Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 52 Wien, Freitag Jüdische« Volksblatt 26. Dezember 1902 Seit» 5 man erwartet daher, d. h. durch Chikanierungen oder sonstige Verfolgungen, daß jährlich weitere 10.000 Juden das Land verlassen werden. Falls die Auswanderung, besser gesagt die sukzessive Vertreibung, noch einige Jahre andauert, so wird die Zahl der Juden in Rumänien in ethnographischer Hinsicht, keinen Einfluß auf das Rumänentum ausüben können — dann werden die rumänische Regierung und die Gesellschaft energisch daran gehen, die Juden zu assimilieren, eventuell durch Begünstigungen zum Uebertritt zur orthodoxen Kirche zu veranlassen, wodurch die Judenfrage in Rumänien von der Oberfläche verschwinden wird. So lauten die Blättermeldungen von dort. Die Tatsache steht festund ich kenne dieselbe aus eigener Anschauung — Rumäniens Stütze ist Oesterreich, im weiteren Sinne des Wortes, dann einige jüdische Getreidefirmen, sowie auch einige Finanzmänner, die immer bereitwillig herbeispringen, wenn die dortige Negierung in Geldnöten ist, um ihr wieder auf die Beine zu helfen. Wie wäre es, wenn eine Aktion möchte eingeleitet werden, alle Judengemeinden in Europa aufzufordern, daß alle Gemeinden solche Juden, die mit Rumänien in geschäftlicher Beziehung verkehren, aus dem Gemeindeverbande auszuschließen? Sapienti sat! Ausland. Berlin. Die Wahlen zum Direktorium der Akademischen Lesehalle der Universität fanden nach viertägiger Dauer ihren Abschluß. Das Endresultat der Wahl ist folgendes: Es erhielten die sogenannte nationale Partei 606 Stimmen, die Freie Wissenschaftliche Vereinigung 231 Stimmen, die katholischen Korporationen 213 Stimmen, der Verein jüdischer Studenten Lol Stimmen; insgesamt wurden abgegeben 1301 Stimmen gegen 1523 im Vorjahre. Bemerkenswert ist der auffällige Rückgang der Stimmen bei der sogenannten nationalen Partei, welche diesen Namen beibehielt, trotz des von uns mitgeteilten Beschlusses der Mitgliederversammlung, die bekanntlich die Fortführung des Namens „nationale Partei" untersagte. Die „nationale" Partei hat 301 Stimmen verloren, die Freie Wissenschaftliche Vereinigung 181 Stimmen gewonnen, was sich allerdings aus dem Rücktritts der Finkenschaft und des Sozial-wissenschaftlichen Vereines vom Kampfplatz erklärt. lieber die Zulassung ausländischer Geschäftsreisender jüdischen Glaubens in Russland schreibt die Zentralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen: „Die Aufhebung der jetzigen Sonderstellung bildet ein berechtigtes Verlangen der deutschen Kaufleute jüdischen Glaubens; man wird erwarten dürfen, dass die Reichsrcgiernng in Anerkennung dieser Tatsache bei Gelegenheit der dcmnächstigen Vertragshandlungen mit Russland auf Gleichstellung der Angehörigen aller Konfessionen hinarbeitet. lieber den tatsächlichen Zustand, wie er augenblicklich b-'rrscht, sind noch immer nicht ganz zutreffende Nieldungen im 11mlanf. Beispielsweise sagt der österreichische Vizekonsnl in Rostow am Don in seinem letzten Bericht, das; nach den geltenden Sondergesetzen nur christliche Reisende nach den: dortigen Amtsgebiet entsandt werden dürfen. Ausnahmen, wie man sie im übrigen Russland für Vertreter von bedeutenden ausländischen Banken und Handelsfirmen mache, kenne man im dortigen Bezirk nicht. Dem ist entgegcnznhalten, das; ein solches sowohl für inals ausländische Juden geltendes Verbot zwar seit langer Zeit besteht, das; jedoch mit Erlaubnis der zuständigen Zentralbehörden israelitische Geschäftsreisende in jenen Gebieten verweilen und ihre Geschäfte abwickeln dürfen. Die Erlaubnis znm Anfenthalt hat für die Kosakengebiete der Kricgsminister zu erteilen. Israelitische Geschäftsreisende deutscher Nationalität gelangen, wenn bei den russischen Behörden sonst nichts gegen sie