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Jüdisches Volksblatt · 1902-12-12 · 50 (12.12.1902) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12. Dezember 190? Nr. 50 greifen, wenn nur nicht unsere Jugend hätten und sehr arme, aber auch sehr moderne Juden. Wer diese Jugend kennt, dem lacht vor Freude das Herz im Leibe. Wie hat sich schon J>er gewaltige Regenerationsprozeh, die mächtige Renaissaireebewegung des Judentums vollzogen. Wer nur einmal bei einem grossen Kommers der nationalen Fugend war, wer mtr einmal die Flammenreden und die mächtige Begeisterung aus sich hat wirken lassen, wird, selbst wenn er Gegner ist, sich des Eindruckes nicht erwehren können, daß hieLeine neue, gewaltig sich erhebende Zukunst heranrauscht. Und nicht nur der nationale Gedauke wächst, sondern auch die „soziale Einsicht". Immer mehr Juden der untern Volksklassen, die bisher teilnahmslos letharghch beit Dingen zusahen, werden aus ihrem dumpfen Brüten emporgerüttelt und merken bald, daß es für sie nur eine Parole gibt: Das kapitalistische antinationale Judentum, das ist der Feind. Darum ist uns nicht bange, das assimilatorische Judentum möge da bic Galgenfrist noch lustig ausnützen, die kurze Spanne Zeit wird rasch vergehen, man kann mit mtreinen Wahlen und Machtmitteln aller Art Scheinerfolge auf Scheinerfolge häufen, die Macht einer Idee, das hat die Entwicklung der Sozialdemokratie bewiesen, läßt sich nicht aufhalten. Der national-soziale Gedanke wird und muß im Judentum Wurzel fassen, dann wird auch die Zeit kommen, wo in keinem Parlament der Welt mehr das Wort »Juden rraus" erklingen wird. Don der Geileralimsauliklnilg des Jüdischen Volüsnereines. Am 10. d. M. fand im Festsaale des „Jüdischen V ol ks v er ein e s" die Generalversammlung des „Jüdischen Volksvereines für den II. Bezirk" statt. Vorsitzender Richard Rappaport eröffnet die Versammlung und konstatiert die statutenmäßige Beschlußfähigkeit der Versammlung. ( Nach dem mit großem Beifall aufgenommene Tätigkeitsbericht des Sekretariates beantragte Herr Heller, dem abtretenden Vorstande das Absolutorittm zu erteilen; wird einstimmig angenommen. Bei der hierauf erfolgten Vorstandswahl werden folgende Herren einstimmig gewählt: Präsident Richard Rappaport; Vorstandsmitglieder: Hermann P l a s ch k e s, Dr. Carl Lifczis, Marcus Hernfeld, Leo Drublowiez, Dr. Gustav Braun, Sigmund Fried mann, A. Bojko und Dr. Arnold Ascher. Richard Rappaport erklärt, die auf ihn gefallene Wahl anzunehmen. Die Hauptaufgabe des Vereines ist die Organisation des Judentums, dem Judentum kann nur durch das Judentum^ selbst geholfen werden. Zum Schluffe wird den ausgeschiedenen Ausschußmitgliedern für ihre Wirksamkeit der Dank votiert. Nachdem noch einige interne Angelegenheiten besprochen wurden, wurde die Versammlung geschlossen. Dem Tätigkeitsberichte entnehmen tvir folgende Daten: Der Jüdische Volksverein hat im verflossenen Jahre ebenso wie in den früheren, durch seine Tätigkeit bewiesen, daß er für die Inden Wiens und Oesterreichs ein nunmehr unentbehrliches Bedürfnis geworden ist. Den Prinzipien, welche den Gründern des Vereines zur Zeit der Vcreinsgrüirdnng vorschwebten, treubleibend, lvar der Jüdische Volksverein auch im abgelanfenen Geschäftsjahre ein selbstloser Berater derjenigen, die seines Schutzes bedurften. Als politischer Verein hat der Jüdische Volksverein auch im abgelaufenen Jahre, keine politische Frage, welche die Interessen des Jlldentums auch nur im geringsten tangiert, voriiberziehen lassen, ohne, seiner Pflicht entsprechend, das Judentum in einer jelm'ilig geeigneten Form über die vorliegendett Fragen aufznllären und für ihre Haltung in derselben richtunggebend zu sein. So verweisen wir auf die Aktion des Vereines anläßlich der letzten Gemeiuderatstvahl, auf unsere Stellungnahme zu den LandtagStvahlen und auf unser Eingreifen in die eben