie Polen — nicht, die Tschechen — nicht, die Rnthenen — nicht, die Rumänen — nicht, die Italiener — nicht. Dafür stimmten die Alldeutschen, deutsche Volksparteiler und die deutschen Christlich- Sozialen. Es waren sonach durchwegs Deutsche, die dieser „Tollheit" znstimmten. Sic, die sich täglich mit .Cot bewerfen, verstehen sich sogleich, tvenn cS sich um die Juden handelt. Dieser Antrag Herzogs entspringt eben nicht der Phantasie eines Paralytikers, er ist der Ausdruck eines unverfälschten deutschen Antisemitismus. Wer bisher noch immer nicht daran glaubte, dem tverdcn hoffentlich endlich einmal die Augen aufgehen. Man lvird chon erkennen,!oo die grimmigsten, verbissensten Judenfeinde sind. Auch die Polen, Tschechen usw. sind nichts weniger als Freunde der Juden, aber bis zu dieser Höhe von wahnsinnigem Judenhasse konnte es nur die Gründlichkeit der Deutschen bringen. Es geht nicht an, zwischen den Deutschen im Westen und den Deutschen im Osten (Bukoivinal eine Scheidung zu machen, ebensowenig als die Deutschen selber Zwischen den grundverschiedenen Juden des Westens und denen des Ostens unterscheiden. Ob es der gebildete westeuropäische Assimilationsjude ist oder der orthodoxe galizische Jude in jüdischer Tracht und mit jüdischem Gehaben, das ist einerlei, denn um die Unterdrückung der Rasse handelt cS sich. Tie Deutschen in der Bukowina haben bekanntlich ein Doppelgesicht. Das eine zeigt mau im deutschpolitischen Vereine, wo mau sich mit den Vertretern des deutschen Judentums verbuhlt, das andere zeigt man im christlichdeutschen Vereine, wo man sich reinlich geschieden hat von den besagten „daitscheu" Brüdern. Im „Buk. Boten" predigt man Rallierung aller christlichen Deutschen, wirtschaftliche Stärkung gegen die Wucherer, Hyänen, gegen die Pestbeule des Landes, gegen die Leute, die so schamlos sind, den Deutschen schlechte Ware um teures Geld zu verkaufen usw. (So zu lesen im Artikel „Ein Mahnruf" — „Bukowinaer Bote" von Anfang Mai.) Kein Wunder, daß es im deutschpolitischen Vereine kriselt. Die Inden daselbst haben — ganz unnötigerweise — diese Charakteristik der Pestbeule auf sich bezogen und schmollen. Erst kürzlich haben die deirtschpolitischen Juden dem Prinzen Hohenlohe einen Besuch gemacht, um ihm einen Begriff zu machen, was für Leute die Juden in der Bukowina sind. Aber Prinz Hohenlohe, dem mau Klugheit und Menschenkenntnis nachsagt, tvird sich weder von den deutschpolitischen noch von den anderen jüdischdeutscheu Machern, die täglich in seinem Vorzimmer auf ein erlauchtes Lächeln oder einen prinzlichen Händedruck warten, beschwatzen lassen. Prinz Hohenlohe wird schon erfahren haben, daß die Juden in der Bukowina gottlob von anderem Schlage sind, als die Leute, die sich ihm in widerlichster Weise aufdrängen. Ties nur nebenbei. Die Hauptsache ist, daß von deutscher Seite selbst im Reiche und hierzulande dafür gesorgt wird, daß die Juden allmählich zur Erkenntnis kommen, was Ehre, Selbstgefühl und Volksinteresse ihnen zur Pflicht machen. Abg. Herzog setzte seinen Wahnsinn auch in dieser Sitzung forr und stellte den Antrag, die Wahl eines besonderen Ausschusses (Abgeordneter Daszynsky: Scmirätsaussthnßl — Lebhafte Heiterfcit) zur Beratung seines Judenantrages in der nächsten Sitzung vorzunehmen. Sollte der Antrag jedoch, wie es bei der judenfreundlichen Mehrheit des Hauses höchstwahrscheinlich sei, nicht angenommen tverdcn, so ersucht er um Zuweisung seines Antrages au den Verfassungsausschuß. Ter Antrag des Abg. Herzog auf Wahl eines besonderen Ausschusses in der nächsten Sitzung tvird abgelehnt. Für ihn stimmten: die