Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wolf anbiedert, als ob er und seine Fraktion und die „Ostdeutsche Rundschau" aufgehört hätten, die r a d i k a l st e n — Rassenantisemiten zu sein. Und diese Anbiederung geht von jenen aus, die uns als Kapitalverbrechen es anrechnen, daß zeitweise das „Deutsche Volksblatt" oder die „Deutsche Zeitung" das „Jüdische Volksblatt" — gewöhnlich verstümmelt — zitieren. Für gewisse „freiheitliche" und „fortschrittliche" Kreise existiert eben nur eine Art des Antisemitismus, der christlich-soziale und eine Schattierung der „Reaktion", die christlich-soziale und feudal-klerikale. Den weit gefährlicheren Raffen-Antisemitismus der Alldeutschen, Ostdeutschen und Deutschvolklichen ignorieren die assimilatorischen Wortführer des Judentums und ihre Presse mit einer gewissen Hartnäckigkeit und sie übersehen mit einer bedauernswerten Kurzsichtigkeit die Wahrheit des Satzes, daß keine Tyrannei und Reaktion schlimmer ist als die, welche unter der MaZke der Freiheit sich verbirgt. * Alle diese Jrrtümer des assimilatorischen Judentums und der verbündeten antiklerikalen Mischmasch-Koalition in nationaler und sozialer Hinsicht halte in den letzten Jahren deutlich ein Mann erkannt, der leider durch den Tod uns nur zu früh geraubt wurde, einer der besten Männer, die Oesterreich besaß, einer der wärmsten Freunde der Juden: Gundaccar Freiherr vonSuttner. Gundaccar Suttner, den die Wiener Tagespresse als „liberalen" Aristrokraten, als Präsidenten des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" abtut, war in dem üblichen Sinne des Wortes schon längst kein Anhänger der „Liberalen" mehr; er teilte ihre Anschauungen weder in der nationalen, noch in der Judensrage, noch bezüglich des sozialen Problems. Er, der Präsident des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus", hatte in den letzten Jahren sich von den Anschauungen des assimilatorischen Schutzjudentums emanzipiert und war ein warmer Freund der nationaljüdischen Bewegung geworden. Baron Suttner las mit großem Interesse das »Jüdische Volksblatt" und billigte seine nationalen, sozialen und österreichischen Tendenzen. Gleich uns war er ein Anhänger der nationalen Autonomie und von der Ueberzeugung durchdrungen, daß endlich einmal auf nationalautonomistischer Grundlage ein Generalausgleich zwischen allen Völkern des Donaureiches zustande kommen müsse, als oberste Voraussetzung jedes politischen und sozialen Fortschrittes in Oesterreich, als eine der Vorbedingungen des Niederganges des Rassen-Antisemitismus, welcher aus den Nationalitätenhetzen immer neue Nahrung empfängt. Gegenüber dem ökonomischen Antisemitismus hielt er radikale wirtschaftliche Reformen für das beste Rezept. Baron Gundaccar Suttner hatte sich immer mehr zum Sozialisten entwickelt. Allein sein Sozialismus war nicht der der marxistischen Sozialdemokratie, sondern er war ein Sozialist im Sinne E g i d y s und Tolstois. Gundaccar S ut tn e r glaubte wohl an die Zukunft des Sozialismus, aber nicht an die der offiziellen Sozialdemokratie. So beschaffen war das politische Glaubensbekenntnis des Mannes der Friedens-Bertha. Friede zwischen allen Völkern der Erde; aber vor allem Friede zwischen allen Oesterreichern in einem auf Grund der nationalen Autonomie und sozialen Gerechtigkeit reorganisierten Neuösterreich, erstrebte er bis zum letzten Atemzuge. Nun müssen wir von ihm Abschied nehmen. Die national-sozialen Juden werden ihm stets ein freundliches Andenken bewahren. Der Tod solcher Männer, solcher Individualitäten, wirkt umso schmerzlicher, wenn man das öffentliche Leben in Oesterreich und die Qualität und die „Tätigkeit" unserer „Volks"-Vertreter sich genauer betrachtet. Es ist ein wahrer Jammer! Knapp vor Torschluß des Parlamentes,. vor fast leerem Hause, wird die Hausiervorlage durchgepeitscht und als Wühnachtsbescherung werden Tausende jüdischer Hausierer und ihrer Standesgenossen anderer Nationalitäten brotlos gemacht. Während aber