Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 16 (17.4.1903)
- Date
- 1903-04-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt 17. April 1903 Seite 5 Kr. Iß Wien, Freiing Kuliusgemeiiide ist es strengstens verboten, iir irgendwelcher! Form an die Parteien itm Geschenke heranzntreten. Im Falle des Zillviderhandelns gegen dieses Verbot lvolle die Anzeige an den Kultusvorstand, 1. Bez., Seitenstctteng. 4, erstattet werdet:." — Die Sache ist übrigens nicht ganz klar. Hat das Benehmen der Knltnsbeainten den Vorstand zu dieser Kundmachung berechtigt, warum sind diese Beamten überhaupt noch im Amte? Durch Kundmachungen werden sie nicht anständiger. Ist sie aber im allgemeinen nicht berechtigt, sondern basiert bloß ans Unzukömmlichkeiten einzelner — und das ist unsere Ansicht — wozu diese Denunziation s ä m t l i ch e r Beamten? Eine fernere Frage: wenn schon, dem: schon; wenn schon eine Kundmachung notwendig war, warum gerade die Beamten der erwähnten zwei Aemtcr stigmatisieren, warum sie nicht in allen Aemtern anbringen und hauptsächlich warum nicht im Trauungsamte, wo sich eine solche Warnung doch so schön ansnehmen würde? Es ist auch nicht klar, ob unter den zu Schnorrern gestempelten „Organen" auch im Dienste der Knltusgeineinde einmal wöchentlich erscheinende Organe zu verstehen sind und ob ein Nabbinerposten als Geschenk betrachtet lverden soll. Endlich bedarf es noch der Aufklärung, ob den Organen gleich Bettlern lind anderen Gassengeischöpfen nur das „Herantreten an die Parteien" verboten, hingegen das Aushalten der Hände, das Zwinkern mit den Angen oder Husten usw. gestattet ist. Das sind am Ende sehr wichtige Fragen, damit das Organ doch wisse, wie weit es gehen darf, um nicht „angezeigt zu lverden". Eines stimmt uns nur traurig bei der Sache, das; unsere Beamten schon so tief im Servilisluus stecken und so sehr ihr Selbstbewusstsein verloren zu haben scheinen, das; sie! diese Schmach dulden und noch keine Mittel gefunden haben, ihre öffentliche Beschimpfung entfernen zu lassen. Aliiancs israeliie universelle. Wir werden um Aufnahme folgendes Schreibens ersucht: In der Nummer 13 Ihres Blattes vom 27. März lesen wir irr dem Feuilleton folgende Worte : „Die „ Arcliives israelitesil, ba§ Organ ber „Alliance israelite“ u. s. w. Wir beehren uns Ihnen mitznteilen, daß die „Archive.; israeiites“ mit unserem Werke gar nichts gemein haben und niemals unser Organ gewesen sind. Die Allianz hat nur ein Organ: „ihre Monats- und Jahresberichte." Vereinigung jüdischer Hochschüler ans den siidslavischen wandern. „Bar Giora", VIIL, Langegasse IG, Türe 1. Dienstag, den 21. d M., findet um halb 8 Uhr abends im Vereinslokale ein Vortrag des B.-C. caml. jur. Josef Haß über „Altneuland" nnt anschließender Diskussion statt. Gäste willkommen. Das neue Militär-Strafgesetz. Uebereinstimmenden Meldungen zufolge ist das neue Militär-Strafgesetz perfekt geworden. Es hat langer Jahre bedurft, bis die schwierige Materie bewältigt zu werden vermochte und Einigkeit zwischen getrennten Elementen, wie eS die Knegsverwaltung und die Ziviljustiz sind, erzielt werden konnte. Es heißt, das neue Strafgesetz entspreche allen Anforderungen moderner Justizpflege und trage allen in dieser Richtung laut gewordenen Wünschen, insoweit sie Berückstchtigm'.g verdienen, Rechnung. Uns, von unserem nationalludischen Standpunkte aus, interessiert das neue Militär-Strafgesetz nur insoferne eingehend, als wir das gewiß