Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 19. Dezember 1902 Seile 3 Kultuswähler haben; er tritt für die Fünf-Gulden-Stcuer ein. W muffe auch eine durchgreifende innere Reform durchgeführt werden, Die Einrichtung der Vertreterkollcgien hat sich nicht bewährt. Während früher so und so viele Akten im Plenum, liegen geblieben sind, bleiben sie jetzt imVertretcrkollegium liegen. DieKommissionen werden zu einer Null herabgesetzt und viele Vorstandsmitglieder wissen überhaupt nicht, was im Vorstände vorgeht. Dr.' Maxim. Steiner lvendet sich gegen die Ausführungen des Dr. Alfred Stern. Salo Cohn tritt, lvie schon oft, für die Einrichtung eines Ivürdigen Tempels ein. Die Pflege der Wohltätigkeit müsse dem privaten Wohltätigkcitssinn überlassen bleiben. Dr. Gustav K o h n polemisiert gegen Dr. Markus Spitzer uub hält alle seine Anregungen für undurchführbar, da die Gemeinde nicht über das nötige Geld verfüge. Ritter von G o l d s ch m i d t konstatiert das hohe, Niveau der heutigen Debatte. Er tvünscht eine Sparsamkeit in der Orgcmisation. Die Reform des Armcnwescns durch Schaffung der Armenanstalt ist gründlich mißglückt. .Kais. Rat Wilhelm Pollak: Die Budgetdebatte soll nicht allein Gelegenheit bieten, zum Kultnsvorstande, sondern, wie man sagt, auch zum Fenster hinnnsznsprechen. Man möge mir dieses offene Bekenntnis nicht übel nehmen, da ich der Anschauung bin, daß diese Debatte nicht den Zweck hat, die Korporation des Kriltnsvorstandcs als das höchste Ideal hinzustellen, uird alle seine Handlungen und Beschlüsse mit den üblichen Mischeberachs lobend gutznheißen, sondern die Ansicht vertrete, daß bei diesem Anlaß Anregungen gegeben und Verbesserungen beantragt Iverden sollen, die sich in den verschiedenen Zweigen der Gemeindeverwaltung notwendig erweisen; und die jüdische Bevölkerung soll daraus ersehen, daß man für die bestehenden Mängel nicht blind ist, sondern trachten tvird, dieselben zu beseitigen. Wenngleich der arg beschnittene heutige Kultusvorstand bloß in 13 Sitzungen beraten ,hat und auch informativ verständigt tvird, tvas das Vertreter-Kollegium, der Stadtrat des Killkusvorstandes, gemacht hat, so muß ich doch entgegen einem meiner sehr geehrten Herren Vorredner, rühmend hcrvorheben, daß höchst segensreiche Arbeit geleistet lvnrde. In den 63 Sitzungen des Vertreterkollegiunis, die der Bericht ertvähnt, haben speziell die Vertreter der höher besteuerten Kurie sich ihrer Aufgabe mit größtem Eifer entledigt, lind wenn ich nach nun frage: Wieso kommt cs, daß bei all der angestrengten, aufopferungsvollen Tätigkeit des Vertreter-Kollegiums und des Kultus-Vorstandes, sowie der vorbereitenden Kommission, bei ausgezeichneter innerer Buchhaltung und Kassa-Verwaltung, nach außen hin doch so wenig von dieser Arbeit zu verspüren ist? lind daraus, meine Herren, muß ich antworten: Daran ist die nicht genügende Administration, die ungenügende, nicht in allen Konsequenzen drirchdachte, amtliche Verarbeitung der Vesthlüsse des Vertreter-Kollegiums schuld. Ich bin gewiß kein Feind der Bemnten, aber ich verlange, daß Ordnung cinkehre, die Protektion aufhöre, und jeder wisse, was er 31t tun hat, daß eine genaue Abgrenzung