Alldeutschen, die deutschen Christlichsozialen, ein paar Klerikale und deutsche Volkspartciler. Wie mait sieht, sind die Deutschen aller Couleurs scharfe, rücksichtslose, ja brutale Gegner der zzuden. Schon als Herzog seinen berüchtigten Judenantrag am 1. Mai im Parlamente eiubrachte und der Präsident die Frage stellte, tvcr diese Schmach auf die Menschenrechte unterstütze, da erhoben sich sofort alldeutsche Abgeordnete, Mitglieder der deutschen Volkspartei, sowie jene deutschen christlichsozialen Abgeordneten, mit welchen sich die christlichen Deutschen in der Bukowina als Gesinnungsgenossen fühlen und unterstützten Herzog. Nur Deutsche sind es, welche schmachvolle Ausnahmsgesetze für die Juden in Oesterreich fordern! ^st es da nicht geradezu eine Selbstschänduug, daß Juden mit den Gesinnungsgenossen dieser Judenfeinde in Czernoivitz gemeinsame politische Sache machen in einem deutschpolitische n Vereine? I Der Bankerott der dentschvölkischen „Arbeiterbewegung". Herr Bursofskh, der Obmann des sogenannten Mährisch-Trübauer Verbandes deutscher Arbeitervereine und Herausgeber des „Deutschen Arbeiter", sagt Bankerott au. In Nr. 10 des „D. A." wird erklärt, daß das Zentralorgan der «Vursofskh'schen Arbeiterbeiveguug", der „Deutsche Arbeiter" bankerott, die Nnterstützungskasse verkracht ist. und Bursofsky, der nur so lange gerne den Gimpclfänger spielte, so lauge er auf seine Rechnung kam, will nun von seiner Stelle als Obmann des deutschvölkischen Arbeiterverbandes zurücktreten. Die Krippe tvird leer, der Konwdie letzter Akt bricht an, da tvill auch Bursofsky den Hut ziehen und sich in die Büsche schlagen. Daß in der deutschnationalen Arbeiterbetvegung der Zusammenbruch begonnen hat, lvar schon seit einiger Zeit an verschiedenen Anzeichen zu bemerken. Das „Alldeutsche Tagblatt" verriet, daß Bursofskys Blatt in der letzten Zeit über 1000 Abnehmer verloren habe, im Bursofskv'schen Verband gab es schon seit längerer Zeit Zwistigkeiten, und ein Mitglied desselben verdächtigte die Verbandsleitung in Zeitungen und in Rundschreiben mit Bezug auf die Geldgebaruug. Knirsch, der Geschäftsleiter des Verbandes, verlangte plötzlich seine Entlassung, und alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß der deutschnationale Arbeitergimpelfang aus dem letzten Loche pfeift. Lange ivurde der Bankerott hartnäckig geleugnet. Nun scheint dem Bursofskti daS Messer an der Kehle zu sitzen und er gibt den Zusammenbruch endlich zu. Während der Osterfeiertage hat in Mährisch-Trübau eine Sitzung der Hauptleitung des dentschvölkischen Arbeiterverbaudes stattgefunden und in dieser Sitzung ivurde beschlossen, zu veröffentlichen, ivas sich nicht mehr verheimlichen ließ: daß der „Deutsche Arbeiter" und die Nnterstützungskasse, kurz daß der deutschvölkische Arbeitergimpelfang verkracht ist. Die Mitglieder sollen nun entscheiden, ob der jetzt allivöchentlich erscheinende „Deutsche Arbeiter" aufgelassen und fortan bloß als Monatsschrift erscheinen soll. Der Beschluß des Reicheuberger „Vertretertages" betreffend den Bezug des „Deutschen Arbeiter" stoße, so heißt es im Bericht, vielfach auf Widerstand, und die zur Lebensfähigkeit des BlatteS notwendige Zahl von Abnehmern sei nicht erreicht. Die Unterstützungskasse sei durch den ständigeil Abfall der Mitglieder ills Schwanken geraten. Au Stelle der Neubeitritte erfolgten Austritte lind nur eine verschwindende Zahl suchte Aufunhmc. Kennzeichiieud ist das Geständnis, auf ivas für Basis diese schwindelhaften Einrichtungen ursprünglich aufgebaut wareii. J>i dem Bericht heißt cs darüber: „Die Alters- und Juvaliditätskasse stützt ihre