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Jüdisches Volksblatt · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wmü, frtiUg JMMoh«« Volksblatt 1 Jänner 1901 ÜB, I Ja, gibt es denn in Europa ein anderes, anerkannteres, bestimmteres, ein deutlicheres Kriterium der „Antireaktion", des wahren politischen und sozialem Fortschrittes, als das allgemeine und direkte Wahlrecht. Wird da selbst leichtgläubigen Gemütern ob ihres Vertrauens nicht bange imd wird selbst da kurzsichtigen Augen nicht klar, wer eigentlich reaktionär ist. Ähier müßte man es glauben, daß dieser Argumentation gegenüber der Gegner verloren sei. Aber das hieße den Gegner schlecht kennen. Von der Seite wird nicht allein mit Argumenten gekämpft^ mit Programmen und Prinzipien, mit „geistigen Waffen". Wenn man geschlagen wird, in allem Grundsätzlichen und Prinzipiellen, dann gibt man die Schlacht noch lange nicht aus, dann klammert'man sich an irgend ein Wort eines Redners in der Versammlung, dann entstellt man ein Zitat, indem man rasch die Erklärungssätze wegläßt, dann — und wenn dies alles nicht verfängt — beruft inan sich auf das „Deutsche Volksblatt" und erntet dann sicher den Beifall der Naiven mtd Allzugläubigen. Das „Deutsche Volksblatt" zitiert uns, folglich find wir reaktionär. Als das Organ des Freibern von Stumm, „Die Post", fast jeden Tag sozialdeinokralifche Leitsätze teils richtig, teils entßellt zitierte, da fiel es niemandem ein, die deutsche Sozialdemokratie zu einer reaktionären Partei zu stempeln. Aber' die Juden scheinen in politischen Dingen leichtgläubiger zu sein als die anderen Volker rmd die Zeit wird und muß kommen, wo sich auch dieses Bild ändern wird, dann wird man lächeln, ia auch lachen über das Zusammenbringen dieser beiden Werte „reaktionär" und „Indisch-nationales Judentum". Der Kampf der österreichischen Kationen um den Staat. Da die national-sozialen Lebensbedinguugen der österreichischen Juden aufs engste mit dem österreichischen Staatskörper verknüpft find rmd insbefodere die wirtschaftliche Lage der Juden des Donaureiches durch den Umstand bedingt wird, daß die in Oesterreich allein richtige und mögliche sozial-österreichische Politik zum Durchbruche gelangt, so ist es naturgemäß, daß ivir immer wieder bemüssigt sind, die inneröstcrveichischen Wirren und die Mittel zu deren Beseitigung zu besprechen. Bekanntlich vertreten wir programmatisch die Anschauung, daß wir als Inden und als Oesterreicher nur in einer nationalautonomistischen Verfassungsrevision allein das Mittel erblicken, den am Marke des Gesamtstaates zehrenden Nationalitätenhader zu bannen und die Bahn freizumachcn für eine groß angelegte Wirtschaftspolitik. Wir begrüßen daher freudigst das dieselbe Anschauung vertretende Werk Rudolf Springer s (Synoptikus): „Ter Kämpf der österreichischen Stationen um den Staat", auf das wir schon einmal hinwiesen und das den Nachweis liefert, daß selbst in dem Lande der verworrenstcn Köpfe und geriebensten Streber, in dem Lande der Kirchturmpolitiker, Chauvinisten mtd Zeloten, es doch noch klarfehende, weiterblickende, wirklich moderne österreichische Politiker.gibt. Rudolf Springer sieht in der nationalen Frage nicht bloß eine Sprachenfrage, sondern auch eine staatsrechtliche, er hält einen Fortschritt Oesterreichs überhaupt nur denkbar, wenn d e n N a t i o n e n u n entziehschlimm." — Doch, horch! Ans einmal starkes Glockenläuten aus dem Salon, die Türen des Salons werden ausgerissen und die Mutter stürzt herein: „Habt ihr, Buben, das LätUen gehört? Prophet Elias war da!" Im Nu sind die Buben int Salon. Die übrigen folgen. Der Salon strahlt im Lichterglanze. In der Mitte des Zimmers, auf einem Tischchen, das mit Reisig und Moos bedeckt ist, steht ein Ständer in Form eines Achteckes. Auf sieben Seiten brennen je acht Kenzchen, jede Seite in einer besonderen Farbe, und