Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 6 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3oile 4 Wien, Freitag Nr. 6 triebe stehend, erblickt Dr. Lazarus seine Hauptaufgabe darill, ein wirklicher „Lehrer der Stadt" zu sein. Sx'ine Predigt über den Unterschied zlrischen eghptischer und israelitischer Kultur und Weltanschauung war inhaltlich eine fein ausgesührte Dissertation über den hohen, unübertroffenen sittlichen Wert der mosaischen Lehre. Es ist nur zu bedauern, daß Dr. Lazarus auf der Kanzel nicht jene Ruhe 3n bewahren vermochte, die lvir bei seinen sonstigeil Vorträgen zu beobachten in der Lage waren. Ist es nun auch nicht zu leugnen, daß die äußere Form, in lvelcher eine Predigt zum Vortrage gelangt, von nicht geringer Wiehiigkeit ist, so muß bei der Beurteilung eines Predigers in erster Reihe darauf gesehen werden, ob das mitluiter zu lebhafte Agieren auf der Kanzel bloß dazu dienen soll, um die Gedankenleere der Predigt ztt verhüllen, oder ob es einer inneren Erregung entspringt. Während Dr. GruiNvald und Feuchtwang die Kanzel bei jeder Gelegenheit als eine Bühne betrachten, von lvelcher herab das Publikum durch verschiedene Kunstsiückcheu in Atein gehalten lverden soll, sind bei anderen Redllern, tvie z. B. Dr. Bauer, Dr. Goldschmied und auch Dr. Lazarus die Gesten nichts anderes als die äußerlich sichtbaren Reflere der Gedanken. Kurz gesagt: Es gibt Prediger, die mit den Redewendungen der Hände, und andere, die mit den Redelvendungen der Sprache wirken. Tie Exhorte ist einer der wichtigsten Teile unseres Gottesdienstes. Unsere Jugend kommt leider gar zu selteil in die Lage, über das Judentum gründlich belehrt 51t werden. Haus und Schule hm auch das ihrige, damit unsere Jugend nicht mit gar zu vielenl Wissen über das Wesen rulseres Stammes überbürdet werde. Und so fällt denn den Erhörte die hochwichtige Aufgabe zu, in das Herz der jüdischen Jugend allmählich, aber sicher uild in einer dein jugendlichen Gemüte entsprechenden Form jene Begeisterung einzuflößen, die aus dieser vernachlässigten Jugend dereinst überzcugungstreue Kämpfer für das Judentum zu machen geneigt ist. Dr. Lazarus hat sich dieser Aufgabe in tadelloser Form entledigt. Einfach in Form und Inhalt, nicht aufdringlich in der Vortragsweise näherte er sich dem Herzen seiner jugendlichen Zuhörer und verstand es, auf dieselben aufmunternd uild begeisternd zu wirken. Man hörte nichts von jener Gefühlsduselei, mit welcher Dr. Grrmwald auf seine „lieben jungen Freunde" 31t wirken versuchte und nichts von jenem blumenreichen Redeerguß, mit welchem Dr. Feuchtwang seine „lieben Kinder" betäubte. Auch bewies Dr. Lazarus bei der Exhorte, daß er, was die äußere Form betrifft, das richtige Maß im Gestikulieren innezuhalten versteht. Was wir an Dr. Lazarus auszusehen haben ist, daß er als Wiener Kind die hiesigen Verhältnisse nicht genau kennt und dlirch die Annahme einer Berufung die programmmäßige Ausführrmg der Konrödie möglich gemacht hat. Vortrag des Reichsratsabgeordneten Breiter. Mittwoch, den 11. d .M. hält Abg. Breiter im Fcstsaale des „Indischen Volksverein" einen Vortrag über „Die Judenstage in Galizien". Anfang 8 Uhr abends. Gäste willkommen. Indischer Volksverein für den 8. und 9. Bezirk. Donnerstag den 12. d. M. findet in dem obgenannten Vereine ein Vortrag des Dr. H. Kadischj über „Jüdische Moderne" statt. Daran schließt sich ein musikalisch-deklamatorischer Teil. Ort: Cafe „Rahnhof"; Zeit: 9 Uhr abends. Gedenktage. Februa r. 1. 