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Jüdisches Volksblatt · 1903-04-24 · 17 (24.4.1903) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt 24. April 1903 Nr, 17 Wien, Freitag ntfntu; iuicli Wien iiutebin ccsclieincn. llcvcrdies untuben neucilüti iiaeii allen Seiten genaueste Erhebungen gepflogen, und es liegen iHu'i* jede» einzelnen ber in N ns sieht genominenen Manbibaten seitens der glmidwurbigsten Stellen die glänzenbsten dnskiinfte vor. Das Verrreterkcdteginin schlage also nach eingehenbsten, wieberholten Beratungen unb naeh genauester Prüfung aller in Betracht koinineuben Beomente bie der reu 9iali l>iuer Dr. E- David ans Düsseldorf, Dr. D. Feuckttwang ans Nikolsvnrg unb Dr. M. OIrnntvald ans Hamburg zur Bernfnng als Oleineinderabldner vor. Der Referent bespricht sodann eingehenb deren Stnbiengang. die bisherige Wirksamkeit nnb die wissensehaftliehe Betätigung jedes einzelnen der genannten drei Herren, bringt zurKenntnis, das; bezügl. zweier der genanntenKandidaten von hoeliaelitbarer gelehrter Seite Bedenken angeregt ivnrden, das; diese jedoch neu autoritativer Seite ihre Widerlegung gefunden haben. Er resümiert sohin, das; die drei genannten tfanbibateit alle zur Anstellung als Geineinderabbiner erforderlieheu gesetzlichen und statutarischen Dualifikationen, sowohl inbezug auf die allgemeine Bildttng, als auch hinsichtlich der theologischen Befähigung ziveifellos besitzen. Die Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft bei zweien der Genannten sei eine selbstverständliche Voraussetzung für die Bestellung. Als Grundlage für die seitens des Präsidiums gepflogenen Vorbesprechungen mit den genannten drei Herren dienten die vom Vertreter-Kollegium ausgearbeiteten Instruktionen, in welchen die Pflichten des zu Berufenden präzisiert sind. Hervorgehoben müsse werden das; auf Grund dieser Instruktionen dem Vorstande das .jederzeitige freie Dispositionsrecht hinsichtlich des Amtssitzes und der Verwendung der Rabbiner znstehe, ebenso wie eine Anwartschaft oder ein Nachfolgerecht auf irgend eine bestinuitte Stelle nicht besteht. Bei der Bemessung der Bezüge wurde einerseits auf die Amtsdauer und die bisherigen Stellungen der zu Berufenden Rücksicht genommen, andererseits darauf, daß dieselben einzelne der in den Instruktionen vorgesehenen, mit dem Rabbinate nicht unbedingt in direktem Zusammenhänge stehenden Agenden ohne Anspruch auf ein besonderes Entgelt zu übernehmen verpflichtet sind, so beispielsweise die Inspektion an Mittelschulen, die Abhaltung von öffentlichen Vorträgen auch außerhalb des Gotteshauses und dergleichen. Referent empfiehlt sohin die Atmahme der Anträge deS Vertreter-Kollegiums. Anknüpfend an dieses Referat bemerkt der Präsident, das; selbstverständlich bisher keinerlei bindende Unterhandlungen mit ben | Vorgeschlagenen gepflogen wurden, sondern das; mit denselben nur über jene Bedingungen konferiert wurde, auf Grund welcher dem Plenum die Berufung in Antrag gebracht wird. Nach mehr als zweicinhalbstündiger Debatte, an welcher sich beteiligten jde Herren: Jan. Rat Wilhelm Polink, Prof. Doktor Ehrmann, cs. Kauders, Ritter von Taussig, kais. Rat I. Weil, Dr. M. Spitzer, H. Teltseher, Vizepräsident Tr. Kohn, Hofrat S. Taussig, Emanuek Hoffmanu, Dr. A. Berger, S. Nosner und Dr. M. Steiner nnb nach Beantwortung einiger im Laufe der Debatte gestellten Anfragen durch den Präsidenten wird nach dem Schlußworte deS Referenten zur Abstimmung geschritten. Bei derselben werden die Anträge des Vertreter-Kollegiums auf Berufung der Herren Dr. E. David, Dr. D. Feuchtwang und Dr. M. Grunivald