Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12. Dezember 1902 Nr. 50 leuchten, die die „Union" bei den jttiltusgemeindeivahlen spielte. Wollt ihr ein Tänzchen wagen, ihr Herren, sagt es frei. *) Ellenbogen. Amu. d. Red. , ') Der Präsident deS Gremiums ist der wohlbekannte Herr Leopold Pollak. Er unterstützte auch sehr warm die Kandidatur Schweitzer, während er bekanntlich die Kandidatur Noskes bekämpfte. Chronik. Inland. Der Kommers der jüdischen akademischen Verbindung „Nnitas fand am 30. November l. I. im Festsaale des Kaufmännischen Vereines statt. Der Präses der Verbindung, jur. Max Goldmann, konnte neben den Vertretern einzelner Korporationen auch den Vertreter des Distriktskomitees, Herrn Kremenezky, den der Jüdischen Bolkspartei, Herrn Dr. Leo S ofer, Herrn Reverend W. Hechler und viele andere begrüßen. Herr Richard Rappaport hatte sein Fernbleiben entschuldigt. Die Tendenzrede hielt med. Max Rosenzweig, zu der ihm die Fusion der Volkspartei mit dem Zionismus, die Note des Präsidenten N o o s e v e l t und die rumänische Emigration ein dankbares Thema boten. Bon den zahlreich gehaltenen Reden sei hier die des Herrn Dr. Leo Sofer erwähnt, der auf das fernere ungetrübte Einvernehmen beider Parteien toastierte. Im inofsiziellen Teile gelangte das Festspiel „Befreiung" vom außerordentlichen Mitgliede der Verbindung, Herrn Emil Schwarz, verfaßt, zur Aufführung. Es behandelt den Kampf des konservativen Judentums mit dem jung aufstrebenden. Auf das Festspiel folgte, von Mitgliedern der Verbindung dargestellt, die Ulk-Oper „Faust", welche im Auditorium wahre Lachsalven hervorrief. Ein animiertes Tanzkränzchen beschloß den in jeder Beziehung gelungenen Abend. Israelitische Knltusgemeinde Wien. Oeffeutliche Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien, 1. Bez., Seitenstettengasse 4. Sonntag den 14. Dezember 1902, halb 11 Uhr vormittags. Tagesordnung: 1. Bestellung von zwei Kuratoren für die Freiherrlich von Rothschild'sche Künstler-Stiftung für die Periode 1902—1905. 2. Bericht des Vertreter-Kollegiums über Aufnahmen in die Versorgungsanstalt. 3. Anstellung weiblicher Lehrkräfte für den israelitischen Religionsunterricht. 4. Voranschläge der Einnahmen und Ausgaben der israelitischen Kultusgemeinde sowie sämtlicher unter ihrer Verwaltung stehenden Fonds und Anstalten für das Jahr 1903. Probepredigten. Herr Rabbiner Dr. Markus Braude aus Stanislau hält Freitag den 12. Dezember d. I. bei dem Abendgottesdienste, der um 4 Uhr 15 Min. beginnt, im Leopoldstädter Tempel, Tempelgasse, die Predigt, und am Samstag den 13. d. M. bei dem um 3 Uhr 15 Minuten stattfindenden Jugendgottesdienste im Stadttempel, 1. Bezirk, Seitenstettengasse, die Exhorte vor den Mittelschülern. — Herr Rabbiner Dr. H. Brody aus Nachod hält am Freitag den 19. Dezember dieles Jahres bei dem Abendgottesdienste, der um 4 Uhr 15 Minuten beginnt, im Leopoldstädter Tempel, Tempelgasse, die Predigt, und am Samstag. den 20. d. M. bei dem um 3 Uhr 15 Minuten stattfindenden Jugendgottesdienste im Stadttempel, 1. Bez., Seitenstettengasse, die Exhorte vor den Mittelschülern. Sekretariat der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Der . am 21. November 1901 verstorbene Herr Leopold Kahn hat in seinem Testamente ddto. 3. April 1901 nachstehenden Humanitätsanstalten und Vereinen Legatsbeträge von je K. 4000.— beziehungsweise abzüglich der Erbgebühren per je K. 33375.60 behufs Errichtung von „Leopold Kahn'sche Stiftungen" vermacht, und zwar: 1. Der der Armenanstalt der israelitischen Kultusgemeinde in Wien affichierten Speiseanstalt. 