1784 st. in Alexandria R. Elia (Talmud. Gutachten). 1802 st. in Redwitz Rabb. Mos. Gutmmui, Uebers. d. Apokryphen u. d. Josephus. 1808 st. zu Philadelphia Rabb. Js. Leeser, d. c. amerik. Prediger. 1880 ft. zu Meran Peter Smolensky, Hebraist. 1002 st. in Leipzig Prof. Sal. JadaSsohn, Komp. u. Musik-Thcor. 2. 1084 st. in Fürth Chajim Bochner (Diätetik und hebr. Gramm.). 1810 geb. zu Bayreuth Prof. Jakob Herz. 1830 geb. zu Gnesen Pros. Tr. Jak Caro (Gesch. Polens). 1837 geb. in Szanto Eleasar Lölvi (Bortr. u. Ofgct.). 1855 geb. zu Eisenstadt, Tr. Hirsch Hildesheimer. 3. 1841 st. in Kappel M. H. Landauer «Mystik). 1842 st. in Warschau Ab. Stern (Rechettmaschinei. 1840 geb. in Berlin Nahida Remy (Ruth Lazarus) „Das jüdische Weib". 1800 st. in Krzemenetz Js. Bär Levisohn, russ. Traust. (Efes Tannin). 4. 1738 st. in Stuttgart Finanzdirekt. Süst Oppenheimer. 1852 st. in Wilna Jos. Lebensohu, hebr. Dichter. 1805 st. in Jerusalem Rabb. Jsr. Schivarz (Geogr. Paläst.) 6. 1014 st. in Frankfurt Jae. Ebert, lat- Uebers. lb. talm. Sprüch. n. a. hebr. Sehr.) 1078 ft. Joseph Schammasch (Wundergeseh. v. Worms). 1718 st. Rcland, Begr. der Geogr. Palästinas. 1823 st. Llorente (Gesch. d. span- Jnquis.) 185«: geb. in Breslau Carl Biberfeld Dichter. 1804 st. in Berlin Dr. Mos. Veit, Abg. 1883 st. zu Brüssel Senator Raph. Jon. Bischofsheim, Gründ. der Universitär B. 1880 st. in Leipzig Rabb. Dr. 14. M. Goldschmidt. 1880 st. zu Paris Em. F. Veneziani, Philanthrop, 1801 st. zu Frankfurt a. M. Rabb. Neh. Brüll. 0. 1801 geb. zrr Dolzheinr Sal. Herxheimer, Landrabbirrer- 1829 st. in Wien Aron Pollak, Uebers. et. d. Hebr. 1807 st. in Paris Prof. Sal. Munk, Orientalist. 7. 1800 st. zu Schwerin (Mecklenburg) Dav. Jae. Asfur (Rnssa) Dichter. Sch e bat. 1. 1884 st. irr Tabor Kreisrabb. Guttm. Klemperer, Histor. 2. 70 p. st. d. Hasmorräer-Fürst Alexander Janrrai. 1661 st. in Nikoksbnrg d. mähr. Landesrabb. M. M. Krochmal. 6. 1786 st. irr Berlin Moses Mendelssohn. 1001 st. zu Frankfurt a. M. Wilh. Carl v. Rothschild. 0. 1870 st. irr Stettin Rabb. Dr. Abr. Treuenfels (Jsr. Wochschr.). 1888 ft. in Nikolsburg Rabb. Dr. M. Feuchtwang. Kaiserlicher Rat Heinrich Klinger amtS- MÜde? Aus wohlinformierten Kreisen kommt uns die Nachricht zu, daß der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Herr kais. Rath Heinrich Klinger, nicht nur aus Gesundheitsrücksichten sich von der Leitung der Wiener Kultusgemeinde zurückgezogen habe und daß Herr Klinger wahrscheinlich überhaupt nicht mehr in sein Ehrenamt zurückkehren werde. .)iküsdtLo Volksblatt Derselben Information zufolge soll Herr kais. Rath Klinger wohl schon seit längerer Zeit amtsmübe sein, doch hätte er sein Mandat noch bis zuin Ablauf desselben behalten, wenn ibm der Verlauf der Kirltuswahlen und die Vorgänge bei der Rabbmerwahl dasselbe nicht vollends verleidet hätten. Deshalb Härte bei der jüngsten Expertenvrrsammlnng bereits der Bizepräsidnrt Herr Dr. Alfred Stern und nicht der erste Präsident, Herr Klinger präsidiert, obgleich letzterer in Wien war. Wir sind ruomeutcm nicht in der Lage, diese Mitteilung auf ihre Richtigkeit zu prüfen, obgleich uns dieselbe gar nicht überrascht. Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, daß Herr kais. Rath K l i n g e r, dessen politische AnschauunzLi? wir gewtß nicht teilen, in vielen Fällen zu schwach war, seinen Willen dnrchzusctzen. Sv wurde er in die ominöse VrsitkartLngeschrchte anläßlich der Wahlen hineingehetzt und so scheint er auch jetzt in seiner Ohnmacht einer Clique gegenüber lieber das Terrain zu verlassen, als seine Hand zu einer Komödie zu bieten. Im Namen der vielen tausende von Steuerträgern müßten wir aber gegen eine solche Kaltstellung des Präsidenten während der Rabbinerwahl — falls sich unsere Nachricht bestätigen sollte — mit aller Kraft protestieren. Wir versagen auch unseren politischen Gegnern nicht die Unterstützung dort, wo sie das Gute wollen. Herr kais. Rath Klinger muß gerade jetzt seinen Platz behaupten, wenn er wirklich die Interessen des Volkes im Auge hat. Er appelliere au das Volk, das sonst vhue ihn und gegen ihn ferne Stimme erheben wird. Wvchenprvgramm der Jüdischen Topnbcc-.Hnlle. Sonntag den 8. Februar: Konzert. Montag den 0.: Herr Berliner: „Die religiöse und iveltliche Poesie der Juden." 1. Dienstag den 10.: Diskussion über „Schule nud Haus". Mittwoch den li.: Dr. Heinz Kohn: „Das Recht ans den Tod". Donnerstag den 12.: Doz. Dr. Pollak: „Hygiene des Ohres". Freitag den 13.: M. G. Mehrer: Erklärung der i^idra. ^amcckag den 14.: Konzert (Goldmark-Abend). —• Anmeldungen zu Vorträgen beliebe mau zu richten arr Herrn Dr. ^iegumud Werner, 4. Bezirk, Wiedener Hauptstraße 18. ^rl Marx und Franz Oppenheimer. Unter diesem Tirel hielt Dr. Paul Weisen grün am 28. Jänner einen Vortrag im Festsaale des „Jüdifchrn Volksvereines". Im Eingänge wies der Referent daraus hin, bas; sich Oppenheimer jüngst offen zur jüd-isch-uatioualen Fahne bekannt habe. Oppenheimer hat trotz seines Gegensatzes zn Marx sich Venen angeschlossen, die nicht nur Marx für ein überragendes Genie halten, sondern auch glauben, daß es eine Fortentwicklung außerhalb des Marxismus nicht gebe. Dem gegenüber sei der Referent noch immer so .naiv", um im Jargon seiner Gegner zu reden, an das Ende des Marxismus zu glauben. Es werde znm Beispiel heute sehr wenige geben, die mit Marx glauben, daß die ganze Geschichte von rein wirtschaftlichen Faktoren getragen sei, und daß Rasse, Moral und Psyche nicht in Betracht kämen. Referent erinnere mix an die Negersrage. Die Naturwissenschaft habe sich von der materialistischen Betrachtungsweise zu emanzipieren gewußt, und die Geschichtsivissenschasr folge ihr. Auch in einem zweiten Kardinalpnnkte habe sich Marx geirrt, iw der Behauptung nämlich, daß ancb aus agrarischem Gebiete sich der Großbetrieb durchsetzen müsset hier sei im Gegenteil der mittlere Betrieb konkurrenzfähig. Das haben sogar die gläubigsten Marxisten bereits erkan.nl und sie seien deshalb auf die Idee gekommen, zu behaupten, daß es gar nicht irr Marx stehe; dies sei aber urrwahr. Unrichtig sei es ferner, daß die jetzige Anarchie innerhalb der kapitalistischen Produktion immer zunehmen müsse,- Referent sieht im Gegenteil in der Kartellbildung eine Möglichkeit zur