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Jüdisches Volksblatt · 1903-04-24 · 17 (24.4.1903) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 24. April 1903 Seite 5 Nr. 17 Jüdischer Schirlverein für den IX. Bezirk. Am 26.d.M., vormittags 10 Uhr, findet in den Schullokalitäten IX., Seegasse 7, eine öffentliche Prüfung statt. „Verein jüdischer Hm»delsa»gestellter"in Wien Samstag, den 25». d. M., um 8 Uhr abends, findet im Vereinslokale II., Stephaniestraße 8, ein Vortrag des G.G. Dr. Hugo Benedikt über „Z i o n i st i s ch e Streitpunkte" statt. Gäste willkommen! „Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein" in Wien- II., Stephaniestraße 8. Samstag, den 25. April, um 8 Uhr abends, findet im Vereinslokale ein Vortrag des „Vereines jüd. Handelsangestellter" statt. Die Mitglieder des Vereines werden ersucht, zahlreich zu erscheinen. — Die Vereins bibliothek wird am?>. Mai eröffnet und werden Bücher jeden Montag und Donnerstag entlehnt werden können.— A ch t un g T urn er und T o u r i st e n! Jeden Sonntag vormittags um 8 Uhr machen wir eine Fußpartie. Zusammenkunft im Vereinslolale. — Vormerkungen für Burgtheater-Karten jeden Donnerstag und Samstag. An den Pforten des Klosters hört die Staatsgewalt ans. Dieses klassische Wort des Ministers Pientak schallt nun auch den Mohamedanern in Bosnien entgegen. Dort schaltet Erzbischof Stadler geradeso, wie seine Brüder in Christo in Galizien. Es herrscht nur ein Unterschied. Die Mohamedaner sind gewohnt, solchen Seelenfang mir den Waffen in der Hand zu beantworten; die Juden in Galizien ducken sich; nicht einmal den Mut haben sie, laut ihr Recht zu verlangen. Die K o l i s ch e r 6 tutti yuant! haben keine anderen Sorgen, als die Höhe der Papierpreise oder des Spiritus; nur Dr. Straucher hatte den Mut, in der Sache des christlichen Handels mit jüdischen Mädchen das Wort zu ergreifen. (Ehrung eines jüdischen Schulmannes.) Vorige Woche überreichte eine Abordnung des Lehrkörpers an der allgemeinen Volksschule für Knaben, 2. Bez., Kleine Sperlgasse 2a, dem derzeitigen Leiter dieser Anstalt, Herr Benjamin Planer, aus Anlaß seines Scheidens eine künstlerisch ausgestattete Adresse. Mit einer geist- und würdevollen Ansprache des Herrn Katecheten Gustav Pla n k, in der er Herrn Planer als Pazifikator der Sperlschule apostrophierte, schloß die intime Feier, nachdem der so geehrte Schulmann in aufrichtiger Rührung gedankt hatte. M. —ld. Ei»r Ritualmord. Der Ministerpräsident beantwortete in der Sitzung vom 21. d. M. eine Interpellation des Abgeordneten Stein, in welcher verlangt wurde, dem Hause die Ergebnisse der Untersuchung bekanntzugeben, welche aus Anlaß der Beschuldigung, daß dem Dienstmädchen Marie Hanel in Jägerndorf angeblich zu rituellen Zwecken Blut abgezapst worden sei, eingeleitet worden war. Der Minister gibt bekannt, daß aus Anlaß dieser Beschuldigung eine eingehende und umfassende Untersuchung stuttgefunden hat, welche ergab, daß die Beschuldigung jeder Grundlage entbehrte. Marie H anel, welche sich anläßlich ihrer wiederholten Einvernehmungen fortwährend in Widersprüche verwickelte und deren Aussage auch mit den Angaben der Mitbediensteten in keiner Weise übereinstimmte, wies zwar an den Fußsohlen verschiedene Verletzungen auf, ans denen aber nach Aussage der Sachverständigen höchstens einige Tropfen Blut geflossen sein können, so daß die Verletzungen zu einer Blutentnahme ganz ungeeignet waren. Ueberdies sei es ausgeschlossen, daß die Verletzungen der Marie