zu Gemeinderabbinern mit einer die statutengemäß erforderliche Zahl weit übersteigenden Majorität angeliontmen. Nach erfolgter Abstimmung widmet der Referent noch Worte der Anerkennung für alle jene Herren, welche sieh der Mühe unterzogen hatten, die Probepredigten hier abzuhalten, und hebt hervor, daß unter diesen besonders einige sich sehr hervorgetan haben. (Allgemeine Zustimmung.) Der Präsident erklärt sohin, die im Laufe der Sitzung gegebenen ergänzenden Anregungen betreffend die Instruktionen, dem Vertreter-Kollegium zur Berücksichtigung zu überweisen und schließt die Sitzung um 9"/« Uhr abends. Jüdischer Gesangverein „Tchir Zion". Uebungen unter Leitung des Chormeisters Herrn Professor F. I. L o e w e nst a m m an jedem Mittwoch, 3/tS Uhr abends. Uebungslokal: 9. Bezirk, Türkenstraße 9, 1. Hof, 3. Stiege, Mezzanin. Etwas vom Lecher. Gregorig, das enfant terrible der Christlichsozialen, leistete sich im Landtage folgendes Dictum: Ich habe immer die größte Angst vor' den Leuten, die anti-! semitisch schillern, das ist die größte Bagage! Das erinnert uns an Lecher, den größten Redner — pardon, ich hätte fast gesagt Schwätzer — des Parlamentes, berühmt durch seine lange Obstruktionsrede und seinen langen Schnurbart. Es wurde gerade die Abstimmung über die Rekrutenvorlage vorgenommen. , Abgeordneter Dr. O fn er stimmte als Doktrinär vom reinsten ( Wasser gegen die Rekrutenvorlage. Da springt Dr. L e ch er j erregt auf und schreit den verblüfften Dr. Ofner an : „G e h'u s! nach Palästina, wenn Sie Oesterreich wehrlos machen!" i Nett von dem liberalen Abgeordneten der liberalen Hochburg s Brünn. Wir sind auch neugierig, was für ein Gesicht der j Dr. Ofner machte, der ein ganz anständiger Mensch ist, aber; au der fixen Idee leidet, das Juden und Judentum nur in der l Einbildung der Antisemiten existieren. Vielleicht werden ihn i einige deutsch - fortschrittliche Lektionen a la Lecher eines 1 Besseren belehren. , Wien. (Verein j üdischerju ge ndlicher Arbeiter k „L e o p o l d st a d t"). Sonntag den 20. d. M. Vorlesung aus j dem Jüdischen Almauach vom Gesinnungsgenossen Emil I Cb er nt!, im Vereinslokale 1L, Slephaniestraße 8. Beginn i 7 Uhr abends. Gäste willkommen. j Wien. (Verein jüdischer jugendlicherArbeiter j „O ttakring-Hernal s", Koppstrafte 2, II. Stiege, I. Stock). * Sonntag den 3. Mai Vortrag des Herrn Karl Hahn: „Der ' Zionismus und die Arbeiter." Beginn 6 Uhr abends. Gäste j willkommen. ‘ Wien. (V e r e i n j ü d i s ch e r j u g en d l i ch e r Arbeiter, ' Zentrale). Sonntag den 26. d. M. Exkursion behufs Be- 1 sichtiguug des jüdischen Blindeninstituts (Hohe Warte). Zusammenkunft der Teilnehmer um halb 2 Uhr nachmittags im Privatlokale II., Stephaniestraße 8. — Sonntag den 10. Mai 1 roßer Ausflug nach Klosterneuburg-Kierling, verunden mit Spielen, Produktionen beliebter Gesangs- und 1 Musikkräfte sowie Tanzkränzchen rc. Abfahrt präzise halb 3 Uhr \ nachmittags von der Stadtbahnstation Brigittabrücke. Karten L ä 30 Heller sind in den Vereinslokalen sowie bei allen Ausschuß- Mitgliedern zu haben. s Wien. (Verein jü dis cherjugendlicher Arbeiter, - Zentrale). Bei einer im Vereinslokale des II. Bezirkes stattl gehabten Vertrauensmännersitzung wurde die Einführung eines r Zentralausschusses der Wiener Vereine beschlossen. In diesen t Zentralausschuß wurden delegiert von dem Vereine „Leopoldt st a d t" (II, Stephaniestraße 8) die Kollegen Körpner, Jnslicht, Lauser und S t e f a n s k für „B r i g i t t e n a u" s (XX, Jägerstraße 16) Bauer, Rosenthal, Wurmann c und Flesch, für „Ottakring-Hernals" (XVI., Kopp- , straße 