Gesundung des Kapitalismus. Referent bekämpft ferner die Behauptung Marx, daß die Krisen immer häufiger und immer größer würden. O p p e n h e i m e r bekämpfe mit dem Referate die rndustriczentuische Weltanschauung Marx, lege aber ein zu großes Gewicht auf die Bedeutung des Grundbesitzes. Er will die soziale Frage durah Bildung von ländliche!! Siedlungsgenossenschaslon lösen. Diese müßten, wie die Beispiele in Dänemark beweisen, prosperieren. Zum Schlüsse seines mit reichem Beifall-r aufgcnommenen Borirages wies der Referent daraus hin, saß die Bildung von ländlichen Belciebsgenvssenschasten auch ein Programmpnickc der „Jüdischen Bollspartei" sei. Probeprcdigten im Leopoldstädrer- und Stadttempel. Herr Rabbiner Dr. M. Lewin aus Malaczta hält Freitag deu 0. Februar bei dem AbcudgotleSdieusr. der um 5 Uhr 15 Minuten begimrt, int Leopoldstädter-Tempel, Tempelgaste, die Predigt, rtnd am Samstag deu 7. ds. bei dem rinr 3 Uhr nachmittags startfiirdeudeu Jugeudgottesdieusre im Stadrtempet, 1. Bez,, Seitenstcttcugasse, die Exhorte vor deu Mittelschülern. Nächste Woche hält Herr Rabbiner Dr. M. E. Prohnih ans Mähristh-Aufsee im Leopoldstädtcr-Tempel am Freirag den 13. Februar beim Abeudgottesdieusle, der nur 5 Uhr 30 Miimtcu beginnt, die Predigt und am Samstag deu 14. dS. im Stadttempel bei dein tun 3 Uhr nachmittags stattfindendcn Gottesdieirste für Mittelschüler die Exhorte. Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Brigittenau". Am 2. ds. fand die konstituierende Versammlung dieses Vereines int Saale der Jüdischen Tohnbee-Halle statt, Nach den erstatteten Berichten des Gründungskomitees zählt die Ortsgruppe bereits zirka 40 Mitglieder. Die Wahlen in den Ansschtist ergaben folgendes Resultat: Obmann Moriz Jellinek, Stellbertreter: Lelvi Wnrmann, 1. Schriftführer: Siegfried Fleisch, 2. Schriftführer: Rudolf Rosenihal. Kassier: Otto Bauer, Bibliothekar: Siegfried Rektor, Ersatzmäuner: Arthur Bauer, Ritdvlf Bondi, Julius Fuchs nud Carlo Losch, Kassarevisoren: Adolf Drock und Wilhelm Feldmaun. Nach Erledigung interner Aitgelegeuheiteu rezitierte Kollege David Würmaim in vorzüglicher Weise eiitige herrliche Dichtungen und erzielte allseitigen Beifall. Die meisten aulveseitden Nichtmttglieder meldeten ihren Beitritt an. Unter Absingnng des Freiheitsliedes: „Ans mein Volk" lvnrde diese Versammlung geschlossen. H. R. Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Brigitteltnu". Sonntag den 8. ds. Vereinsabend mit Vortrag vom Kollegen Nathan <4ros; im Cafee Känrpf, 20. Bez., Jägerstraße 10. Beginn 7 Uhr abends. Vereiti jüdischer jugendlicher Arbeiter „Leopoldstadt". Soml^ tag deit 8. ds. findet im Kongreßbnreau, 0. Bez., Türkettslraße 0, ein Vortrag des Herrn Jacob Sch 0 r r über „Die Lage der jüdischen Arbeiter in Rnstland" statt. Beginn Präzise 5 Uhr abends. Gäste (auch Tanten) ivillkommen. Mädchen- und Frauen-Vercin „Bikur Chnulim". Sonntag deu 8. ds., nachmittags halb 4 Uhr, findet int Sehulsaal der isr. Kultusgemeinde, 1. Bez., Seiteitsteitengasse 2, 2. Stock, ein Vortrag des Herr» Dr. I 0 >t a s z statt über: „Was hat der Laie bis zur Ankunft des Arztes bei Verletzungen ztl tun?" Gäste, Herren nud Damett, sittd frenndlichst willkontmen. Im lit. Geselligkcitstiereiu jüd. Mädchen „Moria" hat Sonntag den l. ds. Herr Dr. Earl Lifrzis eilten höchst interessatstett Vortrag über das Thema „Manches über jüd. Ehen" gehalten. Redner entrollte vor den nngemein zahlreich bersannitelteit Dauten und Herren mit lebhaften Zügen das jüdische Familienleben nttd erntete 6. Februar i 903 wohlberdienten, andaueruden stürutischen Beifall. Eine nnkttüpfende Dtsktlssioit beschloß den animierten lit. Nachmittag. Wien. Der Ausschuß des Eiuzelbercines Füushcms des „Z i 0 n" veraustaltet eilten großen Diskussiousabeitd für den 7. Febrtiar 1003, 8 Uhr abettds, in E. Herliugers Restauration, 14. Bez., Schwendcrgasse 1. Herr Direktor Ignatz Weber wird den Abend einleiten. — Das Thema des Vortrages lautet: „Die Schule tmd die Juden". Daran sollen sich Fragen knüpfen, die jeder Teilnehmer itiündlich oder auch schrifklsth stellen knttn. Statistisches über die Taufen der Höherbesteuerten. Ju dem letztverflossenen Wahlkampfe nm die Wietter Knltnsaemeivde war einer der wichtigsten Programm- Punkte. eilte der stürmischesten Forderungen selteus der nationaljüdischen demokratischen Opposition : „Ständige Veröffentlichung der Abfälle vom Judeutum." Nu», nachdem der Kahal gesiegt hat nud die Erfüllmra jener Forderung wieder hinausgernckt ist, heißt es sich anders behelfen. Jeder, der aus zuverlässiger Quelle von einer Judentaufe erfährt, soll davon der oppositionellen Presse behnfs Veröffentlichung Nachricht geben, und derart das Sekretariat der Kultusgemeinde, das entweder zustimmend schweigen oder berichtigen wird, indirekt zur Klarstellung der Tatsachen zw in g e n. Die demokratische Oppositiorr hat auch stets darauf hingewiesen, daß das böse Beispiel zur Apostasie von oben gegeben wird, von jener göttergleichen Kaste der Höherbesteuerten, der durch das derzeit geltende famose Statut unsere Gemeinde völlig ausgeliefect ist. Es ist vor allem dem großnnd feltherzigen Wahlaufruf der Regierungspartei zn danken, der die Glaubensbrüder unter anderen zur Pflege der Statistik aufrief, wenn die so oft gegen den Adel geschleuderte Btschilldigntig des gewerbmäßigen Abfalles nunmehr at«ch ziffernmäßig bewiesen werden kann. Nach den Wählerlisten von 1900 gab es unter.11.600 Wählern 810 Höherbestenerte, demnach 14'3°/0 der Gesamtzahl, nach den Wählerlisten von 1902 gab es hingegen unter 12.384 Wählern bloß 776 Höherbestenerte, demnach kaum 10'6"/„ der Gesamtzahl. Oder mit anderen Worten, während in bloß 2 Jahren die Zahl der ordinären Wähler von 10.790 ans 11.608, d. h. nm 818 gestiegen ist, hat jene der Höherbestenerten nm 34 a b g e n 0 m m e n. W i e i st diese Erscheinung zu deuten? Etwa durch die wir t s ch a f ti i ch e Depression? — Nein! denn die nach denr eigenen Geständnisse des Knltnsvorstandes „namentlich für unsere Glaubensgenossen so ungünstigen Zeitverhältuisse" drücken doch aller Wahrscheinlichkeit nach weniger auf die unabhängigen Reichen als auf die vom antisemitischen Boykott umstelltert Kleinen! Und wirklich kotlnte ich trotz eifrigster Vergleichung der Listen von 1900 und 1902 nicht fünf Personen finden, die aus der Kurie der Höherbestenerten in die Masse der gewöhnlichen Wähler znrückgeglitten wären; inr Gegenteile sind viele in die Adelsknrie neu anfgestiegen, kein Wunder, zumal ja die