abgelanfenen Kultuöwahlen. In allen diesen Fällen hatte der Verein eine sehr schlvere, in den meisten Fällen undankbare, aber stets ideale Aufgabe zu erfüllen: Das Judentum ans seiner Indolenz aufzurütteln und diejenigen, welche ihren Jndifferentisnnis ablegten, in Bahnen zu lenken, auf denen allein das Heil des Judentums zu erhoffen ist. Hat der Jüdische Volksvereiu auch sein Ziel sicherlich noch nicht erreicht, so kann er jedoch mit Beruhigung behaupten, daß cs ihm gelungen ist, das jüdische Nationalbewußtsein, das Jahrzehnte hindurch schlummerte, zu erwecken, die politischeil Streitfragen genau abzrigrenzen, mit einem Worte, das Judentum zu neuem Leben zu erzwecken. Und daß uns dies im vollen Maße gelungen ist und daß es mir von dem weiteren Ausharrcn bei unserer Fahne und von der Unermüdlichkeit im Kampfe gegen unsere äußeren und iimeren Feinde abhängt, das vorgestcckte Ziel: die Wiedergeburt des jüdischen Volkes, die Anerkn'nung der Gleichwertigkeit des Judentums, vollständig zu erreichen, beweist zum Teil das stete Anlvachsen unserer Anhänger, so oft wir in eine politische Aktion cintreten und ferner die Tatsache, daß die bestehenden großen Parteien auf allen politischen und 'nlturellen Gebieten uns bereits als einen Faktor betrachten, mit dem >:e im politischen Kampfe rechnen müssen. Ewig denkwürdig und bedeutungsvoll bleibt für die Geschichte und die Weiterentwicklung unseres Vereines der 8. Jänner 1902, an welchem die K.mseccnz der, aus allen gleichgesinnten Vereinen entsendeten Vertranen-männer sich über ein Programm geeinigt hat, welches zufolge seines Ernstes und seiner Durchführbarkeit, die Anerkennung aller wettüchrigen Politiker gefunden hat. Durch die Annahme und Anerkennung dieses Programmes wurden wir zu einer großen österreichischen Partei, deren Clellunguabme in den einzelnen politischen Fragen von niemandem übersehen werden darf. Das Programm wurde auch von unseren Anhängern in der Provinz angenoumen und haben sich auf Grund desselben folgende Provinzvcreine gegründet: Der Jüdische Volksvereiu in Proßnitz, Czernowitz, Wteliczka, Rzcszow. Die Vereine sind wackere Vertreter des modernen nationalen Judentums in ihrer Gegend und haben sich trotz des größten Widerstandes, dem sie bei ihrem Entstehen und ihrer Agitationsarbeit begegnen mußten, heute schon die Achtung aller politischen und sozialen Faktoren zu erringen gewußt. Dieser enge Zusammenschluß aller uns gleichgesinnten Juden Oesterreichs auf Grund des oben angeführten Programnus hatte logischerweise die Bildung eines Parteiausschusses zur Folge, dem der Verkehr zwischen Zentrum und Provinz, das Ergreifen der Initiative bei eventuell notwendigen Aktionen der Gesamtpartei, kurz die Leitung der Partei, obliegt. Die immer mehr erkannte Wichtigkeit der Kultusgemeinde für das Judentum überhaupt machte cs notwendig, daß dem jüdischen Gemeinleben eine besonders große Aufmerksamkeit zugewendet werde, um nötigenfalls eingreifen zu können. Diese Aufgabe wurde einem .Kultusausschusse zugewiesen. In diesen Ausschuß hat auch unser Verein naturgemäß Vertreter entsendet. Von großer Wichtigkeit siir die friedliche Lösung unserer politischen und wirtschaftlichen Aufgaben ist die Ihnen seinerzeit bekanntgegebene Verständigung mit der zionistischen Partei Oesterreichs, welches ein einträchtiges Zusammenwirken beider Gruppen garantiert. Vortragsabende. Unsere Mitwoch-Abende erfreuen sich einer allgemeinen Beliebtheit. Von den Vorträgen, welche in der verflossenen Saison gehalten wurden, heben wir besonders die folgenden hervor: Am 13. November 1601 sprach Herr Dr. Ludwig Lazarus über die Humanitätsprinzipien in der Gesetzgebung Israels; am 20. November las Herr Adolph Donath eigene Dichtungen vor; am 27. Noveinber hielt Herr Luzia» Brunner einen Vortrag „lieber Judentum und Kliltusverwaltinig"; am 4. Dezember Herr Dr. Carl Lifczis „lieber