Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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H Nr. 13 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. März 1903 Seite 5 Wien. (P rogra m nt d e r „Iü d i s ch c n T o y n- Lee-Hall c", 20. Bez., Karajangasfe 20. Drittes Vereinsjahr.) Samstag den 29. März: Dv. Martin Engländer „Die hauptsächlichsten Krankheiten der jüdischen Nasse". Montag den 30. März: Dr. Fern sa l e nt „Oesterreichisches Staatsrecht". Dienstag den 31. März: Prof.Dr. Leon K e l l n e r „Der Slturm" von Shakespeare. Am 31. März schließt die Vortragssaismt der „Jüdischen Toynbee^-Halle". .Nach dent Passah-Feste beginnen die Uitterrichtsknrse. Näheres wird noch verlautbart. Eine Feier in der Toynbee-Halle. Herr Sldolf Steinschneider, welcher seit dem Bestehen dieses Institutes ein treuer Anhänger desselben war und in den drei Jahren bei 20 Vorträge abgehalten hat, welche stets Beifall fanden, beging am 19. März seinen 80. Geburtstag und die Toynbee-Halle feierte denselben in solenner Weise. Beim Eintreten des Jubilars erschollen Hochrufe und alle Hände streckten sich ihm glückwünschend entgegen. Nun kamen alle Vorstandsmitglieder mit dem Präsidenten Herrn Professor Leon Kellner an der Spitze und beglückwünschten ihn. Dann hielt Herr Primararzt Dr. P o l l a keine Ansprache und rühmte sein makelloses langes Leben. Herr msä. Dr. Sigmund Werner hob seine literarisch-belletristischen Leistungen hervor. Herr. «J. U. Dr. Kah n nannte ihn einen Talmud - Chochom und pries seinen idealen Sinn sowie seine Rüstigkeit und Geistesfrische, die nur einem Zadik zuteil werde. Herr Dr. A. Schwarz, Rektor des theologischen Seminars, der persönlich zu erscheinen verhindert war, sendete ein Glückwunsch-Telegramm. Zuletzt hielt Frau Dr. Kahn eine zündende Ansprache und überreichte ihm im Namen des Damen- Komitees eine Flasche Palästinawein vom Berge Karmel. Der Einzelverein „Wien" des „Zion" hält Montag den 30. März präzise 8 Uhr abends im Cafe Augartenbrücke, 2. Bez., Obere Angartenstraße 47, eine Vereinsbersammlnng ab. Referent Dr. Heinrich Cohn. Das Thema wird rechtzeitig bekanntgegeben werden. Mädchen- und Frauen-Verein „Bikur-Chaulim". Sonntag den 22. März hielt Herr Dr. Sigm. Werner im Schulsaale der isr. Kultusgemeinde einen Vortrag über „Die Frauen und die Krankenpflege". Der Redner beklagte es, daß im Gegensätze zu Deutschland,!vo aus den besseren bürgerlichen Kreisen — sowohl christlichen wie jüdischen — tausende junge Mädchen sich dem Berufe der Krankenpflege widmen, wir in Oesterreich in dieser Beziehung noch sehr weit zurück sind. Herr Dr. Wjcrner erwähnte, wie schon im grauen Altertum bei den Griechen und Röincrn die organisierte Krankenpflege bekannt war und geübt wurde, daß aber merkwürdigeriveise bei den Juden solches nicht der Fall gewesen sei, wenigstens ist nichts bekannt, was darauf — von einzelnen Fällen abgesehen — hindeutet. Der Vortragende kam dann auf die Bemühungen der Frau Dr. Henriette Weiß zu sprechen, die endlich die Erlaubnis erhalten, eine jüdische Pflegerinnenschule zu gründen, und wäre es zu wünschen, daß namentlich aus besseren bürgerlichen .Kreisen sich Aspirantinnen fänden. Es darf nicht vergessen werden, daß in Oesterreich, von den größeren Krankenanstalten abgesehen, die Krankenpflege sich heute im Gegensätze zu Deutschland fast ausschließlich in Händen geistlicher Bruderschaften und Stammklöster befinden. Zu welchen Unzuträglichkeiten dieses oft führt, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Durch die in den Vortrag eingestrcuten Details gestaltete