Sicherheit nach deil Reicheuberger Beschlüssen auf einen jährlichen Mitgliederzuwachs von 500 bis 000 und einer in späteren Jahren wieder zu erfolgenden Beitragserhöhung." Dieser voil voriiherein schwindelhaften Einrichtung, mit der mau Gimpel fing, fehlt nun, so sagt der Bericht, „die sichere Gruiidlage". Mit anderem Wort: Der Schivindel ist verkracht. Ter Börsenkrach von anno 1873. Aiii 0. Mai d. I. ivareu es dreißig Jahre seit der großen Krise des Jahres 1873, im Volksiilunde der „W i e u e r K r a eh" genaiiiit. Eiire Generation ist seitdem hingegailgen, und iveirii auch noch manche Spuren des erschütteruden Ereignisses vorhanden sind, die verheerenden Wirkungen sind zumeist geschwunden. Der antisemirische Blätterivald ließ cs sich natürlich nicht nehmen, deil „Judenkrach" nach seiner Weise ariszuschroten und für eigeiie Ztvecke zii fruktifizieren. Tie antiseniitischeu Zeitungen führen deil antisenlitischeu Gesinnungswechsel der Bevölkerung auf die durch beit Krach hervorgerufenen wirtschaftlichen Zustände zurück, sie stcllcil die Behauptung auf, der Börsenkrach habe den Antisemitismus gezeugt. Mit Verlaub, das ist eine bewußte Geschichtsuild Tatsachenfälschung. Die Wiege des Antisemitismus, wie die moderne .Judenhetze benannt wird, stand in der Metropole deö deutscheil Reiches, in Berlin. Aus dem Laude der Denker wrirde er nach Oesterreich importiert. Kein anderer als der größte Staatsmann des vorigen Jahrhunderts, als B i s rn a r ck ist dessen Vater gewesen, und sein gelehriger Famulus Graf Taaffe wieder war es, der Um nach Oesterreich importierte und sich der modernen Seuche zu seinen unwürdigen Zwecken bediente, denn gleich Bismarck ivar eS auch Taaffe darum zu tun, die Aufmerksamkeit von sich abzulciiken und dem Mob in Blouse uiid Frack einen Köder hiuzuwerfen, den zu bildeii ja stets die Juden ausersehen gewesen sind. Interessant ist die Tatsache, daß Bismarck den Antisemitismus eigens zu dein Zwecke ersonnen, um sich seines gefährlichsten Gegners, des jüdischeil Abgeordneten Laster, zu entledigcn. Kleine Ursachen, große Wirkungen! Bismarck hat seinen Zweck wohl erreicht, die Nemesis hat ihn aber dafür schiver gestraft. Wider feinen Willen wurde der Herkules von seineiu Piedestal geivorfeu, seiner Macht beraubt, gerade als er sich im Zcnith fühlte. Er war verurteilt, politisch zu verkommen und gliederweise hiuzusiechen. Nicht viel besser erging es Taaffe. Auch er erlebte seinen politischen Tod — man verzeihe das Wippchen, lieber Nacht ivurde er aus dein Capitol geholt und vom tarpejischen Felsen hiuuutergeköllert. Es liegt durchaus nicht in unserer Absicht, alles, ivas 1873 geschehen, zu beschönigen, allein es soll der Wahrheit gemäß festgestellt werden, daß sich an der Jobberei Semiten und Arier gleichmäßig beteiligten, hüben soivohl als drüben, nur mit dem Unterschiede, daß sich unter den arischen Börseiijobbern hochgeborene Fürsten, Grafen und Freiherren befanden, die es nicht nötig hatten, auf schmutzigen Erwerb auszugehen. Historisch bleibt die große, in drei Parlamentssitzungeu gehaltene Rede Laskers, in welcher er die adeligen Jobber namentlich anführte und mit ätzender Lauge begossen hatte. Zn behaupten, die Vernichtung des freisinnigen Bürgertums, die entsetzlichen Verhältnisse in der Gemeindeverwaltung, der unerträgliche Zustand der Verhetzung uiid Verrohung der öffentlichen Sitten datierten vont Börsenkrach 1873, zeugt von Jgiioranz oder böSivilliger Entstellung der Tatsachen. Das (Geburtsjahr des österreichischen AntisemitiSnius datiert von der Ueberuahme der Regierung Taafses unseligen Angedenkens. Von 1873 