Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Äebiotton: ll/S. Lropoldsgaff« 49. Aper«-p«»»e»r «» «ochauagen »o» 3 »t» 4 0$c nachrntUag». p»H«»r»ß»! Ajtdtschr« »oUSblatl, «te», Ni» »rschw-rdr« uegcn »erjpatetrr ober gar nicht erfolgt« Kcktellsna erbitten »tr ,u» dringend. - Vhomfertfetc »tcht ttmutoefttltt. Uoftlparcasiw-Louto 847087. Alt da» «donaement kan« man täglich eintreten. MM jedes Freitag «rüsr MUWirKurtg drr vom lüdivtzmi Volk» verein erkrSyllsn PrekkemmaVstou, Wresrrntt üdernehmm die Mrmen: g. Dmmebag, M. DukeS, Haafen» »rin 6 Vogler» Rudolf Moffe, 8. OppeM. M. Pozsonyi» 8. Schale! w Nie», fern« oll« Sanoncrn-gkxpedttioneu t« SuSlande. Ei»zel-K«mmer ist Wie» 16 Heller. FdmtuMcsttmr; 11/8. Leopoldssaste 49« Telephon-Nr. 14783 USoUNementSpreiS: Telephou-Nr. 14723 Sü» Titten n. Oesterretch-Ungar» lammt yraacozustellung. Ganztährig HalbKlbrig . BtatelpKrig. „ 4.- - Mir baS gefaenml« Ausland lammt Arancozuyellmg. td-n-Mrig . HalbjWtg . Bicrtcistiirig ,ftt. » - . 4450 225 Nr. 4 Mir«, 23. Jiiimcr 1903 (24. Trdrth 5663). V. Jahrgang. m&Om Eine Armeleut-Trauung. Wir erhalten folgende Zuschrift: Herr R e d a f t e it r 1 Mit Bezug auf den Artikel: „Eine Armeleut-Trauung" iir der AB. 2 des „Jüdischen Volksblattes" vom 9. Jänner d. I. wollen Sie irn Sinne des 8 10 des Preßgesetzes an derselben Stelle, an welcher dieser Artikel erschieiten ist und mit denselben Lettern, miltl ivclchen er gedruckt lourde, folgende Berichtigung aufnehmeu: Es ist unwahr, daß ich als besoldeter Beamter der Kultusgemeindei verhältnismäßig mehr Einkommen habe als der bestdotierte Angestellte. Wahr ist, daß ich meinen durch Krankheit an der Llusübung der Sekretariatsgeschäfte des Nabbinates vom 2. Bezirke verlstuderiten Vater Jahre hindurch ohne jedes Entgelt vertreten habe und daß ich seit der vor 1% Jahren erfolgten Pensionierung meines Vaters mit der Anwartschaft auf die Nachfolge dessen Geschäfte lediglich gegen eine Entschädigung meiner Mühewaltung führe. Es ist unwahr, daß ich bei den Trauungs-Anmeldum gen den Parteien diktiere, wer die Trauungen vollziehen soll. Wahr ist, daß ich mich pflichtgemäß auf die Entgegennahme der Trauuugs-Amneldungen beschränke und daß die Durchführung der bezüglichen Funktionen ausschließlich Sache der hiefür bestellten Organe ist. Es ist demnach auch unwahr, dafOich aus verwandtschaftlichen Rücksichten darauf Einflug rtdjuue1, daß mein Schwager, Rabbiner D>v. Bach, Trauungs-Funktionen von nur zugewiesen erhält und dadurch mit Geschäften überbürdet wird, während die anderen Rabbiner verhältnismäßig wenig zu tmt ha'benl. Wahr ist, daß sich die Tmnungs-Funktionen auf Grund bestimmter! Vorschriften, und bestimmter Einführungen an den verschiedenen Teinpelir vollziehen und daß ich gar nicht in der Lage biü, darauf hinzuwirken, daß Rabbiner Dr. Bacheine Trauungs-Funktion zugewiesen erhäkt. Es ist demnach auch! unwahr, daß falls Dr. Güdeniann eine Trauungs-Funktion ablehnt, dieselbe Dr. Bach, iveil er mein Schwager ist, vollzieht. Wahr ist, daß ich für den Tempel, au welchem Herr Oberrabbiuer Dr. Güdemanin fungiert, bei Traurmsgs- Feuilleton. Babel und Bibel. Wie einst zu Toledo Frater Jose Faselte Delißsch, es ist ein Nebel, Jüngst in Berlin über Mose, Babel und über die Bibel. In Babel herrschte Sprachenverwirrung, Auch seine Sprache ist hirnverwirrt, Der Monotheismus als Religionsverirrung! Das ist die Rechnung ohne den Wirt. Denn sicherlich wird ihn: ein Kämpe erstehen, Wie Rabbi Juda der Novarrer, Dessen Argumente werden verstehen Professorei:, Pastoren, wie aitcf) die Pfarrer. Nicht die tönernen Tafeln, die ausgegraben, Wie Delitzsch so findig uns gelehrt, Die Tafeln, im Herzen uns e i n g e g r a b e n, Sind göttlich und ewig, von Moses beschert. Achtung daher vor dieser Mutterreligion; Nicht in ihrer Aechtung liegt der Völker Heil, Denn