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Jüdisches Volksblatt · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Wien, Frei lag Jüdisches Volksblatt 20. Februar 1903 Seite 7 Nr. 8 geitflci: mich diele, namentlich aber die in Rußland täglich erscheinenden hebräischen Zeitschriften „Hazefirah", „Hamelitz" und „Hazofe". Mögen diese ehrlich gesprochenen Worte auf Herrn L. und ähnliche Jargon-Schwärmer ihre Wirkung nicht verfehlen. Czernowitz, F. B r e n n e r. Ans den Geheimnissen des großen Prozesses. (Vortrag von Karl Eötvös.) Karl Eötvös hielt im Theresienstädter Aerztckasino vor einem fast ausschließlich ans Aerzten bestehenden Auditorium eine hochinteressanten Vortrag über die medizinischen Streitfragen, die im Laufe des Tißa-Eßlarer Prozesses anfgetaucht waren, welcher vor genau ztvanzig Jahren die Gemüter der Bevölkerung des ganzen Landes anflviihlte, Klassen, Konfessionell und Stände als Feinde einander gegenüberstellte, und dessen beruhigender Ansgang in erster Reihe dem Scharfblicke Karl Eötvös' zu danken war. Heute, Ivo die dainaligen Geschehnisse nüchtern beurteilt werden, bieteil die Erinnerungen Karl Eötvös' an die bewegte Epoche doppeltes Interesse, und das Bild, das er im Aerzte-Kasino von seinem Kampfe mit den medizinischen Experten, den lvissenschaftlicheil Koryphäen Ungarlls -enttvarf, wirkte geradezu dramatisch ans das Auditorium. Eine der lvichtigsten Fragen in diesen: großen Prozesse tvar, ob jener Leichnam, welchen die Fluten der Theiß hinabgeschlvemmt hatten, der Leichllam der verschtvundencn Esther Solymossi sei oder nicht. Ich tvar, sagt Redner, der Ueberzeugnug — irnd diese Ileberzeugung hatte ich ::icht leichtsinnig gefaßt, ich bin auf Grund eingehender Ertvägungcn hierzu gelangt — daß dieser Leichnam nur das verschwundene Mädchen sein könne. Nachdem aber dieser Leichnam keine Spur einer Verletzung aufwies, so konnte von keinem ordc, noch tveNiger aber von jenem furchtbarei: Blutmärchen die Rede sein, tvelches damals das ganze Land sozusagen Hhplwtisiert hatte. Die lokale,: Vertreter der medizinischen Wissenschaft, ein ^altcr Chirnrgus und ein Student der Medizin stellten fest, daß die Verschwundene etwa 14 Jahre alt gewesen, der Leichnam aber einer wenigstens 18—20jährigen Frau angehöre. Dieser strittige Punkt mußte ins Klare gebracht werden und deshalb beantragte Redner als Vertreter der Verteidigung, daß behnfs Aufhellung der Wahrheit die ersten medizinischen Kapazitäten Ungarns befragt werden sollen. Der Gerichtshof gab diesem Ansuchen statt ui:d delegierte drei hervorragende Kapazitäten. Es waren dies der Professor der Anatomie an der Blldapester Universität Geza Mihalko- Dics, dann der Professor der pathologischen Anatomie Scheuthauer, der dritte Experte war der Professor der gerichtlichen Medizin Johann Belky. Redner fand es nicht für notwendig, sich diesen Herren Dorzustellen, dem: bei der damaligen aufgeregten Stimmurtg wäre es für die Experten keinesfalls angenehm gewesen, wenn in der Ocffentlichkeit bekannt geworden wäre, daß der Verteidiger mit ahnen konferiert habe. Eine eigentümliche Krankheit hatte damals das ganze Land ergriffen, man nannte sie der: Antisemitismus. stVei diesen Worten verzeichnet der Bericht des „P. Lloyd" Heiterkeit. Wir finden keine Ursache zur Heiterkeit, denn diese Krankheit hat auch heilte Ungarn ergriffen.) Zum erstenmalc sah er die 'Experte!: bei der Exhumierung der Leiche. Es lvar eii: bitterkalter Wintertag im Dezember 1883. Der Wind peitschte den Regen mit -vermischtem Schnee über die Ebene, und die Experten mußten ihre Untersuchung i:n Freien in dicken Winterkleider::, in Handschuhen und im herrschenden Halbdunkel vornehmen, was keinesfalls zur Gründlichkeit der Untersuchung beitrug. Die Experten stellten das Ersuche::, :nan sollte ihnen den Leichnam behufs Ueberführung nach Budapest überlassen, um die