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Jüdisches Volksblatt · 1903-05-22 · 21 (22.5.1903) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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ttr. 21 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. Mai 1903 Seite H in seinem Stmck>esbclv:ißt sein und in seinen materiellen Interessen verletzt wurde» sich nicht vom Judentum«.', sondern durch geeignete politische Stellungnahme von dieser: Vorstande lossagen müsse. Ein Nachwort zn den Maffacres von Kischinew. Der ganze Umfang des schrecklichen Massacrcs» welches in Kischeuew an den dortigen Juden verübt wurde, ergibt sich jetzt aus der amtlichen Darstellung in dem Rundschreiben, welches der russische Minister des Innern an die Gouverneure, Stadthauptlcute und Obcr-Polizeimeister gerichtet hat. In diesem Rundschreiben tverden die haarsträubenden Exzesse und Bestialitäten unter Angabe der Ziffern der getöteten und verwundeten Juden, der geplünderten Häuser und Geschäfte zugestanden; es wird mich nicht verschwiegen, das; „alberne Gerüchte" und die „falsche Anschuldigung", die Juden hätten Ritualmorde verübt, die Exzesse verursachten. Als unmittelbarer Anlaß wird bezeichnet, daß ein jüdischer Karousselbesitzer eine christliche Frau, welche ihr Kind auf dem Arme trug, mißhandelte, so daß das Kind zu Boden fiel. (?) Dem Rundschreiben des Ministers ist auch zu entnehmen, daß die Polizei „mangelhaft geleitet" >var und das Blutbad erst am Abend des Ostermontags ein Ende nahm, nachdem das Militär planmäßig eingeschritten Ivar. Da nun aber die jüdische Bevölkerung in vielen Städten Rußlands durch die Vorgänge von Kischeuew in Unruhe versetzt worden ist und die Inden begonnen haben, Vereinigungen zn ihrer Verteidigung zn bilden, so sieht der Minister sich veranlaßt, mittelst Rundschreibens beu Gouverneuren, Stadthauptleuten und Ober-Polizeimeistern im Aufträge des Zaren einzuschärfen und unter ihrer persönlichen Verantwortung zur Pflicht zu machen, Gewalttätigkeiten vorzubeugen und die Bevölkerung zu beruhigen. Die eigentliche Veranlassung zu diesem Rundschreiben haben demnach nicht die schmachvollen Exzesse von Kischeuew, sondern dicErhcbungcn geliefert, laut welchen die Juden in einigen Städten begonnen haben, Vereinigungen zn ihrer Verteidigung zu bilden. Auf diese wird dein: auch mit besonderen: Nachdrucke die Aufmerksanlkcit der Gouverneure, Stadthauptlcute und Ober-Polizeimeister gelenkt, und zwar mit der Weisung, daß „die Bildung von Vereinigungen zur Selbstverteidigung durchaus unzulässig sei". Die Juden sollen sich also auch des dürftigsten Mittels der Notwehr nicht bedienen dürfen, sondern ihr Leben und ihr Gut ganz und gar mit gebundene,: Händen den Polizeibehörden anheimgcbcn, die doch soeben in Kischeuew gezeigt haben, wie sie die Juden vor den grauenhaftesten Bestialitäten zu schützen gewillt oder imstande sind. Die persönliche Verantwortung hatten die Chefs der Polizei und der Gouvernementsbehördc in Kischeuew doch auch vor diesem schauderhaften Massacve, ohne daß sie sich derselben bewußt waren oder bewußt sein wollten. Wird nach diesen: merkwürdigen Rundschreiben ihr Verantwortlichkeitsgefühl lebendiger und tatkräftiger sein, wenn die Befürchtungen einer grauenhaften Wiederkehr der Exzesse sich verwirklichen sollten? Und hättn Herrn v. Plehwc nicht ein anderer Anlaß zu dem Rundschreiben näher gelegen, als die Bildung jüdischer Vereinigungen zur Selbstverteidigung? Es ist doch auch die Reputation Rußlands, die bei solchen ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem Spiele steht. Der Inhalt des Rundschreibens wird in folgendem Telegramm wiedergegeben: Ein Licht auf die Gesinnung der Regierung wirft ein Gehe i m e r l a ß des Ministers P l e h w e, datierr vom 26. März alten Stils an den Gouverneur von Beßarabien, den die „Times" reproduziert: „Ich habe erfahren, daß in der Ihnen anvcrtrautcn Gegend ausgedehnte Unruhen gegen die Juden, die hauptsächlich die lokale Bevölkerung ansbeuten, vorbereitet werden. Mit Hinsicht geschehen gewesen oder hätten sich noch Männer gefunden, um uns zu führen? Gott sei Dank, es gibt noch Leute genug, die finanziell unabhängig sind und damit wäre selbst den weitgehendsten Ansprüchen Genüge geleistet. Ist dies aber auch alles, was von einem Vorst an de verlangt werden darf? Man wird uns antworten, es sei der Beruf des Vorstandes, bloß zu administrieren. Warum fällt man uns dann in die Arme, wenn wir, die Administrierten, das Volk, es für angezeigt finden, uns p o l i t i s ch z u betätigen? Erleidet d u r ch u n s e r e r e i n n a t i o n a l e Bewegung der Betrieb des Spitales, des Waisenhauses oder der Gottesdienst etwa eine Störung? In Wirklichkeit kämpfen wir gegen Windmühlen, denn es existiert in der Gegenpartei kein Führer, kein Mann von Bedeutung, der gegen uns offen Stellung genommen hätte. Wie die „Aktion" berichtet, hat das kath o lisch e Komitee für Rechtschutz an I a u r ö s folgendes Schreiben gerichtet: „Sie haben Ihre bewunderungswürdige Beredsamsamkeit in den Dienst einer gerechten Sache gestellt, der dieses unschuldigen jüdischen Offiziers, rehabilitiert in der Meinung aller, die die Affäre studiert haben, rehabilitiert durch den höchsten französischen Gerichtshof und trotzdem nochmals verurteilt . . . rc." Hat man je eine offizielle Dankesäußerung des Wiener K u l t u s v o r st a n d e s vernommen Christen oder Juden gegenüber, die für uns eingetreten sind? Die Bastion ist trotz des reichen Kriegsfchatzes zu erstürmen, es ist nur eine Frage der Zeit, denn die Jugend und auch enthusiastische Grauköpfe sind mit uns, zu erlangen, was des Volkes ist! Es ist eine Frage der Zeit auch deshalb, weil es mit fast wahrscheinlicher Sicherheit erwiesen ist, daß die zweite, im besten Falle dritte Generation dieser Assimilanten vom Jndentume abfällt und dann nur das nationale, unabhängige Volk berufen sein kam:, sein Geschick in die eigenen Hände zu nehmen. (Es existiert zum Beispiel in Wien ein gut katholischer, gar nicht judenfreundlicher Ritter, dessen Großvater sich auf einem Pro, cutf die allgemeine Aufgeregtheit, die sich zu betätigen sucht, und auch im Hinblick darauf, daß cs zlveifellos nicht wünschenswert ist, durch strenge Maßnahmen regierungsfeindliche Gesinnungen einer Bevölkerung cinzuflößcn, die bisher von der revolutionären Propaganda >wch nicht berührt worden ist, wird Eure Exzellenz nicht verfehlen, zur Verhütung etwaiger Unruhen beizutragen durch Ermahnungen der Bevölkerung, ohne jedoch irgendwie zu Waffengewalt Zuflucht zu nehmen." Man ersieht klar daraus, daß die Regierung an den Exzessen m i t s ch u l d i g ist. Würde es sich um eine Kundgebung der Studenten oder Arbeiter gehandelt haben, so wären die Kosaken gleich zur Stelle geivesen; so aber zeigte sich die Polizei ohmnächtig. Zahlreiche Juden tvollten sich in das Hmis des Gouverneurs flüchten. Dieser aber ließ sie einfach davonjagen und gab so einen deutlichen Beweis feiner Mits ch u l d. Der Gouverneur von Raaben hat seinen Abschied erhalten; das wird eine geringe Genugtuung für die Juden sein. Dem: es handelt sich nicht um Exzesse einer tollen