Napoleon 1. und die Juden"; am 15. Dezenwer Herr Redakteur Adolf Gelber „Ein Voltairianer im 20. Jahrhundert"; am 16. Dezember Herr Dr. Paul Weisengrüu „lieber daß soziale Element in der Judeufrage"; am 8. Jänner 1602 Herr Dr. Oscar Hein „lieber das neue Heimatsrecht"; am 15. Jänner Herr Hofrat Josef Kareis „lieber die Wiundcr der Neuzeit"; am 22. Jänner Herr Dr. Leo Sofer „lieber jüdische Kunst"; am 29. Jänner Herr Richard Rappaport „Streiflichter zum Programm"; am 5. Feber Herr Dr. P. C. Chajes „lieber die indischen Juden"; am 12. Feber Herr Dr. Paul Weisengrüu „Gibt es eine Judenfrage?"; am 26. Feber Herr Baurat Wilhelm StinßiUi „Heber jüdische Museen", mit Demonstration^: anr 19. März Herr Ingenieur Isidor Lötveubein „lieber Wunder der Zukunft", mit Demonstration; am 26. März Herr Dr. Jacob Kohlt „Heber Dr. Rosenmanns jüdische Realpolitik". W V i/U 11/ l » | Uj ' v tv V» vl IV» .Das Rechtsschutzbureau unseres Vereines ist heute, nicht nur in Wien und in ganz Oesterreich, sondern auch eine im Auslande, rühmlichst bekannte Institution. Stets zugänglich für jeden Juden, dem ein Unrecht widerfahren, ist unser Rechtsschutzbureau eine Zufluchtsstätte der vielen Armen und Aermsten unter den Juden gc- Ivordeu, die, nicht in der Lage, einen Rechtsschutz zu bezahlen, sehr oft durch unseren Rat und unsere Intervention vom vollständigen Ruin gerettet werden. Gar mancher hat unserem Rechtsschntzbureau und dessen selbstlosem Leiter, Herrn Dr. Carl Lifczis, seine wirtschaftliche Existenz zu verdanken. Die Heiniatsrechtabteilung unseres Rechtsschutzburearis, welches sehr oft die kompliziertesten HeiinatSrechtsfragen 31t lösen hat, ist zur segensreichsten jüdischen Einrichtung geivorden, tvelche seit ihrem Bestände schon tausenden indischer Familien zu einem Heimatsrecht und dadurch zur Möglichkeit, sich zu erhalten, verholfcn hat. Im verflossenen Jahre selbst tvurden durch uilser Rechtsschutzbureau rund 800 Eiiireichuiigcn zur Erlangung - des Heimatsrechtes besorgt und waren rund 250 Rekurse an die oberen Behörden notwendig geworden. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß von den eingereichten Gesuchen iiach langen Irrfahrten durch die verschiedenen Instanzen, im ganzen 180 günstige Erledigimgen erfolgt sind. Die Auffassung des Verivaltungsgerichtshofes in der Heimatsrechtsfrage ^.?lu^ö.nder berechtigt jedoch zur Hoffnung, daß die mit großer Muhe, Zeltvcrsaumnis und Geldovfcrn verbundene Arbeit unseres Rechtsschutzbureaus in Zukunft von noch größerem Erfolge begleitet sein wird. Die V 0 l k s l e s e h a l l e u n d -Bibliothek. Diese beiden Einrichtungen haben sich im Laufe der Zeit als brlderrde und erzieherische Faktoren für unsere unbemittelten Stammesgenossen ru Wien eine große Popularität errungen. Leider sind ste noch immer die einzigen ähnlichen Institutionell unserer Stadt geblieben. Das beste Zeugnis für die Beliebtheit und die Notwendigkeit einer jüdischen Volkslesehalle liefert wohl die Tatsache, daß unsere Lesehalle täglich von 80 bis 100 solcher Stammesbruder besucht wird, welche früher nicht wußten, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen sollten und mangels einer Möglichkeit und besseren Gelegenheit sich geistig sortzubilden, in Jndifferentismus verfielen und nicht selten dem Judentrnn vollständig abgewerrdet wurden. In der Volkslesehalle liegen täglich 84 Blätter auf, hiervon sind 12 Tagblätter. 38 der aufliegenden Blätter beschäftigen sich ausschließlich mit jüdischen Angelegenheiten. In Bezug auf die Sprache, in welcher die aufliegenden Blätter gehaltcii siiid, verteilen sich dieselben folgeuderniatzen: 47 deutsch, 6 Jargon, 6 hebräisch 6 polnisch, 6 böhmisch, 1 französisch. 1 imgarisch, 3 rumänisch. 