vorliegt, auf dem Wege einer Eingabe nach Petersburg regelmässig binnen kurzer Frist zum Ziel, zumal wenn sie sich der Vermittlung des kaiserlichen Generalkonsulats in St. Petersburg bedienen." Z n m 9t achfolger AntokolSkys tu dev Pariser Akademie der Wissenschaften wurde der jüdische Maler Jozef Israels gewählt. Israels ist bereits Mitglied des Institut de France und seit 1885 korrespondierendes Mitglied der Akademie. Israels ist Besitzer nichrerer Auszeichnungen. Schon im Jahre 1807 erhielt er im Pariser Salon die Medaille dritter Klasse, im Jahre 1878 wurde ihm eine Medaille erster Klasse zugesprochen und die Weltansstellungen von 1880 und 1900 brachten ihm den grossen Preis. Berlin. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt Herr Dr. Berliner den zweiten seiner Vorträge, der die Lebensschicksale eines römischen Ghettojünglings behandelte. Der gelehrte Redner ging zunächst historisch ans Papst Paul den Vierten zurück, der 1555 den Stuhl bestieg mit) in seinem fanatischen Haß gegen die Inden fünfzehn Thesen erlies;, die darauf hinzielten, durch Bosheit und Gewalt Seele und Körper von Tausenden 31t vernichten. Auf seine Anordnung wurde um den von Inden bewohnten Teil eine Mauer errichtet. Es beginnt nun das Ghettoleben, ein Leben voller Leiden, voller Entbehrungen und Verhöhnung, voller Versuchung und Verführung. Aber selbst unter unerträglichem Druck hat sich der Ghettojnde eine Fülle von Tugenden bewahrt. Innerhalb dieser Planer entwickelte sich ein Gemeindeleben, lvelches seine eigenen Finanzen, seine Beamten, seine Polizei, ja sogar sein eigenes Gefängnis für Disziplinarvergehen hatte. Trotz nnerschlvinglicher Stenernbgaben, mit welchen die päpstliche Regierung immer von neuem aik die Ghettvbetvvhner herantrat, lvaren diese dennoch bemüht, Mittel zur Hebung und Verbesserung ihrer Lage zu ersinnen. Vor allem galt ihre stete Fürsorge der Jugend solvie der Belehrung der Erwachsenen. In ansführlirher Weise gab der Vortragende alsdann den Lebensgang eines solchen Ghettojünglings Jeyuda Conzaga aus dem 17. Jahrbuch aus dessen eigenem Memoirenwerke wieder, der in der Talmud- Thora-Schule ausgewachsen und, von dem Drang beseelt, immer tiefer in die Schätze der Wissenschaft einzudrßngen, sich duüch Vermittlung von Freunden und Gönnern den profanen Wissenschaften zuwandte und schließlich dem midizinischen Studium sich widmete. In sehr interessanter Weise legte der Redner die unendlichen Schlvierigkeiten dar, die Conzaga nicht nur wegen seiner Armut, sondern auch als Jude zu überwinden hatte, ehe es ihm gelang, eine angesehene Stellung in der Gemeinde zu erringen. Das Publikum folgte den Ausführungen mit gespannter Aufmerksamkeit und gab seinen Beifall durch lebhaften Beifall kund. Eine Arme-Leutstadt. Whitechapel ist ein unregelmässiges und winkelreiches Gebiet von schmalen Strassen, von Sackgassen, von gehöftartig zusammengeschlossenen aneinandergepferchten Gebäudercihen, das zur Linken, nach Norden hin, fast unbegrenzt scheint und zur Rechten, nach Süden hin, bis zu den Thcmsekais hinuntersteigt. Man kann stundenlang geradeaus wandern, ohne auch nur einen der Endpunkte dieser Arme-Lentstadt zu erreichen. Diese Stadt ist ganz nach einem Schema gebaut. Die Maurermeister haben meilenweite Flächen mit kleinen niedrigen Häusern ans Backstein bedeckt — aus einem Backstein, der mit der Zeit schwarz und bröcklig geworden ist. Eine einzige Ueberlegung hat die Architekten geleitet: möglichst viel Raum zu ersparen, möglichst viele Häuser ans einem Stückchen Boden aneinander zu drängen. Oft muss man, um von einem Häuserblock zum anderen zu gelangen, durch enge Korridore, unter niedrigen Gewölben hindurchkriechen. Und nur hier und da ist dieses schwärzliche, winklige Gässchengewimmel unterbrochen, wenn einmal eine Fabrik