an der Menschen Zivilisation Hat sie den größten, den schönsten Teil. Nur wenn Katholik, Muselmann und Evangelen Die alte, ewig junge Mutter halten in Ehren, Nicht Haß, nur Liebe die Nationen beseelen, Wird der Gott den Menschen den Frieden gewähren. Anmeldungen zu einer Amtshandlung gar nicht berufen bin. Es ift unwahr, daß ich> bei den. Ain>Meldungen von Beerdigungen irgend ein Benehmen ctit den Tag lege. Wahr ist, daß ich mit den Anmeldungen bei Beerdigungen überhaupt gar nichts zu tun habe. Es ist univahr, daß eineiu inneren. Kampfe zwischen Rcchtsgefühl und Verivaudtschaftlicher Liebe ausgesctzt bin. Wahr ist, daß ich in. meinein Amte streng nach den nur enteilten Instruktionen vorgehe und irr dev Ausübung n: ein cs Dienstes gar nicht in die Lage komme, einen Kampf zwischen Rechtsgefühl und verwandtschaftlichler Liebe zu bestehen. Wien, den 12. Jänner 1903. Hochachtungsvoll Josef Fuchs. Wir haben Herrn F u ch s in unserem Artikel einen schlauen Herrn genannt, diese Berichtigung beweist es, daß wir diesen geschäftstüchtigen Maiin mit der „Anwartschaft auf die Nachfolge" (eine unverfälschte Wiener Blüte) richtig beurteilt! haben. Obgleich diese Berichtigung den gclschlichen Bedingungen in keiner Weise entspricht, geben Witz ihr dennoch Raum, weil sie uns Gelegenheit gibt, diesen Herrn F u ch s ins richtige Licht zu setzen. Wir konstatievcin zunächst, daß nur zwei Tatsachen berichtigt wurden: 1. daß Herr Fuchs nicht für den Teinpel des Herrn Dr. G ü d e m a n n , sondern für denjenigen des Herrn Dr. Schmiedl „amtshandelt", 2. daß derselbe Herr bei den Anmeldungen der Beerdigungen nichts zu tun hat. Das ist auch ein wahres Glück für die Hinterbliebenen der Toten. Wir glauben es auch Herrn F u ch s sehr gerne, daß er einem inneren Kampfe zwischen Rechtsgefühl und vcrwandtschaftlichier Liebe nie ausgesetzt ist, weil er sich auf einen solchen mimstiöscu Kampf gar nicht einläßt und, ohne jeden, inneren! Kampf sich stets für das für ihn Vorteilhafte entscheidet. Einen Kampf hat Herr F u ch s höchstens mit der Zahlungsgeneigtheit der ihm ausgeliefecken Parteien zu bestehen, inte folgendes wahres Histörchen (ein Fall von hunderten) beweist: Vor etwa Der Wanderer. Skizze von Hermann Blmnenthal. Es ivar ivährend eines FreDag-Abends tut Spätherbst, Fröhlich plaudernd saßen itnn nach dein Abendessen beim Kerzenscheine tim Familienkreise beisammen, wahrend draußen ein heftiges GewRer niederging. Nur Vetter Rüben beteiligte sich nicht an unserer Unterhaltung. .Nachdenklich stand >er beim! Fenster, unverwandelt in den Regen und Stumr hinansblickend. Ich trat zu ihm und fragte ihn, meine Hand auf seine Schulter legend: „Woran denkst du, Rubcn?" Er schien meine Frage zu überhören und verblieb in seiner früheren Stellung. Einige Minuten stand ich schweigend neben ihm, auf die finstere Gasse hinansblickend, bis er mich plötzlich mit den Worten : „Dev heutige Abend ruft in mir eine tieftraurige Erinnerung ivach," aus meinem Sinnen weckte. Man hatte Rubens Worte bei Tische vernommen und er wurde gezwungen, seine Geschichte zu erzählen. Int Zimmer ward es mäuschenstill. Gespannt lauschten Nur seinen Worten, denn Nur hörten Rüben sehr gerne zu. Es lag etwas Inniges in seinem Wesen, und seine Sprache klang weich und einschnteichelud : „Es war ein Abend wie heute," begann Rüben. „Der Regen fiel in Ströineu und tiefe Finsternis hüllte das Städtchen ein. Mein Baker ivar ins Dorf gefahren und ich innßte ihn in der Wirtsstube vertreten. Lange Zeit saß ich ganz allein da. Draußen donnerte und blitzte es innner fort und der Regen ivard mit jeder Minute stärker. Da öffnete sich Plötzlich die Türe und «ein alter, ärinlich gekleideter Jude t rat ganz durchnäßt ein. Er verlangte rin Achtel Liter Brantivein, und als ich ilpn das Geivünschte eiuschcnkte, trank er es zu meiner Berivnndernng