Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. Februar 1903 Seite 5 Baja. Ich freue mich wahrhaftig, daß ich iu der Lage bin, Ihrer geschätzten Wochenschrift einen Fall mitzuteilen, der in den Kreisen der nationalgesiunten Juden einige Ueberraschuug verursachen wird. In unserer Gemeinde lebt ein aus der Fremde eiugewanderter Jude, der sich weigerte, die „Vundesaufnahme" an seinem Sohne vollziehen zu lassen. In früheren Jahren trat er dem Verbände der „Chewra Kadischa" bei, jetzt wollte er auch seinen Sohn in den Verein aufnehmen lassen, und der Vorstand der Chewra verweigerte entschieden die Aufnahme. Dieser Mann wandte sich an die Verlvaltungsbehörde des Komitats, die sich diesbezüglich keinen Rat geben konnte. Da trat in der Versammlung der Direktor des Bajaer Gymnasiums, Gustav Fölker, Mitglied des Zisterzienser-Ordens, und demonstrierte, indem ohne Taufe niemand ein Christ sein kann, so kam: der auch nicht als Jude gelten, an welchem die Vundesaufuahme nicht stattfand. Diesen Beschluß akzeptierte der Vcrwaltuiigsausschus; und der Petent Ivurde abgewiesen. In Szegedin hat der Rabbiner Dr. Lötv es längst durchzusetzen verstanden, das; Verstorbene ohne Vundesaufnahme auf dem Cheivra-Plahe nicht begraben werden dürfen. Bei uns in Ungarn kommt alles Irreligiöse, Assimilatorische von Pest; dort ist der Sitz des Uebels, und die Proviuzgcmeindeu sind zuweilen ohnmächtig, inn Widerstand leisten zu können, —d. Die Ungarische Israelitische Literarische Gesellschaft hielt im Prunksaale der Schule inder Sip-uteze einen Vortragsabend. Der erste Vortragende war der Oberregisseur des Magyar Szinhaz Wilhelm Szilagyi, der mit gewohnter Bravour fünf Gedichte Heinrich Lenkeis unter dem Gesamttitcl „Gott" deklamierte. Autor und Vortragender teilten sich in den reichlich gespendeter! Beifall, den zlveiten Vortrag hielt Bernhard Mandl über „Die wirtschaftliche Rolle der ungarländischcn Juden im 18. Jahrhundert". Zum Schlüsse sprach Ernst Mezei über den „Zionismus als jüdisch-nationale Idee". Sämtliche Vorträge lvurden lebhaft applaudiert. Aus dem Königreiche Galgoczy. Der „Kurjor, Lwowski" verzeichnst die große Zahl der in der Przemysler Garnison vorkommenden Selbstmorde. Zur Illustration führt das Blatt folgende Tatsachen an: In dem Dorfe Piklllice bei PrZcimysl seien in den letzten drei Tagen zwei; in Przemysl selbst ein Selbstmord vorgekomnieu. Die Namen der Soldaten intb die Gründe der verübten Selbstmorde werden —■ wie der „Kurier Lwowski" meldet — von der Militärverwaltung geheim gehalten. Im Laufe dieses Jahves seien im ganzen sieben Selbstmorde und drei Selbstmordversuche in der Przemysler Garnison zu verzeichnen, also jeden vierten Tag ein Selbstmord oder Selbstmordversuch. Das Blatt erklärt: Wir machen die polnischen Abgeordneten auf diese Vorfälle aufmerksam. — Wie erinnerlich, haben wir vor kurzem eine ähnliche Statistik aus bcfmi Przemysler Korps nach Angaben des sozialdemokratischen „Naprzod" Wied erg eg eben. Wir sind begierig, ob die galizischen Abgeord>not!en diese ungewöhnlichen Vorfälle in dev bevorstehenden Debatte über die Wehrvorlage gebührend zur Sprache bringen werden. Kreditinstitut für jüdische Gewerbetreibende und Beamte, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung. Sonntag den 8. März, 11 Uhr vormittags, findet im Stiftersaale des Kiaufmännischm Vereines, 1. Bez., Johannesgasse 4, 1. Stock, di!e zweite ordentliche Generalversammlung des Kreditinstitut für jüdische Gewerbetreibende und Beamte statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Rechnungsabschlusses pro 1 März bis 31. Dezember 1902 und Erteilung des Absolutoriums an den Vorstand und den Aufsichtsrat. 