berechtigte Verlangen stellen, dasselbe möge strenge Strafen gegen alle diejenigen stipulieren, welche sich unterfangen, einem dem Militärstande Augehörenden, sei er Offizier oder Gemeiner, wegen seines Glaubens in irgend einer Weise, in welcher Form immer, anzutasten. Wir fordern exemplarische Ahndung gegen jedermann, sei er ein hoher Militär oder nur ein Kamerad, der sich herausnimmt, einen jüdischen Soldaten zu beschimpfen, aus keinem anderen Grund-, als weil er der jüdischen Nation angehört. Wir haben bei früheren Anlässen schon darauf hingewiesen, daß sogar im Vormär;, demnach in der Zeit der finstersten Reaktion, die Beschimpfung eines jüdiichen Soldaten seiner Konfession wegen strengstens geahndet wurde, Derzeit, in der Zeit der allgemeinen Wehrpflicht, kommt es leider häufiger, als inan annehmen sollte, vor, daß jüdische Militärs von der Mannschaft mit Schimpfnamen, wie: jüdischer Esel, Jndenbnv u. s. w. belegt werden, und zwar nicht itur_ intra rnuros, sondern auch tu Reih und ©lieb vor der Mannschaft Derartiges wirkt ansteckend und es ist kein Wunder, daß der Antisemitismus verhältnismäßig namhafte Ausdehnung im Militärwesen gewonnen hat. Irgendwelches Motiv, den jüdischen Soldaten verschieden von seinem arischen Kameraden zn behandeln, liegt faktisch nicht vor. Es ist bekannt, das; nahezu jeder jüdische Soldat es zu einer Charge bringt, daß die jüdischen Unteroffiziere in den galizischen und ungarischen Regimentern das Rückgrat bilden, daß die Armee Tausende und Abertausende aktive und nichtaklive Offiziere, Beamte u. s. w. besitzt, die ihrem Stande zur Ehre gereichen, vielfach belobt und ausgezeichnet erscheitteu, trotz aller Schwierigkeiten und Friktionen, die sie ihres Glaubens wegen zu erdulden und zu überwinden haben. Aber noch in anderer Richtung gewinnt das neue Militär- Strafgesetz für uns das höchste Interesse. Mit der nahe bevorstehenden Einführung ist auch eine Reorganisation des Militär- Strafjustizwesens zur Notwendigkeit geworden. Das Auditoriat erheischt eine gattz bedeutende Personatvermehrnnq. Es ist die Aquirierung von 200 neuen Auditoratsstellen in'Aussicht genominen, die für der; ersten Moment genügen sollen. Reflektiert wwd selbstverständlich in erster Richtung ans richterliche Kräfte aus dem Reserveosfiziersstande. Bisher war jüdischen Aspiranten der Zutritt zur inilitärrichterlichen Praxis unbedingt versagt, frerlich nicht üa jure, sondern nur de t'.-u-.io. Man nahm ztl dem Vorwände für die Gesetzesverletzung die Zuflucht, daß die arischen Bewerber besser qualifiziert erscheinen. 9bm aber ist anznnehmen, daß es für die 200 neuen Stellen im Auditoriate an arischen Bewerbern mangeln wird. Wird man es dann dennoch wagen, jüdische Aspiranten zurückzuweisen? Wir tvünschen dringend, daß die Militärverwaltung in dieser Richtung ans die Probe gestellt werde. Wir fordern die aus den: Juristenberufe hervorgegangenen jüdischen Reserveoffiziere dringend auf, seinerzeit mit einen AuditortatSposten zu kompetieren und im Falle der Präterierung die Konsequenzen daraus zu ziehet,. Eintge eklatante Fälle dürsten dann dazu beitragen, mit der Rückständigkeit in der österreichischen Arinee zrt brechen und für immer aufzuräumen, die dazu noch des Widersinnigen und Widerspruchsvollen genug besitzt. Gibt es etwa im Offiziers- oder Beamtenstande des österreichischen Heeres eme zweierlei Qualifikation, eine verschiedene Wertigkeit? Ist der jüdische Major oder Oberst, und