2. Dem Verein für das risaelitische Blindeninstitut auf der Hohen Warte in Wien, 19. Bezirk. 3. Den: allgemeinen österr.-israelitischen Taubstummen-Jnstitute in Wien. 4. Dem Waisenhause für Mädchen des Vereines zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. 5. Dem Altersversorgungshmise der israelitischen Kkultusgemeinde in Wien, zum Andenken an die 40jährige glorreiche Regierung Sr. Majestät Kaiser Franz Josef des Ersten. 6. Dem Vereine Veth-ha Midrasch Talmud-Thora (Verein zur Pflege des Thora-Studiums) in Wien, 2. Bezirk, Malzgasse 16. 7. Dem israelitischen Bethausvereine Chewra-Beth- Hatfilah im Bezirke Alsergrund in Wien. 8. Dem Vereine zur Erhaltung einer israelitischen Kinderbewahranstalt in Wien, 2. Bezirk, Schiffamtsgasse 15. 9. Dem Vereine für Krankenpflege und Unterstützung Handlungsangehöriger Israeliten in Wien, 1. Bezirk, Seitenstettengasse 4. 10. Dem Vereine zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten (samt Lehrlingsheim), Wien, 9. Bezirk, Grüne Thorgasse 20. 11. Dem Vereine zur Errichtung von Volksküchen (nach israelitischem Ritus) in Wien, 2. Bezirk, Krurnbaumgasse. Hieronymus Lorm. Im hohen Greisenalter verschied in der Vorwoche in Mährens Hauptstadt Dr. Heinrich Lmrdesmann, bekannt und literarisch berühmt unter dem Dichterpseudonym Hieronymus Lorm. Mit Anastasius Grün, Freiligrath, Ludwig August Frankl ii. a. auf den Plan der politischen Lyrik getreten, gehörte er , zu den begabtesten Dichtern des vormärzlichen Oesterreichs. Damals schrieb er seine „Wiener Schwingen und Federn", die gleich Grüns „Spaziergängen" Aufsehen erregten, vielfach gelesen und verboten wurden. Später wandte sich Lorm der Philosophie zu und verlieh Schopenhauers und Budhas Gedanken dichterisches Gewand und Gepräge. Seine innerste Weltanschauung, der grundlose Optimismus — in seinem gleichnamigen Werke tiefsinnig, jedoch nicht einwandfrei. niedergelegt — bildet naturgemäß in allen seinen Werken den Grundakkord und gewährt ihnen einen individuell-harmonischen Charakter. Lorm tritt uns in „Natur und Geist" als Philosoph, m, „Gabriel Solma" als Romancier und im „Nachsommer" als femimmger Lyriker von edler Tiefe des Gedankens entgegen. Er war wohl ein deutschliberater Demokrat, nur mit lvenigen Tropfen indgcher Psyche gesalbt, obwohl er ein Jude war. Vielleicht tvar sein körperlicher Zustand Ursache, das; er seines Volkes in seinen Liedern nie erwähnte. Politik und nationale Bewegung forderii eben vor allem gesunde, stählerne Nerveii. Trotz alledem soll seiner gedankenreichen poetischen Empfindung und seines poetisch-philoschihlschen Pessimismus in Zeiten der Unterdrückung und Geringschätzung alles jüdischen Schaffens gedacht sein. Max H—ld. Den „jüdischen" Adeligen und ihrer Dienerschaft zur Daruachachtung. Am 9. ds. sind in der Sitzung des Gemeiuderats der Stadt Wien ztvei lehtwillige Verfügungen zur Verlesuiig gekornnien, die den A s s i in i l a ii t e ii uiiter den Jrldeii zitr geziernendeu Wissenschaft und unsereu F i n a u z b a r o u e n und Finanzritt e r n, sofern sie nicht getauft sind oder getaufte Enkel haben, zilr Daruachachtiing bienen könnten. Gräfin DYonisia A n - drassy in Baycrii vermachte ihr Vermögen der Stadt Wien, mit eirwr Snbstistenzauflage zuguiisten ihres Neffeli, jedoch mit der Klausel, daß die Zahluiig des Substisteuzbeitrages an den Neffen entfällt, iveiiii er zuru — mosaisch e n Glauben übertreten sollte. Obivohl heutzutage der Uebertritt eines arischen Christen") zum gehaßten, verleinndeteu ititb keine materielle und soziale Vorteile bietenben Judentum mir denkbar