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Jüdisches Volksblatt · 1903-05-08 · 19 (8.5.1903) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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beite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. Mai 1!h 3 Nr. 19 .slMevlK't luitvbo in bcv ersterwähnten Skedl'schen Interpellation aucv yervorgebeben, daß zu einem derartigen Eingreifen für bie ge^ ineinsame Regierung umsomehr Veranlassung Vvrlicge, alo bie dnrcli ihre Soiidcrirelliing unter ben riiinäniscben Gliben hervorgernfene Ausivandernngspeivegnna bereits i h r e Pi n ck lv i r k u n g a n f bi e B u k o >v i u a e r V e r h ä l t n i s s e n P e, indem zahlreiche aut? Rumänien answandcrnde, verarmte Israeliten der an sieh schon mitrellosen Bevölternng der Grenzstädte Rumänien-- zur East fielen. In der Interpellation des Abgeordneten Dr. S t r a n cy e r lind Genossen lvirb ferner auch die Enge der a r m e >> i s ch e n Eh eisten in der Türkei erörtert und der Regierung nahegelegt, wegen Tnrchfnhrnng der im Artikel 01 des Berliner Staatsperträges Pom Jahre 1878 porgesehenen Reformen in den von Armeniern bewohnten Provinzen des türkischen Reiches auf die Pforte Einfluß zu nehmen. In Beantwortung dieser Interpellation beehre ich mich, dem hohen Hanse mirznteilen, das; die gemeinsame Negierung keineswegs perkennt, ivelch lv e n i g g ü u st i g e s L o s d e n I u den i u R u m ä n i e u h e s eh i e d e n ist und in tveleh bedrückter Lage sich dieselben vielfach befinden, indem ihnen infolge ihrer anormalen, ans der rumänischen Konstitution und verschiedenen gesetzlichen Sonderbestimmnngen resultierenden Stellung in ihrem eigenen Heimatlande häufig die Möglichkeit der Erlangung von Erwerbsquellen nach vielen Richtnngen hin eingeengt itnb unterbunden ist. Die gemeinsame Negierung, lvelebe ihrerseits schon vorn hnmanitären Standpunkte aus eine Verbesserung der Lage der rumänischen Inden lebhaft heg rügen lvürde, hat sich daher im Laufe der l e tzte n I a h re bereits Wiede r holt v e r a n l a sz t g e sehe u, d e xj befreundete n B u k a r e ft er R c g i e r n n g — so weit cs die einem unabhängigen Staate schuldigen Rücksichteir zuließen — i n n i ch t o f f i z i e l l e r Wl e i s e e i n e B e s s e r tl n g des Loses de r r u in ä n i f ch e u Inden nayezulcge n. Unter einen lvefentlich anderen Gesichtspunkt als die in solchem Geiste erreilten Ratschläge fiele aber eine förmliche diplomatische Akrion, wie sie den Herren Interpellanten vorznschwebcn scheint. Ein derartiger offizieller Schritt mühte, da es sich hierbei nicht um österreichische oder ungarische Staatsangehörige handelt, rnmäniseherseils als eine unberufene Einmischung in die internen Angelegenheiten eines dritten Staates nnsgefaßt lvcrden, zmnal bloß e t h i s ch e und h u m anitäre Erwägungen eine ausreichende Grundlage für eine solche Akrion, die einer auf die Prinzipien des Völkerrechtes sich stützenden Basis entbehren würde, n i ch t abzugeben vermöchten. Die Berechtigung zu einer Intervention bei der königlich rumänischen Regierung aber ans dem Vertragsrechte, nämlich ans den Bestimmungen des Berliner Vertrages abteitcn zu wollen, würde anderseits begründeten Bedenken unterliegen, da der in Betracht kommende Arrikel 44 des Berliner Vertrages nach seiner, der Interpellation Raum gebenden Fassung, kaum eine jeder Einwendung entrückte Basis für ein solches Einschreiten bildet. Wenn auch diese Erwägungen einem offiziellen Jnterventionsschritte der Monarchie zugunsten der rumänischen Juden sich entgegenstellen, so wird sich die gemeinsame Regiermng d o ch n i ch t a b h a l t e n lassen, nach w i e vor bei sich d a r b i e t e nd e r G e l.e g e n h e i t im freundschaftlichen Verkehre mit der k ö n i g l i ch r u mäni s ch e n N e g i e r u u g eine