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Jüdisches Volksblatt · 1903-01-30 · 5 (30.1.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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HO. Jütiner 190H 3eiie 0 Wieji, (‘’roinu: in Lvdda. Lvdda lioru nur drei stunden von Raffet cutfcnu; dir Vtixfantntlmtii uon 'JirlH'irorn zur CliUcncrnk' in XfDbba begünstigte die schnelle Tlnsbre'ttnng brr Senclie. (Inn Eseldieb und eine fahrende Volissäiigecin waren die ersten Opfer in '\affa. Sväter trat die .vfmnflu'it im Bezict Jerusalem und am Zorbau auf. Die Deuche Ureirete sieb anfangs wahrend eines Monats langsam ans. hielt sich bann einige Wocbeu auf ziemlicher Höbe und bat nun begonnen, langsam,;u erlöseben. Die;{abf der Todesfälle ist gang genall nicht 311 ermitteln, da sie niebr immer zur .Sinnum* der Behörde gelangen. In (Oasa sollen von :buino Einwohnern .“»nuo gestorben sein; bie aintlielien Listen sübrrn mir IMbt Todesfälle ans. In Ltidda sind boir 10 OOO Einwohnern Ooo gesrorbeu. Jaffa mit seinen >0 000 Einwobnern isr verhälniismaßig gut davougetoinmen, da nur gegen 0,00 Personen ginn Loser sielen. plus Jerusalem würben nur zwei Todesfälle gemelber. Wie es am Jordan anssietst, weis; nientaub.?iiTcb vribalen A'acbricinen sind in den 'Zeltlagern der Araber viele Todesfälle borgetommen. Sclilinuner noeb als in diesen Lagern sind bie bligienischen Z.ustände in den tleinen Städten. Die Häuser silib eleirb gebanr: in ihren engen düsteren Oiänincn bansen Bc'enscti und Vieh beisammen. Die (Oleiebgiltigteir der Vewobner ist immer dieselbe. Mitfu min Allah! sagr jeder, alles lommr von Gott! Aber: Was können die Aergte maelien! tb'iemand eiirrinnt seinem Schicksal. So hört man überall in der Bevölkerung sprechen. Eine regelrechte Behandlung ist bei sebr wenigen möglich. Jur Jaffa war es ein Glück, bas; die iiiternarionale Sanirärsverwaltnng in Kvnsrantinvpel zur Besserung der saiiitäreil Berhälinisse und gründlichen Desinfektion brr Stabe besondere Beamte gesandt hatte, die unter der Leitlliig des hiesigen Ehefs der A.naranränestation sehr viel zur Eindämmung der Seiiebe beigetragen haben. Bon Europäern, b. h. bon den-hier lebenden I-remden isr nur ein fiinseiiihalb Jahre alter Knabe einer in sehr ärmlichen Verhältnissen lebenden deutschen Familie gestorben. 3111 allgemeinen sind es Leute der armen Klassen, die am meisten heimgesnebt worden sind. Juden ausgeschlossen. AuK Belgrad wird uns q» schriebeu: Jur Nathausa zu Belgrad prangt seit einiger Zert eine amtliche Kuntzmachunq, in welcher bekanntgcgeben wird, daß die Bier- und Weinliefernng für die städtischen Anstalten auf längere Jeit verpachtet werden sollen. Unter den Bedingungen befindet sich auch eine Klausel: Juden s i n d v 0 m Bdrtr a g e a rr ch a l s T e i f h a b e r a u s g e s ch l 0 s s e n. Tiefe Verfügung isr umso auffälliger, als sie im serbischen Gesetze nicht begründet erscheint, und in allen anderen Städten des Landes die Juden zu allen Lieferungen Zugclassen werden. Das älteste Bibcliuanustript. Eine der wertvollsten biblischen Entdeckungen der letzten Jahre ist, wie aus Kairo berichtet wird, in Syrien gemacht worden, tvo, toenn ttichk das älteste bekannte, so jedenfalls eines der ältesten hebräischen Manuskripte der Bibel mifgesunden wurde. Das Dokument ist von Sbrien nach Kairo gebracht und bon Khalcel Sabra gekauft tvorben. Es besteht aus den fünf Büchern des Pentateuch, die in samariiischen Schrifizeichcn