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Jüdisches Volksblatt · 1902-12-12 · 50 (12.12.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50 Wien. Freias; Jüdisches VolkshbiH 12. Dezember th02 Lölvengaße 2, 1. Stock, Tür 10, £ei‘nt Efraim Edelstein, 2. 93e,v, Herminengasse 10, 1. Stock, Tür 0 und bei sämtlichen Vereins- Mitgliedern. E. E. Wien. (Kaiser-Sabbat.) Was ein Kaiser ist, weis; jedes Kind, tvas ein Sabbat ist, weiß jeder Jude, wenn auch nicht jedes jüdische Kind; tvas aber ein „Kaiser-Sabbat" ist, sollen die Leser nun erfahren. Da hatte ich neulich den Einfall, wieder einmal daß es mir sehr darauf aukommt, das; die Vorsteher in Böhmen, kanntes „Kol-Nidrci" das Publikum in Entzücken. Besonderen etwas Positives und Wertvolles schaffen, da ich sie doch dazu — und wie ich glaube, mit überzeugenden Worten •— aufforderte. Forderte ich sie doch auf, sich in Verbindung mit dem Nabvinerverbande als konstituierende Versammlung zu erklären, um die Verfassung der Juden in Böhmen endlich ins Leben zu rufen. Das tväre eine Leistung, eine Schöpfung, an die weder der bestehende Gemeiudebund, noch eine Vorsteher-Landeskammer auch nur im entfernk i» ' im nrHmhmvn Temnel vund, noch cme Vorsteher-Landestammer auch nur NN entfern-! äÄÄ'S ÄU teufen Sr«01™e”L„ 3 “ IL iiSi i;! iri a^8 dc.n; Vertretung, bestehend zu zwei Dritteln aus Nichtrabbinern und Munde des Herrn Bernhard Löwh anhöre, der daselbst als ztveiter *1®.ctulvj|}JSSSttnc^cUcbcn^ Kantor fungwrt. Es ist für den Kenner ein lvahrergei'tiger Gej f * Dr Simon Stern " miß, Herrn Löwh den Wochenabschmtt vortragen zu Horen. Da ist: Ua0i5, *' ~c<3cmüei „ 0 ^tcu‘ alles an seinein Platze: Nicht nur der „Trop" allein, sondern jede Der Tod des Bachurs. Aus Miskolcz m Ungarn lmrd uns Silbe, jeder Buchstabe, jedes Dagesch, Millel, Milrah, Charuf, vom 4. ds. geschrieben: Vor einem Jahre baute die hiesige Knltus- Metheg und Passik kommt bei ihm zur Geltung. Die Aussprache' gemeinde eineu neuen Tempel, flugs verbreitete sich unter der chrrstseincs „Ajiu", bekanntlich einer der phonetisch schtvicrigsten Buch-: licheii Bevölkerung das Gerücht, daß zur Eilitveihung der Syiiagoge staben, macht ihm so bald keiner nach. Da kam in der Perikopr; das Blut einer christlichen Jungfrau unerläßlich sei. Ilm diese der Ausdruck „Hier bin ich" zweimal vor. Das einemal wird er Zeit — am 18. August 1001 — ivaiiderteu durch den bei Kis-Ghor „hinneni" gelesen, das anderemal aber „hiiillenui", >oie es die gelegeiieu Wald die ztvei Bachurim Eugen Klein und Hermanii Maßorah vorschreibt, welche auch das zweite „Nun" des Wortes Zinner. Zwei im Walde jagende Bauern, namens Joses Suiko uiid Lageschiert hat. Diese subtile Unterscheidung, im allgemeinen selbst Josef Kekedy, wurden der zwei jungen Talmudiften ansichtig, erpoii Kcnncrii wenig ivahrgenommea, hat mich bei Herrn Löwys innerten sich sofort an das Blutgerücht, ltnb als Siiikov die Rezitation gar nicht überrascht, aber doch außerordentlich befriedigt. Indessen wollte ich hier dem gelehrten Herrn Kantor kein Loblied singeii, ivas nur nebenbei geschieht, soiiderii muß etwas mitteileii, was mir an jenem Sabbat zum erftemnale bekannt geworden, obgleich die Sache schon seit'vielen Jahren besteht. Es isl nämlich seit mm 14 Jahren der Usus eingefühct, daß an jenem Sabbat, welcher dem 2. Dezember, als dem Regierungsantritt Sr. Majestät des Kaisers vorangeht, alle bei den Mi-sche-sierachs