der Pflichten und Rechte jedes einzelnen vorgezeichnct sei. Herr Vice-Präsident Dr. Stern hat auf die Dringlichkeit der Errichtung neuer Tempel hingewiesen. Ich teile vollkommen seine Anschamtng und mutz derselben, selbst auf die Gefahr hin, von vielen Mitgliedern der Kultusgemeinde mißverstanden zu werden, zustimmen, obgleich ich hier stets für das Sparen eingetreten bin. Der geehrte Herr Vorredner hat die Opfcrwilligkeit unserer Glaubensgenossen herborgehoben, die ja tatsächlich vorhanden ist, aber wenn die reicheren Kreise toillig die ihnen auserlegten größeren Lasten übernommen haben, so drängt sich unwillkürlich die Frage auf: „Wsis bieten wir ihnen als Kompensation dafür?" Namentlich zwei Gelegenheiten, Hochzeiten und Leichenbegängnisse sind es, die sie mit dem Gotteshause und der Gemeinde in nähere Verbindung bringen. Können tvir aber wirklich auf jene Veranstaltungen, die separat bezahlt iverden müssen, mit Stolz blicken, oder wird nicht vielmehr bei jedem derartigem Anlaß gerechter Unmut laut? Und kann man erwarten. daß die Leute iveitere materielle Opfer gerne darbringcn, wenn ihnen nichts geboten wird? Besonders im Tempel ™ Seü.-nstetleugasse ist die Unzulänglichkeit der räumlichen Verhaltmße bei größeren Trauungen oft beklagt worden, und auch ich habe z. B. schon zu iviederholtenmalen auf die Notwendigkeit fahrpolizeilicher Verordnungen hingewiesen. Mit besonderer Befriedigung erfüllte es mich, als ich einen schon, lahrelang von mir ausgesprochenen Wunsch nach Uniformierung der Gemeindediener heute realisiert sah. Es ist dies eine gebotene Rücksicht auf die Revräsentation der Gemeinde, die auch nach außenhin einen gewissen Ordnungssinn bekunden muß. Ein wichtige Eiuführting wäre die Verwendung von Kantoren, deren Stimmateriale infolge jahrelanger Berufstätigkeit nrcht mehr ganz intakt ist, auf anderen Posten der .Ailtusgemeinde; bei aflev Verdienstlichkeit derselben muß sich das Publikum diesen oft zlveifelhaften Genuß nicht bieten lassen. Werden doch auch die berühmtesten Opernsänger an ihrem Lebensherbst oft Gesangs- Professoren. Wenn man mir eiiNvendet, daß wir kein Geld zur Errichtung von Tempeln haben, so gebe ich dies ruhig zu; so lauge wir aber so hervorragende Männer an der Spitze unseres Kollegiums haben, werden wir doch nebst den freiwilligen Spenden genügenden Kredit aufbrnigen, um Gutes schaffen zu können. Soll denn die nächste Generation nur sagen können, daß wir ausgezeichnet gewirtschaftet und gut verwaltet haben? Wäre dies nicht dasselbe, wie bei der leider verflossenen Aera im Gemeinderate, >vo ausgezeichnete Männer gut verwaltet haben, aber infolge ihrer Furcht vor Schulden-Kontrahierung in der letzten Periode sich zu keinem großen Werke aufschwingen konnten? Die Männer, die nach ihnen gekommen sind, haben die Scheu vor Schulden überwunden und die Bezahlung eines Teiles derselben mit Recht der Ncrchtvelt iibcvfctffcn, ber jer mich bic betreffcubcn Institutionen zugute koinmen iverden. Schon seit länger als einem Jahre schlummern meine Anträge über Friedhofs- und Beerdigungsivesen, über Leichenbegängnisse der Annen, auf tvelchem Gebiete ebenfalls Wandel notwendig ist. Zeigt es sich ja auch, daß