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Jüdisches Volksblatt · 1903-01-30 · 5 (30.1.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Vierteljährig .Kr. 0.- „ 4.50 I 225 5 ♦*> v 5 Wien, 30. Jänner 1903 (3. Schebat 5663). V. Jahrgang. ..!oLLNANereN8i urc l j> rfwmtHHQari bifWeiänWiäüüam Johannistrieb. Zwischen dem fünfzigsten unb sechzigsten Lebensjahre, vielleicht noch etwas später, zieht bei vielen Männern (die Frau wird ja bekanntlich nicht älter als vierzig) die Liebe wieder ein. Im Gemütsleben der betreffenden Herren wehen lauter Frühlingslüfte, Stunden werden vor dein Spiegel verbrocht, man interessiert sich wieder, wie in der seligen Jugendzeit, für schöne Kravatten unb elegante Hüte und blättert auch hie und da in einem Album lyrischer Gedichte. Doch da der angebetete Gegenstand meistens mehr vom Willen zum Leben unb zur Liebe des älteren Herrn, als von seiner Fähigkeit und Kraft überzeugt ist, so bleibt es meistens deine Wollen, und rasch verfliegt diese Zeit seltsamer Empfindungen und Wünsche. Johannistriebe nennt man bekanntlich solche Lebensäußerungen. Gruppen und ParteiM pflegen, da auch ihnen alles Menschliche und Allmenschliche nicht fremd ist, von solchen Anwandlungen auch nicht frei zu sein, es» gibt auch politische Johannistriebe, und von einem solchen scheint die liberale Partei Mens nunmehr erfaßt zu sein. Wir haben unseren Lesern oft genug das Wesen der Wiener Liberalen geschildert. Man kann in politischen Dingen der verschiedensten Ansicht sein, man kann über die soziale Frage denken wie man will, man kann Schönerer fahr ein Genie und Lueger für einen Dmnmkopf halten, oder rnngekehrt, aber in einer einzigen Frage werden sich alle politisch Denkenden leicht zusammenfinden. Das ist die absolute Verurteilung der liberalen Partei. Sie war ebenso unfähig wie skrupellos, sie hat im rein Politischen ebenso gesündigt, wie auf sozialem Gebiete, sie hat Wien blamiert. Und es braucht hier wohl nicht des Weiteren und Ausführlicheren auseinandergescht zu werden, daß der große Antisemitismus in der spezifischen Wiener Form nur eine Neaktion gegen diesen Liberalismus war. — .Nun es schien, daß die Herren alt undmüde und mürbe geworden sind, Wahlniederlage auf Wahlniederlage bestärkte die Herren wohl im Bewußtsein ihrer Ohnmacht, und siehe da, auf einmal rührt sich der Wiener Liberalismus wieder, sucht aufs neue ein Terrain zu gewinnen, beginnt zu kämpfen. Was geht vor? Sollten sich! wirklich diese verbrauchten Herren zu. neuen Taten anfmffeir wollen? Wir haben früher gesagt: „kämpfen". Wie ist das zu verstehen? Nun, wie kämpfen Liberale? Sie gründen FeMetrm. Emil Gbernik Gedichte tu Prosa. Tischebom. Eine seltsame Nacht- Die Sterne flimmern und bannen die Augen. Ist Meiner Seele weckt die Eriinnerung Saiten zu wehmütigem Spiel, denn — diese Sterne waren mein Trarnn. Mein Traum und mein Glück- Das Leben hat mich wachgerüttelt aus meinen Träumen und mein Glück ist rascher verflossen, als mein Leben. Es ist einlvehmütig Lied von dem, was uns von unseren Wiinschen und unseren Zielen trennt- --— Es ist etwas Harrendes in mir! Mir ist, als ob ich mich nicht rühren könnte. — So mag mein Volk gewartet haben, so untätig. Ilud lvie wurde es geheilt von seinen Schnurzen und Seufzern, von der wehmütigen Melodie? Immer ist noch jeder Tag ein Thal der Tränen- Und ich sehe sie vor nur: Ein Geschlecht folgt dem anderen in stummer Starrheit. Ich sehe die Jammergestalten, deren.Herren klein geworden sind in den: ewigen Dunkel, lvie die Pupille eines schläfrigen Kindes, und bereu Wille so schlaff wurde, wie eine zerrissene Saite. Und ich sehe sie weinen auf den Gräbern ihrer Väter, die ebenfalls gelveint haben, und ich sehe sie ihre Kinder im Dulden und Weinen unterrichten- Eine Sternschnuppe fällt.