Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Jüdisches Voiksblatt 12. Dezember 1902 Nr. 50 Wien, Freitag Don allen Mitgliedern des Ansschusses stimmten nur zwei, Obcrturnlchrer Haeublein, Vertreter des 12. Turnkreises (Bayern) Und Profesior Boctbkc, Vertreter des 1. Turnkreises (Ost- und Westprcußen) gegen diese Anerkennung des Antisemitismus. Der Ausschuß und vor allem sein Führer, Dr. Goch, glaubten damit um die gefährliche Klippe herumgekommen zu sein und es beiden Teilen recht gemacht zu haben. Aber während sich die 44 Vereine, oder, wie sie sich gemeinsam nannten, „der Verband der Deutschfreiheitlichen Turnvereine", ihre unwürdige Behandlung ruhig gefallen ließen, waren die „reinen" Arier höchst unzufrieden. Ihre Führer, Professor Hirth in Zwittau und Kietzlieb in Prag begannen, obwohl selbst als Kreisvertreter Mitglieder des Ausschusses der „Deutschen Turncrschaft", gegen diese und vor allem gegen Dr. Goetz einen scharfen Feldzug. Herr Dr. Goetz wurde seiner Eigenschaft als Ehrenmitglied der „Grazer Turnerschaft" enthoben, wahrscheinlich, weil er dem in diesem Vereine herrschenden urgermanischen Herrn Podpeschnigg nicht deutsch oder arisch genug dachte. Andererseits ging der Ausschuß der „Deutschen Turnerschaft" mit den österreichischen Herren scharf ins Gerichts In seiner letzten Sitzung in Nürnberg wurden „mit Entrüstung" die Anklagen gegen Dr. Goetz zurückgcwicsen. Wie wenig aber dem Ausschuß an der Wahrung der Interessen seiner jüdischen Mitglieder liegt, ersieht man mrs dem Beschluß: Es solle beim nächsten Deutschen Turntage eine Aenderung des Grundgesetzes beantragt werden, dahingehend, daß die endgiltige Entscheidung über die Aufnahme und den Ausschluß von Vereinen dem Ausschüsse der „Deutschen Turnerschaft" übertragen werde. Damit ist natürlich die Zwittersiellung der 44 aus dem 15. Turnkreisc ausgewiesenen Vereine I« keiner Weise beseitigt. Vor allen Dingen aber ist die hilflose Lauheit, tvelche die maßgebende Behörde der deutschen Turnerschaft gegenüber der judenfeindlichen Strömung m: den Tag legt, wieder einmal zur Genüge gekennzeichnet. — Sapienti satl — („Jüdische Turnzeitung".) Theobald Schalem. In Paris starb der ehemalige erste Präsident des Appellhofes, Perivier. Mit ihm verschwindet eine richterliche Persönlichkeit, wie es deren wenige in der Welt geben mag. Jeder Korruption zugänglich, lieh er seine richterliche Autorität jeder Infamie. Im Zola-Prozeß ließ er sich zum Vorsitzenden ernennen, um den Angeklagten mundtot zu machen und die Enthüllung der Fälschungen zu verhindern. Er unterstützte Madame Humbert. in ihren Betrügereien, indem er einen Rekurs jahrelang absichtlich unerledigt ließ. Er war Mitarbeiter des verhafteten'Bankiers Boulaine, von welchem er sich zum Präsidenten der Schwindelbank Credit Agricole ernennen lieh. Diese Bank hat ein jähes Ende gefunden. Perivier hätte im Laufe der Prozeße Humbert und Boulaine vom gerechten Schicksal ereilt werden muffen. Der Tod hat ihm dasselbe erspart. Jaffa. Seit einer Reihe von fahren waren die Templer bemüht, Grundstücke in Palästina für eine neue Kolonie, die fünfte im heiligen Lande, zu erwerben. Da sich lange nichts Paffendes bot, so unterhandelten die Vorsteher der Templergemeinden auch in Chpern, gaben