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Jüdisches Volksblatt · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 6. Februar 1903 Nr. 6 W Affäre sei in Wahrheit nie tum der Tagesordnung ver schwrlnden, die Nationalisten hätten sie bei jeder Gelegenheit, so noch bei der Hnlnbert-Afsäre, hervorgesncht und sie immer ) nieder benützt, mn die Republikaner zu verdächtigen Dein allen müsse ein Ende gesetzt werden. — So weit Geranlt und Pressensee. Ich möchte ihren Ausführungen hinzitfügen, das; die Dreyfnd-Partei trotz aller nationalisti schon Anzapfungen natürlich nicht daran denken würde, den Kampf wieder zu eröffnen, wenn ihr nicht neues und sehr gewichtiges Material zur Verfügung stände. Dieses Ma terial wird man in spätestens vierzehn Tagen kennen lernen. Ein W o it n durch den P e r e - L a - ch a i s e Menschen, denen hienieden wenig Freuden beschieden sind, sin den in der bewegten Großstadt gern ein Plätzchen, wo sie ruhig ihren Gedanken nachhängen können — einen Friedhof I Hier, wo der Vor laute das Schweigen, der Stolze die Demut kennen lernt, der Ge scheite nicht klüger als der Dumme ist und der Dauerläuser vom Hinkenden eingeholt wird — hier, in dem Garten verdorrter Men schenblumen, findet auch der denkende Mensch Anregung, oft, lute man später sehen wird, auch Ueberrascyungen, die leider ein grelles Licht auf die sittliche Verkommenheit nuferer jüdischen Gesellschaft werfen. Ich befinde mich nämlich auf dem jüdischen Pere-Lachaise und will ich. bevor ich auf das Ziel meiner wiederholten Spazier gänge lossteuere, einige Höflichkeitsbesuche abstatten. — Gleich am Anfang der .Hauptallee liegt Joidorc, der Grand-Rabbiner des zweiten Kaiserreiches, begraben; weiter links ruht neben ihren Ge schwistern die große Tragödin Rachel (Felix) und daß sie noch unvergessen!, beweisen die riesigen künstlichen Stiefmütterchen (hier „Pensecs" genannt), mit welchen die Gruft über und über geschmückt ist. — Gegenüber befindet sich die letzte Ruhestätle einer nicht minder berühmten Künstlcrfmnilie — derer von Rothschild. Diese Daten findet man in jedem Reisebuchc über Paris, was ich aber sah, darüber schweigt sogar der „Bädecker", während doch der Gegenstand sicher seine drei Sterne verdient hätte I I — Links am Ende der Hauptavenue befindet sich eine Gruft, nicht anspruchsvoller als die anderen, und auf dem eigentlichen Grabsteine erblickt man ein großes, frischgcmaltes schwarzes Kreuz!- Jeder Gutgesittete achtet die Symbole anderer Bekenntnisse doch auf einem jüdischen Friedhofe sollte cs kein Kreuz geben! — Die Gruft trägt die Inschrift: „Famille Gomperz-Cahen-Bellin." — Die Sache wird aber noch interessanter, wenn man weiß, wer hier begraben liegt: Leon Nathan Cahen, Ingenieur; Jsaac Gomperz .Kultusvorstand der Gemeinde Rouen, und Claude Hyppolite Belin Artillerie-Oberst, Kommandeur der Ehrenlegion. Ich habe keine Veranlassung, darüber zu grübeln, wie die zwei Juden zu dem Artillerie-Oberst standen) doch stelle ich mir vor, daß Jsaac Gomperz, wie viele Elsässer Juden, vor einem Menschenalter mit dem Binkel auf dem Rücken nach Frankreich kam, durch das Vertrauen seiner Glaubensbrüder Kultusvorstand wurde und nur, um dem bekreuzten Oberst in der letzten Behausung würdig die Honneurs machen zu können, haben seine ihn verehrenden Erben und Enkel linder auch ihm, wenn auch kein goldenes, dafür aber ein viel große res Kreuz verehrt! — Eine