3 englisch, 2 kroatisch, 2 italienisch, 2 ruthenisch. Die Bibliothek umfaßt 700 Bände mit Werken ans allen Gebieten der Wissenschaft und der schönen Literatur. Die Bibliothek wird von unscreii Mitgliedern sehr stark in Anspruch genommen. Wir nehmen mit Freudeii die Gelegelcheit wahr, sowohl allen Herren, welche in unserem Vereine Vorträge hielten, sowie den Redaktionen, welche unserer Lesehalle die Gratiszusendung oder eine Preisermäßigiiug ihres Blattes gewährten. ferner den Spendern unserer Bibliothek, unseren wärmsten Dank auszusprecheti Besonderen Dank verdient auch der Leiter unseres Rechtsschutzbureaus, Herr Hof-. und Gerichtsadvokat Dr. Carl Lifczis, der allen unseren Stammesgenossen, die unser Bureau in Anjüdischen Leben, das ist der Inhalt neuhebräischer Literatur, welche sich von der Assimilations - Atmosphäre emanzipiert hat. Und die Sprache begann den romantischen, modrigen Anstrich des biblischen Hebräisch abzustreifen und sich auf die spätere Golusperiode zu stützen. Je mehr sich der nationale Geist in der neuhebräischen Literatur stärkte, desto mehr entfernte sich das Neuhebräisch vom biblischen und näherte sich immer mehr dem hebräischen Jargon der talmudischen und p a j t 0 n i s ch e n Periode. In Konsequenz dieser Entwicklung müssen wir auch den letzten Schritt tun: nämlich vom hebräischen Jargon zum jüdischen, welcher unserem Charakter und unserem Herzen viel näher ist als der hebräische. Der hebräische Jargon siegte über das biblische Hebräisch durch seinen verhältnismäßig modernen jüdischen Geist, so muß auch der jüdische Jargon den hebräischen überwinden, weil er lebendiger und moderner ist als der letztere. Die jüdische Moderne bringt jener prähistorischen, romantisch-hebräischen Seele wenig Interesse entgegen, uns interessiert die jüdische Seele von gestern und heute, die sogenannte Golusseele, und der einzig richtige Ausdruck dieser Seele ist nur der Jargon. Die jüdische Seele als Mumie für Museen und Archive kann man im Hebräischen finden, die jüdische Seele aber, wie sie lebt und webt, darf man nur im Jargon suchen. Den Reichthum und die Armut, die Krankheit und die Frische, die Naivität und die Schlauheit der jüdischen Seele in ihrer Bereinigung wie in ihrem Sonderdasein sind nur im hebräischen Jargon zu finden. Den Jargon vernichten, hieße das letzte Jahrhundert unseres jüdischen Lebens aus unserer Geschichte ausmerzen! Ein Unding, das nur Historiendichtec oder wilde Phantasten zu erfinden imstande sind. Das Judentum der Propheten ist mir ebenso fremd und so neu, wie meinem Nachbarn, dem Christen. Was in uns Juden von jenem hebräischen Judentum lebt, haben wir in unseren jüdischen Jargon übernommen und das, was wir nicht in den Jargon übernommen haben, das ist schon lange in uns abgestorben. Jeder Versuch, es künstlich wieder zu beleben, wird nur die Verstümmelung der jüdischen Seele im Gefolge haben. Wenn ich Jude bin, so bin ich es nur deshalb, weil ich mit allen meinen Fasern am Golusjudentunr hafte, und wenn man mir zumuten will, den Jargon aus meiner Geschichte auszustreichen, das heißt, auf die letzten Jahrhunderte meines Lebens zu verzichten. Dann wird es mir ein Leichtes sein, die Judeufrage durch die Assimilaliou zu lösen. Denn das kann ich nicht genug betonen: das alte Museum-Judentum kann unseren Untergang nicht aufbalten, die Fäden, welche es mit uns verknüpfen, sind zu schwach, zu wenig widerstandsfähig. Ich bin Nationaljude, das heißt, ein Jude, der mit der jüdischen Vergangenheit und mit der jüdischen Zukunft gleich innig verbunden ist. Ich bin ein Jude, dessen jüdisches Bewußtsein mit seinem Religionsbewußtsein nicht identisch ist und als solcher empfinde ich das Hebräische als Religionssprache und den jüdischen Jargon als Nationalsprache. Der Jargon hat schon viele Herzen erobert und man anerkennt ihn als wirksames Mittel zur Propaganda unter der jüdischen Masse. Nicht lange wird es dauern, daß dieses Mittel zum Selbstzweck werden wird, denn dies ist im Wesen der Sache selbst begründet. Jedes Buch, das im