g ü n st i g e r e Gestaltung der gegen in ä r t i g e n Lage d c r r u m ä n i s ch e n I u d e n z u b e f ü r w o r t e n, und es darf Wohl der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, das; auch in dieser Frage die fortschreitende Entwicklung der Verhältnisse eine Wendung z u m Besseren schaffen w e r d e. Was die in der Interpellation der Abgeordneten Dr. S ke d l und Genossen behauptete N ü ckwirkuirg der unter den rumänischen Juden bestehenden Auswanderungsbewegung auf d i e V e reincs anderen Paares ersetzt werden, die Waren nach Farbe und Größe sortiert werden usw. Um Hilfsmittel ist man nicht verlegen. Ich sah eine Appretur in einer Mauernische, bestehend aus einer Wagcnwinde und einigen Brettern; die Wirkwaren kommen zwischen die Bretter, die dann durch die Wagenwinde an die Mauerdecke der Nische angepreßt werden. Um italienische Trikothemden im Preise konkurrenzfähig zu machen, kvird der untere, ohnedies gewöhnlich etwas lange Teil abgeschnitten und zu Linderleibcheu verarbeitet, die ebenfalls Absatz finden. Die Konkurrenz racker den Spagnolen ist infolge der Hypertrophie des Handels eine so große, daß alle Findigkeit und Rührigkeit den Verdienst nicht vermehrt, sondern dem einzelnen nur den Ruhm verschafft, die billigste Einkaufsquelle zu sein. Salonichi gilt deshalb unter ben Industriellen der Welt als die hohe Schule der Preisdrückerei. Die nicht seltenen Chikanen, zu denen jede kleine Abweichung in der Ausstattung oder im Anssehen der Ware benützt tvird, sind gewöhnlich nichts anderes als Mittel der Preisdrückcrei. Eine dem Handel Salonichis spezifische Erscheinung sind die sogenannten Eourtiers, fälschlich Kommissionäre genannt. Diese Eourtiers, fast ausschließlich Spagnolen, sind die gewerbsmäßigen Vermittler zwischen dem Engrossisten in Salonichi und dem Detailkcnlfmann in der Provinz. Wenn ihre Aufgabe lediglich darin bestünde, die Provinztaufleute zu ben Einkaufsquetlen zu führen, so wäre ihre Nolle ausgespielt, sobald jeder Kaufmann mit den für ihn in Betracht kommenden Engrossisten bekannt geworden ist. Die Engrossisten sind aber zugleich die Kreditvermittler. Der kleine Kaufmann in der Provinz, der Kolonialtvaren, Mmnifakturwareu, Ouincaillerien usw. gleichzeitig führen muß, ist selten so kapitalskräftig, um mit eigenen Mitteln arbeiten und insbesondere die gegen Kusse qetjanbelten und im Import den Ausschlag gebenden Kolonialwaren bar bezahlen zu könneu. Er nimmt deshalb den Conrtier in Anspruch, der ihm gegen hohe Zinsen das Geld zum Einkäufe vorschießt. Daraus hat sich der Mißbrauch enttrückelt, daß der Kaufmann, selbst wenn er in eigener Person auf den Platz kommt, seine Einkäufe auch bei Häusern, in tvelchen er fremden Kredits nicht bedarf, durch den Courtier und in Begleitung desselben besorgt. Dieser erhält dafür eine Provision von 2 Prozent. Die Engrossisten müssen ch ä l t n i s s e in d e r B u f o w i n a betrifft, so sind seitens der Regierung ausreiebende Vorkehrungen getroffen tvorden, um zu verhindern, baß sich durch baS Einströmen rumänischer Auswanderer in das Gebiet der Monarchie irgendwelche Mißstände entwickeln. Ich habe überdies nicht ermangelt, über die bezügliche Situation in den W r e n z o r t e n b e r B n k o!v i n a noch besondere Erhebungen einznleiten, welche ergaben, daß der tveitaus überwiegende Teil jener rumänischen Auswanderer, Ivelche die Bukolvtna passieren, sieb d a s e l b st ü b e r b a u p t ui ch t a u f h ä l t und d a h c r mit d e r B e v ö l k e r u n g n i ch t tv eite v i n B e r ii h r u n g kommt; es können in diesem Belange vielmehr nur solche Anstvandcrer in Betracht kommen, ivelche ihrer u n z u r e i ch e n d e n M i t t e l lv e g e n z u F u ß r eise n m ü s s e u, oder ivelche die österreichische Grenze auf Schleichtvegen überschreiteu. Die