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Jüdisches Volksblatt · 1903-03-13 · 11 (13.3.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 13. März 1903 Nr. 11 Chewra-Sude statt, welche einen sehr schönen Verlauf nahm. Der Präsident der Chetvra Kadischa für die Bezirke 12 bis 15, Dr. Siegmund Baß, begrüßte die Anwesendeil aufs herzlichste und erörterte Zlvea und Wirken der Chetvra Kadischa. Darauf ergriff Herr Rabbiner Dr. Taglicht, der scholl beim Abendgottesdienste im Tempel eine hervorragende Rede gehalten hatte, das Wort, nnl in Ivunderbarer Auslegung auf den Ausdruck „Chetvra" kommentiereild einzugehen, Ivofür er reichen Beifall erntete. Auch der folgende Redner Herr Rabbiner Dr. Bach voll Ottakring hielt eine ausgezeichnete Rede, die ebenfalls mit jubelndem Beifall alifgellommell lvlirde. s>kach ihm sprach Herr Rabbiner Dr. Roseinnann aus Floridsdorf, unterzog das Wort „Kadischa" ciner genauerl Besprechullg und brachte dasselbe mit Schillers „Glocke" in vergleichende Beziehungen. Kantor Schleifer trug in den Pausen ztvischen diesen Tischreden in gesanglich wunderbarer Weise jedesmal ein Mischehe rach vor. Dann wies Herr Dr. Bloch daralif hin, das; die Juden sich in der menschlichen Gesellschaft wie Oel verhalten, welches bei der Mischung mit anderen Flüssigkeiten stets an die Oberfläche dringt, nild beleuchtete hierauf die Mission des Judentums; zum Schlüsse sprach er auf deil Knltusvorstand uild dessen anwesenden Vertreter Wilhelm Pollak, welckier nach dem Mischeberach das Wort ergriff. Er erinnerte daran, das; die Kanzel des Tempels in Fünfhaus scholl seit langem verwaist sei, lvürdigte die hervorrageudeil Leistungen des Rabbiners Schmied! itnb bemerkte, das; das schmerzliche Bedauern der Fünfhauser, diesen ausgezeichlleten Mann dlirch sein Avancement in die Leopoldstadt versetzt zik wissen, nur voil dem Stolze übertroffen werde, Herrn Rabbiner Dr. Schmicdl an einer so großen Kanzel wirken zu sehen. Dann lvidmete Redner dem verstorbenen Rabbiller Dr. Wolf ehrende Worte des Nachrufes uild pries den Verblichenen als Rabbiller und Schulmann. Gleichzeitig dankte Pollak den Rabbinern, welche sich stets einfilldeil, um in dem verwaisten Temvel die Funktionen zu verrichten. Er spricht voll Dr. Taglicht, dessen Reden llicht nur den „Tag licht" macheil, sondern Mich nachts leuchten und imstande sind, trotz der finsteren Zeiten einen Lichtstrahl in die Herzen der Zuhörer zu bringen. Er konunt auf Dr. Bach und sein hervorragendes Rednertalent, welches nicht einem „Bach", sondern einem Strom der Beredsamkeit gleiche und dnrch die herrlichen Gleichnisse die Zlihörer fasziniere. Er vergleicht Dr. Roscilmailn mit einem Rosenbcmm und dankt für dessen prächtige Ausführungen in ihrer Beziehung zu denl größten deutscheil Poeten, welche die Anwesenden zll größtem Applaus hingerissen haben. Hierauf sprachen die Vorstände der Chelvra Kadischa, die Herren Neufeld und Stern, lnld erst in später Nachtstunde trennte sich die Gesellschaft. Im Genleindetempel W ä h r i n g veranstaltete am selberl Tage die Währinger Chcwra die Gedenkfeier. Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Armin Abel e s voll der Landstraße. Herr Dr. Abeles präsentierte sich den Währingern als ein glänzender Kcmzelredncr, der in geistreichen, gefühlvollen Worten die Bedeutung des Festes erklärte und der verstorbenen Mitglieder der Chetvra gedachte. Dir wirklich meisterhafte Rede hat auf die Ailweseildeil einen tiefen Eindruck gemacht und die ailtvesenden Vertreter der Chetvra und des Vorstandes beeilten sich, auch dem mif der Landstraße sehr beliebten Rabbiner nach dem Gottesdienste zll gratulieren. Ausland. Erlaubnisscheine für Personen, die nach Transvaal oder der Oranseflich-Kolonie reisen. Niemand, sollte die Ansreise antreten-, ehe eil sich! vergewissert hat, daß ihm der britische Erlaubnisschein, der zum Eintritt nach Transvaal oder der Oranjefluß-Kolonie und zum Ausenthalte daselbst erforderlich ist, erteilt wird. Deutsche müssen zur Erlangung des Erlaubnisscheines (Permtt) die Vermittlung der kaiserlichen Konsularbehörden in Südafrika in Anspruch nehmen. Sie haben sich hierzu an dasjenige kaiserliche Konsulat zu wenden, das für den südafrikanischen Hafenplatz zuständig ist, von dem aus die Reise nach Transvaal oder der Oranjefluß-Kolonie erfolgen soll. In den Anträgen aus Erteilung eines Permits muß genau angegeben werden: ob der Erlaubnisschein für dauernden oder vorübergehenden Aufenthalt, in letzterem Falle für wie lange Zeit gewünscht wird; der Ort, für den. der Erlaubnisschein ansgestellt werden soll; dev Name des Gesuchstellers und seiner Familienangehörigen (bei Kindern unter 16 Jahren genügt Angabe der Zahl); die gegenwärtige und die frühere Adresse des Gesuchstellers; der Stand oder die Beschäftigung des Gesuchstellers-, ob der Gesuchsteller ein eigenes Geschäft oder eine feste Anstellung besitzt; ob er über die notwendigen Mittel zum Lebensunterhalte für sich und seine Familie verfügt, und ob er zwei gute Referenzen in Südafrika bezeichnen kann und welche. Da von der britischen Regierung nur einer monatweise begrenzten Anzahl von Personen die Reiseerlaübnis nach Transvaal und der Oranjeflußkolome erteilt wird, läßt sich noch nicht bestimmen, wann jedes einzelne Gesuch zur Erledigung kommen kann. Es wird daher dringend empfohlen, die bet!refsenden Anträge so frühzeitig wie möglich bei dem zuständigen kaiserlichen Konsulat in Südafrika einzureichen. Eine möglichst weite Verbreitung dieser Notiz durch die Presse ist im Interesse derer, die es angeht, erwünscht. Auch ein Graf Pückler. In Burgfarrnbach, einem kleinen in Mirtelfranken gelegenen Dorfe, hat ein Gras Pückler sein Schloß stehen. Ter Ruhm feines Namensvetters hat ihn nicht ruhen lassen, er wollte auch eine große Tat tun und nach dem Muster der.seligen Adele Spitzedcr etablierte er zur Sanierung seiner finanziellen Bedrängnisse „eine Sparkasse" für Bauern, die große Kartoffeln haben, biedere .Handwerksmeister und sonstige von ihrem Gekdiitierflnß geplagte Leute. Er verzinste die eiugczahlten Kapitalien mit 4,5, Perzent, während Banken und städtische Sparkassen der Umgegend nur 3 Perzent zahlten. Und siehe da, cs fanden sich genug von denen, die nicht alle werden, die es sich zur besonderen Ehre rechneten, ihre Ersparnisse dem Herrn Grafen auszuhändigen, so daß auf diese Weise anderthalb Millionen aufs Schloß getragen wurden. Da auf einmal schwirrten Gerüchte lauter und immer lauter, das; das Schloß des Herrn Grafen geivaltig wackele I Natürlich wollte altes sein Geld wieder haben. Es folgten Klagedrohungen, die durch Vertröstungen auf