Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 19. Dezember 1902 Nr. 51 tv i fe. Herr Arthur von Mise s, der zu Dr. Brande tu nahen verwandtschaftlichen Beziehungen steht, mutz mit einer bedenklichen Kurzsichtigkeit geschlagen sein, wenn er nicht sieht, was um ihn herum vorgeht, und Dr. Brande vom Abhalten der Probepredrgt nicht abgeraten hat. Er hätte ihm sagen müssen, datz man, um m Wien anzukommen, schon zwei Jahre vorher eine Vortragsturnee antreten mutz, wie andere grotze Schauspieler, das; man dann zwei Jahre hindurch intrigieren, da drohen, dort bitten mutz. Vielleicht haben ihm die Vorgänge in der nach dem Gottesdienst stattgefundenen „vertraulichen (lucus a non lucendo) Beratung denn doch die Augen geöffnet. Gegen die Predigt selbst läßt sich höchstens die Tatsache einwenden, das; in Dr. Brande auf der Kanzel, in Unkenntnis des Publikums, der Philosoph die Oberhand getvann und das; er, wahrscheinlich ans demselben Grunde, gar zu oft zu Fremdwörtern Zuflucht nahm, wo er auch mit der deutschen Sprache sein Auslangen hätte finden können. Wir hätten es viel lieber gesehen, das; er seine Waffen mehr aus der bei ihm bekanntlich reichhaltigen Rüstkammer talmudisehen und midraschischen Wissens geholt hätte, als dies der Fall twu‘. Er ist — wie Rektor Schwarz sehr richtig bemerkte — ein noch junger, aber guter Most. Dies alles geschah in offener Szene. Nun kam aber die Arbeit hinter den Kulissen. Die Experten versammelten sich in einem Saale des Gemeindehauses in der Tempelgasse» um zu „beraten". Dr. Josef Samuel Bloch war auch anwesend. Wir fragen nun sine ira et studio, unter welchcin Titel Dr. Bloch in der Sitzung, zu ivclchcr besondere Einlatzkarten ausgegebcn wurden, anwesend tvar? War er als Experte da, so verwahren wir uns entschieden dagegen, das; der Schwiegervater oder irgend ein anderer Verivandtcr eines Kandidaten als Experte fungiere, das ist inkompatibel, unmoralisch: erhielt aber Dr. Bloch als Redakteur seine Einlatzkartc, so bestehen wir darauf, datz nicht nur das Regierungsorgan» sondern auch die Redaktionen anderer jüdischer Blätter zu diesen Beratungen geladen Iverdeu. lieber bcn Verlauf der Beratung sollte maii eigentlich schweigen; denn es war geradezu widerlich, zu scheu, ivie die getreuen Knappeil des Kulissenschiebers, mit Dr. Maccell Ho ff manu an der Spitze, ihre Expcrteufunktion ausübten, und anzuhören, wie sie von Unwissenheit strotzende Reden hielten nach — Hamburg. Die ganze Mache war so, so . . . doch schweigen wir lieber. 2. Die erste Sitzung nach dem Siege der Ehilul-Hasemiteu. Eine eigentümliche, gedriicktc Atmosphäre herrschte am letzten Sonntag in der Ratsstube tu der Seitenstettengasse, man fühlte sich so ungemütlich, sogar die jovialen leutseligen Gesichter der Ahuenbildcr an/ den Wänden schienen düsterer geworden zu sein; sie blicken nicht auf ihre Enkel herab, denn diese sind schon alle wcggetauft und sind nicht anwesend, aber sie scheinen aus ihre kleinen Epigonen wehmütigen Blickes herabzuschanen und sagen zu wollen: das ist keine Siegesstimmung, die da unten herrscht, lind in der Dar, die Herren Offiziellen können ihres Sieges nicht froh werden. Der alte, gcwitz ehrenwerte Präsident, Kais. Rat Klinger, lies; ivährend der ganzen Sitzung den Kopf hängen, als traute er sich nicht, die Bilder seiner Vorgänger anzuschauen; er mochte sich dabei gedacht haben: Ihr hattet es besser, ihr hattet keinen Wählkampf, ihr wurdet nicht gezwungen, eure Visitkarteu an ungefähr 14 000 euch unbekannte Leute zu schicken und sie zur Wahl zu haranguicren, ich möchte diese Tat auch gerne ungeschehen machen. Und das Resultat: eiix erzwungener Sieg nach mißen, und nach