Hanel von dritter Hand zugefügt worden seien. Die Erhebungen haben auch zweifellos ergeben, daß Marie Hanel sich die Verletzungen selbst beigebracht hat, und zwar wahrscheinlich aus Haß gegen ihren Dienstgeber, der ihr den Dienst gekündigt hatte und dem sie Unannehmlichkeiten bereiten wollte. Gegen Marie Hanel wurde deshalb auch auf Grund des erdrückenden Beweismaterials wegen falscher Zeugenaussage, Verbreitung eines falschen, beunruhigenden Gerüchtes und wegen Ehrenbeleidigüng die Anklage erhoben, und sie wurde auch zu vier Monaten Kerker verurteilt, welche Strafe die ge- Genannte bereits abbüßt. Diese famose Interpellation ist ein neuerlicher Beweis, daß die Alldeutschen in Bezug auf Volksverdummung ganz auf derselben Stufe stehen wie die Christlichsozialen; trotzdem werden sie von der Wiener liberalen Presse nach jeder Richtung hin gehätschelt und gefördert, trotzdem scheuten nicht bie ’ Deutschfortschrittlichen bei den niederösterreichischen Landtagswahlen ein Kompromiß mit diesem Gelichter. Jubiläum. Am 5. Tage des Passahfestes beging Herr Simon B u ch w a l d, Obmann des „Bethauses" und „Beth Hamidrasch Talmud-Thora", Vorstandsmitglied des „Israelit. Krauken-Unterstützungsvereines" re. rc., seinen 70, Geburtstag im engsten Familienkreise. In seiner Bescheidenheit beabsichtigte er diesen Tag in aller Stille zu begehen, was aber bei der Popularität seiner Persönlichkeit nicht ausführbar war. Wider Willen mußte er unzählige mündliche Gratulationen empfangen, und von Nah und Fern trafen briefliche und telegraphische Gratulationen in großer Anzahl ein. Sowohl im Bethanse „Talmud- Thora", dessen Obmann der Jubilar ist, als auch in dessen Wohnung vergeht kein Tag im Jahre, an welchen er von Bedrängten und Hilfesuchenden nicht ausgesucht wird. „Ein „Beth Diu" ist keine juridische Behörde". Die geschätzten Leser wissen es ja, daß die zwei Wörter „Beth Din" ein Dreier-Kollegium aus jüdischen Schriftgelehrten bedeutet, welches nach unserer traditionellen Lehre als Schiedsgericht berufen ist, sowohl eheliche als auch auf die Prozeßangelegenheiten, die unter den Glaubensgenossen entstehen, zu entscheiden. Bis zum Jahre 1848 war in ganz Ungarn die Funktion der „Bote-Dinim" in Tätigkeit. Nach der Niederwerfung des Befreiungskrieges statte die Bach'sche Negierung in vielen Gegenden ihre Tätigkeit sistiert. In Rußland, in Galizien und im nordöstlichen Ungarn wird heute noch in strittigen Fällen, „zwischen Mein und Dein", die Entscheidung des „Beth Din" angerufen. Ein solcher Fall ereignete sich jüngst in Maros- Vasarhely. Zwei jüdische Eierhändler kamen dahin freiwillig überein, daß ihre strittige Differenz, die sich auf 1760 Kronen belief, durch das „Beth Din" ausgetragen werde. Beide Teile übergaben dem „Beth Din" ein unausgefülltes Wechselblanket mit dem Aufträge, das „Dreier-Kollegium" möge den obwaltenden Streitfall, nach dem üblichen Vorgänge des „Din Thora", das heißt nach den Normen, wie diese die Thora vorschreibt, entscheiden, den Wechsel der verlierenden Partei auf die sestzustellende Summe ausfüllen ttnb denselben als „Schetar Chob", als Schuldschein der obliegenden Partei übergeben. Das „BethDin" bemühte sich, den Nechtsfatt objektiv festzuftellen und der eine Teil der Streitenden war verhalten, den Eid abzulegen. Die sachfällige Partei erhob, als der Gegner den Wechsel einklagte, weil der Schuldner das Geld nicht zahlte, vor dem Gerichte Einwendungen. Der königliche Gerichtshof in Maros-Vasarhely gab dem Klagebegehren Folge; die