aber nach reiflicher Ueberlegung den Plan, auf dieser Insel zu kolonisieren, wieder auf. Jetzt haben sie ein Terrain erworben, dessen einzelne Stücke zu drei verschiedenen Dörfern gehören, nämlich Hehndije, Rantije und Tire. Das neue Grundstück ist 8900 Dunam groß und 15 Kilometer von Jaffa» Nicht weit von unserer Kolonie Pethach Tikwah gelegen. Am 30. Juli fand der feierliche Akt der Ilebergabe der Kuschane (Kaufbriefe) unter großen Festlichkeiten in Gegenwart des deutschen Konsuls statt. Dieses Land wird in 50 Lose eingeteilt, so daß das einzelne 'Los im Durchschnitt nur zirka 190 Dunam beträgt, viel weniger als die jüdischen Kolonisten verlangen, die 300 Dunam als das allermindeste erklären, was sie zum Leben brauchen. Jedoch sind aus der neuen Kolonie Grundstücke zu 195 Dunam, ferner zu 97 und 49 Dunam vorgesehen, die einzeln verkauft werden, der Dunam zu zirka 22 Mark; Bauplätze jedoch um ein vielfaches höher. Es ist interessant, die Begründung und Entwicklung dieser neuen christlichen Kolonien mit den jüdischen Kolonien im gleichen Stadium zu vergleichen. — Die Deutsche Weinbaugesellschaft Sarona-Jaffa hat im Jahre 1901—2 nur einen Reingewinn von 667,90 Francs erzielt und diesen Betrag dem Reservefonds überwiesen. Herr Leibovici aus Piatra-Neamtz hat dem rumänischen Abgeordnetenhause eine Denkschrift über die Judenfrage übergeben. Der sogenannte Jndigenats-Ausschuh der rumänischen Kammer wurde, nach der Anregung Stourdzas, aus lauter Antisemiten zusammengesetzt, so daß die vor kurzer Zeit lancierte Nachircht, Rumänien würde einen Teil der Juden individuell emanzipieren, sich nicht bewahrheiten wird. („Adeverul".) Neuere Nachrichten über palästinensische Kolonien. Erstaunliche Entwicklung nimmt die Kolonie Sedjera, in der bekanntlich die Verwaltungsform des Gutsbetriebes, der Farm, wie man es in Palästina nennt, eingeführt ist. Diese Ansiedlung hat eine Ausdehnung von 18—19 000 Dunam und ernährt 6 Pächter und zirka 50 Tagelöhner, von denen etwa der dritte Teil verheiratet ist. Ferner leben 15—20 jüdische Familie» dort, die sich als Handwerker usw. ernähren. Die Ernte verspricht gut zu werden, im kommenden Jahre wird man sich viel mit Aufzucht von Kleinvieh befassen, wovon man sich sehr gute Erfolge verspricht. In der Nachbarschaft von Sedjera nach dem Tiberiassee zu liegen drei neue Kolonien. Meska hat zur Zeit 22 Kolonisten' auf einem Terrain von zirka 8000 Dunam, Jama mißt zirka 5000 Dunam, von denen jedoch nicht alles Terrain kultivierbar ist, und hat zur Zeit 11 Kolonisten, Dalayke mißt zirka 14 000 Dunam, von denen nur etwa 8000 sich zur Bearbeitung eignen und hat zirka 26 Kolonisten. Ferner wird in diesem Jahre zum erstenmale das eTrrain von Abadie angebaut. Es soll zirka 5000 Dunam Areal enthalten. Zur Zeit sind nur 5 Pächter dort, aber im nächsten Jahre wird wahrscheinlich auch dieses Terrain zur Kolonie eingerichtet werden. Die Kolonisten aller dieser Dörfer sind aus den überfüllten alten Kolonien genommen worden, und ztvar aus Sichron Jaacob, Metuleh und Rosch Pinah. — In Mischmar Hajarden, der Kolonie, die seinerzeit der „Esra" eifrig unterstützt hat, geht es ziemlich gut, die Kolonisten aber möchten gern eine Vergrößerung ihres Terrains um 1000 Dunam. Die Kolonie