für Kultusvorstände etwas verspätete Dekoration I Ich habe vor einiger Zeit einem hiesigen Rabbiner über meine Entdeckung berichtet und gefragt, ob denn die Kultusgemeinde dies dulde. Der würdige Mann schien mir rechtzugeben, doch im Bewußtsein seiner Machtlosigkeit antwortete er mir, daß nichts zu machen sei da das Grab Familieneigentimr sei und die Leute demnach auf ihrem Grund und Boden nach Lust schalten könnten. — Mau muß kein Jurist sein, um zu wissen, daß es Gesetze gibt zum Schutze Verstorbene. Jsaac Gomperz hat sicherlich das Grab gekauft und an dieser Stelle, um als Jude auf dem jüdischen Friedhofe begraben zu werden; derselbe wird zweifellos nie daran gedacht haben, daß ein .Kreuz sein Grab schmücken werde, und deshalb, sollte man meinen, wäre es Pflicht einer wirklich jüdischen .Kultusverwaltung, den Ver storbencn gegen einen derartigen Vorgang zu schützen. Als ich nach Hause ging, fragte ich mich, ob man uns auf einem christlichen Friedhofe in derselben Weise gewähren ließe, und da fiel mir ein, daß der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Heinrich Jaques seine letzte Ruhestätte auf dem Hietzinger Friedhofe in der Familiengruft Behfuß-Grübl fand. — Jaques hat auch eine Denk schrift über „die Stellung der Juden in Oesterreich" geschrieben, war als Jude der Vertreter der Wiener Judenschaft (1. Bezirk) im Reichsrate, ist als Jude gestorben. Nun sollte der Wiener Kultus Vorstand sich an die Familie Beyfuß mit der Bitte wenden, es möge gestattet werden, auf dem Grabdenkmale zwei winzige hebräische Buchstaben anzubringen I — Besitzt er diesen Mut? — Paris, 25. Jänner 1903. H. F. Verurteilung wegen der Ritualrnordlüge. Aus Berlin wird gemeldet: Wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft hatten sich, wie bereits kurz gemeldet, der Redakteur der antisemiti scheu „Staatsbürgerzeitung" Dr. Böckler und der Schriftsteller Paul Koch vor dem Berliner Landgerichte zu verantworten. Die „Staats bürgerzeitung" hatte eine Umfrage über den Blutmord veranstaltet und in ihrer Nummer vom 22. September 1901 einen Artikel des Angeklagten Paul Koch veröffentlicht, in welchem ausgeführt wurde, daß die Juden sich vergeblich gegen die Behauptung, daß sie Ritualmorde begehen, wehren. Angeklagter Dr. Böckler behauptet, daß der Artikel ohne sein Wissen in die „Staatsbürgerzeitung" gekommen sei; im übrigen handle es sich doch nur um eine rein theoretische Auseinandersetzung über die Frage, nicht aber um eine provokatorisch hingeworfcne Behauptung. Angeklagter Koch bekennt sich zur Verfasserschaft und erklärt, daß er doch nur Tatsachen konstatiert und auf Honorar verzichtet habe. Der Angeklagte sucht in einem längeren Vortrage nachzuweisen, daß die Versöhnung mit Gott durch Mutopfer ein Dogma der jüdischen Religion sei. Der Vorsitzende erklärt, daß es nur darauf ankomme, ob von der heutigen jüdischen Gemeinschaft ein solches Blutopfer als gottgefälliges Werk, als religiöses Opfer verlangt wird. — Der Angeklagte setzt darauf des längeren auseinander, daß die Opfer der alten Religion nicht aufgehoben seien, folglich noch heute bestehen. Hierauf wird Professor Strack als Sachverständiger vernommen, nachdem die Verteidigrmg vergeblich versucht hat, denselben wegen Befangenheit abzulehnen. Professor Dr. Strack äußert sich, nachdem er die gegen ihn von der Verteidigung geltend gemachten Einwände entkräftet hat, zur Sache selbst