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Jüdisches Volksblatt · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Ssite & Jüdisches Volksblatt 20. Februar 1903 Wien, Freitag l ' W-:- u ,! e! Ä - liilionc’fcfjn'r und stellvertretende,: Prediger in Magdeburg. Herr Dr. Leivloivitz zun: Reliaionslebrer in schneide,inlhl, Herr Dr. .Kälter ginn Prediger in Potsdam, Herr Tr. Clbogeii, bieder am Collegio rabbinieo in Florenz, ginn Dozenten >ni der Lehransialt für die Wissenscbaft des Jndentums in Berlin, Herr Dr. Griinthal, bic-ber stellvertretender Prediger und Religionslehrcr in Chemnitz, ginit Rabbiner in Lanenvnrg in Pontinern und Herr Dr. Postier, bisher Religionslehrer und später Rabbiner in Karlsruhe (Baden), Ztnit Rabbiner in Cottbus. Die Seminarbibliothek ninfaßr nach dem letzteii Abschluß 1U 111 Druckwerke in 22051 Bänden und 212 Handschriften in 2 IS Bänden. Tic befreundete Nation. Nus Paris lvird geschrieben: Herr Armand Baze, lltz'itglicd des Zenlral.Ovnsiswrinms ln Paris, veröffentlicht im „Uinvers sesraelile" einen Bericht der französischen Gesandtschaft in Petersburg über die demnächst ln Rußland in Geltung tretenden Taren, Zuschläge und Gebühren, welche die fremdcn Handelsreisenden«, die nach russischen Städten Lieferungsgeschäste machen, zu entrichten haben tverden. Das promulgierte Gesetz stellt den folgenden zweifachen Städte auf: Kris für die nachfolgenden Petersburg. Israeliten . 791 Rubel, Christen 216 Rubel Moskau. 791 272 Warschau ...... 287 Odessa.. , 871 255 Kiew . / 77 „ 922 Tiflis. 760 270 Lodz. 280 Wilna, Kowno, Bialystok . , 719 272 „ Bcrditscheff . 710 255 Astrachan. 765 275 „ Bei dieseit Beträgen ist die Grundtaxe für jüdische Reisende mit 500 Rubel, für die christlichen mit 150 Rubel angenontmeit worden. Für 18 andere Städte Russisch-Polens beträgt bei der gleichen Grundtaxc der zu entrichtende Gesamtbetrag für'die Inden 716 Rubel, für Christen 260 Rubel. Der Berichterstatter knüpft cm dieses „zweierlei Mas; der Gerechtigkeit" sehr richtige. Bemerkungen über die so oft pon Rußland und der französischen Republik ttt die Welt hinansgegcbcne Parole von dem „befreundeten und Verbündeten" Verhältnisse dieser zwei Nationen und fragt mit Recht: Was tvürde Rußland dazu sagen, wenn die französische Negierung nach der Regel der Reziprozität die russischen Handelsreisenden,^welche ttach Frankreich konunen, in der gleichen Weise besteuern würde und für die russischen orthodoxen Christen eine Taxe VLn 850 Francs, für die katholischen Christen eine solche von bloß 250 Francs festsetzen möchte? Es würde sofort den energischesten Protest gegen die „befreundete und verbündete" Nation erheben, bei welcher dasselbe Rußland seit einer langen Zeit her zahlreiche öffetckliche Anleihen — dank den aus Christen und Juden bestehenden Syndikaten — ausgenommen hat. Eine Erinnerung an Sir Josef S. Montefiore. Aus London wird der „V. Ztg." unter dem 19. Jänner geschrieben: Es war an einme Sonntag im September 1889, dem Jahre des großen Londoner Docker-Ausstandes, als ich, einer freundlichen Einladung "Folge leistend, den vorige Woche tu seinem Palast in H,Yde Park verstorbenen jüdischen Menschenfreund Sir Josef S. Montefiore, dem Neffen und Erben des Sir Moses Montefiore, auf feinem Landsitze East Cliff Lodge bei Ramsgate einen Besuch abstattete. Die Einzelheiten dieses Besuches traten wieder lebhaft vor mein Gedächtnis, als ich vor wenigen Wochen auf den'. Dampfer „Zwama" auf der Fahrt vott Marokko zwischen den gefürchteten Godwiit-Sandbänken