mit langen, von Mauern umgürteten Höfen, oder eine Gasanstalt, oder, in der Themsegegend, ein Speicher finster und klobig zwischen all den tausenden von kleinen Häusern steht. Es ist außerordentlich viel über Whitechapel geschrieben worden und jeder weiß, dass dieser Stadtteil das grösste Quartier des Elends und des Lasters ist, das in der sogenannten zivilisierten Welt heute existiert. Der gebildete Europäer hat mit einigem Grausen von den stinkigen, schmutzigen Wohnlöchrrn gelesen, in denen die armseligsten Parias dieser Erde, 'Männer, Weiber und Kinder, dutzendweise bei einander Hausen und von der kläglichen Romantik der Verbrecherhöhlen und der Spielerspelunken. Mein verehrter Freund John Henrv Mackay, der längere Zeit in Whitechapel logiert hat, hat in den „Anarchisten" seine unerfreulichen Beobachtungen mitgeteilt. Wer nur einige kurze Streifzüge durch Whitechapel unternommen, glaubt nach den Proben, die er gesehen, sehr gern, dass auch das Schlimmste, was man erzählen konnte, wahr ist. Und ex ist höchstens im ersten Angenblicke ein wenig überrascht, wenn er statt der mächtigen siebenj stückigen Mietskasernen, die seine Phantasie ihm vorgemalt, all die vielen kleinen Häuschen und etwas wie ein riesiges Dorf voll Elend und Verkommenheit findet.' Der westliche Teil von Whitechapel, der Teil, den man zuerst zur Rechten und zur Linken hat, wenn man, von der City kommend, die Whitechapel-Road betritt, war von jeher oder doch seit recht Tanger Zeit das Jndenviertel. Aber während noch vor einigen Jahrzehnten dieses Judenviertel nur wenige Strassen umfasste, ist es jetzt enorm ausgedehnt und es schiebt sich fast täglich weiter nach Osten hin vor. Die Inden, die vor einer Reihe von Jahren hier ans Polen, aus Russland und Galizien eiugewnndcrt und zu Wohlstand gelangt sind oder ihren mitgebrachten Besitz vermehrt haben, kaufen, oft zu sehr hohen Preisen, immer neue Häusergruppen und ganze Strassenzüge am Ostrande des Jndenviertels an und vermieten die Wohnräume an die frisch eingcwanderten Familien. Man baut Synagogen und richtet Geschäftslokale an der Whitechapel-Road zu Gebettempeln ein und man hat hier, im Osten Londons, ein Gemeinwesen geschaffen, dessen neunzigtausend Mitglieder ganz nach ihren eigenen Sitten und nach den Vorschriften des alten Ritus leben können. Schon in der breiten Whitechapel-Road kann man glauben, in einer jüdischen Stadt zu sein. Es gibt dort mehrere Theater, Mmsic- Halls, neben deren Eingangstüreu Plakate in zweierlei Sprache, englische und hebräische Plakate, kleben. An den Straßenecken verkaufen kleine jüdische Knaben eine in hebräischen Schriftzeichen gedruckte Zeitung: „The Daily Jewish Express". Vor einem Bäckerladen lässt sich die schwarzhaarige vollbusige Besitzerin von ihrem galanten Nachbar, einem jungen Zigarrenhttndler, der noch aus Pietät oder Koketterie einen Rest der polnischen Ohrlocken bewahrt hat, den Hof machen. Vor ihren offenen Läden, in denen an grossen Haken das Fleisch hängt, stehen mit aufgekrämpelten Hemdsärmeln die jüdischen Schlächter. Aber man sieht in Whitechapel- Road doch auch noch Gestalten, die nicht zu diesen Eingewanderten gehören, sieht noch die englischen Kanfleute, die ihren Geschäften nachgehen, die, von einer unsichtbaren Last gebückt, zur City Pilgern, wo sie irgendwo einen Penny zu erhaschen hoffen, die Betrunkenen, die glotzäugig mib stier gegen die Wände der Häuser taumeln. Man sieht zwischen den Läuden auch noch die Schnapsbuden. Und besonders die Betrunkenen und die Schnapsläden sieht man gar nicht mehr, wenn man dann die gerade Hauptstraße verlässt und in das eigentliche jüdische Viertel hineingelangt. In einer der Nebengassen — der breitesten — ist gerade Markt. Die Händler haben ihre Tische neben einander ausgestellt und ihre Waren