ersteren kuckten sieb in der Regel nur vorübergehend im Lande auf, besitzen übrigens immerhin einige Mittel, und es handelt sich daher (in Nevereinstimniung nüt dein hezüglichen Berichte des Czernoivitzer isr. Kultnsvorstandesl D. Red.i, falls die Unterstützung derselben durch ihre ivohlhabendcren Glaubensgenossen in Frage kommt, h ö ch st e n s u m die ein m a l i g e Ge iv ä h r u u g milde r (ü a b e » b e h u f s E r m ö g l i ch n n g b e r Weite r reis e. Von jenen wenigen rnniänischen Ausivandercrn endlich, welchcn es gelingt, über die Grenze zu kommen und ivelche nicht nach Rumänien zurückgebracht werden, trachten die meisten, sich als Professionisten und Taglöhner ihr Brot zu verdienen und fallen daher der Bevölkerung gleichfalls nicht zur Last. Die anläßlich der in Rede stehenden Interpellationen eingeleiteten Erhebungen, ivelche nicht bloß im Wege der politischen Behörden dnrchgeführt ivnrden, sondern auch die Einvernahme der i s r a e l i t i s ch e u K u l t u s g e m e i n d e n in der Bukoivina zum Gegenstände hatten, h a b e u m i t h i n keinen A ir Halts- Punkt das ü r e r g e b e n, daß die A u s iv a n d c r u u g sb e iv e g u u g u u t e r d e n r u m ä u i s ch e n I u d e n auf die V e r h ä l t n i s s e speziell in der B u k o iv i n a eine n m c r k l i ch cn n a ch t e i l i g e n E i n f l u ß u e h m e n iv ü r d c, und es erscheinen daher die in dieser Hinsicht geäußerten Besorgnisse der Herren Interpellanten (Dr. S k e d l. T. Red.) nicht gerechtfertigt. Unter diesen Umständen liegt für die Negierung eine Veranlassung zu weiteren Vorkehrungen gegenivärtig nicht vor; ich glaube jedoch nicht erst betonen zu müssen, daß die Negierung der weiteren Entivicklung der bezüglichen Verhältnisse in unserem Nachbarstaate ihr besonderes Augenmerk zuivcnden tvird. Was endlich die von den Abgeordneten Dr. Straucher und Genossen gewünschte Intervention zugunsten der Armenier in der Türkei anbelangt, so haben sich, insoiveit die k. und k. Regierung aus den ihr Zugekommenen Berichten zu entnehmen in der Lage war, jene beklagenswerten Vorkommnisse, auf ivelche in der Interpellation der Abgeordneten Straucher und Genossen hingelviesen wird, nicht wiederholt und es liegt daher für die k. und k. Negierung kein Anlaß vor, diesbezüglich einseitig eine Initiative zu ergreifen." Wir machen unsere Leser auf die Haltung Dr. Skedls aufmerksam, der seine Interpellation um sie auch seinen antisemitischen Freunden plausibel zu machen, damit motivierte, daß die Bukowina durch die rumänische Emigration ins Mitleid gezogen werde. Darin unter scheidet sich die Interpellation Skedl von der Interpellation B r e it e r - S tra u ch er; wir glauben aber nicht, daß dieser Unterschied Grund genug ist, daß die „Allianz" dem einen dankt und din anderen ignoriert. Alles in Allem können die jüdischen Realpolitiker mit den bisherigen Erfolgen, die sie ohne genügende Anerkennung und Unterstützung durch wertere Kreise rmlernahmen, zufrieden fein. aber in betn Bestreben, ben Courtier zu beweg«:, daß er ihnen bie .Kunden zuführt, bemselveu ebenfalls eine Provision von 2 bis 3, znivcilen noch mehr Prozent zahlen. Die Summe, die jährlich bon ben Engrossisten in Salonichi an bie Courtiers gezahlt tvirb, beläuft sich auf etwa 2.5 Millionen Franes, die Summe, bie bon den Probinztanfleuten an Courtage und Ueberzinsen gezahlt wird, dürste die gleiche Höhe erreichen, so daß auf etiva 6 Millionen Franes jährlich der Betrag zu schätzen ist, den diese Vermittler ans den Handelsumsätzen ziehen. Die Zahl dieser Eourtiers betrügt etwa 150. Der Platz bon Salonichi gilt im allgemeinen a l s g u t, die Kaufleute kommen, bon unvermeidlichen Ausnahmen abgesehen, ihren Verpflichtungen ziemlich pünktlich nach, Zahlungseinstellungen und Fallimente sind perhälticksmäßig nicht allzu