und dem North Forelattd an der Küste von Kent vorbeifahrend, das auf der baumlosen Düne inmitten eines herrlichen Parkes stehcndeLaitdhaus erblickte, in dem ich vor dreizehn oder mehr Jahren gastliche Aufnahme gefunden hatte. Ich hatte mich damals, um mich voir den Strapazen des Docker-Ausstandes zu erholen, ttach dem Seebad Margate begeben und war auf einer Fußwanderung durch die geschichtlich merkwürdige Insel Thanet — natürlich ist es heutzutage keine Insel mehr — nach Ramsgate und von da ab nach der Each Cliff Lodge gekommen und hatte für den abwesenden Hausherrn meine Karte dent Pförtner übergeben. Die Einladung!var die Folge dieses Besuches gewesen. Ich wurde von der Mrs. Sebag Montefiore freundlich empfanget: und später von ihrem Gatten durch Gärtet: und Stallungen geführt, und man zeigte mir auch das Zimmer, in welchem Sir Moses in seinem 102. Lebettsjahre ruhig entschlummert war. Ter Ausblick vot: der Höhe der Düne aus das stürntische Meer und die Sandbänke bewog Sir Moses, sich hier anzusiedcltt. Bei meinem Besuche war der Hausherr noch eittfach Mr. Sebag Montefiore. Seit: eigentlicher Name war aber iticht Montefiore, sondern Sebag; doch hatte er die königliche Erlatibttis erhaltet:, den Familiennamen se'nter verstorbenen Mutter, die eine Schwester des Sir Moses Montefiore geivescn war, dem seinigen hiitzuzufügei:, als er die Erbschaft seines CHeims antrat und die Vertvaltttug der zahllosci: wohltätigen Attstaltet: tind Stistungei: übernahm, die der greife Barottel ins Leben gerufet: hatte. Mr. Josef Sebags Vater stammte atts Mogador, der vott mir Ettde vorigen Jahres besuchtet: marokkanischen .M'istettstadt, >vo sich die größte jüdische Kolonie Marokkos befindet. Er war in dei: Zwanzigerjahrei: des vorigei: Jahrhuitderts ttach Lottvou gekommen und seit: Sohn Josef war hier 1825 geborett. Josef Sebag war Börsenmakler und lvohl einer der letztet: Judet:, die ihres Glaubetts wegen dem Lord Mayor der City von London hohe Gebühret: für das Recht, an der Börse Handel zt: treiben, entrichteten. Die Montefiore'schc Erbschaft nötigte Josef Sebag, sein Geschäft aufzugeben und sich gäitzlich den wohltätiget: Attstaltet: zu Ividiuett, die seit: Oheim gestiftet hatte. Am Morgen meines Besucbes in East Eliff Lodge Ivies n:ir Mr. I. Sebag Montefiore das Bündel Briefe vor, die er in Sachen der von ihm geleitetet: Attstaltet: an jenem Tage geschrieben hatte. Der voi: Sir Moses Montefiore geführte Baronetslitel erlosch, tvurde aber später zugunsten des Sir Francis Montefiore erneuert. Sir Josef Montefiore erhielt 1896 von Lord Salisbury det: Rittertitel. Er tvar wie sein mütterlicher Oheim sehr loohltätig ui:d hat für die Verschönerung seines Landsitzes bei Rainsgate 20 000 Lstr. ausgegeben. Tic Lage der Juden in R u fr l a n d. Tie rechtliche Stellung der Inden in Rußland hat im verflossenen Jahre 1902 leider eine weitere, nicht unwesentliche Verschlechterung erfahren. Drei neue Gesetze, welche, wie alle in diesem materialistischen Zeitalter von den Antisemiten gegen die Juden unternommenen Schritte, dazu bestimmt sind, diesen den Kampf ums Dasein zn erschweren, werden die fortschreitende Prvletarisierung der russischen Inden um -ine weitere Etappe befördern. Zunächst ist es den russischen Anii- N r. S semitci: gelungen, eilten alten Lieblingswunsch zu verwirklichen und den Juden den Zutritt zn den reichlich fließenden Petroleum 'wetten von Baku zu erschweren. Tic ungesetzlichen Jndeimnswcisnngci:, durch tvelchc in Rußland alljährlich tausende von