Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 23. Jänner 1903 Nr. 4 scheu Anschauungen und die Falschheit der von der überwiegenden Mehrheit der Juden des Donaureiches bisher eingeschlagenen Wege zeigen würde. Das Ministerium Ko erb er hat eben sein dreijähriges Ministerjubiläum gefeiert, die Offiziösen verzeichneten die „Erfolge" der Regierung und den Kommentar dazu bildet die dreitägige ObstruktionderTschechisch- Radikalen und das neuerliche Scheitern der deutsch - tschechischen Ausgleichsverhandlung e n. Nun sind w i r allerdings davon weit entfernt, uns nach einem Ministerwechsel zu sehnen, der nur andere P e r s o n e n und kein anderes S y st e m ans Ruder brächte und wir machen auch das gegenwärtige Kabinett nur zum geringsten Teile für die verworrenen österreichischen Verhältnisse und für das Fiasko der deutsch-tschechischen Ausgleichskonferenz verantwortlich; aber die Tatsache kann niemand aus der Welt schaffen, daß wir nach dreijährigem Regime K o e r b e r beinahe an derselben Stelle in Oesterreich stehen, wie bei dessen Beginne. Uns überrascht übrigens das Mißlingen der deutsch-tschechischen Ausgleichsverhandlungen nicht im geringsten, wir haben ihnen ja gleich bei Beginn derselben ein ebenso ungünstiges Horoskop gestellt, wie dem österreichischen Reichsrate unmittelbar nach den Neuwahlen, sowie bei dem Beginne jedes einzelnen Sessionsabschnittes. Immer und immer wieder haben wir auf die Notwendigkeit eines Sy st e m Wechsels in der Gesamtmonarchie, einer national-autonomistischen Revision der Reichs Verfassung hingewiesen. Die letzte Boche hat es wieder gezeigt, wie not-- wendig es. ist, neue Wege zur Lösung des Nationalitätenproblems im Donaureiche zu betreten, daß es unmögl i ch ist, auf Grundlage der dualistischen Dezember-Verfassung in demselben weiter zu regieren. Speziell das. zisleithanische Parlament fristet ja von Sitzung zu Sitzung sein kümmerliches Dasein und überall zieht man selbst ein — Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne — Ende vor. Speziell die österreichischen Juden haben kein Interesse an dem Bestände eines Parlamentes, in welchem ihre national-sozialen Postulate entweder ignoriert oder direkt mit Füßen getreten werden, dessen einzelne Parteien miteinander im mehr oder minder verhüllten oder unverhüllten Antisemitismus konkurrieren und vom Nationalitätenstreit und Rassenhaß ihre Existenz fristen. * * * Sehr vernünftig schreibt der in Graz erscheinende oppositionell-sozialistische „Vo l ks a n w al t", der keineswegs philosemitisch ist. vielmehr öfters die jüdischen Wortführer der Sozialdemokratie angreift, über den Sprache» streit und die Juden Folgendes: „Es handelt sich angeblich um „die Erhaltung des Volkstums", der „Eigenart", der „Freiheit und Selbstständigkeit" einer sprachlichen Einheil. Und doch wird das Gegenteil angestrebt und erzielt. Warum kennt der Jude keine Sprachenfrage? Warum ist dieser der Beherrscher des Marktes in den meistens?) Ländern und eben dort(?) am stärksten, wo sich die Herren „Arier" am schönsten katzbalgen. Die Antwort ist einfach :Der Jude, als durchaus praktischer Mann, betritt den Kampfplatz gewaffnet, er spricht alle Sprachen, die der Verkehr er- Es war der Verzweiflungsschrei eines Einzelnen, aber der Jammer seines ganzen Volkes klang aus seinen Worten. Er blickte Zurück auf seine Vergangenheit, da auch ihm Glück und Reichtum beschiedcn war, bis zu dem Tage, da er aus seiner. Heimat in Russisch-Polen vertrieben wurde. Bei jeder einzelnen Strophe kam der traurig entsagende Refrain: „ . . . wie elend, elend bin ich, Ganz allein auf der Welt . . . ." oder: ... ich wandere — wandere ohne Ziel Bis ans Grab .... Bis ans Grab . . . ." „Als der Alte gecndät," fuhr Rüben fort, „stand er einige Augenblicke mit geöffnetem Munde, den Kopf gebeugt, da — dann schlich cn sich langsam hinaus. Ich saß da wie festgebannt und blickte ihm nach. Aber