häufig. Zivei wichtige Faktoreiudürfen aber nie aus dem Auge berloreu tverden, nämlich die Ernteergebnisse und die politischen Ereignisse, denn diese können die Situation rasch und bon Grund aus ändern. Im berflossenen Jahre ließ zwar die Getreideernte viel zu tvünschen übrig, dagegen hat Tabak eine außerordentlich günstige Konjunktur gehabt, weil die Ernte qualitativ und quantitativ ausgezeichnet ansfiel, überdies die Amerikaner in so großemMaßstabe als Käufer auftraten, daß die Preise um ca. 30% in die Höhe gingen. Auch Opium hat eick sehr reiches Erträgnis geliefert. Einen tiefen Schatten auf den Handelsverkehr mit dem Innern Mazedoniens tverfen jedoch die politischen Begebenheiten. Es soll damit die Bedeutung der mazedonischen Vorgänge keinestvegs übertrieben tverden, man kann im Gegenteil fast täglich die Erfahrung machen', daß die europäischen Zeitungsnachrichten über Mazedonien in höchstem Grade entstellt und häufig genug direkt erfunden sind, ivie z. B. letzthin die vom „Teinps" gebrachten Nachrichten über Christenmassakres und Ueberfälle in Salonichi, bon denen an Ort und Stelle kein Mensch ettvas weiß, oder die Nachrichten des „Matin" über Plünderungen und Geivakttaten der ans Kleinasien einberuseneu Soldaten, während in Wahrheit keine solchen Einberufungen erfolgt sind usw. Den Handelsverkehr beeinflussen aber nicht so sehr die politischen Ereignisse selbst, als vielmehr die Furcht vor denselben. Speziell in der Provinz bildet die Politik einen oft willkommenen Vorwand zu Zah- Die JuLcnhetze in Kischenew. Von I. B in Radomisel, Rußland. (Original-Korrespondenz des „Jüdischen BolksSlatt".) Die antisemitischen Unruhen in Kischenew scheinen, nach den genauesten Privmberichte» die jetzt vorliegen, ungeheure Dimensionen gehabt zu haben. Derlei Ereignisse werden möglichst vertuscht oder als harmlos dargestellt und nur durch Privatnachrichten vermag man ein getreues Bild darzustellen. In Kischenew, einer Stadt von gegen 150.000 Einwohnern, begannen die Ausschreitungen am zweiten russischen Osterfeiertage, am 7. April a. St. Schon am Ostersonntag wimmelte es in der Stadt allenthalben von Betrunkenen, die sich um die Monopolbuden und um die Weinkeller haufenweise ansammelten, um immer wieder dem Branntwein- und Weinteufel zu opfern. Am O st e r m o n t a g begannen die in den Straßen und ans den Plätzen versammelten Arbeiter Streit mit den jüdischen Händlern, die in Kischenew auf den Straßen Waren wie Sodawasser, Zigaretten, Süßigkeiten, Früchte und dergleichen feilhalten. Alsbald stürzten sich die Arbeiter auf diese Händler, warfen ihre Tische und Brettbnden um und begannen sie zu mißhandeln. Die Juden flüchteten in ihre Wohnungen und verrammelten die Türen ihrer Häuser. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch die Stadt, daß eine Jndenhetze begonnen habe und während die Inden überall ihre Läden und Häuser schlossen, eilten die betrunkenen oder rauflustigen Arbeiter von allen Seiten herbei, nm sich bei der beginnenden Hetze zu beteiligen. Nun ging das Demolieren los. Die wild gewordene Menge — man schätzte sie auf 600—800 Mann — raffte Steine von der Straße auf, warf die Fenster der jüdischen Häuser ein, drang in die Wohnungen, mißhandelte die Insassen und warf ihr Hab und Gut auf die Straßen, wo sich die draußen befindlichen Genossen mit Gewalt daraus warfen und alles vernichteten. Möbel, Bilder, Betten, Wäsche, Pianinos, Klaviere flogen aus den Häusern ans die Straße, wo alles teils vernichtet, teils gestohlen wurde. In den Wohilungen wurde alles zerschlagen, was den bestialischen Leuten unter die Hände kam. So wütete die Menge unter wüstem Gebrüll, welches die ganze Stadt durchhallte, von Straße zu Straße, systematisch die jüdischen Häuser aufsuchend und nichts von ihrer Habe verschonend. Die Polizei war machtlos und