ist, falls ein Togeuburg- Arier zu einer charakterimb glaubensstarken Jüdin in Liebe entflauimeii sollte — ein gewiß seltener Fall in unserem Jahrhundert des Materialismus und Charakterschiväche — so hat doch die vorsorgliche Gräfin Andrassy auch auf diesen seltensten aller seltenen Fälle gedacht. Wie tvenig „vorsorglich" aber diesfalls die jüdischen Adeligen sind, das beweist die lange Reihe der getauften Töchter, Söhne und Enkel der Pariser und Londoner Rothschilds (ich bitte, Herr Redakteur, diesmal den Namen Rothschild nicht zu streichen, wie Sie es im Artikel „Fiuanzgrößen im Judentum" getan haben. Anm. d. Autors.), der Wiener Königstvarters, Guttmanns, Eyslers de Terramare, Borke na ns, Kubinskis, Pereirlas, Morst urgos, Manthners usw. usw. Das zweite Testament, da§ in der eingangs gedachten Sitzung zur Verlesung kam, stammte von der Kammerfrau der Fürstin Pauline Metternich her. Obgleich die Kmnmerfran nicht für ihre Fürstin und die Fürstin nicht für ihre Kammerfrau' kann, so dürfte es doch gewissen Metternichschen Bazar-Wohltätigkeits-Fanatikern und Weiße, Rosa, Blaue und (Juden-) Gelbe Redoute-Narren befremden, in der Fürstin Metternich'sehen Kammerfrau eine so stramme Antisemit i n kennen zu lernen, die 18 000 Kronen für Waisenkinder unter 12 Jahren ohne Unterschied der Konfession/ aber mit alleinigem Ausschluß der Juden, vermachte. Wohlverstanden: die Frau Erblasierin macht keinen Konfessionsnuterschied; ihr ist der Katholik, Protestant, Anglikaner, orthodoxe Russe und der Mohammedaner ganz gleich, wenn es sich um arme jugendliche Waisen handelt, nur beim jüdischen (!) Waisenkind macht sie eine Ausnahme und schließt es von der Wohltat de§ Almosens aus. Dabei müssen wir auch bei der fürstlichen Kammerfrau die große „Vorsicht" rühmen, daß sie selbst heutzutage, wo bekanntlich, selbst wenn das Legat von einem Juden herstammt und Armen „ohne Unterschied der Konfession" zugedacht ist, ein Jude fast niemals in den Genuß eines solchen Wohltätigkeitslegats kommt, den Ausschluß berauben so kräftig betonte, damit selbst in Aeonen kein Kreuzer aus ihrem Vermögen in die Tasche eines arnieu Juden-Waisen kommen könne. Vor kurzem las man aber in den Zeitungen, daß ein Jude anläßlich seiner Errettung oon einem Anschläge große Spenden gemacht habe, und zwar 60 000 K. an jüdische Wvhltätigkeitsanstalten und siebenmal mehr an solche, wo nur C h r i st e n den Genuß davon haben. Das ist aber das vielgerühmte — notabene vor Kultuswahlen -— „Solidaritätsgcfühl" der Inden, das ist der hochgepriesene — manchmal sogar tarifmäßig hoch — Wohltätigkeitssinn der jüdischen „Reichen", die man um Gotteswillen nicht unsanft berühren, von denen man nicht einmal eine „Erweiterung des Statuts der jüdischen Kriltusgemeinde" verlangen darf, als sie, der Hort und Schutz des Judentums, die Freunde und Wohltäter des armen Juden, das Muster und Beispiel jüdischer Treue, sich sofort — taufen lassen würden!*") Ebenso wie den schönen Gedanken des Weltfriedens nur die größten Staaten, Rußland und Amerika, zur Verwirklichung bringen können, während der Beginn der Abrüstung durch Oesterreich allein den hellen Wahnsinn bedeuten würde, so kann der Gedanke des Weltbürgertums und der Allmenschlichkeit nur von der mächtigsten Rasse, den Ariern, verwirklicht werden, während wir armen Juden bis dahin in der Rüstung des Nationalismus verharren müssen. „Wer sorgt für die Interessen der jugendlichen Arveirer?" Mit dieser Tagesordnung beriefen die Sozialdemokraten im 9. Bezirk (Kainz' Gasthaus, 9. Bez., Nußdorferstraße 60) letzten Sonntag den 7. Dezember