Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 30. .Jänner 1008 Nr. 5 Wien, Freiing JiKiisrb.es Volksblatt durch jüdische Bettler in Anspruch 31t nehmen und deren polizeiliche Abschaffung anzustreben. Als zulässig könnte diese in Ausnahmsfällen erscheinen, namentlich, wo es sich um unmoralische itnb geisteskranke Individuen mit ekelhaften oder ansteckenden Krantbeiten bebaftete, endlich um solche Individuen handeln sollte, welche trotz gütlichen A b in a h n e n s! in ungestümer Weise den Einlvohnern zur Last fallen und dergl. wehr. Diese Fälle sind trotz der großen Ausdehnung des- Wanderbettels doch selten. In anderen Fällen tvürdeu jene Organe dero Armenpflege der Knltnsgeineinden. lvelehe ihre Aufgabe gegenüber! fremden Bettlern auf diese Weise zu lösen versuchen sollen, auf den entschiedensten Widerstand ihrer eigenen Gemeindcgenosscn stoßen. Werden durch die vorstellenden Erwägungen die lvirksamstcn,' so zu sagen die mechanischen Mittel gegen den vielbeklagten Nebelstand ausgeschlossen, so erübrigen nur solche Mittel, ivelche auf die eigene Entschließung der Unterstützung suchenden Personen berechnet, ifmcit so weit als möglich den Anreiz zu ihren Wanderfahrtcn benehmen, dieselben als nichtlohnend erscheinen lassen. Der vom Deutschen Gemeindebunde und den von demselben einbermfencn Enqueten in Aussicht genvmincnc Weg, durch Unterstützung der Armen in ihrer Heimat, namentlich itt Galizien, daS, Herumwandern in der Fremde ihnen abzugcwöhncn, mutz bei der j gegenwärtigen Erörterung auSgeschicden iocrden, weil hierzu matc-' riclle Mittel erforderlich wären, an deren Beschaffung nicht im ent-. ferntesten gedacht werden kann. j Andererseits ist es unmöglich, von vornherein das Prinzip' aufzustcllen, grundsätzlich Personen, die aus Galizien oder anderen! unter jüdischer Massenarmut leidenden Provinzen stammen, jede j Unterstützung zu versagen.' Es müßte die? 31t Härtere führen, die den mit Ausführung dieses PriirzipS betrauten Personen, falls. sich solche finden, was bezweifelt iocrden mutz, die größten Vorj würfe ihrer eigenen urrd auch fremder Gemeinden zuzichen, ihr! Gewissen oft schwer belasten würde. l ES erübrigt sonach nichts anderes, als von dem milderen j Prinzipe auszugehen, daß mit Ausnahme ganz vereinzelter besonders berchcksichtigcnswerter Fälle die Unterstützmrg wandernder! Armen denselben in der Regel nur in der Form und dem Aus-; waße verabreicht werde, daß sie ihre Lebeiissubsistcnz für die! Dauer ihrer Anwesenheit in der Gemeinde, ivelche möglichst abzu-i kürzen wäre, bestreiten können, nicht aber die Gelegenheit geboten werde, namhafte Geldbeträge als Erfolg ihres Bettelns auf dem ■ Gcmeindegebiete mitzunehmen. j Soll dieser Grundsatz erfolgreich durchgcführt werden, so! mutz an dem Hauptgrundsatze A. festgehalten werden, daß bic; Unterstützung auswärtiger Armer auf dem Gemeindcgcbiete nicht! von den einzelnen Wohltätern selbst ausgeübt, sondern durch Ge-! meindeorgane aus jenen Beträgen bestritten werde, welche ihnen | aus dem Budget der Gemeinde oder durch Spenden der einzelnen! zur Verfügung stehen.! Wenn schoir bei der Unckerstützung einheimischer Armer die! Zentralisation innerhalb bestimmter Grenzen sich empfiehlt, so erj scheint sie bei Aliswärtigen unbedingt geboten. | Mag bei einheimischen Armen die ungeregelte Wohltätigkeit Privater längere Zeit hindurch ungleichmäßig, der Bedürftigkeit und Würdigkeit llicht angemessene Verteilung der Gabell zur Folge haben, im Laufe der Zeit wird namentlich in kleinen und lnittleren Gemeinde!? doch