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Jüdisches Volksblatt · 1903-04-17 · 16 (17.4.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
16 (17.4.1903)
Date
1903-04-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Wien, ’ii'reifag Jrulmches V o! ks Watt 17. April -r. 10 in Bewegung setzen, daß die bostdoLierten Stellen unserer Knltu-^gerneinden von Ungarn, Polen, Russen und Rumänen besetzt sind, während die einheimischen Kräfte höchst selten, nur dann, wenn sie einer ausgiebigen Protektion sich erfreuen können, solche Stellen erhalten. — Dr. Adolf V rü ll ist ein Gelehrter, ein Philosoph, ein Redner — das alles bleibe ihm unbenommen; allein, welchen Wert hat eine Kuh, die täglich 20 Liter Milch gibt, wenn sie selbe durch einen Stoß mit ihrem Fuße wieder ausschnltet? Was nützt die Gelehrsamkeit des Dr. Brüll, wenn er dieselbe dazu verwendet, das schwache Pflänzlein vom Glauben an das Judentum und dessen oberstes Geschichts- und Gesetzbuch zu erschüttern — ja zu zerstören?! Was soll man sich dabei denken, wenn er zum Beispiel sagte: Glauben Sie denn wirklich, daß Gott die Bibel vonLereZolrUft bis Leejne kol jisroel geschrieben??" Er spricht „vom Märchen der Sündstut" — aber die Hauptsache kommt erst — wenn er sagt: Auch die Offenbarung am Sinai sei ein Märchen; „sollte vielleicht Gott herab- und Moses hinaufgestiegen sein??!!" Wir denken, diese wenigen Zitate aus diesem Vortrage dürften wohl genügen, zu beweise«, wie wahr Jesaias ausruft: „Deine Zerstörer, deine Verderber, sie werden aus deiner Mitte aufstehen". Das hätte sich wohl kein evangelischer Geistlicher und Professor erlaubt. Welcher Lärm wurde in allen Zeitungen gegen Professor Delitzsch erhoben, als er auf Grund feiner archäologisch-assyrischen Forschung auf Grund von Täfelchen mit diversen Inschriften Nachweisen wollte, daß alles, was die Bibel an Lehr- und Glaubenssätzen enthalte, von den Assyrern übernommen worden sei! Und nun kommt ein pensionierter israelitischer Religionslehrer (!) aus Frankfurt a. M. nach Prag und geht in seinem Vorträge noch weiter, er negiert die Bibel und ihre Lehren und Erzählungen überhaupt. Wie stark diese Ableugnung ging, erhellt daraus, daß ein Herr aus dem Auditorium ihm wörtlich sagte: „Herr Doktor, Sie haben mir das schwache Pflänzlein von meinem Glauben an die Heiligkeit der Bibel zerstört." Solcher Zurechtweisungen mußte sich der Herr Doktor mehrere gefallen lasten. Noch schlimmer aber wird die Sache, wenn man beoenkt, daß der Vortrag ein öffentlicher, allgemein zugänglicher war, bei dem das Laienelement und viele nicht der Intelligenz angehörende Zuhörer auwesend waren. Der „AfikeJehuda"-Verein mag sich in der Folge seine Kräfte woher immer berufen — das steht ihm frei — aber genieße diese Vorträge selbst und vermehre nicht den Unglauben noch mehr, der I n d i f f e r e n t i smus hat bei uns in Böhmen, wie überall, nicht nur Wurzel gefaßt, er ist leider bereits ein starker Baum geworden. Welchen Sturm würde es hier hervorgerufen haben, wenn irgendein anderer Verein in Prag sich für teures Geld einen solchen Redner verschrieben hätte. Der „Asike Jehuda"-Verein sollte die Quintessenz aller Intelligenz enthalten, sind doch sehr viele Prager Rabbiner selbst im Vorstande dieses Vereines. Ausland. Moriz Lazarus gestorben. In seiner Villa zu Meran, wohin er sich nach langer fruchtbarer Lebensarbeit zurückgezogen hatte, um in beschaulicher Ruhe das Greisenalter zu