sich derselbe zu einem hochinteressauteu und wurde der Redner am Schlüsse mit rauschendem Beifall der zahlreich Er fchienenen belohnt. B. Kaufmänuischev Unterstützungs - Verein „Osten', Wien, II. Herminengasse Nr. 16. Am 28. März 1903 7'/z Uhr abends, findet im Saale des Restaurant Guth, II., Stefaniestraße 14, die XXVI. ordentliche Generalversammlung des Kaufmännischen Unterstützungs - Vereines „Osten" statt. Tagesordnung : 1. Erstattung des Verwaltungs- und Rechenschaftsberichtes des Jahres 1902 und des Berichtes der Revisoren. — Erteilung des Ak>- solutoriums an das Komitee. 2. Wahl von 16 Komitee-Mitgliedern, ferner 3 Kassa«Revisoren und 3 Schiedsrichtern. (§ 15.) 3. Eventuelle Anträge und Interpellationen seitens der Vcreinsmitglieder (§ 13.) Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien. Am 11. d. M. fand die konstituierende Versammlung der „Ortsgruppe Smichow" bei Prag statt. In den Vorstand wurden gewählt: zum Obmanne Herr Richard Pesch ek, zum Obmann-Stellvertreter Herr Albert' Heller, zum Schriftführer Herr Gustav Fuchs, zum Schriftführer - Stellvertreter Herr Richard Kapper, zum Kassier Herr Ludwig Elisak, zum Kassier-Stellvertreter Herr M. S t e f a n s k y. Die „Ortsgruppe Smichow" ist die 40. Ortsgruppe des Hilfsvereines. Ein sehr nachahmenswertes Beispiel haben die beiden Ortsgruppen B i e l i tz und T r o p p a u gegeben, indem sie zugunsten des Hilfsvereines Unterhaltungsabende veranstalteten. Die „Ortsgruppe Bielitz" hat einen Reinertrag von 280 Kronen, die „Ortsgruppe Tr op p au" einen solchen von 650 Kronen an den Hilfsverein abführen können. Vielen Erwerbslosen kann der Hilfsverein durch einen so ansehnlichen Beitrag zu einem dauernden Arbeitseinkommen verhelfen. Die Einwohuerzahl von Krakau betrug im Jahre 1902 94 982 Personen, davon 26 737 Juden, oder 28.15 Perzent. Die Zahl der Sterbefülle betrag 3801, davon Juden 931 oder 18 Perzent. Heiraten fanden statt 855, davon jüdische 228, oder 26.66 Perzent, endlich Geburten. 2902, davon Inden 522 oder 28.2 Perzent. Die Schlußfolgerung ist deutlich zu ersehen. Lemberg. Im eigenen Heim der I. galizisch-jüdischen Volksküche hat die XVIII. Generalversammlung unter Vorsitz des kaiserlichen Rates Bankier Herrn Jakob Stroh stattgefunden. Aus dem vom Präsidenten Herrn Jokob Stroh vorgelegten Rechenschaftsberichte ist ersichtlich, daß im Jahre 1902 mit täglicher Mittagskost 16.769 Personen ohne Unterschied der Konfession und 9094 israelitische arme Studenten der Gymnasial- Schulen — latere graiis -• bespeist morden sind. Dieser für die Lemberger Armen so wohltätigen Anstalt wurden an Subventionen pro 1902 von Seite der Mitglieder Kr. 1028, an Spenden Kr. 200, vom hiesigen Gemeinderate Kr. 600, vom hiesigen israelitischen Kultusvorstande Kr. 300, von der Gräfin Nizabotowska Kr. 300, Stiftungssonds für die israelitische Küche, Zinsen von Kr. 6000, Kr. 300, zuteil. Die Generalversammlung erteilte dem abtretenden Anschüsse, mit besonderem Danke an den Präsidenten kaiserlichen Rat Jakob Stroh, wi« auch an den Administrator Herrn Elias Stroh und dessen Gemahlin Fanny Stroh für deren besondere Tätigkeit das Absolutorinm und wählte Herrn Jakob Stroh als Vorsitzenden, Salomon B uber Vorsitzenden- Stellvertreter und Julius H v ch f e l d als Schriftführer und in den Ausschuß die Herren Bauer H e i n r i ch, Rabbiner und Prediger Dr. Caro, Dr. Wilhelm Holzer, David Ma fehler, Leon R o s e n s e l d, Dr. Max S o k a l, Elias S t r o h, Moritz Sprecher, Viktor C h a j e § und als Ersatzmänner die Herren Hermann Jm erdauer und Lewy Lud merer. Die Generalversammlung hat beschlossen, pro 1903 den Preis für halbe Portionen auf 8 Heller, somit um 2 Heller zu ermäßigen, wodurch den Arbeitern eine Wohltat erzeugt wurde. Der Rechenschaftsbericht schließt mit einem Saldo pro 1903 per Kr. 732-35, an Staatspapieren 4% Rente Kr. 8400, und in einem Legate per Kr. 1700. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß diese ans eigenen Füßen stehende, für die Arbeiter so nützliche, wohltätige Anstalt, wie aus dem seinerzeit vom Verein „Schomer Israel" redigierten Blatte „Der Israelit" 15. Jänyer (1875) erschienenen Artikel hervorgeht, von dem PilanthropHi Julius H o ch f e l d, der sich nie um Ehrenftellen bewirbt, gegründet wurde. Dr. Samuelsohn. Die Chazare«. Aus Budapest wird uns geschrieben Im Theresienstädter Geselligkeitsklu hielt jüngst Redakteur Max S z a b o l c f i einen Vortrag über die Chazaren. Dieser Volksstamm, welcher an der ungarischen Landnahme in hervrrragender Weise be teiligt war und den übrigen Stämmen der Magyaren im Kriege stets voranging, bildete an den Gestaden des Kaspischen und Schwarzen Meeres ein Reich, welches von 600—1016 unserer Zeitrechnung bestand. Die Chazaren bekannten sich zum jüdischen Glauben. Einen Teil dieses Volkes bildeten auch jene Chazaren, die noch vor der Landnahme in Ungarn hausten und von Men-Mar 6 regiert wurden, dessen Tochter die Gattin des Sohnes und Nachfolgers Arpäd's, Zsolt wurde. Die Könige des Arpudenhauses stammen somit mütterlicherseits von den Chazaren ab. — Der Vortrag wurde beifällig auf genommen. Dann folgte eine animierte Tanzunterhaltung Ein Wort zur Delitzsch-Frage. Die Katze kann das Mausen nicht lassen. AlsDr. Fr. Delitzsch am 12. Jänner l. I seinen alten Brei wieder aufwärmte und die Behauptung wiederholte, daß der Pentateuch ein Produkt des babylonischen Exils ist, da habe ich anderwärts schon die Unhaltbarkeit dieser Behauptung gründlich nachgewiesen. Es fällt mir durchaus nicht ein, nochmals auf diesen Gegenstand zurückzukommen, nur den sehr kurzen Schluß meiner Widerlegung will ich hier rekapi tulieren. Dieser lautete: Alle positiven Religionen basieren au ' dem Glauben der göttlichen Offenbarung, wenn Dr. Delitzsch diese nicht anerkennt, so fällt seinen Glaubensgenossen die Auf gäbe zu, mit ihm fertig zu werden, denn nach seinem Stand punkte darf die protestantische Religion keinen Anspruch mehr machen, eine positive Religion genannt zu werden. Ich erwähne den Schluß meiner früheren Widerlegung, weil ich mit eben denselben Argumenten seine allerjüngste Enunziation zurückweisen werde. Dem Dr. D el itz sch gefallen die Mitteilungen nicht, die der göttliche Prophet Jesaias über Edom, Moab, Assur und Babel verkündete, denn sie involvieren den Menschenhaß Wer die Verhältnisse Israels aus dieser Zeit kennt und de» ge schichtlichen Zusammenhang sich vor Augen hält, weiß, das Israel um diese Zeit mit diesen Völkern in Krieg verwickelt war. Die kriegführenden Völker, sowohl im Altertum als in der Gegenwart, sind bestrebt, an den nationalen Gedanken seines eigenen Volkes zu appellieren. Daß man daher in einer solchen Zeit, an das Band der Liebe, das die Völker umschließen soll, nicht denkt und auch nicht erwähnt wissen will, beweisen die Kriege aller Zeiten. Nun zur Sache! Wie bekannt, baut das Christen tum das ganze Gebäude seine Kirche und die Berechtigung seines Daseins eben auf dieser Propheten, auf das Kapitel 53. Wie kann die sich Religion der Liebe nennende Kirche auf die Aussage eines Propheten sich stützen, der den Haß verkündete? So mögen denn die protestantischen Theologen mit ihm den Streit