Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. März 1903 Nr. 13 nreinde einen sehr günstigen Einfluß auf die geistige Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Samaras ausüben. In der General« Versammlung der Gemeinde wurden 1800 Rubel für eine Schule oder einen Muster-Cheder bestimmt. Auch mit dem Bau einer Synagoge wurde bereits begonnen. * Petrozawodsk. Hier wurde endlich, nachdem Juden seit 50 Jahren in Petrozawodsk ansässig sind, ein Staatsrabbiner gewählt und von der Behörde in seinem Amte bestätigt. Zum Rabbiner wurde der Kaufmann G. Katz, welcher einige Mittelschulklassen gemacht hat, ernannt. Herr Katz hat alle Rabbinatspflichten unentgeltlich übernommen und die für seine Funktionen chm zufließenden Gelder werden der jüdischen Gemeindekafla zugeführt werden. Am 2./15. Februar hat in Petersburg in einem Privathause ein literarisch-musikalischer Abend stattgefunden, dessen ganzes Programm in hebräischer Sprache durchgeführt wurde. Es ist der erste Abend in diesem Genre in Petersburg. Dr. L. I. Katzenelson las sein bekanntes Märchen: „Die Beerdigung von Schriftstellerseelen", D. F r i s ch m a n seine Phantasie „Zwei Helden", „Für Messias" u. a., Herr Neifach die Erzählung „Der reiche Onkel" von Spektor, Herr Bobkow trug Gedichte von Bialik vor. Eine erfreuliche Novität bot der Vortrag des in Musik im national-jüdischen Stil übertragenen berühmten Gedichtes von Jehuda Halevy „In Jerusalem". Herr H u srn an n, ein tüchtiger Kenner der hebräischen Sprache, welcher die Musik komponiert hat, sang mit mächtiger, sympathischer Stimme außer diesem Liede noch den „Elias" von Mendelssohn, den „Asra" von Heine und den „Wanderer" von Schubert in ausgezeichneter von ihm selbst gemachter Nebersetzung ins Hebräische. Das Entzücken des Publikums rief der zehnjährige Geiger E l l m a n n, ein Schüler Auers, hervor. Er spielte mit erstaunlicher Meisterschaft mehrere sehr schwierige Stücke, darunter auch die Mazurka und das Konzert von Wieniawsky. An den Wänden des Saales hiengen Plakate, welche das Publikum aufforderten, nur hebräisch zu sprechen, und in den Zwischenpausen konnte man ein lebhaftes Gespräch in der neubelebten Sprache der Propheten hören. * Vor kurzem wurden mit Zustimmung des Kiewers General-Gouverneurs in Berdytschew 16 Bethäuser geschlossen, weil nach der Ansicht der städtischen Verwaltung die Zahl der Bethäuser in Berdytschew in keinem Verhältnis zur jüdischen Einwohnerzahl steht. Das an den Senat gerichtete, von den Besuchern der betreffenden Bethäuser unterfertigte Gesuch wurde Höherenorts — abgewiesen. * Eine interessante Tatsache liefert der in dem „Regierungsboten" vom Minister des Innern veröffentlichte Bericht über die Resultate des Aufrufes zur Wehrpflichl vom Jahre 1902. Es ergibt sich aus den offiziellen Zahlen des Berichtes, daßnicht nurverhältnismäßig sehr viel 21jährige jüdische Männer in die Listen der zur Stellung berufenen eingetragen worden sind, sondern dass auch viel mehr Juden als Nichtjuden assentiert worden sind. Diese Ueberzahl der unrechtmäßig assentierten Juden beträgt laut dem Ergebnis des amtlichen Berichtes 4947 Mann. Da der Bericht außerdem noch bemerkt, dass 1691 Juden zu wenig assentiert worden sind, so ergibt sich daraus, dass von den russischen Juden im Jahre 1902 um 6638 Mann zuviel verlangt worden sind. Die jüdische Bevölkerung, welche ein Mehr von 4947 Mann gestellt hat, ist nicht imstande, die ganze verlangte Zahl