plötzlich sprang ich auf. Ich must ihm nach, sagte ich mir, denn es schien mir ein Verbrechen, den Alten so ohne weiteres ziehen zu lassen. Ich eilte die Straste hinaus und rief ihn laut an, aber nur das Heulen des Sturmes antwortete mir. Der Alte war wie vom Boden verschlungen. So schlich id) mich denn Ivieder in die Wirtsstube, wo, mich mein Vaster bald in Tränen aufgelöst faird. Es datierte geramne Zeit, bis ich ihm ruhig den Hergang erzählen foimtc, und die Nacht bavauf schlost ich kein Auge. Lange - - lange hallte der Gesang in meinen Ohren wider und machte mich tieftraurig . . . ." Rüben hatte geendet. Im Zimmer war es ganz still und niemand wagte es, durch ein Wort die feierliche Ruhe zu störein Die Kerzen sind inzwischen niedergäbranni und fetzt verlischt auch die letzte mit plötzlichem Aufflackern. Jeder hänch seinem Gedanken nach und ganz langsam erheben wir uns. Leise verlasse ich die dunkle Stube und langsam, sinnend mache ich mich auf den Heimweg durch die feuchten, verschlafenen Gassen .... fordert und stößt sich nicht daran, ob sein Geschäftsfreund deutsch, slavisch, magyarisch oder sonst eine Sprache spricht. Die Herren Arier dagegen finden es vorteilhafter, sich in die Würde der U n w i s s e n h e i t zu hüllen und setzen einen Stolz darein — nichts gelernt zu haben. Sagt doch ein altes Sprichwort: „Der Mens ch seisooftMensch, alserSp rachenbeherrscht", ein anderes sagt: Wissen ist Macht. Und was tun die Stammesgenossen aller Zungen? Sie verachten einen jeden, der nicht nur ihre, die eine, einzige Sprache spricht, ergehen sich in Klagen, daß man sie zum Lernen einer zweiten Sprache anleiten will und finden darin eine Bedrückung ihres Stammes-—, ihrer „Eigenart/ ihrer „heiligsten Güter". Wir glauben indessen, daß die Erweiterung des Horizontes durch Vermehrung des Wissens nur die „Eigenart" der Beschränktheit beeinflussen kann und daß die größte Macht desVolkes in seinem Wissen liegt. Es wäre daher die erste Pflicht der sogenannten „Führer", diese Macht im Volke zu fördern und zu pflegen, denn dadurch würden sie am besten ihre Liebe zum Volke beweisen. Warum tun sie es aber nicht? Im höchsteigenen Interesse. Man will die Völker nicht einander näher bringen, man will sie nicht vom Banne der Unwissenheit und des Vorurteils erlösen, weil sonst die Herren „Führer" jede Berechtigung ihres Daseins verlieren würden. Wir fragen indessen : Für wen wird der Kampf um die Sprachen geführt? Etwa für den Bauer, den Gewerbsmann oder den Arbeiter? Ist der Bauer, Gewerbsmann und Arbeiter nicht gezwungen, wenn er frei und leicht verkehren will in gemischtsprachigen Ländern, wenigstens eine zweite Sprache zw lernen, hilft ihm etwa seine „Nation", wenn er wegen Beschränktheit in diesem Verkehr geschickteren Kräften unterliegt? Wenn es sich aber bei der Sprachenfrage nicht um die genannten Berufszweige handelt, dann handelt es sich sicher nur um jene Söhne und Söhnchen der hohen Politiker, welche, ohne viel zu lernen, dennoch die h ö ch ste n P o st e n im Staatsdienste erklimmen wollen. Das ist das Wesen der Sprachenfrage in Oesterreich. Es ist leicht, den Juden zu beschimpfen, den „Arier" hervorz »kehren, es aber dem Juden zu überlassen, daß er mit dreifachen und vierfachen Waffen gegen die stumpfe Selbstgefälligkeit und Selb st Verherrlichung auf dem Kampfplatze erscheint. Lernet also, und ihr braucht keinen Juden zu fürchten! Bibel und Babel. Dem „Jüdischen Volksblatt" erwächst die Pflicht, das Interesse weiterer Kreise des jüdischen Publikums nicht nur auf spezifisch öftereichitsche Fragen, sondern auch auf allgemeine Kulturprobleme des Judentums zu lenken. In diesem Sinne müssen wir uns auch heute an dieser Stelle mit dein Vorfrage, den Professor Friedrich Delitzsch vor dem Deutschen Kaiser und dem Reichskanzler hielt, beschäftigen. Inwieweit in der Bibel wirklich babylonische Elemente vorherrschen, kann-selbstverständlich