nachmittags eine „große öffentliche" Versammlung ein. Das Versammlungslokal, welches höchstens 100 Personen faßt, war von zirka 70 Personen, darunter 50 Stammesgenossen besetzt, welche jedoch von allen Bezirken zusammengetrommelt waren. Als von Seiten des Jüdischen Vereines jugendlicher Arbeiter einige Mitglieder im Saale erschienen, zeigten sich die jüdischen „Genossen" sehr erregt und meinten, es sei eine „christliche" Versammlung, „hier ist nicht die Leopoldstadt, polnische Juden haben hier nichts zu suchen!" Das Referat erstattete der Lehrer Höfer. Er schilderte das Bedürfnis der Arbeiterschaft nach Bildung und betonte, daß cs in jedem Volke zwei Klassen gäbe, die Klasse der Neichen und die der Armen. Jede Partei sucht die Arbeiter, insbesondere auch die jugendlichen Arbeiter, für sich zu gewinnen. Es sind in der letzten Zeit nicht bloß nationale Jugendvereine, sondern, wie z. B. der Jüdische Verein jugendlicher Arbeiter, auch konfessionelle (?) gegründet worden. Diese sind nicht aus der Arbeiterschaft hervorgegangeu, es bestand für die Gründung derselben kein Bedürfnis (sic), sie sind bloß dazu da, um die Arbeiterinteressen zu verraten usw. Nur die alleinseligmachende Partei der- Sozialdemokraten sei dazu berufen, alle Nationen und Konfessionen zu schützen mrd die Jugend zu erziehen. Mit einigen kräftigen Schimpfereien mif die „christlichen" Jngendvereine (von welchen auch nicht ein Mitglied anwesend war), schloß der Referent seinen Vortrag. Nun folgte eine sogenannte Diskussion. Als erster erhielt das Wort Herr Grünhut. Derselbe verwahrte sich dagegen, bckß man eine Organisation, die der Referent gar nicht kennt, ganz einfach mit Verleumdungen belegt, ime: daß dieselbe von hohen Protektoren gegründet und erhalten werde, daß sie die Interessen der arbeitenden Jugend verrate und dergl. Dagegen könnte über den sozialdemokratischen Verein so manches vorgebracht werden, was den Herren nicht sehr angenehm wäre. So ist z. V. *) Wohl zu unterscheiden von dem Rücktritte getaufter oder konfessionslos gewordener'Juden, wenn die Betreffenden die erhofften Zwecke ihres Abfalls nicht erlangten und lvelche die jüdischen Matrikel als „Netourbillet" anffassen (Monatsschrift der „Ocsterreichisch-Jsrnelitischen Union") und 80 Perzent aller Uebertritte zuni Judentum auswciseu. **) In der Monatsschrift der „Oe- J.-U." Heft 12 Seite 2 steht ausdrücklich: „Dabei wollen wir gar nicht davon reden, daß schon aus gesetzlichen Gründen die Förderung von Programm- Punkten, tvie K o n d i t i v n s l o s e n f o n ds uslv., gelinde gesaust, ein Nonsens wäre, da selbst ini Falle des entsprechend erweiterten Statuts der A n s t r i t t einer U n z a h l — und zwar der st e u e r k r ä s t i g st e n — Juden die erste Konsequenz sein würde." die Ortsgruppe Leopoldstadt, die unter 100 Mitgliedern 99 Juden zählt, bis vor ztvei Jahren immer bestrebt getvescu, einen Arier zum Obmann zu tvählcu, trotzdem derselbe oft am wenigsten dazu geeignet tvar. In der letzten Versammlung im 20. Bezirk wurde einem unserer tüchtigsten Genossen ohne jeden Grund das Wbrt entzogen und daun das Gerücht verbreitet, daß die Zionisten die Versammlung gesprengt Hütten. Auch die jüdische Jugend hat das Bedürfnis, ihre nationale Literatuü und Geschichte kennen zu lernen, tvas nur in einem jüdischen Vereine nwglich sei. Auch im jüdischen Volke gibt cs ztvei Klassen, die der Neichen mid die der Armen, Ivelch letztere jedoch unter dem unerhörten Drucke doppelt und dreifach leidet. Sonderbar ist es nur, daß sich die jüdischen Sozialdemokraten mehr um die reichen Juden