bekannt werden, ivelche Zuflüsse der einzelne er-! hält und in welchem Matze er unterstützungsbedürftig und -würdig ist. Bei dem fremden Bettler, der sich kurze Zeit in der Gemeinde^ mrfhält f je kürzer desto besser) fällt nahezu jede Möglichkeit; der Information über seine Verhältnisse iveg. Tie Zeugnisse (falls sic llicht, ivie es sehr häufig Vorkvmmt, gefälscht oder ver-; altet sind), beruhen in den meisten Fällen auf Konvenicnz-Schwäche, aus dem Bestreben, sich des lästigeil Gesuchstellers nur zu entledigen und bieten daher selteil irgendivelche Garantie. Als zweiter Hauptgrundsatz, desseil Begründung bereits in? vorstehenden enthalten bi, wird c.ur fehlen, daß B. die Unterstützung der ausirärtigen Bettler, mit Ausnahme ganz vereinzelter Fälle durch die (tzcmeindeorgane auf das allernotivendigste beschräilkt wer>, also a) auf den unbedingt zur Lebensri.terhaltuilg ilvtiveudigeil Betrag und b) auf die Kosten des Verlasseas des Gemeindegebietes, j c d 0 cb l e tz t e r e s nur t n der R i ch t ll n g na ch s e i n e m Wohnsitze zurück, nicht aber in einer Richtuilg, welche ihill das tveitere Vordringen in daS Land erleichtert. In letzterer Hinsicht iväre in der Weise vorzusorgen, daß das Vcrlasscil des GemeindegebieteS überivacht, die Fahrkarte nnb allenfalls ein kleines Zehrgeld erst bei Abgang deS Zuges nach der HeirilatSrichtuilg verabfolgt tverdc. Persoileil, ivelche sich in dieser Hinsicht Täuschungen erlaubeil, etiva auf der nächsten Station aussteigen, ivärcil unbedingt in alleil künftigen Fällen von llnterstützungcn auSzuschlietzen. Hier dürfte einer jener Fälle gegeben sein, ivo auch die polizeiliche Hilfe angcrufen iverden kann. Eine Ausnahme von den Grundsätzen der Heimbcförderuiig iväre zufällig, falls die Notwendigkeit der Fortsetzung der Reise in das Innere, beisbielSiveise in einen Kurort, ivo ihm der Aufenthalt im Spital gesichert ist, oder zu Verivandten, die seine Versorgung übernehmen, nachgciviescn wird. c) Sollte die Rückbeförderung eine ivirkliche, für längere Zeit wirksame sein, so mutz sie auf eine größere Distanz,, nicht bloß in irgend eine zufällig in der Nähe befindlichen Kultusgcineindo erfolgen. Hierzu sind aber Mittel erforderlich, ivelche den an der Grenze befindlichen Gemeinden, den sogenannten Einbruchsstationen nicht zugebotc stehen. In duser Richtung kann die Anregung der Schivestergemeindc Horazdowib von ersprießlichen Wirkungeir sein, daß nämlich jene Gemeinden, die durch konseqnenw Handhalning des iwier B. unfgestellten Grundsatzes entlastet werden, indem der Durchzug fremder Bettler ganz oder zum größten Teile abgesteltt ivird, ein von ihnen selbst zu bestimmender jährlicher Beitrag zum Zivecke der Rückbeförderung entrichten. Falls diese Idee auf fruchtbaren Boden fällt, ist der Gemeindcbund erbötig, diese Beiträge zu übernehmen rmd an die betreffenden Grcnzgeineinden nach geivissenhaften Erwägungen aller einschlägigen Verhältnisse zu verteilen. Falls die unter einein eingeleitete neuerliche Agitation zum Beitritt der bisher noch ausständigen Gemeinden zum Gemeindc-- bui'de günstige Resultate liefert, so daß derselbe siiianziell gekräktigt wird, könnte der Gemeindebund ailch ans eigenen Mitteln einen ciitsprechenden Betrag zu diesem Zwecke liefern. d) Bezüglich der in Böhmen einheimischen Armen, welche in anderen böhmischen Gemeinden Unterstützungen einsammcln, iväre» ebenfalls die unter A. itnb B. aufgestellten Grundsätze einzuhaltcn. Bei diesen unterliegt da? umsoivenigcr Schivierigkeiten, da die Rückbeförderung