Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Jüdisches Volksblatt 3. April 1903 Seite 5 Wien, Freitag „Jüdisch-nationaler Arbeiterverein". Bei der am 29. März abgehattenen außerordentlichen GeneraUBersainmluug wurden folgende Herren und Dainen in den?lusschutz gewählt: Samuel Bock, Obmann, Rrrdolf Spiel in ann, Obmann-Stellvertreter, H. Reinisch, 1. Schriftführer, M. Klauber, 2. Schriftführer, David H a st e r l i k, Kassier. Ohne Funktion S. Z u ck e r k a n d l, Heinrich H a st e r l i k, Rosa D u s ch it e r, Sidonie K lein imb Gisela W o llitze r. Der Verein veranstaltet jeden Sonn- und Feiertag Ausflüge. Zusammenkunft im BereinSlokal, XlV., Ullmannstraße, Kauerhof 10A, um 2 Uhr nachmittags. Im Falle -ungünstiger Wisternng finbet cm diesen Tagen im Vereinslokale der Unterricht in Tanz-und Anftandslehre statt, dllle Gesinnungsgenossen werden zur Teilnahme an den Ausflügen und zum Besuche der Tanzstunden hoflichst eingeladen. Sille Zuschriften sind air den Obmann Samuel B o ck, XIIH8, Auhofstraße 222, zu richten. Bortrag von Lncian Brnnner. Im „Jüdischen Volks- Verein für den 8. und 9. Bezirk" hielt Herr Lucian Brunner vergangene Woche einen Vortrag über das Thema: „Wie kann dem -jüdischen Kleingewerbestande geholfen werden?" In der Einleitung wies der Referent darauf hin, daß die Männer der Wissenschaft oder vielmehr diejenigen, welche sich als Vertreter der Wissenschaft geberden, die dickleibige Bücher geschrieben oder gelesen haben, ferner die orthodoxen Marxisten den Satz aufgestellt haben: „Der Mittelstand ist dem Untergänge geweiht; es ist ihm nicht zu helfen." Nun erzählt uns aber die Statistik, daß allen wissenschaftlichen Deduktionen zum Trotz die Zahl der 'Kleingewerbetreibenden beständig zunehme. Es verlohnt sich also der Mühe, diesem Stande zu raten oder zu helfen. Oesterreich hat nach dem Rezepte des berühmten Nationalökonomen Ernst Schneider durch die Zwangsgenossenschasten und durch den Befähigungsnachweis diese Frage zu lösen gesucht. Oesterreich hat auch in dieser Frage bewiesen, daß es immer an der L>pitze steht, wenn es sich um den Fortschritt nach rückwärts handelt. Heute ist es klar, daß aus diesen Genossenschaften kein Heil für das Kleingewerbe erwachse; auch der Ruf „Kauft nicht bei Juden" ziehe nicht in dem Maße, wie seine Väter erhofften. Es entstehe nun die Frage: „Wie kann dem jüdischen Kleingewerbestande geholfen werden, der unter der doppelten Ungunst der Verhältnisse leidet?" Referent könne die Bildung von Produktiv- -genossenschasten nach allgemeinen Erfahrungen nicht befürworten. Dagegen empfehle er dringend die Bildung von Einkaufsgenossenschaften. Die Bildung dieser Genossenschaften hätte nur eine Schwierigkeit, nämlich die, daß die Juden schwer zu organisieren seien. Der Jude sei als Individuum sehr tüchtig, aber einer Disziplinierung als Masse sehrschwer zugänglich. Die Juden litten an dem großen Fehler, der seinen Ursprung in dem schweren Existenzkämpfe hat, den jeder und die meisten allein zu führen haben, daß jeder sich für den Allergescheitesten halte und die Ursache seiner schlechten Lage in allen möglichen Umständen suche, nur nicht bei s i ch s e l b st. Das haben auch andere erfahren, die die Juden politisch organisieren wollten; das habe Referent erfahren als Vorstand des demokratischen Vereines im 2. Bezirk. Nach zwei Jahren habe er verzweifelt, den Sinn für Disziplin und Unterordnung den Mitgliedern beizubringen. Durch