dortige königliche Tafel jedoch setzte, wie Lapja“ meldet, den erstgerichtlichen Bescheid außer Kraft und wies den Kläger ab mit der Motivierung, „daß das „Beth Din" als eine religiöse Institution keinerlei Jurisdiltionsrechte besitze und sonach nicht berechtigt sei, privatrechtliche Angelegenheiten rechtskräftig zu entscheiden. Letzteres stehe nur den durch die Gesetze organisierten Gerichten zu." Die königliche Kurie bestätigte das Urteil der zweiten Instanz. Nun, die Motivierung ist grundfalsch; wenn die Parteien sich früher freiwillig geeinigt haben, ihre Rechtssache auf Grundlage des „Din Thora" auszutragen, so ist das Urteil des ,.Beth-Din"-Gerichtshoses ebenso rechtskräftig, als wäre es vom königlichen Gerichtshöfe entschieden worden, denn in dem Momente, wo wir dem Urteil die Rechtskraft absprechen, so könnte man auch Urteile in ehelichen Angelegenheiten, die sehr oft mit Geldsorderungen in Verbindung stehen, für ungültig erklären und, wie allbekannt, ist das jüdische Eherecht nicht konform dem staatlichen Ehegesetze.-K. Los von Nom. „Lucifer" bringt in seiner letzten Nummer folgende Satire: Herr und Frau Josef Rosen bau m, Herr und Frau Isidor Wasservogel beehren sich, Sie zur Vermählung ihrer Kinder Walter und Else höflichst einzuladen. Die Trauung findet nächsten Sonntag in der protestantischen Kirche statt. Gratulation und Diner nach der Trauung bei „Tonello". (Das erinnert mich an den Zahnarzt Dr. F...., den man täglich mit dem päpstlichen Ehrenkreuz in einer koscheren Restauration am Schottenring essen sehen kann. Im übrigen brauchte „Lucifer" an Stelle von R o s e n b a u m nur F e i l ch e nf eld zu setzen und die Anzeige wäre kein Witz, sondern trockene Wahrheit. Anmerkung des Setzers.) Aus dem niederösterreichischen Landtage. Steiner, der Lueger en miniature, behauptet, daß „den Krankenpflegeschwestern selbst von Aerzten, welche nicht unserer Gesinnung sind, das beste Zeugnis ausgestellt wird". Dem gegenüber müssen wir konstatieren, daß verschiedene Aerzte uns mitteilteu, daß die Nonnen in Bezug auf Pflichteifer absolut nicht die Wärterinnen übertreffen, wohl aber in dem Eifer, Propaganda für den Katholizismus zu machen. Wenn sie dieses Geschäft nur bei Katholiken betrieben, ließe es uns kalt. Es sind uns aber mehrere Fälle zu Ohren gekommen, bei denen Nonnen bei schwerkranken jübifd>en j Patienten Bekehrungsversuche machten. Wir protestieren daher gegen diese Behauptung Steiners. Lemberg. Die Rede, welche Abgeordneter Breiterim jüdischen Volksvereine in Wien gehalten, hat nicht verfehlt, hier einen lebhaften Eindruck hervorzurufen. Herr Breiter, welcher unentwegt seinen Gerechtigkeitssinn und seine Sympathien für unser unschuldig leidendes Volk an den Tag legt, hat über Einladung seitens des genannten Vereines die Zusage gemacht, am 15. über gewisse schwebende jüdische Fragen im Schomer Israel zu sprechen. Wir können diesem unerschrockenen Manne nicht genug danken, daß derselbe als uparteiischer Beurteiler der unglückseligen Situation unseren Brüdern in Galizien den Spiegel hinhält, um zu zeigen, wie es finstert, wie die Lichtstrahlen der liberalen Verfassung successive verdickt und eingeengt werden. Vielleicht wird dieses nützen, um mehr Leben und politisches Denken in unsere jüdischen Kreise zu werfen. Bis nun wagt sich kein Advokat hinaus auf die stürmische See des potitischen Fahrwassers — aus der schäumenden Gischt der Scylla und der Charybdis, des Klerikalismus und des Feudalismus — jeder derselben ein