die von rnir beantragte und durchführte Uniformierung und Auswahl der Schmiramäner (Leichen- Ivache) von ganz, besonderer Wichtigkeit ist. Diese Leute sind die ersten. ReligionSdiener, welche die Familien in traurigen Stunden anfzusuchen haben, sie dürfen daher'kein abschreckendes Bild, keinen Anlaß zur Klage, Verlästerung oder Spott bieten. Die allgemeinen Klagen über die als nicht disziplinierbar bezeichneten Leichendiener halte, ich für übertrieben. Bei einem leider im Vorjahre in meiner Familie vorgekommenen Falle habe ich mich überzeugt, daß nicht die Diener der Kultusgemeinde um Trinkgeld vorsprachen, sondern daß ganz fremde, sich fälschlich als Dtzener der Kultusgemeinde vorstellende Individuen es waren, welche die Mildtätigkeit der Leidtragenden miszunützen versuchten. Auch im Schulwesen ist manches der eingehenden Beratung wert, und habe ich meine Anträge in der betreffenden Kommission stets gestellt. Eine genaue Durchsichtung des Lehrplanes, das Ausscheiden des unnötigen Auswendiglernens der Vokabeln, des geschichtlichen Ballastes über sämtliche falsche Propheten und viele Rabbinern samt ihren Fmnilien halte ich für dringend geboten (Lehrbuch,Kahserling-Hecht), und möchte an dessen Stelle einen die Jugend für das Judentum begeisternden Geschichts-Unterricht gesetzt wißen. Wienn man, darüber die Professoren befragt, so ist das natürlich dasselbe, wie wenn man die Ansicht der Professoren für Griechisch über die Abschaffung des Griechischen einholt. Redner plädiert ferner für die Einführung einer obligatorischen fünf Giilden-Steuer, da die gegenwärtige freiwillige gar keinen Sinn und keinen Erfolg habe. Aus reinem Opfermut hat noch niemand eine Steuer gezahlt, und der Vorstand» braucht sich nicht zu fürchten, daß die Fünfguldenmänner, wenn ihnen das Wahlrecht erteilt wird, zahlreicher als bisher an ihn wegen einer Unterstellung herantreten werden. Wer hierzu durch die Not getiebeu wird, der tut es ohne Rücksicht darauf, ob er Steuer gezahlt hat oder nicht. Bezüglich der Armenpflege sollte der Versuch gemacht werden, die Unterstützung der jüdischen Annen auch durch die politische Gemeinde zu erwirken. Namentlich wäre es Aufgabe der bisher leider noch immer auf dem Papier stehenden Bezirks- Kommissionen, bei den Vorstehern der Bezirke in öffentlicher und urbaner Form dafür cinzutreten, daß aus den Spenden für Arme „ohne Unterschied der Konfession" die jüdischen Armen einen aliquoten Teil erhalten; Sache der Bezirks-Kommissionen tväre es, nur toirkliche Bedürftige vorzuschlagen. Redner hat zu Iviederholtenmalen auf diesem Wege Erfolge erzielt und ist überzengt, daß trotz der gcgeiUvärtigen unhaltbaren Verhältnisse bei konsequenter gerechter Tätigkeit, bei unbedingter Vermeidung der Empfehlung Unwürdiger, viel erreicht werden könnte. Man muß sich der Sache nur richtig und mit Takt annehmen, aber bisher ist der Versuch nicht gemacht worden. Anf die Aufforderung des Präsidenten, nicht allgemeine Beschuldigungen, sondern tatsächliche Fälle anziiführen, bringt Redner Vorkomm'iisse in der letzten, gut gemeinten, aber schlecht inszenierten Vertrauensmänner-Versammlung nach der Probepredigt im Leopoldstädter Tempel, ferner