gemachteii Spenden und Widmungen ausschließlich für die Armen Mid Notleidenden verwendet werden, welche dann ain 2. Dezember die Gaben auf die Hand bekomnrcn. Durch eigene Tafelanfschrift wird dieser Zweck . ben zur Thora Aufgernfenen bekauntgegeben. Dies also ist der „Kaiser-Sabbat" und datiert seit dem Jahre 1888, als der Kaisern anläßlich des damaligen 40jährigen Jubiläums den Wunsch ausgesprochen hatte, es mögen patt der beabsichtigten festlichen Veranstaltungen lieber Werke der Hmnanität ins Leben gerufen werden. Sofort hat der Tenrpel- und Gemeindevorstand der „Schiffschul"; im Sinne des edlen kaiserlichen Wunsches einstimmig den schönen' Beschluß gefaßt, alljährlich auf die oben angeführte Art eine ansehnliche Armen-Unterstützung zu begründen, tvas als ebenso loyal wie nachahmungswert allgemein bekannt zu werden verdient. —ß— Bortrag des Herrn Dr. B. Wachstet». In der jüdisch-akadetnischen Lesehalle hielt jüngst Herr Dr. Wachstein zwei Vorträge über Descartes, die geradezu eine glänzende Leistung darboten.' Hst es schon keineswegs leicht, vor einem großen Publikum Philo- ' sophie zu publizieren, so wächst diese Schwierigkeit außerordentlich, wenn man noch das Thema originell behandelt. Im ersten Vor-: trag tvurde eine genetische Enttvicklung des Philosophen gegeben, der durch den Satz: „Ich denke, also bin ich — Cogito, ergo sum" ( der theoretischen wie der praktischen Philosophie eine neue Richtung geben wollte. Im zweiten Vortrag beschäftigte sich Dr. Wachstein mit einer synthetischen Entwicklung des großen Denkers. Er setztauseinander, wie bei Descartes im Gegensätze zu Kant die Ethik und der praktische Teil der Philosophie keine innere Rolle im System spielt. In ebenso origineller Weise zeigt er uns, wie aus diesem philosophischen Hauptsatze „Cogito ergo sum" nach allen Philosophen und Philosophen hin sich Zusammenhänge und Ausstrahlungen ergeben, die man bis jetzt wenig beachtet hat. Sehr interessant beleuchtet Dr. Wachstem den Substanzbegriff bei Descartes. Der! französische Denker hat den mittelalterlichen, scholastischen Begriff uingeformt, seiner rein grammatikalischen Fassung beraubt und j ihm neue Würde gegeben; er hat auf diese Weise den Substanz! Meinung äußerte, diese suchen jetzt gewiß das zur Einweihung des Tempels notwendige Christcnmädchen, antwortete Kekedy: „Du hast recht, Sinko, es ist am besten, wir schießen die Juden nieder!" Ohne viel Umstände legte K. die Flinte an, der Schuß ging jedoch fehl. Hierauf schoß mich Sinko, und dieser wohlgezielte Schuß streckte den unglücklichen Eugen Klein zu Boden. Gestern kam diese Angelegenheit vor deni hiesigen Schwurgerichte zur Berbandlung und Sinko tvurde wegen vorsätzlichen Totschlages zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Der andere Angeklagte war zur Verhandlung nicht erschienen. (!) So sieht's mit der Judenfreundlichkcit und dem Knlturgradc der ungarischen Bauern ans. Knltusgemeinde-Wnhl. Aus Leipnik wird gemeldet: Am 9. v. M. fand hier die Konstituierung des neugewählten Ausschusses statt. Zum Knltnsvorsteher wurde neuerdings Herr Notar Dr. Rokotnitz gewählt; zum ersten Beirat Herr Moriz Tauber (neu) und zum zweiten Beirat Herr Siegmund Kornfeld. — Beteilung armer jüdischer Schulkinder. Am 8. ds. wurden durch den Verein „Malbisch-Arumim" die arrnen Schüler und Schülerinnen sämtlicher hiesigen Schien mit warmen Kleidern und Schuhen beteilt. Sr. Ehrto. Herr Rabb. Dr. Hillel