2) G r ü n h u t, Elias, P e r l g r u n d und Reiß. In ( der ersten Zentralausschuß-Sitzung wurde Kollege Grün Hut x (Ottakring) zum Obmanu, K ö r p n e r (Leopoldstadt) zum Stelli Vertreter, Rosenthal (Brigittenau) zum Schriftführer, i S t e f a u s k > (Leopoldstadt) zum Staffier gewählt. Zuschriften; sind an den Zentralausschuß der Vereiue jüdischer jugendlicher; Arbeiter in Wien, II., Stephaniestraße 8, zu richtru. Der Mädchen- und Frauenverein „Biknr Ehanlim" > unternimmt Sonntag den 3. Mai einen geselligen Ausflug — . Picknick — auf die Schafsbergalpe und Salmanusdorf. Sammel- I punkt: Endstation der Linie Gersthof. Aufbruch daselbst präzise t 10 Uhr vormittags. Rendezvous für Nachzügler Schafsbergalpe, i Restaurant Stalehner sen. Aufbruch nach Snlmauusdorf um i 3 Uhr uachmittags. Jüdische Gäste willkommen. Bei ungünstiger; Witterung findet der Ausflug am 10. Mai statt. Wer will der Kleinen Herz erfreuen? Dem stiefmütter-; lich vom Schicksal bedachten Kinde Brot und Almosen spenden, ist nicht allein die Aufgabe des Wohltuus. Erst wenn es gelungen > ist, seinem Gemüte Freudigkeit zu geben, erfüllt sich das Streben des wahren Menschenfreundes. Welcher edle Mensch würde i Hunderten von armen Kindern durch Ueberlassuug eines Piauinos oder Harmoniums für ein israelitisches Humanitäts-Institut Freude bereiten wollenV Um gütige Zuwendung eines solchen bittet im Namen seiner Schützlinge das Präsidium des „Kaiser Franz Josef-Ferienheim", Wien, IX., Türkeustraße 17. Bericht über die am 16. April 1903 abgehaltene Sitzung der Bezirks-Kommissionen für die Bezirke 12—15. Beginn 6 Uhr abends. Vorsitzender: Herr Obmanu S. Beer. Anwesende: Herr Kultusvorsteher Gottlieb Taussig, Duschinsky, Direktor Hecht, Mehr, Neuseid, Sounenfeld, Pick, Bernhard, Spitzer, Stern, Weiuberger, Turner, Hofbauer. Aluvesende: Herr Dr. Baas, Khntier, Neichenfeld (entschuldigt). T a g e s o r d u u » g: 1. Mitteilungen des Obmannes. 2. Diskussion und Beschlußfassung über den Antrag des Kommissionsinitgliedes Herrn Direktor Hecht tvegen Organisation des ArmeiUvesens nach dem Elberfelder System. 3. Anfällige Referate und Anträge. Der Obmanu eröffnet die Sitzung mit der Begrüßung der anweseudeu Mitglieder und gibt der allgemeiueu Freude, welche das Erseheiueu des Herrn Kultusborstehers Gottlieb Taussig herborgerufeu,. der hierdurch sein lebhaftes Interesse für die Bezirks- Kommissioueu dokumentierte, in herzlichen Worten Ausdruck. Vor Uebergaug zur Tagesordnung wird das Protokoll der letzten Sitzung verlesen und verifiziert. Hierauf teilt der Obmanu mit, daß die in der letzten Sitzung beschlossenen Eingaben an den löblichen KultnSborstand auch rechtzeitig an denselben abgegangen sind, daß aber die Erledigung noch nicht eingelangt ist, weil der Knltnsvorstaud durch die Predigerfrage, so wie andere uuaufsehiebbare wichtige Angelegenheiten derzeit überbürdet sei; er macht ferner der Bezirks- Kommission Mitteilung, daß die vakanten Rabbinerstelleu mit den Herren Dr. David, Feuchtwang und Grunwald besetzt wurden, eine definitive Zuweisung au die bertvaisteu Predigerstühle aber derzeit noch nicht erfolgte. Der Obmann spricht in betvegten Worten von dem zu früh dahingeschiedenen seligen Dr. Wolf und gedenkt ehrend seiner ersprießlichen Tätigkeit in den Bezirken 12—15, deren Spur für ewige Zeit unvergänglich ist. Herr Kultusvorsteher G. Taussig teilt hieraus privatim einige Daten über die ueuaufgeiwmmeiieu Herren Rabbiner mit und äußert den Wunsch, die Meinung der Bezirls-Kommissioneu bezüglich des für die Bezirke 12-—15 auzustelleuden Seelsorgers kennen