deren gibt es ja einige mulderwertig als ein Major- oder Oberst-Auditor? Vom Militär, besteu jeder Angehörige bereit sein muß, Gut und Blut, Leib und Leben für das Vaterland zu opfern, muß der blöde, vertrottelnde Antisemitismus ferngehalten werden, gerade vom Militär aus muß die Initiative zur Ausrottung dieser schädlichen und schänoenden Seuche ausgehen. Die Ar,nee darf niemals die Stätte sein, der Judenhetze neue Nahrung, neues Leben zuzuführen und dies geschieht durch die differenzierende Behandlung der jüdischen Soldaten. Toynbee-Halle. Freitag, den 27. v. M. hielt ca„d. phil. et theol. Herr M. G. Mehrer in der Jüdischen Toynbee-Halle vor einem' zahlreichen Publikum seinen Schluß vortrag: „Bibel- Erklärung". Nachdem der Vortragende über den laufenden Wochenabschnitt in fesselnder Weise gesprochen und hierauf das II. Buch Moses einer überaus interessanten Betrachtung unterzogen hatte, schloß er, auf die hohe Bedeutung der Bibel hinweisend, mit den unlängst attSgesprochenen Worten eines hervorragenden zeitgenössischen Gelehrten : Das jüdische Volk ist und bleibt das Volk der Offenbarung. Hat sich bekanntlich der Beifall an allen einzelnen Freitag-Abenden sehr lobend geäußert, so gestaltete er sich diesmal zu einer besonderett Kundgebung für den Redner. Sämtliche Zuhörer riefen dem Herrn Mehrer Worte der tiefsten Dankbarkeit zu und sprachen ihm ihre Anerkennung aus für die ausgezeichnete Weise, in der er es verstand, im Laufe des ganzen Wintersemesters das Bibelwort zu interpretieren. A. G. Schauturnen. Am 4. April fand im „Ballsaale Ronacher" das erste Schauturnen des „I. Wiener jüdischen Turnvereines" statt. Dasselbe fiel in jeder Hinsicht günstig aus und bedeutet einen entschiedenen Erfolg des Vereines. Das zahlreich erschienene Publikum akklammierte stürmisch die in ihrer kleidsamen Tracht stramm aufmarschiereuden Turner und die in einem äußerst schmucken blauweißen Kostüme sich präsentierenden Turnerinnen. Das turnerische Programm wurde exakt durchgeführt und zogen namentlich die hervorragenden Leistungen der I. Riege am hohen Reck, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Den Höhepunkt des Festes bildete unstreitig der Damenreigen, der sehr präzis zur Ausführung gelangte und mit seinen wechselnden Figuren ein entzückendes und anmutiges Bild bot. Auch die übrigen turnerischen Vorführungen, so namentlich die S t a b ü b u n g e n der Herrenriege, fanden den lebhaften Beifall des Publikums. Volles Lob gebührt dem ersten Turnwart, Herrn Rudolf Pollak, der die Aufführungen in überaus glücklicher Weise zusammengestellt und viel Mühe und Zeit an der Einstudierung derselben verwendet hatte. Aus das Schauturnen folgte ein Tanzkränzchen, welches von den kostümierten Turnerinnen und den Herren vom Komitee eröffnet wurde. Trotz der vorhergegangenen anstrengenden Hebungen beteiligten sich Turner und Turnerinnen in erster Linie eifrig und ausdauernd am Tanze. Demselben wurde bis in den grauen Morgen gehuldigt und herrschte vie ganze Zeii hindurch die animiertefte Stimmung. Im Laufe des Abends trafen zahlreiche Telegramme und Begrüßungsschreiben von jüdischen Turnvereinen des In- und Auslandes, sowie von Freunden des Vereins ein. So kann denn der „I. Wiener jüdische Turnverein" mit dieser seiner ersten größeren turnerischen Veranstaltung vollauf zufrieden sein, die seine turnerische Leistungsfähigkeit voll und ganz erwiesen hat. Die jüdischen Würdenträger glänzten natürlich