verbringen, ist Moriz Lazarus als Neuuundsiebzigjähriger gestorben. Man hat ihn nach dem Tode Zimmcrmanns, unseres Wiener Philosophen, mit dem er bis an dessen Ende in Freundschaft und in Arbeitsgenossenschaft verbunden gewesen war, den letzten Herbartianer genannt. Und zwar insbesondere deshalb, weil er, einer Anregung des großen Lehrers folgend, gemeinsam mit seinem berühmten Schwager, dem Sprachforscher Hermann Steinthal, der „Völkerpsychologie" das erste Organ grschafftn und auf eine von ihm selbst kaum erhoffte Höhe gebracht hatte. Die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" sollte dem Zwecke dienen, mittelst der „Völkerpsychologie" die Gesetze des geistigen Lebens der Gesamtheit in ihrem Zusammenhänge und ihrer Wechselseitigkeit ebenso zu erforschen, wie es mittelst der Psychologie an den einzelnen Individuen geschieht. Und sie hat diesem Zwecke so erfolgreich gedient, daß durch viele Jahrzehnte die völkerpsychologische Betrachtung nicht bloß in der Philosophie, sondern auch in aller historischen und publizistischen Erörterung sich einen breiten Spielraum eroberte. Lazarus war, als das erste Heft der Zeitschrift erschien — im Jahre 1859 — schon fast seit einem Dezennium ein einfacher, in Berlin seßhafter Privatgelebrter; vorher hatte er eine politische Schrift „über die sittliche Berechtigung Preußens in Deutschland" veröffentlicht und das größere philosophische Werk „Das Leben der Seele in Monographien" begonnen. Es war damals in Preußen nicht die Zeit tonsessionctler Gleichberechtigung. in welcher Lazarus hätte hoffen können, auf einem Lehrstuhl der Philosophie an einer preußischen Universität berufen zu werden. So folgte er dem Rufe an die Berner Universität, an der er sechs Jahre, von 1800 bis 1800, zuerst als außerordentlicher und dann als ordentlicher Professor Psychologie und Völkerpsychologie tradierte. Die Schweiz war damals Zuflucht nicht bloß für politische Flüchtlinge, sondern auch für eine erhebliche Anzahl hervorragender jüngerer Gelehrter, die daheim in Deutschland von einer erfolgreichen akademischen Laufbahn ausgeschlossen waren. Im Jahre 1800 ist dann Lazarus nach Berlin zurückgekehrt, als Lehrer au der Kriegsakademie angestellt und nach weiteren sechs Jahren zum ordentlichen Honorarprofessor an der Berliner Universität eruannt worden. Er hatte inzwischen zahlreiche Abhandlungen veröffentlicht — „lieber den Ursprung der Sitten" — „Zur Lehre von den Sinnestäuschungen" — „Heber die Ideen in der Geschichte" — und eine Fülle philosophischen Gedankenstoffes mit vielbewundertem Geiste und in einer musterhaft eleganten, lichtvollen Sprache verarbeitet. Das Originale an ihm blieb immer der „Völkerpsychologe", und aus dieser Quelle seiner ersten wissenschaftlicher Liebe strömte dann auch Alles, was er in rastloser Arbeit bis vor drei Jahren veröffentlichte, von den „Idealen Fragen" bis zu den „Sprüchen",- aus dieser Stelle schöpfte er auch den Trieb zur Beschäftigung mit dem Judentum und jüdischen Stoffen, aus welcher Beschäftigung namentlich sein gelehrtes Werk „lieber die Ethik des Judentums" hervorging. Der schmächtige, kaum mittelgroße Mann mit dem blaffen, durchgeistigten Gesicht und den langen schlichten Haaren, die bis ans die Schultern niederreichtens war doch vom Hause aus ein Kämpfer, zuerst freilich nur ein Kämpfer auf philosophischem Felde, vermöge seiuer ganz exzeptionellen dialektischen Begabung, dann aber auch im öffentlicheu Leben und im Streite