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Jüdisches Volksblatt · 1903-04-24 · 17 (24.4.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag seiner eigenen Unkosten. Für die Fabrikation leichter Stanzartikel, die Herstellung von Teppichklopfern, Schirmstöcken, Besenstiele sind die Kolonisten schnell angelernt morden, so daß sie wie die Unternehmer ans ihre Rechnung kamen. Die Besichtigung der Einrichtungen der Kolonien wird jedem Menschenfreunde gern gestattet. Wir möchten unsere Leser hierauf Hinweisen und sie gleichzeitig zur Unterstützung der Bestrebungen des Vereines auffordern. Sie können das nicht nur durch wohltätige Spenden, sondern vor allem auch durch Beschäftigung der Kolonisten in der angedeuteten Weise tun. Diesbezügliche Auskünfte erteilen die Vorsitzenden des Vereines, die Herren Marcus Adler und Moritz N o f e n o w, sowie der Vorsitzende des Wohlfahrts-Ausschusses Herr Oscar Tie tz in Firma Hermann T i e tz, Berlin. Der neue Adel und die neue Aera. Die „Berliner Zeitung" bringt in ihrer Sonntagsnummer an leitender Stelle einen überaus bemerkenswerten Artikel „Der neue Adel und die neue Aera". Der neue Adel, Die neue Aera. Zwei Schlagworte. Zwei S ch r e ck w 0 r t e. Was steckt hinter ihnen? Seit ge« raumer Zeit spuken sie herum. Man raunt, man tuschelt: die Hofjuden werden mächtig und mächtiger. Man lispelt, man wispert Stichel- und Stachelreden von der erobernden Macht des Reichtums, die selbst Unnahbare nahbar mache und Erdgewaltige in ihren Bann zwinge. Der neue Adel, nicht mit schwert- und panzergewappneter Ahnen langer Reihe ausgestattet, sondern aus Kreisen emporgediehen, in denen heute Bank- und Jndustriegelder rollen und ehedem vielleicht nennenswerte Verdienste aus dem Gebiete des Hosenhandels zu verzeichnen waren — dsn Blaublütigen schien er so lange nur des Spottes würdig zu sein, bis die Eifersucht sich einstellte. Mau sah plötzlich eine Gefahr für sich selber, für den Klüngel und seine Nährquellen, und ivie es so der Sippe Brauch, wollte man aus der Gefahr des Klüngels eine Gefahr der Gesamtheit zu machen suchen. Wehe! Die der Jahrhunderte langer Reihe verdienstvoll, zuverlässig und gnadenwürdig befundenen Thronstützen sollten beseitigt und an ihre Stelle die Rassen-, nicht aber die Glaubensgenossen des Nazareners gebracht werden? Wsltpolitik, Schiffe, Auslandsmarkt, Handelsverträge, der Kräfte freies Spiel, Bank und Elektrizität und allerlei Modernes: das macht die Aktien des neuen Adels, die Aussichten der neuen Aera steigen, und noch geht nicht ein Gericht hernieder, auf daß das feinst destillierte Altpreußentum in seiner Macht erhalten werde? Ach, die Herrschaten ereifern und beunruhigen sich ohne Grund. „Es ist kein Fürst so hochgefürstet", um, selbst wenn er es wollte, wie er es ganz gewiß nicht will, das starke Gefüge gesellschaftlicher Überlieferungen, Vorurteile, Gestaltungen und Kastengrenzen zu zerbrechen, das Alte versinken, ein Neues sieggewaltig empordrängen zu lassen. Die „neue Aera" ist ein Kinderspott, der Lamms- und Eselsgeduld und Muhmenglauben trefflich bezeichnet; der neue Adel ist ein Schaumgebilde. Aber die im HarrenGenarrten werden nicht alle. Weil der Kaiser sich nicht selten kluge, erfahrene, willige und auf bestimmten Gebieten des kaiserlichen Interesses besonders heimische Juden zu Gesprächsgenossen erwählt und höflicherweise und seinem Drange zu Gnadenerweisungen folgend diese Männer auszeichnet, schwellt frohes Hoffen manche Brust und zieht in anderer Herzen Niedergeschlagenheit ein. Der Kaiser ist den Herren Ballin, Rathenau, Goldberger, Isidor Loewe, James Simon wohlgesinnt, o bgleich sie Juden sind. Daß man ein solches Wohlwollen des Landesfürsten und Reichspräsidenten gegenüber einzelnen in ihrer Weise vorragenden jüdischen Herren, ein T rö p fl e in in dem großen Becher des