Geschenke könne niemandem geholfen werden, dadurch degradiere man ihn zum Schnorrer. Wenn die Juden sich aber organisierten, könnten sie das Schnorrertum beseitigen und durch Selbsthilfe sich auf eigene .Füße stellen. Wären wir geeinigt und diszipliniert, würden wir nur solche Männer in die verschiedenen Vertretungskörper wählen, die unsere Interessen vertreten, dann wäre kein Mensch der Erde stark genug, uns zu unterdrücken. (Allgemeiner Beifall.) An der darauffolgenden Debatte beteiligten sich die Herren Pilpel, P l a f ch k e s, S t e i n e r, L ö w e n b e i n, R e i ch e n st e i n. Der Krrltrrsveamte nud sein Sohn. Der Wiener Knltusvorstand ist wohl dafür bekannt, daß er ein Faible für Leute hat, die entweder selbst getauft sind oder in ihrer nächsten Verwandtschaft auf einen stattlichen Rosenkranz vom Judenstamme abgefallener Blüten hinzuweisen vermögen. Ist aber ein solcher Auserwählter gar ein Kultusbeamter und vermag er außer den eben angeführten Verdiensten noch auf seine Heldentaten anläßlich der Wahlen hinzuweisen, so ist seine Karriere beim Wiener Knltusvorstande für alle Zeiten gesichert. Erst die jüngsten Tage brachten einen eklatanten Beweis unserer Behauptung. Herr Ingenieur Sigmund Brun ist der Gebäudeinspektor und Materialienverwalter der Wiener Kultusgemeinde. Sein Einkommen bei der Kultnsgemeinde dürfte viertausend Kronen jährlich ausmachen. Er hat außer der eigentlichen Verwaltung der ihm anvertranten Objekte auch bei Bestellungen von Arbeiten und Vergebung der Lieferungen die nötigen Verfügungen zu treffen. Herr Brun hat als Ingenieur auch eine Privatkanzlei und hätte es gewiß nicht nötig, einem anderen, der eventuell auf dieses Einkommen angewiesen wäre, dasselbe wegznschnappcn. Herr Ingenieur Brun versteht sein Geschäft sehr gut und hat sich anläßlich der letzten Kultuswahlen auch als geschickter Wahltechniker außerordentlich bewährt. Die oppositionellen Parteien haben die Kunst des Herrn Brun stark zu spüren bekommen. Der Knltnsvorstand zeigt sich in solchen Fällen sehr dankbar und hat anch die außerordentlichen Verdienste ihres Materialienverwalters mit einer Extra-Remuneration von 500 Kronen honoriert. Aber auch Herr Brun wollte sich erkenntlich zeigen und tat dies, indem er seinen sechzehnjährigen Sohn bald darauf taufen ließ. Vorige Woche — etwas zu spät als Purimgeschenk — erhielt der Knltnsvorstand die Mitteilung vom Magistrate, daß der junge B r u n ans dem Verbände des Judentums ausgetreten sei. Vielleicht kann man in dieser Schwäche des Herrn Materialienverwalters für die nichtjüdischen. Religionen anch die Erklärung dafür fiuden, warum die Lieferungen und Arbeiten der Kultnsgemeinde mit Vorliebe an Arier vergeben werden und der Knltnsvorstand es deshalb für überflüssig sieht, auf unsere diesbezügliche Anfrage zu reagieren! Eine tragische Geschichte. Ein getaufter Jude — vielleicht heißt er Dr. Schreiber oder ähnlich — heiratete eine getaufte Jüdin. Das ist nichts Neues. Neu ist auch nicht, daß er dadurch eine Staatsanstellung erreichte, und neu ist nicht, daß beide Ehegatten sich voreinander bestrebten, so streng als möglich ihr Christentum zu markieren, damit es der andere glaube, da sie selbst nicht daran glauben konnten. Eines Abends richtete die Frau ein kaltes Nachtmahl an; man sieht, die Geschichte beginnt ganz harmlos, aber sie endet tragisch. Unbewußt und völlig instinktiv kaufte sie die Wurst in einer koscheren Selcherei. Der Gatte kommt