des Tages vermöge der bewältigenden Beredsamkeit, deren hinreißendem Eindrücke man sich schwer entziehen konnte. Man hat dank den Beziehungen, welche ihn mit Wiener gesellschaftlichen Kreisen verbanden, auch hier wiederholt den Geist und Glanz seiner Reden und Vortrüge zu bewundern Gelegenheit gehabt. Die Wirkung war nmso stärker, als man von dem gelehrten, auf einem Gebiete moderner philosophischer Forschung bahnbrechenden Manne so viel weltmännische Feinheit und oratorische Beweglichkeit nicht erwartete. Man kann sagen, daß eö eine neue Art akademischer Beredsamkeit war, die er vom Katheder auf seine Bücher übertrug, populär genug, um den Lernenden Dunkles zu erhellen, aber doch auch zu vornehm und selbstgewiß, um den wissenschaftlichen Zweck wergessen zu machen. „N. F. P." Zum Kapitel der jüdischen Akademiker. Einen Appell an die Strebsamkeit der Katholiken richtet die „Köln. Volksztg.", in dem es unter anderem heißt: Es wird, namentlich in der freisinnigen Presse, des öfteren darauf hingewiefen, daß die Juden hervorragend talentiert zur höheren Geistesbildung seien, und tatsächlich ist der Perzentsatz der Juden in den höheren Berufen ein auffallend hoher. Die erstere Behauptung ist eine sehr stark übertriebene. Seit langen Jahren habe ich Gelegenheit gehabt, Hunderte von indischen Mctbürgern mit höherer Schulbildung kennen zu lernen; mit einer großen Anzahl jüdischer Assessoren, Rechtsanwälte und Aerzte, von denen ja die Mitglieder der beiden letzten Berufe nicht selten im Publikum besonderes Ansehen als Kapazitäten genießen, habe ich in näheren, teilweise freundschaftlichen Beziehungen gestanden, so daß ich mir ein begründetes Urteil habe bilden können: die Juden übertreffen nun die Christen an geistigen Fähigkeiten in keiner Weise; wohl aber beschämen sie dieselben häufig durch Strebsamkeit, beständigen Fleiß und eine zähe Ansdauer im Kampfe ums Dasein, und darin liegt zum großen Teil das Geheimnis ihrer vielen insbesondere materiellen Erfolge. Der Jude, mag er noch so gering begütert sein, geht von vornherein darauf aus, seinen Kindern, vor allem seinen Söhnen, die allerbeste Ausbildung zuteil werden zu lassen, koste es, was es wolle. Sehr oft begnügt er sich nicht mit der Ausbildung seiner Kinder auf den höheren Schulen; er versucht ernstlich, alle ihre Talente zu erwecken und läßt ihnen musikalische, rhetorische Ausbildung, Unterricht im Zeichnen, im Malen u. s. w. durch Künstler zuteil werden. Frühzeitig bringt der „Weihnachtsmann" den Heranwachsenden Gymnasiasten die Klassiker; den Studenten werden die besten allgemein wissenschaftlichen, literarischen, geschichtlichen und naturwrffenschaftlichen Werke angefchafft. Ich habe es oft erlebt, daß jüdische Referendare von ihren durchaus nicht mit Glücksgütern gesegneten Eltern sämtliche 40 und mehr Bände der Entscheidungen des Reichsgerichtes, wie auch andere vielbänvige Entscheidungssammlungen und Zeitschriften, umfassende juristische Werke für Hunderte von Mark geschenkt bekamen, die sie alle nach und nach mit eisernem Fleiße durcharbeiteten. Die größten Entbehrungen, die die Ellern mit ihrer ganzen Familie sich der Ausbildung der Söhne willen auferlegen mußten, schreckten sie nicht zurück. Dazu kommt, daß bei den Juden die Opfersreudigkeit für ihre studierenden Glaubensgenossen regelmäßig eine mustergiltige ist; die reichen Juden schießen Tausende zu den Kosten zu, verschiedentlich habe ich es beobachtet, daß wenig