hielt bei diesem Anlasse an die zu beteilenden Schüler eine passende Ansprache, in welcher er dieselben an die Pflicht, der Dankbarkeit für die empfangene Wohltat erinn-''te, die sie am besten in der Weise abstatten mögen, daß auch sie später stets der Armen annehmen, wenn Gott sie dereinst mit Gütern segnen sollte. Nur den Bemühungen des wackeren Obmannes, Herrn David Spitzer, tm Vereine mit den Ausschuhmitgliedern Herrn S. A. Berger und Kassier Herrn Knöpfemacher, ist cs zu danken, daß es auch heuer möglich wurde, allen Anforderungen gerecht zu werden. Allen auswärtigen und einheimischen Spendern wird hiermit der Dank zum Ausdnuk gebracht. Der ungarische israelitische Landes-Stipendienverein hielt am 28. November im Sitznngssaale des isr. Gemeindehauses seine Jahresversammlung. Es wird konstatiert, daß die Zahl der Stiftungen im Laufe des letzten Jahres um neun gestiegen ist und sich das Vermögen des Vereins um 97 284 Kr. 79 H. vermehrt hat. Der Verein brachte im letzten Schuljahre 13 960 K. zur Verteilung, ohne daß aber diese Sunune genügt hätte, allen berechtigten Ansprüchen nachzukommen. Von den größeren Stiftungen abgesehen, sei der Verein nur auf geringe Nebeneinkünfte angewiesen gewesen und best Fite seine Bedürfnisse fast ausschließlich von den Zinsen seines Vermögens. Die Abnahme der Unterstützungen seitens der Mitglieder sei —!vie der Bericht bemerkt — hauptsächlich auf die mißlichen wirtschaftlichen Verhältnisse zurückzuführen. Der Bericht begriff geradezu zu dem Angelpunkt des Philosophierens gemacht, j zählt dann die Namen der bisherigen Stipendisten des Vereins auf. Wie sehr Descartes durch seinen Hauptsatz sich selbst als Bekämpefr ,?hi§ dieser Liste geht hervor, daß seit dem Bestände des Vereins der materialistischen und sensualistischen Richtung auffaßt und mit ’i "684 Schüler mit 200 460 K. unterstützt wurden. Die Versamm- Recht auch von anderen aufgefaßt iverden mutz, so ist doch nach der! lnng erteilte der Vereinsleitung das Absolutorimn und nahm die Ansicht unseres Referenten eine innige Beziehung bei Descartes Neuwahlen vor, welche folgendes Resultat ergaben: Präsident: zu der sensualistischen Richtung vorhanden, wie die ganze mechas Magnatenhausmitglied Karl Svab, Vizepräsident: Dr. Samuel russische Pspchologie, seine bekannte Auffassung der Tierseele als, Kohn, Sekretäre: Dr. Joseph Simon und Dr. Moriz Stiller, reine Maschinerie, unter anderein beweisen. Wir haben selten einen Kassier: Jakob Deutsch, Kontrollor: Wilhelm Müller, Ausschußso lebhaften und lebendigen Vortrag über ein so abstraktes Thema! Mitglieder: Lndivig Adler, Dr. Jonas Baron, Dr. Anton Baumgehört. Der jüdisch-akademischen Lesehalle kann man zu einem garten, Moses Bloch, Dr. Frcnrz Chorin, Samuel Deutsch, AlcxanfoTcOen Führer durch das Labyrinth menschlichen Denkens nur der Deutsch, Dr. Rudolf Ehrenhaft, Dr- Ignaz Goldzieher, Dr. Wilgratulieren. Helm Goldzieher, Berthold Goldberger de Buda, Dr. M. Kayserling, „Nudolfslmnd." Der humanitäre Geselligkcitsverein „Ru-' Sigmund Kohner. Dr. Joseph Körösy, Dr. Paul Mandel, Dr. Lolfsbund" zur Bekleidung armer Schulkinder ohne Unterschied! Moriz Mezei, Jakob Pollak, Dr. Moriz Rethy, Martin Schiveiger, der .Konfession hat in seiner letzten Vorstandssitzung beschlossen, Dr. Sigmund Schwager, Dr. Max Somogyr, Adolf Sternthal, Dr. von der bisher üblichen Bekleidung abzugeheii und dieselbe nicht j Berthold Stiller, Dr. Philipp