eine Beamtcn-Ernennung iind die Versetzung eines Kantors in einen anderen Bezirk zur Sprache. Zum Schlüsse seiner Ausführungen richtet Redner seinen wiederholten Appell an die Versammlung, endlich die bezirkstveise Wahl der Vorsteher und Vertrauensmänner nach den jetzigen Wahlbezirken statutarisch zu schaffen. Theodor Ritter von Taussig bedauert gerade deshalb, weil man heute zum Fenster hinausspricht, den Verlauf der jetzigen Sitzung. Der Zweck einer öffentlichen Sitziing sei, bloß die Gemeinde bezüglich des Budgets aiifzuklären. Wenn man aber mit mehr oder weniger, leider weniger durchdachten Anregungen, mit mehr oder luiuder, leider mehr vager Kritik kommt und zum Fenster Hinäusspricht, 'so degradier man die öffcntlicheSitzung zu eineWählerversammlung. Wohin soll eine solche unausgereifte Kritik, an deren bona fidcs man kaum glauben kann, führen? Gegen Ellbogen gewendet, ruft Redner aus: Man macht die Einwendung, daß in der Leopoldstadt gegen 9000 Landtagswähler nur 3000 Kultuswähler sind. Ja, warum zahlen sie nicht? Seit dem dreijährigen Bestände der fakultativen Steuer haben sich im ganzen 38 Personen bereit gesunden, die 5 Gulden zu zahlen; die nteisten v-m diesen verfolgen sicherlich einen besonderen Zweck. Was hier vorgebracht wurde, sind nur Scblaglvorte, welche Wasser auf die Mühle unserer Schädiger gießen. Nachdem Dr. K a tz a u die Ariuenanstalt in Schutz nahm, erhielt kaiserlicher Rat Pollak das Wort zu einer persönlichen Berichtigung. Kaiserlicher Rat Wilhelm Pollak (zur persönlichen Berichtigung) : Ich habe mich zii einer persönlichen Berichtigung gemeldet, um die Worte des hochverehrten Herrn Mitgliedes des Vertreter- Kollegiums, Herrn Ritter von Taussig, dahin richtigzustellen, daß ich meine vorherigen Anträge schon in vielen früheren Sitzungen gestellt habe, somit nichts neues, und auch nichts, was Geld kostet, anregte, sondern schon oft, sogar zu oft, die gleichen Beschwerden vorbrachte, die aber leider noch immer der Erledigung harren. Diese Tatsache dürfte dem hochverehrten Herrn Vorredner, der erst seit zwei Jahren in unserer Mitte weilt, nicht bekannt sein. Wir sind hier nicht beisammen, um alles zu beschönigen, sondern um der Bevölkerung zu zeigen, daß Ivir auch den Fehlern, die in der Verwaltung der Kultiisgemeindc vorhanden sind, nicht blind gegenüberstehen. Ich freue mich, daß der hochverehrte Herr Vorredner speziell an meinen Anregungen nichts gefunden hat, was nicht am Platze ivärc, und ich freue mich ferner, daß ich unter deii heutigen Proponenten auch den Herrn Vice-Präsidenten Dr. Stern finde, somit als Oppositioneller in so guter Gesellschaft bin. Nicht die Sucht nach Oeffentlichkeit ließ mich diese Anregungen wiederholt hier Vorbringen, sondern die Flucht in die Oeffentlichkeit. Ich beuge mich vor der parlamentarischen Erfahrung des hochverehrten Herrn v. Taussig, halte mich jedoch beechtigt, bei einer Budgetdebatte, wie dies in der ganzen Welt üblich ist, Dinge zu besprechen und vorzubringen, die ich für das Wohl der Gesamtheit für nottvcndig eachte. Ich behaupte nochmals, daß die Zehnguldeu-Steuer für viele Beamte, die gerne fünf Gulden an Steuer entrichten würden, zu hoch ist, und