begleichen Wir Juden wollen an diesem Kampfe nicht teilnehmen, weil nach unserer traditionellen Ueberlieferung die Worte ves Propheten eine göttliche Verheißung waren. Wollte ich mich in eine Polemik einlaffen, so könnte ich eine Blumenlese aus den Evan gelien zusammenstellen, die das Gegenteil der Behauptung von „der Religion der Liebe" beweisen würden. Halten wir uns bloß vor Augen die Stelle in Matthä (Kap. 10, B. 34, 35, 36.) dort wird der Kampf gegen die Gesellschaft und gegen die Familie verkündet. Allein der wahre Menschenfreund ist von der gött lichen Liebe durchdrungen und beurteilt solche Expektorationen als historische Reminiszenzen. —k. Budapest. Die Tatsache steht fest, daß die Assimilation dem Judentum stets sehr tiefe Wunden geschlagen hat. Alle Propheten wetteiferten gegen dieselbe, die Sofrim, die Tanaim, die Amo raim, die Gaonim, die Rabbiner und alle, denen der Bestand des Judentums am Herzen lag, kämpften gegen dieselben. Auf diesem Gebiete gibt es lichte und" dunkle Perioden, die in unseren Ge schichtsbüchern ausgezeichnet sind. In Ungarn wird seit einem halben Jahrhundert von den Feinden des Judentums die Assi milation in allen Tonarten gepredigt nnd der Chauvinismus der Magyaren leistete ihrem Vorhaben nur Vorschub. In manchen Kreisen beginnt man zwar den Nachteil der Affimilation einzu sehen, viele Seichtköpfe planen Projekte, um den Zerfall deS Judentums auszuhalten, allein töricht ist ihr Unternehmen, weil das Judentum einzig und allein die nationale Einheit und das Festhalten an der historischen Tradition zu erhalten imstande ist In den Augen der modernen Prediger ist das „Tateland" ihr Gott, die „M a m m e s p r a ch e" die Religion und das Judentum wird als eine Geschäftssache behandelt, denn nach ihrer Auffassung ist die Religion, wie G o e t h e im Prolog zum „Faust" sagt, ein Werk der Menschen. Dieser Geist beherrscht die Prediger und Lehrer, die im Seminar in Budapest ausgebildet wurden. Ich will meine Behauptung mit einem eklatanten Beweis begründen. Am vergangenen Sabbat am 14. d. Mts. hatte ein hiesiger Jude vor dem Gerichte zu erscheinen, derselbe wurde von einem Schüler des hiesigen Seminars Dr. R a v p a Port, der als Religionslehrer bei der neologen Gemeinde angestellt ist, wegen Verleumdung angeklagt. Ich will mich in die schmutzige Affaire, wie sie entstanden ist, nicht einlassen, genug damit, der Lehrer sah sich genötigt, um seine Reputation teilweise zu wahren, beim Gerichte Zuflucht zu nehmen. Der klagte, Herr Karl D eutsch, ein gläubiger Jude, war durch einen Advokaten vertreten, der den Richter bat, die Verhandlung zu vertagen mit der Motivierung, weil sein Klient zu der heutigen Tagsatzung wegen des Sabbats nicht erscheinen kann. Der Kläger Dr. Nappaport, der vom hiesigen Seminar mit dem Nabbinerdiplome entlassen wurde, dessen Vater in Erdö Benje als Schächter angestellt ist, den „Ehasid" spielt, bestand darauf, daß die Gerichtsverhandlung durchgeführt werden soll. Der Vorsitzende Richter, der in dem Vorgehen des Religionslehrers eine Vexation sah — hat dieses Verlangen abgewiesen und die Verhandlung vertagt. Solche Religionslehrer können wahrlich der Jugend keine Liebe zur Religion beibringen. —1c. Der Erste Zionistentng in Czernowitr fand Sonntag den 22. d. M. im Nathanssaale statt und hatten sich zu demselben 65 Delegierte der Vereine Ostgaliziens und der Bukowina eüigefuiiden. Der Verlauf der Debatten >var ein ernster. Nach der Begrüßung durch den Obmauu Großgrundbesitzer Herrn Weißglas erfolgte die Wahl des Bureaus in folgender Weise: Zum Vorsitzenden. wurde Herr