durch ihre Abwesenheit. Nufere Gleichberechtigung. Aus Olmütz wird gemeldet: Am 27. März verstarb hier der k. k. Landesgerichtsrat Dr. Alois Feigel im 62. Lebensjahre an vorzeitiger Altersschwäche. Er war der Typus des modernen jüdischen Märtyrers. Gefoppt von dem Lügenglanz der liberalen Aera, trat er in den Gerichtsdienst ein, blieb aber dann trotz der ausgezeichneten Qualifikation und der liebenden Verehrung der seiner Rechtsprechung anvertrauten Bevölkerung durch einige zwanzig Jahre als Gerichtsadjunkt in Plumenau und ähnlichen Nestern sitzen. Bei keiner Avancementsbewerbung wohl blieb Dr. Feigel aus und mit bitterem Humor bemerkte er später oft, er habe sein Vermögen in Gesuchsstempeln ausgegeben, aber da er der Zumutung der liberalen Kapazitäten und später des Ministers P r a z a f, nämlich sich zu schmadden, trotzig widerstand, saß er mit seinem An,ts- und Leidensgenossin Procbazka weiter als Gerichtsadjunkt. Rangjüngere und notorisch minder fähige und unbeliebte, hingegen christkatholische Kollegen hatten sich schon zu Oberlandegerichtsrats-, jaHosrats-Postenemporgeschwungen, da endlich kam für Feigel die Erlösung in Form der neuen Zivilprozeß-Ordnung. Man brauchte fähige Richter und so wurde der Jude F e i g e l Gerichtssekretär und — justitia estregnorum fimdamentum. — im Ater von 56 Jahren sogar k. k. Landesgerichtsrat in Olmütz. All diese Enttäuschungen hatten nicht vermocht, seinen edlen, grmldgütigerr Charakter zu schädige«, nur seine Körperkraft war dahin. Das Tragischeste aber an unserem Falle ist, daß Feigel vergebens ausharrte, den Väterglauben den Kindern zu vererben. Seine beiden Söhne, Dr. Berthold Feigel, k. k. Gerichtsadjunkt, und Oskar Feigel, k. u. k. Oberleutnant-Auditor, sind schon längst fesch und flott im Hafen der alleinseligmachenden Kirche gelandet. Drum ans, jüdische Jünglinge, widmet auch ihr eure Dienste dem Staate, dem Baterlande, die Beamtenkarriere steht euch staatsgrundgesetzlich offen, nur müßt ihr zuerst einen kleinen Meineid begehen. Werbmrd der israelitifchen Handwerker für das Königreich Böhmen. In der Monatsversammlung des Verbandes der israelitischen Handwerker für das Königreich Böhmen sprach am 5. d. M. Herr MUDr. Siegfried L i s s a über das Thema „Beruf und Gesundheit". Ausgehend von den einfachen Lebensbedingungen des Urmenschen, wies der Vortragende nach, wie die moderne Kultur an so vielen Schädlichkeiten des Berufes schuldtrage, was durch interessame politische Daten illustriert wurde. Aufgabe der Gewerbe und namentlich der aus ihnen hervorgegangenen Sozialhygiene ist es, Berufskrankheiten zu verhüten und den bereits Betroffenen zu helfen. Einzelne Punkte, wie Kinder- und Frauenschutz, Sonntagsruhe u. s. w., fanden in dem Vortrage eingehende Besprechung. Die zahlreiche Versammlung lohnte die lehrreichen und interessanten Ausführungen mit reichem Beifall. Allgemeiner jüdischer Arbeiter-Verein, II., Stefaniestraße 8. Samstag den 18. April um 8 Uhr abends Bereinsabend mit Vortrag über: „Land und Leute Palästinas." Herr L if ez itz, der Palästinenser ist, wird uns die Beschaffenheit unseres alten Heimatslandes, wie das Leben der dortigen jüdischen Bauern genau schildern. Niemand versäume, diesem interessanten Vortrage beizuwohnen. — Bnrgtheater-Karten für die Sonntag-Abend-Vorstellungen zu ermäßigten Preisen erhalten die Mitglieder im Vereinslokale jeden Donnerstag und Samstag abends. Diejenigen Mitglieder, die sich bereits vorgemerkt