Wohlwollens gegenüber Nichtjuden undGegner der Juden, so sehr hervorhebt und es zum Ausgangspunkte schwerwiegender Betrachtungen und Berechnungen macht, das ist auch ein Zeichen dafür, wie weit wir noch zurück sind trotz der im Jahre 1848 geschehenen Aufrichtug des modernen Staates mit der Gleichheit aller vor dem Gesetze und damit auch vor dem obersten Vetreter des Gesetzes. Wenn der Kaiser Wilhelm II. die Juden nicht ächtet, sondern sich für einzelner Juden besonderes Streben und Leisten interessiert, weil manches daran sein geistiges, militärisches, technisches Interesse nahe angeht, ist er darum als „Phi lose mit" anzusprechen, als Judengönner in dem freundlichen Sinne, den die Juden, in dem feindlichen, den die Antisemiten mit diesem Worte verbinden? Des Kaisers Großvater hatte zum Hofbankier den kleinen Cohn in Dessau und schätzte diesen jüdischen Bankmann sehr hoch, war auch sonst persönlich freundlich zu Juden. Das hinderte nicht, daß sein H o fpr e d i g e r den großen Berliner Kreuzzug gegen die Juden herbeiführte, die Regierung geraume Zeit die Sonne ihrer Gunst auch den rohesten urd bösartigsten Raufbolden und Gassenjungen des Antisemitismus zuteil werden ließ und die politische und gesellschaftliche Lage des Judentums in Wilhelm I. letzten Regierungsjahren sich verschlechtert hat. Dem jetzigen Kaiser hat man bei seiner Uebereinstimmung mit der Richtung des Vereines deutscher Studenten und aus anderen Gründen bei seiner Thronbesteigung antisemitische Neigungen unterstellt. Man hat darin wohl geirrt. Allein man würde ebenso irren, wenn man aus seinem Wohlwollen gegenüber einzelnen jüdischen Herren eine grundsätzlich judenfreundliche Stimmung bei ihm voraussetzte. In dem kürzlich geschriebenen Briefe des Kaisers über Bibel und Babel an den Admiral Hollmann hieß es: „Es schadet nichts, wenn viel vom Nimbus des auserwählten Volkes verloren geht." Das war nicht judenfreundlich, es war das gerade Gegenteil, und ein Hauch scharfen Spottes in jenen Worten läßt die Stimmung des Kaisers über die Judengesamtheit Jüdisches Volksblatt noch klarer heraustreten. Und wenn der Kaiser ein Mann freundlichen Urteils und Wollend über und für die Juden wäre — wo zeigt sich im Staate ein praktisches Zeichen dieser Denkweise, in der Regierung, die doch dermalen nur die Vollstreckerin königlichen Willens ist? Der Jude bleibt ausgeschlossen aus der Staatsverwaltung, aus der „Armee", soweit er nicht als Gemeiner und allenfalls, aber nur sehr ausnahmsiveise als Reserveoffizier dient — seine „Gleichberechtigung" steht nur aus dem Papier. Dem Justizminister wurden bei Gelegenheit seines Amtsjubiläums die wärmsten Lobsprüche aus dem antisemitischen Lager zuteil wegen der Behorrdluiig der Juden in seinem Amtsgebiete; und wohin der Affessorenparagrnph zielte, das weiß man recht gut. Der politische Antisemitismus, der auf die Pückter und Brnhn gekommen ist, stellt freilich nur eine Bojrzzoposse dar; der soziale Antisemitismus ist in den letzten Jahren mächtig erstarkt. Wenn man aus den Freundlichkeiten des Kaisers für einzelne vorragende Männer des industriellens Lebens, die Juden sind, überschwengliche Hoffnungen schöpfen zu dürfen meint, so liegt zu dieser karmoisinvergnügten Auffassnttg unseres Erachtens kein, aber auch gar kein Grund vor. Wenn man hübsch mit den Füßen auf dem Boden bleibt, scharf um sich schaut, und sich keine künstlichen Nebel vor die Augen lagern läßt, dann kommt man unschwer zu der Ansicht, daß der „neue Adel" und die „neue Aera" das Papier nicht wert fittb, das man diesen hohlen Schlagworten widmet. Das Ghetto von Modena, welches 1638 vom Herzog Fraiicescoals „Necinto degli Ebrei" (Einhegung der Juden) errichtet wurde, soll nunmehr als Zeichen der vollzogenen Emanzipation abgerissen werden. Dasselbe besteht im wesentlichen aus den beiden Straßen Blasia und