Weinmann, Dr. Franz Wittmann öffentlich in feinem Klublokale, 2. Bez.. Praterstraße Nr. 66 (Cafe! und Dr. Moriz Tihanyr, Nechmmgsrevrsoren: Ludwig Adler. Dr Orient) am 17. Dezenrber 1902, nachmittags 4 Uhr, vorzuj dlntoli Baumgarteu und Adolf Sternthal, nehiuen. Es soll Heuer der Versuch gemacht werden, die Bekleidung mit Aiisschluß der Oeffeutlichkeit durchzufühpen; sollte sich dieser Modus, wie voraussichtlich, bewähren, so wird der Verein auch in Zukunft ohiie jedes Gepränge Uiid nur im Stilleii die k Berlin. Die Lesehalle-Wahlen finb vor der Tür. Diese höchst eigentümliche Institution möchte ich vorher dem öfter Bekleidung der Kinder vornehmen. Auch bei der diesjährigen Be-j reichischcn Studenten kenüzeichneu. Im KastanieMväldchen hinter kleidiing kverdeil die Knaben mit einem vollständigen Winteranzug, die Mädchen mit einem Winterkleid, überdies auch noch jedes .Kind mit einem Wintermantel und Schuhen bescheirkt. Der Rührigkeit des Vorstandes, insbesondere dessen ObmanneS Herrn Josef Pollak, i Armeurat des 2. Bezirkes, ist es zu danken, daß auch heuer eine große Zahl von Kindern beschenkt ivird und verdient der Verein! gelviß die tvärmste Unterstützung seitens der Oeffeutlichkeit. der Berliner Universität befindet sich ein Bau, mehr Baracke, be stehend aus eincni einzigen Saal mit einer Unmenge von Zeitungen lind Zeitschriften. Auch eine Bibliothek ist dort. Ja, wie kommt es denn, werden mich viele jüdische Kommilitonen fragen, daß ich da Dinge erzähle, die nicht in ein jüdisches Organ gehören? Geinach, lieber Leser! Die Wahlen in den Vorstand der akademischen Lesehalle dilrch Stardenten ist nichts weniger als die Judenfrage in etwas veränderter Form; ich habe jetzt eine Menge Wahl- Positive Arbeit. Wir erhalten mit Bezug auf die letzte unter . r. , . c L Reser Spitzmarke erschienene Notiz folgende Entgegnu.lg, der wir i versamnllungen hinter nur und ciberall kommt man über dre Judennach dem Grundsätze: „Aiiclmüiiet altem pars“ gerne Raum gej hinaus. An der hiesigen Alma Mater gibt es 4 Parteien, da währen. „In einem im „Unabhäligigeii Jouriial" veröffentlichten Artikel habe ich ausführlich klargelegt, daß sich die Jildeii in Böhmen eine Verfassung geben müsseil, um vereiiiigt für das Jildeiitilm wirken zu können, da die Juden in Böhnieii nur auf Grund der Verfassung zu einer legalen Würde und Aiischeii geiiießerideii Vertretiliig gelaiigen kömien. Ich habe bewiesen, daß diese Vertretung, wenn sie in Wahrheit eine solche sein soll, tvenigsteiis zu einem Drittel aus Rabbinern bestehen müsse. Ich habe klargelegt, ivarnm der bestehende Gemeindebund ohnmächtig ist, und daß jede Vorstehervereiiiigung — welchen Namen sie immer habe — ohnmächtig bleiben muß. Darum forderte ich alle Eiusichtigeu auf, innerhalb und airßerhalb des bestehenden Gemeindebnndes für eine Verfassung der Juden in Böhmen einzntreten. Das „Unabhängige Journal" öffnete mir für meine Darlegungen mit derselben Bereittvilligkeit seine Spalten, lvie es die Artikel des Herrn Jdnob ausgenommen hatte. Den Herrn Oberrabbiner in Prag brachte ich mit meinen Darlegungen gar nicht in Verbindung. Ich weiß nicht einmal, Ivelche Ansicht er über den Gemeindebnnd rrnd über eine Vvrsteher-LandeSkammer hat. Ich ertvähnte nur, daß der Herr Oberrabbiner in Prag Ehrenpräsident des RabbiiwrverbandeS ist uild daß dieser Verband die gualisizierteu Rabbiner Böhmens zu seinen Mitgliedern zählt, so daß der Verband wohl