2. Ergänzungswahlen in die Direktion und den Aufsichtsrat. 3. Beschlußfassung über die Verwendung des Reingewinnes. 4. Statutenänderung. 6. Anträge der Mitglieder. Ausland. Heinrich Heines Nachlaß. Aus Frankfurt a. M. wird geschrieben: Non Heinrich Heines Neffen, Herrn Baron v. Embden- Hamburg erhielt die „Frkf. Ztg." folgende Zuschrift: „Der Berliner Börsen-Cvurier von: 23. v. M. enthält von Paris eine Notiz, daß nach dem Tode Heinrich Heines ein großer Teil seiner nngedruckten Werke, Memoiren und Briefschaften verloren gegangen oder von der Familie Heines beiseite geschafft wurden und jetzt in Paris verkauft werden sollen. Als Testaments-Exekutor des literarischen Nachlasses Heinrich Heines erkläre ich, daß was von nngedruckten Manuskripten vorgefnnden, bereits veröffentlicht tvurde, das; also Heines Familie nichts beiseite geschafft hat und von ihr auch jetzt nichts zmn Verkauf nusgeboten wird. Die rninderivertigen Papiere des Nachlasses, bereits gedruckte Manuskripte und die an Heine gerichteten Familienbriefe, Geschäftsbriefe von Campe und befreundeten Schriftstellern, letztere in R. Fleischers Deutscher Revue veröffentlicht, waren unter Obhut der Witwe Heines in Paris verblieben. 1883 starb diese, ohne ein Testament znrückgelassen zu haben, und die Papiere lvurden von Herrn Julia als Bevollmächtigten der Rechtsnachfolgerin Frau Fandet, geb. Mirat, im Dorfe Viuot, einer Kusine der Frau Mathilde Heine, als zum Nachlaß gehörend mit Beschlag belegt. Jetzt werden sie von den Erben Julias, nach zwanzig Jahren vergeblicher Verwertungsverluche, unter neuer Reklanre ansgeboten." Eine internationale Friedhofsangelegenheit. Ans Bern wird gemeldet: Schon seit einiger Zeit gingen die Israeliten der Stadt Basel mit dem Gedanken um, bei Basel einen israelitischen Friedhof zu errichten. Wie verlautet, lvurden die Israeliten bisher in Hagglingen (Baden) beerdigt, wo aber nun Platzmangel herrsche. Schon früher hatten sich die Baseler Israeliten mit dem Projekt der Errichtung eines eigenen Friedhofes auf Baseler Koutousgebiet beschäftigt, lvnren jedoch dabei auf Widerstand bei den Baseler Behörden gestoßen. Diese nahmen den Standpunkt ein, konfessionell getrennte Friedhöfe, ob es sich nun um katholische, v rote stautische oder jüdische Friedhöfe handle, seien nur geeignet, die Religiousgegensätze zu verschärfen. In der Tat fordert die auf Artikel 63 der Bundesverfassung sich stützende buudesrechtliche Praxis, das; alle in der Gemeinde Verstorbenen in der Regel der Reihenfolge nach beerdigt lverdcn sollen, und daß lveder Stand, noch Konfession, noch Todesart, noch andere Umstände Ausnahmen zulnssen. Judeufriedhöfe scheinen indessen buudesrechtlich nicht unzulässig zu sein. Wenigstens spricht sich der Bundesrat in einen! Bericht vom 21. Mai 1876 folgendermaßen aus: Dagegen können wir nickl finden, daß von Bundeslvegen untersagt lverdcn dürfe, daß einzelne Religiousgenossenschasten, lvie z. B. die Juden au Orten, wo sie zahlreich vertreten sind, eigene Friedhöfe aulegeu, oder daß in einer paritätischen Gemeinde mit einem einzigen Friedhof eine Benützung derart stattfinden soll, das; die eine Hälfte von dieser, die zweite von der anderen Konfession benützt wird." Die Israeliten ln Basel scheinen von den Baseler Behörden die Bewilligung zur Errichtung eines separaten jüdischen Friedhofes bereits erlangt zu haben. Allem die benachbarten Elsässer finden, der Friedhof käme zu nahe au menschliche Wohnungen zu liegen. Sie beschwerten sich vcim elsässischen Ministerium, das sich an das Auslvärtige Aint in Berlin lvaudtc. Nach einer Notiz der „Baseler