Coltelliui, die bereits zur Zeit der Römer existiert haben sollen. Ebenso alt wie die zwei Straßen soll auch die jüdische Gemeinde selbst sein. Das neue Werk, welches Maxim Gorki über die Juden in Rußland zu schreiben versprach, ist ein Theaterstück, das demnächst beendigt werden und den Titel „Der Jude" führen wird. Es verlautet, daß dieses Stück, an welchem Gorki bereits drei Jahre arbeitet, ausschließlich dem Leben der Juden in Rußland gewidmet ist, das Gorki so genau kennt. In Djerba ist Josef Pariente gestorben, der mehrere Jahre Konsularagent für England und Italien in Tunis gewesen ist. Das Tor des Nikanor. In Jerusalem wnvde eine griechische und hebräische Inschrift gefunden, welche sich auf Nikanor aus Alexandria bezieht, der „die Tore (des Tempels) hat machen lassen". Es ist nun sehr interessant, daß es sich, wie Clermont-Ganneau nachweisi!, hier um das berühmte „Tor des Nikanor!" im Tempel zu Jerusalem handelt, dessen sowohl der Talmud, wie der jüdische Geschichtsschreiber Flavins Jofephus rühmend Erwähnung tun. Aus Rumänien. (Orig.-Korr. des „Jüd. Volksblatt.") Eine eigenartige und für uns sehr wichtige Verhandlung hat vor einigen Tagen in Bukarest stattgefunden. Ein jüdischer beschäftigungsloser Arbeiter wurde vor drei Jahren wegen „Vagabondage" ausgewiesen. Da er nicht erklären konnte wovon er lebte — vielleicht wußte er es selber nicht - hieß er ein „Vagabnnd". Ueber die Grenze gesetzt, streifte der Mann jahrelang in den angrenzenden Ländern herum, ohne sich irgendwo ansässig machen zu können. Wie die Behörden erfuhren, daß er von Rumänien fortgejagt worden war, mußte er weiter ziehen: Ein ausgewiesenes Individuum wollte niemand haben. Und so zog er von Ort zu Ort, von Land zu Land. Da plötzlich, vor einigen Monaten, kehrte der überall gehetzte Jude nach Rumänien zurück, mit dem zähen Entschluß, dort zu bleiben, was ihm auch geschehe. Die rumänische Polizei ergriff aber den Frevler sofort, es wurde gegen ihn ein Prozeß angestrengt; er wurde zu fünf Monaten Gefängnis und, nach Absolvierung der Strafe, zur Ausweisung verurteilt. — Mit diesem Urteil unzufrieden, appeliert» der Jude. Der Appellationshof vernichtete jetzt das frühere Urteil und sprach den Angeklagten frei, so daß er unbestraft in Rumänien bleiben kann. Dieses letztere Urteil kann für alle rumänische Juden von großer Wichtigkeit sein, falls es die Polizei in Zukunft beachten wird. Sehr interessant sind die Gründe, welche zur Freisprechung geführt haben und die ich nach der Rede des Verteidigers hier in Kürze wiedergebe: t. Der Angeklagte ist zwar Jude, aber er war immer rumänischer Untertan, das heißt, obwohl nicht rumänischer Bürger, hat er niemals einem fremden Staate angehört (in dieser Lage sind fast alle Juden in Rumänien), so daß er nicht als „Fremder" angesehen werden kann. Da sich aber das Ausweisungsgeseh nur gegen eigentliche „Fremde", einem anderen Staate unterworfene Einwohner richtet, gilt das Gesetz für rumänische Juden nicht. (Man erinnere sich, wie oft das Gesetz gegen einheimische Juden mißbraucht worden ist!) Der Verteidiger bewies diese Behauptung durch eine in diesem Sinne sprechende Jurisprudenz des Kassationshofes. 2. Wird die „Vagabondage" vom Strafgesetzbuch bestraft, so daß man gegen den Angeklagten nicht die Ausweisung anwenden mußte. 