Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. Marz 19< 3 Nr. 12 Antrag wurde mit den Stimmen der Tschechen und der Feudalen mit der Begründung angenommen, daß der primo loco vorgeschlagene Kandidat — Jude ist. So halten riese Herren den Eid, daß sie unparteiisch nach den bestehenden Gesetzen Vorgehen wollen. Tatsache ist es, daß die zwei deutschen Landesausschuß-Beisitzer für den jüdischen Kandidaten, der sich als Deutscher gerierte, sprachen und stimmten. Wahrscheinlich aber gab gerade dieser Umstand den Ausschlag zu ungunsten des Kandidaten. Ihr Recht werden die Juden erst dann finden, wenn sie als Juden Aernter und Posten fordern, nicht als Deutsche oder Tschechen; das können sie wieder an dem Beispiel ersehen. Die mährischen Tschechen aber fragen wir, mit welchem Herzen wir für das tschechische Bolk ein trete «sollen, wenn wir sehen, daß es dort, wo es herrscht, gerade so unduldsam ist wie die Deutschen? Mädchen- und Frauenverein Bikur-Chaulim. Am 6. ds. hielt Herr Dr. Emcmuel Deutsch einen Vortrag über „Hygiene der Wohnung". Der Vortragende erntete sowohl durch seinen Vortrag selbst, in welchen! er in anschaulicher Weise die Anforderungen, welche an eine gesunde Wohnung gestellt werden müssen, wie auch durch die präzise, sachliche Beantwortung der an ihn gestellten Fragen wohlverdienten Beifall. Nächsten Sonntag hält Herr Dr. Signmnd Werner über „Frauen in der Krankenpflege" einen Vortrag. Gäste (auch Herren) willkommen. Ort: 1. Bez.. Seitenstettengasse Nr. 2. Zeit: halb 4 Uhr nachmittags. (EhrenbeleidigungS-Prvzeß.) In einem Ehrenbeleidigungs- Prozeß zwischen Studenten, der sich kürzlich bei dem Bezirksgerichte Josefstadt abspielte, klagten sieben Mitglieder der „Fidelitas" den Kadimahner Norbert Schwarzmann wegen Ehrenbeleidigung, weil er sie vor der Polizei „Kneifer" genannt hatte. Der Richter, Gerichtssekretär Dr. Brandmayer, verurteilte den Angeklagten Schwarzmann wegen Schmähung der Kläger durch den Ausdruck „Kneifer" zu einer Geldstrafe von zwanzig Kronen., Der Verurteilte meldete gegen Schuld und Strafe, der Staatsanwalt wegen zu geringer Strafe die Berufung an. Der Verteidiger Schwarzmanns, Dr. Maximilian Piekarski machte mit Recht ans die eigentümlichen moralischen Anschauungen der „Fidelitas" aufmerksam, die, obwohl von Juden gegründet und auch heute noch zu neun Zehntekn aus Juden, getauften und auch' nichtgetauften, bestehend, trotzdem die Stirne hat, sich der Verrufserklärung der deutschradikalen Studentenschaft gegenüber den Jüdischnationalen anzuschließen. Das Komische an der Sache ist, daß die „Fidelitas" selbst auch von den Deutschradikalen — beigesteckt ist und kein Alldeutscher mit ihr steigt. Wien. (Lit. G e s el l i g k e i ts v e r e in jüd. Mädchen „Moria".) Mittwoch den 28. ds. ivird Herr I. Meisl einen Vortrag über „Benjamin Disraeli" halten. Beginn präzise halb 3 Uhr nachmittags im Religionssaale der Kultusgemeinde, 1. Bez., Seitenstettengasse 2, 2. Stock. Gäste herzlich willkommen. Bereist jüd. jugendl. Arbeiter „Brigittenau". Am, 18. März 1903 fand im Vereinslokale (Cafe Kämpf, 20. Bez., Jägerstr. 