Menge, nicht um Mißgriffe eines Gouverneurs und der Polizei, sondern um das S y st e m der Regierung. Die Strenge der Regierung gegen die Juden hat in der letzten Zeit bedeutend zugenommcn, hauptsächlich wegen der immer mehr wachsenden revolutionären Strömung unter den Juden Süd- und Westrußlands. Aber auch das russische Volk kam: man nicht von jeder Schuld freisprechen; trotz der starken liberalen Strömung, trotz der Fortschritte der sozialistischen Ideen ist die größte Masse der sogenanntei: russischen Intelligenz noch immer antisemitisch. Allerdings hat diese antisemitische Intelligenz jetzt ein gelvisser Katzenjannuer überfallen. Die Metzeleien werden von der gesamten unabhängigen Presse als Folge der antisemitischen Preßhctzc bezeichnet, welche einige judenfeindlichc Organe in Rußland seit Jahr und Tag betreiben. Bemerkenswert ist, daß sogar die „Nowoje Wrcmja", welche auf dem Gebiete der Judcnhetze in Rußland bis jetzt alle Mittel für gut hielt, nunmehr für die Aufklärung der Massen in judenfreundlichem Sinne eintritt und das Kischenewer Blutbad brandmarkt. Die hervorragenden nationalrussischen Blätter der Provinz, wie „Nowoje Obosrenje", „Nischegorodskij Liste!", „Bakinskija Jswestija", „Baku" und andere, publizieren einen Protest, in welchem jedwede Gemeinschaft mit den antisemitischen Preßorganen zurückweisen und den einstimmigen Beschluß verkünden, den Bezug von oder den Austausch mit antisemitischen Blättern sofort einzustellen, „weil es jeden Wohldenkenden mit Abscheu erfüllen müßte, eine Zeitung in die Hand zu nehmen, welche Mcnschcnhaß predigt und einen Teil der Bevölkerung gegen den andern aufhetzt". Die „Moskowskija Wjedomosti", welche von einem Augenzeugen „Schreckliches über die Vorgänge in Kischeuew erfahren haben, das man nicht einmal ohne Sehen wiedergeben Tann", beschuldigen die Obrigkeit, das Massacre. geduldet zu haben. Der in Rußland populäre und'aut Zarenhofe sehr beliebte Priester Johann von Kronstadt'-publiziert in den Petersburger „Nowosti" einen äußerst scharfen- ArKkol 'über das Judenmassaere von Kischeuew, in welchem es unter anderem wörtlich heißt: „Das Herz des Zars, welches für das allgemeine Wohl des Volkes besorgt ist, ist durch das erschreckend blutige- Ereignis von Kischeuew in großen Kummer versetzt worden. Russisches Volk, meine Brüder! Was tut ihr? Warum habt ihr euch -in Barbaren und in Mörder von Menschen verwandelt, welche in einen: und demselben Vaterlande leben? Warum habt ihr eine so blutige Abschlachtung von euch ähnlichen Menschen verübt? Ihr habt eure Zugehörigkeit zum Christcntun: und die Lehre Christi vergessen. Der Geist der Kischeneivcr Mörder und Plünderer ist der Geist des Teufels, tvelcher die erhabenen Lehren Christi von Liebe, Barmherzigkeit und Güte verhöhnt und verschmäht. Und nun, ihr russischen Brüder,!vißt ihr, cheß im Leopold st ädter Tempel verewigte und der Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde war. Sind aber auch die Rabbiner auf der Höhe ihrer Zeit? Ganz gewiß nicht! Heute muß man von einem Rabbiner mehr, ja viel mehr verlangen, als in der guten alten Zeit, in der die Judenschaft alles durch die Brillengläser der Rabbiner sah; heute ist aber auch der Durchschnittsjude ein anderer wie vor 50 Jahren und weiß bei der Predigt herauszufinden, wie weit der Rabbiner mitfühlt und wo die Phrase herhalten muß. Der Rabbiner sollte der Bannerträger des jüdischen Gedankens sein und nicht Opportunitätspolitik treiben, um es nur seinen Vorgesetzten recht zu tun. So ist oft aus dem Diener des Herrn — ein Herrndiener geworden. Natürlich