küttlmcrn, für die jüdischen Arbeiter (stehe Rumänien) nicht sorgen, ja sogar hie und da, z. B. bei den letzten Kultuswahlen, sich der Rothschild-Partei zur Verfügung stellen, um eine wahrhaft demokratische jüdische Partei niederzuriugcu. Zum Schlüsse teilte Redner mit, daß der Jüdische Verein jugendlicher Arbeiter ein Lehrlingsschutzkomitee besitzt und belehrende Vorträge veranstaltet (also gewiß keine Verdummungsvolitik betreibt), übrigens in wirtschaftlichen Fragen mit der arbeitenden Jugend anderer Nationen gemeinsam vorgeht. Die nachfolgenden Redner (Grcßny, Meth und Großschopf; ersterec ist konfessionslos, der zweite noch Jude, der dritte Arier) suchten die Ausführungen unseres Genossen abzuschtvächcn, damit die Versammlung nicht glaube, „daß er recht habe". So meinte der erstere, die Zionisten' seien reaktionär, klerikal, gefährlich. Rothschild kann ja auch einmal eine gute Idee haben, die natürlich dann von sozialdemokratischer Seite unterstützt wird. (Privilegieuwahlrecht!) Antisemitismus gibt cs unter den „Genossen" fast gar keilten. Wenn hie und da das Wort „Jud" im verächtlichen Sinne oder mtdj „Saujud" gebraucht werde, so seien das ganz gewiß nur harmlose Scherze, die sich feine Kollegen, welche „noch Juden" sind, auch gern gefallen lassen. (Zwischenruf: „Hoch die Nochjudenl") Der zweite Redner beschäftigte sich mit der Taktik der Jüdischnationalen lind meinte, wir sollten uns wegen Schäftung einer eigenen jüdischen Organisation an die Parteileitung der Sozialdenwkrateu wenden. (Wie naiv!) „Genosse" Grohschopf versteht überhaupt nicht, was wir wollen. Wenn unter den Wählern der Kultusgemeinde so viel Sozialdemokraten sind, daß sie einen eigenen Kultusvorstand kandidieren können und zufällig auch die Rothschild- Partei einige Kandidaten der Sozialdemokraten aufttellt, so läge die Schuld nicht auf sozialdemokratischer Seite. Der Herr scheint die Verhältnisse in der Kultusgemeinde sehr gut zu kennen. (?) Nachdem noch die Herren Jnslicht und Körpner (Mitglieder des Jüd.. Vereines jugendlicher Arbeiter) gesprochen hatten, entstand plötzlich ein offenbar vorbereiteter .Kratvall. Ztvei Gesinnungsgenossen wurden von einigen Strolchen geprügelt und hinausgedrängt. Die „Genossen" verrichteten hier Wunder an Tapferkeit. Zehn Mann stürzten sich ans einen, um ihn zu mißhandeln. Und warum? Weil die Betreffenden Zwischenrufe gemacht hatten, ein Kapitalverbrechen bei der Partei der „freien Meinungsäußerung". Die Versammlung nahm also ein würdiges Ende. Emes. Jüdischer Verein jugendlicher Arbeiter. (Z e n t r a l e.) Sonntag den 14. ds. im Kongrcßbureau, 9. Bez., Türkenstraße 9, Vortrag des Kollegen Samuel Strauß: „Altneuland" von Theo-- dor Herzl. Beginn präzise halb 6 Uhr abends. Gäste (auch Damen) willkommen. — (Zahlstelle Brigitte n au.) Samstag den 13. ds. im Cafe Kämpf, 20. Bez., Jägerstraße 18, wichtige Sitzung. Vollzähliges und pünktliches Erscheinen aller Kollegen unbedingt erforderlich. Zuschriften (Beitrittsanmeldrmgen) übernimmt Kollege Moriz Tolcziner, 20. Bez., Jägerstraße 18. Jüdischer Verein jugendlicher Arbeiter. Das Gründungskomitee der Ortsgruppe „Brigittenau" veranstaltet Sonntag den 28. ds. im Saale ^des Cafe Neptun, 20. Bez., Mathildenplatz 7, eine gemütliche Märkabäerfeier mit Festrede, krnsten und heiteren, musikalischen und Gesangsvorträgen usw. Die Musik besorgt die Kapelle Goldner. Beginn halb acht Uhr abends. Garderobe frei. Eintrittskarten zu 40^Heller sind im Vorverkauf zu haben im 1. Bezirk: Cafe Börse, Wipplingerstrnße 36, 2. Bezirk: in der Administration des „Jüdischen