16) eine außerordentliche Generalversammlung statt. Nach dem kurzen Referate des neugewählten Obmannes Rosenthal, der das Wirken des bisherigen Anschusses schilderte — dies war der Grund der Einberufung der Generalversammlung -— schritt man zur Wahl. Die beinahe .vollzählig'erschienenen Mitglieder wählten in, den Ausschuß folgende Kollegen: Obmann Rudolf Rosenthal, Obmann-Stellvertreter Arthur Bauer, 1. Schriftführer Siegfried FIesch, 2. Schriftführer Carlo Losch, Kassier Robert Sputz, Bibliothekar Siegfried Rektor, Beiräte Moritz Tolcziner, Adolf Trock, Bernhard Rausch und Max Kollmann. .— Parteigenossen! Kollegen I Sonntag den' 22. ds. Vortrag des Koll. Kollmann. Programm: Rezitation zionistischer Dichtungen. Beginn 7 Uhr. (Vereinslokal). EinOesterreicherinder Fremde. Die Zeitungen bringen die Nachricht, daß Dr. Paul Lazarus in BerNn sich habiNtierte. Die Gründe, die Dr. Lazarus ins Ausland trieben, sind interessant. Dr. Lazarus ist ein getaufter Jude, fühlte sich aber immer als Deutscher; dies führte ihn zur Zeit der Nothnagel-Skandale zu sehr in peinliche Situationen, indem er, von der Ansicht ausgehend, daß ihn als Täufling die ganze Sache nichts mehr angehe, in der Aula promovierte und dabei von den Antisemiten tätlich angegriffen wurde. Er wurde dann Assistent bei Professor Güssenbauer; feine arischen Kollegen boykottierten ihn aber selbst bei den Operationen, ja, fie verstiegen sich sogar zu Denunziationen, um den — Juden loszuwerden. So ging er nach Deutschland, w» man es ihm endlich verzieh, daß er als Bnkowinaer Jude geboren wurde, wahrscheinlich, weil — man es nicht weiß. Positive und negative Arbeit. Aus Prag wird uns geschrieben: Wie ein Märchen aus alten Zeiten, so farbenprächtig haben uns die schönen Reden in der Generalversammlung des Bundes der Kuttusgemeinden von Böhmen am 6. Jänner 1903 angemutet. Was die in die Leitung sich teilenden Herren Advokaten alles versprochen haben, so unter anderen und vor allen Herr Dr. Rosenbaum — ist großartig. Dieser Herr ist einmal derjenige, der in aller Sülle das bekämpft, was ihm nicht genehm ist und hinter den Kulissen das beschließt, was eventuell im Interesse der armen Bundesbrüder nötig wäre. Er ist das Perpetuum mobile im Bunde, jedoch nicht im Interesse der Kultusgemeinden am Lande. Sein Unternehmungsgeist, sein Sinn für das Judentum am Lande spiegelt sich in einen, Briefe ab, der eben nur uns Juden am Lande betrifft und den wir deshalb unseren Kollegen Kultnsvorstehern mitzuteiteu verpflichtet sind. Bekanntlich haben wir am 6. Jänner 1903 nachmittags im Hotel Bristol einige Beschlüsse gefaßt, die dem Gemeindebunde vorzulegen und anzuampfehlen waren. Der Herr Kultusvorsteher JNDr. <?. Steinreich in Jungbunzla« hatte die Güte, die Aufgabe zu übernehmen, diese unsere Wünsche der Leitung des Bundes mitzuteilen. Die Antwort ist uns vom Herrn Dr. Rosenbaum recte vom mitunterschriebenen Herrn Dr. Rosenbacher geworden. Dieser Brief wurde in der letzten Nummer Ihres Blattes veröffentlicht, s» weit er den Punkt 1 und 2 betrifft. In Betreff Punkt 3, vezirksseküonen, sagt Dr. Rosenbaum: „Eine derartige Organisation ist nach den Statuten nicht zulässig. Auch eine Statutenänderung namentlich behufs Abwehr des Anüsemitismus würde behördlich nicht gestattet werden, weil hierdurch der Bund zu einem politischen Vereine sich gestalten würde, bei dem Zweigvereine ver-! boten sind. Hiergegen kann den Vertretern