jüdi scheu Existenzen vernichtet werden, nahmen in den: vcrflosseuei: Jahre ihre:: nitgehindertcu Fortgang, und das Fest zur Erinnerung an den Auszug aus Egypten tvurde iit Hunderten voi: jüdischen Familien ans Akmolinsk in Südsibiricn und drin transkaspischen Gebiete nach Art der Väter mit den: Wnuderstabe in der Hand ge feiert. Auch in: eigentlichen Ansiedlnugsrayoi:, speziell in den Gouvernements Kiew, JcknterinoSlnw und Tannen, sowie längs der Grenzlinie des enropäischen Rußland fanden zahlreiche Auswcisttugcn statt, die nur tut Gouvernement Jekntcrinoslnw von: neuen Minister des Inner,: Hern: Plehwc bis auf weiteres inhibiert wurden. Bezeichnend für die Auffassung der Behörden sind die Answcisnngcn ii: der Mandschurei, wo Rußland von rechtSwegei: gar nichts zu sagen hatte und die nach wiederholter offizieller Versicherung ihren: rechtmäßigen Besitzer „inöglichst" bald zurückgegcben werden soll. Trotzdem wurde,:, kurz bevor mit dieser Zurückgabe begonnen werden sollte, die Inden noch rasch ans der chiucsischen Provinz nusgcwicsen. DaS Jahr 1902 hat bat russischen Antisemiten die längst vergeblich gesuchte Handhabe gebracht, das verhaßte Gesetz vom Jahre 1865 illusorisch zn machen und den jüdischen Handwerkern die garantierte Freizügigkeit ernstlich zu erschweren. In diesem Jahre wurden nämlich in Rußland die Zünfte aufgehoben und jedem gestattet, auch ohne im Besitze eines Meisterbriefes zn sein, sein erlerntes Handwerk anSzuübcn. So überflüssig aber die mittelalterliche Justittttion der Zünfte im 20. Jahrhundert auch ist, für den jüdischen Handwerker in Rußland war sie von großen: Wert, da nur die Zünfte durch die Ausstellung eines Meisterbriefes ihm die Onnlifikation und die Rechte eines Handwerkers verliehen haben. Bei der Aufhebung des Zunftwesens wurde nun diese freilich nur für die Juden wichtige Funktion der Zünfte gewiß nicht ganz absichtslos vergessen, so daß kein jüdischer Handwerker den Behörden gegenüber sich fortan als solcher mehr legitimieren kann. Damit ist der jüdische Handwerker ititit der Willkür des Tschinowniks prcisgegebcn, von dessen gutem Willen allein cs nun abhängt, ob er ihn als Handwerker anerkennen will oder nicht. Zahlreiche Gonverneure außcrhalb des Ansiedlungsrnyons haben sich tatsächlich bereits beeilt, durch Erlaß von willkürlichen Bestimmungen das Gesetz von: Jahre 1865 de facto aufznlüscn und dem jüdischen Handwerker die Auswanderung nach Zentralrußland zu erschweren, Gleichzeitig hat der „liberale" Finanzminister dafür gesorgt, daß der so im Ansiedlungsrayon festgehaltene jüdische Handwerker sein Los nicht etwa durch Errichtung von Kreditgenossenschaften erleichtern könnte. Ein im letzten Viertel des nbgelanfencn Jahres erfolgter Erlaß ordnete an, daß der Verwaltnngsrat einer solchen ausschließlich von Juden begründeten Genosienschaft zu zwei Drittelt ans Christen bestehen mnß. Damit ist der aussichtsreiche Versuch der jüdischen Handwerker, ihre Lage auf dem Wege der Selbsthilfe zu verbessern, im Keime erstickt worden. Aus Südafrika. Englische Kanfleute in Südafrika scheinen die Raitd-Millivnäre jetzt als .Juden und als Deutsche bekämpfen zn wollen, und ihre Anschuldignuget: finden auch in der Lottdoner Tagespreise Raum, ohne daß dieser Presse eittfiele, daratif aufmerksam zt: machet:, daß die Atigeschnldigken längst ihrer Nationalität und ihrer Gesinnung ttach Stock-Englättder, ja znm Teile sogar Jingos geworden sind. Die den Millionären feindlich gesitnttcn Herren ii: Südafrika wissen aber sehr gut, daß inan