auf Gazellenpergament im Jahre 110 der moSlemitischen Zcitrechming, dem Jahre 7:50 n. Ehr. gcschriebeir sind. Es ist also weit älter als irgend ein hebräisches Manuskript der Bibel, das mnn in europäischen und ainerikaniscben Bibliotheken findet. Ein Vergleich mit der jetzigen hebräischen Bibel zeigt mehrere tvichtige Verschiedenheiten. Direkt nach dem Detalog kommt in dem Manuskript eine Stelle von etwa fünfzehn Zeiten, die sich in der jetzigen Version der Bibel nicht sinder. Diese allein wird wahrscheinlich mehrere wichtige Streitfragen, die der Royal Asiatic Soeiety, der ein bekannter arabischer Autor und Geschichtsschreiber ist, wurde zeitiveilig tust der Aufbewahrung des kostbaren Mannscriprs in Kairo betraut. Nachfragen bei einem Sachverständigen im Britischen Museum, tvo man bisher noch nichts von dem Dokument wusste, bestätigten die Behaupttuig, daß, wenn das Darum genau übersetzt ist, Grund vorhanden ist, die Entdeckung als beachtenswert zu hatten. Es ivurde dabei auch erwähnt, das; ganz vor kurzem eine samaritanische Version des Buches Noemi nub mehrere hebräisch geschriebene Oie bete von den MnseumSbehörden erworben worden sind. Diese Dokumente tragen das Datum 10.00 unserer Zeitrechnung und wurden für die ältesten vorhandenen gehalten. Die Nachricht von der letzten Entdeckung Hai daher Aussehen erregt, besonders, da man nicht glaubte, das; so bald ein ähnliches, viel älteres Totument gefunden lverden ivurde. Tie Tarmstädter Haggadah. Tie „F. erhält folgende Zuschrift : Im ziveiten Morgenbtatt Nr. 10 finde ich die Mitteilung, daß Moije Schwab in der „Revue des etudes juives" auf eine Haggadah der Tarmstädter Hofbibliotchek ansmerksam mache, die durch ihr Alrer große Bedeutung habe. Ter Schreiber erwähnte nämlich ein während des dritten Krenzzugs 1100 zu Metzeburg (Metz?) stattgehabtes Ereignis als vor kurzem geschehen, es sei also in diese frühe Zeit zu setzen. Mit dem hohen Älter der Handschrift ist es leider nichts. Schwab hat offenbar tinr den Aufsatz bvn Mannheimer in der Zeitschrift für dir (Geschichte der Inden in Deutschland 2, 082, 1080 gekannt, in dem die Stelle zum erstenmale abgedrncki ivar, die Berichtigung Oüu Levp. Löwenstein in derselben Zeitschrift .8. 200, 1080 hat er übersehen. Löivenstein weist nach, das; nicht Metzburg, sondern Müuzbnrg zu lesen ist nub bas; bie Schilderung der Judenversolgnng zu Miinzenberg in der Welterau 1188 ivörtlich dem Berichte eiues Zeitgeuvsseu, des Eleasar von Worms, enlnonunen ist, für das Atter der Handschrift also gar nichts beiveist. Wenn der Handschrift ein so hohes Alter auch nicht zukomint, so ist sie doch durch ihre Bilder und den tadellos erhaltenen kostbaren alten Einband in Lederschnitt bon hervorragendem Wert, es ist deshalb sehr zu bedauern, baf; sie in dem grundlegenden Werke von Müller und v. Schlosser über die Haggadah von Sarajevo keine Verücksichtigung gefunden hat. Sie ist von dem Schreiber Israel ben N. Meir aus Heidelberg geschrieben, zioar um das Jahr 1400, iuic ich in einem Aufsatz in der Zeitschrift für Bücherfreunde 0, l5!54 bis .';:;o, 1001, dem auch eine Nachbildung eines der interessanten Bilder ans dem jüdischen Leben und des Einbandes beigegeben ist, nachzuweisen versucht habe. In einem demnächst in derselben Zeitschrift erscheinenden ziveiten Artikel iverde ich Nachrichten über die früheren Schicksale der Handschrift, ehe sie in die Hofbiblivthek kam, bringen und zwei andere Hciggaden dieser