3. Der Angeklagte kam ins Land erst dann zurück, als er sah, daß er nirgends geduldet war. Wenn die anderen Staaten ihn nicht aufnehmen wollen, so ist es ihr Recht, während Rumänien den Betreffenden dulden muß, da er hier geboren ist, wenn seine Gegenwart noch so unangenehm wäre. In Braila soll der bis vor sechs Jahren bestandene große, über das ganze Land sich ausbreitende Verein der jüdischen Reservisten demnächst wieder auferstehen. Und zwar soh Herr Stourdza selbst dieser Wiederbelebung nicht fremd;gegenüberstehen. Der Verein stellt sich zur Aufgabe: l. AllegJuden, die den Militärdienst geleistet haben, in einer Körperschaft zu vereinigen, deren Zweck die Erlangung der Bürgerrechte ist, für diejenigen, die der obigen Bedingung nachgekonunen sind; 2. bis zur Verwirklichung dieses Zieles, zu kämpfen für die Aufhebung aller antijüdischen Gesetze und Maßregeln; 3. die Vaterlandsliebe bei seinen Mitgliedern zu erwecken; 4. die Mitglieder im Falle einer Mobilisierung zu unterstützen. — An: 6. und 7. April (alten Stils) wird in Braila der erste Kongreß stattsinden. Die Sektionen aller Städte werden eine Statistik der einheimischen Juden mitteilen und der Kongreß wird beschließen, im nächsten 24. April 1903 Nr. 17 Jahre, bei Eröffnung der Kammersession, die Bürgerrechte für die Mitglieder individuell zu fordern. * Herr R. Basilesen, Professor der Nationalökonomie an der Bukarester Universität, hat seine Mitbürger in einer so genialen Weise defraudicrt, daß man ihm wegen seiner Tüchtigkeit im Fache nur gratulieren muß. Er hat neben Bukarest ein Eldorado gegründet, eine neue künstliche, moderne „Stadt" und große industrielle und kommerzielle Unternehmungen und Arbeiten angelegt. Wie er operiert hat, wie er kolossale Summen aus den Taschen der Reichen und der Armen herausgelockt hat> darüber will ich hier nicht sprechen. Eines wird aber die jübi* sehen Leser interessieren. Viele Juden und andere Fremde kauften Boden und bauten Häuser in der neuen „Stadt", ohne etwas Schlechtes zu ahnen. Herr Basiles cu hatte auf allen Reklamen, Denkschriften u. s. w. die Worte „Stadt Neu-Bukarest" gedruckt, und jeder glaubte es wäre eine wirkliche Stadt, eine Urbs, in der die Juden doch das Recht haben, Grund und Boden zu erwerben. Nachdem sie große Beträge verloren und in den neuen Unternehmungen immobilisiert hatten, kommt ein Befehl der Behörden, nach welchen die Fremden ihre Besitzungen aufgeben müssen, da „Neu-Bukarest" von der Negierung nie als eine „Stadt" erklärt worden ist, sondern immer als Ruralkommune, also ein Dorf, gellen muß, wo Fremde keine Güter haben dürfen. Den Wert der Besitzungen will aber Herr Basilescu den Fremden nicht zurückbezahlen, oder er will es nur in Aktien seiner Unternehmungen tun, was fast gleich mit Null ist, da die Aktien jetzt wertlos sind. Zu bemerken ist, daß der ehrliche Professor unter unseren Antisemiten eine markante Figur ist. Zu dem neuesten Finanzskandale schreibt „"La ßoumani e“, das Organ von I ouescu: „Man wundert sich, warum wir wieder angreifen, warum die Schonzeit für die Konservativen für immer vorbei ist, warum wir an eine verhältnismäßig geringfügige Affäre, wie die „Vointza Nationale" orakelt, eine besondere Kampagne anknüpfen wollen? Ja, du lieber Gott, handelt es sich um Kleinigkeiten? Seit zwei Monaten weiß Stourdza, weiß Cortiuescu von der schmählichen Angelegenheit und man hat den Mut, zu schweigen? Wenn so merkwürdige Dinge vorgeheu, wenn eine solche Perversität der öffentlichen Meinung eingetreten ist, muß man sich wirklich über die Naivetät der Leute wundern, die in diesen Tagen des Frühliugsbegiunes sich nicht mit ländlichen Idyllen beschäftigen. Wirklich, man muß angesichts dieses Skandals fragen: In welcher Zeit leben wir eigentlich? Der rumänische Minister BasilLascar hat vor seiner Abreise nach Berlin die Nachricht lanziert, daß ihm eine wichtige Mission in Berlin übertragen worden sei, die „darin besteht, dem Grafen Bülow die Lage der Juden in Rumänien nach den letzten offiziellen Daten auseinanderzusehen und dem deutschen Kanzler für die reservierte Haltung zu danken, welche er im deutschen Reichstag anläßlich der von dem Sozialisten Bernstein entwickelten Interpellation bewahrt hat." Diese Nachricht ist ein geschickter Schachzug, mit welchem die am Ruder befindlichen National-Liberalen ihren Uebertritt in die Opposition vorzubereiten