einen Mann i>: Euglaitd verhaßt machen kann, wenn man ihn einen „Deutschen" nennt, und daher ist wahrscheinlich diese merkwürdige Mischung von Antisemitisnnis und Deutschenhaß zn erklären. Wir geben nachstehend die Klage eines Kapkausinannes Ivicder, die in den: „Daily Chroniele" Abdruck gefnndet: hat: „Ich ziveifle nicht im mindesten daran, das; Chambcrlains Besuch in jeder Beziehung tvohltuend ivirken lvird. Die härteste Nuß, die er zn kitacken Hai, ist die Beseitigung der Suprematie der deutschen Inden in Johannesburg und dannt in Transbaal. Das Vorgehen dieser Leute ist einfach tprainnsch und sie haben mit Erfolg die öffentliche Stinnne erstickt, indem sie die Presse aufgekauft haben. Einige Blätter sind bereits ganz unter ihren: Einfluß und augenblicklich schweben Verbandlnngen über den Aitkanf dreier lveiterer Eap-Jeitnugen. Cs ist einfacb traurig, zn sehen, ivie Tausende so demoralisiert sind, das; sic diesen Leuten ihr Geivisset: und ihre Stimmen verkanfen. Es ist ein Hans vorhaitden, dein alle anderen Firtnengruppen untergeordnet sind, das ist die Firina I. B. Robinson. Diese Firmen bilden einen festen Ring; die Bergwerlskaminer ist nichts weiter als ein Scbeiugebilde niüer ihrer Aufsicht. Man ist gespannt darauf, lvas Chawberlain tut: wird. Diese Frage ist bei loeiten: die wichtigste, die ihn: gestellt ist, aber cs ist unntöglieh, daß er sie einfach unangerührt lassen sollte." Ans den Kolonien. Das verstrichene Jahr Uxir für die Kolonisten ein sehr qünstiqes, da infolge des guten lind regeluläßthen Wetters die Weinernte sehr gut ausgefallen ist. Der qanze Wein wurde diesmal verkauft, lind Zwar fand er seinen Absatz nicht! mir in Europa und Amevika, ivie früher, sondern alich in Palästina selbst. Das Einvernehmen der Kolvnistein mit der Adiuiiulhration der „Jen" ivar ein Ziemlich qutes, dank der guten Ernte und der besseren Behandlung dev Mvlouisteu. Es ivurden in diesem Jahre auch viele neue Grundstücke, erivvrben. So zum Beispiel kaufte die „(^csellschast zur Unleistützuiiq jüdischer Ackerbauer iu Syrien und Palästina" in Odessa ein Stück Land für die jüdischen Arbeiter. Auch Rothschild' erwarb in der. Umgehend von Tiberia folgende Plätze: Dulajica, Jama, Mascha und Abadja. Die der „Jen" gehörenden, aber bisher brachliegenden Landesgebiete Ledchch'-a, Adlit und Burdzi'i ivnrdeil von jüdischeil Kolonisten besetzt. Das Knllnrnivean stetst auch ümuersort. Eine weittragende Bedeutung hat alich der Erlas; der türkischen Regierung, wonach die Kolonien, die früher als Bovorte der nächsten StädVe lJaffa, Rainlah, Ga.za nslv.) betrachtet luitrbcn, jetzt „D ö r f e r" w e r d e n m t t S e l b st v e r w a l - t n u g l Mostar) und selbschewählten Bäten, die zwischen, der R'egicrnng lind den Kolonien zu vermitteln hoben. („Welt".) (Eine Antwort.) In &er_ letztet: Zeit, innnittelbor bor den: Jahrestvechscl,, lvurde in diesen: Blatte lvieder die Frage anfgelvvrsen: Welche Sprache sollen ivir Jüdischnationalei: als Nationalsprache annchinen oder zumindest theoretisch aiterkennen? Die Anregung zu dieser Polemik oder besser gesagt, die Polemik an und fite sich, ging diesmal von Herrn Lnbetzlh aus, der enlgegei: der eingangs seiner Ausführungen abgegebenen Versicherung, er tvolle keine Polemik eiüfachen, und entgegen seines in gleichen: Sinne ausklingendei: Schlnßrcfrains, der hebräischen Sprache und ihrer Literatur geradezu das Leben, ja sogar die Berechtigung znm Leben absprichk. Eigentlich sollten tvir Herrn L. bon: Herzen dafür dankbar sein, daß er