nach Hause und setzt sich ganz ahnungslos zu Tisch. Eben will er sein „Vater unser" hersagen, auf einmal bleibt ihm das Wort im Munde stecken. Die wolbekaimten, gewohnten Ge-* rüche der koscheren Küche steigen ihm in die Nase — wüthend schlägt er auf den Tisch und schreit seine erschrockene Gattin an: „M ir sch ei nt' S, Franz is k a,d u s ch ielst wieder auf d i e andere Seite! — Tableau. Wir fügen nur hinzu, daß die Geschichte zwar gut, aber nicht erfunden ist. Wien. Im Einzelverein „Wien" des Verbandes „Zion" (II., Cafs „Augartenbrücke") wird Herr S. Silherbusch am Montag den 0. April, 8 Uhr abends, einen Vortrag halten über das Thema: „Der politische Zionisrnns und Achad-Haairrs Verhältnis zu demselben". Gäste willkommen. Akademische Verbindung „Hasmonaea" in Czernowitz. Die Chargenwahl für das XXIV. Semester (Sommer-Semester 1908) fand cnn 19. März statt. Das Ergebnis derselben ist folgendes: cmnci. zur. Salomon Kaßner X (Senior), stuck, zur. Moses H all er XX (Pankwart), stuck.jur. David Tri ch te r XXX (Schriftführer). Reihenfolge der öffentlichen Veranstaltungen der zionistischen Korporationen Wiens. Samstag beit 4. Stprit: Großes Schauturnen des I. Wiener jüdischeil Tllrilvereiiles, Roilacher, I., Schellinggasse. Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein llild jüdische Handelsangestellte, II., Stefaniestraße 8, Diskussionsabelld. — So nil tag den 5. April: Verein jugendlicher jüdischer Arbeiter „Brigittenau", Hotel „Union"^ IX., Nußdorferstraße 28, Gründungsfeier, 8 Uhr abends. — M o n t n g den 6. April: Sitzling des österreichischen Landes-Komitees. — In der Ittufimbeti Woche serner Versammlungen in Wiener-Neustadt llild St. Pölteil. Der österreichisch-ungarische Ausgleich und der Antisemitismus. Nun wären auch die sogenannten Ausgleichsvorlagen, wie die ans den österreichisch-ungarischen Ausgleich bezughabenden Gesetze benannt werden, in der ersten Lesung behandelt und die „Staatsnotwendigkeiten" den Ausschußberatungen zugesnhrt. Naiven Menschen dürfte sich mit Recht die Frage anfdrängen: Wos habe» die Ausgleichsvorlagen mit dem Antisemitismus und was hat der Antisemitismus mit ben Ansgleichsvorlagen zu tun. Den sachlichen Zusammenhang hier zu konstruieren, ist nicht einmal den antisemitischen Kampfhähnen, der antisemitischen Partei katexochen, den Christlich-Sozialen, gelungen. Nur dem Abgeordneten Doktor L em isch war es Vorbehalten, der durchaus sachlich geführten Ausgleichsberatnng einen antisemitischen Einschlag zu geben. Und da drängt sich gleich wieder eine weitree, ebenso berechtigte Frage auf: wer ist dieser Dr. Lemisch? Diese Frage ist schwer und leicht zu beantworten. Dr. Lemisch ist Mitglied der D e n t s ch e u V o l k s p a r t e i, jener deutschen Partei, die den Antisemitismus als einen integrierenden Bestandteil ihres Programmes bezeichnet, jener Partei, der die Deutschliberalen Gefolgschaft leisten, die gewissermaßen nur die Affilierten jener sind. Dr. L e m i s ch ist weiters ein Abgeordneter des Kronlandes Kärnten, in welchem nur eine Handvoll Juden ständig wohnen. Die arischen Kärntner oder Kärntner Arier haben daher nicht im geringsten Ursache über die Juden Klage zu führen, da sie von denselben weder physisch noch materiell tangiert erscheinen. Und dennoch Räuber! und Mörder Dr. Lemisch weiß hierüber Bescheid zu sagen. Einen Zusammenhang zwischen dem Ausgleiche und den österreichischen Juden zu finden, konnte auch deffen profunder