an neuen Rekruten zu verschaffen, muß für die Fehlenden per Kopf 300 Rubel Strafe zahlen, was zusammengenommen zirka 507.300 Rubel ausmachen wird. Zahlen sprechen! Als Kanonenfutter sind die Juden noch immer gut genug! * Die in Port-Arthur erscheinende Zeitung „Nowy-Kraj" teilt mit, dass den Juden erlaubt worden :st, sich in der Stadt Daljnji anzusiedelu und dort Grund zu erwerben. Die Erlaubnis hängt von Fall zu Fall von dem Ermessen und der Resolution des Statthalters ab, welche er auf Grund eines vom Stadtoberhaupte von Daljnij befürworteten Gesuches erteilt. Der Verkauf von Grundstücken in Daljnij findet aus sehr einfache Weise ohne notariellen Akt durch die Ortsobrigkeit statt, welche dem Käufer einen Schein hierüber ausstellt. Dieser Schein hat, nach seiner Eintragung in das Grundbuch alle Rechte eines Kaufvertrages und es bedarf hiezu keinerlei Formalitäten. Hat ein Jude das Recht in Daljnij zu wohnen, so hat er gleichzeitig das Recht Grundstücke und Immobilien zu erwerben. Die Juden haben auch das Recht, ihre Grundstücke anderen Leuten zu verkaufen, doch unter der Bedingung, dass es nicht Juden sein sollen (außer solchen, welche das vollständige Rocht besitzen, dort zu wohnen). Ueber die Gründe dieser Erlaubnis sagt der „Nowy Kraj" folgendes: „Diese Maßregel ist augenscheinlich durch dieselben „kommerziellen" Gründe hervorgerufen worden, welche schon im achtzehnten Jahrhundert eine Rückkehr der Juden nach Rußland als wünschenswert erscheinen ließen und welche auch heutzutage ihre Bedeutung noch nicht verloren haben . .. ohne Juden kann man eben nirgends sein. Das scheint auch mit der Stadt Daljnij der Fall zu sein. 4. 6. („Buduschtschnostj".) Chronik. InLarrd. Gedenktage. März: 22. 1753 ft. in Amsterdam Dav. Jsr. Athias, hebr. Buchdrucker; 1791 ft. in Berlin Jos. Hirsch Natan, Meastef; 1833 st. in München Mich. Beer, Dichter. 1853 geb. zu Arad Js. Kaufmann, Maler. 23. 1147 fielen in den Nheinstädten am Pessachseste Märtyrer durch die Kreuzfahrer; 1552 st. in Basel Sebastian Münster, der hebr. Sprache und jüdische Werke bearbeitete; 1905 st. in'Hamburg Naphtali Herz Wessely. 1831 st. in Parma de Nossi, Bibliograph; 1841 st. zu München Jac. b. Hirsch; 186-1 st. in Worms Bambergcr, Rabbiner; 1880 ft. in Hannover Prof. Sal. Frensdorfs; 1887 st. in Berlin L. Landshuth (Amnde ha-Abodah); 1893 ft. in Emmersdorf Abg. Dr. Ad. Fischhoff. 21. 1048 ft. in Venedig Rabb. Leon Modena; 1832 st. in Mantua Albr. de Colonia, 1. Präsident eines jüdischen Konsistoriums; 1900 st. in Bielitz Sal. Joach. Halberstamm; 1902 st. in Wien Sälomon Mandelkern, Hebräist. 25. 1597 ft. in Venedig der Rabb. Sam. Jeh. Ketzenetlenbogeii; 1809 st. zu Wloczlaivek Louis Meyer („hinterl. deutsche Schr."). 26. 1481 wurden in Sevilla 17 Märtyrer verbrannt; 1882 ft. in Wien Leop. Feldmami, Dramatiker; 1900 st. in Cincinnati Rabb. Dr. I. M. Wise. 27. 1288 wurden in Troyes 13 Märtyrer verbrannt, Js. Catulrm und seine Faniilie; 1872 starb in Berlin Abg. Dr. Raph. Kosch; 1880 st. in Berlin Abg. Tr. Oppenheim. 28. 1038 st. der letzte Gaon N. Hai; 1829 ft. zuLffenbach a. M. Wolf Breidenbach; 1802 st. in Berlin Laz. Bettdavid, Mathematiker und Philosoph; 1901 ft. Prof. Dr. Mat Ring. 29. 1244 st. R. Meier Halevi Abutafia; 1714 st. in Venedig David Altaras, Grammatiker; 1834 ft. in Florenz Channnja Cohen, Grammatiker; 1853 st. in Mantua der Arzt Sam. Chai Delta Volta. 30. 