erhält zwar schon längst (seit drei Jahren) keine „Stütze" mehr, aber muß noch immer von der „Jca" Subvention für die Gemeindeausgaben, Schule, Apotheke nsw. erhalten. Mit Hilfe der Vergrößerung ihrer Grundstücke hoffen die Kolonisten auch diese Subvention entbehren zu können. Auch in dieser Kolonie ist mit Erfolg die Schaf- und Ziegenzucht eingeführt worden. Jerusalem. Die russische Palästinagesellschaft unterhält jetzt in Palästina und in Syrien 67 Schulen mit 10 000 Schillern; davon kommen 4 auf Judäa, 18 mrf Galiläa, 28 auf Südsyrien und 17 auf Nordshrien. Alle diese Schulen wurden von der Regierung anerkannt uird erhielten Steuerfreiheit. Die russischen Spitäler in Jerusalem, in Bethlehem, Vethgala, Nazareth und Damaskus pflegten im ganzen 100 000 Kranke. Jeder Zögling kostet 20 Rubel und jede Krankenvisite 12 Kopeken. Im letzten Jahre pilgerten 8279 Russen nach Jerusalenl. Jetzt wird ein Hospiz für 1200 Pilger erbaut. In .Haifa hat die Gesellschaft ein großes Haus und eillen gerälrmigen Garten gekauft, um daselbst ein Hospiz für Pilger zu errichten. Die Einnahmen der Gesellschaft beliefen sich im abgelaufenen Jahre auf 419 040 Rubel, die Ausgaben auf 407 160 Rubel. Ende 1901 besaß die Gesellschaft Realitäten im Werte von 1 763 094 Rubel uird 153 441 Rubel Bargeld. — Im Juni passierten 302 Schiffe den Suezkcnml, davon 184 englische, 40 deutsche, 20 französische, 20 holländische, 9 italienische, 7 österreichische, 5 nortvcgische, 4 japanische, 3 russische. 3 schwedische, 3 spanische, 2 türkische, 2 egyptische und 1 amerikanisches. Dieselben bezahlten Taxen im Betrage von 8 247 909 Francs. Im Juni 1901 passierten den Kanal 255 Schiffe. — Die Einnahmen der Jaffabahn beliefen sich im Jahre 1901 auf 763 169 Francs, 34 000 Francs mehr als im Jahre 1900. Die Ausgaben betrugen 331 000 Francs, 13 000 Francs mehr. Im Jahre 1899 betnlgen die Einnahmen 736 000 Francs, 1900 sogar nur 729 000 Francs, bei einer Länge von 87 Kilometer. Auch die Eisenbahn Beirut—Damaskus steht ungünstig bei einer Einnahme von 2 216 000 Francs auf einer Länge von 250 Kilometer. Jerusalem. In glücklicheren Zonen singt mau in dieser Zeit fröhlich: „Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei." Bei uns hier ist diese wonnevolle Verjüngung der Natur ein längst überwundener Standpunkt. Der Mai hat für uns die Bedeutung: Tod über die duft- und farbenreichen Blumen des Friihlings und über alles grüne Gras und Kraut zu bringen. Diesen Dienst hat er uns auch in diesem Jahre recht gründlich getan. Wie stand vorher die ganze Vegetation in seltener Ileppigkeit, wie wogten und schimmerten vorher die Saatfelder bei frischen Luftzügen im goldenen Sonnenschein, tuie erlabte sich das Vieh nach so dürren und mageren Monaten auf den saftgrünen Weiden — da kam der Mai und mit ihm erhoben sich glühende Ostwinde, die in wenig Wbchen allem nicht tief wurzelnden Gewächs den Lebensodem ausbliescn. Es ging damit allzu schnell. Auch die Saaten litten darunter Not. Die Ernte mußte daher schon bald nach Anfang des Monats begonnen Iverden und in vierzehn Tagen schon wird man mit ihr zu Ende sein und über das Stoppelfeld schreiten. — Aus dem Jordantal kommt jetzt schon Gerste und Weizen auf den Markt, was mit Dank und Freude begrüßt