der Kultußgemeinden eines bestimmten Bezirkes nichtverbotenwerden, von Fall zu Fall zu Besprechungen zusaimnenzutreten und ihre Wünsche und Anträge dem Gemeindebunde vorzulegen, der sicher veranlassen wird, was möglich ist." Unsere Anträge zur Bekämpfung des Antisemitismus am Lande, die der Gemeindebund als nicht nöttg betrachtet, veranlassen uns s« der Bemerkung, daß wir von diesen Herren, die so viel GutesimJnteressedLrKultusgemeindenam Lande im Laufe ihrer vieljährtgen Amtsführung geleistet haben, diese Art der Erledigung unserer nur berechtigten Wünsche nicht erwartet haben. Wir sind von Leuten vertreten, die unsere Wünsche zur Gänze ignorieren, und es scheint auch in manche» dieser Krüse der bekannte Grundsatz eingeschlichen zu sein, den unlängst ein maßgebender Herr unS in nachstehende Worte gefaßt hatte: „Ich bin froh, wenn ich mit den Landjuden nichts zu tun haben muß." Daß der Herr Dr. Rosenvacher mit dem Schreiber des obigen Briefes, Herrn Dr. Rosenbaum, die oberwähnte Ansicht nicht teilt, wollen wir hoffen; maßvoll ist ihre Macht, mit der sie unS beglücken wollen, aber maßlos ist unser Wunsch, ihrer Liebe bald los zu sein. Unser Antrag betreffs der Bezirksseküonen, unsere kleinsten Wünsche werden stillschweigend negativ erledigt! Was ist da zu tun nötig? Wir erwarte,» von den Herren Kollegen am Lande, daß sie uns zur Seite stehen und diese abweisende Art und Weise in Bezug auf unsere Wünsche richtig beurteilen werden. Es ist die höchste Zeit, daß in der Leitung des Bundes nicht etwa andere Männer, aber ein anderer Oieist einzieht. Der Friede wird erst einziehen, wenn die Herren in der Leitung uns Kultusgemeinden am Lande offen und ehrlich zur Seite stehen werden. Jdnob. Der Jungtschechen Glück und Ende. Wir haben den Niedergang der Jungtschechen vorausgesagt. Die ersten Hiobsposten treffen ein. In Prag ist der jungtschechische Kandidat Dr. Nowak gegen den Ritualmord-Advokaten Dr. Ba xa unterlegen. Im Polnaer Prozesse vertrat er die Privatbeteiligten im September 1899 und auch im zweiten in Pisek abgehaltenen Prozesse im November 1900 spielte er. eine prononcierte Rolle als Anwalt des Ritualmord-Märchens. Die Jungtschechen zogen es vor, anstatt die wüste Agitation Ehren-Baxas zu bekämpfen und die Massen aufzuklären, mit ihm zu paktieren: Nun ernten fie die Früchte ihrer Taktik. Jüdisch-nationale akademische Verbindung „Zephirah" in Czernowitz. Das Ergebnis der kürzlich stattgefundenen Chargenwahlen für das 12. Semester ist folgendes: cand. jur. Isidor Kottlar X, stud.- jur. Chain, Kmsbrunner- X X' stud.phil. David Leschczer X X X . ' ' Die Juden itt Böhmen sind ein arbeitsames Volk. Von uns Inden lernen die Andersgläubigen; sie verweisen bekanntlich bei jeder sich darbietenden Gelegenheit auf unseren Sparsinn, unsere .Geschäftstüchtigkeit; den allgemeinen Wunsch nach Bildung, auf unseren Familiensinn 'und äüch auf unsere Solidarität, da wir uns in allem und jedem gegenseitig unterstützen. In der.Gemeinsamkeit liegt wohl die Kraft;' ^enN jedoch alles wahr wäre; so ist die Gemeinsamkeit der Julien in Böhmen erst im Werden. Bis dato sind noch taufende üsi'seret Stämmesgenoffen in dem Wahne befangen, daß es besser ist; wenn keine Gemeinsamkeit zwischen uns herrscht. Obzwar viele' Juden es