Weisheit nicht gelingen, dagegen haben es die ungarischen Juden Doktor Lemisch angetan. Man höre und staune! Dr. Lemisch schüttet seine übervolle Schale des Zornes über die Inden aus Ungarn aus, die im Sommer in hellen Haufen nach Kärnten ziehen, die Sommerfrischen von Klagenfurt bis Villach okkupieren, den Kärntner Haus- und Villenbesitzern hohe Mieten für die mehr oder weniger fragwürdigen Landwohnungen entrichten, den Landwirten für deren Produkte hohe Preise bezahlen, die in das „Kärntner Landl" tausende jährlich bringen. Man weiß in der Tat nicht, soll man mehr die Ignoranz Dr. Lemisch über die Verhältnissen seiner engeren Heimat oder dessen Verbissenheit gegen alles, was mit Juden in Beziehung steht, bewundere. Allein dies sollen sich die Landwirte, die Haus- und Villenbesitzer Kärntens mit Dr. Lemisch selbst ausmachen. Diese dürften es gewiß nicht unterlassen, ihren Abgeordneten ein Licht aufzustecken, ihm den Standpunkt klarzumachen, denn sie verstehen sich besser auf die Wahrung ihrer eigenen Interessen, als die „G st u d i e r t e n", die nach Wien ins Parlament ziehen und keinen Dunst haben, was ihren Wählern, was dem Kronlande, das sie „vertreten", nottut. Kämen die „Sem ito- A v a r e n" des Sommers nicht in hellen Haufen in die Kärntner Bäder und Landaufenthalte, so gäbe es eine Katastrophe, von der der hochweise gelehrte Abgeordnete keine Ahnung zu besitzen scheint. Dem Abgeordneten Doktor Lemisch bereitet es weiters großen Schmerz, daß der Antisemitismus in Ungarn nicht größere Gestalt annimmt. Wie wir über den Antisemitismus in Ungarn denken, daraus haben wir nie ein Hehl gemacht Er befindet sich daselbst in latentem Zustande, dies ist bekannt, ebenso, daß die Regierung mit ihm „in der Still' und in der G'ham" kokettiert. Man muß jedoch der ungarischen Negierung die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie es in ihrem Vorteil, in ihrem Interesse erachtet, den Jndenhaß nicht zum Regierungsprinzipe zu machen, ihn Orgien feiern zu lassen, wie es anderweitig vorznkommen pflegt, eingedenk der Tatsache, daß die Inden in Ungarn das bürgerlichnationale Rückgrat, einen wichtigen Faktor des Verkehrslebens bilden. Herr Dr. Lemisch schloß seine denkwürdige, seinen Kvnnationalen noch lange in den Ohren klingende Parlamentsrede mit dem Ausrufe: Nur ein I u d e n r n e ch t könne und werde für den Ausgleich stimmen. Nun, Dr. Lemisch wird sich in guter, angenehmer Gesellschaft befinden, wenn er trotz oder ungeachtet seiner Philippika schließlich dennoch für den Ausgleich stimmen sollte, denn von B i e l v h l a w e k, Ax m auit, Lueger bis zu Pat t a i, sie alle haben sich bereits f ü r den Ausgleich eingeschworen. Die Abstimmungskvmödie über den Ausgleich wird wohl der beste Beweis sein, für das paradoxe und absurde Wesen des Antisemitismus und alles dessen, was drum und dran hängt. Wie lange er dessenungeachtet noch sein Unwesen treiben wird, dies zu bestimmen wäre im Reiche der Unwahrscheinlichkeiten ein Ding der Unmöglichkeit. Verein „Adatz Jisroel" (Schiff-Sy nagoge). Wir beehren uns, anzuzeigen, daß die Prüfung an unserer P rim a - Religio ns sch ule Sonntag den 5. April im Schullokale II., Negerlegasse 2, stattfindet. Beginn 9 Uhr vormittags. Gäste willkommen. Der Vorstand. Der Banernfeld-Preis. Minister für Kultus und Unterricht Dr. Ritter v. Härtel beantwortete die Interpellation der Abgeordneten Dr. Pattai und Genossen, betreffend die Zuweisung eines