weniger Kosten verursacht und da bei den Ausnahmsfällen einer besonderen Bedürftigkeit die Erkundigungen leichter und mit größerer Verläßlichkeit eingezogen iverden können. Jedenfalls empfiehlt cs sich, allfällige über das Matz des überhaupt Notivendigen hinaus zu geivährcnde Unterstützungen ebenfalls durch Organe der Gemeinde-Armenpflege und ausnahmslos nicht an die Armen direkt, sondern im Wege ihres eigenen Gemeindeorganes zukonnucn 31t lassen. Kehle „Schweigen!" ansrufen können. Die Frauen solcher Männer sind, wie bekannt, nicht immer gesprächig und mitteilsam. Eines Tages, als ich ncit dem General in seinem Arbeitszimmer saß, kam das Gespräch auf die Juden. Es stellte sich mm heraus, daß der General ein fürchterlicher Antisemit sei. Bor seinem Judenhasse verstummten sein Geist, seine Güte und das Nechtlichkeits- .qesnhl, welches er dort hervorkchrtc, wo es sich nicht um Juden handelte, er zeigte sich nun als ein roher, bornierter Mensch, der von Logik, (Gerechtigkeit, Geschichte und Menschenliebe nichts wissen wollte. Der geehrte General Hütte absolut nichts dagegen gehabt, wenn man, um die verdammte Judenfrnge einfür allemal zu tosen, sämtliche Juden nach allen Regeln der Kunst nmgebracht hätte. Er sprach dieseic Gedanken zwar nicht aus, allein nach seinen Schlüssen war kein anderer Ausweg möglich. Ich entgegnete natürlich. Zuerst war ich bemüht, kaltes Blut zu bewahren und mich vom rein logischen Standpunkte nicht zu entfernen. Als aber der General immer heftiger wurde, da hielt ich es nicht länger ans und ich sagte ihm in sehr scharfen Ausdrucken eine Menge unangenehmer Dinge. „Ja, was gehen Sie denn die Juden an," brüllte mich der General an, „weshalb ergreifen Sie so Partei für diese Brut?" „Ich ergreife nicht Partei für s i e, sondern für m i ch," sagte ich, das letzte Wort besonders betonend. Der General wnrde verwirrt und er blickte mich erschrocken an. „Sie . . . Sie . . ." begann er. „Jawohl, jawohl," ergänzte ich seinen Gedanken, „ich bin —• eilt Jude, ich gehöre eben zu jener Satansbrut, die nach den Worten Eurer Exzellenz weder Gewissen, noch Ehrgefühl, ttoch irgend andere menschliche Gefühle besitzt . . ." Man hätte den armen (General sehen sollen, und wie er sich geberdete; er wußte buchstäblich nicht, wohin er sich verstecken sollte, er konnte mir nicht in die Augen blicken. Er begann natürlich, sich zn entschuldigen, bat mich, solche „Tnmmheitett" nicht zu beachten, sprach die Hoffnung ans, daß dieser Zwischenfall keinen Einfluß auf nitsere Beziehungen habeit würde michtsdestoweiliger wußte und fühlte jeder von uns, daß ich dieses Hans trickst mehr betreten würde. Und in der Tat, von diesem Tage an waren nteine Beziehungen zu dent (General Denissenko vollständig abgebrochen; ich besuchte ihn nicht mehr und auch er ließ ntich tticht mehr rnfen. Ich wußte auch, daß ein anderer Arzt die Behandlung in seinem Hause überitomtnen hatte. Und deshalb kanr »tiv diese unerwartete Aufforderung des Generals Denissenko so überraschend vor. „Ist jemand bei Ihnen krank?" fragte ich den Generalsbnrschen. „Zn dienen," rapportierte mir Tschttlmrow. „Wer?" „Ihre Exzellenz Alexandra Petrowna gertihen, krank zu sein." „Besucht sie Doktor Sokolow?" „Zn dienen; zweimal täglich." „Zn welchem Zwecke benötigen sie also ntich?" sagte ich wie für mich. „DaS kann ich nickst wissend" rief ans voller Kehle Tschnbarow. „Nur haben Ihre Exzellenz sehr gebeten. Sag' dem Herrn Doktor, sagte sie, daß der Herr General selbst sehr bitten läßt . . ." Ich blieb einige Angenblicke