berechtigt ist, über lvichtige jüdische Angelegenheiten mitznberaten, uild daß es jeder Vereimgulig, die alle Inden Böhmens runfasien tvill, zum Schaden gereicht, wenn bon ihr die geistige Kraft des NalBinerberbaudes tsicht in Anspruch genmnnlen wird. Ebenso lveiß ich nicht, lver der Herr ist, der seine Artikel mit „Auheiv Eines" zeichnet, obwohl Misere Ansichten in vielen Punkten übereinstiimmnen. Wahr ist es auch. bon 3 Heuer in den Kampf um die Vorstandsstellen eintreten. '4'ie stärkste dentschnationale schärfster Observanz des „Vereins deutscher Studeuteu" '(V. D. St.) mit ihrem burscheuschaftlicheu Anhang, ziveitens der „Verein jüdischer Studenten (V. I. St.) und die „Freie Wisseilschaftliche Vereinigung" (F. W. V.), eine jndenliberale Vereinignng größten Kalibers, ähnlich der „Hedonä" oder „Fidelitas". — Ai ich heuer hat das bisherige Direktionsmitglied eaiid. med. Erich Rosenkranz bestimmte Aussicht, in den Ausschuß gewählt zil werden. Wohl begreifen wir den Standvnnkt des V. D. St., wenn loir ihn mich nicht in Schutz nehmen, aber gänzlich berabscheiien müssen wir das Gebaren der jüdischen Mitglieder der F. W. V., die noch immer auf ihre Gleichberechtigiiiig und Abivehr ltnb wie die schönen L)iiige alle heißen, pochen und sich noch immer nicht entschließen können, offen und ebciich als Inden nationaler Richtung zu bekennen. M a x N a -h e r. Berlin. Sonntag den 7. Dezember veranstaltete der Jüdischnationale Franenblmd in Berlin im Saale des Architektenhauses einen jung-jüdischen Abend, der sehr stark besucht!var. Frl. Minna Tauber eröffnete als Präsidentin den dlbend durch eine Conference über jung-jüdische .Kunst. Sie betonte, daß es der Lage nird dem Wesen des jüdischen Volkes entspreche, düstere Bilder zu machen. Und so dürfen sich die Zuhörer nicht wundern, daß der Humor — mit einer einzigen Ausnahme -— nicht zum Worte gelangen kann. Vielleicht komme einmal eine bessere Zeit, wo die südischen Künstler ungebrochene Naturen seien und dann als freie Menschen singen utib‘ sagen, ohne jenen Mißton von Jndenschmerz, der heute in ihnen klingt. In musikalischer Hinsicht brachte Herr Walter Levy (Cello) durch Geinsheims „Elohenu" und Bruchs be- Beifall erntete Frl. Betz Lery durch ihre ausgezeichneten Dellamationen von Berthold Fcnvels tiefcrgreifendem „Bcruria" und Morris Rosenfelds „Herbsrblätter" solvie unseres einheimischen Dichter«» glänzendes „Unser Chanuka" von Martin Fricdländcr, das div Künstlerin lviederholen nuißte. Herr Konzertsänger Heinrich Hartoch solvie Frl. Opfer schlossen sich gesanglich den Deklamationen volllvertig an. Den Schluß bildete die Vorlesung zlveier Novellen des hebräischen Schriftstellers Scholom-Aleichem, aus den: „Jüdischen Almanach". durch Herrn Viobert Nendorf meisterhaft zum Vortrag gebracht. An dem Aberid, lvelcher äußerst glanzvoll verlief, erivarb sich Frl. Majerolvitz besondere Verdienste. M a x N a ch e r. Spenden. Eilw gleich zu bertvcndende Spende hat die jüdische Gemeinde ttt Kertsch in Rußland erhalten. Dort hat ein Herr Charitonolv der Gemeinde 60 000 Rubel zum Bau einer Handwerkerschille hirsierlassen. Die „Jca" hat zu diesem Betrage ihrerseits einen einmaligen Beitrag voll 10 000 und eine Jahressnbvention von 2000 Rubel unter der Bediilgnng bewilligt, daß dio Stadt deir Platz zum Bau der Schule gratis hergibt lind die jüdische^ Gemeinde ihrerseits die Anstalt mit 000 Rubel jährliH silbbentioiliert. Die Stadtgcmeinde