innen hat sich nichts geändert, die Einigkeit in der Gemeinde ist nicht hergcstellt, die Differenzen werden immer schärfer und „ich rufe Frieden, Frieden, und es ist doch kein Friede". Die zwei neugewählten Vorstandsmitglieder waren in der Sitzung nicht anwesend. Die Sitzung selbst bot das Bild des Kampfes zwischen dein unbewussten Radikalismus und dem alten Chilulhasemitismus, jenem alten, bis zur Krankhaftigkeit gesteigerten Chilülhasemitismus, jener zur Manie gewordenen Scheu vor der Ocffentlichkeit, die nicht mehr vor dem wirklichen Feinde allein in Angst lebt, sondern sogar vor seinen eigenen Brüdern. Das Verkriechen hinter den Chilulhaschem hat dem Judentum in allen Zeiten mehr geschadet als der Antisemitismus. Ein Vorstandsmitglied machte die Bemerkung, datz wir heute „zum Fenster hinaussprechcn" und erlaubte sich an mancher Einrichtung der Gemeinde Kritik zu üben; ja sogar Unbedinge, ivie Vizepräsident Dr. Ster n, Ritter v. G o l d s ch m i d t usw. hatten manches auszusetzen, da bemächtigte sich der Höheroffizicllen eine Nervosität, die sich dann in einem Wutausbruche des Ritters v. T a u s s i g Luft machte. Und da mutzten sich die Herren Redner eine, sagen wir unsanfte, Lektion seitens des Herrn v. Taussig gefallen lassen, der ihnen vorwarf, datz sie „n t ch t durchdachte Anregungen geben, vage Kritik üben, u n a u s g e r e i f t e Schlagworte zum Fenster hinansschleudern, die Vorstandssitzungen zu einer Wählerve rsa mm l u n g herabwürdigen" und dergleichen Komplimente mehr. Natürlich bekamen auch die nationalen Parteien einen Seitenhieb, indem der edle Ritter bitter darüber klagte, datz die oben gekennzeichneten Anregungen und Kritiken mir Wasser auf die Mühle„unserer Schädiger" sei. Die Angst vor der Öffentlichkeit und einer rückhaltlosen Kritik verleitete die Majorität des Vorstandes zur En-bloc-Aunahme des gesamten Budgets. Wir werden noch auf das Budget zurückkonuncn. Was ist denn eigentlich geschehen, datz die Herren Knltusrätc so nervös geworden? Nichts anderes, als datz bei der Sitzurrg der Vertreter eines oppositionellen Blattes erschien und dadurch die sogenannte öffentliche Sitzung zu einer wirklich öffentlichen machte, deshalb mutzte eine Spezialdebatte hintertrieben Iverdeu, deshalb die große Aufregung des Herrn Ritter von Taussig und seiner Gleichgesinnten. Aber wir werden uns nicht cinschüchtern lassen. Wir kämpfen für das jüdische Volk, ebenso gegen die Antisemiten, wie die nicht minder zu bekämpfenden Chilulhasemiten. Wir lasten hier den Sitzungsbericht folgen: Präsident kais. Rat Klinger eröffnet die Sitzung und konstatiert die Beschlutzfähigkeit. Unter den Einläufen befinden sich die Erklärungen der wieder- und ueugewählten Vorstandsmitglieder, datz sie die Wahl annehmeu. Hierauf wurden die durch die Kurie der Höherbesteuerteu gewählten Vorstandsmitglieder nach 8 17 der Wahlordnung agnosziert. In das Kuratorium der Rothschild'schcn Künstlerstiftung Iverdeu die Herren Dr. Alfred Stern und Architekt Max Fleischer für die Periode 1902 bis 1005, Iviedergewählt. Hierauf verliest Herr Arthur von Mises dcil Bericht über Aufnahmen in die Versorgungsanstalt. Der Bericht Ivendet sich gegen das Gerücht, das; bei der Aufnahme in die Versorguugsaustalt Protektion geübt werde. Von den vielen Petenten konnten nur 18 berücksichtigt Iverdeu. 