Bibliothek kurz beschreiben, von denen die eine ebenfalls dem 10. Jahrhundert angehöct, die zweite 1700 von dem Schreiber und Maler Iehnda Loeb, Sohn des Elia ha Eahen ans Lissa, zu Kopenhagen geschrieben ist. Darmstadt, 10. Januar. Dr. Adolf Schnlidt, Hofbibliothekar. Jüäi0c hes Volkb*ait Natibor. (T 0 d e s f al l.) Rabbiner Dr. Blumenihal ist heute früh nach kurzem, schwerem Leiden im Alter bon 40 Jahren verstorben. Am Dienstag vormittags ivar er noch anttlich tätig, am Abend ertrankle er an Darinverschtingnng, gestern nachiuitlags ivurde eine Aperalivn vollzogen, der Eingriff ivar aber erfolglos. Einem ivarmcn Nachruf des „Aberschl. Anz." entnehmen wir folgende Save: In IIjähriger Tätigtest - im pllter von 20 Jahren ivurde Dr. Blumenihal vom Rabbiner-Seminar in Berlin nach Rolil'or berufen bat der ^(erstorbene, der mit reichstem Wissen ansgestattet ivar, iui Dienste der hiesigen (Gemeinde gestanden. Ein begnadeter Oiedner, der mit seineiit Wort zu erbauen und hinzureißen verstand, ein Wohltäter, der ivahrhaft menschenfreundlich den Armen und Bedrängten, ohne Unterschied der Konfession, Hilfe angedeihen ließ, ist mit ihm dahingegangen. Moskau. (Isaak Asknazy.) Durch den Tod des jüdisclien Malers Isaak Astnazh hat die russische Knust einen großen Verlust erlitte». Er ist nacch kurzer Krankheit hier gestorben und hier auch zu Grabe getrageil worden. Isaak Lwolvitsch Asknazy ist am 20. siäuaer 1000 in Drissa geboren worden und hat bis zu seinem 14. Jahre den üblichen Unterricht in Bibel und Talmud genossen. Dann ivurde er als ertcrner Student zur hiesigen Kunstakademie zugelassen. Die Lehrer erkannten bald die außerordstutlicbe Begabung Astnazhs und belohnten nicht nur 1070 »nd 1070 seine -rctizzen und Studien mit der goldenen Bccdaitle, sondern sorgten auch dafür, daß ihr litlenivoller Schüler 1000 auf Kosten der Regierung zur Volleitdnng seiner Tlnsbildnng ins Ausland geschickt ivurde. Schon in deinselbcn Jahre entwarf Astnazh in Wien die --tizzen zu seinen Gemälden „Johannes der Däuser im (Oesängnis den Heuler erlvarlend", „Der Henker mit dem Haupt Johannes' des Dänfers" und „Der Dod Jebnda Hatevhs". In tliom führte der Künstler einen Dcil dieser Entwürfe ans: das Bild „Der Henker" ivurde von der Bcootaner Knustatädemie angetanst. Das ebenfalls in tliom gemalte Bild „Moses in der Whiste" befindet sieh in der hiesigen Tretpakoff. (Gemäldegalerie, st-ür die im Jahre 1080 unserer Kunstaladcmie eingereichten (Ocuiälde „Ein Scbachzug", „Die Kälte", „Italienischer Mädchentopf", „Strickende Iran" wurde Astnazh zum Mitglied der Atademie ernannt. Bsit Vorliebe wählte er für seine ^(itder Stoffe ans dem jüdischen Leben und der jüdischen Geschichte. Am meisten bekannt sind die Bilder „Traurige Nachrichten", „Sabbaianfang", „Moses' Eltern". Berlin. Den ziveiten Vortrag in der Reihe der Bconiagsvvrtc-sungei, zum Besten des Stipendienfvnds der Lehranstalt für'die Wissenschaft des Judentums hielt am 10. Januar Herr Pros. Dr. Ludivig Geiger. Nach einer kurzen Biographie und Darstellung der frenndschastlichen Verhältnisse des Dichters Michael Beer, des Bruders des berühmten Maberbeer, zu Goethe und dem Dichtertönig Ludwig von Bavern ging Redner ans diejenigen Dichtungen Beers ein, denen spezifisch jüdische Motive zngrtinde liegen: „Der fromme Rabbi" und sein berühmtestes Werk „Der Paria". — Zum Schlüsse appellierte Prof. Geiger an die jüdische Jugend, die Ideale Beers hochzuhalten. Berlin. Im „Verein für indische Geschichte und Literatur" sprach Donnerstag abends Herr Dr. Emil Pick über „Nietzsche und das Indenttim". Redner betenchtete die Stellting des Philosophen zur Moral des Judentums und zitierte als Beleg zahlreiche Aussprüche ans seinen Werken. Berlin. Herr Dr. Alfred Nossig sprach Dienstag tut „B. j. Sr." über „Das Wesen des MosaisrnnS". ’ M. N. Eiitz Schüler des Prof. Delitzsch über Babel and Bibel.