wird, da die Vorräte längst aufgcbraucht waren und man monatelang ganz auf den Import vom Ausland angewiesen war. Was für eine Wohltat das ist, läßt sich dann erst recht ermessen, wenn man weiß, daß fast das ganze Volk von gekauftem Mehl gelebt hat, auch auf dem Lande, wo die Leute zum großen Teil nicht gewußt haben, wie sie das hierfür nötige Geld aufbriugen sollen. In der näheren Umgebung größerer Städte, wie z. B. Jerusalem, halfen sich die Leute dadurch, daß sie irgend etwas in die Stadt lieferten, wofür sie einige Piaster lösten und zum Ankauf von Brot verwandten; aber in weiterer Entfernung war für die Not fast keine Abhilfe. So konnte man z. B. dies Frühjahr in Jerusalem das Holz sehr billig kaufen, einfach aus dem Grunde, weil die Leute, von Hunger getrieben, sich genötigt sahen, in den Wald oder in die Bäumgärten zu gehen, Holz zu brechen und es zu Markte zu tragen. Wie viele Frauen trugen ihre Holzlast 2—3 Stunden weit auf dem Kopfe, nur, um damit ein paar Piaster zu lösen und wieder etwas Mehl kaufen zu können. Mit am übelsten dran waren die Beduinen, die östlich und südöstlich von Bethlehem wohnten. Sie hatten keine Waldungen und keine anderen Daumpflanzungen, um wie viele Dorfbewohner durch Holzlieferung etwas verdienen zu können; sie hatten längst kein Getreide mehr, ihre Herden waren durch Wassermangel und Dürre des verflossenen Jahres sehr verringert. So wußten sie seit Monaten kaum, womit sie ihr Leben fristen sollten. Sie konnten wegen Mangels an Saatkorn und Zugvieh nur ein Viertel ihres Ackerfeldes bestellen und dies ist mm zum Teil durch die übermäßig große Hitze des Mai so zurückgekommen, daß der Ertrag ganz mäßig werden wird und Not und Mangel aufs neue einkehren werden. Der hinter uns liegendeWinter gab an Regen nur 61,6 Zentimeter, gegen 40 Zentimeter im Vorjahre. Seit dem Winter 1876—1877 mit nur 34,5 Zentimeter und 1869—70 mit 31,75 Zentimeter Regenfall war der Wiinter 1900—01 der wasserarmste; und unser letzter Winter steht dem Durchschnitte eines jeden der 4 letzten Dezennien nach. 1861—70 hatte im Durchschnitt 55.4, 1871—80 62,5, 1881—90 70,35, 1891—1900 72,8 Zentimeter. Diese Zusammenstellung läßt hoffen, daß wir auch in dieser Beziehung bald wieder bessere Zeiten werden sehen dürfen. Der Fremdenverkehr war in der Reisesaison reger, als man es wegen der Quarantäne erwarten zu dürfen glaubte. Der Weg von Rußland her, das immer die größte Zahl von Pilgern stellt, stand offen. Daher kamen sic in Strömen herbei. Große, besonders amerikanische, Reisegesellschaften brachten einige tausend Fremde. Und als über Ostern die Quarantäne auf eine 24stündige Beobachtung in Beirut herabgesetzt wurde, kam auch von dort her eine nicht unbedeutende Zahl, so daß die Reisesaison, wenn auch nicht gut, so doch über Erwarten gut genannt werden kann. Indes ist die Quarantäne wieder auf 5 Tage hinaufgesetzt worden, da in Aegypten immer noch vereinzelte Pestfälle Vorkommen sollen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre gewöhnt man sich allmählich daran, die Quarantäne gegen alle Herkünfte aus Egypten als eine ständige Einrichtung anzusehen und den Verkehr mehr über Konstantinopel und Athen einzurichten, so weit das angängig ist. Immerhin bedeutet die Quarantäne für uns immer eine recht unangenehme und mit allerlei Unkosten verbundene Stockung im Personen-, Frachtuird Poswerkehr. Der konsisüerte russische Thronfolger. „Si non e vero e ben trovato!