Zeitung" hätte der deutsche Gesandte im Aufträge des Auswärtigen Amtes den Bundcsrar ersucht, die Ausführung des Projektes nicht zu gestatten. Es war mir im Bundesratshaus nicht möglich, die Nichtigkeit der Nachricht zu kontrollieren. Dein politischen Departement und Jvstizdepartcnlent sind aus Basel Zuschriften zugegangen, welche gegen den projektierten Friedhof Stellung nehmen. Die Aktenstücke haben den Fehler, daß die Unterschriften darauf mangeln. Glatz. In dem Gebirgsorte Glatz gibt cs von aliersher ein sogenannte „Judengasse", deren Taufe in der letzten ^-tadtverordueten-Sitzung dieses guten Städtleins einer eingehenden Beratung unterzogen wurde. Eine Anzahl Bewohner dieser Gasse hatte nämlich eine Petition cingereicht, das; der Name in „Kouviktstraße" umgeändert werden möchte. Als Grund für diese Bitte wurde angegeben, das; einerseits in der Bezeichnung „Judengasse" ein verächtlicher Beigeschmack liege und andererseits Dort überhaupt keine Juden wohnten. Es entspann sich nun eine längere Erörterung darüber, ob die Bezeichnung „Jude" in einer Kombination mit „Gasse" oder „Straße" wirklich etwas Verächtliches an sich habe. Stadtverordneter Brauereibesitzer Natau Zimmermann erklärte, daß er nichts Verächtliches in der Bezeichnung finden könne, und daß schon aus historischen Gründen die Beibehaltung des alten Namens wünschenswert wäre. Justizrat Kühne vertrat den Standpunkt, daß in der Tat in der alten Bezeichnung etwas liege, das die Anwohner der Judengasse verletzen könnte, Daß man andererseits den Wünschen dev Bewohner nachkouimen müsse, so weit sie nicht gegen das allgemeine Wohl verstoßen. Eine ganze Reihe von Glatzer Stadtverordneten schlossen sich der letzteren Ansicht an. Auf Vorstellung des Bürgermeisters tvurde sodann die „Judcngasse" nicht in eine „Konviktstraße", sondern in eine „JuDenstraße" umgetauft. Björnson und der Antisemitismus. „Als ich meine Pelzmütze kaufte", so nennt Björnson eine kleine Geschichte, die soeben durch die europäische Presse geht. „Es war am 31. Dezember 1881. Ich ging in Chicago von einem Pelzwarenladen zum anderen; es tvar plötzlich kalt getvorden, und ich wollte mir eine warnie Pelzmütze leisten. Die vorrätigen waren nicht groß genug, und kein Kürschner wollte mir fest versprechen, zum nächsten Vormittag 11 Uhr eine fertigzustellen. „Jetzt bleibt nur noch ein Geschäft," sagte mein Begleiter, „freilich das größte von allen, vielleicht gelingt's dort!" Bald standen wir vor 101—106 Washington Street, Hatter und Manufakturing Furrier, Dr. Ledemer. Während wir vor dem langen Ladentische Mütze auf Mütze probierten uud alle wiederum zu klein waren, kam der Geschäftsinhaber. Wir fragten ihn, ob er bis zum nächsten Vormittag 11 Uhr eine Kappe fertigstellen könnte, und' auch er verneinte umgehend. Ich sagte zu meinem Begleiter: „In Norwegen würde der Kürschner bejaht haben — und hätte die Mütze zwei Tage später geschickt." „Nicht allein in Norwegen," antwortete mein Begleiter mit amerikanischer Ueberlegenheit, „sondern in ganz Europa, Frankreich vielleicht ausgenommen. Wenn ein Handwerker so in Amerika verfahren wollte, würde er als unzuverlässig angesehen werden und könnte seine Bude schließen." Während dieses Gespräches hatten wir auf den Geschäftsinhaber nicht geachtet. Er hielt jetzt ein Fell in der Hand und sagte: „Sie sollen die Mütze morgen um 11 Uhr haben." Er breitete das Fell auf dem Ladentische aus und bemerkte, wir müßten es wählen, nur einmal habe er schon ein ähnlich schönes gehabt. Er belehrte uns, lvie wir uns selbst von dem Werte eines solchen Felles überzeugen könnten. Ich mußte den Mann ansehen, denn er hatte feine