Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer ist reaktionär? > Es ist den geschäftigen Bemühungen unserer Gegner I gelungen, in weite Schichten des leider noch nicht zmu vollen Bewußtsein nationaler Gesinnung erwachten Judentums die Anschauung hineinzutragen, daß wir eine reaktionäre Partei wäen. Immer wieder, in verschiedenen Formen und Nuancen, in Versammlungen und Zeitungsartikeln, vom gewöhnlichen Manne und vorn Doktor für. et med. In der Hauptstadt wie in der Provinz bekommen wir die Worte zu Höven: „Ja, es ist alles schon rocht und gut, wenn ihr nicht auch reaktionär gesinnt wäret." Wenn uns nicht alles trügt, droht diese Ansicht sich zu cinemAxiom zu verdichten, wenn nicht beizeiten auch! diesbezüglich die Fackel der Aufklärung in die Massen des jüdischen Volkes getragen werden soll. Zunächst, was ist reaktionär? Sicher ist eines. Wie eng oder wie weit man diesen Begriff auch fassen mag, zwei Kriterien sind untrennbar von dem Begriffe und müssen in jeder Definition enthalten sein. Wer sowohl in politischer wie in sozialer Beziehung die Mittel, Methoden, Errungenschaften der Jetztzeit verneint, gering achtet, klein wertet, der ist reaktionär. Und mm prüfen wir, wer im Judentum, fei es in politischer, sei es iVt sozialer Beziehung, eigentlich reaktionär gesinnt ist. Wir wollen zunächst positiv Vorgehen. Wir wollen zuerst in dieser Beziehung die Grundsätze sowohl als das Verhalten der Jüdischen Volkspartei beleuchten. Was will die Jüdische Volkspartei? Ihre vornehmste Aufgabe ist, wie männiglich bekannt, innerhalb des nationalen Rahmens einzutreten für eine Minderung der Not der untersten Volksschichten, ein gedeihliches Fortkommen herbeizuführcn für die Aermsten und Elendesten des Stammes. Das ist natürlich „„„reaktionär"""! Die Jüdische Volkspartei ist national-sozial. Ohne in den Chauvinismus zu verfallen, wünscht sie vor allem modernsoziale Grundsätze in wirtschaftlicher Beziehung innerhalb des Judentums zu propagierein. Und sie hat zu diesem Behufe eine ganze Anzahl von Dctailforderungen gestellt, die sie natüurlich nur dann in ern>sten Angriff nehmen kann, wenn aus einer Minoritätseine Majoritätspartei geworden ist. Das ist natürlich „reaktionär"! Wel¬ Feuilleton. Mattisjahu's Aufruf. Bon Emil Neu mann. Jehudi«, hervor aas dem BergesgeklSfi! Hervor aus den felsigen Schluchten! Hervor aus den Schanzen auf waldigen Höh'n, Wohin ihr geflohen, der Wut zu entgehn Des Syrers, des gottesvrrfluchten. WaS harrt ihr, der wehrlosen Schafherde gleich, Bi« einzeln man bringt euch ums Leben? Der Hunger zu Boden den Zudenflvlz ringt. Das Wimmern der hungernden Minder euch zwingt, Dem Wüterich ench zu ergeben? Was ist den« zum furchtsamen Mleppergetier Die trotzige Löwenbrut worden? Und habt ihr zum Leiden und Sterben den Mut, So seid ihr znm Streiten und Siegen auch gnt; . Len Judas, erlerne das Morden! Wenn Zeit ist für Taten, hört Gott kein Gebet, Hört (Mott keine weibische Träne. Ihr Männer JehndaS, das Vifen hervor! Posaunengeschmetter erfreue sein Lhr, Le« Judas, nun weif' deine Zähne! Der Gott eurer Bäter, er ruft euch zur Schlacht Für Volk und für Land und für Glauben. Zur Waffe, Jehudim, so Jüngling als Greis! » Wir geben das Land und den Glauben nicht preis; Die soll unS der Syrer nicht raube«. Nnn hebt die blinkenden Klingen empor! Hör' Later, den Schwur deiner Söhne: Wir legen nicht eher das Schwert ans der Hand, . Bis daß vo» dem Feinde gesäubert dein Land, Auf heiligen Berge« dein Tempel erstand In alter, in glänzender Schöne. i«e»tr. Ztg.) ches lvar und ist nun das praktische Verhalten der Jüdischen Volkspartei? Sie hat stöts darnach getrachtet, dem kleinen Manne zu helfen, hat Agent eitmtd Hausierer-Versammlungen einbcrufen, sie ist iu die Gememderatsloahlen eingetreten, mit einem volkstümlichen Programm und einen: echt demokratischen Manne, den selbst arge Widersacher für einen wahren Mann, des Volkes erklärt haben. Sie hat« bei den Kultuswahlen Dezentralisation der Behörden, Demokratisierung des Wahlrechtes, Bethänser für alle Juden, moderne Armenpflege und ähnliä)c ruckstäm dige Dinge verlangt. Die Jüdisch Volkspartei hat unentgeltlich Hunderten