anSgebreitet. Der eine kaust Hosen, der andere Vorhemden und Kragen, der dritte Bänder und Spitzen für die Damen und der vierte Hüte, die! noch beinahe modern sind. Neben einem rotbärtigen beleibten Mann^ der lächelnd und eindringlich einem Arbeiter die schönste der Hosen j anfznreden sucht, steht griesgrämig ein Magerer, der mit dem Rockärmel einen alten Stiesel blank putzt. Ein Limonndeiiverkänfer, der eine Brille trägt, schöpft mit der Holzkelle die gelbe Flüssigkeit ans dem gläsernen Fast und in sauberen Gehröcken, den Zylinder auf dem Haupte, wie Lords, stehen zwei wohlhabende Mitglieder der Gemeinde ein wenig abseits, streichen mit der Hand die vollen längen Bärte und sehen sich zufrieden und schmunzelnd das Treiben der „kleinen Leute" an. Der Mummt eines jüdischen Diplomaten. Wie aus Mailand berichtet ».sied, hat sich dort der diplomatische Vertreter Italiens in Sofia, Signor Polaeeo, in einem Anfälle von Neurasthenie daS Leben genommen. Polaeeo stammte aus einer angesehenen italienische» Familie und warf Ivie dev jetzige Kriegsminister Italiens, General Ottolenghi, Jude. Ein kleiner blonder Herr von höchst bescheidenem Auftreten, genoß er in der Sofianer hohen Gesellschaft große Sympathien, und die Diplomaten verstanden seinen Mutterwitz und seine Fachkenntnisse zu schätzen. Er war Hagestolz und alle Versuche, den beliebten Mann zu verheiraten, scheiterten an seinem Widerstand. Nun aber geschah eines Tageetwas, was die ganze Sofianer Gesellschaft in größtes Erstaunen versetzte. Polaeeo hatte bei einem Konzert im Militärkasino die Bekanntschaft der Tochter eines Oesterrcichers aus Lemberg gemacht, des Prokuristen eines größeren Speditionsgeschäftes. DaS in keineswegs reichen Verhältnissen erwachsene achtzehnjährige Mädchen, eine hübsche Gestalt von selbstbewußtem Auftreten und heiterem Tempermnent, war gut erzogen. Nach einem kurzen Gespräch war der bereits fünfzigjährige Diplomat in das junge Mädchen bis über die Ohren verliebt. Nach einigen Tagen wurde die Verlobung gefeiert. Polaeeo war nicht wieder zu erkennen: vergnügt erzählte er in den Salons, halb lustig, halb ironisch, „die Geschichte seines Hcrzenslvundcrs". Vor etwa drei Monaten begaben sich die Eltern der Braut nach Wien, die kostspielige Aussteuer im Aufträge des Bräutigams zu besorgen. Die Hochzeit sollte bald darauf gefeiert werden. Jählings aber trat in der Stimmung des Bräutigams eine Wandlung ein, veranlaßt, wie es hieß, durch Briefe seiner Mutter, die ihn bestimmt haben sollen, lieber ans sein Lebensglück zu verzichten, als den Versuch anzustellen, als älterer Herr ein so junges Mädchen heimzuführen. Polaeeo, der seine Mutter inbrünstig liebte, begann immer nachdenklicher zu werden. Ec schob die Hochzeit auf, begab sich zur Erholung nach Italien und hier nahm der Roman des Diplomaten sein trauriges Ende. Petersburg. (Die Juden und die russischen Badeorte.) Fürst Meschtscherski hat, wie er im „Grashdanin." anzeigt, von einem Juden einen Brief erhalten, dessen wesentlicher Teil folgendermaßen lautet: Ich muh Ihnen sagen, daß ich ein einfacher Handwerker (Tischler) bin und ausschließlich von meiner Arbeit lebe. Außerdem bin ich ein kranker Mann und mußte mich in diesem Jahre auf Anordnung der Acrzte in einen Badeort begeben, um einen veralteten Magenkatarrh kurieren zu lassen. Nichts scheint einfacher: ich bin nicht reich, bin ein getreuer russischer Untertan und müßte als solcher in der Heimat Heilung finden können. Ich war schon ganz bereit, mich nach Essentuki aufzumachen, als ntmt mir erklärte, daß den Juden der Besuch dieses Badeortes verboten sei. Ich mußte mir also für 15 Rubel einen Auslandspaß verschaffen und fuhr nach Kissmgen. Die Kur von anderthalb Monaten kostete mir mit der Fahrt zusammen 350 Rubel. In Kissmgen traf ich