*) Allmählich ist wohl der erste Begeisternngsjubet über den neuerdings von Delitzsch in Berlin: über „Babel und Bibel" gehaltenen Vortrag so iveit verhallt, daß auch Stimmen, die nicht so ohne iveiteres in denselben einsallen tonnten, hoffen dürfen, wenigstens gehört zu lverden. Wenn ich es lvage, die meinige hier zu erheben, so weis; ich wohl, daß es auch heute noch nicht angenehm und lohnend ist, gegen den Strom der öffentlichen Meinung zu schwimmen. Aber ich fühle mich verpflichtet, um Gehör zil bitten, weil ich weis;, das; Hunderte hinter wir stehen. Es sind nicht schlvarze und schivärzeste Pfaffen aller Kvnfessivnen, wie es so mancher Leitartikler der letzten Wochen im voraus glauben machen wollte, sondern Männer ernster Wissenschaft, die auch kein anderes (besetz kennen als das rücksichtsloser Wahrhaftigkeit, die aber wissen, daß es das Schlimmste für eine Wissenschaft ist, ivenn sie auf das A'ivean der Sensationswissenschaft herabsinkt und Resultate in die Welt hinauspvsaunt, über dir mit unfehlbarer Sicherheit schon das nächste Jahr zur Tagesordnung übergehen muß. Denn ein Oiückschlng, ein Iiaslo, kann da schließlich nicht auShteiven. Ireilich, wer wollte leugnen, daß das ganze, vor der Oeffentlichieit so plötzlich aufgerollte Bapet-Bivel-Probtem auch Anlas; zu aufrichtiger Irende bietet! Ich weine nicht nur das Problem an sich, die geradezu unzähligen Iördernngen, Aufschlüsse und Korrekturen, welche dir altlepainenttiche Ivrschung in graiurnatikalischer und teyikalischer, in kulturhistorischer und historischer Beziehung der Entzifferung der babtstonischen Keilinschriften verdankt. Neill, das Iattnm allein, das; der Bc'vnarch eines der mächtigsten europäischen bieiche mit gespanntetu Interesse die Arbeiten nnb Resultate eines Zweiges der Wissenschaft verfolgt, daß mit ihuc ein ganzes Volk wieder anfängt, historischen und religiösen Problemen ein ivilliges Ohr zu leihen, wen-sollte es nicht mit Fremde erfüllen? Aber noch mehr; erfreulich ist vor allem die Unerschrockenheit, mit der ein Meister der Forschung ans seinem Spezialgebiete die Resultate derselben auch da einznbürgern sucht, lvo er weiß, daß der Kumpf nicht ausbleilien kann, und vollends erfreulich ist die Art, in der man ihn gelvähren und Kritik üben läßt, auch da, tvo er hineingreift in Gebiete, die nach mancher Dafürhalten von aller tvissenschaftlicheu Kritik erinnert sein solle», in altübertomniene religiöse Vorstellungen. Eine schönere Illustration für die Giltigkeit des Grundgesetzes: „Die Wissenschaft ist frei", als jene Versammlung, in der Delitzsch den letzten Vortrag hielt, hat die Geschichte der letzten Jahrzehnte kaum geliefert; der kaiserliche Händedruck, den der Redner nach dem Vorträge erhielt, darf als Unterpfand dafür angesehen werden, daß in Deutschland jene Grund- und Existenz-Bedingung aller Wissenschaft zur Zeit tatsächlich und rückhaltlos als solche anerkannt ist. Müßte nun nicht angesichts dieser erfreulichen Erscheinungen alles kleinliche Nörgeln über die Vorträge von Delitzsch verstummen? *) In der „N. Fr. Pr." veröffentlicht Dr. Ernst Sellin, Professor der evangelisch-theologischen Fakultät eine Studie, die dadurch an Interesse gewinnt, daß der Schüler sich gegen seinen ehemalige» Lehrer wendet. Ni*. 