vermögende jüdische Anwälte abwechselnd miteinander jüdische Studenten der Rechtswissenschaft während der langen Borbereitungsjahre bis zu ihrer Niederlassung als Anwalt und der reichen Heirat vollständig unterstützten. Der Artikel gibt den Katholiken den sehr verständigen Rat, sich diese Fähigkeit und Opserwillrgkeit zum Muster zu nehmen. Der Bukarester WrrcrnziZarrdal. (Neue Enthüll u n g e n.) Aus Bukarest wird zu der Affäre der Defraudation im rumänischen Finanzministerium, in die auch die Berlin er Diskonto-Gesellschaft verwickelt ist, gcschricben: Seit der Hauptangeklagte Parisiauu verhaftet ist, erklärt er bekanntlich, daß die wahrem und ersten Schuldigen hohe Persönlichkeiten sind, die er in der öffentlichen Verhandlung nennen werde. Nun hat er aber schon jetzt, vor einigen Tagen, die hauptsächlichsten Erklärungen abgegeben, Enthüllungen, die höchst interessanter Natur jutb. Im Jahre 1888 brauchte die religiöse Anstalt „N i s o n" Geld, um ein Seminar zu bauen. Da das noch fehlende Geld nicht anfzutreiben war, griff der jetzige Ministerpräsident Stourdza, der damals im Unterrichtsministerium war, angeblich zu folgendem Mittel: Er ordnete an, daß bei der nächsten Ziehung der N e n t e « l v t t e r i e die N u m m crn d er A n st a l t „911 s o n" herauskvm m e n, Wasa u ch gescha h. Daß das „Schicksal" dem Befehle eines Staatsbeamten gefolgt hat, beweist Parisianu durch unwiderlegliche Argumente und durch die Protokolle der derzeitigen Zichnngen. Allzu auffallend ist, daß damals die Niimmcrn der genannten Anstalt, die in Neiheufolge nebeneinander stehen, alle gezogen wurden. Das wäre denn doch ein zu merkwürdiges Spiel des Schicksals! Auch später, im Jahre 1001, hätte brr Staat in der Person des gewesenen Ministers H. Pallade intervenirt, um das Glück ein wenig zu korrigieren. Der rumänische Staat hatte bei der Diskontogesellschaft uni 18 Millionen vier- und fünfperzentige Nententitel. Damit der Staat die Differenzen zwischen dem Tageskurs und Pari profitiere, befahl H. Pallade die f a l s ch e Z i e h u n g dieser Renten. Jetzt will aber H. P i e t o r i a n, der frühere Chef der Buchhaltung, die Schuld des Staates vermindern, indem er erklärt, er habe die Fälschungen aus eigener Initiative und nur deswegen gemacht, um sich an der Diskonivgesellschaft zu rächen. Diese hätte nämlich, im Bewußtsein, daß der rumänische Staat sich damals die Nummern der Rente noch nicht notiert hatte, bei jeder den rumänischen Titeln günstigen Ziehung die Nummern verwechselt und angegeben, die betreffende Nummer gehöre der Gesellschaft unb nicht dem rumänischen Depot. Jedenfalls werfen diese Behauptungen beiderseits ein grelles Licht auf die demoralisierte rumänische Beamteuwirtschafl. Soweit die Enthüllungen des Hauptangeklagten. Man darf nun mit mnsv größerem Interesse die tvritxre Entwicklung dieser höchst meckwürdigen Angelegenheit verfolgen. London, nw i „ } fl o v. V also n r u n b b i e B t b c I.) In bom „Mansioiihoilse" fanb nm 0. März bie imhrhnnberlseicr der englischen Bibelgesellschaft statt. Der Lorbniatzor. Sir Samuel, ber belannllich Israelit ist, erklärte bei ber Eröffnung ber Feierlichkeit, bas; die Leute, bie nicht verstellen könnten, bas; er als Jube bei bieser Gelegenheit den Vorsitz führe, „lieblos" seien und nicht ben lvahren, christlichen Geist zeigten. Er freue sieh, zugegen zu sein, beim er sei aufgeklärt genug, anderen Glaiwensheteiiiitnissen gegenüber Tnlbnng zu zeigen