von Leuten zu ihrem Heimatsrecht verholfcn und sich iu zahlreiche Rechtsaktionen eingelassen. Alles Anzeichen und Symptome einer sehr mrftiotteiren Gesinnung!! Gehen Urir nun negativ vor. Werfen wir eilren Blick aus die Gegner, auf die „Offizielle Juden schuft", aus die vereinigten Gruppen und Parteien, die in so „glorreicher Weise", bei so reinen Wahlen, dieKiultussttibe vollkoimncn beherrschen. Wie sind sie in dieser Beziehung geartet und beschasfert? Man wird sicher finden, so wird der naive Leser glauben, daß sie modem, fortschrittlich, cmti-reaktionär sowohl im politischen wie im sozialen Sinne sind, sie, die sich als die reinen und vornehmen Vertreter des Judentums geberden und in Person häufig liberalen und sozialistischen Gruppen angehören. Sprechen )viri zuerst vom Programm. Ja, da kommen wir gleich in Verlegenheit, sie haben nämlich keines. Wenigstens kein eigenes. Das ist die traurige Tatsache, welche sie nicht einmal bestreiten konnten, l>a sie, bis ans einige geringfügige und nebensächliche Punkte, unseres abgeschriebcn haben. Es bleibt uns also nichts übrig, wie ihr praktisches Verhalten, ihre Gesinnung, den Geist ihrer Maßregeln zu prüfen. Wer nur einmal in einer Kultuswählerversaminlung war, der wurde sicherlich geradezu frappiert von der seltsamen patriarchalischen Wesensart der verschiedenen Herren. Ehrenwerte Herren, vornehin und besitzend, fähig, Geldopfer bringen zu können, das sind die Kriterien, die die Männer an sich selbst stellen, das sind die Ruhmestitel, die die begeisterten Anhänger in reichlichem Maße ihnen spendeten. Hier ist also kein Programm vonnöien, Eine wahre Geschichte. (Zugetragen Weihnachten 1002.) Seitdem sich diese w a h r e Weihnachtsgeschichte an: 24. Dezember 1902 zugetragen hat, laufe ich in Wien herum und packe jeden nur bekannten jüdischen Familienvatcr an. _ Auf die Assimiilanten, Kommerzienräte und Kultusvorstände habe ich es dabei besonders abgesehen. Den harmlosesten Ton anschlagend, frage ich: „Nun, schönen Weihnachtsbaum gehabt?" Fällt urir der Betreffende auf meinen ha nillosen Frageton hineilt und fagt: „Jawohl, einen sehr säiönoit," so antworte ich pwinpt: „Merkwürdig, je k r u m m e r N a s e u n d Beine des j ü d i s ch e n Hausvaters oder der Hausmutter, desto gerader und schöner der „ C h r i st b a u m — Daraus verblüfftes Dreinschauen des jetzt wirklich „Betroffenen", dann — fürchte nicht, lieber Leser, daß jetzt für mich eLlras Unangeirehmcs koimne, denn die mit U e b e r z e n g u n g und M u t gesprochene Wahrheit ist immer sieghaft — ein Stammeln und schließlich die Entschuldigung: „Was kann ich tun, lieber Freund, ich will doch nicht die Kinder um einen so schöllen Abend und um die Elefchcnkc bringen; und dam: ist cs wirklich schön anznfchen, wie sich die Kinder an den: Lichte r g l a n z c und de n F e st g e s ch e n k c n freum, und eilt solches Familienfe st wirkt erhelx'itd." — „Sie haben recht," antworte ich darauf, „die äkindcr soll ntan nicht um Festesfreude und Lichtcrglanz bringeit, aber da E h a n n k a , das Heuer sogar aus denselbeit Abend lvie Weihiraöh'ten fiel, stets mit die Wcihltachtszeit herum fällt, so könnten die „modcrnvir" Juden das Fest so feiern, wie ich es z. B. bei meinem Freunde T. geseheit habe. Hören Sie! Es ist der etlte Abend Chamika. Die ganze Familie ist inl hellerleuchtelm Speisezinpner um den Tisch, der noch ungedeckt ist, versanunelt. Obenan sitzen die Großeltern, untlen Frcimd T. mit seinen Frau, rechts die Gäste und links die .Kinder, und ztvar die große Marie, der zehnjährige Joses und der sünfjähnge Frtnz. Die große Marie spricht das klirze Chanukagebet hebräisch, welcl)es der.Haussier den zAilkeiite AMvclwimg moderner Prinzipien, cs genügt, hochanständig, „biedennäunifch ehrsam" zu sein. Man fragt einen Kandidaten: „Was denken Sie von der Modenusierung der Arnterlpflege?" „Ich bin ein hochanstältd'.gcr Mensch," ertönt die Anikwort. „Haben Sie über wirksame drittel nachgedacht, wie man den: kleinen Manne im Judentum helfen kann?" „Ich bin 00 Jahre alt, au Philanthrop," ruft der Kandidat mit selbstzufriedene'.n Lächelit aus. „Haben Sie über die Dezentralisat'.oit