22 Petenten wurde die Zusage gemacht, das; sie nach Matzgabe der freigctvordcnen Stellen Aufnahme finden Iverdeu. Seit 1800 wurden 550 Personen ausgenommen, der heutige Stand ist 220, die übriaen lins teils gestorben, teils aus der Anstalt ausgetreten. Demnächst wird muh der erste Stock eingerichtet und belegt Iverdeu. Der Bericht wird zur Kenntnis genommen, dem Referenten Dank votiert. Hierauf Ivurde das Budget pro 1008 in Beratung gezogen. Der Vorsitzende regt an, gleich in die Spezialdebatte eiuzutreteu; die Majorität entschließt sich für eine Generaldebatte. Nach dem Referate des Herrn kais. Rat H i r s ch spricht Dr. Alfred Ster n über die Wohltätigkeitsaktion des Vorstandes und kommt zu den: Schlüsse, datz die Gemeinde, an der Grenze desjenigen angelangt, was sie zu leisten verpflichtet ist. Er wünscht, das; man mit dem Thesaurieren der unbenützt liegenden Stiftungsgclder für das Mannheimer'sche Kindcrspital, Knabenwaisenhaus, Asyl für Verkrüppelte usw. aufhvrc und irgend etwas schaffe. Dr. Markus S p i tz e r ist mit der Art der Budgetierung nicht einverstanden. Die Steuergelder figurieren zuschutzspendend. Nach diese Methode müsste der ileberschutz bei dem Posten „Friedhof" ausschlietzlich für Zwecke des Friedhofes verwendet werden. Er gibt verschiedene Anregungen zur Vermehrung der Bethäuser, zur Verbesserung des Religionsunterrichtes, wünscht, datz eine Mik- Ivah hergcstellt werde, welche die Leute nicht von ihrer Benützung abschreckt, die Predigt müsse ein integrierender Teil des Gottesdienstes werden. Es mühten Lehrerseminarien errichtet werden, da der Religiouslchrerkurs am Rabbiuerseminar am Ende des laufenden Schuljahres eingestellt wird. Er regt auch die Gründung einer Toyubce-Halle durch den Vorstand an und wünscht schließlich, daß die Bibliothek erweitert und mit einer Lesehalle versehen Ivcrdc. Bezüglich der Stcuerrepartierung wünscht er eine gerechtere Steueraufteiluug. Auch gegen das heutige Vorgehen bei den Beerdigungen erhebt der Redner Einwendungen, die in dem Satze ausklingen: Kann man die Beerdigungszccemouie der Reichen nicht derjenigen der Armen gleich machen, so sollte mau doch trachten, die Aeutzerlichteiten bei Beerdigungen von Armen denjenigen bei Beerdigungen der Reichen uäherzubriugeu. Hermann E l t b o g e n wendet sich zunächst gegen die oft deplacierte Sparsamkeit des Vorstandes. Es wird im Budget ein Fehlbetrag ausgeivicsen, der aber nur fiktiv ist, da unter den Ausgaben Posten figurieren, die jährlich wiederkehren, aber nie ausgegeben werden. Für den Wahlkataster figurieren 10 000 Kronen im Ausgabcetat, aber der Kataster wird nie fertig. Er weist darauf hin, das; in der Leopoldstadt 0000 jüdische Landtagswähler sind, während wir in diesem Stadtteile nur 3000 Die „ruthenische Gefahr" nimmt all ihr Denken und Sinnen in Anspruch! Ja, die schönen Zeiten sind vorüber, wo der Polenklub als Anwalt der Interessen der Schlacht« das jüdische, ruthenische und polnische Volk Galiziens gleichmäßig beherrschen und ausbeuten sowie überdies noch im österreichischen Parlamente kommandieren konnte und ausschlaggebend war. Es geht bergab mit dem Einflüsse des Polenklubs in- und außerhalb Galiziens. Besonders in Ostgalizien gährt es gewaltig unter den Ruthenen und der „Dilo" kündet den rücksichtslosesten Kampf gegen den polnischen Einfluß in Ostgalizien in nationaler und wirtschaftlicher Hinsicht an. Die politische und soziale Haltung des Polenklubs — jetzt, anläßlich der Erdrosselung der Hausierer, zeigt es sich neuerlich — ist keineswegs darnach angetan, die Juden zu Parteinahme für die polnischen Hegemonen zu veranlassen. Wir wenigstens von unserem national-autonomistischen Standpunkte glauben, es ist die Pflicht der volkstreuen Juden Galiziens, Schulter an Schulter mit den Rutbenen für die nationale und soziale Befreiung beider Völker von dem Joche der polnischen Schlachta einzutreten, vorvusgesetzt, daß die Ruthenen ehrlich eine Verständigung aus dem Boden der nationalen Gleichberechtigung wollen. Aus der Wiener Kultnsgemcindc. 