in einem ausführlichen lvisscnschaftlichen, auf alljüdische Literatur und neuere Streitschriften zurückgreifenden Vortrag. Seine Ausführungen gipfeln darin, daß das gegenwärtige Judentum vom Ritualmord schlechterdings nichts ivciß. Was der Artikel vom Reform- und Nichtresormjndentmn sage, sei sehr nulvissenschaftlich; hier handle es sich darum, daß das gegenlvärtige Judentum mit solchen Dingen nichts zu tun habe, sondern von solchen Satzungen frei sei. Seitens sänttlicher Rabbiner in Deutschland und Oesterreich sei unter Anrufung Gottes bezeugt lvorden, daß für die Inden die Gesetze des zivilisierten Staates absolut maßgebend seien, daß sic nur für ihre eigenen, rein religiösen Zivecke ihr besonderes Recht haben, aber beständig in Uebereinstinnnung init dem Staatsrechte. Im übrigen gelte für das Judentum als Gesetz das Gebot der allgemeinen Menschenliebe und das unbedingte Verbot des Mordes. Der Sachverständige wendet sich gegen zlvci in dein Artikel ungezogene Stellen ans dem Senhar .Halikkutim von Chajiin Vital und aus dem Sohar in Rohling'scher Uebersetznng und beweist darauf, daß der berühmte Orientalist Professor N'öldecke und Professor August Wünsche in Dresden unter ihrem Eid die Uebersetznng von Rohling sich unrichtig erklärt haben. Der Staatsanwaltsrat beantrag nach Schluß der Beweisaufnahme unter Bcrücksichtignug des Umstandes, daß cs sich bei dem inkriminierten Artikel nicht um eine tvissenschaftliche Arbeit, sondern um ein lediglich zu Agitations- und Hetzzwcckcn zusammeugcflicktes Produkt handle, gegen Dr. Böckler zusätzlich drei Monate. gegcir den Angeklagten .Koch sechs Monate Gefängnis. Der Gerichtshof beschloß, die Sache gegen den Angeklagten Böckler zu vertagen, um zum nächsten Termin den Chefredakteur Dr. Bachlcr von der „Staatsbürgerzcibing" und den Berichterstatter Dahscl zu laden. Im übrigen wurde in dein beanstandeten Artikel eine Beleidigung der jüdischen Religionsgcsellschaft gefunden und der Angeklagte Koch zu einer Gcfängnisstraße von sechs Monaten verurteilt. London. Die königliche Kommision, tvelche die Frage der ausländischen Einlrmuderung untersuchen soll, hielt wiederum unter Vorsitz des Lord James von Hereford eine Sitzung ab. Der Oberpfarrer der Gemeinde Bethnal Green, H. B. Ecke, welcher als Zeuge vernommen wurde, sagte aus, die Gegend von Bethnal Green lim Ostende von London) habe sich in den letzten fünf Jahren sehr verschlechtert. Er könne nicht sagen, daß dies eine Folge der Eiulvanderung von Ausländern sei, aber jedenfalls habe gleichzeitig ein großer Zuzug von Ausländern und Verdrängung von Engländern stattgcfundeu. Ein bitteres Empfinden den Ausländern gegenüber sei da uird eS nehme zu. Die Ausländer fingen jetzt an, den Engländern gegenüber arrogant aufzutreten, die Geschäfte von Engländern zu boykottieren, und sic drückten die Absicht aus, die Herren werden zu wollen. Fünf Sechstel der Ausländer seien russische Juden. Sic seien mäßig und sittlich, aber unreinlich. Die Häuser und Straßen im Gcmeindcbezirke würden immer schmutziger. Der Oberpfarrer des Gemeindebezirkcs Stepney, A. E. Dalton, sagt aus, er müsse bestreiten, daß die Ausländer den moralischen Ton gehoben hätten, der moralische Ton habe sich auch da gehoben, wo keine Ausländer wohnten. Er äußerte sich auch über die Nebcrvölkernng infolge der ausländischen Einwanderung und sagte, er habe einmal angczeigt gesehen, daß Leute 14 Tage