bis anfangs der Achtzigcrjahre herrschte Friede und Eintracht in Wien soivohl als auch in der Provinz. Es muß inuuer wieder darauf Hingeiviesen werden, daß der Judenhaß ein atavistisches Erbübel der arischen Rasse ist. Er wird dem Kinde mit der Muttermilch eiugeträufelt, in der Schule, im Familienkreise, im Leben niid Weben eiugeimpft. Der Jude gilt dem Arier als Popanz, als Schreckgespenst. Das Pulverfaß steht in Bereitschaft, uiid immer finden sich Bereitwillige, die die brennende Lunte aulegeu. Das latent gewesene Hebel bricht daun freilich nsit clemeutarer Gewalt los, ivirkt verheerend und ist tvieder erst nach Jahrzehnten einzndämmen. Es bedarf nur des kleinsten Anlasses, tind die Jndenplnndernng, das Jndenmassacre geht loS. Einmal ist eS eine erdichtete, erlogene Nitualmordgcschichte, daS andereiual eine Brnnnenvergiftung, die den Vortvand bieten, die Judeir von Haus tmd Hof zu verjagen, zu berauben und zu lynchen. Das Krachjahr hat volkswirtschaftlich schivere Schäden im Gefolge gehabt, seitens der Juden ist aber das bestmögliche geschehen, die entstaudenen Nachteile zu sanieren, indem sie sich ivieder fruchtbringender Tätigkeit znivendeten, Handel und Industrie kultivierten und die ivirtschaftlichen. Zustände tvieder ins richtige Geleise brachten. Wie und in welcher Weise dies geschehen, bleibe einer nächsten Ausführung Vorbehalten. Chronik. Sechster zionistischer Kongreß. Das Aktions- Komitee beruft für den 23. August den sechsten Kongreß nach Basel ein. Israelitisch-politischer Verein. Aus Floridsdorf wird uns geschrieben: Am 11. d. M. fand die konstituierende Versammlung des neugegründeten israelitischpolitischen Vereines „Gleichheit" in Floridsdorf statt und wurden in den Vorstand gewählt: zum Präses: Dr. Samuel N n ß, Arzt, ferner die Herren: Leopold G r n n w a l d, Kaufmann; Se. Ehrw. Dr. M. N o s e n m a n n, Bezirksrabbiner; Dr. Jakob König, Präses der israelitischen Kultusgemeinde; Dr. Julius Tauber, Advokat; Viktor Berger, Ingenieur, Ignaz K o h n, Direktor; Ignaz Frischman n, Kaufmann; Max Stein, Nordbahnbeamter und Maximilian Frank, Privatbeamter. Die Gründung dieses israelirisch-politischen Vereines „Gleichheit" begegnet hier allseitigen Sympathien. Obwohl die hiesige jüdische Gemeinde die zweitgrößte Nieder- Oesterreichs ist, und die Juden einen politischen und wirtschaftlichen Faktor bilden, mit dem zu rechnen wäre, konnten sie bis jetzt nicht zur Geltung kommen, weil eine Vertretung der politischen und wirtschaftlichen Interessen der hiesigen Judenschaft bis jetzt nicht bestanden hatte. Der gegründete Verein wird nun legitimiert sein, die politischen Interessen der hiesigen Juden auf allen Gebieten wahrzunehmen und zu fördern. Möge er im jüdischen Geiste wirken und mögen seine Schritte vom Erfolge gekrönt werden. Am 26. d. M. findet in den „Gisela-Sälen" eine öffentliche Vereinsversammlung mit der Tagesordnung: „Warum müssen die Juden sich organiseren?" statt. Wiener Kultusgemeindevorstände an der Arbeit. Mau tut den Assilnilationsjuden Unrecht. Kaum sind die ersten Nachrichten über die Massacres von Kischinew verklungen, veranstaltet schon der Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde Dr. Gustav Kvhn im Vereine mit dem Vorstände der Israelitischen Allianz, Herrn Donat Ziffcrer, eine Versammlung, tun — nun, um einen neuen deukschfreisinnigeu Verein im neunten Bezirk zu gründen. Andere Sorgen haben diese Herren nicht. Es ist aber wirklich höchste Zeit, Wien zu erobern. Die letzten Wahlen in die Bezirksausschüsse haben belviesen, daß das Unmögliche möglich ist, daß nämlich die Liberalen noch Mandate