S. Weißglas (Zastawua), zu Stellvertretern die Herren Isidor Schäfer (Sadagora), Dr. Geller (Kolomea), Ndolf Lippa (Storozlmetz) und zu Schriftführerin die Herren caud. jur. S. Kassner l senior der atad. Verbindung „Hasmouaea") und caud. jur. Kaimer (Präses derVerbiuduug„Var.Kochba"", Stauislau) gewählt. Nach Feststellung der Geschäftsordnung entwickelte Dr. Menezel in großen Zügen das Programm der Bewegung und beantragte folgende Resolution: „DerDelegiertentag stimmt den in deumProgramme aller österreichischeil Parteitage enthaltenen Punkten vollständig bei," wozu stud. phil. Balakan (Zephira) den Zusatzantrag: «Die Zionist e n der Bukowina u u d Ostgaltziens b e r t r e t e n eine jüdisch-demokratische Realpoliti k", beantragte. Nachdem Dr. Mayer Ebner für letzteren Antrag in warmen Worten eiugetreteii, da er seit Jahrein den Standpunkt der Realpolitik vertritt, erfolgte die Abstimmung, woinach die erste Resolution aiigennommeu erschien, lieber „Organisation" referierte ebenfalls Dr. Meuczel und kommentierte das am 2. österreichischen Ziouisteutage festgesetzte Orgauisntiousstatut. Der Referent beantragte schließlich auf Grund des bestehenden Programmcs die Konstituierung des Distriktskomitees vorzunehmcn, was nach längerer Debatte, au der viele Redner sich beteiligten, angenommen wurde, lieber „Agitation und Presse" referierte stud. phil. Klüger .(Hasmouaca) in genauer, überaus sachlicher Weise uind beaintragte: 1. Eiine genaue Einteilung der Agitatioiiskräfte von der Zentrale aus; 2. Verbreitung von Flugschriften; 3. Gründung jüdischer Frauen- und Mädcheuvereine; 4. Schaffung eines zionistischen Organs und schließlich die darauf bezugnehmenden Punkte des Entwurfes des 2. österreichischen Parteitages, wie auch genaue Regelung des jüdischen Religionsunterrichtes. Dazu wurde nnoch der Zusatzautrag gestellt: Eine periodisch erscheiueinde Druckschrift als unentgeltliches Agitationsblatt ins Leben zu rufen. Die Anträge des Referenten würden angenommen. Nachdem noch Herr Weißglas über. wirtschaftliche Fragen referiert und hierbei die Gründung von registrierten Geuosscuschafteu mit beschränkter Haftung angeregt, wurde zur Wahl des Distriktskomitecs geschritten und erscheinen als geivählt die Herren: Dr.Bierer (Nadautz), Langer (Suczawa), Weißglas (Zastawna), Schäfer (Sadagora), Holdengräber, Gottesmann (Bojcm), Lippa (Storozynetz), Dr. Menczel (Czernowitz), caud. jur. Kaßner („Hasmouaea"). Der Delegiertentag schloß um 11 Uhr nachts. Ans der Olmützer Gemeinde. Unser Herr Kultus- Präses Dr. Jakob Eben gibt keine Ruhe! Er zwingt den friedlichsten Korrespondenten beständig, zu seinem Wirken Stellung zu nehmen. — Ueber Betreiben der bösen Zionisten hat unser Kultus-Ausschuß im Vorjahre eine Gemeinde - Bibliothek errichtet und aus seiner Mitte ein eigenes Bibliotheks - Komitee erwählt. Dieses beschloß, damit die Bibliothek populär werde, Referate über neuerschienene Bücher und überhaupt Vorträge über jüdische Themata halten zu lassen. Herr Rabbiner Dr. Oppenheim erbot sich in uneigennützigster Weise, den Anfang zu machen, und so wurde Ort, Stunde und Gegenstand des Vortrages: »Die Gründer der jüdischen Wissenschaften" ordnungsmäßig im „Mährischen Tagblatt" publiziert und die jüdische Bevölkerung geziemend geladen. Leider, leider hatte das Komitee nicht darauf Rücksicht genommen, daß auf den gleichen Abend die Tombola des (nichtjüdischen) Franen-Wohltätigkeitsvereines fiel, in dessen Ausschuß die Frau Kultus- Präses sitzt. Ihr Herr Gemahl ergrimmte darob nnd entsandte den Tempeldiener zum Rabbi und tat ihm also kund: „Wenn