haben diese Beschwichtigungsrabbiner nicht unter der Konkurrenz zu leiden, denn es ist noch nicht vorgekommen, daß der Domherr von St. Stephan in die Seitenstettengaffe predigen gekommen wäre, da doch nur ein Jude Rabbiner sein kann und sollten die Herren einmal versuchen, ihr Brot auf feindlichem Boden zu verdienen, um am eigenen Körper zu erfahren, wie weit sie mit ihren salbungsvollen Ratschlägen kämen. Der Rabbiner hätte demnach st a t t gegen uns, für uns zu arbeiten, will er nicht ein General o(;ne Armee werden. Die Judenfrage ist eine soziale Frage von eminenter Bedeutung geworden, für uns jedoch umso mehr, da es sich um unsere Existenz handelt. Auf allen Gebieten zurückgedrängt, muß insbesonder der kleine Mann die für die Hochfinanz bestimmten Ohrfeigen und Fußtritte entgegennehmen und noch dankend akzeptieren, dafür ist ihm zum Beispiel benommen, eine Dienerstelle in den sogenannten Judenbanken zu erlangen oder Portier im Leopoldstädter Tempel zu werden. Es existiert kein einziger jüdischer Bankdiener. Diese Angestellten rekrutieren sich zumeist aus gewesenen Fleischern, Gärtnern, Pflasterern rc., die selten zu addieren verstehen, während brave jüdische, nicht unfähige Familienväter keine Aufnahme finden. Kultusvorsteher Ritter v. T a u s s i g möge einmal Umschau halten, ob er in seiner ureigensten Domäne, in der k. k. priv. Bodenkreditanstalt einen, sag« tvelcher böse Geist euch beherrscht. Das ist wem kurzes evangelisches Wart über das blutige Genietzel der völlig unschuldigen Juden und ihrer Kinder." Wie aus K i s ch e n e w gemeldet wird, wurde gegen 260 Individuen die Anklage wegen Teilnahme an den dortigen jüngsten Exzessen gegen die Juden erhoben. Eine Gruppe, bestehend aus achtundzwauzig Angeklagten, darunter dreizehn Frauen, hatte sich schon vorgestern vor dem Friedensgerichte wegen leichterer Delikte, so größtenteils wegen Beteiligung an Plünderungen deÄ Judenbevölkeruug zu verantworten. Zehn Angeklagte wurden zu je anderthalb Monaten und fünf Angeklagte zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. Dreizehn Angeklagte wurden freigesprochen, darunter auch ein gewisser Wasshlkowskij, welcher in die Menge Schüsse abfeuerte, angeblich nur um die Juden zu erschrecken. Von der Woche. Eine Konferenz der jüdischen Sozialdemokraten in Galizien. Sonntag und Montag fand in Lemberg eine Konferenz der jüdischen Arbeiter Galiziens statt. Unter anderen Gegenständen stand auch ein Antrag zur Beratung, das; sich die jüdischen Sozialdemokraten Galiziens als selbständige nationale Grrrppe in der Sozialdemokratie organisieren mögen. Begründet wurde der Antrag damit, daß die jüdischen Arbeiter in Galizien eine eigene Sprache, den jüdischen Jargon, sprechen, worauf die Gegner des Antrages erwiderten, daß selbst in Galizien schon die qualifizierten jüdischen Arbeiter den Jargon nicht mehr sprechen. Der Antrag hatte eine lange Debatte zur Folge, an der sich auch Abgeordneter Daszynsky beteiligte. Schließlich gaben die Antragsteller die Erklärung ah, daß sie durch die Diskussion vollkommen überzeugt seien und ihren Antrag zurückziehen. Sodann wurde eine.Resolution des Genossen Dr. Diamcmd, die den Separatismus der jüdischen Arbeiter grundsätzlich ablehnt, angenommen. Zum Beweise, daß man die Notwendigkeit einer besonderen Agitation unter den den jüdischen Jargon sprechenden jüdischen Proletariern einsieht, wurde beschlossen, daß ein eigenes Agitationskömitee von Lemberg ar:s die Agitation unter den jüdischen Arbeitern leiten solle. — So weit der offizielle Bericht der sozialdemokratischen