zu lernen, um diese rechtzeitig dem Kultusborstaude bekanntgeben zu können. Es eutspinnt sich eine längere Debatte, an welcher sich nahezu sämtliche Herren beteiligen nnb der bereits einmal gefaßte Beschluß neuerdings einhellig erhoben tvird. Herr G. Taussig verspricht, dem Kultusborstaude in geeigneter Weise von diesem Wunsche der Bezirkskommissionen Mitteilung zu machen und für die Erfüllung desselben zu wirken. Hierauf erteilt der Obmanu Herr Direktor Hecht das Wort zum 2. Punkte der Tagesorduung. Nachdem derselbe auf die enormen Summen hingewiesen, welche die Anßenarmenpftege alljährlich verschlingt und an einzelnen Fällen die gänzliche Wirkungslosigkeit der augeweudeteu Geldmittel erweist, gibt er in eingehender, populärer Weise ein anschauliches Bild des sogenannten Elberfelder Systems und beweist, daß eine Armenpflege nur daun pou Erfolg sein kann, wenn sie auf die beiden Grundzüge dieses Systems der Individualisierung und Dezeutralisativu aufgebaut ist. Der Antragsteller führt einen Vergleich ztvischen der Elberfelder und der in den jüdiseheu Probiuzgemeiuden von altersher üblichen Armenhilfe und^kommt so zu dem Schlüsse, daß das vielgerühmte, in zahlreichen Städten nachgeahmte Elberfelder System eigentlich nichts anderes sei, als diese alte, jüdische Art von Wohltätigkeit nur in einem den jetzigen Gemeiudeberhältuisseu augepaßten, modernen Gewände. Da die den Bezirks-Kommissionen unterstehenden Bezirke 12—15 an Zahl der daselbst wohnenden Glaubensgenossen einer Gemeinde von mittlerem Umfange gleichen, hält er die Einführung deS Elberfelder Systems für vorteilhaft und glaubt nicht, daß sieh dieser durch die bereits bestehenden Vereine und Anstalten unübertviudliche Hindernisse eutgegenstelleu. Direktor Hecht meint, mau müsse sich auch auf dem Gebiete der Armenpflege mehr von der Vernunft als von momentanen Eingebungen des Herzens leiten lassen, es sei eine ganz irrige Auffassung, das; durch die Einführung des Elberfelder Systems der segensreichen Tätigkeit der Vereiue Abbruch geschehe, ihr Wirkungskreis verengert oder au ihrer Selbstständigkeit und Autorität gerüttelt Iverde. Im Gegenteil I Je mehr humanitäre Vereine und Institute, desto erfolgreicher die Außerarmenpflege. Das Elberfelder Shstem verlangt mir eine genaue Kenntnis der Anzahl, Ziele und Zlvecke, fände der Anfnahmsbedingungen der bestehenden Wohltätigkeitsanstalten, um sieh au diese in statittenentsprecheuden Fällen mit Aussicht auf Erfolg luenben zu können. Soll das Wirken des Elberfelder Systems von tvirklichem Nutzen für die (Gemeinde sein, bann ist die Scheidung des Professionsbekklers von dem wahrhaft Bedürftigen die allererste Aufgabe. Ohne klare Einsicht in die Tätigkeit sämtlicher in den Bezirken bestehender Vereine sei aber diese grundlegende Bedingung uuutöglich und daher die allmonatliche Ablieferung eines genauen Verzeichnisses der unterstützten Personen, so tute die Höhe und Art der erhaltenen Unterstützung von jedem Vereiue au das Genteiudeamt 16. Bezirk, Turnergasse 22, tmbediugt erforderlich. Hierdtlrch iverde eine Vereiusstatistil. sotvie auch eine Anlegung des so überaus wiehiigeu Armeulatasters ermöglicht. Direktor Hecht stellt sodaitu den Antrag: Die Bezirks-Kommissivn für die Bezirke 12—15 wolle in Erwägung der zunehmenden Armut in den ihr unterstehenden Bezirken, sowie der Unzulänglichkeit der ihr zu Gebote stehenden Hilfsmittel, im Eiuverstäuduisse mit den bestehenden konfessionelleuWohltätigkeitsiustituteu beschließen, das Elberfelder System in der Außenarmenpflege eiiiznfiihren. In läitgerer Debatte, an welcher sich die