tvenn ich gefragt wurde, warum sich die Betreffenden nicht freiwillig melden, so kann ich mir erwidern, daß wir eine Statistik der Idealisten, die sich freiwillig zinn Steuer- Zahlen melden, bisher nicht haben. Ich konstatiere weiters, daß vier Beamte meines Hauses, als ihnen eilte Zehnguldensteuer aufgetragen wurde, sich zur Entrichtung einer solchen von fünf Gulden bereu erklärt haben. Ich bin dessen gewiß, daß man für unsere Institutionen, hauptsächlich für unsere Arineninstitutioneu, ein schönes Stück Geld hereinbrächte, wenn die Fünfguldensteuer eingeführt würde. Nach einem kurzen Schlußworte des Referenten wurde anf dessen Antrag das Budget mit allen gegen eine (Dr. Marens Spitzer) Stimme en bloc angenommen. Dr. Marcus Spitzer wünschte, daß seine Minoritätsstimme im Protokoll vermerkt werde, Schluß der Sitzung 2 Uhr. Sonntag den 21. d. M. feiert Herr Israel Plaschkes mit seiner Ehegattin Minna, geborene P i s k. beide aus Nikolsburg, das Fest der goldenen Hochzeit. Sind auch diese beiden nicht mit Glücksgütern gesegnet, so muß anerkannt werden, daß sie stets ein harmonisch jüdisch-frommes Eheleben führten. Vier Kinder und eine Schar von Enkeln und Enkelinnen umgeben das Paar. Die Jnbilare sind die Eltern des in Wien bestbekannten Vize-Präsidenten des „Jüdischen Volksvereines'' Herrn Hermann Plaschkes. Gratulationen werden in der Wohnung der Jnbilare, II., Dmwingasse Nr. 2 entgegengenommen. Israelitische Kultusgemeinde Wien. Der vom Kultusvorstande in der öffentlichen Sitzung voui 14. Dezember 1902 festgesetzte Voranschlag der Einnahmen und Atisgabett der Kultusgemeinde, sowie sämtlicher unter der Verwaltung der Killtusgemeinde steheudeu Fonds und Austnlteu für das Verwaltungsjahr 1903 liegt vom heutigen Tage ab durch 14 Tage im Sekretariat der Kultusgemeinde, 1. Bez.. Seiteustettengasse 4, 2. Stock, zur Einsicht der Gemeiudemitglieder anf. Die Gemeindeinitglieder sind gemäß des Paragraphen 90 des Statuts berechtigt, innerhalb dieser Frist Erinnerungen bezüglich des Voranschlages bei dem Kultusvorstande schriftlich zu überreichen, welcher dieselben in Erwägung zu ziehen hat. Der Präsident: H. Klinge r. Dr. Theodor Lieben, Sekretär. Probepredigten im Leopoldstiidter und Stadt-Tempel. Herr Rabbiner Dr. Heinrich Brody hält Freitag den 19. Dezember d. I. bei dem Abeudgottesdienste, der um 4 Uhr 15 Mn. beginnt, im Leopoldstädte Tempel, Tempelgasse, die Predigt, und am Smustag den 20. d. M. bei dem um 3 Uhr nachmittags stattfiudenden Jugendgottesdienste im Stadttempel, 1. Bez., Seitentetterigasse, die Exhorte vor den Mittelschülern. Antisemitismus und Sozialdemokratie. Das „Deutsche Volksblatt" insinuiert uns die Ansicht, das? es in dev Sozialdemokratie keine antisemitische ttnterströmung gebe. Es ist dies nicht die erste Entstcllnng und Fälschung, die sich das „Deutsche Volksblatt" uns gegenüber zuschulden kommen lässt, wir würden daher mit gewohntem Gleichmut sie übergehen, wenn nicht gerade das Verhalten zumal des sozialdemokratischen Hauptorgans in Frage der Hausierer geradezu nach einer Kritik schreien ni»d wieder einmal der Welt allzu deutlich dokumentiercil würde, das? das Schicksal des jüdischen Proletariats