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Jüdisches Volksblatt · 1903-05-15 · 20 (15.5.1903) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 15. Mai 1903 Nr. 20 gänznngswahlen für biefc. Körperschaft. Es lvitrbcti für btc restliche Funktionsdaner bis Ende 1905 mit Stimmencinyclligkeit gewählt: Herr Moriz Edler v. Kusfner <junt Präsidenten, Herr Theodor Ritter v. Taussig zum 1. Vizepräsidenten. Herr Doktor Adolf Stein zum Kontrollor, Herr Emil Karpeles zum Mitgliede des Kuratoriums und zum Kassier. Ferner lvird ein Schreiben des Herrn Kultusvorstehcrs Dabid Ritter v. Gutmann bekanntgcgcbcn, mit welchem derselbe das ihm zustehende Vorschlagsrecht für die Besetzung zweier Freiplätze im Karlsbader israelitischen Hospiz für das Jahr 1903 dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeindc. Herrn kaiserl. Rat Kliuger, einräumt. Im Präsidialberichte macht der Vorsitzende Mitteilungen über die finanzielle Gebarung der Knltnsgemeinde in der Zeit vom 1. Jänner bis Ende April 1903. Des weiteren teilt der Präsident mit, das; das Vertreterkollegium, welches vom Kultusvorstande in der Plenarsitzung vom 15. April 1903 mit der Zuteilung der Amtssitze für die beiden ncucrnannten Rabbiner Dr. Fenchtwang und Dr. Grunivald betraut wurde, nunmehr beschlossen habe, Herrn Rabbiner Doktor Feuchtwang km Sinne des von ihm ausgesprochenen Wunsches für den Gerne iiidctempel in Währing und Herrn Rabbiner Doktor Griinwald für den Gcnlcindetempel in Fünfhaus zu designieren- — Ter Amtsantritt dieser beiden Rabbiner lvird für den 1. August, der Amtsantritt des Herrn Rabbiners Dr. David für den 1. September 1903 in Aussicht genommen. Der Vorsitzende gibt lveiters Kenntnis, das; das Vertrcterkollegium in der abgelaufenen Woche eine Besprechung unter Zuziehung säintlicher Herren Obmänner der Bezirkskommissioneu abgehalten habe. — In der Absicht, eilten regeren Kontakt zwischeit dem Kultusvorstande und den Bezirkskonmnssionen herzustellen und ein gedeihliches Arbeiteir derselben zu ermöglichen, hat das Vertreterkollcgium die Zuziehung von Delegierten der Bezirkskommissionen in die ständigen Kommissionen des Kultusvorstandes in Aussicht genommen uild lvird es nunmehr Sache der Bezirkskolitmissionen sein, sich zu der gegebenen Altregung zu äußern. Nach Erledigtlng von Steuer-Ailgelegeuheitcn lvird hierauf die vertrauliche Sitzung geschlossen. Der Kampf gegen Lueger. An Druckerschwärze sparen die Liberalen nicht im Kampfe gegen Lueger, ein Leitartikel nach dem anderen wird in den führenden, besser gesagt „anführenden" Blättern gegen ihn losgelassen und der brave Leser vom Lande und außer den schwarz-gelben Pfählen glaubt, daß es den Liberalen wirklich ernst ist mit diesem Kampfe. Aber weit gefehlt! Daß erkennt man daraus, was die Herren im stillen Kämmerlein tun, wenn sie sich unbeobachtet glauben. Man höre. Zu denen, die am lebhaftesten gegen das Vorgehen des Magistrates gegen die privaten Elektrizitäts-Gesellschaften protestieren, gehören die Kreise der Kaufleute. Das letzte Aufgebot der Liberalen. Die Mittwoch-Blätter brachten geharnischte Erklärungen des Kaufmännischen Vereines und der Handelskammer. Aber ein Umstand stand nicht in diesen Erklärungen und doch hätte er so schön hineingepaßt. Das kaufmännische Gremium baut ein neues Repräsentations-Gebäud e. DieserBau hat eine unerquickliche Vorgeschichte, die wir wiederholt besprachen und die wir hier nicht weiter berühren. Die Leitung des Gremiums hatte also Gelegenheit, die privaten Gesellschaften in ihrem