bereits fühlen, daß sie selten einzeln bekämpfttwerden, sondern die Bekämpfung der Judenheit heute von Deutschen und'Tschechen in vollkommen gleicher Weise erfolgt, will die Mehrzahl es trotzdem nicht einsehen. Daß es auch nicht im Interesse des Staates ist, wenn die Regierung diesem aütisemitifchen Werdegange weiter wie bisher ruhig zuschaut oder aber mit den judenfeindlichen Elementen liebäugelt, dürfte dem Unbefangenen längst klar sein. Die bösen Folgen müssen sich früher oder später einstellen. Wir wollen jedock unser engeres Heimatsland in Betracht ziehen: Wenn die Juden in Böhmen wirklich geeint wären, wenn die Führer des Judentums in Böhmen sich nicht erst durch Aufpulverungen zu kleinen Versuchen herbeilassen würden, sondern entschieden sich auf den jüdischen Standpunkt stellen würden — und fie könnten es, wenn sie wollten! — so würde die deutsch antisemitische und die tschechisch-antisemitische Hetzpartei uns nicht so schaden können — das einzige, was wir verlieren können, ist, was man uns längst nicht glaubt, nämlich daß wir Tschechen oder Deutsche seien. Wir wären Juden mit deutscher oder tschechischer Muttersprache. Können wir wirklich Deutsche oder Tschechen sein, wenn uns Millionen dieser Einwohner als solche nicht anerkennen? Hat eine solche Vogel Strauß-Politik einen Wert? eine Zukunft? Nein! Das zuwartende ruhige Zusehen oder die „geheimnisvolle Arbeit" im Interesse des Judentums hat sich auch nicht bewährt. Offen und ehrlich, stolz und se lb stb e w u ß t müssen wir den Andersgläubigen sagen: wir sind Juden und wollen mit euch im guten Einvernehmen leben — wer jedoch von euch uns wegen unserer Religion, unseres Stammes verfolgt, ist ein schlechter Mensch, den wir verachten und gegen den wir uns gegenseitig zu schützen trachten ^wollen. Jenes Hinundherdrehen und -Winden der leitenden jüdischen Kreise ist ein Kardinalfehler, welcher die Gegner nicht täuscht und uns Juden in Böhmen sehr schädigt. Wenn ein Dv. Rosenbaum unsere Mitteilungen, unsere Bitten, unsere Klarlegungen der heute bestehenden Verhältnisse als maßlose Angriffe bezeichnet, so gibt es darauf keine andere Antwort als die, daß seine Arbeit im Interesse des Judentums in Böhmen einem Bersteckenspiel ähnlich sieht. Wir verfolgen keine Umsturzbewegungen; wir sagen auch offen, daß wir die Leitung der Juden in Böhmen lieber in der Landes- Judenschafts-Repräsentanz sehen würden, weil uns diese näher steht als die Prager Machthaber des Judentums, die in erster Linie das Interesse der Prager Juden leitet. Wir konstatieren, daß wir mit dieser unserer Ansicht nicht allein dastehen, und wenn die Furcht vor den Großen in Prag nicht noch manchem im Genick sitzen würde, so würden wir sogar behaupten, daß acht Zehntel Juden in Böhmen unsere Anfichtteilen. Wir verlangen, daß die Leiter des Judentums in Böhmen nichr für Prag allein die jüdische Armenpflege regeln — es ist dies ein Unrecht. Wir verlangen positive Arbeit im Interesse des ganzen Judentums von Böhmen. Wir fragen: Warum wollen die Herren keinen jüdischen Schulverein gründen? Warum wollen Sie kein Rechtsschutzbureau gegen die antisemitische Presse in Böhmen gründen? Warum sollen wir nicht offen gegen unsere Feinde kämpfen? Juden in Böhmen am Lande, verlangt von unseren jüdischen