einen gütlichen Ausgleich hingchalten ivurdcn. Die Verhandlungen sind jetzt beendet und das Resultat ist, das; mm alles rettungslos verloren ist. Ter Bruder des Grafen wollte für denselben eintreten, verlangte aber das Zugeständnis der Erbberechtigung. Darauf ging der Burgfarrnbacher aber aus dem Grunde nicht ein, weil sein Bruder eine bürgerliche Dame zur Frau hat! Alle Achtung! Das Burgfarrnbacher Gräflein hat Standesehre und tröstet sich damit, das; die Besitzungen Fideikommis; sind, wodurch seine stamdesherrlichen Vorrechte und die umschlungenen anderthalb Millionen gesichert sind. Ein Gastivirt in S. hat dem Herrn Grafen sein ganzes Vermögen im Betrage von '18 000 Mark aiivertrant, er ist jetzt ein ruinierter Mann. Eine Torengräberswitwe in Fürth hat sich ihr Grab selbst gegraben, indem sie ihr kleines Kapital von 8000Mark der gräflichen Rentei aufzuheben gab. Seit mehreren Tagen ist dem Herrn Grafen nachts eine Ehrenwache von Gendarmen gestellt worden, jedenfalls in der Annahme, daß man dem Herrn Fideikommißbesitzcr für seine ingeniöse Idee Ovationen bringen könnte, bei denen dem Herrn Grafen die viereinhalbperzentigen Zins-Füße geknickt werden dürftet:I Ja, ja, auch eilt „Edler" aus dem Stamme derer von Pückler. Paris. Im Hause Nr. 00 der Rne Vieille du Tempke wohnte seit längerer Zeit ein jüdisches Ehepaar namens Schönerer, das sich durch sein bescheidenes Wesen großer Sympathien erfreut. Mittwoch den 18. ds. ging Herr Schönerer frühmorgens zu seiner Arbeit und ließ die junge, kaum 27jährige Frau noch im Bette zurück. Wenige Minuten später fing das Bett Feuer und die arme Frau!var von Flammen umgeben. Sie stieß ein herzzerreißendes Geschrei ans, das bald von einem Nachbar vernommen wurde. Er eilte der unglücklichen Frau zic Hilfe, fand aber in seiner Verwirrung nichts, die Flammen zil dämpfen. Er klopfte daher an die Tür einer Nachbarin (Nichtjüdin) und bat flehentlich um eine Decke, um die in Flammen stehende Frau darin einznhüllen. Er mußte sich überzeugen, daß er sich an eine falsche Adresse gewandt hatte, denn diese Frau gab ihm ganz ruhig und kaltblütig zur Antwort: „Es ist jcr eine Jüdin, die brennt, und die kann ja ganz ruhig verbrennen." Die unglückliche Frau Ivurde rvohl dann ins Krankenhaus gebracht, erlag aber bald ihreu entsetzlichen Schmerzen. Die Beschränkung der Einwanderung in England. Die im März vorigen Jahres eingesetzte Kommission zur Prüfung der aus der beschränkten Einwanderung entstehenden Uebelstände und der Vorschläge zu deren Abhilfe wird in den nächsten Tagen wieder! zusmnmentreten und sie gedenkt ihre Arbeiten so zu beschleunigen, daß sie bald einen Bericht vorlegen zu können hofft. Wenn auch zweifellos die Einwanderung russischer und rumänischer Inden den Anstoß zur Einsetzung der Kommission gegeben hat, so ist doch — was wir übrigens vorausgesehen und seinerzeit an dieser Stelle in Aussicht gestellt haben — aus der spezifisch jüdischen Einwauderllngsfrage eine Eiüwanderungsfrage überhaupt geworden, und wahrscheinlich wird das Ende vom Liede sein, daß nicht die Einwanderung der Juden, sondern anderer viel unliebsamerer Fremden beschränkt wird. Jin Schoße der Kolmmission ist! man bereits zu der Einsicht gelangt, daß die weitaus meisten Prozesse, mit denen die Gerichte durch die cingewanderten Inden behelligt