Kampfe „gegen die an unlauteren Wettbewerb streifende Konkurrenz der Kommune", wie es so schön in der Eingabe des Kaufmännischen Vereines heißt, zu unterstützen. Die Leitung benützte auch diese Gelegenheit und schloß einen Vertrag mit — dem städtischen Elektrizitätswerk. Richtet euch nach meinen Worten, nicht nach meinen Taten! Oder muß man, verehrtes Präsidium des Gremiums, bei den heutigen Zeiten antisemitische Unternehmungen unterstützen?! Allerdings könnte das Gremium sich damit entschuldigen, daß selbst — jüdische Tempelvereine das elektrische Licht von der Kommune nehmen. Der T e m p e lv e r e i n im VIII. Bezirk, der jahrelang mit der Kommune prozessieren mußte, bis er in letzter Instanz gegen die Kommune siegte, bedankt sich bei der Kommune für diese Sekkatureu damit, daß er mit ihr den Vertrag schloß. Wirklich großmütig. Aber imponieren wird das dem Herrn von Wien nicht. Gerade in diesem Falle hätte das Präsidium des Tempelvereines seinen Willen durchsetzen müssen und nicht dem Drängen der Mitglieder nachgeben dürfen, die für den Vertrag waren, weil die Kommune billiger ist und weil sie von weiteren Belästigungen seitens des Magistrates fürchteten. Damit leistet man nur der Willkür Vorschub und schädigt das Ansehen des Judentums. Alles in allem kann L u e g e r mit seinen Gegnern zufrieden fein. Sie sind, wie die Beispiele zeigen, die bestell Agitatoren für die christlich-soziale Sache. Tie Auswanderung nach Südafrika. Abermals hat die niederösrerrcichische Statthalcerei .ein.en Erlas; an die Bezirtshanprmannschaftcn, Sradträte und an die Wiener Polizeidircktion veröffentlicht, der sich mit der Frage der Auswanderung nach Südafrika befaßt und hervorhebt, dag die Gelegeicheiteic, für arbeitsuchende Fremde in Südafrika lohnendere Beschäfligting zu fiicdcn, nur spärlich find und daß die Auffinduicg voic Arbeitsgelegenheiten durch strenge Handhabung der Einwandertmgsbcschränknngen in hohem Grade erschwert ist. Reisende, die sich nach Transvaal oder in die Oranjeriver-Kolonie begeben wollen, müsseic sich auch jetzt icoch eine behördliche Erlaubnis zucn Eintritt tu diese Länder und zum Aufenthalt daselbst erwirken — fremde Staatsangehörige durch deil in Pretoria residierenden Konsnlarvcrtreter ihres Heimatsstaatcs. Sie müssen den südafrikaitischen Küstenplatz genau angeben, aic dem sie zu landen beabsichtigen, und die Erlaubnis persönlich unter Vorweisung des Reisepasses bei dem Secretary for Permirs, welche in bcu Küstenplätzcn Vritisch-Südafrikas, in Bnlolvaho und Laurence-MarqlicS bestehen, beheben. Personeil, die ohne Erlaubnis die Kolonie betreten, köitnen angewiesen iverden, daS Land zu verlassen. Die „Permits" können gruitdfätzlich auch Veriveigert werdell und Iverden an Angehörige eines bestimmten Staates monatlich nur in einer gewissen Maxirnalzähl ausgegcbcn. Daher erscheint es dringend geboten, sich schon vor der Einschiffung nach Südafrika die Geivis;heit zu verschaffen, das; der angesprochene Erlaubnisschein tatsächlich und ztvar bis zum Zeitpunkt der Landung erteilt wird. In der Kapkvloilie und in Natal wurde nach Aufhebung des Kriegsrechtes das Erfordernis einer befondereit Erlaubnis aufgehoben, dagegen bleiben gewisse Beschränkungen für dcn Eintritt aufrecht; und zwar sind von der Einwanderung hauptsächlich ausgeschlossen: 1. Personen, die infolge Aufforderung der Behörden nicht imstande sind, eilt an das Koloinnlsekrctarial zit richtendes Gesuch in einer Oeftiiututeu, gesetzlich borgesäsriebenen Form in irgend einer europäischen Sprache eigenhändig zu schreiben und zli ntiterschreiben. 