Schlund von unermeßlicher Tiefe — aus der kein hinaus mehr möglich ist. Wir werden seinerzeit über die Rede referieren. P a l a n s k. Jüdischer Volksverein in Czernowitz. Montag, den 13. d. M. fand im städtischen Rathaussaale eine vom hiesigen „Jüdischen Volksverein" einberufene Volksversammlung statt, unter dem Vorsitze des Professor Dr. Wender. Der Obmann des Vereines, Abgeordneter Dr. Straucher, sprach über die Lage der rumänischen Juden und armenischen Christen, in mehr als zweistündiger Rede. Die zum Schluffe von Dr. S t r a u ch e r beantragte Resolution, in der die Versammelten ihre Entrüstung über die Unterdrückung der rumänischen Juden aussprechen und die Regierung zu einer Intervention auffordern, wurde unter lebhaftem Beifall einstimmig angenommen. Hierauf wurde auf Antrag Dr. Wender und Zahntechniker Kampelmacher dem Doktor Straucher für sein mannhaftes Auftreten der Dank votiert. In derselben Angelegenheit fanden in B o j a n, W i z n i tz und Z a st a w n a Volksversammlungen statt, in denen Resolutionen ähnlichen Inhaltes beschlossen . wurden und dem Dr. Straucher für sein energisches! Eintreten die Anerkennung ausgesprochen wurde. Die Czernowitzer Kultusgemeinde, als auch die Serether Kultusgemeinde haben auf Aufforderung der betreffenden ■ Bezirkshauptmannschaften eingehende Berichte über die Auswanderung der rumänischen Juden erstattet. > Eine rabbinische Wunderlichkeit. Auf dem jüdischen Friedhofe zu Krakau befinden sich zahlreiche mit Inschriften ver- ] scheue alte Grabsteine der dortigen Judengemeinde. Im Jahre 1897 , hat B. Fri edb erg eine große Anzahl dieser für die Ge- , schichte des Krakauer Judentums natürlich sehr interessanten j Denkmäler in einem hebräischen Werk veröffentlicht. Neuerdings , sind nun mehrere Grabsteine des Krakauer Judenfriedhoses, die bisher unbeachtet geblieben waren, weil sie entweder tief in die , Erde gesunken waren oder weil ihre Inschrift für unleserlich galt, zu Tage gefördert und entziffert worden. Wem das Ver- 1 dienst an der Entdeckung dieser nicht unwichtigen Steine (zum! Teil auS dem 16. und 17. Jahrhundert) gebürt, darüber scheint freilich in den Kreisen der Krakauer jüdischen Gelehrten eine Meinungsverschiedenheit zu bestehen. Friedberg, der die Inschriften in der Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1900, S. 357 ff. veröffentlicht hat, nennt . einen Herrn Samuel Landau; die Redaktion der Monatsschrift I (Dr. M. Braun in Breslau) teilt dagegen in einem Nachwort , mit, daß der Krakauer Privatgelehrte F. H. Wetstein der , Entdecker der Steine sei. Jedenfalls aber, und das interessiert uns hier am meisten, ist das Krakauer Rabbinat an der Entdeckung und wissenschaftlichen Verwertung dieser Geschichts«! quellen ganz unschuldig. Im Gegenteil, es hat aus Grund! irgendwelcher talmudischer Bestimmungen weitere Nach-! forschuugeu auf dem Friedhofe verboten 1 Man ivird an die! Gepflogenheiten jener Mönche des Orients erinnert, die ihre H Handschriften sorgfältig vor den fremden Gelehrten verbergen, : nur daß das Krakauer Rabbinat die Erforschung der Geschichte! seiner eigenen Gemeinde durch jüdische Gelehrte hindert. Selbst ( der im übrigen keineswegs reform-jüdischen Neigungen huldigende ' Herausgeber der Monatsschrift spricht da mit Recht von > „wunderlichen halachischen Bedenken" des Krakauer Rabbinates. > D«s Pefter Mrmizipium gegen die ortho- ] doxen Inden In dem jüngst herausgegebenen Jahres- | berichte des Pester Komitatsmunizipiums findet sich i folgende sehr