diese Frage nochinals aufs Tapet gebracht hat. Denn durch diese Polemik, oder tvie es Herr L. will, Diskussion, wird, glaube ich, endgiltig feslgeslellt werden, das; lute heute nur die hebräische Sprache als Nationalsprache anerkennen und annehmei: müssen, und tvird auch dann vielleicht Herr L., eines Bessere» belehrt, seit: Haupt reumütig beugen und mitstimmen in den Ruf: „Ihr habet recht, der Jargon kann unmöglich Natioimlsprache sein" .... Und nun zur Sache selbst. Mit de:n Erwachen des jüdischnationalen Gedankens, mit der Wiederauflebung des in den Herzen des Volkes schlummernden Zionismus Ivurden ztvct Fragen, die gewissermaßen' die Existenzberechtigung eines Volkes bedingen, akut. Man fragte sich nämlich: Besitzt auch das jüdische Volk jene spezifischen Eigenschaften, die die Existenz eines Volkes unwiderlegbar beweisen? Besitzt das jüdische Volk ein Land und eine Sprache? Und siehe da, lvenn auch die Meinnnge» bezüglich des ersten Problems und dessen Realisiernug, obgleich nicht gerade diainctral, so doch geteilt waren, indem die einen ihr Augenmerk nur auf Palästina richteten, mit der Motibierung, daß dieses Land noch heute im Herzen eines jeden Inden als das Land seiner Ahnen enlpfunden und deswegen auch geliebt wird, diese Männer also dem Zukunftsideale huldigen, die anderen hingegen, die Jüdische Volkspartei, in erster Linie Gegenwartspolitik betreiben, hinsichtlich des zweiten Problems lvaren alle dahin einig, daß es nur die hebräische Sprache sein könne. Denn die hebräische Sprache ist gewissermaßen das einigende Band, die Fahne, unter die sich die Juden aller Herren Länder scharen, ist die Sprache, in der unsere Propheten gesprochen, unsere Dichter gedichtet, unsere Sänger gesungen haben. Unsere kostbarsten durch nichts zu ersetzenden Geistessätze sind in ihr niedergelegt. Schon aus diesen Gründen allein müßten tvir, einem berechtigten Pietätsgefühl folgend, die hebräische Sprache zur Nationalsprache machen. Aber es kommt noch ein anderes weit wichtigeres Moment in Betracht, das entscheidend in die Wagschale fällt. Es ist nämlich eine feststehende, nicht hinwegzuleugnende Tatsache, daß nebst der Religion die Sprache der maßgebendste Faktor war, der das Wjesentlichste zur Erhaltung des jüdischen Volkstums im Exil beigetragen hat. Welche Fülle bon Geistesarbeiten auf sämtlichen Gebieten sind in der Diaspora entstanden! Welcher Schatz unschätzbarer Gedanken, Meinungen und- Anschauungen unserer Geisteshelden aller Zeiten sind in dev hebräischen Sprache niedergelegt I Sollen wir nun heute diese Sprache, in der unsere Gesamtliteratur geschrieben ist, einfach über Bord werfen und im Handumdrehen über sie den Stab brechen?' Das hieße ja uns selbst ein geistiges Armutszeugnis ausgestellt, unsere umfangreiche tind vielumfassende Literatur begraben zu haben, die Literatur, auf der wir so stolz sind, in der sich der Geist unserer Heroen aller Zeiten so klar widerspiegclt, der Heroen, die mit goldenen Lettern in unserer Geschichte verzeichnet sind. Und welchen Ersatz bietet man uns dafür? Den Jargon!! Ein buntes Kauderwelsch, ein Gemisch von Floskeln, Verstüminelungen und Verdrehungen von Worten aller Sprachen der Welt! Ohne irgend tvelchen theoretischen oder grammatischen Aufbau ist der Jargot: lediglich eine Zusammensetzung verstümmelter deutscher Worte, denen sich in den berschiedenen Lättdern eine Menge bon Floskeln und Terntinis tcchnieo zngesellten. Im übrigen tvürde cs zn weit führen und über den Rahmen eines gewöhnlichen Artikels