Gesichtszüge. Er war dunkelhaarig und schlank, glich lveder einem Engländer, noch einem Deutschen. Mein Begleiter sagte, er sei Franzose. Am nächsten Morgen stand er selbst um 9 Uhr mit der Mütze in rneinem Zimmer in Palrner House. „Sie kommen selbst? Uud so früh?" — „Ja. Während Sie vor dem Ladentische standen und mit Ihren Freunden sprachen, kam eines meiner Ladenfräulein zu mir und bot mir an, zusammen mit einer Freundin nach Geschäftsschluß die Mütze herzustclleu." Ich war förmlich gerührt. „Wohl eine Norwegerin?" sagte ich. „Ja, sie ist aus Norwegen." Ich bat ihn, sie uud ihre Freundin zu grüßen uud ihr zu versichern, sie habe mir eine Freude gemacht. Ich probierte die Mütze vor den: Spiegel uud fand sie ersten Ranges. Ich bezahlte, vergaß die beiden Mädchen nicht, beschaute die Mütze und verivunderte niich, daß der Manu nicht fortging. In meiner Freude hatte ich gar nicht bemerkt,daß er sich ganz anders als gestern benahm, sah kaum, lvie bleich er lvar. Er sagte: „Da ich jetzt weiß, wer Sie sind, komme ich selbst, um eine Frage au Sie zu richten." Er stockte uud blickte vor sich hin. Ich ließ ihm Zeit, denn ich begriff, daß ihm etwas schwer am Herzen lag. „Ich bin ein Jude," sagte er. „Ich habe gehört — aber ich habe es nicht glauben wollen, in Europa wäre eine Judenverfolgung ausgebrochen. Ist es wahr?" Er blickte mich so seltsam an, daß es mir schwer, fiel, nnilvorten zu müssen: „Ja, cs ist wahr." Er fuhr etwas zurück, wich meinem Blicke aus, setzte sich hin und weinte. Er weinte lvirklichl Schon lauge hatte ich mich selbst über die Strömung geärgert, die mau später Antisemitismus nannte. Ohne ihren späteren Umfang zu ahnen, ohne zu wissen, wie viel Böses sie anrichten würde, empfand ich sie als einen unheimlichen Barbarismus, einen Appell an schlechte Leidenschaften. Aber cs lvirkt doch seltsam, vor einem Manne zu stehen, der die Leiden seines Volkes mit seinem Jnneugefühl verschmilzt und cs mitbewciut. Auch iu diesem Falle werden die feinsten Naturen am tiefsten verletzt, sebst lveun sie tausende von Meilen entfernt sind. Aus dem innersten Verlvandtschaftsgefühl schluchzte er über das Unglück seines Stammes. ES hörte ja nie auf. Dieses Volk konnte ja keinen Frieden genießen und darin die gesunde Selbstvergesseuheit finden, deren lvir anderen nicht entbehren können. So oft mir seitdem die Spuren jener uaauslöschlichen Vorurteile schrecklich entgegeugetreteu sind, sah ich dieses feine, traurige Gesicht vor mir, hörte ich dieses Schluchzen. Während der Drezfns-Frage in vielen wachen Nächten, an manchem bangen Tage. Ich deutete es mit einigen Wtzrten an, die ich auf ein Bild schrieb, das ich ih>n kürzlich schickte. Hanffstängel in München hatte es mit der Mütze ausgenommen. Er photographierte auch ein Porträt, das Franz Lenbach mit der Mütze gemalt hatte. Herr Ledemer hat mir wiederholt geschrieben. Ein Brief, den er nur zum letzten Geburtstage schickte, brachte mich auf den Gedanken, ich solle vielleicht anderen erzählen, was ich am Neujahrsmorgen 1882 in Palmer House iu Chicago lernte. Vjörnstjerue Björnson." Missionsarbeit. Aus Basel wird geschrieben: Die der Verbreitung des Christentums unter den Juden gewidmete Monatsschrift „Ziousfreuud" bringt von hier folgende Notiz: „Profeffor Dr. Heman sagte iu seinem diesjährigen Berichte Der von ihm geleisteten Arbeit: Die Missiousarbcit unter den Juden umfaßte eine Reihe von Ländern und Provinzen. In der Schweiz, Württemberg, Baden uud Elsaß-Lothringen wurden 76 Orte besucht, lvo Juden ivohnen. Die Arbeit unseres Missionars lvar keine leichte. Denn gerade iu diesen Ländern haben die Juden ihre religiöse Gesinnung