“ kann man von der nachfolgenden russischen Hof- und Theatcrgcschichte sagen, die Rudolf Oppenheim-München unter obigem Titel in sehr launiger Weise in der „Berliner Morgcnpost" erzählt: Daruch Mayer ist bei Kaiser Nikolaus H. in Ungnade gefallen. Wer Baruch Mayer ist, den der Kaiser von Rußland mit seiner Ungnade bedacht? Baruch Mayer ist — Theater-Direktor im Reiche des Zaren. Großer Jubel und hohe, begeisterte Freude herrschte unter seinen Anhängern in allen Orten Russisch-Polens, loenn Baruch Malier mit seiner Gesellschaft in ihren Ddauern einzog. Baruch Mayer tvar Direktor einer jener jüdischen Theater-Gesellschaften, wie man sie zu Dutzenden in Polen und zum Teil in Rußland finbet, und hat in letzter Zeit die Aufmerksamkeit der vornehmen russischen Hofgesellschaft wie des kaiserlichen Hofes auf sich gezogen, ja, mmr sprach davon, daß Kaiser Nikolaus Baruch Mayer sogar nach Petersburg, Livadia, Peterhof, kurz, wo eben der russische Hof weilte, komnreu ließ. — Nicht, als ob die Kunst der Gesellschaft Baruch Mähers so ausgezeichnet getvefen wäre, daß Kaiser Nikolaus oder die russische Hofgesellschaft durchaus Verlangen danach trug — nein, es kann sogar versichert iverden, daß weder der Zar noch die russische Hofgesellschaft jemals eines der beliebtesten Repertoirestücke Baruch Mayers und seiner Gesellschaft gesehen. Und demwch hat Banich Mayer, Ivie wir ebenfalls versichern können, durch seine Leistungen Aufsehen erregt. Ja, es hätte nicht viel gefehlt, so toäre Baruch Mayer bei der jüngsten Zusammenkunft des Zarei: und des Kaiser Wilhelm dem deutschen Kaiser vorgcstellt worden. Woher diese Berühmtheit Banich Mayers kam? Durch eiiren eigentümlichen Zufall I Nein, wir wollen nicht Zufall sagcil, es ivärc eine Herabsetzung der Leistungeil des Genies, auch des Helden, denil cs ist keine Kleinigkeit für einen Theater- Direktor überhaupt, noch weniger aber.für einerr jüdischen Theaterchcf im heiligeil Reiche des tveißeil Zaren ein berühmter Maml zll werden. Dell Anstoß zu Banich 'Mayers Berühmtheit gab in erster Reihe sein — Patriotismus. den er in eigener Art auszudrücken pflegte. Sobald nämlich ein Geburts- und Namcusfest am russischerl Hofe gefeiert ward, veranstaltete Banich Mayer eine Fest-Vorstellung in seinem Theater. War ein freudiges Ereignis am russischeu Kaisechof in Sicht, sofort unterbreitete eiiüge Monate vor dem zu erwartenden Ereigllis Baruch Mayer der hochlöblichcn Kämmer in Petersblwg ein eigens zu dieses Zwecke geschriebenes Stück, dal (lil deutscher Uebcrsetzung) den Titel „Festgedicht zur Feier der Geburt eines Thronfolgers", oder „Der erste Söhn des Kaisers" trug. Nachdem er nun a^ diese Weise jedesmal ein Stück eingereicht hatte, wurde der Zensor in Petersburg aufmerksam. Er betrachtete cs als Hohn auf die Fügung, daß die Kaiserin — die Gott noch lailge erhalten möge — ihrem kaiserlichen Gatteil immer eine Tochter schenkte, währeild der Theatcrchcf ein Stück zur Festvorstcllllilg auf einen Thronfolger ulltcrbreitetc. — Aus Petersburg font der Befehl, daß „Der erste Sohl: des Kaisers" konfisziert