1600 wurde in Konskantinopel bei einem Aufstaude der Sipahis Chiera Esther erschlagen; 1804 geb. 31t Hohenems Salomon Sulzer, Schöpfer des modernen Synagogen-Gcsanges; 1816 geb. zu Protznitz Prof. Mos. Steinschneider, Bibliograph; 1898 ft. in Ostrowo Rabb. Dr. E. Plessner. 31. 1283 bluteten Märtyrer in Mellrichstadt; 1880 st. in Hannover der Historiker Dr. M. Wiener. Eine Mädchenhnudlcr-Kompanie. Im Oktober 1901 wurde in der Grenzstation Pontafel der Agent Schulem Apter mit zwei Mädchen, für die er Karten nach Mailand gelöst hatte, augehalten rmd zur Polizei gebracht. Die Mädchen gaben au, Apter habe ihnen in Südamerika eine glänzende Stellung versprochen, sie sollten von Marseille dahin abreiscn. Die Polizei stellte bald fest, das; Apter ein Mädchenhändler sei, der in Gesellschaft seiner Brüder Chaim und David sowie eines vierten, unbekannten Mannes stellenlose Dienstmädchen unter glänzenden Versprechungen nach Amerika locke, um sie druck in verrufenen Häusern unterzubringen. Apter wurde nach seiner Verhaftung nach Wien gebracht und am 2. Jänner d. I. von einem Erkenntnissenat des hiesigen Landesgerichtes wegen Entführung zu sechs Monaten schweren Kerkers verurteilt. Die Mitschuldigen Apters konnten damals nicht ansgeforscht werden. Erst vor einigen Monaten gelang es, Chaim Apter hier festzunehmen, worauf er gleichfalls wegen Entfi'ihning nugeklagt wurde. Vor einigen Tagen fand gegen ihn vor einem Erkenntnissenate unter Vorsitz des Landesgerichtsrates Baron Drechsler die Verhandlung statt. Ter Gerichtshof erkannte Chaim Apter in einem Faktum der Anklage schuldig und verurteilte ihn zu einem Monat schweren Kerkers. Staatsmuvaltssubstitut R. v. Hauer meldete die Berufung au. Wien. („A llgemeiner jüdischer Arbeiterv e r e i n", II., Stefaniestraße 9.) Donnerstag den 2. April findet im Bereinslokale die Monatsverfammlung statt. Die Tagesordnung wird den Mitgliedern rechtzeitig bekanntgegeben werden. Wien. l„Allgemeiner jüdischer Arbeiterv e r e i n", II., Stefaniestraße 8). Samstag den 28. März wird in unserem Vereinslokale der Verfaffer des Buches „Jünglinge" Herr Michael Feuerstein eine Vorlesung aus eigenen Werken halten. Zu diesem Abend, der sich sehr iutereffant gestalten dürfte, werden die Kollegen und Kolleginnen, wie auch alle Freunde unseres Vereines höfiichst eingeladen. Beginn präzise 8 Uhr abends. Wien. („Allgemeiner jüdischer Arbeiterv e r e i n", II., Stefaviestraß« 8.) Jeden Sonntag von 2 bis 6 Uhr Nachmittags Tanz-Kurs für Anfänger und Vorgeschrittene, unter Leitung eines bewährten Tanzlehrers. Der Kurs findet im Hotel „Zentral", II., Taborstraße 8, statt. Regiebeitrag 40 Heller. — Jeden Dienstag von 3 bis 9 Uhr abends Buchhaltungs- Kurs im Bereinslokale unter Leitung des Gesinnungsgenossen Emil Obernik. Der Buchhaltungs-KuDs ist für Mitglieder des Vereines unentgeltlich. Verein jüdischer jirgerrdl. Arbeiter „Brigittenau". Kollegen! Achtung! Erscheinetalle! Sonntag den 28. d. M» im Vereinslokale XX., Jägerslraße 16. Rezitation unseres Gesinnungsgenossen Bernhard Scharrer. Budapest. Vor einigen Tagen starb hier Dr. Mannheimer. Derselbe war ein Sohn des Predigers Mannheimer ausWien. Seine Kinder ließ er taufen und in Dresden erziehen. Bor sieben Jahren hat er sowohl als auch seine Frau die Taufe angenommen. Um 50 Kreuzer erlangte er es, daß man seinen Namen magyavisierte, er verlougnete seinen Namen mit seiner Religion. Das sind die Früchte der Affimilation. Das Manifest der Jnngtschschen. Die Parteileitung des