auf der achten Seite weht auf hoher mit Reuig umsponncnm Stange eine Weiße Fahne mi* dem blauen Wappen Davids. Tie Buben schreien: „Welche Lichtchen sind mein?" Tie Schwester Marie, die das alles arrangiert hat, erklärt: „Jeder hat acht Lichtchen — gleich den acht Tagen, da das Oellämpchen im Tempel zu Jerusalem gebrannt hat — und zwar die dunkelgelben und hellgelben, das sind (Großpapa und Papa mit ihren Sorgen, die zwei Reihen weißer Kerzen bedeuten Mama und Großmonra mit ihrer Güte, die roten gehören dem Josef, weil er ein „Soldat" werden will, die grünen dcnr Franz, weil er der jüngste ist, und die blaum gehören mir. weil — " — „Weil du eint Blaustrumpf bist," wirft die Großmutter ein, die cs noch immer nicht begreifen kann, daß das „Mädel" das „schreckliche Latein der Doktoren" lernen soll. „Kinder," fragt jetzt der Vater, „Großmutter hat noch nicht gesagt, was der bekommt, dessen Lichtchen am längsten brennen wird." Da schreien die Kinder rmd schließen rasch mit dem Vater und dev Mutter einen Kreis und tanzen unr sie singend: „Großmama, sprecht geschwind, was bekommt das beste Kind?" (Nämlich, je braver das Kind, desto länger brennt sein Licht, eine Logik, die unwiderleglich ist.) Großmama zögert (das muß auch sein, damit die Spannung größer wird); endlich sagt sie: „Dort, am Kasten, im Paket, liegt's." (Wie ich später erfuhr, geht es durchaus mit natürlichen Dingen zu, daß immer mir die Lichtchen der Kinder am längsten brennen. Großmama, welche „wegen der Feuersgefahr", wie sie sagt, bei den Lichtchen stehen bleibt, löscht die Kerzen ans und läßt nur ein einziges bare RechtSpofitionen cingcräumt werden, die ihnen die ständige Erhaltung einer nationalen Kampftruppe im Paria mente ersparen und es ihnen möglich machen, sich wirtschaftlichen und sozialen Ausgaben z u z u w e nf> e n. Die Nationen müssen staatliche Nechtsfakwren, staatsrechtliche Potenzen oder, um das gefürchtete Wort auszusprechen, Staaten im Staate sein, wenn Friede und Fortschritt in Oesterreich einkehren sollen. Es nützt den Nationen nicht und schadet dem Staate, wenn sie fortfahren, nichts als politische Pareien zu sein; es kann ihnen nie genügen, als bloße Aggregate von Individuen angesehen zu werden, da gerade diese Auffassung sie gezwungen hat, politisch zu rüsten und ihre Staatsrechte zu vindizieren. Ohne sie errungen zu haben, können sie nicht abrüsten, ahne daß sie abrüsten, kein Fortschritt Oesterreichs. In diesen Thesen i st das österreichi - s ch e Problem formuliert." Der einzig mögliche Staatsgedanke Oesterreichs kann nur sein: „Oesterreich ein moderner Rechts- und W i r t s ch a f t s st a a t, i m I n n e r n interkonfessionell und international, einzig bedacht a u f d i e m a t e r i e l l e Wohlfahrt u n d politische Freiheit seiner B ür g e r." Nach außen aber bleilst ihm nur dann Hoffnung auf Achtung, Einfluß und selbst auf Erpansion, wenn der Staat das weithin sichtbare Banner trägt: Demokratie rmd nationale Auto rr o m i e. * * * Man hat sich gewöhnt, die Auffassung des Problems, die den.Nationen gibt, was ihnen gebührt (Personalitätsprinzip und Genossenschaftssystem'», dem Staate, was des Staates ist (Territorialprinzip: Rücksichtnahme auf die verwaltungstechnischen Prinzipien), mit einem Schlagworte zu bezeichnen als „S y st e m der nationale n Autonomie". . . . Die letzten fünfzig Jahre zeigen uns das immer wiederbolte aussichtslose Bemühen, der nationalen Frage durch territoriale Grenzregnliernng beizukommen: weder der historische noch der ethnische Territorialisnrns ist durchführbar, das denkbare Kompromiß des Kremsierer Entwurfes h e u t e lange nicht mehr ausreichend. (?) Ein verheißungsvolles Kompromiß zwischen der historischcrr und ethnischen Richstmg kam im Kremsierer Verfasstlngscntwrrrfo zrrstande. Damals kam es zu e i n e m v ou a l l e n N a t i o - nali täten