nachgedacht?" „Ich! bin ein hoä)anstänidiger Mensch." „Sind Sie vielleicht auch dafür, daß die offiziellen Vertreter des Judenttims auch nationale und ktilturelle Al:fgaben höherer Art besitzeil?" „Ich habe nie bei einer Wohltätigkeitsaktion meine Hilfe versagt, ich bin ein hochanstäildiger Mensch" lisw. usw. Ja, merkeir dem: die Herren nicht selbst, daß eine solche patriarchalische Gesinnung sich nicht verträgt mit den doppelteit Kriterien sozialer und Politischer Moder-nität? Ja, mn Gotteswillcn, hochanständige Menscheil, wohltätig von: Kopf bis zur Fußspitze, voll ultrapatriarchalischer Gesinnung, sind ja auch die Herreil Stumnt, Krupp und Korrsorten^gelvesen, die nebeit den Agrarient die stärksten und ärgsten Vertreter der Reaktion in Deutschland tvareit, und die Herren wollen einer P'arteii, die für das Judentmlt dasselbe bedeutet, WaS die National-Sozialen Natnnanns für die Deutschen und die Masarpk-Gruppe für die Tschechen, entgegent'reten mit der Behauptung, sic sei reaktionär.^ Man muß sich wirklich wundern über die unpolitische Nation dev Juden. Keinem Volke kann man in dieser Beziehung ungestraft so viel bitten. Diese altnwdischen Herren, die gern die, Jntercsseit, Wünsche und Postulate des Judentmns vernichten wollen lind alles jüdische Kämpfen und Sehileil zurückschrauben nlöchien in die idyllische Zeit der altert Kultusgenleindeherrlichkeit, dieselben Herren können es wagcit, ungestraft mit dem Schlaglvori „reaktionär" gegeit tms zll kämpfen. Aber des Verwundents und Ch> stamlerls wird bald kamn ein Ende sein, wenn man lwch eilte bekanilw Tatsache in Etlvägtlltg zu ziehen gezlvtnnzert ist. Dieselben Herren, diese ossizielleit Jllden, haben in ihretll Gememdestatut eine privilegierte Wahlkurre eingeführt. sie habctt sich nicht eingesetzt innerhalb der Judenschaft für das all geilt eine gleiche und direkte Wahlrecht. den: lnld Gästen, Absatz für Absatz, kurz iits Deutsche übersetzt. Dann lieft er selbst das Channkalüd. Da em Rabe besser krächzeil als er singeil kann, so kamt er das Lied nicht singen, dock) spricht er cs nach dem Versmaße, lvas einen schönen Rhvihmns gibt. .Nachdem das Lied geeildet, spricht er die Worte: „Für die Wundertaten, die Gott ait mtsercn Vätern getan hat und an uns heute noch tut, so daß wir beben,!vährcnd unsere mächtigsteir Feiitde, die Egypter, Gnechelt und Ronier von der Erdoberfläche versckMmden sind, danken wir ihltt, dem Einigen, Einzigen." Taralif fallen die.Kinder mit ihrem „Sch'mah Jisroel" ein und der fleine Franz, der außer „Hanlaloch" und „Sch'nlah" twch nichts Hebräisches kann, sticht hiebei die anderen zu übertöllen, dannt ntan höre, daß „er" auch schon ein „Gebildeter" ist. Jcht begiimt der zehnjährige Josef die Erzählung der Heldentaten der M a k k a b ä e n , von dem bösen Gtiechenkönig und deit Juden, die Grsiechert fein iwllteit und griechischen Namen uild (tzlaubett amiahnien, und dann von Maltat h i, a s tnld I l> d a M a k k a b i tmd schließt nnt den Worteil: „Uild so> wollell auch wir treue Inden seiir." Darauf folgt eine Pause, während welcher Vater, (tzäste mld Kinder bei Tisch bleibell uild Großmutter, Mntter^mld Tochter in den onitoßenden Salon schlüpfen, dessen Türen sorgsanl geschlosseir gehalten wlirden, damit! Ulan ja ilicht hineinsehen köime. Franz brennt vor Neugierde und lme die Salontüre sich ein!venig öffnet, dreht er sich inn; aber da mahnt der Brudei- Josef: „Wenn du dich mndreheil witst, da wird der P r o p h e t E l i a s die für dich bestimmten Spielsachen wieder wegnehnnnt." Darauf sitzt der Klcirle mäuscheltstill, aber mit nuckelnden Augen. Aber auch der „große" Josef ist sichtlich aufgeregt, tvas er alles „beschert bekounlN". Alts einntal Luft die Mutter iit den Salon hinein, ob cs im Speisezimnter tvanit genug ist ober ob noch zugelegt werden soll. Das ist das verabredete Zeicheli, daß alles iu Ordnung ist. Der Vater vernciiit, schallt aber wie zirsällig auf die Uhr und sagt: „Jetzt ist cs schon halb 8 Uhr und der Prophet Elias hat noch mcht geläutet; mir scheint, er kommt Heuer nicht, weil die Buben schlimm linnen," wogegen der kleine Franz sofort protestiert: „Ich war brav/ Joses war