Untersuchung gründlich durchführen zu können. Der Gerichtshof willfahrte aus unbekannten Gründen diesem Ersuche n n i ch t (I) und es wurde nur gestattet, einzelne Teile der Leiche abznschnciden, und diese wurden nach Budapest gesendet. Als die Leichenteile in Budapest ankamen, war er beim Auspacken selbst zugegen. Der Kasten, in welchem die Sendung ankam, wurde vom Diener des anatonüschen Instituts geöffuet. Der Diener packte gleichmütig die menschlichen Reste aus und warf sie auf einen Blechtisch. Beim Auspackcn geriet ihm eine Kalbsrippe in die Hand, welche er lachend zur Seite warf. Der brave Nhireghhazaer Gerichtsdiener, der die Einpackung besorgte, dachte sich gewiß, daß er die gelehrten Herren Professoren in 'Budapest nüt einer Kalbsrippe an die Nase führen werde und diese den Tierknochen von den menschlichen Leichenteilen nicht werden unterscheiden können. Er vergaß, daß im Sektionssaale selbst der Diener die menschlichen Knochen so genau kennt, daß er jeden Betrug sofort beinerkt. Redner künnnerte sich dann nicht weiter um die Untersuchung. 'Ein politisches Tageblatt, welches dainals die Gemüter gegen die. 'Juden hetzte, brachte jedoch Tag für Tag solche intime Details über den Fortgang der Untersuchung, Ivelche das Blatt weder vom Nyirdcr Epiphhscn mehr verknöchert, als bei::: Knaben, die Mädchenleiche mutz also älter sein. Der folgende Teil des Zwiegespräches, sagte der Vortragende, wird ewig in mcinenr Gedächtnisse haften. Im Laufe des Prozeßes habe ich die volle, den Menschen ganz durchdringende Ucbcrzeugung gewonnen, daß der gefundene Leichnam ausschließlich nur jener der Esther Solhiuossi sei, und in dieser Uebcrzeugung sah ich mich durch gar keine wissenschaftliche Beweisführung irre machen. Ich sagte daher dcrn Professor, meine Uebcrzeugung ist eine andere und wem: der Herr Professor sein Gutachten nach dieser Richtung hin abgibt, so lvcrdc ich drei Fragen vor dem Gerichte an ihn richten. (Ich kann mich noch erinnern, daß ich damals drei Fragen richtete, heute kann ich mich nur mehr an zwei dieser Fragen erinnern.) — Welches sind diese Fragen? fragte urich Mihalkovics, — Ich werde den Herrn Professor fragen, ob Sie schon Gelegenheit hatten, dasKnochengerüst eines vicrzehnjährigcnMädchens zu sehen und zu dein Zwecke zu studieren, daß Sie dessen Alter feststellen. ■— Nein, ich habe es nicht gesehen. (Lebhafte Heiterkeit.) (!) Die zlveite Frage, die ich an ihn richtete, lautete: Ist das Gutachten, tvelches Sie bezüglich der Knochen abgegeben haben, auf analoge selbstuntersuchte Fälle gegründet oder wurde es auf Grund der Tatsachen der Wissenschaft und auf Grund der durchschnittlichen Knochenentwicklung abgegeben? — Natürlich, auf Grund der allgemeinen wissenschaftlichen Tatsachen und der durchschnittlichen Entwicklung, lvar die Antwort des Professors. Ich sagte hierauf dem Professor: Wenn Sie die Leiche eines vierzehnjährigen Mädchens nicht gesehen haben, so sind Sie mit Ihrer Wissenschaft dort, wo ich es bin, denn ich habe einen solchen Leichnam auch nicht untersucht. Auf Ihre zweite Antwort aber erkläre ich, daß, nachdem es keinen Durchschnittsmenschen gibt, sondern nur Individuen, so kann in diesem Falle Ihr Gutachten kein Gewicht haben. Der gelehrte Professor stand wortlos vor mir. Minutenlang blickte er mich starr und unbeweglich mit seinen bebrillten Augen an. Die Gedanken arbeiteten mächtig in dem großen, schönen Kopfe, und er suchte die Tragweite meiner Erklärung zu ermessen. Er fühlte, daß von seinen Worten und seinem Entschlüsse das Leben und das Wohl vieler tausender Menschen abhängen. Schließlich wendete er sich zu mir und fragte mich: Was würden Sie in unserer Lage tun? — Ich würde mich als Fachexperte nicht äußern, bis ich das Knochengerüst eines vierzehnjährigen Mädchens nicht untersucht hätte. Haben Sie denn in Ihrem Museum keine solche Kltochen? Es klingt unglaublich, was ich hier sage, aber weder das Budapester, noch das berühmte Wiener, noch aber auch das Grazer auatomische Nttiseuin hatten, wie Umfragen ergaben, ein solches Knochengerüst. In Prag fand sich,A.