2. Personen, die sich nicht über den Besitz der zu ihrem Lebensunterhalt notwendigen Mittel auslveisen können, und 3. Personen, die wegen eines gemeinen Verbrechens oder entehrenden Vergehens abgcurteilt wurden. Jit allen Fällen scheint cs nokivendig, daß sich frcnrde Reisende mit gütigen heimatlichen Reisclcgitimationcn versehen. Wien. („Chewra Kadischa".) Sonntag, den 17. Mai 1903 findet um 10 Uhr vormittags im großen Saale des Hotel „Kontinental", II., Praterstraße 7 (Eingang Taborstraße) eine außerordentliche Generalversammlung der „Chewra Kadischa" statt. Tagesordnung derselben ist: 1. Mitteilung der geänderten Statuten. 2. Wahl von drei Vorstandsniitgliedern mit der Mandatsdaner bis zu der statutengemäß im Jahre 1904 einzuberufenden Generalversammlung. Auf Einladung des Vereins jüd. .Hochschüler aus Rumänien „Erez-Jsrael" hielt Herr Dr. Paul Weisengrnn im Saale des Kongretzburcans, 9. Bezirk, Türtcnstraße 9, einen Vortrag über den „Zusammenhang der jüd. und der sozialen Frage". Der Vortragende führte acis, das; der nationale und soziale Gedanke gleichzeitig im jüdischen Proletariat gepflegt, entwickelt werden müsse, denn im jüdischen Proletariat, als der Mehrheit des jüdischen Volkes, liegt unsere Zukunft und das sind die Massen, die einmal in Palästina sich ansiedeln werden. Der Vortrag fand großen Beifall. Gesangs-Sektion des Allg. jüd. Arbeitervereines, Wien, 2. Bezirk, Stcfaniestrnsrc 8. Der Gcsangsrat hat sich bereits konstituiert. Obmann ist Herr Rudolf Alaun, Schriftführer: Robert Blau, besitzende Räte sind: Ignatz Grehor, Wolf Spiegel, Josef Lauser, Frl. Lichtenfeld, I. Stein und Goldfinger. — Bei der Dienstag dcn 12. ds. stattgeftindenen Gesangsratssitzung wurde beschlossen, für die Gesangsübungen ein geeignetes Lokal ausfindig zu machen unb mit dcn Hebungen in Bälde zu beginnen. Anmeldungen für die Sektion werden jeden Abend im Vcreinslotale cnkgcgcngcnommcn. Ter Gesnngsrnt. Allgemeiner jüdischer Arbcitervereitt Wien, 2. Bezirk, Stefnnicstraßc 8. Samstag den 16. Mai um 8 Uhr abends findet im Vereinslokalc ein Vortrag des Herrn Lifschitz aus Palästina statt. Thema: „Die Beschaffenheit der jüdischen Kolonien Palästinas. Gäste herzlichst willkommen. Achtung jüdische Eierpacker! Samstag den 16. Mai findet in Fünfhans eine Versammlung der jüdischen Eierpacker mit der Tagesordnung: 1. Die Lage der Eierpacker, 2. Gründung eines Fachvereincs statt. Der Ort der Zusammenkunft wird noch rechtzeitig schriftlich bekanntgegeben. Erscheint alle! Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter Wien. Der Zentral-Ausschuß der Wiener Organisationen unserer arbeitenden Jugend entfaltet eine rege Tätigkeit. Am 26. April arrangierte er eine Exkursion in das jüdische Blindeninstitut nach Döbling, woselbst^ die zahlreich erschienenen Mitglieder alle Räume der Anstalt unter Leitung des Fräulein P or g es besichtigten. Großes Interesse erregten insbesondere die von den Zöglingen hergestellten Arbeiten, Bürsten, Pinsel, Tischler- und Metallarbeiten rc. Ferner die Bibliothek, Druckerei, Turnsaal, Schlaf- und Speisesaal. Die Vorstandsmitglieder trugen ihre Namen in das Gedenkbuch ein. Am 3. Mai fand trotz des heißen Sommertages, um 3 Uhr nachmittags im II. Bezirke eine gut besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher Herr Meist über die Organisation der arbeitenden jüdischen Jugend referierte. An der Diskussion beteiligten sich drei Sozialdemokraten und drei Vereinsmitglieder. Es