suchen. Die sensationellen Enthüllungen über die Einmengung liberaler Minister in die Affäre der falschen Amo-tisierung rumänischer RententitreS haben nämlich die Stellung der heutigen Negierung von Grund aus erschüttert und die Eventualität eines Regierungswechsel in nächste Nähe gerückt. Die konservativen Nachfolger der heutigen Negierung werden aber unter dem zwingenden Drucke der Staatsräson und der öffentlichen Meinuug in Europa in der uuhaltbar gewordenen Lage der Juden gewisse Verbesserungen einführen müssen. Es liegt unseren Liberalen daran, heute schon die öffentliche Meinung des Landes mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß ihre Politik vollständiger Abstinenz in der Judenfrage nicht bloß wahrhaft national und den Interessen des Landes wahrhaft entsprechend sei, sondern auch die vollständige Zustimmung der maßgebenden Faktoren des Auslandes finde. Die Anrufung der antisemitischen Instinkte der Pöbelmassen im Namen angeblicher nationaler Interessen hat sich aber in Rumänien stets als ein wirksames parteipolitisches Kampfmittel erwiesen und unsere sogenannten Liberalen haben dieses Mittel mit großer Meisterschaft zu handhaben gewußt. Die gouvernementalen Blätter gestehen die Fälschung nahezu unumwunden ein und wissen zu ihrer Verteidigung nichts besseres vorzubringen, als daß Stourdza nichts zum persönlichem Vorteil, sondern alles im Interesse des Staates getan habe. Nach den griechischen Osterfeiertagen wird eine Kampagne gegen die heutige Negierung losbrechen, welche sich täglich den Vorwurf der Fälschung und des Betruges gefallen lassen muß, ohne wirksamer Weise replizieren zu können. B. L. Allgesendet. Löbliche Redaktion! Im allgemeinen Interesse ersuche ich um Veröffentlichung nachstehender Tatsache: Der Portier des Tempelgebäudesinder Leopoldstad t (Christ), besitzt ein Einkommen von zirka 6000 Kromn. Derselbe wurde seinerzeit vom Dr. Güdemann, damals noch Prediger in der Leopoldstadt, dem Vorstande auch für den Kanzleidieust empfohlen und infolge dieser Protektion erhielt derselbe Portier eine Verwendung als Beamter. Zu einer Zeit, wo im wirtschaftlichen und Rassenkampfe so viele jüdische Existenzen niedergerungen worden sind und auch jetzt noch niedergerungen werden, in einer Periode, wo tausende jüdische Familienväter nicht wissen, woher sie das tägliche Brod für ihre Familien beschaffen sollen, wo jüdische Eltern aus Not zum Selbstmorde greifen, nahm der jüdische Vorstand einen Christen in seine Dienste und besoldet ihn derart, daß mancher jüdischer Kultusbeamter, Familienvater mit zahlreicher Familie, sich glücklich schätzen würde, auch nur den dritten Teil des Einkommens jenes Portiers zu beziehen. Wenn schon ein Christ Portier sein muß, so gehört er bloß zum Tore, — nicht aber in die Kultuskanzlei. Ebenso ist es entschieden zu rügen, daß ganze Familien, förmliche Dynastien als Angestellte der Kultusgemeinde in Verwendung sind. So sind z.B. drei Brüder Beamte, von denen einer als Chef des anderen fungiert. Von einer andere,: Familie sind Vater, zwei Söhne und ein Onkel im Dienste der Gemeinde. Ein dcrart überhand nehmender Nepotismus kann dem Dienste nicht zuträglich sein. Außer anderen Nebeln hat die Kultusgemeinde auch ein technisches Amt, dessen Leiter der durch Austritt seines minderjährigen Sohnes und durch sein Gutachten berühmt gewordene Ingenieur und beeideter Sachverständiger Herr Brunn ist. Wozu diese Stelle, welche der Kultusgemeinde erhebliche Kosten verursacht, überhaupt kreirt wurde, weiß nur der liebe Gott allein. Ich zeichne mit dem Ausdrucke vollster Hochachtung M. K. Jüdische Elter«! Zu den Krebsschäden, die am Körper des Judentums nagen, gehört die krasse Unkenntnis unserer I heiligsten Traditionen, unserer Geschichte und Literatur, die sich

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