hatte sich versteckt. Sobald sich Juden unter der Menge zeigten, die vielleicht ihre Habe retten oder verteidigen wollten, wurden sie unter den Rusen: „Nieder mit den Juden, schlagt sie tot, schlagt die Christenverkäufer tot!" niedergehauen. Immer toller wütete die Menge. Im Zentrum der Stadt leben reiche jüdische Familien; hier wurde am ärgsten gehaust. Teure venezianische Spiegel, Teppiche, Porzellan, Seidenmöbel, der feinste Hausrat wurde aus den Fenstern geschleudert, unten jubelnd in Emfang genommen und sogleich vernichtet. Die Trottoirs waren bedeckt mit den Daunenfedern ans Bettpfühlen; es machte nämlich den eifrig mitwirkenden Knaben ein besonderes Vergnügen, diese aufzuschneiden und den Inhalt in die Luft fliegen zu lassen. Die vertierte Menge konnte am 9. bis zum Abend völlig ungestraft ihr Mütchen an den jüdischen Mitbürgern kühlen, trotzdem in Kischenew gegen 60.000 Mann Militär steht, welches unter Gewehr t|l. Man ließ dem rasenden Haufen freien Lauf und erst am Morgen des folgende» Tages wurde das gesamte Milstär aufgebvten und mau besetzte die Straßen und begann die Arbeiter, welche noch mit Plündern beschäftigt waren, zn arretieren. Selbst dem Militär aber widersetzten sich die Arbeiter und es kam zu einigen Zusammenstößen, bei welchen sowohl Arbeiter als Soldaten verwundet wurden. — lieber die Stadt wnrde der Belagerungszustand verhängt. lungseinstellungen, uitb deshalb ist nicht nur der wirkliche, sondern auch der in den Zeitungen bargestellte vermeintliche Lauf der politischen Ereignisse zn verfolgen. Gegenivärtig haben die größeren Geschäftshäuser hier ihren Probinzve-vtretern Ordre gegeben, in ihren Kreditgewährungen einznhalten, da für die nächste Zelt eine stärkere Beivegnng ans politischein Gebiete zn erivarten ist. Ein ergiebiges Feld für Schwierigkeiten und Findigkeiten aller Art bieten die türkischen Geldberhnltnisse. Jeder Kaufmann in Salonichi muß in Gelbgeschäften beivanbert sein, und tatsächlich ist der Spagnole nicht bloß Händler, sondern auch geborener Sarraf (Geldwechsler). Als fixe Einheit im türkischen Münzsystem kann mir das türkische Golbpfnnd (Ltq) gelten, denn die Zahl der Piaster, die ans dieses Pfund entfallen, sthivankt nach den Handelsplätzen, ja sogar nach Geschäftsbräuchen. Im gewöhnlichen Verkehre ist 1 Ltq in Konstantinopel — 108, in Salonichi 102,5, in Smyrna — 178, in Beirut — 124 Piaster ustv. Dabon gibt es zahlreiche Abweichungen, so z. B. rechnen in Salonichi einige Geschäftshäuser nach dem alten Usus zn 154 Piastern, andere zn 108; im Export hat fast jeder Artikel seine Eigenheit. Die 178 Piaster in Smyrna, 154 Piaster in Salonichi nsw. sind aber nur RechnungSeinheiten (sog. Kurrent- oder „schlechte" Piaster), existieren nicht tvirklich und tverden mich einem Umrechmingsschlüssel mit den auf 1 Lt. gehenden 108 guten Piastern bezahlt. Dazu kommt der Umstand, daß durch die zahlreichen Sarrafs das Kleingeld künstlich znrnckgehalten und dadurch die Anomalie geschaffen wird, daß das an und für sich minderwertige Kleingeld ans Blech, Kupfer und Silber gegenüber den Goldmünzen und den Silber-Medschidie ein Agio erhält, so daß beispielsweise ein Medschidie (— 20 Piaster) in Salonichi selbst im Einkauf nur mit 10 Piastern eingetvecheslt tvird. Ferner gibt es Rabatte, die im Handelsverkehr in der Form einer eigenen Piasterrechnnng gewährt werden, indem der Engroshändler dem Detaillisten das türkische Pfund bistveilen zu 110, 112 Piastern usiv. aurechnet. Schließlich sind die Kurse der verschiedenen in der Lebante gangbaren Goldmünzen zn beachten, vor allem der Napoleonsd'ür und der denselben gleichgestellten Goldmünzen anderer Staaten und der englischen Pfund Sterling. In Salonichi beherrscht jeder noch so kleine Detaillist die zahllosen sich

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