Parteileitung. Ein Beweis, daß die Feinde des jüdischen Volkes a la Diamand noch einmal die Oberhand gewonnen haben; jedoch gar so glatt, wie die Wiener sozialdemokratische Clique es darstellt, ist die Sache nicht abgelaufen. Das Gros der jüdischen Arbeiter und Handlungsgehilfen, deren Einigungspunkt, seit Jahren der sozialistische Verein „Brüderlichkeit" bildet, haben ihren Austritt aus der Parte: angemeldet und gehen daran, sich selbständig auf jüdischnationaler Basis zu organisieren. Ob und inwieweit die jüdischen Parteiführer nach erfolgter Isolierung von ihrem jüdischen Anhänge die bisher in der Partei eingenommene Stellung weiter behaupten werden, dürfte die nächste Zukunft lehren. Die verzweifelten Versuche dieser Herren, die drohende Sezession in der letzten Stunde zu hintertreibe::, lassen diesbezüglich so manche Gedanken aufkömmcn. Ein trauriges Zeichen der vollständigen Entjudung der Führer ist es, daß sie, die sonst allen nationalen Postulaten der Polen und Ruthenen mit fast zudringlicher Bereitwilligkeit entgcgenkommen, allen seitens der jüdischen Genossen aufgestellten, auf Anerkennung der jüdischen Nationalität innerhalb der Partei hinzielenden Forderungen unbeugsamen Widerstand entgegensetzten. Die große Majorität der jüdischen Arbeiterschaft ist jedoch zu jüdisch, um die Zugehörigkeit zu einer Partei mit der Lossagung von ihrer uralten Volksgemeinschaft zu erkaufen. — Dieselbe hat nun ans dem Verhalten ihrer bisherigen Führer die richtigen Konsequenzen gezogen. — Die „Sezession isten" haben übrigens ihren Austritt aus der Partei in einer einen jüdischen Bureau- oder Kassendiener entdeckt. Wahrscheinlich reicht unsere Begabung mir, bis zum Generaldirektor. Sind wir einfache Bürger, die wir treue selbstbewußte Juden sind, etwa anders geraten? . . . Wie wenige unserer Konnationalen oder Glaubensgenossen halten jüdische Dienstboten'? Daher kommt es, daß wir in unserem eigenen Hause nicht bei uns sind. Wir wagen es nicht, mit unseren Kindern laut zu beten und zu singen, die Mazzes essen wir „nur der Kinder wegen", wie wie uns bei einer böhmischen oder Wiener Dirne entschuldigen, dafür aber kam aus reiner Nächstenliebe und Pietät den Andersgläubigen gegenüber der Christbaum in unser Haus, während es noch keinem einzigen Christen eingefallen ist, mit uns Jom-Kipur zu fastem Während der Antisemitismus den reichen Juden zu danken ist, ist unser häusliches Goleß unser ureigenstes Werk. Das Judentum ist schwerkrank, warum es leugnen? So traurig diese Bilder aus unserer Gegenwart sind, so sollten wir dennoch nichts unversucht lassen, unsere Zukunft besser zu gestalten. Wenn unsere Kultusverwaltung, die Rabbiner, die Reichen unter uns und wir selbst, das große, leidende Volk, uns zur ehrlichen, gemeinsamen Arbeit zusammenfänden bei gleicher Wahrung aller Klassen und Stände, dann wäre dies gewiß mit Freude zu begrüßen; sollte dies nicht möglich sein, dann wären wir mit dem Medizinieren aus und gehen dann ohne Zagen zur S e l b st b e h a n d l u n g über. Dann brauchen wir Nationaljuden nur ehrlickj zu woller und den frischen Windhauch im Judentums mit aller Kraft unserer Lungen anfachen, um alle noch Gleichgültigen zur fröhlichen, kräftigen Tat zu ermutigen; haben wir dann die nötige moralische Kraft, um Freund und Feind zu imponieren, dann haben wir aus uns heraus mehr geleistet, als alle verflossenen Heilkünftler zusammen, die nur zu tappen verstanden, wo es zu handeln galt. Ein junger Löwe ist Jehuda! Paris, 30. April 1903. H. F.

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