^s vor, und zwar bei Professor T o l d t. Professor Scheuthauer beschrieb in genauester Weise die vorhandenen Knochen der Leiche und schickte die Beschreibung dem Professor Toldt mit der Bitte ein, er soll, die Beschreibung mit dem Knochengerüst in: Museum vergleichen und sagen, ob die Knochen einem vierzehnjährigen Mädchen angehören können oder nickit. Bald darauf kan: die Antwort, welche dahin lautete, daß die Beschreibung bis auf die kleinsten Details mit dem im Prager Museum vorhandenen Knochengerüste des vierzehnjährigen Mädchens ü b e r e i n st i m m c. Professor Mihalkovics war aber noch nicht beruhigt. Er sagte mir: Scheuthauer ist vielleicht oberf l ä ch l i ch vorgegangen, ich werde eine genauere wissenschaftliche j Beschreibung fertigstellen. Mihalkovics zog sich hierauf für eine Woche vollständig zurück. Er lieferte eine wissenschaftliche Beschreibung der fraglichen Knochen und schickte dann diese Beschreibung Toldt ein. Dieser erklärte umgehend, diese genauere Beschreibung passe noch besser auf das Knochengerüst des vierzehnjährigen Mädchens. V i rch o w in Berlin und Ho fm a r: n in Wien bestätigten diesen Ausspnich und die Anerkennung für die j ausgezeichnete Arbeit Miholkovies'. Die Frage lvar daher zu! meinen Gunsten entschieden und das günstige Gutachten der Aerzte trug wesentlich zu dem Erfolge bei. Redner richtet an die Anwesenden die Bitte, wenn vielleicht unter den hinterlassenen Schriften Scheuthauers oder Mihalkovics'/ oder vielleicht bei Dr. Toldt, der jetzt in Wien ist, der Briefwechsel' vorhanden ist, Ivelchcr in dieser Angelegenheit geführt wurde, so' würde er bitten, ihin diese Briefe, ivelche ein interessantes Licht auf die schivierigen, im Prozesse aufgetauchten medizinischen Fragen werfe::, zu überlassen. Die nledizinischen Streitfragen, welche er mit den Aerzten auszutragen hatte, haben noch eine eigentümliche Folge gehabt. Der damalige österreichische Unterrichtsminister hatte wahrscheinlich von diesem interessanten Prozeß Kenntnis und erließ kurz darauf einen Sandboden begraben. Redner ivendete sich zu Professor Scheuthauer mit der Frage, warum die Experten sich über diesen Umstand nicht geäußert haben. Professor Scheuthauer erwiderte, daß Casper einen solchen Fall schon beschrieben habe. Der gelehrte Professor suchte auch die zitierte Stelle auf, fand aber dort nur eine allgemeine Benrerkung, welche auf Hörensagen und nicht auf exakter Beobachtung beruhte. Als Verteidiger hat Redner dann diesen Umstand zur Unterstützung seiner Ansichten zu benützen gewußt. BiLchereiirlairf. Auwemauzipation, von Dr. Leo Pinsker, 2. Aufl. Im Jüdischen Buch- und Kunstverlag, Brünn. Lieder des Ghetto, von M o r r is R o s c n f e l d. Aus dem Jüdischen übertragen von Berthold Feiwel. Mit Zeichnungen von E. M. Lilien. Verlag von S. Calvary u. Co., Berlin. Mitteilungen aus dem Publikum. Die rühinlichst bekannte Konzertsängcriu Fräulein Greth« Modlinger, Tochter des verstorbenen hervorragenden Hcbräisten und Schriftstellers Samuel Modlinger, veranstaltet Donnerstag den 26. Februar in: Saale Ehrbar ihren diesjährigen Liederabend unter gefälliger Mitwirkung des Violinvirtuosen Professor Carl Klein. Die geschätzte Künstlerin bringt Arien und Lieder von Händel, Pergolese, Schubert, Schumann, Chopin, Grieg und Mozart ztmr Vortrage. Wir empfehlen aufs wärmste den zahlreichen Besuch des Publikums zu diesem interessanten Liederabend, zumal die junge Dame als mittellose Waise ganz auf ihre Kunst ai:gewiesen ist. Karten si:rd zu haben bei der Konzertgeberin, 2. Vez., Wittelsbachstraße 4, und am Konzertabcnde an der Kasse. Der Verein „Treue Brüder" zur Unterstützung kranker und stellenloser