werden, rein persönliche Familienangelegenheiten betreffen und Wohl lästig, aber nicht! ernsthaft sind. Die jüdischen Einwanderer sind von einer förmlichen Prozeß- Wut ergriffen. Die ernstere Wohnungsfrage ist aber keine Frage, die durch allgemeine die Einlvanderuug beschränkende Gesetze zu lösen ist, sondern ist eine allein London angehende Angelegenheit, die von dein Londoner Magistrat und von Kapitalisten gelöst werden muß. Selbst die aus eine möglichst radikale Einschjränkung der Einwanderung hinarbeitenden Mitglieder der Kommission verlangen jetzt nur, daß 1. die Polizei befugt sein soll, jeden iir England sich aufhaltenden Ausländer auszuweisen, der ein Genosse anrüchiger, übel beleumdeter Personen oder ein Verbrecher ist oder sich durch das Laster ernähren läßt; 2. daß eine Einwandevungsbehörde eingesetzt werde mit der Machtvollkommenheit, das Landen Kranker oder Paupers zu verhindern, von denen anzunchmen ist, daß sie der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen werden; 3. daß Fremde, die sich niederzulassen beabsichtigen, von einem britischen Konsul oder einer Lokalbehörde ein Zeugnis verlegen sollen. Wie man sieht, haben von diesen Forderungen vielleicht alle anderen Einwanderer mehr zu fürchten als die Juden, sollen diese Kanteten mehr die Westloudoner Fremden als die des Ostlondoner Ghetto fernhalten. Warschau. Da in letzter Zeit mehrere jüdische Zeitungen im Jargon anfgetaucht sind, welche für den Zionismus Propaganda machen, so hat, wie der amtliche „Warsch. Dnetvn." berichtet, einer der angesehensten Zadiks den Chassidim verboten, diese Zeitschriften zu lesen, und ihnen angetragen, eines der am meisten verbreiteten Blätter in polnischer Sprache zu abonnieren, iveil dieses Blatt begönne!: hat, Artikel gegen den .Zionismus zu bringen. Zu gleicher Zeit haben sich unter den Chassidim mehrere Kreise gebildet, tvelche den Ztveck verfolgen, Propaganda für das Chassis»»»»!! zu machen und den Kampf sowohl gegen die Zionisten als auch gegen die Assiw.ilationspartei anfzunehmen. Tunis. Der französische Ministerpräsident Herr Pichon hat vorgestern in Begleitung der höheren Beamten der Residentschaft die von der „Alliance israelite" errichtete Ackerbau schule Djedeida einer eingehenden Besichtigung unterzogen und in einem Telegramm an den Präsidenten der „Alliance", Herrn Leven, seiner Bewunderung über die Einrichtung :n:d die Leistungei: des Mnsterinstitnts Ausdruck gegeben. Das neue amerikanische Einwandernngsgesetz. N e!v - D o r k, ai:fangs März. Tie moderne Eintvandernngsgesetzgebnug beruht namentlich auf dem Eintvandernngsgesetze vorn 3. August 1882, dem sogenannten Kontraktarbeitergesetz von: 26. Februar 1885, das durch zwei Novellen in den Jahren 1887 und 1888 mehrfach modifiziert wurde, endlich den Gesetzen vom 3. März 1891 und 3. März 1893. Die vom Senator Lodge :md der , Einwanderungsbeschränkungsliga" schon vor Jahren eingebrachte Novelle, die den sogenannten Bitdnngstest einführen, das heißt Analphabeten ausschließen will. liegt auch jetzt wieder dein Kongresse vor, dürfte aber schon aus dem einfachen Grunde in dieser Session unerledigt bleiben, Iveil vor dem Schlüsse der Sitzungen a:n 4. März noch viel zu viele andere und dringlichere Aufgabe» zu erledigen sind. Nach dieser Novelle sollen von der Landung ausgeschlossen