icub die Sache einer Gesellschaft zu vertreten, die in der ganzen Welt nnerineschar viel Gutes getan habe. Der Premierminister Lord Balfonr hielt eine etlva 00 Minuten dauernde Ansprache. Er sagte, das; die Bibel', lvenn man die Religion außer Betracht lasse, eine große Wahltat für die führenden Wissenschaften geivesen sei. Aber es seien nicht die Wissenschaften für den Erfolg der menschlichen Gesellschaft ztc loben, sondern die Religion. Sie sei die treibende Kraft bei aller Arbeit, die vo» Erfolg gekrönt lvcrde. Der Premierminister bekannte sodann, daß er fest daran glaube, daß die Bibel immer noch die Quelle der Hoffnung und der Belehrung sei. Für die Gelebrken, die aber deshalb dem. himmlischen Königtum leiiieSlvegS näher stünden, als die anderen, habe die heilige Schrift heute sogar größeres Interesse, als vielleicht jemals zuvor. Daß man imskande sei, trotz trennender religiöser Altsichten sich ans den gemeinsamen Boden der Bibel zu stellen, das müsse die Barmherzigkeit stärken und den Blick erlveitern. Mr. Balfonr schloß mit einem Appell, religiöse Einigkeit und religiöses Zusammenwirken zu fördern. Zn der vorstehenden Rede Minister BalfourS bemerkt der „Daily Graphic": Die durchdachte und vielsagende Rede des Premierministers ist einer der vielen Beweise von der immer wachsenden Ehrfurcht, welche die heiligen Schriften in einem Zeitalter einslößen, ivelcheS nach gcwöhnlicherv Ansicht mehr durch Unglauben gekennzeichnet ist, als irgend eine Epoche menschlicher Geschichte. Als Mr. Gladstoue den Sorgeic der Downingstraßc den Rücken lehrte und den alten orthodoxen Ansichten über hiblischc Wahrheiten imb Inspirationen sich zu kvidmcu, da hielten ihn viele seiner jüngcreir Freunde für altmodisch. Die Zeiten, so erklärte man, hätten sich gcäildcrt, seit der Zeit, ivo ein König Pon Preußen und ein Zar von Rußland ihre Mußestunden religiösen Betrachtungen widmeten, und allen Ernstes einen Staatenbund in Vorschlag bringen konnten, durch ben die Mächte peraulaßt iverden sollten, ihre internationalen Beziehungen nach den Lehren einer Offcnbarungsreligion cinznrichtcn. Und doch bleibt cS wahr, daß trotz der Veränderung der Zeiten der Einfluß der Bibel keine Einbuße gelitten hat. Der deutsche Kaiser ist vielleicht weniger orthodox, als Zar Alexander der Erste, und Mr. Balfonr gehört sicherlich nicht derselben religiösen Schule an wie Mr. Gladstoue, und doch sind beide in ihrer Anhänglichkeit an das Wort Gottes ebenso fest, wie nur je ein Märtyrer war, der für ben christlichen Glauben starb. Mr. Balfonr sprach die Wahrheit, als er sagte, daß die philologische Kritik und die vergleichende Theologie mehr zur Stärkung, als zur Schwächung der Kraft der Bibel gedient hätten . - . Die einigende Kraft der Bibel ivurdc gestern im Mansionhonse merkwürdig dadurch belegt, daß der Vorsitzende ein Mitglied der alten Raffe war, deren Ruhm es ist, unter göttlicher Leitung die Schriften geschrieben haben, und daß die Hauptrede zum Preise der Bibel von einem hervorragenden Engländer gehalten ivurdc, den man einst als den ^Verfasser eines Werkes kannte, welches den. Titel trug: „Verteidigung des philosophischen Zweifels." Hildesheim. Nach dem Statut der S. Davidsohn'schen Fmnilienstiftimg sind die Zinsen des Stiftungskapitals alljährlich Bedürftigen der Familie zuzuwcwben. Berechtigte Bciverbcr wollen sich denmach innerhalb drei Monaten an einen der Kuratoren, E. Dabidsohn mid M. Dabidsohn, wenden. „7bcrstarke Simson und anderes". Von Elise Orzeszko. Berlin 1903. Verlag von Siegfried Cronbach. Aus dem Polnischen von Flora Landsberger. Die O r z e s z k o gehört zu den seltenen Erscheinungen innerhalb der polnischen arischen Literatur, die ein Herz haben für das arme jüdische Volk in Galizien. Die Uebersetzerin ist unseren Lesern bestens bekannt. „Salomon Tulverrthal". Von Max Viola. Ein moderner Roman. Verlag S. Cronbach. 