Jungtschechenklubs hat ein Manifest erlassen. Man geht wohl nicht fehl, die Enunziation auf den Schwund von Sympathien znrückzuführen, den diese einst freiheitlich gesinnte Partei erleidet, der derselben eine Niederlage nach der anderen einträgt, dem sie den Verlust des Mandates in der Prager Altstadt zuschreiben muß. Das erwähnte Manifest ist mit wenigen Worten erschöpfend definiert und charakterisiert. Es befolgt nur e i n Ziel: Die Befestigung der nationalen Stellung der Tschechen, das Verlangen nach vollständiger Gleichberechtigung in nationaler Richtung. Wir von unserem national-jüdischen Standpunkte können nicht anders^ als die nationalen Forderungen der Jungtschechen vollständig zu billigen, denn sie haben das Recht, vollkommene Gleichberechtigung mit den Deutschen zu fordern. Aber was den -inen recht, mnß auch den anderen billig sein! Die Jungtschechen stellen sich in der Richtung gegen die Juden mit den ihnen verhaßten Deutschen ganz auf denselben Boden. Sie geben allerdings vor, nicht grundsätzliche Antisemiten wie die Deutschen zu sein, sondern nur einen Opportunitäts-Antisemitismus zu beobachten. I m Effekt bleibt sich dies für unsJuden beinahe gleich. Erst dann, wenn die Jungtschechen für grundsätzliche Gleichstellung, für strikte, gleiche Behandlung aller Nationalitäten und auch aller Konfessionen einstehen werden, dürfen sie auch für sich dasselbe beanspruchen. Die Jungtschechen predigen aber Wasser nnd trinken Wein. Ihre Partei hat einen starken antisemitischen Einschlag. Wie man von Zeit zu Zeit einen Köter, so wird auch hie und da der Judenfresser Brzeznovsky losgelassen, gewissermaßen zu markieren, daß man in puncto Judenhetze anderen in nichts uachsteht. Wir haben erst in der letzten Nummer Gelegenheit gehabt, über das Manifest des Zaren unsere Ansicht zu äußern, die dahinging, daß diese Staatsschrift die Judenfrage in Rußland totschweigt. Ein Gleiches haben wir an dem Manifeste der Jungtschechen auszusetzen. (Das beiderseitige Totschweigen scheint ein Ausfluß bösen Gewissens zu sein.) Wir verlangen von den letzteren, daß sie, eingedenk ihres ursprünglich freisinnigen Programmes auch für vollständige Freiheit, Gleichheit und Gleichberechtigung nicht nur in nationaler, sondern in konfessioneller Richtung eintreten, dann werden sie uns Juden an ihrer Seite finden, in allen Fällen, wo es sich darum handeln wird, ihnen zu ihrem wohlverdienten Rechte zu verhelfen. Wir Juden können es lebhaft Mitempfinden, was es beißt, als minderwertiges Volk zu gelten, als Parias betrachtet und behandelt zu werden, der gleichen Rechte mit anderen Nationen nnd Glaubensbekenntnissen beraubt zu sein. Es wird uns Juden zugemutet, häufig das Zünglein an der Wage zu sein, durch unser Votum die Entscheidung herbeizuführeu. Mag sein, es soll nicht geleugnet werden, daß dies wohl nicht stets, aber öfters der Fall ist; dürfen aber die Jungtschechen Anspruch darauf erheben, daß wir uns für sie einsetzen, wenn sie an der Seite unserer erbittert st en Gegner zu finden sind, wenn sie Mithilfe leisten, uns anzufeinden, zuverdächtigenund herabzusetzen, wenn sie versteckt und offen unsere politische und bürgerliche Stellung unterminieren helfen und an den unsere Rechte verkürzenden Gesetzen tatkräftigst Mitwirken. Für so naiv darf man uns Juden doch nicht mehr halten, daß wir auch fürderhin gewillt sein werden, unseren Feinden die Kastanien aus dem Feuer zu holen, dafür sorgt die Erfahrung, die