wurde von Seite unserer Genossen dem Wunsche Ausdruck gegeben, mehr für die nationale Erziehung der Jugend zu arbeiten, in wirtschaftlichen Fragen jedoch als gleichberechtigter Faktor mit anderen sozialen Organisationen gemeinsam vorzugehen. Der am 10. Mai d. I. veranstaltete erste Ausflug, war infolge des ziemlich ungünstigen Wetters etwas schwächer besucht. Die Teilnehmer (26 Herren, 17 Damen) fuhren mit der Stadtbahn nach Kierling, woselbst im Restaurant Schauer eine improvisierte Vortragsakademie stattfand. Fräulein Einilie K o h n, gab einige Proben ihres Talentes als Konservatoristin auf dem Klavier, Fräulein Minna Rotier und Hilda G o l d n e r brachten meist heitere Lieder in vorzüglicher Weise zum Vortrage. Ernste und heitere Dichtungen rezitierten auch die Kollegen Morgenstern, Rosenthal und Goldner. Auf der nahe gelegenen Wiese gab es dann diverse Bewegungsspiele und zum Schluß im Saale ein Tanzkränzchen, an dem sich fast sämtliche Damen und viele Mitglieder beteiligten. Die Musik besorgte die Kapelle Goldner- Sonnenfeld, welche u. a. auch das belanute Nationallied „Auf mein Volk" unter lebhaften Beifall spielte. Selbstverständlich wurde auch bei dieser Veranstaltung der Kischenewer Juden und des jüdischen Nationalsonds gedacht. — Die Herausgabe des Fachblattes „Arbeitende jüdische Jugend", dürste nach mehrfachen Hindernissen anfangs Juni erfolgen. Zuschriften sind an den „Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter Wien", II. Bezirk, Stephaniestraße 8, zu richten. H. R. Der Einzelverem „Wien" des ZionverbandeS veranstaltet am Samstag den 16. d. M. — bei ungünstiger Witterung am 23. d. M. — im Restaurant „zum schwarzen Bären" im Prater eine Lagbeaumer-Feier (Schülerfest), für die durchwegs hervorragende Kräfte gewonnen wurden. Das Fest-Referat wird Herr pllil. A. Beck erstatten, und gelang es dem Komitee, unter anderen Herrn Oberkantor D e st erreichet: für gesangliche Vorträge zu aqnicieren. Auch für den heiteren Teil wurde durch Anwerbung tüchtiger Kräfte bestens gesorgt. Beginn 8 Uhr abends. Entröe bis 8 Uhr abends frei, nach 8 Uhr 50 Heller Regiebeitrag. Unter dcn Spendern für die „Errichtung einer Waschanstalt für die Strümpfe von Hcideukindern" figuriert auch der Herr Kommerzienrat Teitelbaum mit 1000 Konen. Zmn Herrn Kommerzienrat kommt eiitige Tage nachher einer seiner Buchhalter namens Kohn und bittet um eine Zulage bou 25 Kronen, da feine Frau etwas Kleines bekommen habe. „Zulage?" antwortet der Herr Kommerzienrat, „gibt's nicht! Kann ich dafür, das; Sie Vater werden?" I. L. („Lucifer".) Die Entführung ins Kloster. Im Frühjahr borigelt Jahres rief das Verschwinden eines Judenmädcheus, Rosalia Frostig, aus dem gälizischen Städtchen Rozanka Aussehen hervor, zumal mau ersilhr, das; die Genannte in einent Krakauer Nonnenkloster getauft wurde. Schließlich wurde ermittelt, das; das Mädchen am 12. Mai v. I. gegen Mitternacht mittels eines außerhalb des Ortes bereitgestandenen Wagens nach Lemberg gefahren lvar, daß der 23jährige Müllerssohit Josef Feuerte den Wagen zur Verfügung gestellt, das Mädchen begleitet und sich in Lemberg als Gatte, das Mädchen als seine Gattin gemeldet habe. Er brachte sie zuerst zu seinen Verwandten lind daun iilS Krakauer Kloster, Ivo sie unter dem Nameil Angela getauft lvnrde. Auf Grund dieses Tatbestandes erhob die Lemberger Staatsallwaltschaft gegen Feuerte die Anklage wegen Entführung. Der Angeklagte gab an, er habe nicht gewtlßt, daß das Mädchen ohlte Eintvillignitg abretfett und ihrem