der lieben „Arbeiterzeitnng" eigent--! lich „schnuppe" ist. Wir wollen nicht anf die saloppe Hnltnng znrückkommen, die die „Arbeiterzeitnitg" seit Beginn der Beratungen des Hnnsiergeseties eingenommen hat, die wir in der Nummer 48 genügend charakterisiert haben. Wir wollen nur ans der Sonntagsttumtner vom 14. ds. folgende Sätze ans btefem „Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie" zitieren: „Unterhält man sich doch bereits darüber, ob der Reichsrat — znm Zwecke des § 14 — vertagt oder geschlossen werden wird. Tie Schließung hätte die angenehme Folge, das? die Dringlichkeitsanträge verschwinden würden, die u n a n g e n e h in e, daß die jetzt cingebrachten Vorlagen (auch die H a u s i e r h a n d e l s v o r l a g e, die das Herrenhans natürlich nicht ferüg bringen wird, wiederholt werden müssten." Also diesem ehrenwerten Obmann wäre es nicht unangenehm, wenn die Hansiervorlage nicht perfekt würde nnd wenn 15 000 Proletarier eine Galgenfrist erhielten, in der sie sich noch ihr trockenes Brot verdienen könnten. Man greift sich nnwillkürlich an den Kopf und tränt seinen eigenen Ohren nicht. So weit hat die doctrinäre Anbetung politischer Schlagwörter ein Organ gebracht, das damit protzt, aber nur protzt, die Interessen des Proletariats zu vertreten. Wie sticht davon die zärtliche Fürsorge ab, die die „Abeiterzcitung" für dasBttdgetProvisorinm entwickelt. Selbst eiuerGcschäftslirdimngsttndernng würde diese Kaiserliche und Königliche Sozialdemokratie znstimmen. Sie kleiden diese Meinung allerdings in die mhstischen Worte: „Es anders zn machen, wird erst die Möglichkeit kommen, wenn es anders geworden sein wirst." (Nebenbei gesagt eine Probe des Ansterlitz'schen Prophctenstiles.) Und da wundert sich die löbliche „Arbeiterzeitung" im Leitartikel vom 17. ds., das? dasösterr. Proletariat der „Arbeiterzeitung", ihrem sogenannten Zentralorgan, fremd und fremder gegenübersteht. Gelesen wird eigentlich nur die „Bolkstribüne" von S ch u h m e i e r ch e n, der von Zeit zu Zeiten ihr nach Herzenslust antisemitelt. Natürlich mus? diese Nichtachtung des jüdischen Proletariats, wie sie die österreichische sozialdemokratische Presse betreibt, auch unter den Arbeitern böse Früchte tragen. So sagte die Arbeiterführerin Lippa in einer Versammlung der Heimarbeiterinnen nach der „Zeit" voin 15. Dezember wörtlich folgendes: „Die Christlichsozialen sagen, das? sie die Inden treffen wollen. Das ist aber eine Lüge, denn tausend christliche Heimarbeiterinnen werden getroffen." Ja, ist es denn in den Augen der Sozialdemokraten nicht ganz gleichgiltig, ob Juden oder Christen in das Unglück gestürzt werden. Soll das Vorgehen der Christlichsozialen nur darum gebrandmarkt werden, weil durch die Gewerbereform auch Christen in das Unglück gestürzt würden. Wo bleibt denn die vielgeühmte Gleichheit zwischen Juden «nd Christen, die uns die Sozialdemokraten in der. Diskussion mit frommem Angenverdrehen entgcgenschlendern. E i n boykottierter jüdischer K a P e l l m e i st e r. Herr E. S a m e t ist Leiter einer beliebten Musikkapelle. Er selbst bat das Konservatorinm mit Auszeichnung absolviert, war viele Jahre hindurch Mitglied des Orchesters