5 M. Dieser Roman darf nicht nach seinem literarischen Werte beurteilt werden. Vor allem muß man dem sittlichen Mute des Autors Anerkennung zollen, der mit starker Hand der verrotteten jüdischen Fmanzaristokratie die Maske vom Gesichte reißt und ihr einen unbestechlichen Spiegel vors Gesicht hält. Dieses Buch ist eine — Tat, umsomehr zu schätzen, als der Autor der Sohn des bekannten Redakteurs des „Poster Lloyd", Veigelsperg, aus einem Milieu schreibt, das eher noch schwärzer ist, als das im Romane geschilderte. - L. S. Marie Raubet?: „Voll ständiges israelitisches Kochbuch." Prag und Breslau 190N. Verlag von Jakob Brand eis. Frau Marie K anders ist als Küchenvoetin in des Wortes schmackhaftestem Sinne schon seit lange bekannt. Ihr Befähigungsnachweis besteht nicht nur in einer fünfzigjährigen Erfahrung, sondern auch in den vielen Auszeichnungen, welche sie mit ihrem Kochkinche aus den verschiedensten Kochkttnstculsstcllnngeii errungen. Das vorliegende Kochbuch ist bereits oie vierte Auflage und enthält tausend Original-Küchenrezepte, welche mir Berücksichtigung dsr österreichischen, ungarischen, französischen und englischen Küche, sowie der Osierküche verfaßt wurden. Das Buch enthält auch die Observanzen für den jüdischen Haushalt, sowie eiven Küchenkalender und ein Register der in der Kochkunst im allgemeinen vorkommenden wichtigsten Ausdrücke und Erklärungen der Namen mancher Speisen. Dem Buche ist auch das Bild der Verfasserin angeheftet. Das Studium dieses Buches durch die Frauen dürfte jedem — Ehegatten vonnutzen sein. — o/,. Dr. Born h a r d Fuchs: „Kaiser Wilhelm, Professor Delitzsch und die babylonische Verwirrung " Sechstes bis zehntes Tausend. Verlag der „Sammlung moderner Kampfschriften", Wien. Preis 90 Heller. Eine mutige Kampfschrift, deren wichtigste Waffe die feingeschliffene Satire ist. Die Hiebe, die der Verfasser gegen Delitzsch und hauptsächlich gegen den deutschen Kaiser führt, sind wohlgezielt und sitzen in den meistert Fallen fest. Aber es setzt auch 'manche treffende Hiebe gegen die liebedienerische, kriecherische liberale Presse ab. Wir zitieren hier speziell eine Stelle, die zn den gelungensten der Flugschrift gezählt werden darf. Sie geben beredten Ausdruck vom ' Ekel, der jeden rvahrhaft modernen Menschen angesichts der sogenannten liberalen Presse ergreift. „Aber so wahr es ist," heißt es Seite 28, „daß Delitzsch seine bedeutendsten Kampfgenossen in den Redaktionen jener Blätter fand, deren Freisinn jeden Angriff auf die Religion, er komme von welcher Seite immer und sei begründet wie irnmer, mit Triumphgeschrei begrüßt, so rvahr ist es, daß nicht von den orthodoxen Gläubigen die Angriffe kamen, die Herrn Delitzsch am tiefsten hätten beunruhigen müssen." Hierzu befindet sich aus derselben Seite folgende treffende Fußnote: „Selbstverständlich haben die liberalen Blätter Delitzsch nicht deswegen ihren Beistand geliehen, weil sie für seine (und Harnacks) reformierte Reformation ein

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