meist eiugebüßt, sind nur noch aus Gewohnheit der Synagoge zugetan; viele sind ganz irreligiös und ungläubig, und auch die, die noch dem Judentum anhangen, sind in jüdischen Dingen und itt der Bibel ganz unwissend, so daß es außerordentlich schwer ist, ein religiöses Gespräch mit ihnen zu führen uud ihr Herz dafür zu erlvärmeu . . . Aber Gott sei Dank hat unser Missionar doch auch viel Erfreuliches zu berichten gehabt, lvo sein Wort auf ein gutes Land und auf fruchtbaren Boden siel. Wie manches Herzerquickende könnten lvir da erzählen, tvenn es schicklich lväre und die Zeit reichte." Der Herr Professor bekundet, indem er das, was sein Herz erquickt, als nicht schicklich bezeichnet, eine so rührende Naivität, das; man auch das, was er über das Unzulängliche seiner Zeit sagt, nicht auf die Goldwage legen wird. Wer diese unsere Nachsicht nicht teilt und etlva frägt, lveun man in einem Berichte über die bisherige Tätigkeit keine Zeit zu berichten findet, lvo und wann man sie dann finden soll, der kennt die einschlägigen Verhältnisse und die darüber beliebte Berichterstattung schlecht. Wenn der Himmel Herrn Professor Heman jeden Tag eine Stunde mehr Zeit schenkte, als anderen Sterblichen, so hätte er doch nicht mehr zu berichte!!, als er bei seiner knappen Zeit berichtet. Nicht nur aus Schicklichkeitsgefühl, sondern weil es eben nichts zu berichten gibt. Deshalb erfährt mau auch nie die Naineu der getauften Söhne und Töchter Israels aus diesen Missiousberichten. Nomina sunt odiosa. . Der einzige Name, der in dieser Notiz genannt wird, der Herr Missionar Laub, genügt, um einem den Geschmack nach den übrigen zu verleiden. Es ist ein Meschumed aus Sniatyn (Galizien), woselbst sein Vater als Chassid lebt. Wenn man dies sauersüße, gottselige Gcsalbader dieses Herrn liest, bekommt man eine Ahnung von der Secleustimmung, lvie sie Friedrich den Großen erfüllt haben mag, als er seinen bekannten Ausspruch tat: „Und mit diesen Mameluken muh ich mich herumschlagen I" Aber lernen kann man doch Manches aus den wenigen Zeilen des Referats. Wenn nach dem Sprichwort Zeit — Geld ist, so braucht deshalb doch noch nicht Geld — Zeit zu sein. Denn Geld haben die Herren, sie bekommen es von allen Seiten, und sie haben trotzdem keine Zeit, darüber zu berichten, was sie alles Herzerquickende von ihren Missionaren mitgeteilt bekommen. In der mir vorliegenden Nummer sind die eingckaufcuen Spenden eines Monats für Mission und den Zionsfreund verzeichnet. Ich habe 110 Spender und Spenderinnen gezahlt, darunter Pastoren, Schneidermeister, Jnstitutslchrer, Generale, Gräfinnen u. a. m. Die höchste Spende beträgt 63 Mk. 75 Pfg., und die niedrigste 20 Pfg. Welche Vorurteile, welche schiefe Ansichten über Judentum und Christentum müssen in den Kreisen, aus welchen diese Spenden stammen, noch herrschen, wenn sie für die Belehrung der Juden zum Christentum noch so viel Geld übrig haben I Das Merkwürdigste aber ist, daß nicht einer der 110 Spender uud keine der Spenderinnen mit Namen genannt ist; sie figurieren nur mit den Jnitialien ihrer Namen. Ob sie ebenfalls keine Zeit haben, ihre Namen auszuschreiben, ob sie das, wofür sie ihr Geld hergeben, auch nicht für schicklich halten, oder ob es zartsinnige Verschämtheit ist, die mit ihren Namen nicht prunken will, das bleibt dein Ermessen desjenigen überlassen, der diese Gaben und Geber aufmerksam mustert. Die Unkenntnis ihrer eigenen heiligen Schriften, auf die mau bei vielen Juden in hiesiger Gegend stößt, ist eine so betrübende Erscheinung, das; ich ihr bislang auch nicht den leisesten Schimmer einer Lichtseite abzugewinnen wußte. Die Lektüre dieses