werde und Baruch Mayer künftig fein Stück zur Fest-Vorstellung für einen Throilerben einrcichcn dürfe, bevor nicht ein Thronerbe dem kaiserlichen Hause wirklich geborcll worden ist; ferner soll Baruch Mayer gefragt werden, weshalb er nlit solcher Konsequenz deil kaiserlich russischen Thronerbeil feiere, der noch gar nicht auf der Welt ist. „Nun," cntgegnete Baruch Mayer dem ihli befragenden Polizeihauptmanil, „Warum soll ich den russischen Thronfolger nicht in meiner Phantasie feiernV Ich hoffe, sobald ich vernehme, daß ein freudiges Ereignis der kaiserlichen Familie — möge Gott sic lange irr Gesundheit erhalten — bevorstehe, daß der Zar diesmal die Freude hat, wirklich einen Throilerben zu begrüßen. Und es ist wirklich eine Freude. Meine Frau — Gott erhalte sie — hat sie mir elfmal gemacht." „Was, Sie haben elf Söhne?" frug der Polcheihauptmaun. „Ja, elf Sohne ohne Unterbrechung, und wenn ein Thcaterdirektor mit elf Söhneil von seiner Frau beschenkt wurde, warum soll der große Kaiser von Rußland nicht noch mehr Söhne von seiner Gattin bekommen? Und wenn Gott mir meine Frau am Leben läßt, bin ich sicher, daß das Dutzend Söhne voll tmrd." „Das lvissen Sie so bestimmt? Uird tocnn Ihr zwölftes Kind eine Tochter wird? Oder befolgt Ihre Frau vielleicht das Geheimnis des Wiener Professors Schenk?" „Schenk?" entgegnet Baruch weglverfcnd. „Ich habe meine eigenen Geheimrlisse und ilicht von anderen, und ich weiß, daß wenn mich meine Frml demnächst mit dem zwölften Kinde erfreut, auch, der zwölfte Sohn ankomnunt." Baruch Mayer, wurde eiltlassen, urld der Polizeihauptmann schrieb llach Petersburg, daß der Thcaterdirektor elf Söhne besitze und durch ein Geheimnis bald den zwölfteil Sohn erwarte. Der Zensor in Petersburg hielt es für seine Pflicht, den Hausminister auf ben berühmten Mann mit elf Söhnen und das Geheimnis des kommendeil, bestimnrt zu erwartenden zwölften Sohlles aufmerksam zu machen. Nach wenigen Tagen kam schm: die telegraphische Nachricht, Baruch Mayer sofort nach Petersburg zu senden. Der .fkaiser wünsche den Vater von elf Söhnen kennen zu lernen. Die gesamte Hofgesellschaft interessierte sich für den kleinen Theaterchef — er wurde plötzlich zum berühmten Manil. In Petersburg angekonmimen, wurde Mayer zum Minister geführt. Es entspann sich folgendes Zwiegespräch: „Also Dll hast elf Söhne?" „Ja, lllld erivarte den zwölftel:, Exzellenz." „Bestimmt?" „Ganz bestimmt!" „lind woher tveiht Du das so genau?" „Weil auch mein Vater zehn Söhne hatte." „Das ist kein Grrrnd." „Doch, deim ich lebe so wie mein seliger Vater." „Willst Du mir das Geheimnis nennen? Es soll Dein Schaden nicht sein." „Das Geheimnis," errtgegnete Baruch, „ist kurz: Die Ehegattei: dürfen kein Salz genießen." „Ah!" „Ja! Nicht ein Körilchen Salz." „Hm!" Der Minister fttgte lein Wort, war aber nachdenklich gclvordcn, reichte dann dem Theaterdiccrtor die Hand zum Abschiede mld befahl, daß derselbe gut behandelt werde und zu Befehl des Kaisers zu halten sei. Als der Kaiser und die Kaiserin am nächsten Tage bei der Tafel saßen, bemerkte die Kaiserin zuerst, daß der Suppe das Salz fehle, sie hätte einen schauderhaften Geschmack. Sie langte nach dem Salzfaß — es war verschwunden, der Bratel: erschien auf dem Tisch, er