Glanbelt wechseln wollte; erst während der Fahrt habe ihm das Mädcheit erzählt, daß es zllm Nebertritt znm Christentum fest entschlossen sei nub daß die Eltern dies nie erlauben werden; nur mtt ihr den Glanbenswechfel zlt ermöglichen, habe er sie begleitet und die Kostelt der Fahrten, des Unterhaltes usw. für sie bestritten. Das Lemberger Landesgericht fand Feuerte bloß der Falschmeldling schuldig tmd verurteiltc ihn hierfür zu drei Tagcit Arrest, sprach ihn aber von der Etltführmtg frei, da er nrsprütiglich nicht wtlßte, daß die Mveisv gegen deit Willen der Elterit erfolge, das nachträglich Geschehene aber tlicht in Betracht kontmen kann, weil die 19jährige Rosalia Frostig Zlnn Glaubcnswechscl gesetzlich berechtigt war, er ihr also nur zur Ansübung eines Rechtes und nicht zit etwas Ungesetzlichem Beihilfe leistete. Gegen das Urteil brachte die Staatsattlvaltschaft die Nichtigkeitsbeschwerde ein, die gestern vor dem Kassatioitshofe mtter Vorsitz des Hofrates Kossovic vom Hofrat R. v. Girtler vertreteit tvurde. N. v. Girtler bezeichnetc den Freispruch als aufliegeitdeit Rcchtsirrtum, denu lvemt auch vielleicht der Augeklagte bei der Beistelllliig des Wagens uoch liicht Keuutuis gehabt haben sollte, daß cs sich um eine mitternächtliche Flucht der Tochter gegeit den Willen, der Eltern haildle, so habe er dies ja seinem eigenen Geständnis nach während der Fahrt erfahren nttb dennoch dazu beigetragen, daß die Tochter dem Machtbereich der Elterlt entzogen tverde — hierin liege aber das Verbrechen der Elitführung. Um die Forschtmgeit der Elterit zu vereiteln, habe er gemeinsam mit dem Mädcheit ein Zimnter gemietet und sich als Gatten gemeldet. Das freisprechende Urteil sei daher anfznheben und in der Sache selbst sofort mit der Verurteilung borzugehert. Eiltgegeit den Ausführungen des Verteidigers Dr. Ritter v. Qrlowski gab der Kassationshof der Beschwerde Folge, hob bett freisprcchenden Teil des Urteils als rechtsirrtümlich auf tmd erkannte, Fcncrle sei mich der Entführung schuldig und wurde er zu eiitem Monat schweren Kerkers, verschärft durch zwei Fasttage, verurteilt. Die Bcgrülldung schloß sich vollkommen den Ausführungen der Generalprokuratur an. Regelung der Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionslehrer. Der Verband der Rabbiner in Böhme n richtete an das Ministerium für Kultus und Unterricht eine Eingabe um Regelung der Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionslehrer. Das Ministerium leitete die Eingabe an den Landesschulrat zur Aeußerung und dieser befaßte sich mit derselben in seiner Plenarsitzung. Der Landesschulrat sprach sich dahin aus, daß dort, wo die Anzahl der israelitischen Schüler eine ausreichende ist, selbst wenn die israelitischen Schüler mehrerer Anstalten znsammengezogen werden müßten, für den israelitischen Religionsunterricht ein Lehrer mit den vollen Rechten eines ordentlichen Lebrers zu bestellen sei. Eine solche Institution hält der Landesschulrat beispielsweise für möglich in Budweis, wo das Gymnasium und die Realschule bezüglich ihrer israelitischen Schüler zusammengezogen werden können, in Prag (Altstädter und Neustädter Gymnasium), Prag (Realschulen), Prag (Mittelschulen Karolinenthal und Weinberge) rc. Diese ordentlichen Lehrer (Professoren) würden sämtliche Pstichten treffen, welche den übrigen ordentlichen Mittelschnlprofefforen obliegen, insbesondere die Verpflichtung zur Lehrbetätigung von zwanzig Stunden wöchentlich. Dagegen hätten sie auch dieselben Rechte, also den Titel