einstirnmig an genommenen K o m pro nt i ß , daß die historische Provinzialeinteilimg platzzugreifen habe, doch die großen Provinzen in mehrere möglich st national gesonderte Kreise zu teilen seien, denen eine beinahe provinzielle Autonomie getvährt werden sollte. Danach hätte sich das nationale Leben namentlich in Böhmen, Galizien und Tirol auf den Kreistagen, das gemeinsam politische auf den Landtagen zu betätigen gehabt. Diese Kre i s e i n tei l u n g war damals in Wirklichkeit d i e a l l e N a t i o n e n b e friedigende Lösung. Die Entwicklung vollzog sich zum Unglücke Oesterreichs in anderer Richtung. Mit einem Federstriche vernichtete die Reaktion das gesauste Von fasftmgswerk. übrig, nämlich jenes Kindes, das besonders beschenkt werden soll.) „Nun schauen wir, was uns Prophet Elias beschert hat!" sagt der Vater und im Nu sind die Großen tmfo Kleinen bei den auf einem Nebentische erponiertm Geschenken. Allgenieines „Ah!". Papa und Mama haben von Großmama Silberlenchter bekommen und küssen der Großmama dankend die .Hand. Die Großmama bekam ein Lesezeichen, es ist bloß ihr „fünftes", wiewohl sie außer dem „Wiener Journal" und dern „Abendblatt" nicht mehr viel liest, und eine Tasse für Kleingebäck. Die Tochter Marie bekam .H e r z l s „Altneulcmd" und einen Ring mit kleinem Rubin, die Buben Bücher und Soldatenausrüstungen. Die Bücher lassen sie liegen und los auf die Säbel, Fahne und Trommel! Und das Tauhu Uwauhu ist fertig! Ich blättere in den liegengelassenen Büchern: „Ulster Habsburgs Banner" und „Grimms Volksmärchen". Bei letzterem finde ich, offenbar geflissentlich, ausgeschnittene Blätter. Ich zeige das dem .Hausherrn. Er antwortet: „Das ist ein großer Uebelstand, daß wir Juden unseren Kindern keine jüdischen Märchenbücher kaufen können. Wir müssen daher fremdländische kaufen. Und sehen Sie, —> dabei zieht er aus der Rocktasche die ausgeschnittenen Blätter — in den „Grimms Volksmärchen" kommen solch unmoralische! Stellen vor, daß ich fürchte, sie könnten meiner Tochter oder dem Fräulein in die.Hand fallen; das leseir Sie m dem „teutschen" Märchen!" (Und er zeigte mir unter anderem eine Stelle, wo der König nach dem Tode der Königin seine eigene Tochter heiratet, weil sie dev Muster so ähnlich sah!!) „Sehen Sie," sagt er, „wie kopflos viele jüdische Vater handeln, die wahllos „tcNische" Bücher kaufen. Noch schwerer geht es mir beim Einkauf der Bücher für meinen Josef. Da sind bis auf einige wenige patriotische Soldatenbücher, lvie z. B. Tew bers „Unter Habsburgs Banner", nur lauter Hohem zolleriaden und Bismarckiaden zu bekommen; diese dürfen aber nicht in mein.Haus." Die -Februar- und D e z e m b e r - Verfassung, Xd nicht mehr das Werk der vollvertretenen österreiPfche» Völker waren, nahmen die Kveisverfassung nicht mehr auf, sondern führten in den Ländern eine stramm buregg» kratische Zentralverwaltung ein, durch die die nationalen M i n o r i t ä t * n zum Aeußersten gereizt werden müssen. Die Nationalität hat ihrer inneren Natur noch zunächst keine Beziehung zum Gebiet. Die Nation ist ein Verband gleichdeükender und gleichredender Personen, eine Kulturgeineinschaft moderner Menschen, die nicht mehr an die Scholle gebunden ist. Wie es gegen die politische Wahlgeometrie nur eine sichere Remedur gibt, die P r op o r t i o n a l wah l, d. i. die Zusammenfassung der glcichdenkendcn Personen ohne Rücksicht auf das Gebiet, so gibt es gegen die nationale Geometrie nur ein Mittel, die Nationen als PersimsAvcrbände statt als Gebietsherrschaften zu konstituieren. Jeder Nationsgenosse muß in allen Teilen des Reiches — allerdings in gewissen Abstufungen — den vollen Schutz seiner Nation genießen, ein Zustand der Gleich- und Bollbcrochtigung, iuie ihn keines der konkurrierenden Prinzipien gewährt. Die Nation ist als Personcnkörperschast auf demokratisch moderner Basis, als