Preises von 2000 Kronen aus der Bauernfeld- Stiftung an den Literaten Dr. Arthur Schnitzler in folgender Weise: „Die Interpellanten scheinen von der Voraussetzung auszugehen, daß ich als Unterrichtsminister Mitglied des betreffenden Kuratoriums, und als solcher für die Beschlüsse desselben verantwortlich sei. Dem gegenüber beehre ich mich zu konstatieren, daß ich nicht etwa als Uuterrichtsminister in das Kuratorium dieser Stiftung berufen wurde, sondern aus Grund des Stiftungsbriefes vom 13. Jänner i894 demselben angehöre. Obwohl ich mich demnach nicht verpflichtet fühle, für meine Handlungen als Privatmann Rechenschaft zu geben, so stehe ich doch nicht an, zuzugestehen, daß unter meiner Teilnahme Gerechte und Sünder, Christen und Inden, Ausländer und Inländer durch Ehrengaben und Preise ausgezeichnet wurden, indem nach dem Wortlaute und dem Geiste des Stifcbriefes hierbei nicht der Taufschein, sondern literarische Leistungen maßgebend waren. Allerdings wäre es dem Kuratorium leichter, feine undankbare Aufgabe zu erfüllen, wenn einzig und a l l e i n oder vorwiegend der Taufschein oder die Stammesangehörigkeit seine Entscheidung bestimmen könnte. (!) Gegen den Vorwurf aber, Literaten mißliebigen (!) Ursprungs vor anderen zu begünstigen, kann das Kuratorium die Tatsache schützen, daß den fünf in der Interpellation namhaft gemachten Dichtern 19 christlicher Konfession mit dem Betrage von mehr als 30.000 Kronen gegenübergestellt werden könnten. (!) Je schwieriger es ist, in Sachen der Kunst unfehlbar zu urteilen, desto dankbarer werde ich sein, auf Künstler aufmerksam gemacht zu werden, deren Werke einen unbestreitbaren Vorzug vor anderen verdienen. Parteipolitische Rücksichten aber, welcher Art iminer, wird die Kommission von sich fernhalten müssen, wenn sie im Sinne des Stifters weiter wirken soll." Wenn man zwischen den Zeilen zu lesen versteht, so sieht man klar, daß Seine Exzellenz im zweiten Teile seiner Antwort die Hand der Christlich-Sozialen, die erJm ersten sanft zurückwies, liebevoll ergreift. Er bedauert es, eine undankbare Aufgabe zu erfüllen; es wäre ihm lieber, wenn einzig und allein oder vorwiegend der Taufschein oder die Stammesangehörigkeit die Entscheidung bestimmen könnte. Er schützt das Kuratorium gegen den Vorwurf Literaten „mißliebigen Ursprungs" zu begünstigen. Schau, schau; also jüdische Abstammung ist in den Augen Sr. Exzellenz gleichbedeutend mit mißliebigem Ursprung, Selbstverständlich ist die „N. F. P." mit der Antwort Härtels sehr znfrieden. Man hätte es verstanden, wenn Härtel die Interpellation Pattais keiner Antwort für würdig befunden hätte; aber wenn er antwortete, mußte er der Partei des „Dummen Kerl von Wien" eine energische Abfertigung verabreichen. Diese ist nicht erfolgt. Bndweis. (2 ch windet m i t d e in B l u t m ä r ch c n.) In welchem Maße die Bevölkerung antisemitisch verhetzt ist, zeigt folgender Vorfall: In dein bei dem Orte Cemelitz gelegenen Dorfe Smetanova-Lhota (Bezirk Pisek) vermißte dieser Tage ein Bauer seine 18jährige Tochter. Es fanden sich Leute, ivelche gesehen haben wollten, dag das Mädchen in das Haus des Kaufmannes Wilhelm Fantl in Cemelitz geschleppt worden sei, kurz darauf hätten sich viele Juden aus der Umgebung dort eingefunden und Fantl habe sich auf den Bahnhof begeben, wahrscheinlich um mit dem Blute des Mädchens nach Wien zu fahren. Dieses Gerede verursachte in der Gegend große Aufregung. Ain folgenden Abende