Professor, Quinquennalzulagen, Pensionen rc. Weiter erachte es der Landesschulrat für notwendig, daß die Remuneration für die Erteilung des israelitischen Religionsunterrichtes an den Anstalten, wo es unmöglich ist, daß der betreffende israelitische Religionslehrer eine volle Lehrtätigkeit von 20 Stunden wöchentlich ausübt,entsprechend erhöht werde, und zwar auf das Ausmaß von 160 Kronen per Stunde und Jahr nach fünfjähriger tadelloser Tätigkeit im Unterrichte. Auf dieselbe Höhe sollen selbstverständlich auch die Remunerationen der Religionslehrer der übrigen Konfessionen gebracht werden. Solchen remunerierten Lehrern soll, wenn sie die entsprechende Vorbildung haben und sich durch vorzügliche Verwendung ausweisen können, ausnahmsweise und ad personam der Profefforentitel ' mit den Rechten und Pflichten eines ordentlichen Lehrers verliehen werden. Die remunerierten Religionslehrer sollen Pensionsberechtigung haben, und zwar nach zehnjähriger Dienstzeit 40 Perzent, für jedes folgende Jahr 2 Perzent mehr in steigender Tendenz. Der Landesschulrat erachtet es schließlich für unumgänglich notwendig, daß für den israelitischen Religionsunterricht in derselben Weise staatliche Prüfungskommissionen bestellt werden, wie bezüglich der übrigen Konfessionen, und daß durch Einberufung einer Enquete ein einheitlicher Lehrplan für den israelitischen Religionsunterricht an den Mittelschulen ausgearbeilel werde. Zum Kongreß der deutschen Gewcrbevereine. Wir leben, in der Zeit der „Tage" und „Kongresse", die alle Gebiete der Wissenschaft, der Industrie, der Gewerbe und des Verkehrs mnfassen. Diese Kongresse dienen ztimeist der Befolgung von Standcsinteressen und es kommt selten was Gutes, Nützliches, der Allgemeinheit Dienendes heraus. Wir haben in Wien während Jahresfrist mehrere dieser „§wngresse" und „Tage" an der Arbeit gesehen; was sie ztitage gefördert, war tneistens sehr wettig erbaulich, häufig von finsterster Rückständigkeit eingegebett und mit der Jntenliott, alle Errungenschaften der Neuzeit ans Jahrhunderte zurückzuschrauben. Diesmal tvar cs der Kongreß der deutschen Gelverbevereine, die sich in Wie it ein Stelldichein gegeben. Schon diese Tatsache allein gibt zum Nachdenken Anlaß. Wien ist, und mit Recht im Verruf, eine erzreaktionäre Stadt ztl sein tmd die Teilnahme des Bürgermeistertrifolitims Lueger, S t r o h b a ch, Neu - m eye r, des Magistratsdichktors Weißkir ch n e r, sind sehu verdächtige Symptome, lieber den Zlveck des Kongresses der deutschen Geiverbepereine läßt sich nicht viel sagen. Man will das Kleingewerbe fördern, beleben, oder mit anderen Worten, einen Toten galvanisieren. Hierzu eignen sich d e u t s ch e Gelverbevereine am allerwenigsten. Die s l a v i s ch e Rasse ist wahrlich mich nicht p h i l o s c m i t i s ch , allein sie ist nntis e m i t s ch aus politischen Motiven, aus Gründeit der Utilitat. Der Germane aber ist ein Judenfeind aus Grundsatz, und in dieser Richtung unversöhnlich, auch in Fallen, wo ihm, tvie ja dies so oft vorkommt» die Jtlden Gefolge leisten, sich für ihn materiell opferit. Es Ivttrden sehr schöne Ansprachen gehalten, insbesonders bom Ministerpräsidenten Dr. v. Koerber, der wohl den Nagel ans den Kopf damit getroffen, indem er die einzig richtige These aufstellte, daß das Kleingewerbe den Kampf mit der Großindustrie mir dann erfolgreich bestehen könne, wemt cs das Handwerk künstlerisch betreibt. Di« arischen Handwerker, denen man bei Wicdereinfiihrtmg zünftlerischer

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