Völksblatt", Leopoldsgasse 49. Cafe Blnmschein, Untere Augärtenstrahe 19, Papierhandlung Dora Böhm, Kl. Pfarrgasse 4, 9. Bezirk: Kongreßbureau, Türkenstraße 9, 20. Bezirk: Cafe Neptun, Mathildenplatz 7, Cafe Waßner, Klosternenlnirgerstraße 16, Restaurant Gerber/Treustraße 12, sowie bei sämtlichen Ausschußmitgliederu. Wochen-Programm der Jüdischen Toynbee-Halle, 20. Bezirk, Karajangasse 20: Sonntag den 14. Dezember: Rektor Dr. Adolf Schwarz: „Die Frauen der Bibel", Montag den 16. Dezember: Ernst Müller: „Tatsachen aus dem Gebiete der neueren Elektrizität", Dienstag den 16. Dezember: Diskussion über „Frauenberufe", Mittwoch den 17. Dezember: Gustav Sicher: „Geschichte des jüdischen Volkes im Altertum",- Donnerstag den 18. Dezember: Sil Vara (G. Silbercr): „Theodor Herzl", 8. Dichterabend, Freitag den 19. Dezember: Dr. G. M. Mehrer: «Bibel, Erklärung der Sidra", Samstag den 20. Dezember: Konzert. — Anmeldungen zu Borträgen beliebe man zu richten an Dr. I. Sadger, 9. Bezirk, Liechtensteinstraße 16. Mädchen- und Frauen-Vercin „Bikur-Charilim". Am letzten Sonntag, den 7. Dezember, fand im Sitzungszimmer der Kultusgemeinde ein Vortrag des Herrn Dr- Martin Engländer über „Die auffallend häufigen Krankheitserscheinuugen der jüdischen Rasse" statt. Mau weiß, mit welcher Klarheit und jedem Zuhörer verständlich, der Redner gerade dieses Thema beherrscht, und wenn auch im allgemeinen durch die bekannte Broschüre weiteren Kreisen nicht mehr fremd, wußte der Redner doch durch bis dahin unbekannte Details neuerer Forschungen die zahlreiche Zuhörerschaft bis zu Ende des einstündigen Vortrages zu fesseln. Diese neuen Forschungen, die jedoch als abgeschlossen noch nicht zu betrachten sind, beziehen sich auf gewisse Hautkrankheiten, an denen die jüdische Rasse mit einem sehr hohen Perzentsatze beteiligt ist. Allgemeiner Beifall belohnte die überaus lehrreichen Ausführungen. B. Erster Wiener jüdischer Turnverein. Am 22. Nov. d. I. fand im Hotel Central der diesjährige Eröffnungsabeud des Vereins statt unter zahlreicher Beteiligung von Mitgliedern uW> Gästen. Nach Begrüßung der Anwesenden durch den Obmann Dr. Werner wurde dem 1. Ehrenmitgliede des Vereins, Herrn Fabrikanten Hermann König das von dem bekannten Künstler C. I. Pollak gemalte Ehrendiplom überreicht. Von den Aufführungen seien besonders erwähnt ein Vortrag des Cello-Virtuosen Herrn Reichner, dann Liedervorträge der Frau Adler und der Bortrag eines dem Vereine von Herrn Direktor Ploivitz gewidmeten Turnermarsches, vorgetragen vom Komponisten. Nach der Aufführung einer gelungenen turnerischen Pantomime durch Mitglieder des Vereines, die stürmische Heiterkeit erweckte, begann ein animiertes Tnnzkränzchen. Der nächste Vereinsabend ist für Mitte Jänner in Aussicht genommen. Wien. Der „Allgeucei ic jüdische Arbeiterverein" veranstaltet Samstag den 27. Dezember im Prachtsaale des „Hotel Central", 2. Bez., Taborstraße 8, eure große Makkabäer-Feier unter Mittvirkung hervorragender Kimstträfte mir anschließendem Tanzkränzchen. Beginn 8 Uhr ale.rds. Eintritt 1 Krone. Koscheres Buffet. Karten sind zu haben:?0i der Redaktion des „Jüdischen Volksblatt", 2. Bez., Leopoldsgaissse 49, Cafe Blumschein, 2. Bez., Untere Augartenstraße 19, Cafe Ignaz Herz, 2. Bez., Zirkusgassc 50, Cafe Jägerhof, 9. Bez., Porzcllaiigasle 22, Cafe „Zrir Börse", 1. Bez., Wivplingerstraße 45, Restauration Hacker, 2. Bez., Große Pfarrgasse <i, bei Herrn Jacob Priefer, Friseur, 2. Bez., Kleine Schiffg. 20, Herrn Josef Steinlstiußer, Friseur, 2.Bez.. Ob. Donaustrnße 77 und Große Schiffgasse 10, Herrn C. Brod, 9. Bez., Rothe