nur durch eine streng wissenschaftliche Untersuchung ausgemacht werden. Darüber 'können wir weiter nicht sprechen. Nickst einmal der hebräische Gelehrte, der, ausgerüstet mit mnfasseuder Kenntnis des Talmud rurd der Bibel, mir Platze erscheint, kann diese Frage alleiir entscheiden, denn cs gehört rirehr als Talmrrdrmd Bibelstudinin dazrr, assyriologische Kenntnis, vergleichende Religionsphilosophie, Beherrschung aller seniitischen Dialekte nsiv., das sind die Voraussetzungen für die wirksame Inangriffnahme des Problems „Bibel oder Babel". Inwiefern es sich also hier rnn Wissenschaft handelt, sind wir nicht berufen, miizureden oder gar zir entscheiden. Aber es handelt sich nicht alleiir nur Wissenschaft in dicfeur Vortrage. Es handelt sich nur eine Bewertung des jüdischen Volksgeistes, nur einen großen rmd entschiedenen Versuch, uns die Minderwertigkeit der jüdischen Kultur arrfzuoktroyiereir. Es soll nur nebenbei erwähnt werden, daß Delitzsch selbst nicht alle wissenschaftlichen Dualitäten mitbringt, daß er gar nicht über alles zur Lösung der Ausgabe mriröitige Rüstzerrg verfügt. Er ist in erster Linie Assyviologe, hat sich bann ein wenig mit Religioils-PhilosoPhie beschäftigt, aber Religions-Philosoph, Ethnologe und Soziologe ist er unseres Wissens iricht; woher er daher das Recht für sich in Anspruch nimmt, über die Religion, ja sogar über die spezifische Natur des Judentums ein Urteil zu fällen, ist unaufgeklärt. .Nehmen wir an, es wäre bewiesen, daß der monotheistische Gedanke durchaus aus Babylon stannne, machen wir die fernere Annahme, daß auch aridere wesentliche Elemcirtc der Bibel einer allgemein seirütischen Kultur eistlehnt feien. Was folgt daraus? Kami inan etwa daraus folgern, daß die ursprüngliche jüdisch-nationale Kultur etwa ganz rmoriginell sei? Daß sich das Jndentinn lim die Propaganda, um bfc Verbreitung des Monotheismus nicht! die größten Verdienste erworlmr hat? Befruchten sich denn nicht auch in der Neuzeit Völker gegenseitig? Und hebt die Entlehmmg gelvisser EElenrente schon die eigene originelle Leistung auf? Hat Kant nicht von Berkeley und Hinue sehr Viole Elemente seim's Philosophierens eirtlehnt? Ist er darmn kein großer Denker? Habcii die großeir deutschen Dichter nicht viele Elemente ails anderen Nationen, manchmal direkt aus dein Schrifttmit ei lies großen Genius, entnommen? Man benfe nur an den Einfluß Shakespeares auf alle deiitscheir Klassiker, ails deii Einfluß Spinozas auf Goethe usw. Es kommt liiir darauf an, daß man ein gewisses Külturelemeüt mit Bewußtsein iit den Vordergrund schiebt. Es komuit ails die Kraft aii, mit der man diesen Grundgedanken nuanciert unb variiert und dein Volksgauzen deir Gedanken einverleibt. Ist dies je mit dem Monotheismus vor deur Judeutlum geschehen? Assyrische Kultur hat durch Veriuittluug der Phöilizier auch aus das Griechentum gewirkt. Warmu ist der Monotheismus nicht ziuii Ieitcnben Gedanken des Hellenischen Volksgeistes geworden? Kurzum, die Frage steht so: Wenn man uns auch, was bis jetzt nicht geschehen ist, beweisen Ivürde, daß die Hanptelemente der Bibel babylonischen Ursprungs seien, so Ivürde darmn doch, ganz abgesehen vom einzig dastehenden Stil der Bibel, der immer wieder und wieder den großeil Goethe zur hellsten Bewunderung hinriß, immer noch die große Kultur errlmgenschaft der jüdisch-nationalen Religion anerkaunt werden inüssen. Je mehr man sich in allen nationalen Lagern davon überzeugt, daß man tnill dem Chauvinismus allein keineswegs auskommt, je mehr man davon durchdrungen ist, das; eine Nation umso höher zu bewerten sei, je größere Knltnrerrnngenschaften sie der allgemeinen Menschheit zuführt, desto größere Bedcutung erlangt das Schrifttum eilies Volkes. Möchte der internationale Antisemitismus daher auch imsere Literatur ins Herz treffen, beim daß in unserer ursprünglichen großen iiationalen Kultur unsere große Stärke