Vertretern positive Arbeit, verlangt Schutz in jeder Lebenslage und Rücksichtnahme auf die Juden am Lande! Jdnob. NikolSbnrg. Ein erfreulicher Schritt zur Hebung und Stärkung des jüdischen Solidaritäsaefühles wurde von ver Leitung der Ehewra Kadischa in Nikolsburg getan. Dieselbe veranstaltete am Vorabende des 7. Adar ein allen Vereinsmitgliedern zugängliches Brudermahl. Voran ging demselben ein Gottesdienst in der Altschul - Synagoge, bei welchem Rabbiner Dr Feuchtwang in innigen Worten der im letzten Jahrzehnte dahingegangenen Ehewra-Mitglieder und ihrer Verdinste gedachte, sowie auch jener jüngst verstorbenen Männer, an welche sich jeder Angehörige jüdischer Nation stets mit Stolz erinnern soll, insbesondere des kürzlich verstorbenen Dichters Hieronymus L o r m. Nach dem Gottesdienste fand die Generalversammlung des Chewra-Vereines statt, bei welcher der Bereinsvorstand Herr Nathan Os er und der Schriftführer Herr Josef Ledererden Täligkeits- und Rechenschaflsbericht zur Zufriedenheit der Anwesenden erstatteten. Alsdann begaben sich die Edewra-Mitglieder, ungefähr 70 an der Zahl, in den mit den Bundesladen-Vorhängen der beiden Synagogen und den Bildnissen früherer Vorstandsmitglieder, sowie hervorragender Rabbiner reich und geschmackvoll geschmückten Speisesaal des Restaurant Schaff«, wo das Brudermahl stattfand. Ein B r u d e r m a h l im wahren Sinne des Wortes! Denn ohne Rücksicht auf Stand und Alter, auf Vermögen und Wissen faßen die Teilnehmer des Mahles bunt durcheinander, alle erfüllt vom Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, beseelt vom Gedanken, Brüder einer, wenn auch unterdrückten, so doch noch lange nicht untergegangenen Nation zu sein. Die Reihe der offiziellen Toaste eröffnete Herr Rabbiner Dr. F eu ch twang mit dem Wunsche innigen Zusammenwirkens zwischen politischer und Kultus-Gemeinde. Ihm folgte der greise Rabbinats- Assessor Josef Knöpfmacher mit einem geistvollen Toaste auf Moses. Herr Dr. Siegfried Fehl veranstaltete ein Sammlung zum Zwecke der Anbringung einer Gedenktafel am Geburtshause des Dichters Hieronymus L o r m in Nikolsburg, eine beherzigenswerte Mahnung an die jüdische Nation, endlich auch ihre großen Söhne offen und vor aller Welt zu ehren. Assimilationsblüten. Eigentlich sollte die Aufschrift richtig heißen: „jüdische" Assimilationsblüten, denn eine solche Assimilation, daß bei einem Chanuka- oder Purim-Feste als Obmann ein. C hrist (!) die Ansprache an die Festversammlmrg gehalten Hütte, ist menschlichen Wissens bis heute nicht vorgekommen. Nun zu unseren Assimilationsblüten! Unter dem Titel: „Christbesch e e r u n g" wurde am 29. Dezember 1902 in der „Wiener Mittagszeitung" mitgeteilt, 1. daß bei der „W e i h n a ch t s b e s chee r u n g" (sic!) im Reconvaleszentenheim in Hutteldorf Herr Dr. Geza W int e r die Ansprache hielt, imd 2. daß im humanitären Geselligkettsvereine „Nudolfsbund" an; der Weihnachtsbesch e e r u n g der Gemeindaual Herr.Eltbogen teilnahm. — Da erinnert man sich unwillkürlich an das Bild in der „Jugend", wo der Bub' - den krummnasigen und krummbeinigen Vater unter dem kolossalen Christbaum frügt: „Tate, haben die Christen „auch" einen Christbaum?" Ein hübsches Apercu möge hier noch Platz finden: Es war bei einem Feste