slovenische nnd kroatische Abgeordnete sich wacker ihrer Volksgenossen annehmen, schweigen die meisten Mandatare der jüdischen Wählerschaft. Speziell der Polenklub macht so, als ob er keine jüdische Wählerschaft hätte und als ob niemand in Galizien durch die Maßnahmen gegen den Hausierhandel getroffen würde. Insbesondere das Stillschweigen des Abgeordneten Dr. Byk ist einfach unqualifizierbar. Stellt Brody etwa kein ansehnliches Kontingent von Hausierern, welche in ihrem Lebensnerv getroffen werden durch diese angeblich im gewerblichen Interesse inaugurierten Gesetzvorlage gegen die Hausierer? Aber Herr Dr. Byk und der Polenklub haben andere Sorgen! Politische Fragmente. Ueber zwei Monate war die österreichische „Volksvertretung" versammelt — (morgen gehen die Herren bereits auf Ferien) und was ist das Resultat ihrer „Tätigkeit"? Wie gewöhnlich Null! Alle die sogenannten Reichs- und Volksbedürfniffe wurden von den Parlamentariern ignoriert und harren während der Parlamentsferien der Erledigung durch den § 14. Da müssen denn doch die begeistertsten Lobredner des Parlamentarismus zugestehen, der Unterschied zwischen dem gegenwärtigen Scheinparlament und — keinem Parlament ist für die Oesterreicher, zumal für die Juden Oesterreichs, kein allzu großer. Jede Tagung der verschiedenen Vertretungskörper dieses Reiches beweist immer von neuem, wie unmöglich es ist, auf Grundlage der dualistischen Dezember-Verfassung die Bevölkerung des Donaureiches dies- und jenseits der Leitha, sei es in nationaler, sei es in wirtschaftlicher Hinsicht zu befriedigen. Speziell das österreichische Abgeordnetenhaus ist im besten Falle eine Budgetbewilligungs-Maschine; in der Aera der Obstruktion war sie nicht einmal das. Und sind die ewigen Dringlichkeits-Anträge — speziell der Jungtschechen — nicht neuerlich eine Obstruktion? Und die Alldeutschen sind ja auch jeden Moment am Sprunge, ebenfalls zur Obstruktion überzugehen. Allerdings wäre der Prozeß Schalk-Wolf geeignet gewesen, die Wählerschaft Deutsch-Oesterreichs über die Beschaffenheit beider Fraktionen der alldeutschen Partei aufzuklären. Ab?r leider ist die österreichische Wählerschaft im allgemeinen und die deutsche und jüdische ganz besonders mit politischer Blindheit geschlagen, sonst hätte sie die derzeitigen Volks—zertreter sammt und sonders und vor allem die alldeutschen zum Teufel gejagt. Statt dessen läßt sie sich von jener Preffe am Narrenseile herumführen, die ihr neuerlich K. H. Wolf als „nationalen Heros" vorführt. Vorläufig ist diesem allerdings eine — Erholungsreise nach Südtirol wichtiger, als die Inangriffnahme der Bildung der großen — alldeutschen Volkspartei der — Zukunft. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich wieder der bekannte Stumpfsinn der sogenannten »liberalen", »fortschrittlichen" Judenpresse, die als würdiges Sprachrohr der assimitato- Feuilleton. Das goldene Kalb. Und Mosche kam nicht. Spitzer Zweifel drang in ihre Knechteseelen tief und tief und jeder Jammer der im Volke schlief erhob sein schmutzig Haupt. Den Schrei bezwang Die Furcht noch, daß sie harrten stumm und bang. Da plötzlich einer aus der Menge rief: „Wo ist er? Wo?" und wilder Aufruhr lief mit geilem Munde das Gezelt entlang. Und Aaron sah eS und sein Herz ward schwer, »Dies also ist'S, das du dir auSerwählt!" Dann sprach er laut: „Bringt eure Schätze her." Die Spangen, Ringe, alles . . . ungezählt, wie ihr's dem Mizri lüstern nahmt, bringt her draus bild' ich euch de» Gott, der euch gefehlt. Wien. Ig » atz Koh». Dolorosa. Von M a x Eisler. Ich habe unlängst in einem großen Bilderwerke unserer Bibel geblättert nnd gelesen und habe Dinge gesehen» die voll Kraft nnd Schönheit waren. Daö sind Arbeiten aus der Hand bedeutsamer Männer, deren Namen oft genannt werden und dann immer mit jenem tieferen Ausdruck, den wir unbewußt für die Autorität finden. Ich habe da viel Schönes gesehen und mich wirklich daran gefreut, doch nicht anders als bei alter Kunst, deren Wahrheit