hinausgehen, wollten Ivir den Jargon anatomisch nach seinen Bestandteilen zerlegen. Es genügt, die Hauptsache fcstgestellt zu haben. Wenn nun auch nicht geleugnet werden kann, daß der Jargon,, den die Inden in der langen Golnsperiodc notgedrungen infolge ihrer numerischen Schwäche und politischen Machtlosigkeit angenommen haben, vielleicht eine „Fundgrube für manchen Psychologen" bilden könnte; als National- und Literaülrsprache ist er geradezu verwerflich! W>er die vorhandene äußerst dürftige Jargonliteratur gesehen, muß zur Erkenntnis gekommen sein, daß der Jargon das Obsolete und Anstößige, das Possierliche und Scherzhafte geradezu meisterhaft schildert, sich zur Entfachung von Lachsalve:: besonders eignet, niemals aber, oder nur in den seltensten Fällen auch welche ernste Saiten aiizuschtagen fähig ist. Wie zwerghaft klein erscheint sogar ein Jargontverk Schnitters gegenüber einer Schrift Smolenskys! Welcher patetischer Geist spricht ans den Werken der hebräischen Literatur! Bein: Lesen eines solchen Werkes tverden wir nicht nur geistig reicher, wir finden Trost in: Elend, spüren deutlich aus de»: Klopfen unseres Herzens und der Bewegung unseres ganze,: Orgatwsnnis niiseren enget: inneren Zusammenhang mit unserer alten Sprache mid erkennen die Wirkung des von unseren Weisen gestifteten Dreibundes: Gott, Israel und die heilige Schrift bilden einen einzigen nntrennbarcir Körpers Die! Werke idetß hebräischen Literatur spenden uns ans ihrem reichen Amalteahorn Hoffinnig und Trost für die Zukunft und schlagen >:nr Saiten des echt Jüdischen an, die daitn nachhaltiger Ivirken und in unseren Herzen heftig vibrieren. „Ja, wendet Herr L. ein, Hebräisch verstehen bloß einige hnnderttausend Inden, während die restlichen 10' Millionen sich des Jargons bedienen." Mit Verlaub Herr L.l Wenn Sie wirklich so ein Kenner tvie ein Verfechter des Jargon sind, dann wüßten Sie wissen, das; der Jargon in den verschiedenen Ländern ein anderer ist. Der russische Jargon ist ganz verschieden von dem polnischen, wie dieser vom rumänischen. Wlelchein Jargon sollen Ivir denn den Vorzug geben und ihn zur Nationalsprache machen? Offenbar den russischen, da Rußland die größte Zahl der Inden anfweist! Abgesehen aber, das; sich die anderen Jargon sprechenden Inden gegen dieses Bevorzugen anflehnen werden und den Inden Frankreichs, Deutschlands und der anderen Länder nie und nimmer das Verständnis und Interesse für den eigentümlich anslantendett Akzent des rnssischen Jargon tvird beigebracht werden können, die Jargon sprechenden rnssischen Inden selbst, von denen 70 Vertenl Hebräisch verstehen, werden das Hebräische um keinen Preis für den trockenen Jargon vertauschen tvollen. Diese Tatsache allein schon genügt, alle Gründe, die für den Jargon sprechen könnten, zu loiderlegen und ihre Absurdität zn beweisen. Das lehte Argnment endlich, das man gegen das Hebräische v'N'bringt. ift so Im,in stichhältig, daß ich es ganz anßeracht lassen könnte. Blinder Haß oder pure Unkenntnis mir könnten den Eintvand erheben, das; das Hebräische eine tote Sprache sei, der die meisten modernen Ausdrücke fehlet: und die noch heute die Fonn des allen Bibelbehräisch beibehalten habe. Wer die Erzeugnisse des sogenanntei: Nenhebräischen in den letzten Jahren gelesen, wird das Gegenteil Hierbon gesehen haben. Die hebräische Sprache ist heute eine lebendige, eine Sprache, deren Jdionte allein öei jedem Nichtkenne'r Bewunderung herjk-.jrnfen. Füö ihre Lebendigkeit

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