5 Müßten nun nicht vor allem alle Männer der Wissenschaft ihm einstimmig herzlichsleu Dank ansspreche»? So löinite es denen erscheinen, ivelche die Sache nur durch die Brille der Tagespresse ansehea. Es herrscht aber unter allen Eingelveihien fast nur eine Stiiniue dariiber, daß die erfreuliche Außenseite eine sehr böse Kehrseite Hirt. Es ist, kurz gesagt, die, das; Delitzsch als ivissenschaftliche .Resultate bielfacli persönliche Anschannngen, Vermiitnngen, Hypothesen in die Oeffenttichteit hineiiigelvorfen hat, die nicht nur bau seinen engeren und tveiteren Fachgenossen nickst geteilt lverden, deren Haltlosigkeit ihm vielmehr bereits bewiesen ist. sondern daß er auch, wo er sein Fachgebiet berläßt, bisweilen mit einer Oberflächlichkeit und Methodelosigkeit berfährt, ivelche die Wissenschaft schließlich nur diskreditieren kann. Es soll hier natürlich in keiner Weise über Einzelheiten gereclitet werden, wir ivvlle» gleich ans das Zentrum der Suche kommen. Schon bei dein ersten Vortrage Ivar es offenkundig, das; Delitzsch, der doch das Thema „Babel und Bibel" gelvähtt hatte, nicht etlva als ein obiekiiv deutender Richter die mancherlei Beziehungen zivischen beiden ansdeckte und die verschiedenen Institutionen, Vorstellungen, Traditionen usw., die beide in gewisser Verwandtschaft darbieien, auf ihren verschiedenen Wert und Gehalt hin prüfte, sondern daß er einfach die Rotte eines Advokaten übernahm, der für seinen Klienten Badet Prioritätsansprüche verfocht. Dies tvar natürlich meistens leichte Arbeit, die babylonische Literatur beginnt etlva seit dem Jahre 0000, die biblische etlva 1000 v. Ehr. Nu» ist es aber sonst ein allgemein anerkannter Grundsatz tu der Oietig io ns ge schichte, daß, so interessant und wertvoll es auch ist, die geistigen Verbindungslinien zivischen den Völkern, ihren gemeinsamen Besitz an Ideen, sotvie die Enttehiinngeu anfzuzeigen, der Plictz, dem man einem hestiiniiiten Volke einznränmen hat, nicht durch das hestiinint lvird, lvas es mir anderen Völkern gemeinsam Hai, sondern lvas sein eigenartiger geistiger Besitz ist. Hiervon aber schwieg Delitzsch fast völlig. Immer lvieder hörte man: die und die Erzählung, diese und jene Vorstellung im alten Testament ist babylonisch; es wurde aber mit keinem Worte angedeutet, das; sie alle, wenn auch lnirktich zum guten Teile vablstonischen Ursprunges, in Israel eine vollständig andere Gestalt, ein total verschiedenes Gepräge angenommen haben. Einige Beispiele mögen cS kurz illustriere». Kein Wort hörte man bei Delitzsch davon, das; in dem biblischen Schöpfungsbericht von 1. Mose 1 die ganze Theogonie des habbtouischen an der Spitze des Schöpfungsivertes, der Kampf mit dem Chaosungehener usiv. verschlvunden seien, das; eS der einzige (bott ist, der hier durch sein gewaltiges Wort das All ins Dasein ruft und alles schafft bis hin auf den Menschen, der als sein Bild auf Erden dasteht. Nicht die leiseste Andeutung, lvie Beginn und Abschluß der großen Flut in der Bibel rein sittlich-religiös motiviert sind, lvährend in Babylon Göttergezänt die Geschicke der Menschheit bestimmt. Kein Hinlveis dai'anf. daß dor Sabb,-rt in Israel etwas totcil anderes geworden ist als in Babylon, ein Nachbild der