versainmelte sich vor dein Hanse eine große Menschenmenge, welche drohende Rufe gegen die Juden ansstieß u>id die Herausgabe der „Leiche" des abgeschlachteten Mädchens verlangte. Im Hause war nur die Frau Wilhelm Fantls mit ihren Kindern anwesend, und weigerte sich begreiflicherweise, das Tor zu öffnen. Dein einzigen im Orte anwesenden Gendarmen gelang es, die Menge zu zerstreuen, doch stellte dieselbe Wachposten auf, ivelche die Nacht über das Haus beobachteten, damit die Leiche nicht beseitigt werden könne. Am darauffolgenden Morgen tmtrbe die Menge in das Hans eingelassen und durchsuchte es, ohne etwas Verdächtiges zu finden. Kicrz darauf erschien das Mädchen ivieder im Dorfe. Es gab an, daß es eine Wallfahrt nach dem heiligen Berge gemacht habe. Herr Fantl hat den Advokaten Dr. 'Ludwig B u l i a t y in Biidiveis damit betraut, gegen die Urheber der gegeii ihn veranstalteten Hetze die gerichtlichen Schritte einznleiten. Brünn. („I ü d. a k a d. Rede- und L e s e h a l l e".) Das Ergebnis der am 24. März abgehaltenen Wahlen des Ausschusses für das Sommersemester ist folgendes: Präses: oanck. zur. Alois L ampl, Vizepräses: eanck. ehern. Rudolf Schreiber, I. Schriftführer: stuck.jur. Leopold Lampl, II. Schriftführer, stud. ehern. Ernst Buch >valder. Kassier: stuck, ing. Ernst Deutsch, Zeitungswart: stuck, ehern. Josef Schwarzbart. Todesfall. Ans Budapest wird uns geschrieben: Der allgemein beliebte Dr. Sigmund G o n d a, Religionsprofessor, Mitglied des hauptstädtischen Schnlstuhles, Mitarbeiter von mehreren jüdischen Zeitschriften, wurde nach kurzem Leiden im 32. Lebensjahre am (4. März zur ewigen Ruhe bestattet. Das imposante Leichenbegängnis bekundete die Verdienste des teuren Verblichenen. Eine würdige Trauerfeier widmete die Gemeinde ihrem verdienstvollen Religionsprofessor; der ganze israelitische Vorstand und sämtliche Herren Rabbiner waren im Trauerhause erschienen, allwo Herr Oberkantor Lüzärus samt Chor die wehmütigen Trauerlieder absangen; sodann stieg auf die Trauerestrade Herr Rabbiner Dr. Weiß bürg, »verabschiedete in warmen Worten seinen einstmaligen Kollegen. Dem Trauerzuge schloffen sich an: das Gymnasium des VIII. Bezirkes, die Ober- Handelsschule des IX. Bezirkes, die Bürgerschule des VII. Bezirkes, die Herren Direktoren dieser Schulen Dr. Demkö Külmün, F i l l i n g e r Käroly, L ü d Käroly. Sämtliche Herren Professoren und Schüler ohne Glaubensunterschiöd bildeten ein Spalier zu beiden Seiten des Trauerzuges. In der Tranerhalle sprach in rührender Weise Rabbiner Dr. Fönyes Mür, B ü r s o n y Jstvün. Beim offenen Grabe widmeten Rabbiner Dr. Weisz Mür, Sag Hy Gyula und Helfer Ede ihm einen warmen Nachruf, seine Verdienste hervorhebend. Die größte Hochachtung bekundeten die Schüler im Einverständnisse des Herrn Direktor Dr. D e in k 6 Kulmün, daß sie ein Dr. Sigmmw Gonda-Legat stifteten, dessen Erträgnis jährlich an arme jüdische Schüler verteilt werden wird. Die israelitische Kultusgemeinde wird einen Trauer-Gottesdienst abhalten. Ein Interview Mit Arthur Schnitzler. Einem Mitarbeiter der „Zeit" teilt Arthur Schnitzler folgendes mit: „Lebendige Stunden" haben im Berliner Deutschen Theater einen sehr starken Erfolg gehabt, der anch von der ganzen Berliner Presse konstatiert wurde. Selbst die dortigen autisomi tischen Zeitungen haben sich anerkennend über die. vier Einakter ausgesprochen. „Lebendige Stunden" sind in Berlin etwa vierzigmal und vom Deutschen Theater