Jargon erscheint, ist ein Todesstoß für die hebräische Sprache. Wenn der Jargon zu seinen ihm innewohnenden Kräften noch den literarischen Schnitt annehmen wird, dann wird er mit Leichtigkeit die hebräische Sprache selbst aus der Schule verdrängen. Das fühlen die fanatischen Anhänger des Hebräischen sehr wohl und deshalb befällt sie jedesmal eine unbändige Wut, wenn ein neues Erzeugnis der Jargon- Literatur erscheint. Und sie haben allen Grund, diese Erscheinungen zu fürchten, denn jedes neue Buch bringt neues Leben und jeder neue Autor frische Kraft. Ich sollte eigentlich alle Argumente widerlegen, welche man gegen den Jargon vorbringt; aber sie sind so wenig stichhältig, daß ich absehe, sie überhaupt in Erwägung zu ziehen. Kann man etwa den Einwand ernst nehmen, der Jargon sei keine Sprache, weil er keine Grammatik habe, oder der Jargon sei keine jüdische Sprache, sondern ein verdorbenes Deutsch? Nur blinde Bosheit kann mit solchen Mitteln argumentieren. Nicht die Grammatik macht die Sprache, sondern die Sprache macht die Grammatik und als solche hat auch der Jargon seine Grammatik, wenn sie auch noch nicht in ein System gebracht ist. Nicht einzelne Worte machen eine Sprache, es ist der Geist, welcher die Worte verbindet und belebt. Und dieser Geist im Jargon ist nicht etwa ein verdorbener deutscher, sondern ein spezifisch reiner jüdischer Geist. Das dritte Argument gegen den Jargon, daß ihn die spanischen Juden nicht verstehen, ist ebensowenig stichhältig, wie die ersten. Höchstens einige hunderltansenv Juden verstehen Hebräisch, und doch will man uns diese Sprache als Nationalsprache aufzwingen, und doch fordert man, daß die restlichen 10 Millionen Inden Hebräisch lernen sollen. Der Jargon aber wird von 10 Millionen Juden verstanden und gefühlt, und man fürchtet sich, ihn als Nationalsprache anzurrkennen, weil einige hunderttausend Juden ihn nicht verstehen. Wie ich schon eingangs erwähnte, wollte ich keinen polemischen Artikel schreiben; ich wollte nur die Diskussion über diesen Gegenstand, der mir am Herzen liegt, anregen. Wie und was man meiner Ansicht nach im Jargon schreiben oll, dies zu zeigen, behalte ich mir bei einem künftigen Aufsatze vor. l.a patologia comparata negli Ebrei. In einem bemerkenswerten Artikel der „Rivista critrca dr Clinica Medien" macht Dr. Ludwig S i l v n g n i Mitteilungen über Unterschiede in der Ernpfänglichkeit für Krankheiten zwischen Juden und Nichtjuden. Es dürfte unsere Leser interessieren, einiges ans diesem Artikel, soweit dies für nichtärztliche Mitglieder geeignet erscheint, zu erfahren. Bon Jntereffe erscheint zunächst die Tatsache, daß die Juden überall eine längere Durchschnitts-Lebensdauer als die übrige Bevölkerung haben. So ist z. B. in Budapest die mittlere Lebensdauer bei den Christen 2V, bei den Inden 37 Jahre; für London sind die entsprechenden Zahlen 36 und 49. Aehnliche Berhältniffe gelten überall, für Preußen', Holland, Nord-Amerika, selbst für Rumänien, trotz des Elendes, in dem die Inden daselbst leben. Auch gegenüber Mohamedanem, so in Algier, ist die Sterblichkeit bei den Inden geringer als bei der Bevölkerung von anderem Stamme. Für sein eigenes Vaterland konnte Silvagni einen derartigen Unterschied nicht Nachweisen; in Italien wird nämlich in den Sterbelisten kein Vermerk über die Religion deö Verblichenen aufgenommen, nur für die Stadt Rom liegen and der Zeit bis zum Jahre 1870 Angaben vor, die ebenfalls die längere Lebensdauer der Juden gegenüber den Christen bestätigen. Die niedrige Sterblichkeitsziffer der Juden erUärt sich zunächst daraus, daß bei ihnen die Kindersterblichkeit sehr gering ist. Silvagni führt hierfür Zahlen aus London und aus Amsterdam an. In London starben l4 Perzent der im Alter von 1 bis 5 Jahren stehenden christlichen Kinder, dagegen nur 10 Perzent bei

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