- Und mir ist, als ob der Wind das Weheklagen der Mütter herübertragen lvürde. Und ich sehe ein Schadenfeuer. Die Glocke tönt dmnpf und mahnend. ein Komitee, verschicken einen Aufruf. Im 9. Bezirke haben sich die Heren der alten liberalen Garde mit einigen lveirigen zusammengetan, um die Reaktion zu bekämpfen. Ja, du lieber Gott, um die Reaktion zu bekämpfen, braucht man ein Programm, neue Leitsätze. Im Aufruf ist davon noch nicht das geringste zu spüren. Wie, man will uns weis machen, daß es genügt, die Worte „Freisinn" und „Liberalismus" in allen möglichen Nuancierungen zu wiederholen, um bereits den Sieg an das zerschossene, aber keineswegs ehrenvolle Banner des Wiener Liberalismus zu ketten? Wo sind die neuen Ideen der alten Männer? Wo die wirtschaftlichen Vorschläge? Wo das wirtschaftliche Programm, wo die Verbesserung für den notleidenden Mittelstand usw.? Aber Programm und Ideen spielen noch immer nicht die Hauptrolle. Was in erster Linie dringend nottut, ist ein inneres, lebendiges Verhältnis zur Bevölkerung! Sehen die liberalen Herren noch immer nicht ein, daß man volkstümlich sein muß, um in Wien zu gefallen? Selbst der beste Aufruf ist ein Stück Papier, wenn er nicht Worte enthält, die in das Herz des Volkes dringen können. Wie, sehen die Herren nicht ein, was Lueger groß gemacht? Nein, die Herren sehen das wirklich nicht ein, sie begreifen noch immer nicht, was eine volkstümliche Politik bedeutet. Ihr Kampf gegen die Rekation muß daher notwendigerweise im Sande verlaufen; so viele Dummheiten und Fehler kann der Gegner gar nicht! machen, daß davon die Liberalen politisch zu leben imstande wären. Für uns, die wir Verbrecher am Judentum sind, weil wir dasselbe heranbilden möchten, für uns entsteht eine bange Frage. Wie kommt es, daß so viele Juden auf diesem Aufruf steheu? Wie kommt es, daß der Vizepräsident der jüdischen Kultusgemeinde seinen! Namm daruntergesetzt hat? Glauben die Herren noch immer, sie können s o den armen verfolgten Juden nützen? Sind sie wirklich so naiv, zu denken, daß man auf diese Weise die Reaktion bekämpfe? Leider ist diese Naivetät wirklich vorhanden. Es ist eine tragikomische Erscheinung, daß die Juden oft in einer Person den klugen Geschäftsmann mit dem blinden naiv-seutimentalen Politiker! vereinigen. Nun, den alten Herren kann nicht mehr geholfen werden. Für die Jugend aber ist unsere Propaganda, wie wir jetzt sehen, doppelt^ notwendig. Sie soll unb muß politisch erzogen werden, sic muß leriren, daß im politischen Leben die Ich sehe, wie manche den Schlaf des eigenen Vorteiles schlafen, unb andere sehe ich die Fensterladen ihres Gewissens versperren vor! den Hilferufen- Und eine Rauchsäule sehe ich zum Himmel steigen, von einer Taube umflattert. Und einen Hmrd höre ich heulen. Auch sie lieben ein schützend Dach. Und — Männer sehe ich weinen- Wann werden fiic zur Ruhe kommen, diese Unglücklichen? Wann?- Und die Glocke tönt, nach> Liebe und Notwehr rufend. Wie lange noch werden sie meinen? Wann werden die Saiten gespannt, werden, um Glück zubringen? Wann werden ihre Herzen weit werben vor Glück und Liebe?-— — — — Ewe seltsame Nacht- Mein Gluck. So schön und so ferm wie mein Lieb, ist mein Glück. Und so nächtlich und winterlich wie meine Liebe. Und doch auch ebenso strahlend und glühend. So ist niein Glück. Die Generalin. Bon K. PrnfchanSky. Deutsch von Julie G o l d b a u m. Ich war höchst erstaunt, als der Bursche des Generals Deuiffenko eines Tages zu mir kam und mir, indem er sich in strammer Positur stellte, Rapport erstattete: Seine Exzellenz verlange den hochgeborenen Herrn Doktor bei sich zu sehen. Ich verstand sehr wohl, daß der vom plumpen kleinrusstschen Soldaten angewendete Ausdruck „verlange" eigentlich „bitte" bedeute, denn der General hatte kein Recht und auch keinen Grund, irgend etwas von mir zu Naivetät des falschen Enthusiasmus nicht angebracht ist, sie muß einen Begriff bekommen vom Rüstzeug, vom Waffenarsenal des modernen Politikers. Wir werden unsere Pflicht tun, und nur von diesem Standpunkte aus müssen wir aufpassm auf die Johannistriebe der Wiener Liberalen, wenn wir auch im vorhinein überzeugt sind, daß sie verfliegen werden, wie — Johannistriebe. Referate dom Prager GemernÄetag. (Bekämpfung der Wanderbettelei.) Die Plage des Wanderbettels wird allgemein und