in einem Kohlenschuppen hätten wohnen müssen, weil keine Wohnung zu bekommen war. Die feindselige Gesinnung gegen die Ausländer sei groß und er wundere sich, daß sie nicht mehr zum Ausdruck komme. Au jüdischen Feiertagen müßten die von der englischen Kirche unterhaltenen Schulen schließen. Besonders betonte der Zeuge, daß die ausländischen Juden nüchtern seien. Verschiedene Schankhäuser in den jüdischen Vierteln hätten schließen müssen, weil sie aufhörten, etwas zu verdienen. Der Geistliche der Gemeinde St. Jude in Whitechapel, I. Carter, sagte aus, seine Gemeinde zähle bei Tage 6000—7000 Juden. Wieviele cs bei Nacht seien, könne man nicht sagen. Er gab den Rat, man solle die Juden nötigen, den Sonntag statt des Samstags zum Feiertag zu machen. Ein Schulinspektor, S. Mathcr, sagt aus, im Gemciudebczirke Tower Hamlets gebe es fünf rein jüdische Schulen mit 0180 Kindern. Sechzehn andere Schulen seien hauptsächlich von jüdischen Kindern besucht. In jeder dieser Schulen sei mindestens ein jüdischer Lehrer angestellt. In Whitechapel bestehe die Mehrzahl der Schulkinder aus jüdischen Kindern, und in den Bezirken St. George, Stepney und Mile End nehme der Perzeutsatz jüdischer Schulkinder zu. Jüdische Eltern hielten sehr ans Schulbesuch ihrer Kinder und gäben den Nichtjudcn ein glänzendes Beispiel in dieser Beziehung. Die jüdischen Kinder seien den Lehrern gehorsam und leicht zu leiten, hätten guten Verstand und gäben den Lehrern überhaupt dankbares Material. Auch stünden die jüdischen Kinder körperlich nicht hinter den anderen Kindern zurück. Der Zeuge schloß seine Aussagen mit dem Rate, die englische Regierung und die Vorstände der jüdischen Gemeinden sollten gemeinsam dafür sorgen, daß die jüdischen Einwanderer sich nicht lveiter in dieselben überfüllten Stadtgegendeu drängten, sondern daß sie mehr über das Land verteilt würden. Ein Schulinspektor von Bethnal Green, Matthews, bestätigte, daß Haß gegen die ausländischen Juden vorhanden sei. Er sagte, er kenne ein Haus, in dem alle Fenster cingcworfen seien, und jüdische Kinder würden von christlichen .Kindern ganz unbarmherzig geprügelt. Er fürchte, dieser Haß würde zunehmen. Sir Alfred Newton, ein früherer Lord Mayor der City von London, wies darauf hin, daß 15 bis 20 Perzent der vor dem Gerichte des Mansion House Angeklagten Ausländer seien. Meist seien es Deutsche und Italiener. Namentlich Fälschungen würden meist von Ausländern begangen. Seine Ansicht sei, es sollten nur Personen respektablen Charakters und solche, die nicht mittellos seien, als Einwanderer zugelassen werden. Berlin. Die akademische Gruppe der Berliner Zilon. Vereinigung, vergleichbar der Zionistischen Finkenschaft an der Wiener Alma m-ater, veranstaltete MiÄwoch den. 28. v. M. im „Eiskeller" eine öffentliche Akadennkewersmnmlung. Dr. Sandler hielt das Referat: „Die Juden und die nationale Frage in Deutschland". Mehr als jemals war hier den Gegnern Gelegenheit geboten, ihre AnsWen zu vertreten. Es sprachen von rein assimilatorischer Seite die Herren Lukas und Hoiilmmm, dann noch einige Herren., die der Bewegung „sympathisch gegenüberstehen", wie der ^technische Ausdruck lautet. Herr Dr. Heinrich Loewe, sowie stud. med. Auerbach führten die Gegner ab. Zahlreiche Mitglieder lvnrden gewonnen. Berlin. In der „Jüdisch-nationalen Fraueiwereiinigung" sprach Herr stud. Phil Hugo Fuchs über „Weltliche Poesie in der Bibel". Berlin. Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" feierte Montag den 2. ds. sein zehnjähriges Stiftungsfest. Sonntag fand die Delegievtenvovsammlung statt. Wir kommen auf diese Veranstaltung und ihre Tendenzen noch zurück. M. N. Sabbatruhe in London. In dem Kampf um den Sabbat haben die jüdischen Bäcker in London endlich einen glänzenden Sieg erfochten. In einer am 10. Dezember v. I. abgekialtenen Versammlung der Londoner Bäckerinnung wurde beschlossen, die seit 1. April v. I. durch Denunziationen nnd Strafanträge verfolgten, am Sonntag ihre Läden offenhaltenden jüdischen Bäcker fortan in Ruhe zu t lassen, falls diese den Nachweis führen, daß sie am Sabba ruhen und also nicht 7 Tage in der Woche arbeiten. In der Versammlung wurde vorgebracht, daß in dem Kampf, in dem 5000 christliche Bäcker gegen 40 jüdische gekämpft hatten, erstere über 030 Pfund Sterling Prozeßkosten, aber nicht den geringsten Erfolg gehabt haben. Die Gerichte nahmen sehr widerwillig die Anzeigen entgegen und verhängten über die „Sonntagsentweiher" so lächerlich geringe Strafen, daß sie eher ermunternd als abschreckend gewirkt haben. Da überdies auch das Publikum sichtlich Partei für die angegriffenen jüdischen Bäcker nahm, wollen die christlichen Bäcker fortan geduldig zusehen, wie ihre jüdischen Konkurrenten dreist das „Gesetz des Königs Georg" aus Olims Zeiten übertreten und das Publikum des Sonntags mit frischen Semmeln versorgen. Die rnmiinischen Juden und die ungarischen Zigeuner. Brief ans Eperjes. Mitte Februar. Sie sind sich identisch — ja das ist unleugbar — diese beiden Paria-Stämme. In ihren Schicksalen, in ihren Leiden nämlich. Man ist ja auch immer ohne weiteres — so dürste man meinen — geneigt, über die beiden zwar vornehm die Achsel zu zucken, sie aber dennoch zu bedauern, die Juden, die verhaßten, und die Zigeuner, die verachteten, die verstoßenen. Darüber wären ja auch weiter nicht viele Worte zu verlieren. Warum sollte auch ein loyaler, rechtdenkender Mensch — sei er auch welchen Glaubens immer — das Judenvolk nicht bedauern, das schrecklich und blutig leidend die finsteren Jahrhunderte durchwanderte und endlich bis in die humane Gegenwart gekommen, trotz seiner dargelegten Lebensfähigkeit dennoch nicht imstande ist, sich allenthalben eine wahre Heimat unter den Völkern, sondern nur ein „Geduldetsein" zu erringen? Warum sollte man auch nicht speziell die rumänischen Inden bemitleiden, die sich selbst eines „Geduldetseins" nicht erfreuen? Und die jämmerlich unglücklichen Zigeuner? Wären sie etwa nicht zu bedauern, ohne Haus und Eigentum, ohne geordnetes Bürgerleben, sondern immer nur wandernd, unstet, arm, unglücklich, hungernd und frierend, geächtet und gefürchtet? Es komme einmal jemand nach Eperjes und seiner Umgegend und sehe sich — wenn er sich noch ein Herz in dieser kalten Welt bewahrt hat — diese vegetierenden Wesen an und lerne so das Unglück unserer I Glaubensgenossen in Rumänien würdigen und verstehen, k Und doch gibt es auch „Ueberliberale" in der heutigen „Ueber- 8 zeit". So z. B. die Süroser Politiker, die merkwürdigerweise 8 Juden und Zigeuner zwar identifizieren, aber durch eben diese 8 Identität die Juden wie die Zigeuner nicht bedauern können. 