von einem ewigen Defizit bedrohte Gemeinde die Steuerschraube von Jahr zu Jahr mehr anzieht! — Und doch??! Sollte vielleicht G e Vater Tod sozialistische Anwandlungen bekommen und just unter den Höherbestenerten gewütet haben?! Dem widerspricht die dem letzten Tätigkeitsberichte oes Kulusvorstandes beigeschlossene statistische Tabelle VI „Ueber die Berufsarten der Verstorbenen"; darnach verbürgen gerade jene vier Berufe, welche für die Höherbestenerten am meisten typisch sind, die solideste Lebensdauer. Unter den 1900 und 1901 verstorbenen 744 bzw. 781 Wiener Juden waren: Bankiers 2 (1901 0), Juweliere 3 (1901 0), Fabrikanten 8 (1901 6), Privatiers 52 (1901 53). Also weg ge starben sind uns die Höherbestenerten auch nicht! Wo zum Teufel sind s i e d t n n hingekv m m e rt? Nun denn — aber Herr Sekretär Lieben, daß Sie inir ja nicht wieder mit der Berichtigungsspritze aufsahren! — „Jene sind uns weggetauft, tv eggejchmadt, w eggerann j." Michail. Gregong'sche Unarten. Wenn mau sonst den Namen Gregorig hörte, so schlugenmit die Herzen der Bewohner vom Draschefeld und Lichteulhal höher, das übrige Wien verband nur deu.Namen Gregoirig mit dem Rufe „Sodawasser beim Wimberger". Das ist anders geworden; Gregorig ist eine internationale Berühmtheit geworden. Sowohl die österreichischst als auch die ungarische Presse brachte die Nachricht, das; der liebe Gregorig s 0 a lt f d r i n g l i ch war, daß der Erzhortzog Franz Ferdinand ihn verabschieden unlßte. Gregorig, der iux Schimpfen mehr bewundert ist als in gesellschaftlichem Takt, faßte dieses verabschiedende Kopfnicken als Zustimmung feiner gegen Ungarn gerichteten Bemerkung auf. Breitmäulig erzählte er es den Berichterstattern der antisemitischen Blätter und sonnte sich in dem Ruhme des großen Politikers. Der nächste Tag brachte aber die Mitteilung der offiziellen Presse, daß Herr Gregorig zwar kein Politiker, aber dafür aufdringlich sei. Was sagen Sie dazu, Herr Greg orig? Sie sprechen immer von den jüdischen Unarten, aber den Balken in Ihrem Ange sehen Sie nicht! „Der Reichtun» der Inden." Ein Doptna der Atttisemiten tautet: der Jude besitzt die größten Reichtümer. Nut» prüfen wir diese Behauptung auf ihre Richtigkeit, was finde» wir? Als reichster Matttt pilt, vielntehr galt der berstorbette Rockefeller, dessett jährliches Ciiikomnteit allein auf über 20 Millionen Dollars geschätzt lmtrde. Ihm folgte daittt ein chinesischer Teehändler in Kattton, dann die nineritaittstheit Milliardäre ltzonld, Mackay, Vmtderbilt, Astor; die ettglischen Herzoge bott Westtnittsler inib Bedford, worauf erst das in fünf Linien gespaltene HanS Rothschild mit etttem Bankvermögen bott zirka 3 Milliarden, ivelchem dattn der jüngst verstorbene Hirsch sich nnschloß. Es folgen dann wieder eiitige rtissische, atnerikatüsehe nttd englische, sowie deutsche Millionäre: Knipp, die Häuser Baring nnd Laffitte und der int Jahre 1880 in Parts mit Hinterlassung von zirka 100 Millionen verstorbene (arische) Jnckerfabrikant Lebandy. Wo sittd also die jüdischen (tzroßkapiialisten, ivelche die Völker itttb Staaten in finanzieller nttd politischer Abhängigkeit erhalten? Sind die Eisenlverke von Carnegie rtnd vmr Krupp, die Kohleniverke des Grafen Lartsch usw. in Händen jüdischer