hatte einen noch schlechteren Geschmack. Die Kaiserin sandte um Salz, aber nicht das kleinste Körnchen war im ganzeil Palast aufzutreibcn. Der Kaiser überhörte die Klage der Gattin über den Koch, über die Dienerschaft, nur ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen. Das Salz lvar und blieb von der Tafel verbannt. Schweigend fügte sich die Kaiserin in das Unabwe:ü)bare, sie gewöhlüe sich daran. Da kam vor einigen Woche,: die frühzeitige Entbindung der Kaiserin. Sofort ließ der Minister den unter Aufsicht gestellten Baruch Mayer kommen und sagte kalt: „Du kannst abreisen!" — „Wieso abreiscn, Exzellenz?" 7— „Die Kaiserin hat zu früh entbunden." — „Dafür kann weder ich noch mein Mittel. Exzellenz werden sich bald durch eine Großfürstin und Fürstin, die beide nach meinem Geheimnis leben, die Ueberzeug:mg verschaffen." — „Es ist gut — Du kannst abreisen," unterbrach ihn der Minister. Baruch Mayer war in Ungnade gefallen mrd reiste ab. Zu Hause ai:gekomn:en. überraschte ihn seine Frau mit dem — zlvölfteu Sohne. Er zeigte pflichtschuldigst die Geburt des zlvölfteu Sohnes dem russischen Hausminister an. Mayer blieb ii: Ung:mde, auch als seine Klientin, die den: russischen Hofe nahestehende Fürstin, welche vorher ihrem Gatten vier Töchter geschenkt, dem glückliche!: Gatten cii:en Sohn bescherte. E:ü>lich, vor einigen Tagen erhielt der Polizeihauptmam: 8en telegraphischen Befehl, den Tbcater-Dircftor Banich Mayer sofort nach Livadia, wo der Hof weilt, zu senden.-- Seit dieser Zeit speist man an der kaiserlichen Tafel tvieder —ungesalzene Speisen. Banich Mayer ist wieder ein berühmter Mann. Wer lvciß, ob er nicht demnächst zu hohen Würden cmporsteigt; freilich wird erst die Wirkung seines Geheimnisses abgewartet werden müssen. Die Eingcweihtcn sind gespannt darauf. Wir auch. Aus Rumänien. Die Thronrede. — Das Ausweifungsgefetz. „Ich bin glücklich, konstatieren zu können, daß unsere Bezieh:! ugen zu allen Staaten die besten sind . . . ." Diesel Worte, die König Carol bei Eröffnung des rumänischen Abgeordnetenhauses den Landesvertretcrn sagte, sind für uns Juden ebcnsobiele Stiche, ebensoviele schmerzhafte, zur Vcrztveislung führende Hiebe; dem: diese Worte beraube:: uns unserer letzten .Hoffinlngcn. Ist also die amerikanische Note tvirklich ohne Resultat geblieben? Wenn, tvie es zu ertvarten lvar, die sogenannte Intervention der Vereinigten Staaten für unS keinen praktischen Erfolg haben sollte, so hätten wir uns doch verspreche!: dürfen, daß der rumänische Staat die Rüge einer großen Macht wenigstens enipfindei: würde. Nein, auch diese Genugtuung ist u>:8 versagt. Rumänien hat nicht im geringsten etlvas gespürt. Es ist ja tvahr, daß wir es mit Leuten zu tun haben, deren ziemlich ledernes Gesicht das Schämen verlernt hat. Doch hätte sicherlich eine herzhafte, kräftige Ohrfeige m:ch dieses Gesicht dllrchdrnngen, auch diese Wangen, wenigstens vor Schmerz, zum Errötei: gebracht. Aber tvö ist diese trostreiche, heilbringende, vielleicht retteude Ohrfeige, und >vo ist der :n:erschrockene :uü> uninteressierte Ritter, der sie auf der richtigen Stelle in fühlbarer Meise erschallen läßt? Wir behaupten, sie wäre notwendig, ja sie tvärs jetzt das einzige Mittel, das uns helfen köimte. Mein: ich sage