eine nationale Rechtsschntzorganisation, nicht aber als feudal-Patrimoniale GÄietsherrschaft zu konstituieren . . . Tie wesentliche Bedeutung des Genossenschaftsgedankens liegt in der Negation des Gebietes. Der Staat und seine Verwaltung aber sind i m Gebiete festgewurzelt .... Negiert sind durch das Personalitätsprinzip nur die historischen Gebiete ... der Fetisch der Landesgrenzen. Die Kronläudcr mit ihren Landtagen sind die größten .Hinderirisse der Gesundung der österreichischen Monarchie. Die Kronländer sind der innere Feind der habsburgischen Monarchie. Sie und niemand anderer sind dcrNährboden der J rred e n t a , sie schaffen die verzweifelten Minoritäten und rücksichtslosen Majoritäten. Die Zerschlagung der Kronländer in national abgegrenzte Kreise kann allein die Zevschlagung Oesterreichs verhindern. Das Selbstbcstimmnngsrecht des Individuums bildet das Korrelat jedes Selbstbestimmungsvechtes der Nation. Ein Abfall von der angestammten Nation mag für den Rassennationalen ebenso anstößig sein wiie der Neligionslvechsel für Gläubige. Die Beurteilung solcher Vorgänge steht jedoch nicht dem Stacstsrecht, sondern der nationalen Moral zu . . . Wiie soll aber das nationale Bewußtsein für das Rechtsleben sonst erfaßbar werden, als durch die ausdrückliche Nastonalitzatsc r k l ä r u n g. Freilich manifestiert sich das nationale« Leben hauptsächlich durch die Sprachgemeinschaft. Aber diese ist nicht die wesentliche Acußerungsform des nationalen und RasseAgemcinbewußtseins . . . Ohne die. Konstituie - r u n g der Nationalitäten i ft e i in national c 3 Recht und das Ende der österreichifdjcni ©irren rein gesetztechnisch schon nichtmöglich. Das tschechische und — wie ich das deutschradikale Programm kurz bezeichne -— das deutsche Staatsr ech t sind, abgesehen davon, daß sie die nationale Frage nicht lösen, sondern in Permanenz er- Auf einmal erscheint das Stubenmädchen und meldet: „Bitte, es ist gedeckt!" Alles kehrt in das Speisezimmer, dessen Tisch jetzt festlich gedeckt ist, zurück. .Nach der Suppe füllt man die Weingläser. Selbst bei Josef und Franz werden die Gläser zu einem Viertel gefüllte Und der Vater ruft: „Josef, sprich deinen Spruch!" Darauf erhebt sich der Junge und sagt: „Unser geliebter Kaiser Franz Josef lebe hoch!" In das Hoch stimmen alle ein. Da ruft der kleine Franz: „Papa, ich auch!" Mgemeines Erstaunen. „Was willst du?" fragt man den Knirps. Der aber, dem Josef das Glaserhebcn nachahmend. ruft, so laut er kann: „Der P r o p h e t E l i a s lebe hochlE Allgemeines Gelächter, welches aber Franz für Beifall nimmt. , „Sehen Sie," schließe ich meinen Bericht an den jüdischen Kommerzialrat. „Freund X. hat keinen Weihn-achtsbamn und seine Kinder haben doch „Festesfreude und Lichterglanz" und werden hiebei zu kaiser-treuen Untertanen und treuen, selb st bewußten Juden erzogen." „Sie haben recht," antwortet der Kommerzialrat kleinlaut, „aber meine Frau weiß sowenig vom Judentum und dann ist's wegen der Dienstboten." — „Meines Freundes Frau kann nicht einmal hebräisch lesen," antworte ich, „abev mein Freund hat ihr Liebe zum Volkstum, zum Judentum eingeflößt und die christlichen Dienstboten im Hause werden angehalten, ihre Festtage zu feiern und in die Kirche zu gehen, und finden es daher begreiflich, daß der Jude wiederum seine Feiertage feiert. Uebrihens imponiert mein Freund, dessen Bildnis mit den mehrfarbigen Ordensbändern um deni Hals am, Tische Prangt, noch ganz anderen Leuten als bloß seinen- Dienstboten." Noch kleinlauter fragt der Herr Kommerzialrat, der es noch nicht zu einem einzigen Orden „um den Hals" gebracht hat: „Und wer ist Ihr Freund?" „Namen tun nichts zur Sache; es genüge Ihnen, dich die Geschichte b u ch st ä b l i ch wahr ist und doch mein Freund kein — Kn ltusv erstand ist." E m es.

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