nttschlüssig stehen: sollte ich hinfahren oder tticht? Doch ist es nicht nnt Platze, am Belle einer Kranken an die verletzte Menschettwürde ztt denken. Ich war Arzt — und folglich mußte ich nteinen Feind ebenso wie einen Freund behandeln. Ich fuhr hin. Ter (General war nicht zu Hanse. „Er lasse sich sehr entschuldigen, er habe eine dringende Angelegenheit zu erledigen gehalst." Die Töchter freuten sich, den Doktor zu sehen, bedauerten meine lange Abwesenheit, waren über die Krankheit von Mama sehr betrübt und bntett ntich, sofort in das Zimmer ihrer Mutter einzu treten. Ich befand mich in einem geräumigen, mit einem dicksten, weichen, die Schritte dämpfenden Teppich überzogenen Schlafzimmer, welches durch eine am Plafond angebrachte Ampel und ein in einer Ecke vor einem Ikone (Heiligeitbild) flackerndes Oellttmpchen schwach erhellt wnrde. Die Kranke lag im Bette, und vor diesent stand ein Tischchen tttU verschiedenen Arzneien. Neben der Kranken saß eine Klosterschwester, welche bei meinent Eintreten nnfstand, grüßte und stntmn das Zimmer verließ. Dasselbe Int auch das Friiu- > lein, welches mich hitleingeführt hatte. Ich wunderte ntich über diese e) In Durchführung der vorftchcttdett Beschlüsse empfiehlt es sich, dieselben anszngsweise in Druck legen zn lassen und an die Genieinden Galiziens, svlvie an jene Genteindcn der ttitgarischen Krvnläiider, ans denen zahlreiche Wanderbeltler nach Böhmett zu kvnnnen pflegen, zn versenden. Auch die Grenzsiativnctt wären mit Exemplaren der Beschlüsse zn versehen, welche sie den einlangenden Unterslützinigsiverken zn ihrer Darnachachtnng einzuhändigcn hätten. ES iväre eine Illtisivn, zn glauben, dah mit ben verstehend beanlragien Maßregeln der ciiigclvnrzeltc Uebclstand des Wanderbettels mit einem Schlage tverdc abgestellt Iverden. Bei konsequenter Festhaktnng derselben und namentlich bei zahlreicher Beteiligung der Gemeinden an den unter A. Absatz c) eriväbnien Beiträgen ist aber zu geivärtigen, daß der Zuzug der Wanderbetkler in kurzer Frist ans ein Matz reduziert iverden ivird, ivelches die empfindlichsten Ucbergriffe beseitigt. Die böhmische» Gemeinden verschließen ihr Herz nicht dent entsetzlichen A'vtslande Galiziens und iverden dies durch Teilnahme an den Bestrebungen zur Abhilfe desselben bestätigen, allein sie müsseit sich dagegen wehren, das; sic durch die Konsequenzen desselben gerade in jener Richtung betroffen iverden, daß ihnen übermäßige Opfer anferlegt iverden, ivelche in den meisten Fällett den ain ivenigsten einer Unterstützung ivürdigen oder bedürftigen Personen zntvmmen, in einer Richtung, ivelche den Uebelstand fortschreitend sieigert, statt ihn, entsprechend den nenestens eingeleiteten Abhikfebestrebtttigen durch Versorgung pon Arbeit allmählich abzilschiväcbcn. Es iverden sonach folgende Anträge gestellt: Der Gemeindebnnd ivvlle nachstehende Maßregeln beschließen und allen Knltnsgemeinden Böhmens auf das dringendste aitctiipfehlcn: A. Die Unterstützung auswärtiger Armer hat stets durch die Organe der Armenpflege der Kultnsgeineinde mit von der Geineinde oder Privaten zur Versügnng gestellten Mitteln zn erfolge». B. Diese Nnterstütznng hat sich in der Regel auf die Geivähruug unbedingt uotiveudigeu Unterhaltes ivähreud der möglichst abzukürzeudeu Dauer des Aufenthaltes in der Gemeinde und der Kosten der Rückbeförderung in der Richtung des Heimatortes des llnterstützmigsiverberS zn beschränken. E. Diejenigen Kultnsgemeinde», ivelche gegenüber der bisherigen Belästigung durch ansivärtige Bettler bei Einhaltung