bezeichnende Stelle über die Juden: „Wir > halten es für wünschenswert, daß der Erlaß des Kultus-! und Unterrichtsministeriums, Z. 1191, vom Jahre 1888, , modifiziert werde und daß die Angelegenheiten I der jüdischen Kultusgemeinden auf einheitlicher Basis ge- ( regelt werden. Unter den an die Verwaltungsbehörden ] gewiesenen Angelegenheiten sind es hauptsächlich die! jüdischen, bei welchen die Kompetenzgrenzen am wenigsten « feststehen. In solchen Fällen berufen sich die Parteien bald darauf, daß sie „orthodox" seien, bald wieder auf der Kongreßbasis stehen, andere wieder, daß sie der „Status cjuo ante" - Richtung angehören, eventuell, daß sie „Neologen" seien. Aber alle bekämpfen die Kompetenz der Verwaltungsbehörden, und diese sind in dem großen Wust der zerstreut und von einander unabhängig herausgegebenen Ministerialerlässe kaum und oft auch gar nickst in , der Lage, den richtigen Weg zu finden. Im Allgemeinen wäre die Organisation der Orthodoxen zu regeln, denn dort, wo diese organisiert sind, dort bildet sich auch gleichzeitig ein Sammelpunkt der f r e m d n a t i o n a l e n polnischen Juden (!). Die Orthodoxen find auch die Stützpunkte dafür, daß der eingewanderte Jude sofort Beschäftigung, ein Geschäft, eine Lizenz bekommt und dann hier, die Sonderstellung der fremden Nationalitäten unterstützend, lebt und sein Fortkommen findet. Heute kommt der fremde Jude ins Land und geht angeblich in die Landeskanzlei, wo dann die Religionsgenossenschaft pro forma eine gewisse Summe zusammenlegt, welche der fremde Jude den Behörden gegenüber als Existenzgrundlage ausweist, um auf diese Weise die Hände der Verwaltungsbehörde ihm gegenüber zu binden. Diesem ] Uebel könnte durch das neue Heimatsgesetz abgeholfen werden, in welchem ausgesprochen werden müßte, daß ein fremder Jude in keine Ungar ländische Religionsgenossenschaft eintreten könne, ehe er in Ungarn seineHeimatsberechtigung und Zuständigkeit zu einer Gemeinde erlangt hat." Diese auf Verdrehung der Tatsachen und Unkenntnis der wahren Verhältnisse basierenden Auslassungen riechen sehr nach — „magyarischer" Denunziation. Aus dem Gemeinderat. Aus Sarajevo wird gemeldet: Zufolge eines Gesuches der hiesigen österr.-ungar.israel. Kultusgemeinde wurde derselben die Zahlung der Beleuchtungsgebühr anläßlich deren Unterhaltung am 14. März d. I. im Betrage von 116 K 20 H erlassen. Hiebei bemerkt der Referent, daß die städtischen Mittel im abgelaufenen Jahre durch derlei Gesuche, denen zumeist in entgegenkommender Weise entsprochen wurde, sehr stark in Anspruch genommen wurden und sprach sich dafür aus, in Zukunft solche Gesuche etwas rigoroser zu behandeln, womit sich die Anwesenden einverstanden erklärten. Wie immer, will man beim Juden zu sparen anfangen! Ausland. Die Wiederaufnahme des Prozesses Dreyfus. Am gestrigen Tage hat Alfred Dreyfus sein Gesuch um Revision des Rennenser Prozesses offiziell eingebracht. Er richtete es an den Kriegsminister als obersten Chef der Militärjnstiz. Dreyfus begleitet sein Gesuch mit folgenden Zeilen: „Das Gesetz vom 17. Dezember 1900 hat mich auf meine Bitte von der Amnestie ausgeschlossen. Und diese Ausnahme wurde ausdrücklich damit begründet, daß man mir für mein Verlangen nach Rehabilitation die Türen des Kassationshofes offen halten wolle. Ich erlaube mir, um die Einleitung einer Untersuchung über die folgenden, hier auseinandergesetzten Tatsachen zu bitten." Ein Opfer des zarischen Despotismus. Im Gefängnis- Hospital zu Moskau verstarb vor einiger