bericht!, das steht mein allmählich ein. Hier sind wir unverwundbar! Mögen wir religiös oder atheistisch gesinnt [ein, mögen wir einem mobevn gefärbten Deismus znstenern oder uns einer bestinmiten ideal-philosophischen Richtung an schließen, wie wir allch znin positiven Inhalt der Bibel stehen mögen, sobald wir nur ein weiiig national empfinden, sind wir stolz ails das große lnonnmelltale Werk, das der Menschheit unendliche Dienste eilvieseiu Diesen Glauben können uns tausende von richtig entzifferten Täfelchen, tausende von selbst wirklichen Wissenschaften interpretierte Teiltexte nicht rauben. Mag Babel tausendnlal ans das ursprüngliche Judentum gelvirkt haben, es gibt in der Bibel doch unerreichbare Kulturelemente, und sie hat viel mehr die gesainte übrige Menschheit beeinflußt, als Babel die Bibel. Die fünfte und sechste Probepredigt. Grunwald und Feuchtwäng! Die siamesischen Predigerzwillinge! Von den biblischen Zwillingen Jakob und Esau heißt es in der Bibel, daß sie sich schon im Mutterleibe schlecht vertrugen und mit den Vorrang balgten. Die alten Weisen erklären dies damit, daß, so oft die Mutter an dem Götzentempel vorbeiging, Esau heraus wollte, kam sie aber vor Lehrhäusern der Sem und Uber vorbei, Jakob den Vorrang haben wollte. Der prcdigerschwangeren .sinltusgemeinde erging eS nicht besser: dachte sie an die Besetzung des Postens im innerstädtischcn Tempels, kam Dr. Feuchtwang in den Vordergrund, ging sie daran, den Leopoldstädter Tempel mit einem Prediger zu versorgen, drängte sich Tr. (sirunwald vor, und so hat diese arme geplagte Gemeinde an diesen Prcdigerzwillingcn noch immer zu tragen. Und das Volk? Nun das Volk wird dann zur — Beschneidung seiner elementarsten Rechte höflichst cingeladen werden. Diese zwei Kvmpromißkandidaten gehören zusammen, sie werden zusammen siegen oder sallen und so sollen sie denn beide zusammen behandelt werden. Dr. Grunwald hat sich über uns gewiß nicht zu beklagen, wir haben gewiß für ihn die sicherste Reklame gemacht, eS war demnach ganz überflüssig, daß sein Schwicgerpapa noch an 6000 Einladungen verschickte, mit der höflichen Bitte, bei der Probepredigt pünktlich zu erscheinen, nnd es muß uns nur wundern, daß bei solcher — der ernsten und heiligen Frage allerdings unwürdigen — „Vorbereitung" der Besucherrekord des Herrn Dr. Bauer nicht geschlagen wurde. Daß der sehnlichste Wunsch des Dr. Bloch, anch die Herren Rektor Schwarz nnd Ritter von Tnussig bei der Probepredigt zu sehen, nicht in Erfüllung ging, ist sehr zu beklagen. Diese beiden Herren haben ein entscheidendes Votum bei der Beschung des Rabbinerpostenö, und ihre Angst, die Predigt Olrunwnlds könnte sie von ihrer Ansicht über dessen Fähigkeiten abbringeu, erwies sich ja als unbegründet. Der unerschütterliche Standpunkt, den gerade diese beiden hervorragenden Persönlichkeiten unseres öffentlichen Lebens in dieser Frage einnehmen, ist durch die Redeleistnng Oirnnwalds nur noch unterstüht worden. Seitdem ich Oirunwalds Probcpredigten nngehört habe, finde ich keinen ruhigen Schlaf, Elewissenübisse quälen mich, und wenn ich todmüde meine Augen schließe, dann sind es wieder böse Träume, die mich verfolgen. So träumte mir vor einigen Tagen, ich wäre ruhig an meinem Schreibtische gesessen und hätte geschrieben. Plötzlich stürzt ein Mann ins Zimmer nnd hinter ihm an ein Seil gebunden einige Männer und Frauen. Der kleine alte BLann befahl den anderen, in denen ich meine eigenen Freunde erkannte, mir die Hände zu fesseln, auf daß ich nicht schreiben könne, und mich zu knebeln, um nicht sprechen zu können. Nnd meine Freunde befolgten, was ihnen der Alte befahl. Nnd so, mit gebundenen Händen, mit dem kknebel im Munde, trugen sie mich durch die Lüfte nnd brachten nrich in den Himmel, vor ein ebe» tagendes Tribunal. Der Patriarch Jakob führte den Borsitz, Votanten waren Rabba bar bar Chone und der alte Rabbi von Sadagora. „Du