verlieren. Im dritten Wahlkörper wagten sie überhaupt nicht mehr, Kandidaten aufzustellen, im zweiten versuchten sie es, mußten aber die Schande erleben, daß selbst der zweite Wahlkörper der Inneren Stadt, also die „Intelligenz d e r I n t e l l i g e n z" ihnen die Gefolgschaft versagte. Die größte Ueberrnschuug bereitete aber der erste Wahlkörper. Selbst in diesem Wahlkörper errang die christlichsoziale Partei überraschend viele Stimmen und eroberte noch einen Bezirk. Man kann dieses Facit noch viel kürzer ausdrücken. I m m ermehrzcigt e s s i ch, daß die Liberalen oder Deutschfreisinnigen oder Deutschfortschrittlichen allein ans die jüdischen Stintmen angewiesen sind. Dem entsprach auch das Bild, das die konstituierende Versammlung des deutschfreisinnigen Vereines bot; inan glaubte sich in eine Wählerbersammlung der jüdischen Kultttsgemcinde versetzt. Vielleicht war auch Dr. Gustav Kohlt in diesen: Wahn befangen; bettn nur so läßt es sich erklären, daß er sich in den Vorstand wählen ließ. Fühlt denn Herr Dr. Kohn, der Märtyrer des Judentums, gar nicht die Degradierung, die darin liegt, als Vizepräsident einer Gemeinde von anderthalb hunderttausend Seelen in den Ausschuß eines Bezirksbereincs neben anderen höchst Verdienstbollen Kirchturmpolitikern tmb Bezirksgrößen gewählt zu werden, wenn wir scholl mit der traurigen Tatsache rechnen, daß die Vorstäilde der Wiener Knltnsgeineinde die erstell siild, die ihr lvirkliches Volkstum verleugnen!? Komisch berührt es tms, daß bei solchen Anlässen die liberale Presse immer vom Landesschulrat Dr. Kohll spricht. Dr. Kohn sitzt als Vertreter der jüdischen .Konfession im Landesschulrate, mib die Presse stellt es so dar, als ob er als deutschliberaler Parteimanu dort säße. Warmu spricht sie aber nicht von dem Vizepräsidenten Dr. Gnstab Kohn? Vielleicht fiele auch darauf ein naiver Leser in der Provinz herein und glaubte, daß Dr. Gustav Kohn Vizepräsident etwa des Abgeordnetenhauses ist; das lväre noch ein besserer Trick, denn seine Stelltllig in der Knltnsgeineinde lvird sorgfältig geheim gehalten; „so ivas sagt man nicht". Rührend ivar es zu höreil, ivas Dr. Groß beit versaminetten Inden zu erzähleil wußte. Er erklärte, daß „die Deutschen nie ans die innere tschechische Amtssprache eiilgeheil iverden, daß sie gegen eilte tschechische Universität seien, die Tschechen hätten das Parlament zu einer Karrikatnr gemacht", uild so plätscherte seine Bierrede iveiter. Wenn damit den Wiener Inden nicht geholfen und der Lueger nicht gestürzt lvird, so ist den Wiener Inden überhaupt nicht zu helfen. Alles in allein bot die Versammlung iviederum eine Bestätigung der txa»rigen Tatsache, daß die Fllicht der Wiener. Christeil ans der liberalen Partei noch immer Fortschritte macht, die Juden aber noch immer nicht gewitzigt sind, daß sie nur dazll gut genug siild, deil Deutschen die Kastanien ans dem Feuer zu holen. Der Kampf gegen deil A n t is e »i i t i s m ii s ivurde von Dr. Groß n i ch t mit eine tu W orte b e r ü h r t. Schließlich kann man es ihm nicht verdenken; Dr. Groß kann doch nicht gegen seine eigene Nattlr ankämpfen, und sein Leibblatt, die „Neue Freie Presse", koitstatiert in der Ninnmer vom 18. d. M. mit besonderer Befriedigung betreffs des „deutschen VolksrateS in Böhmen", daß, entgegen ben Meldungen anderer Blätter, die Christlichsozialen nicht ans dem Voltsrate ausgeschlossen ivurden. Richtig sei vielmehr, daß keine der in Böhmen bestehenden Parteien prinzipiell ausgeschlossen sei. Also, eine Vereinigung boil „Los von Rom" und „Hin zii Rom".

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