Herren Knltnsvorsteher G. Taussig, der Obmann sotvie die Kommissions-Mitglieder Bernhard, Hofbaner, Mohr, Pick, Neiifeld und der Referent beteiligen, wird eine Reform des derzeit üblichen Arine»pflegesl)stems allseitig für notwendig erachtet, der Antrag des Dr. Hecht shmpathisch begrüßt und im Prinzipe einhellig genehmigt. Der Obmann dankt denr Referenten für das erstattete Referat, hält es aber doch im Interesse der Sache für wünschenswert, zuerst mit den maßgebenden Persönlichkeiten in Fühlung zu treten und zu diesem Zlvecke eine größere Versammlung einznbernfen. Er bittet Dr. Hecht, daselbst nochmals seine Ansichten über das neu einznführende Armenpflege- Sitstem zu entwickeln. Dieser Antrag gelangt hierauf zur einstimmigen Annahme. Weiters tvird ein an den löbl. Kchltnsvorstand gerichtetes Gesuch des jüdischen Turnvereines „Zion" um Subvention befürwortet sotvie Unterrichtsangelegenheiten vertraulich besprochen und zugleich beschlossen, diese vorerst ans gütlichem privatem Wege zn regeln. Nach Erledigung der Tagesordnung wird die Sitzung um halb 0 Uhr abends geschlossen. Znm Kapitel der Namensänderung Baseches—Bosse. Ein »velterfchütterndes Ereignis hat sich zugetragen. Der Globus ist mit Baseches schlafen gegangen und mit Bosse erwacht. Herr Baseches hat nämlich das dringende Bedürfnis gefühlt, seinen Familiennamen in Bosse umzuwandeln und die hohe Behörde hat hierbei hilfreiche Hebammendienste geleistet. Das „Jüdische Volksblatt" hat schon wiederholt Veranlassung genommen, sich mit der Manie der Konvertierung der Familiennamen des eingehenden zu beschäftigen, zuletzt in dem Falle Kohn- Kolm. Wir haben die Geistesflachheit, die Oberflächlichkeit, den mangelnden Ernst sittlicher Lebensauffassung, die bei den Aenderungen der Namen zum Ausdrucke gelangt, gebührend gegeißelt. Es genügt jedoch nicht immer, eine Sache einmal zn sagen, man muß sie oft drei-, auch mehrmals aufs Tapet bringen. Die Namenskonvertierungcn nehmen immer mehr überhand, daher wir für geboten erachten, dieselben immer wieder zu brandmarken nnd aus die unendliche Lächerlichkeit derselben hinznweisen. Wenn Lächerlichkeit tötet, so zählt Herr Baseches gewiß nicht mehr zu den Lebenden; denn Dr. Bascches hat seinen Namen, der zu den alten und angesehenen in der böhmischen Judenschaft gehört, mit einem obskuren und nichtssagenden vertauscht. Wir haben seinerzeit bemerkt, daß die Fürsterzbischöfe Kohn und Kahn ihre spezifisch jüdischen Namen nicht änderten, dieselben vielmehr berbehielten und sich ihres Ursprunges aus dem heiligen jüdischen Priesterstamme noch rühmten. Wir könnten derartige Beispiele noch unzählige zitieren. Wir laden Herrn Baseches ein, den Gotha'schen Adelsalmanach aufzuschlagen, er wird unter anderen freiherrliche deutsche Geschlechter, z. B. derer von Wollsak, Kn o b l o ch, K r a u t s a ck u. s. w. finden. Auch ein Adelsgeschlecht mit dem Prädikate „Edler v. P s e r d" kommt vor. Ein Jude mit dem Familiennamen Kn o b loch würde dies als eine schreckliche Katastrophe empfinden und Himmel und Erde in Bewegung setzen, sich dieses mit einem verdächtigen Duste behafteten Namens zu entledigen. Was am meisten tadelnswert, ist der Umstand, daß die Namensänderungen nahezu ausschließlich in den intelligenten Klassen der jüdischen Bevölkerung gangbar werden. Bei einem Doktor — Herr Baseches ist Akademiker — sollte man doch so viel philosophisches Denken, so nüchterne Auffassung voraussetzen können, daß Namen, wie Goethe sagt, nur Schall und Rauch sind, daß der Charakter, der innere Gehalt, die Lebensführung, das sittliche Betragen den Menschen