Mitglieder veranstaltet am 21. d. M. einen Wohltätigkeitsball. Vereinslokal 2. Bez., Herminengasse 8. Briefkasten. Max H., Kl. Sperlg. Es ist Tatsache, daß Montag den 2. Februar 1903 die Tochter des jüdischen R e l i g i o n s - lehrersLeopold Schulhof, Ella Schulhof, in der Kirche zu unserer lieben Frau (P. P. Schotten) ihre Vermählung feierte, nachdem sie kurze Zeit vorher ihr Judentum von sich geschüttelt hatte. Eichner, Bud. Danke für die gute Absicht. Die weitere Entwicklung wird auch Sie eines Besseren belehren. Es handelt sich eben nicht um Details, die falsch sein können, sondern um Prinzipien, deren Richtigkeit jeder Tag bestätigt. Die Red. Horowitz (Ach. H.). Uebersetzung nicht geeignet. Wir bitten um genauere Adresse, da mehrere Ihres Namens in Krakau wohnen. Mitteilungen des Vereines für unentgeltlich. Arbeitsnachweis. Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, II., Taborstrasse 59 (Telephon Nr. 13.920) Offene Stellen. Von männlichem Personal: 2 Kutscher mit Kaution, 1 Monogramntsticker, 1 feine Ringe, 1 Magazineur von der Lack- 1 Kappenmacher. Goldarbeiter auf und Farbenbranche, Von weiblichem Personal: 1 Maschinennäherin, die stopfen kann. egyhazaer Gerichte, noch von den Verteidigen: erfahren haben. Erlaß, in welchem er anordnete, daß die Juristen die gerichtliche konnte. Ihn die Sache ktarzustelleu, begab er sich zt:m zweitenmale ins anatoiuische Institut und sprach bei Professor Mihalkovics selbst Kor. Während des Gespräches brachte er die für ihn hochwichtige Frage vor, wie alt ivohl der int CsvnkafüzeS gefundene Leichnam fein könne. Professor Mihalkovics antlvortete: Der gefundene Leichnam kann keineswegs die Leiche des verschwtludenen Mädchens sein, denn die Knochen des Leichnams weisen ein höheres Mter m:f, als welches einen: 14 Jahre alten Mädchen ztckommt. — Ist das Ihre endgiltige Ansicht? — Nein, antwortete der Professor, es ist noch nicht alles untersucht worden und ich habe auch mit meinen Kollegen noch nicht darüber gesprochen. — Womit begründen Sie Ihre Ansicht, Herr Professor? fragte ich hierauf. Professor Mihalkovics zeigte mir hierauf eine hölzerne Platte, auf welcher menschliche Knochen lagen. Sehen Sie, sagte der Professor, das sind die Knochen eines siebzehneiuhalbjährigen Knaben. Vergleichen Sie diese mit den entsprechenden Knochen der Leiche und Sie werden sehen, daß die Knochen der Leiche noch entwickelter sind, als die des Knaben; bei der gefundenen Leiche find die Knorpel Medizin eingehender studieren sollten, da sich die Kennttüs der gerichtlichen Medizin für die Advokaten sehr nützlich erwiesen hat. Der österreichische Unterrichtsminister merkte vielleicht, daß cs in Ungarn gar so viele Advokaten gäbe, die gerichtliche Medizin studiert haben. Redner beschäftigt sich ferner mit einer zweiten interessanten medizinischer: Frage, welche bei der Exhumierung der Leiche auftauchte. Trotzdem, wie bereits erwähnt, die Exhumierung im Winter und bei Regen vorgetiommetr wurde, fand man die Leiche in vollständig trockenem Sande liegen, den man ohne weiteres hätte als Streusand benützen, können. Die Kopfhaut der Leiche war ganz eitigetrocknet und mumifiziert, das Fleisch im Gesicht und auf der Backe war aber verseift. Dieser Umstand fiel ihm auf, er war auch im Protokoll erwähnt, in ihrem Gutachten jedoch übergingen die Aerzte dies mit Stillschweigen. Gerade dieser Umsta:rd aber schien ihm sehr wichtig, denn er folgette hieraus mit Sicherheit auf die Identität der Leiche. Die Verseifung von Leichenteilen erfolgt nur, wenn diese wenigstens 50 Tage im Wasser liegen. Die Leiche der Esther Solyuwssi verschwand mn 1. April und wurde am 20. Juni also nach 79 Tagen, in der Theiß cmfgefunden und dann im Papierhandlung Richard Skai, Wien, IX. Liechtensteinstras&e 21. Reiche Auswahl in Ansichtskarten. 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