ergreift. Das war aber sicher ein Gebrechen in der Wirkungsart dieser Arbeiten: sie find mir fremd geblieben, und das durften sie nicht sein, weil sie eine Menge innerer Töne, die immer bereit znm Mitklingen in mir liegen, hätten erregen sollen. Diese Bilder ans dein alten Buche sind uns so nah, so tief wesentlich verwandt, daß wir rein instinktiv ihren Wert prüfen, die Aehnlichkeit und Verwandtschaft mit ihren Urbildern in uns erFcimcn. Und wenn der Künstler das vollbringt, was wir vermöge unserer ganzen Anlage, unserer Rassenzugehörigkeit von ihm fordern muffen, dann finden wir willenlos daö Urteil: das ist echte, das ist jüdische Kunst. Bei jenem Werke konnte es nicht so kommen: die Künstler waren keine Inden. Die künstlerische Teilnahme rnffenfremder Leute an unseren Kunstwerken ist eine sehr, sehr alte. Man wird aber da streng sondern muffen zwischen einer bloßen Nutzung unserer Stoffe nnd einer inneren Verbindung Raffenfremder mit uns selbst. Natürlich führt diese Wahlverwandtschaft bei schöpferisch Begabten zu einer Nutzung unserer Stoffe oder noch viel eher unserer inneren Werte. Von jener Art sind fast alle Werke schreibender und bildender Kunst, die sich an das Wort der Schrift lehnen; das geschieht aber meist ohne tiefere Teilnahme an unö selbst, lediglich des Stoffes wegen, der ja durch die Gründung der beiden mvnotheistischen Religionen, äußerlich seines streng nationalenWertes beraubt, in ein universales Gut gewandelt ward. Durch diesen Akt wurden aber die Gestalten der Schrift von ihrem ersten Zusammenhänge gelöst und il>re uationalen Züge verloren sich in den tausendfachen Umarbeitungen von romanischer nnd germanischer Hand, die sich auf lateinischer und zum Teil schon orientalischer Grundlage nnfbanten. Nur nach solchen Gedanken kann man an das Beschatten jenes Bildwerkes treten; man wird dann im voraus keine jüdische Kunst dort suchen und sich die Enttänschnng ersparen. Von der zweiten seltenen Art sind jene Werke, die aus den Händen tief fühlender Künstler gediehen, deren reiche psychische Anlage eine engere Verbindung mit uns und erst d u r ch u n 8 mit unseren Stoffen knüpfte. Und wenn sie auch nie jüdische Kunst geben können, so werden wir doch immer untrüglich in Schrift nnd Bild den Wunsch ihrer Liebe zu uns erkennen. Scheiden wir scharf: Eine Gattung Leute, die in allen Straßen des Lebens nach Kunststoffen suchen und sie auch bei uns finden, nnd dann wieder eine Art Menschen, die uns lieben und aus echter Liebe zu uns unsere Knnstwerte nützen. Natürlich mnß dann das zweite Werk viel tiefer auf uns wirken; denn die Ersten stehen außer ihm, die Zweiten nehmen es aus sich selbst, ans der Liebe oder wenigstens aus dem Verständnis für uns. Byron hat so seine „hebräischen Melodien" gesungen, Hebbel so seine „Judith", Ludwig seine „Makkabäer" geschrieben. Und nnsere Zeit mit ihrer nationalen Wiedergeburt hat kühn und stark an zwei Dichterherzen gegriffen und sie zum Siugeu gebracht: Münchhausen und die Dolorosa. Da ist in voriger Woche ein Büchlein erschienen nnd nennt sich: „Eonsirmo te chrhsmate", nnd drüber steht: „Dolorosa". Hat sie den Namen mit Bedacht gewählt? Fast scheint es so: Ans der Vanddecke gibt's einen kleinen Liebesbengel mit schwarzen Haaren und in der linken Hand hat er eine Peitsche, in der rechten einen Pfeil, an dern zwei Herze» bluten. Durch die Blätter summt es so trübe, niemals ein helles Lachen, wie's die Buben ans der Straße tun oder die Mädels im Grünen oder wie der Frühling, der jetzt draußen rote Blüten gibt und ein Lied singt . . . Auch das Glück ist so traurig, immer feierlich, immer qualvoll und mit roten Wunden, die wie Rosen glühn und wie Sonnenpfeile stechen, und über allem liegt „das alte Lied": „ . . . Die roten Rosen find längst verdorrt, Der Wind trieb die welken Blätter fort. Wim horch ich abends, krank und müd' Auf das alte, traurige Lied; Um mich flattert das trübe Abendrot Und durch meine kranke Seele zieht Das Lied — — vom Tod — —"