auf einen Zug aus. Ich habe derlei! Kunststücke bei Bauern wohl des Oefteren schon gesehen, aber bei einen: Juden noch nie. zivei Jahren lneldete Frau 3t. S. die Trauung ihrer Tochter bei Herrn Fuchs. Der Bräutigam war der Onkel der Braut. Herr Fuchs inachte Schwierigkeiten, die jedoch durch den Erlag von 30 Guldensofort behoben waren. Als die Frau andern Tags wieder kam und unter Berufung auf einen in der Nachbarschaft Wiens ivirkenden Rabbiners, mit dem sie verivandt ist, um Beschleunigung der Angelegenheit bat, erschrack Herr Fuchs dermaßen, daß er der Frau sofort 16 Gulden zurückgab. „Sie haben doch Herrn Doktor nicht erzählt, wie viel Sie mir gegeben haben?" frag er ängstlich. Und dieser Herr hat die Fr—eiheit zu berichtigen. Wir hätten auch diesen Fall nicht erzählt, wenn es Herrn kais. Rat Klinger nicht beliebt hätte zu sagen, daß unsere Anschuldigungen bloß Pauschalverdächtigungen seien. Wohlan denn, Herr kais. Rat, wir dienen mit Fällen und können noch mit hundert anderen dienen. Die Unstcllungsangelegenheit des Herrn Fuchs wurde zufolge unseres Artikels nach eingehenöLL Sifr batte bei der jüngsten Plenarsitzung vorläufig ad acta gelegt. Zur politischen Lage in Gesterreich. Es gehört keineswegs zu den angenehmen Aufgaben, österreichische Leser im allgemeinen und unsere jüdischen Volksgenossen im besonderen über den jeweiligen Stand unserer inneren österreichischen Misere allwöchentl: ch zu informieren. Es ist für den gewissenhaften Publizisten eine ebenso unerquickliche Aufgabe, über dieselben zum UeberdruL abgedroschenen Dinge immer wieder schreiben zu müssen wie für den Leser, die Lektüre über die fast immer gleich bleibende politische Lage in Oesterreich.. Und doch wäre es eine nationale Unterlassungssünde, wenn das „JüdischeVolksblati" nicht immer wieder bei jeder Gelegenheit und in jedem einzelnen Falle, die Richtigkeit seiner jüdisch-nationalsozialen Grundsätze, die Notwendigkeit einer sozialösterreichischen Politik, die Verkehrtheit der assimilator:- Hierauf setzte sich der Alte auf die Ofeubauk und blickte stumm zu Boden. Ich setzte nüch zu ihm und wollte ein Gespräch anknüpfeu. Bl ei ne Frage nach seiner Heiinat beautwoptete er nicht; still brütend saß er da, von meiner Anwesenheit gar keine ^lotiz nehmend. So saßen ivir einige Minuten still nebeneinander; nur das Summen des Lämpchens und des regelmäßige Aufschlagen der Regeutiropfcm war zu vernehmen . . . . Plötzlich' richtete sich der Alte auf und begann voll Weh und Trauer ein jüdisches Lied zu singen. Es ivav seine Leidensgeschichte, die er in eine schiverluütige, erschütternde Melodie faßte. Ich kenne fast alle ivehmütigen jüdischen Volkslieder, aber eilt Lied von so uusäglicher Schwerinul und Poesie habe ich in. meinem Leben noch nicht vernonnnen. Es sprach ein tiefer,^tiefer Schmerz, ein Schluchzen und Weinen ans tiefstem. Herzen davatis. Aber es ivar gar kein Lied — leise und traurig zählte er seine Leiden auf, die er in Musik gesetzt. Jedes Wort ivar eine zitternde Klage, die das Herz des Zuhörers mit furchtbarer! Bangigkeit erfüllte. Dabei schienen seine Gedanken iveit — weit entfernt. Die Latste bellten durch den Ramn und kanten aus den Winkeln als schnterzliche Seufzer wieder, die sich zu einer geivaltigeu Melodie vereinigte::. Ich war meiner Sinne nicht mehr utächtig; ganz hilflos blickte ich zu ihm auf und ein heftiges Schluchzen kaut stoßiveise aus ineiuer Brust . . . Einige Strophe:: haben sich lueinem Gedächtnisse eiugeprägt und auch den Rhylhinus habe ich min gemerkt, aber bei: vollen, uiächtigen Eindruck iverde ich euch nicht im eistiferirtesten wiedergeben können . . ." Hieranf saug Rüben nut einer Stimme, die von Seele zitterte, ein gar trauriges Lied. Das Elend des j armen, einsamen Wanderers sprach daraus und die Sehu- > sucht nach den: stille::, friedlichen Grabe.