am Theater an der Wien, dann Stndtkapellmeister in Lussinpicolo. Jetzt ist er seit längerer Zeit Hauskapellmeister des Apollosaales in Währing. Der Wirt war mit der Kapelle zufrieden, die Gäste waren auch zufrieden und wir hätten gewis? keine Ursache gehabt, uns mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, wenn — Herr Samct nicht die Unvorsichtigkeit begangen hätte, anlnsrlich der letzten Landtagswahlen sein Wahlrecht zn reklamieren und dadurch die Aufmerksamkeit der christlichsozialen Wahlmachcr anf sich zu lenken. Bei diesen „Recherchen" stellte sich nun die für Samet traurige Tatsache heraus, das? er — Jude ist. Und nun ging die Hetze gegen den früher so beliebten Musiker los. Es organisierte sich ein Boykott gegen Samet, dem es nun wirklich gelungen ist, den Inden Samet brotlos zu machen. Erst jüngst hatten die Schuhmacher den Apollosnal nur unter der Bedingung gemietet, das? ihnen der Jude Samet nichts vorgeigen darf. Sie sind wohl auch bei früheren Anläffen nicht gestolpert, weil ihnen Tarnet musizierte, aber der Jude mus? unschädlich gemacht werden. Die jüdischen Vereine sollten aus dieses Affäre endlich die Lehre ziehen und bei ihren Veranstaltnngen sich! ausschließlich jüdischer Kräfte bedienen. ' Jüdischer Verein jngendlicher Arbeiter, Wien. Sonntag den 21. ds. findet sin Kongretzbureau, 9. Bez., Türkenstraße 9 ein Vortrag des Herrn Josef Meisel statt. Thema: „Juda Makkabi'i Beginn präzise halb 6 Uhr abends. Gäste (auch Damen) willkommen. — Sonntag den 28. Dezember veranstaltet dieser Verein sin Saale des Cafe „Neptun". 20. Bez., Mathildenplatz 7. eine Makkabäerfeier'unter gefälliger Mitwirkung der Herren Richard Großmaim. Mitglied des Jantsch-Theaters. Siegfried Grüner. Mitglied des Carl-Theaters iind anderer hervorragender Knnstkräfte. Die Festrede hält Herr Dr. Max Bernhardt. Beginn der Feier halb acht Uhr abends. Eintrittskarten sind im Vorverkäufe zu 40 Heller erhältlich in der Administration dieses Blattes, im Ersten Wiener jüd. Turnverein, 1. Bez., Mölkerbastei 6, in den Tabaktrafiken 2. Bez-, Taborstraße 3, Stephaniestraße 13, Mathildenplatz 1, in den bekannten Verschleißstellen und bei alleti Ausschuh-- mitgliedern des Vereines. Kinderbekleidung. Der Jüdische Schulverein für den 9. Bez. (Obmann Primarius Dr. Sigmund Kornfeld) und der Itotzauer Geselligkeitsvereiu (Provis. Obmann Realitätenbesttzer. Josef Steiner) werden gemeinsam am 24. ds., 7 Uhr abends, eine Anzahl armer Kinder bekleiden. Ort: Restaurant Wendlinger, 9. Bez., Seegasse Nr. 7. Gäste wUlkommen. Spenden unter Adresse Josef Steiner, 9. Bez., Seegasse 7, erbeten. Der Frauenverein „Krankenpflege" veranstaltet am 3. Januaü 1903 im Festsaale des Hotels Contineiital einen Wohltätigkeitsabend mit Vorträgen und darauffolgender Tanzunterhaltung. Karten sind erhältlich bei der Vereinspräsidentin Frau Dr. Blech, 2. Bez., Rembrandtstrahe 22. ferner bei der Vereinskassicrm Frau Amalie Schächter. 2. Bez., Negerlegasse 8. und bei Frau Dr. Carl L i f c z i s, 2. Bez., Rembrandtstrahe 28, sowie rm Cafe „A ugartenb r ü ck e", 2. Bez., Obere Donaustratze 47 nnd an» Festabend selbst an der Kassa. Karten im Vorverkauf K. 1.40, an der Kassa K. 2.—.