haben, werden hiermit aufmerksam gemacht, daß die erste Vorstellung Sonntag den 19. d. M. stattfindet und stehen ihnen die Karten zu dieser Vorstellung zur Verfügung. — Achtung, jüdische Arbeiter-Turner! Die körperliche Hebung der Juden ist einer der vielen Programmpunkte des Zionismus, speziell für uns Arbeiter ist die körperliche Gesundung von großer Wichtigkeit. Wir haben zu diesem Zwecke eine Turn-Sektion errichtet. Wer auf seine, wie aus die Gesundheit unseres Volkes bedacht sein will, der trete der Turn-Sektion bei! Auskünfte der Sektion jeden Abend bei Kollegen Emil Rutter. Der Mittelschullehrertag und der Antisemitismus unter den Mittelschullehrern. In der Karwoche wurde unter Patronanz des hohen Unterrichtsministeriums der achte Mittelschullehrertag abgehalten. Der Zweck desselben war nebst Besprechung didaktischer und pädagogischer Themen hauptsächlich die Behandlung von Standesfragen in moralischer und materieller Richtung. Es wurden dahinzielende Resolutionen gefaßt und anläßlich der Motivierung derselben von einem Redner darauf hingewiesen, daß es in dieser Richtung bei den Mittelschullehrern eine Meinungsverschiedenheit nicht gebe, das; Einigkeit ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession herrsche. Ohne Unterschied der Konfession! Das sind ganz anheimelnde Worte, die sehr wahr und gar selten zu hören sind. „Allein, die Botschaft höre ich wohl, doch mir fehlt der Glaube". Wir haben alle Ursache, den Mittelschullehrern nnt einigem Mißtrauen zu begegnen. Wir erachten es für notwendig, vorauszuschicken, daß es uns ganz fernliegt, zu generalisieren und zu pauschalieren. Die Mittelschullehrer gehören einem ehrenwerten Stande an, der uns den größten Respekt, die größte Wertschätzung einflößt. Wer es aus eigener Erfahrung milgemacht, weiß den schwierigen Beruf des Mittelschullehrers zu ermessen, der unsere Jugend für die Hochschule vorzubereitcn hat, eine Arbeit, die, wenn sie mit Ernst aüfgesaßt wird, die ganze Tatkraft eines Mannes vollauf in Anspruch nimmt. Unsere Bedenken richten sich auch nicht gegen die gereiften Herren älterer Schule, sondern gegen die Olt minorum gentium der Mittelschulprofefforen, die in der Aera des Antisemitismus ausgewachsen und großgezogen worden sind und von dem modernen Gifte durch und durch infiziert erscheinen. Die Affäre des Mittelschullehrers Sp i ka ist noch in lebhafter Erinnerung. Unvergessen bleibt der pkil.-Doktor, der die Unverfrorenheit besaß, seine jüdischen Schülern gegenüber geübte antisemitische Bosheit mit dem Brusttöne der Ueberzeugung zu rechtfertigen. Nun mag es ja räudige Schafe überall geben. Das Traurige und Bedenkliche der Affäre Spika ist aber, daß die Spezies dieser Art leider noch haufenweise anzutreffen ist. Warum aber auch nicht? Der „Fall" hat seitens der berufenen Unterrichtsverwaltnng leider nicht die gebührende Ahndung erfahren, es ist kein „Exempel" statuiert worden, das abschreckend zu wirken vermocht hätte, man begnügte sich mit einfacher Dienstentlassung, weil man schandenhalber nicht anders konnte, weil man sich — vor dem Auslande schämte, den im Gerichtssaale gebrendmarkten Dr. Spika weiterhin im Lehramte zu belassen. Gibt es nicht zum Nachdenken Anlaß, daß im Wiener Gemeinderate, im niederösterreichischen Landtage und im Abgeordnetenhause des österreichischen Reichsrates die verbissensten, enragiertesten Antisemiten sich aus dem Mittelschullehrerstande rekrutieren? Hat doch nicht viel