1. Die erste Probepredigt. Am 12. ds. beim Freitag-Abend-Gottesdienst im Lcopoldstädter Tempel wurde bei nuSverkauften Plätzen die erste Szene der Komödie „Rabbinertvahl" programmgemäß aufgeführt. Wer noch zweifeln konnte, daß die ganze Rabbincrwahlgeschichte nichts als eine sehr ungeschickt inszenierte Komödie ist, in welcher für die Steuerträger und jeden ernstdenkenden Juden allerdings mehr Anlatz znm Weinen als zum Lachen gibt, dem müßten, falls er nicht ein verstocktes Mitglied irgendeiner Clique ist, am letzten Freitag alle seine Zweifel vollständig schwinden. Schon beim Eintritt in den Tempel überkam einen ein ungeahntes Gefühl: Grotze, weithin sichtbare Zettel, mit der Aufschrift „Reservierte Plätze" schienen das alte demokratisch-jüdische Prinzip der Gleichheit aller Juden im Gotteshansc verhöhnen zu wollen. Diese rescrvierren Plätze waren das Parkett, in welchem nur die Herren „Experten" Platz nehmen durften; auch die Logen rechts und links voll der Bnndeslade waren vollständig besetzt. Wir sahen da Herren aus dem Vorstände, die sonst nie in den Tempel gehen, die sonst ein Theater oder ein Konzert dem Gotresdienste verziehen. Diesmal allerdings war ja der Tempel auch ein Theater und es gab eine Premiere. Nachdem Obcrkantor Bauer den gesanglichen Teil mit gewohnter Verve — Ivie der übliche elend schlechte Ausdruck lautet — exekutiert hatte, bestieg das erste Opfer jener bon uns schon besprochenen Intrige, Herr Dr. Brande, derzeit Rabbiner in Stanislau, die Bühne, pardon, die Kanzel. Dr. Brande ist eine achtunggebietende Persönlichkeit. Seine philosophischen Arbeite'.: haben ihm in der Gelehrtenwelt eine geachtete Position verswaffr. In seiner Gemeinde ist er beliebt urrd geschätzt; als guter; moderner Jude erfüllt er in Stnislau eine Ivichtigc Mission. Und diesen Mann hat man aus seiner segensreichen Tätigkeit hcransgerissen, ihn glauben machen, daß er Hoffnung auf den vakanten Posten habe, obgleich man wußte, daß er nicht der T i p der Majoritätsclique im Vorstände ist, mit einem Worte: man hat ihn, tvie so viele andere z u m S t a t i st e n zugunsten anderer heute schon fixierter Kandid a t e n mißbraucht. Das i st, w i r möchten beinahe sagen, ein st r ä f l i ch e s V e r f a h r e n; vom moralischen n n d demnach jüdischen Standpunkte g e - Ueberall brennt das Zeichen des Schmerzes, mag noch aus alten Tagen ein verlorener Klang an ihn mahnen, mag die Sehnsucht ihn aus der Gegenwart bannen wollen oder mag sie nach ihm rufen, wie der Dürstende, der in toller Glut den eigenen Leib schlägt, um Blut zu trinken vom Ouell des eigenen Schmerzes: So krönt sie sich auch im „Ahasver": „ . . . Du sollst in diesen Maiennächten Dein altes, ew'ges Leid vergessen. Ich will die Dornen von dir nehmen Und sie in meine Locken flechten Und sie in meine Schläfen Pressen . . . Wie Rosen meine Wunden glühn, Und lächelnd will ich dran verbluten; Tenn du wirst mich erlöst umfangen Und still in deine Arme zichn, Erlöst durch meiner Liebe Gluten." Eine wilde, qualendurstige Lebensgier ruft aus ihren Sängen, sie flieht nicht den Schmerz des Ringens und will nicht weiße Blüten, die eine zarte Liebe an die Stirn drückt, sie schreit nach Sonne, denn Sonne brennt nnd sie will das Leben am Leibe fühlen: „ . . . Und er küsst und küsst — und küßt. . . Seine roten, lechzenden Strahlenküsse Brennen auf meiner jungfräulichen Brust Wie ein höllisches Feuermal ..." - (8. Teil, Narzissen: „Sonne".) Hat sie darum das Bolk des Leides so lieb gewonnen? Und dann ist es anders geworden, es ist, als sei ihr Ruhe gekommen, als ihr von ferne die Tore Zions leuchteten und ihr den tiefsten Gruß ans der