eines' sogenaniuten allmenschlichen" Vereines, das heißt eines Vereines aus fast lauter I u de n, die ein paar Christen zum A u sputz haben und deshalb alles jüdische, wenn nicht direkt verpönen, so doch aus lauter „Gleichberechtigung" oder „Allmenschlichkeit" oder „Freinmurerfchafö" totzu-- schwetgen suchen. Ein — durch Gott weiß welchen. Zufall da hineingeratener — Zionist hörte eine Zeitlang einem Gespräche eines Herrn Doktors zu, das letzterer mit paar Veremsfreunden unterhielt und in welchem besagter Doktor sich als „Ungar" deklarierte. Als ein Herr von des .-Ungarn" Tische an den einsamen Zionisten herantritt, sagt letzterer mit vernehmlicher Stimme: „So ein lieber, tüchtige und gescheiter Mensch, dieser Doktor 36., und doch leidet er an einem Wahn!" Höchstes Erstaunen der Zuhörer Darauf fährt der Zionist fori: „Nun ja, sein Vater ist ein Jud', seine Mutter ist eine Jüdin, und er lebt im W a h n e, daß er rin „Ungar" ist. — Weniger humoristisch hat sich ein Gespräch in einem Gerichtsgebäude abgewickelt. In einein Kreise von am Korridor promenierenden Juristen entwickelt sich ein Gespräch politischer Färbung, im Laufe dessen einer der Herren sagt: „Ich, ich bin ein Deutscher." Darauf antwortete ein anderer prompt: „Da meines Wissens Ihre Mrktter eine Jüdin ist und ihr Gatte auch ein Jude war, so miißte ihre Mutter eine Dirne gewesen sein, die sich mit einem Deutschen abgegeben hat, wenn Sie ein „Deutscher" sein sollen." Zed. Antisemitisrnns ans der Kanzel. Aus Budapest wird geschrieben: Die „Arbeiter-Korrespondenz" berichtet: In. der Karmeliterkirche in Engelsfeld hielt jüngst Pater Antonius eine Predigt, wobei er die Lehren der Sozialdemokratie in heftigen Worten geißelte. Damit begnügte sich aber der wackere Geistliche nicht. Ec benützte vielmehr den Anlaß, da zahlreiche Arbeiter in der Kirche anwesend ivaren, um in bisher ungewohnter Weise gegen das Judentum und gegen die Juden loszuziehen, welche „wie einstens Jesum, jetzt die christliche Kirche kreuzigen wollen". Er hieß die sozialistischen Parteiführer jüdische Betrüger usw. Schließlich drohte der Knnzelredner in nicht wiederzugebender Weise, seine «Enthüllungen gegen die Juden fortzusetzen". Die Arbeiter von Engelsfeld haben für den nächsten Sonntag eine Volksversammlung einberufen, toelche sich mit dem Treiben des hochwürdlgen Her«, beschäftigen und darüber beraten wird, wie dieser Hetze von der Kanzel herab ein Eiü>e zu bereiten sei. Die Auswanderung der Juden aus Galizien. Das Prager Tschechenorgan „Narodni Lisch" beschäftigte sich vor kurzer Zeit mit d'ieser Frage und brachte sehr interessante Daten über die jüdische Bevölkerung Galiziens. Wir geben die Darlegungen des genannten Blattes wörtlich tvieder: „Ans jüngst veröffentlichten Berichten über die Volkszählung des Jahres 1900 geht hervor, daß im Dezennium 1890—1900 ans Galizien nicht weniger als 100 000 Juden ausgewandert sind. Im Jahre 1890 gab es in Galizien 772 213 Inden, im Jahre 1900 wurden 811 371 gezählt. Es ist IveiterS festgestettt, daß in diesem Zeiträume in Galizien 316 073 jüdische jdinder zur Wlelt kamen und 166 966 Inden starben, so daß der natürliche Zuwachs 148 107 beträgt und im Jahre 1900 demnach 920 320 Juden gezählt werden sollten. Das Resultat der Volks-