machen und ausschließlich das Kriterium, den Maßstab bilden, ihn nach seinem Werte zu taxieren. Besitzt es nicht unendlich viel des Beschämenden, wenn ein die höchste Stufe der Intelligenz besitzender Mann sich seinem Bekanntenkreise frischbacken mit einem neugemünzten Namen vorzustellen bemüßigt ist? Wie beschämend muß es wirken, wenn man den Ansprechenden korrigieren muß, man heiße nimmer Baseches, sondern Bosse — Ultra posse — (bosse (nemo tenetur) — höher geht der Schwindel wahrlich nicht mehr. Wir beklagen die derzeit im Schwange befindlichen Namensänderungen aber auch vom spezifisch jüdischnationalen Standpunkte. Wir legen großen Wert darauf, daß die Kontinuität der Beziehungen zur Geschichte des Judentums, zur Familie aufs peinlichste gewahrt werde. Die Juden mit srischgebackenen Namen erscheinen uns minderwertig. Schon die bei uns Juden hochstehende Pietät gegen Eltern und Familie müßte davon abhalten, sich Knall und Fall einen neuen Namen beizulegen, etwa so wie man ein neues Schild ans seine Türe steckt oder ein Kleid wechselt- Ein wirksames Mittel gegen die moderne Eitelkeit kann nur darin gefunden werden, wenn sie gegeißelt, gebrandmarkt und aus den Pranger gestellt wird. Das „Jüdische V o l k s b l a t t" wird es nicht unterlassen, wie bisher auch weiters in dieser Richtung ihres Amtes zu walten und mit allen, die von dieser Schwäche befallen erscheinen, schärsstens ins Gericht zu gehen. Wir erbitten uns hierbei der eifrigen und tatkräftigen Mitwirkung aller Gutgesinnten, aller derjenigen, die noch Sinn, Herz und Liebe für das Judentum besitzen. Schließlich ist von der Konvertierung des Namens zur Konvertierung der Religion nur ein kleiner Schritt nnd die Namenskonvertierung in der Regel nur eine Etappe auf dem Wege zum Taufbecken. Nachklänge zur Gremialbauepisode. Unter dem Vorsitze des Gremialpräsidenten Leopold Pollack fand gestern im Saale des Gewerbevereines die Jahresversammlung des kaufmännischen Gremiums statt, die stellenweise einen bewegten Verlauf nahm. Vor Erteilung des Absolutoriums bemängelte Kaufmann Wagner das Gebaren des Gremiums, unterzog namentlich die Frage des Neubaues des Gremialgebäudes und des Unrbaues des alten einer Kritik. Das Absolutorium wurde mit allen gegen drei Stimmen erteilt, der Voranschlag mit demselben Stimmenverhältnisse genehmigt. Wagner meldete den Protest an. Zum Schluffe der Versammlung kam ein Antrag zur Verhandlung, der sich gegen die Einführung des Befähigungsnachweises für das Handelsgewerbe ausspricht. Der Antrag des Gremialrates P l a n k l aus Uebergaug zur Tagesordnung wurde nach lebhafter Debatte mit großer Mehrheit angenommen. Die 30. ordentliche Generalversammlung der Israelitischen Allianz zn Wien findet am 30. April 1903, um 0 Uhr abends im Saale der israelitischen Kultusgemeinde, I., Sertenstettengasse 4, 2. Stock, statt. Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit des Vereines im Jahre 1902. 2. Bericht über die finanzielle Gebarung im Jahre 1902. 3. Wahl von fünf Vorstandsmitgliedern mit vierjähriger Funktionsdauer (§ 6 der Statuten). Die Reihe zum Austritte trifft die Herren David Ritter v. Guttmann, Oberrabbiner Dr. Güdein a n n, Wilhelm Pappenhe i m, Leopold T r e b i t s ch, Donat Ziffer er. 4. Wahl eines Vorstandsmitgliedes mit dreijähriger Funktiousdauer. 5. Etwaige Anträge der P. T. Mitglieder (§ 8 der Statuten). Der Eintritt in das Versammlungslokal ist nur gegen Vorweisung der auf Namen lautenden Einladung gestattet. Der Jahresbericht gelangt in den nächsten Tagen zur Versendung.

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