göttlichen Schöpfnngsruhe, ein Tag der Berätignng der Humanität. Kein Wort endlich dabo», daß nicht das 0. bis 7. Gebot in ihrem zufälligen und auch bei anderen Völkern beobachteten Znsainmentressen, sondern die alles umfassende Verbindung der kurzen religiösen und ethischen Gebote im Dekatog das eigentliche und sonst von keinem antiken Volte — auch im neu* gefundenen Gesetzt'»che HammnrabiS nicht -— erreichte Wesen dieses Grundgesetzes ansmachen. Wo bleibt die ivissenschaftliche Gerechtigkeit, toenn man das alles verschweigt? Aber auch das ist schließlich noch nicht dns innerste Zentrum. Bereits seit 20 bis 00 Jahren war es ein Allgemeingut der Wüsseuschaft geworden, nicht nur der orientalistischen, sondern auch der theologischen, das; die Wurzeln jener Erzählungen und Institutionen zum Teile in Babylon ruhten und das; dieselben in Israel nur in einzigartiger Weise geläutert und verliest seien. Das eigentlich Neue, was der Vortrag brachte, Ivar etivas anderes. Delitzsch verstieg sich dazu, darzutun, das; das, lvas Israels ganz spezielles und ureigenstes Besitztum in der antiken Völkerivett ist, lvas die lveltgeschichtliche Bedeutung des alten Testamentes anSmacht, der Monotheismus, ebenfalls ans Babylon stamme. Diese neue Erkenntnis Hai nun nicht nur überrascht, sie hat einfach berbliiffend gewirkt. Von einem MlonotheiSmuS der Babylonier hatten auch die gewiegtesten Kenner der Oieligion dieser noch nie etivas verspürt. Delitzsch suchte ihn seinen Hörern auf einem dreifachen Wege zu beweisen. Zunächst berlvieS er auf die bekannte Tatsache, das; die um 2000 v. Ehr. in Babhlonien eingelvanderten tananäischen Stämme bereits biete mit „Gott", das ist et, it», zusammengesetzte Eigennamen besitzen. Die Grundbedeutung dieses WiorteS tvar itach ihm im Anschtnß an de Lagarde „das Ziel". „Da dies Ziel des menschlichen Herzens naturgemäß nur eins sein kann, so haveic lvir also hei jeueit Tkätumen bereits mottotheistische Eigetluameu." Diese Argumentation ist nicht nur fehlerhaft, sie ist geradezu naiv. Das; et ursprünglich das Zstel bedeute, glaubt außer Delitzsch eigentlich kein Nc'ensth mehr; der Sinn des Wortes ist Nc'acht oder Stärke. Doch übertrosfen wird diese falsche Etymologie noch durch die religionsphilosophiscye Schltlßfolgernng, dns; das Ziel des menschlichen Herzc-tis nattlrgemäß nur eins sein tonnte. Das ist ja ganz neu, und, tvenn wirtlich richtig, so wären überhaupt alle Semiten Monotheisten getvesen, denn diese Gottesbezeichnung findet man bei Sabäern und Phöniziern so gut wie bei Israeliten und Babyloniern. Tatsächlich aber bekennt sich, lvas Delitzsch freilich nicht fugt, gerade die Familie HammnrabiS, der jener Monotheismus vindiziert lvivd, in ihren Eigennamen ausdrücklich zum Polytheismus. Doch Delitzsch hatte einen ganz neuen ziveiten Pfeil auf der Sehne. Ans drei kleinen Tontaseln glaubte er sogar für jene Zeit den israelitischen (stottesnmnen Jnhlve in Babyloir nnchlveisen zu können, indem er hier zwei Eigennamen las: Ja-ah-be-ilu uub Ia-hu-um-iln, das ist: Jahwe ist Gott. Daß diese Lesung richtig sei, ist sofort von berufener Seite bestritten und dargetan, daß mindestens geradeso möglich Lesungen lvie Ja-a-pi-ilu, Ja-a-iui-ilu nstv. seien, tvomit Jahwe hier verschluäude, und daß, auch ivenn man mit Delitzsch lese, die Erklärung: Gott ist tvirksam u. dgl. ebenso berechtigt sei. Ja, auf beut Orientalisten-Kongreß in Hmu-

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