Berichtes zeigt jedoch, das; auch die Unwissenheit ihr Gutes hat. Wenn diese Unwissenheit zur Folge hat, daß Prädikate von dem Kaliber des Herrn Laub und Genossen solche Herzen nicht zu erwärmen vermögen, so sieht man, das; selbst Irreligiosität und Unglaube ihre Vorteile haben können. Aber es gehört eine große Dosis gutmütiger Gläubigkeit dazu, dieses Geflunker ernst zu nehmen. In der Bibel heißt es: „Siehe, die Kinder Israels hören nicht auf mich, wie wird mich Pharao hören?" Wären die Herzen der Wissenden und Gläubigen leichter zu erwärmen, als diejenigen der Unwissenden uud Ungläubigen, so müßte es umgekehrt heißen. Vor Jahr und Tag kam Herr Laub in der Schweiz einmal in einen Kreis religiöser und nuterrichteter jüdischer junger Leute, und gab sich bei ihnen für einen geborenen Christen aus. Er erzählte ihnen, daß er auch Talmud studiert habe. Auf die Frage nach dem Traktat erwidert er: Chüllin. In seiner Unwissenheit hatte er keine Ahnung, das; er mit diesem einen Worte seine Abstammung verraten hatte. Das homerische Gelächter, das auf diese Antwort folgte, hat er gewiß seinen Soldgeberu als Beweis für seine Kunst. berichtet, religiöse Gespräche anzukuüpfen und, wenn auch nicht die Herzen, so doch das Zwerchfell zu erschüttern- Aus dem theologischen Seminar. Aus Breslau wird geschrieben: Das jüdisch-theologische Seminar (Fränkel'sche Stiftung)' veranstaltete am 27. v. M. im Festsaale der Anstalt die Gedächtnisfeier für seinen am 27. Jänner 1846 verstorbenen Begründer, Kommerzienrat Jonas Fränkel, mit welcher Festlichkeit gleichzeitig die Feier von Kaisers Geburtstag verbunden tvar. Eingeleitet tvurde der Festakt mit dem Gesäuge des Psalm 16, vorgetragen vom Seminarchor. Hierauf hielt der gegenwärtige Vorsitzende des Lehrerkollegiums der Anstalt, Herr Dozent Dr. Braun, die Festrede; er ging in seinen Ausführungen von der Rede aus, welche der Kaiser bei seinem Besuche in den Ostinarken gehalten hat, daß unter seiner Regierung jeder seiner Untertanen nach der eigenen, religiösen Ueberzeugung leben könne. In seinen wetteren Ausführungen erwähnte Dr. Braun, das; gerade vor zweihundert Jahren (1703) die Ahnen von Jonas Fränkel sich hier in Breslau augesiedelt hätten, uud daß dieselben von jeher darauf bedacht gewesen seien, die Wohltätigkeit zu pflegen und dem Gemeinwohl,: zu dienen. Somit sei auch die Geschichte der jüdischen Gemeinde am hiesigen Platze und die des Kranken- und Beerdigungsvereines bierselbst^mit der Familie aufs engste verknüpft. Alsdann gab Dr. Braun die Resultate des Wettbewerbes uin den Josevh Lehmannscheu und den Dr. David Rosin'schen Preis bekannt. Für ersteren lvar die Aufgabe gestellt worden: „Historische Topographie der Judeustadt zu Köln am Rhein"; den Preis erhielt Land. Phil. Kober zuerkannt; für den anderen tvar das Thema gestellt: „Rekonstruktion des Konnuentars Jbn Es ras zu den ersten Propheten"; den Preis erhielt Dr. Ludwig Levy. Mit dem Kaisergebet, vorgetragen vom Seminarchor, endete die Feierlichkeit. Zugleich gibt daS Seminar seinen Jahresbericht heraus. Eiugeleitet wird derselbe durch eine Arbeit des Dozenten Dr. S. Horovitz: „Der Mikrokosmus des Josef ibu Saddik". Das Seminar, welches gegenwärtig der Leitung des Dozenten Dr. Braun untersteht, zählt 41 Hörer. Von den ehemaligen uud gegenwärtigen Zöglingen des Seiuiuars sind im verflossenen Jahre folgende in Aeniter berufen worden: Herr Dr. C. Josephfvhn, bisher Rabbiner iu Lauenburg tu Pommern, zum Religionslehrer in Posen, Herr Dr. Jsm. Freund zmn Assistenten des Bureaudirektors der jüdischen Gemeinde iu Berlin, Herr Dr. Grzymisch, bisher Religionslehrer in Schuetdemühl, zum Re-