werden: 1. Verbrecher, die einer Schuld überführt sind, die auch in den Vereinigte» Staaten kriminell schwer geahndet wird; politische Uebettäter nur dann, wenn sie eine Handlung begingen, die zugleich auf ihre moralische Verworfenheit schließen läßt; 2. Idioten, Geistestrante oder Krüppel; 3. Personen, die an Kelhaften oder ansteckenden Krankheiten leiden, so weit diese nicht im Hospital des Einwandcrungsdepsts sofort kuriert werden können; 4. Polygamisien und zu Prostitutionszwecken ins Land Kommende; 5. Personen, die sich in einem solchen körperlichen Zustande befinden, daß sie offenbar unfähig sind, sich ihren Lebensunterhalt selbst z» verdienen, und deshalb dem Gemeinwesen dauernd zur Last fallen müssen, also „Paupers"; endlich 6. Kontraktarbeiter. lieber die Rubriken 1 bis 4 sind keine weiteren Bemerkungen nötig umsomehr aber über die beiden letzten, die hauptsächlich dazu führen, das; alljährlich ein gewisser Perzentsatz der Einwanderer wieder nach seiner Heimat zwangsweise zurückkehren muß. Unter, den Begriff „Kontrakiarbeiier" fallen nicht Schauspieler, Künstler. Sänger, Vorleser, Prediger, Lehrer, Privatsekreiäre, Dienstboten oder solche Arbeiter» die zu dem Zwecke ins Land komnn'n, um hier eine neue Industrie einzuführcn, Wohl aber solche, die sich dnrch irgend welche Angebote oder Versprechungen bestimmen ließen, ausziiwanderu, um in den Vereinigten Staaken eine gewisse Arbeitsteistinig zu übernehmen. Als „Paupers" gelten keineswegs alle, die über kein bares Geld verfügen, sondern nur solche, die offenbar völlig mittel- und hilflos sind, auch keine Freunde und Verwmrdte besitzen, die so lange für ihren Unterhalt sorgen können und sich auch dazu verpflichten, bis sie imstande sind, selbst für sich zu sorgen. Es liegt nun in der Natur der Sache, daß Fälle Vorkommen, in denen einzelne Einlvnnderer vielleicht zu Unrecht unter die Rubriken 5 und 0 gerechnet werden, obwohl fast jede Deportation für die durch sie Betroffenen als ein schweres Unglück betrachtet werden kann. Damit aber tunlichst derartige Mißgriffe vermieden werden, bestimmt das Gesetz, daß 1. die Reedereien keine Personen an Bord nehme,: sollen, die nach den amerikanischen Gesetzen nickst landen dürfe«:. Jedem, der Passage nach Amerika nimmt, ist deshalb ein ausführlicher Fragebogen vorzntege», in dem alle Hiiideruiigsgründe speziell berücksichtigt sind. Wer immer diesen Fragebogen lvahrheitsgemäß zu beantworte,: vermochte, kann unbesorgt reisen, dem: ihn trifft keins der angeführten Verbote. Das Schiffsmanifest muß vor den: inneritanischei: Konsul im Abfährtshafen vom Kommandaiiten des Schiffes als richtig beschworen werden. 2. Ter Fall jedes einzelnen Anköiumtings kommt vor eine Behörde, die unter Zuziehung von Dolmetschern eine Speziatunrersnchung vornimmt. Die Deportation darf nur erfolgen, wein: diese Behörde in dem Betreffenden einen wirklich unerwünschten Einwanderer erblickt, der nach den: Gesetze nicht landen darf. 3. Gegen die Beschlüsse des Spezial:,ntersnchungsamtes ist Apetlation zulässig. Die Ankömmlinge dürfen sich einen Anwalt engagieren, der nicht mehr als 5 Dollars für die Vertretung liquidieren darf, ihre Freunde und Verwandten zu Hilfe rufen, auch an die verschiedenen Gesellschaften zum Schutze der Einwanderer rekurrieren, die — wie die Deutsche Gesellschaft