hat mrn einen 100 Quadratklafter umfassenden Bauplatz für den Preis voll 2‘/. Rubel, d. i. gratis hergegebcil, der Ban wird 00 000 Rubel kosten, so daß die Handwcrkerschnle inklusive der Zinsen ans dem berbleibenden Kapital . von 45 000 Rubel über ein Einkommen voll 0000 Rubel jährlich verfügm wird. — Die Besteuerung ausländischer Handlmlgsreisender/ln Rußland, so hieß es nelilich in verschiedenen Zeitungen, soll demnächst von 650 Rubeln auf 200 Rrwel ermäßigt werden. Der Deutsäh-Ruß'ische Verein inBcrliil teilt, veranlaßt durch viele Nachfragen, mit, dag diese Nachricht zwei Jahre zu spät kommt, indenr scholl seit dem Januar 1901 die Besteuerung nur lwch 15v Rllbel oder mit allen Nebcnabgaben 200 Rlibel beträgt. Vielleicht soll es sich bei der Mitteilung nur um jüdische Handlungsreisendhandeln. Für diese beträgt.allerdillgs die Steuer noch 000 bezw. 650 Rubel. Darüber, daß dieser Satz ermäßigt werden soll, ist Bestimmtes nicht bekamlt. Richard Wagner und der „Judendoktor". Von Richard Wagner, dem großen Meister, aus der Zeit, da er noch nicht dev große Meister und Jildenfreffer war, erzählt der „Americair Hebrew" folgendes interessante Erlebnis. Als Richard Wägiler 1849 wegen der Rolle, die er in dem Volksaufstande gespielt hatte, flüchten muhte, kam er eines Abends verkleidet uild ohne einen Pfennig als Flüchtling nach Stadthagen. Im ersten Hotel dasellist fragte er die Wirtin llach dem populärsten Manne in der Stadt, den er, womöglich, sofort sehea müsse. „Der populärste Maim ist der „Judendoktor", cntgegllete die Wirtin mld schickte zugleich einen Boten, der dem Doktor bestellen sollte, daß eiil mysteriös ausseheirdcr Mann ihn im Hotel zu sprechen wünsche. Als der Doktor ankam, lvaildte sich der Fremde mit folgenden Worten an ihn: „Mein Name ist Richard Wagner. Ich bin aus Dresden geflohen, wo ich an dem mißglückten Aufstand gegen die Negierung teilgenonrmeu habe. Die Verfolger sind hinter mir her und wenn sie mich in ihre Gewalt bekommen, bin ich für immer verloren. Da ich keine Mittel habe, die Flucht fortzusetzeic, bitte ich Sie, mir eine Fahrgelegenheit zu berschafffen, die mich nach Pyrmont schafft. Dort befindet sich Franz LiSzt. Sobald ich bei ihm bin, bin ich unter seinem Schutze geborgen." Der Judendoktor entsprach dem Wünsche, undl in weniger als einer Stunde befand sich der große Zuknnf^-- musiker auf dem Wege zu seinem Freunde. Der J'nhakt dieser Ev- Zählung wird uns bon einem noch in Stadthagcn lebenden Sohns des Judendoktors bestätigt, der außerdem hinzufügt: „Richard Wagner kam abgerissen, hungrig, ohne Geld hrer an. Mein Vater unterstützte rhn mit neuer Kleidung, mit Reisegeld und brachte iha mit Liszt iiber die Grenze nach Paris. Wagner hat nie wieder ettvas von sich hören laßen." Als 1860 die Amnestie erschien, kam er 1861 von London nach Deutschland zurück und war aus Dankbarkeit gegen den «Judendoktor" Ansisemit. Der Herr Sohn des „Jndendokteors" scheint die Geschichte der antisemitischen „Größen" wenig zu kennen, da er sich über die Undankbarkeit gegen die Juden wundert. Gar viele von ihnen haben den Juden ihre Existenz z«: verdanken mrd sind nachher die wütendsten Antisemiten geworden. Daß aber Richard Wagner trotz dem vielen, das er den Juden z« verdanken hat -— denn gerade Juden waren es, die, vornehm sich über seine antisemitischen Schnillen hinwegsetzend, die eifrigsten Apostel seiner Zukunftsmusik waren — Antisemit geworden