wir mit den pseudoliberalen Deutschen gemacht haben. Wir wollen, so weit dies an uns liegt, dafür sorgen, daß das jüdische Volk nicht so bald wieder in den gleichen Fehler verfalle. Die Jungtschechen mögen vor allem vor ihrer eigenen Türe kehren, in ihrer eigenen Partei aufräumen und Ordnung macken, dann haben sie ein Recht, von uns Neutralität oder Mithilfe zu beanspruchen, welche ihnen auch zuteil werden soll, aber nur nach ihrer eigenen Devise: Do ut des. Leichenbegängnis Moriz Karpeles'. Eine stattliche Zahl von Leidtragenden versammelte sich am 20. d. vormittags um 10 Uhr im Haufe Nr. 8 der Ebendorferstratze, um der Leiche des am 13. ds. plötzlich verstorbenen Präsidenten der „Chelvrcr Kadischa" rmd des Vereines der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien Moriz Karpeles das letzte Geleite zu geben. Unter den Tranergäsken waren 5" bemerken: der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde kaiserlicher Rat Kliuger mit den beiden Vizepräsidenten Dr. Stern und Dr. Gustav Kohn, mit sämtlichen Mitgliedern des Vorstandes und dem Sekretär kaiserlichen Rat Dr. Lieben, das Kuratorium der israelitisch-theologischen Lehranstalt mit dem Rektor Professor Dr. Adolf Schwarz nsw. Vor dem Trauerhause hatten sich die Beamten des Hanfes Schenker & Cie., mehr als 400 an der Zahl, eingefnnden, nur dem Leichenwagen das Geleite zu geben. Nachdem Oberkantor Singer unter Begleitung des Chorpersonales einen Trailerpsalm znm Vortrag gebracht und R(Mmiw Dr. A. S ch m leb! eine zu Herzen gehende Trauerrede hielt, sprach Oberrabbiner Dr. Güdemaun die Sterbegebete. Der Sarg wurde aufgehoben und auf den vierspännigen Leichenwagen gestellt. Auf dem Zentralfrcedhof hielten Oberrabbrncr Güdemcmn, der Vizepräsident der „Chewra Kadischa", Herr KultnSvorsteher Dr. Marcus Spitzer namens der „Chewra Kadischa", der Rektor der israelitisch-theologischen Lehranstalt Prof. Dr. Schwarz im Namen des Seminars dem Verblichenen ivarme Nachrufe. Der Vorstand der „Chewra Kadischa" hat sich am Vorabend des Leichenbegängnisses seines verstorbenen Präsidenten zu einer solennen Trauerkundgebung versammelt. Der Vizepräsident Herr Phil.- und JUDr. Spitzer würdigte ia erhebender Weise die hervorragenden Verdienste, die sich der verstorbene Präsident um die „Chewra Kadischa" erworben, und erbat sich die Zustimmung, diese Trauerkrmdgebung in dem Protokolle des Vereines bercwigen zu dürfen. Am Leichenbegängnisse beteiligte sich der gesamte Vorstand der Chewra, bestehend mis den Herren: Aron Bondi, Moritz Eisler, S. Heit, Ernil Horner, Jacob Moor, Adolf Rosenbaum, Dr. Markus Spitzer und Baurat Wilhelm Stiätzny, und gab dem Verstorbenen zu Faste das Geleite vom Trauerhanse bis znm Parlament. In der Zeremonienhalle hielt Vizepräsident Herr Doktor Markus Spitzer an der Bahre des Verblichenen folgende Trauerrede: „Tieferschüttert und im Innersten ergriffen, trete ich an diese Bahre, mit der schmerzlichen Aufgabe betraut, im Namen des Vorstandes der „Chewra Kadischa", die in dem edler: Dahingeschiederren ihren hochverdienten, ausgezeichneten Präsidenten beklagt, den Gefühlen inniger, aufrichtiger Trauer Ausdruck zu geben, Heister: Dank auszusprechen für die Aufopferung und Hingebung, mit der er sich der heiligen Sache widmete, für die freudige Begeisterung, mit der ec für die Würde rmd Ehre unserer Vereinigung immer und überall seine ganze Kraft einsetzte. Von berufenster Seite wurde in ergreifenden Worten das