Seele lockten, den ihr erstes Lied „In den Toren Zions" singt: „Dein Volk ist mein Volk.": „ . . . Mit deinem Bolk verband ich mein Geschick, Aus seiner Sehnsucht sang ich meine Lieder, Und was dein Volk bewegt an Schmerz und Glück, Klingt frühlingsstark in meiner Seele wider ..." Nur noch ahnbar zittern die wilden Laute der „Leidensreichen" in diesen Sängen: „Schaare Zion" nach, als sei der Kampf vorüber und der Mensch gereinigt, auf daß sein Lied rein sei. Das wird jedem ausfallen, der die Verse gut liest. — Und da wird sie auch am besten, wenn sie alles Leid von sich geworfen hat und an die Zukunft glaubt, an eine lichte, große Zukunft, an den großen „Sabbat" und den letzte» „Passah", der allen Schmerz von der Erde nimmt. Nun hat sie keine Dornen mehr im Haar (der „Ahasver" gehört nicht in diesen Teil), und weißer Jasmin blüht an ihren Schläfen und gibt süßen Duft, der berauscht und die Sehergabe leiht: Und sie wird sehend und sieht lichte Tage, und ihr Lied wird licht wie ihre Seele: „ . . . Dn richtest auch dein Heiligtum In Juda auf zur rechten Zeit Und läßt aus Trümmern neu ersteh'»: Den Tempel deiner Herrlichkeit. Dann werden alle, die du kennst Und welche deinem Namen dienen, Wie Zedern auf dem Libanon Im Borhof deines Tempels grünen. Sic breiten ihre Zweige aus, Und werden blüh'n und fruchtbar sein. In ihren klaren Augen strahlt Vom ew'gen Licht ein Widerschein. Und daß sie auf der reinen Stirn Der Auserwählung Zeichen tragen, Das ist ihr seligster Gewinn In frohen und in dunklen Tagen." („Schaare Zion", Psalm 92.) Und dann das Gesicht im „Psalm 128": „O, du wirst überselig sein, An Freuden reich und reich an Segen. Es geht ein Licht von Zion aus, Und strahlt auf allen deinen Wegen. In deinem Hause aber wohnt Ein Glück, das leuchtend ist und groß, Das glänzt aus deines Weibes Blick Und sprosst aus deines Weibes Schoß ..." Sie wird rein von aller Hast des Tages und aller Gier der Brust und dann hört sie „Die Harfe Davids" tönen: „ ... Da wachten ernst und lieblich auf, Die alten trauten Judenlieder, Nnd die wir lange nicht gespielt, Die Harfe Davids tönte wieder. Ein sieghaft gold'ner Morgen kam, Und Sonnenglut und Herrlichkeit . . ." Ueberall wird Friede, und die roten Wunden, die ihren Leib zieren, weichen friedereichcm Schmuck: „Von Bhssus ist dein Leib umwallt, Und schlanke, gold'nc Lilien träumen Um deine liebliche Gestalt, Auf deines Mantels Purpursäumen. Du bist geschmückt mit Gold nnd Ringen Gleich einem Turm von Elfenbein, Dein Reden ist wie Harfenklingen» ' Dein Kuß wie feurig edler Wein. Die weißen Lichter leise knistern, Von draußen dringt kein einz'ger Laut ... Horch ans mein liebeselig Flüstern, Du, meine Schwester, meine Braut. ' O Hanjah! ich war müd nnd krank, Mein Herz war todeömatt un8 trübe ' Und ist nun voller Licht und Klang Und reich an Glück durch deine Liebe. Dank sei dem Herrn, ja Dank sei Ihm, Der dich, o Hanjah, auöersah, Du Jungfrau vom Stamm Ephraim, Lehadlik ner schel chanukah . . ." („Schaare Zion", „Chanukah".^' Die Dolorosa ist eine andere geworden „in den Toren ZionS". Sie hat ihren Wert gefunden und ihren Sang, nnd ihr Lied wird sein von einer Kraft des Wortes, wie nie zuvor. Diese klare Schönheit der Form ist eine seltene Gabe, die sie mit Größeren teilt. Und gerade in den jüdischen Liedern kann sie diese Gabe voll nützen, weil der reine Stoff nach einer reiner: Form verlangt. So haben wir ihr die Liebe zu unserem Stamm, ohne zu wollen, gelohnt, und sie darf mit einigem Rechte von uns sagen: „ . . . O Hanjah, ich war müd und krank, Mein Herz war todesmatt und trübe Und ist nun voller Licht und Klang Und reich an Glück durch deine Liebe ..." :! : .