gefehlt und der Ur- und Nährvater des heimischen Antisemitismus (Dr. Stetnwender) wäre österreichischer (Landsmann-) Minister geworden. Wir beglückwünschen die Mittelschullehrer zu der bei ihrer Tagung zum Ausdrucke gelangten Solidarität ihrer Standesintereffen. Zur Hebung des Dekorums und der Reputation des Standes hätte es aber sicherlich beigetragen, wenn ein Wort der Abwehr gegen die konfessionelle Verhetzung und die im Zusammenhänge damit zutage tretende Verwöhnung und Degenerierung des ehrenwerten Standes der Mittelschulprofefforen gefallen wäre. Es muß ferner als eine Außerachtlassung der Wahrung der Interessen der ganzen Körperschaft betrachtet werden, daß man es nicht der Mühe wert gefunden, sich der jüdischen Kollegen anzunehmen, die ihrer Konfession wegen zurückgesetzt werden, denen der Zutritt zum Lehrberufe einfach deshalb verweigert wird, weil sie es ablehnen, den schimpflichen und unsittlichen Schritt des Glaubenswechsels vorzunehmen. Ein Stand, ein Berus kann nur dann Anspruch auf Sympathie machen, wenn er sich selbst rein hält von unsauberen, destruktiven Elementen. Es ist die höchste Zeit, daß die Mittelschullehrer in dieser Richtung ein offenes, freies Wort ertönen lassen und damit eine Purisizierung einleiten, die ihnen nur zum Vorteile gereichen kann und zur Rehabilitierung ihres Schaden gelittenen Berufes und Standes beitragen würde. Statistischer Ausweis über bas jüdische VoLksschulwefen in Ungarn. In dem ministeriellen statistischen Ausweise 1902 über den allgemeinen Stand des Volksschulwesens in Ungarn finden sich über die jüdischen Schulen folgende Daten: Schulpflichtige Kinder waren 148.258. Davon besuchten die öffentlichen Volksschulen 123.738 (83'04o/0). Die übrigen besuchten die an der nordöstlichen galizischen Grenze bestehende hebräischen „Chedarim". Im Vorjahre besuchten öffentlichen Schulen nur 8099%. Jüdische Volksschulen bestanden 503. Von diesen waren 430 (85'49l)/()) von Schülern beiderlei Geschlechter, 40 (7'95%) nur von Knaben und 33 (6-567,)) nur von Mädchen besucht. In 488 (97'02"/o) war die Unterrichtssprache nur die ungarische und nur in 15 Schulen deutsch und ungarisch. In den 503 jüdischen Schulen lehrten 940 ordentliche und 31 Hilfslehrpersonen, darunter 828 Männer und 143 Frauen. Die Lehrerpräparandien wurden von 229 (davon entfallen 137 auf die jüdische Präparandie zu Budapest) und die Lehrerinnenpräparandien von 220 Schülerinnen besucht. Vom alten Judenfriedhof. Aus Prag wird uns geschrieben: Die Frage der Abtretung des westlichen Teiles des Judenfriedhofes zum Gassengrunde tritt nunmehr anläßlich der Vornahme der Kanalisierungsarbeiten erneuert in den Vordergrund. Die Angelegenheit liegt beim Verwaltungsgerichtshofe. Der Kultusgemeinde wurde ein Aufschub bis Juni gewährt. Brüll, Babel und Bibel. Aus Prag wird uns geschrieben: Sabbat, den 21. März hielt Herr Dr. Adolf Brüll aus Frankfurt a. M. einen vom Wiener Vereine „Afike Jehuda" zur Verbreitung der Kenntnisse und Wissenschaft des Judentums veranstalteten Vortrag über das jetzt akut gewordene Thema „Babel und Bibel". Bei uns in Böhmen herrscht leider die böse Sitte, nur vom Auslande Kräfte zu Vorträgen zu berufen, als ob wir ihrer hier nicht genügend hätten. Leider gilt auch hier das Wort: „Nemo propheta in patria sua." Dies bezeugt auch die Berufung von Rabbinen und Kantoren in den großen Gemeinden Böhmens, Prag nicht ausgenommen. Allein nicht deswegen wollen wir unsere Feder