Zeit der Genosse Ber Ssolonjtz, der an einer schweren Typhuskrankheit litt, die er sich im Gefängnis zugezogen hatte. S s o l o n j tz wurde am 1. August 1901 (zusammen mit Abram Kissin, Aron Weinstein und vielen anderen) in Wilna verhaftet, der Angehörigkeit zur Lokalorganisation des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes beschuldigt und dem Moskauer Gefängnis überführt. Der „gefährliche Umstürzler" war kaum 20 Jahre alt. Bei der Hausdurchsuchung wurde bei ihm absolut nichts „Verdächtiges" vorgefunden, trotzdem wanderte er ins Gefängnis. Die unmenschliche Behandlung seitens der Gefängnisschergen, der Aufenthalt in feuchter und halbdunkler Zelle, die Gesängniskost und insbesondere die Teilnahme am Hungerstreik (Sommer 1902) zerrütteten seinen Organismns. Lange quälte er sich und als er ins Hospital gebracht wurde, wußte er, daß er sein Leben dort lassen würde. Im Gefängnis („Taganka" genannt) war er seines ungemein sympathischen Charakters wegen der Liebling aller Gefangenen und die Kunde von seinem frühzeitigen Tode hat in den Reihen der aktiven Armee des Bundes tiefe Trauer hervorgerufen. Die Abnahme deS Toten Meeres. Aus Jerusalem wird berichtet: Der letzte Erdstoß in Palästina, der am 30. März stattfand, scheint im Jordantal und um das Tote Meer herum am heftigsten gewesen zu sein. Der Spiegel des Toten Meeres ist beträchtlich gefallen und jetzt ergießt der Jordan sein Wasser in das Meer von einer Erhebung herab, während sein Wasserspiegel früher mit dem Toten Meere säst gleich war. Augenscheinlich muß sich der Grund des Toten Meeres während des Erdbebens gesenkt haben. Die ganze Gegend des Jordantales nahe dem Toten Meere ist vulkanisch. Die Bevölkerung in Palästina sieht mit Unruhe einem zweiten Erdbeben am 29. April entgegen. Diese Information entnimmt sie einem Kalender, der auch das frühere Erdbeben voraussagte. Die Industrie im Dienste der Wohltätigkeit. Die Kinder der Landstraße sind es, denen die Jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee Helsen will- Nach dem vorliegenden Jahresbericht hat diese in der kurzen Zeit ihres Bestehens sehrsegensreich gewirkt und, was die Hauptsache ist, den Beweis dafür erbracht ist, daß ihr System ein durchaus wirksames ist. Ihre Begründer gingen davon aus, daß für die Wanderbettler die Gesamtheit nicht nur dasMllernotwendigste ausbringen, sondern ihnen auch noch ihre Reisen u. s. w. bezahlen müsse. Außerdem fielen die durch Almosen unterhaltenen Wanderbeltler der Gesamtheit andauernd zur Last. Es handelt sich darum, diese Vagabunden wieder an eine geregelte Tätigkeit zu gewöhnen, sie irgend eine Fertigkeit zu lehren, durch die sie sich erhalten können und ihnen endlich auch Gelegenheit zur Arbeit zu verschaffen. Der Verein hat, durch wohltätige Spenden hierzu instand gesetzt, auf geschenktem Grund und Boden stattliche Wohn- und Arbeitsräume errichtet, in denen die Kolonisten erzogen und angelernt werden. Im Jahre 1902 waren es 188 Kolonisten, deren sich der Verein annahm. Von ihnen wurden mindestens 149 der Arbeit wieder gewonnen (inklusive der in der Kolonie verbliebenen) und zwar erlangte ein sehr großer Teil durch eigenes Bemühen Stellung. Der Verein tritt nicht selbst als Unternehmer auf, sondern stellt seine Räume Unternehmern kostenlos zur Verfügung, welche ihrerseits einen Vorarbeiter stellen und einen mäßigen Stücklohn zahlen müssen. Der Verein deckt vom Verdienst der Kolonisten nur einen Teil

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