wenigstens 400 russische Juden, die gleich mir hatten dorthin fahren müssen, statt sich zu Hause kurieren zu lassen. Sagen Sie mir um Gotteswillen, weshalb dürfen wir russische Juden nicht zu Hause in Rußland eine Badekur gebrauchen und müssen zu diesem Zwecke ins Ausland fahren? Ich bezahle pünktlich meine Steuern, mein Sohn leistet in der Artillerie seine Wehrpflicht ab, ein Verbrechen habe ich nicht begangen,, besitze aber nicht das Recht, einen russischen Badeort zu besuchen. Ganz abgesehen von dem vielen Gelde, das die russischen Juden alljährlich in den ausländischen Kurorten, statt in Rußland, lassen, schämt man sich wahrhaftig ganz direkt, einem ausländischen Juden cinzugestehen, daß wir russischen Juden nicht das Recht haben, in der Heimat einen Badeort zu besuchen. Ich bin in Rußland geboren und gedenke in ihm zu sterben, halte es für meine Heimat, jedes scharfe Wort eines Ausländers über Rußland tut mir weh, und ich freue mich, wenn ich mein Vaterland loben höre, dennoch aber werde ich mit Argwohn oetcachtet und als Aussätziger angesehen, der nicht an einen russischm Badeort gehört. Warum muß ich, ein armer Handwerker, der ich nur 20 Stunden von den kaukasischen Kurorten lebe, mich weiß Gott wie weit ins Ausland schleppen, und unnütz 16 Rubel ausgeben, wo mir doch jeder Rubel teuer ist! Das, geehrter Fürst, ist eine von den Maßregeln, welche das Leben der Juden behindern . . . Was redet man da von Landkäufen l Befreit uns von den wirklichen, durch nichts verdienten, geradezu unsinnigen Bedrückungen ... an Vergünstigungen wollen wir gar nicht denken. Muß man wirklich wegen einiger Dutzende, vielleicht einiger hunderte jüdischer Exploitatoren und Schinder die ganze arbeitende, mit Mühe sich durchschlagende Masse bedrücken! Kann man wirklich diesen Millionen von Menschen nicht das Leben gönnen! . . . Moissei Abramow, Jude. Hierzu bemerkt Fürst Meschtscherski: Wie selten man auch mit Juden einer Ansicht sein mag, dieses Mal muß ich Moissei Abramow zngestehen, daß!vir daS Verbot des Besuches der russischen Mineralbäder durch die Juden als eine Beschränkung ihrer Freiheit erscheint, die sich durch keinerlei ernste Argumente rechtfertigen läßt. — Ja, man sollte nicht glauben, daß im 20. Jahrhundert so etwas existiert. Jüdische Statistik. Der jüngst begründete Verein für jüdische Statistik hat in den meisten von Juden bewohnten Landern Mitglieder gefunden, welche in Würdigung der wissenschaftlichen und Praktischen Bedeutung des nnternommenen Werkes ihm ihre Kräfte zur Verfügung stellten. Die OrganisativuSarbeiten sind so weit vorgeschritten, dass neben der Berliner Zentrale, an die sich vier Arbeitssektivncn nnlehnen, zur Zeit grössere statistische Vereine auch in Oesterreich (Zentrale Wien), Galizien (Zentrale Lemberg), Polen (Zentrale Warschau), Russland (Zentrale Odessa) sowie in der Schweiz (Zentrale Bern) fttuktiouiereik. Sämtliche ArbeitSsektionen des Vereines sind gegenwärtig mit der Herstellung der grundlegenden Arbeit, einer kompletten Bibliographie d e r j ü d i s ch e n Statistik, beschäftigt. Dieselbe wird neben zahlreichen Monographien über die Lage der jüdischen Bevölkerung noch im Laufe dieses Winters im ersten Bande der Publikationen des Vereines f. j. St. zur Beröffentlichung gelangen. Briefe sowie Mitgliederbeiträge (0 Märk jährlich) und einmalige grössere Spenden sind an die Zentrale des Vereines für jüdische Statistik, Be lln- Hnlensee, Ningbahnstrnsse 12 3, zu adressiere». Amerikanische E i n w a n d e r n n g s st a t i st i k. Im Hafen von Philadelphia sind in den letzten sechs Monaten (Juni— November 1002) 1910 jüdische Einwanderer angelangt. Im Vorjahre betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer in derselben Zeitperiode bloss 1417. Von den Einwanderern waren 1107 männ-