ist, wollen wir als durchaus nicht ungewöhnlich weiter nicht hervorheben; daß er aber als Mensch den menschlichen Jndendottor später so ignoriert hat, das ist bezeichnend für den Antisemiteri. Neue Gewaltakte. Aus Bukarest wird gemeldet: Eine ar» Justizpalast angeheftete Kundrnachung des Disziplinarrates deS hauptstädtischen Advokatenbureaus bringt zur allgemeinen Kenntnis, daß nur solche rmnänische Mirger, welche eine juridische BildunU genossen haben, die zur Ausübung des Berufs von Advokatirrssekretären erforderlichen Legisimationskarten erlangen können. Zur Begründung dieses bereits vor einiger Zeit angekündigten, dann aber angeblich infolge des Widerspruchs vieler Advokaten wieder fallen gelassenen Beschlusses kann angeführt werden, daK sich aus den Advokaturssekretären, welche in Rumcnrien nicht eümr Advokatrirsaspirarrtelr mit jrlridischer; 'Mldung, sonderrr lediglich Privatschreiber und Bevollmächtigte ihrer Brotherren bei deren Verkehr mit den Parteien und mit den verschiedenen GerichtL-- bureails sind, mit der Zeit viele gemeinschädliche und durch ihre langjährige Vertrautheit mit dem Gerichtsmechanismus doppelt gefährliche Fallimentsmakler und Winkeladvokaten herauszubildeu pflegen. Andererseits ist die Zahl der beschäftigungslosen jungen Juristen eine so große geworden, daß ja auch nichts dagegen einzwtvenden wäre, wenn man ihnen für die Zukunft die Stellen dev Advokaturssekretäre reservieren tvollte. Aber es muß als eine brutale Isichilligkeit bezeichnet werden, daß man nun alle bisher als- Advokaturssekretäre beschäftigten Privatbeamten mit einem Schlag« brotlos machen will. Fast alle derzeitigen Advokasirrssekretäre fmfc Israeliten. Bon der Karriere als öffentliche Beamten ausgeschlossen, hatten sich bisher viele unter den intelligenteren einheimischen Israeliten als Kanzleigehilfen und Sekretäre in den Advakatenkanzleien ihr Brot verdient, und es konnte ihnen nicht in de» Sinn kommen, daß sie auch ans diesem Privatdienst durch eine» einfachen Beschlrih des Disziplinarrates der Bukarester Advokaterukammer hinansgeworfen tverden könnten. Zivar verlautet, daß; gegen diesen Beschluß auf parlamentarischem Wege Einsprache erhoben werden wird. Doch ist bei der herrschenden antisemitische» Strömung keine Hosfmmg auf einen Erfolg dieser Einsprache, soirdern im Gegenteil alle Arissicht dafür vorhanden, daß der Beschlrch des haichtstädtischen Advokatenbarreans auch von den übrigem Adbokatcnkammenc im Lande nachgeahmt werden tvird. And der dentschen Tnrncrschaft. Laut Beschluß des TurnevtageS deS 10. deutschen Turnkreises vom Pfingsttage 1901 ivarou Vereine mit Mitgliedern nichtarischer Abstammung aus dem itzreisverbande und damit aus der „Dentscheic Tnrnersäscift" ausgeschlossen worden. Dieser Beschluß richtete sich nur gegen die jüdischen Mitglieder. 44 Vereine traten aus dem Kreisberbmrde cms. da sie ihre jüdischen Turngcnossen nicht aufgeben wollten. Sie erhoben beim Ausschüße der „Deutschen Tnrncrschaft" Beschiverde und beantragten, den Kreistagsbeschluß, der sie hinauswies, für nngiltig zu erklären, da er gegen § 2 des Grundgesetzes verstoße. Der Ansschllß erklärte jedoch in seiner in Heidelberg stattgehabten Sitzung im Sommer 1901 den Ausschluß aus dem Kreise als zu Recht bestehend an, kam den 44 awsgestoßenen Vereinen jedoch dann entgegen, daß er sie in der „Deutschen Turnerschaft" beließ.

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