dieser Grundsätze eine Entkastinig erfahren, iverden dringend ersucht, entsprechende Jahresbeiträge dent Gemeindebunde der isr. Knltusgemeinden Böhmens znzuiveisen, ivelche dieselbe» tmker die durch Einivandern ansivärtiger Bettler tmd deren Nückbeförderttng am etnpfindlichsten betrosfcnen Grenzgemeindcit (Einbruchsstakionen) entsprechend zu verteilen hat. D. Diese Grundsätze sind sinngemäß auch bet in Böhmeit einheimischen Armen, ivelche sreinde böhmische Getneindett aufsnchen, anznivcnden. Etwaige diesen Armen über das. Maß des unbedingt .Notivendigen hinaus znzniveisen beabsichtigten Gaben von Gemeinden und Privaten sind denselben durch Bermittltmg des KnlkusvorstandeS ihrer Heimatsgeilieinde zu übermitteln. E. Ter Ausschuß des Gemetndebnndes ivird beauftragt, diese Beschlüsse zur .Kenntnisnahme der Knltnsgeineinden jener Länder zn bringen, anS ivelche» zahlreicher Znztlg nach Böhmen bisher staitgefnnden hat. —t. Das Interesse für die-Probcpredigten Hai bereits den K'nlnlinaiionspnnkt überschritten nnd ist in: steten Schwinden begriffen. Alle, die nach Gruwvald und Fenchilvang lammen, iverden von der Klique für einfältige Tröpfe betrachtet, die keinen Spas; verstehen nnd die naiv genug sind, gli glauben, das; inan auf ihre Predigten neu- Flnckst der Klvsterschwester, deren Anwesenheit ich vielleicht benötigen konnte, ich sagte jedoch nichts und trat ans Krankenbett. Das abgehärmte, blntleere Gesicht von Alexandra Petrowna hov sich im geheimnisvollen Halbdunkel scharf nnd sonderbar von den schneeweißen Kissen ab; unter der Decke zeichnete sich nnheilverheißend die magere, unbewegliche Gestalt ab nnd sie sah eher einer Leiche als einem lebendigen Menschen ähnlich. Das einzige, das in der Krnnken Leben verriet, waren ihre großen brnnnen Augen, welche bei meinem Eintreten sich merklich belebten. Auch ihre fahl geivordenen Lippen öffneten sich zu einem krankhaft verzerrten Lächeln nnd die Worte wurden hörbar: „Al,, Sie sind es, Doktor! Wie freue ich mich, wie freue ich mich!" Sie machte eine Anstrengting, tim ihre nbgemagerte, kraftlos ans der Decke flachliegende Hand zu bewegen. Ich begriff ihre Absicht, fasste ihre Hand und benützte gleich die Gelegenheit, um nach dem Pulse zu fühlen. Dieser versprach nichts Gutes. Sie sah mich tnit demselben krankhaft verzerrten Lächeln an und sagte leise: „Vergebliche Mühe, Doktor ... ich sterbe . . . es ist beschlossen nnd besiegelt; ich weiß es . . ." Ich begann gewohnheitsmäßig, sie zn beruhigen, wollte die Sache leicht nehmen, doch sie nnterbrnch mich: „Nun gewiß, gewiß . . . der Abschied vom Leben ist in der Tat keilte so ernste Sache . . . das ist natürlich eine Kleinigkeit . . . Jetzt aber rücken Sie, bitte, Ihren Sessel ein wenig näher, ich titttf? mit Ihnen sprechen . . . deshalb eben ließ ich Sie bitten . . . Ich danke Ihnen, daß Sie gekomtiten sind, Sie haben mir dadurch eine große, sehr große Freude bereitet . . ." Dann schwieg sie. Ich schob meinen Sessel näher ttnd begann, in Erwartung der weiteren Anfklärungen über diese sonderbare Vorrede, die Rezepte durchzusehen; ich konnte ntich nun überzeugen, daß sie zn jetten gehörten, welche gewöhnlich bloß znr Beruhignng des Kranken verschrieben werden, von denen aber der Arzt pollkommen überzeugt ist, daß sie weder nützen noch schaden können. Die Patientin litt augenscheinlich an einer jener Krankheiten, welche langsam, aber sicher das Leben untergraben, unter deren Wirkung der Mensch wie eine Kerze schwindet, trotzdem aber fast bis znn» letzten Augenblicke im Besitze