ich, der Kultus-Präses, bis 4 Uhr nicht eine persönliche Einladung zum jüdischen Vortrage erhalte, werd e ich den Gemeinde- Sitzungssaal (wo der Vortrag stattfinden sollte) sperren." Als der Rabbiner das komische Anfinnen, höchstselbst zu dem von der Gemeinde veranstalteten Vortrage den Gemeinde-Vorsteher zu laden, selbstverständlich ablehnte, lieferte Dr. Eben die Saalschlüssel wohl aus, ging aber — im Besitze des gesuchten Vilbels — nicht zum jüdischen Vortrag, sondern zur allgemein menschlichen Tombola. Dies tat indes dem glänzenden und in nationalem Geiste gehaltenen Bortrage Dr. Oppenheim's keinen Abbruch, wie der ausgezeichnete Besuch, der laute Beifall und die Dankrede des Herrn Kammerrates Brreß bewiesen. — Noch etwas hat unser Herr Kultus-Präses neu am Kerbholz. Das hiesige „Deutsche Kasino" ist, obgleich dort alle erdenklichen antisemitischen und obgleich dort keine jüdischen Blätter aufliegen, bis auf die Knochen verjudet. Kein Wunder, daß die hiesigen Deutschnationalen die Emanzipation vom „Kasino" anstreben. Die Jugendbund-Gruppe „Theodor Körner" des sattsam bekannten antisemitischen „Bundes der Deutschen Nordmährens" leitete eine Sammlung zur Errichtung einer wahrhaft „Deutschen Lesehalle" ein und einer der ersten, die solch löbliche- Beginnen durch ihren nationalen Opfersinn förderten, war wieder unser wackerer Kultus-Präses Herr Dr. Jakob Eben. Diese Spende reiht sich würdig jener anderen an, die vor zwei Jahren aus Kultusgemeinde - Geldern dem Neugaßler Kindergarten desselben „Nordmährerbundes" dediziert wurde. Aber die deutschen Mitbürger sind für solch kleine Liebenswürdigkeiten wenigstens erkenntlich. Nachdem sich der Olmützer „liberale" deutsche Turnverein vor Monatsfrist mit dem antisemitisch-völkischen Konkurrenzverein „Jahn" fusioniert hatte, ist nun in der letzten ordentlichen General-Versammlung ein weiterer Schritt zur Judenreinheit getan worden. Es ward nämlich beschlosien, daß künftig nicht mehr der Turnrat über die Aufnahme nener Turngenoffen entscheide, sondern die gesamte Turnerschaft in geheimer Abstimmung. Bei so geteilter Verantwortlichkeit wird sich die Ablehnung turnlüsterner Hebräer gefahr- und schmerzlos durchführen lassen. Aber im übrigen ’inb die Olmützer Juden mit ihrem Geschicke höchst zufrieden. „Man ist deutsch und damit gut!" Ausland. Die rumänische Judenfrage im dentscheu Parlamente- Abgeordneter B e r n st e i n (Sozialist) hielt vorige Woche eine aufsehenerregende Rede, in deren Verlauf er nach Schilderung der armenischen Greuel auf Rumänien zu sprechen kam. Noch ein anderer Volksstamm, fährt Redner fort, leidet unsäglich entgegen den Beschlüssen des Berliner Vertrages, und das sind die rumänischen Juden. Die Gleichberechtigung der Religionen ist im Berliner Vertrage ausdrücklich, und zwar gerade im Hinblick auf die rumänischen Juden ausgesprochen worden. Rumänien verdankt seine Existenz der Hilfe der europäi- 'chsn Staaten, in denen damals noch der liberale Gedanke mächtig war. Als Preis für diese Hilfe wurde eine humane Behandlung der jüdischen Bevölkerung von Rumänien verlangt. Aber die rumänischen Staatsmänner haben ihr Versprechen noch chlechter gehalten als die Türkei, und zwar nicht aus Unfähigkeit, sondern aus bösem Willen. Ein schmählicher Wortbruck) wird täglich begangen, und mit unerhörter Grausamkeit werden die Juden dort behandelt. Unter den 6 Millionen Rumänen befinden ich 370.000 Juden, in der Mehrzahl echte Proletarier, Arbeiter nnd Handwerker. Gegen sie richtet sich eine Politik der Aushungerung,, wie sie ein rumänischer Staatsmann selbst genannt