namentlich seitens unserer Stammesgenossen sehr empfindlich gespürt und der Gemeindebund hat bei seiner Konstituierung seine Bekämpfung ebenfalls unter die in Rücksicht zu ziehenden Aufgaben eingerecht. Mehrfache Anregungen haben den Ausschuß veranlaßt, in der letzten Zeit sich mit dieser Frage zu befassen. Bei der Erwägung, was in dieser Hinsicht vorzukehren möglich sei, erschien es als zweckmäßig, von vornherein festzustellen, welche Maßregeln im allgemeinen (mit Ausnahme ganz besonderer Fälle) als ausgeschlossen gelten müssen. Es sind dies nachstehende: 1. Jeder Versuch der Einschränkung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Freizügigkeit. So lästig und in jeder Hinsicht unerfreulich der Zuzug Vermögens- und erwerbloser Personen in größerer Anzahl seitens der einzelnen Gemeinden empfunden werden mag, bieten die staatlichen Gesetze den jüdischen Gemeinden, wo dieselben nicht zugleich, wie in einzelnen . Städten Mährens, politische Gemeinden sind, kein Mittel, die dauernde Ansiedlung solcher Personen zu verhindern, und selbst wenn es solche Mittel gäbe, so würde die öffentliche Meinung deren Anwendung entschiedenst mißbilligen. 2. Sind derartige Personen übel beleumundet, so werden die politischen Gemeinden in ihrem eigenen Interesse sich, so weit es gesetzlich zulässig ist, gegen deren Ansiedlung wehren, unbescholtene Personen wegen ihrer Vermögens- und Erwerbslosigkeit vom Gemeindcgebiete zu vertreiben, würde den Grundsätzen unserer Religion, den Traditionen unseres Stammes widerstreiten. 3. Ja nicht ganz so weit ausgedehntem Matze, aber doch in der Regel, muß ferner als ausgeschlossen gelten, die Hilfe der Staats- und Gemeindebehörden gegen das Betreten des Gemeindegebietes verlangen; nichtsdestoweniger war ich von dieser Einladung aufs Höchste überrascht. Und das hatte folgenden Grund: Vor zehn Jahren etwa hatte ich die Bekanntschaft des Generals Denissenko gemacht. Ich brachte damals den Sommer in einer eleganten Sommerfrische zn. Einmal wurde ich in der Nacht zu einem Patienten gerufen. Generalmajor Denissenko war ernstlich erkrankt und ans dem schönsten Wege, ins besiere Jenseits hinüverzuwandern. Ich bemühte mich selbstverständlich nach Kräften, ihn in der Ausführung dieses Vorhabens zu hindern, behandelte ihn mehr als einen Monat und erhielt ihn endlich in der Schar der ruhmreichen Generäle der russischen Armee. Der General war mir natürlich sehr dankbar und feit dieser Zeit begann ich ihn zn besuchen. Der General war, obschon nicht besonders gebildet, ein vernünftiger Mann und machte den Eindruck eines aufrichtigen Menschen, bei dem man aber auf der Hut sein mußte und auf dessen Gutmütigkeit man nicht besonders bauen durfte. Wir wurden, da ich als Arzt sein Haus besuchte, bald näher miteinander bekannt und unterhielten uns oft über verschiedene Dinge. Die Familie des Generals bestand aus seiner schweigsamen und in sich verschlossenen Frau, welche einstmals sehr schön gewesen fein mußte, aus zwei von der jungen Welt sehr umworbenen Töchtern, und einem bei der Garde dienenden Sohn, der, wie mir schien, ein gehöriger Lebemann war. Der General führte ein großes Haus und setzte seinen Ehrgeiz darein, mit den feinsten Kreisen zu verkehren, doch in dem ganzen Hauswesen, in dessen Sitten und Gewohnheiten lag etwas Unbestimmtes, Unfaßbares, das zu einem vornehmen HanShalte nicht stimmte. Man empfand überall den Mangel an Wahrheit und Natürlichkeit und man konnte wohl bemerken, daß alle aristokratischen Bekanntschaften und Verbindungen nur Dank der Stellung des Generals und seinem Reichtume aufrechterhalten wurden. Ich war insbesondere von dem Wesen der Generalin selbst betroffen, die bei jedem aufmerksamen Beobachter den Eindruck einer eingeschüchtertcu, furchtsamen Frau machte, in deren Seele sich ein Drama beständig abspiele. Damals schrieb ich es dem Charakter deö Generals zu. Er gehörte zur Kategorie jener Menschen, die in gewissen Fällen mit der Faust auf den Tisch schlagen und aus voller

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