8 Als nämlich vor kurzem der Protest des amerikanischen Staats- I sekretärs H a y an die europäischen Mächte des Berliner Ver- W lrags wegen der rumänischen Juden die Welt aufrüttelte und! durch spaltenlange Artikel in allen Tagesblättern die allgemeine ] Aufmerksamkeit wieder einmal auf das unschuldige unglückliche 1 Hebräervolk gelenkt wurde, begann man endlich auch in unserer 8 indifferenten Gegend, sich näher mit der rumänischen Judenfrage! zu beschäftigen, d. h. nur zu politisieren. Da ereignete es sich, daß ich just mit einem geistlichen Herrn, einem hiesigen einflußreichen Politiker folgendes, eigenartig interessantes Interview hatte, das hoffentlich auch weitere Kreise interessieren dürfte. Auf Verlangen gab ich nämlich erwähntem Herrn, der persönlich f ein freundlicher, recht liebenswürdiger Herr und als guter ) Katholik sogar kein Antisemit ist, ein Exemplar des „Israelit", | welches die Petition des Zentral-Komitees der „^Ui'ancw israelite“ jj in Paris an die französische Negierung brachte. Nachdem er j nusgelesen hatte, fragte ich ihn, auf die aufgezählten Ausnahmsgesetze bezugnehmend, was er dazu sage und wie er über die j Sache denkt? „Ich werde Ihnen sagen," entgegnete der Ueber-! Politiker nach kurzem Nachdenken. „Die Sache der rumänischen i Juden ist absolut nicht so tragisch aufzufassen, wie es ein! Teil der Welt tut. Man braucht da nicht gleich in die Humanitäts-! posaune zu stoßen. Die Juden sind eben im Unglück nicht so unglücklich wie ein anderes Volk an seiner Stelle sein würde. Sie sagen: die Juden hätten eine unvergleichliche Leidensgeschichte, j eine wunderbare Märtyrerstatistik hinter sich. Sie hätten schon alles erdenkliche und nicht erdenkliche Ungemach mitgemacht. Sie waren in und zu allen Zeiten heimatlos, hie und da nur geduldet, selten naturalisiert gewesen, verachtet und gehaßt, warum — fragen Sie daher — sollte man in der heutigen freien, humanen? Zeit ein solches Volk nicht wenigstens in seinem physischen Un- \ glück bemitleiden?" „Ja, ja, aber eben deshalb weil dies alles ) so ist, wie Sie sagen, sind die Israeliten, wenn sie just wieder ( ein Unglück trifft, nicht zu bedauern. Jedes andere Volk, z. B. j das deutsche, französiche oder ungarische, das mehr oder weniger auch vom Unglück gekostet, den Kelch der Leiden aber nicht bis! zur Neige geleert hat, würde wirklich unsäglich unglücklich sein, 1 beträfen es derartige erdrückende Verfügungen, wie sie die I rumänischen Juden betroffen. Und die Ungarn in Rumänien, 1 gegen die sich bekanntlich auch die Spitze des Fremdenhaffes | richtet, sind auch wirklich furchtbar bedauernswert und sollte dies I unsere Regierung zu Schritten veranlassen. Aber die Juden? Die 8 sind ja an Unglück gewöhnt, kennen sich damit aus, verstehen sich 8 darin zurechtzufinden, wissen sich beinahe instinktmäßig zu helfen, 8 zu raten, zu wenden, sind mit einem Wort für das Unglück, 8 eventuell für den Wanderstab gewitzigt. Warum sollte man sie 1 auch gar bedauern? Erstünde z. B. bei uns hier — was Gott I allerdings verhüten möge, denn ich bin beileibe kein Anti-, ja I sogar Philosemit im geistigen Sinne — erstünde also bei uns hier I eine tt la rumänische Gesetzgebung und erklärte mit einem Feder- I zug alle Fremden, d. h. selbst die eingeborenen, als fremde I Elemente, ihrer sämtlichen Rechte verlustig, ich wäre freilich der erste, der dagegen sein würde — weil Ausnahmsgesetze dem Staate noch nie vonnutzen waren — aber auch der erste, der jedes andere Element, nur euch Juden nicht, bedauern möchte.

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