segensreiche, beglückende Wicken des Verewigten in der Familie und in der Gemeinde, seine bewunderungswürdige, ausserordentliche Wohltätigkeit in allen ihren mannigfachen Erscheinungsformen geschildert; mir sei es bergönrtt, einige Züge aus dem herrlichen Lebensbilde hervorzuhcben, die uns den herben, unersetzlichen Verlust, den wir alle erlitten, in seiner ganzen Größe erkennen lassen. Der bon uns Betrauerte war ein stahlharter, in sich gefesteter Charakter, getragen voir deir lautersten, wahrhaft ethische Milde und Wohlwollen atmenden Grundsätzen, durchglüht von der hehren Idee der Humanität, erfüllt voir jenem kategorischen nnd unerschütterlicher: Pflichtbewusstsein, das in dem tiefsten Wesen, im Kern der Persönlichkeit wurzelt rmd ihn ans allen seinen Lebenswegen, in seinem Tun rmd Schaffen begleitete. Er war ein echter Jude, ein treuer Sohn seines Volkes, der mit allen Fasern seines Herzens, mit allen Gedanken seines Geistes dem angestammten Glauben anhing, innig verwachsen mit der überkommenen Tradition, in der er erzogen und grost geworden. Er belauschte die Strömrnrgen nnd Regungen der Zeit, vereinigte deren Ansprüche mit den Forderungen der Vergangenheit zum schönsten Einklänge rmd erfastte voll nnd ganz jene Pflichten, deren Erfüllung die Ehre des Judentums gebieterisch erheischt. Was jedoch seiner Persönlichkeit das ihr eigentümliche Gepräge verlieh, Ivas ihr den Stempel edler Menschlichkeit, der Ebenbildlichkeit Gottes anfdrückte, das war sein Wohltäiigkeitssilm, seine Güte rnid Barmherzigkeit. Diese glänzenden Ausstrahlungen eines zart besaiteter: Gemütes, eines bollen, reinen, harmonisch gestinnnten Secleirlebens, das war seine brüderliche Liebe, deren idealste Verwirklichmrg rmd vollkommenste Verkörperung er im Wirker: der Chewra-Kadischa erblickte. Deshalb fühlte und wusste er sich eins mit den Bestrebungen, Zweckerr nnd Zieler: dieses Vereines, zog es ihn mit rmwiderstehticher, aus Geistesnnd Gernütsberwandtschaft hcrvorgnellender Macht zrrr heiligen Bruderschaft, die eine der erhabensterr, nnbergänglichsten, altehrwürdigen, deir Tiefen der Voltsseeleentstiegenen Schöpfungen jüdischer Weltaiischailllng ist, in welcher das Herz des jüdische» Stammes kräftig nnd unverwüstlich pulsiert, in der die Religion praktischer, allurnfassender Menschenliebe ihre höchsten Triumphe feierst." Der Name Moriz Karpeles wird für alle Zeit ririt der Wiener Chewra-Kadischa rrnanflvslich verknüpft sein, als der Name eines Mannes, der rastlos rmd unermüdlich ihr Gedeiheir rrrrd Enrporblühen förderte, der sein Sinnen rmd Trachten, seine Gedanken »nd Gefühle in ihren Dienst stellte, der ihr bis znm letzten Atemzuge unverbrüchliche Treue hielt rmd dern die beseligende Freude zuteil wurde, seine Arbeit, Mühe und Sorge durch einen rmgeähnten Aufschwung des Vereines reichlich belohnt zu seherr. Der edle Dahingeschiedene ist nunmehr eingegangen in die Gefilde des einigen Friedens. Seine sterbliche Hülle werden ivir der Erde übergeben. Allein sein Gast Ivind rins rnrrschweben, sein erhaberres Beispiel rnrS boranlenchten; in einem Sinne wollerr ivir Wirten nnd schaffen, die Erinnerung an ihn Ivird in uns fortteben und „ivenn er auch schläft, sein Herz wird in rinserer Mitte stets Wachen". Wie er selbst im Leben segensreich gewirkt, so tvird auch sein Andenken, das Ivir heilig und hoch hallen wolle»!, als das Andenken eines frornnren und gerechten Mannes für alle Znknnft reichen Segen bringen.