der Stadt New-Aork seit dem Jahre 1784 — eigens hierzu von den verschiedenen Nationen ins Leben gerufen wurden. Man wird zugestehen müssen, das; bei diesen Kanteten ein Fall schon ziemlich kraß liegen muh, wenn einen: Einwanderer von rechtswegen die Landung untersagt wird. In der Tai ist es keineswegs die Tendenz der jetzigen Negierung, die europäische Einwanderung z:i nuterdrücke,:, die doch so außerordentlich zur Hebung und Entwicklung des Landes beigctragen hat. sondern ihre Absicht ist, nur die Einwandernngsgesetze strikte anz:,wenden, um die unerivüuschten Elemente fernzuhnlteu. Und die Tatsache steht unumstößlich fest, daß die letzteren in der neuesten Zeit in derselben Proportion znnahmen, wie die erwünschten aus den tüchtigeren europäischen Rassen sich verminderten. In: neu,«zehnten Jahrhundert betrug die gesamte europäische Einwanderung nahezu 20 Millionen Köpfe. Davon Ware» reickstich 30 Perzent Deutsche, mehr als 20 Perzent Engländer, Schotten und Kanadier, mindestens ebensvviele Irländer, während zum Rest die Skandinavier, Schweden, Norweger und Dänen das größte Kontingent stellten. Die Slave», Italiener, Israeliten ans dem Osten Europas, Nuinänicr, endlich Syrier und andere Elemente, die unter türkischer Herrschaft standen oder die HämuShalbiusel bevölkerten, bildeten nur einen Bruchteil, der den wünschenswerten Charakter der Gesainteinwaiidernng keineswegs beeinträchtigte, seitdem Hai sich aber das Gesamtbild völlig verändert: die deutsche Einwanderung hat den niedrigsten Stand seit 50 Zähren erreicht, Engländer. Schotten und Iren wandern nur noch in kleiner Zahl ein; und Iveiin auch die Skandinavier noch immer ein ansehnliche^ Kontingent stellen, so bilden doch Russen. Polen. Italiener, die verschiedenen interessanten N'atiouen der österreichisch-ungarischen Krone und arme Israeliten das Gros der Einwanderung, linier den 648 7-13 Einwanderern des letzten Jahres befanden sich zum Beispiel 57 688 Israeliten, die pro Kopf nicht mehr als 7,28 Dollars (30 Reichsmark) im Vermögen batten, wälstend durchschnittlich ans den Kopf 16,16 Dollars tarnen. Nun kann keineslvegs behaupter werden, daß alle diese Ankömmlinge als ein absolut unerwünschter Bevölkerungszuwachs getten müssen, allein die jetzige Einwanderung besteht ans so viel nnwissenden und bedürfnislosen Menschen, daß jedenfalls die bestehende Lebenshaltung der amerikanischen Arbeiter entschieden dadurch bedroht wird. So kam: selbst der fleißige Italiener nur bedingungsweise als ein erwünschter Ankömmling gelten. Ganz abgesehen bou dem anarchistischen Element, das sich hier mehrfach mit einschlnuggelte, besteht gerade bei den Italienern ein System der Amerikagängerei, das entschieden nachteilig für Amerika ist. Massenhaft kommen die Leute nänckich aus Italien herein, nur um dnrch äußerste Sparsamkeit Geld zusammenzuscharren und dies daun nach der Heimat znrückzntragen. Tausende betreibe:: das aber in der Wb ist, daß sie alljährlich die Reise hin und her machen und während der Winierinonate in Italien verweilen. So sehr vom rein menschliche,, Standpunkte ans den armen Italienern diese Verdienstgetegenheit zu gönnen ist, so ist doch boin Standpunkte der amerikanischen WirischafiSpoliiit die Reaktion dagegen gewiß begreiflich.

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