Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dezember 1803 (13. Kiste» 5663). IV. Jahrgang. iiinnnTniiKTTfTniii Juden ttttßö! In Deutschland hatte der Aritisemitismus schon viel von seiner ehemaligen Kraft verloren. Verschiedene Umstände bewirkten diesen Umschwung der Dinge. Zunächst war es die ungewöhnlich lang anhaltende Prosperitäts-Periode, die eure relative Besserung des Mittelstandes herbeiführte und dadurch gerade diejenigen Volksschichten, welche durch ihre kulturelle und politische Rückständigkeit reaktionärer Stimmungsmacherci anr meisten verfallen schierren, dem Antisemitismus entfremdete. Die Tendenz des Deutschen Reiches, nicht nur nationale, sorrdern auch Weltpolitik zu treiben, die vollkommene Unfähigkeit der antisemitischen Gruppen, zu den Lebensfragen des deutschen Volkes Stellung nehmen zu können, und endlich last not least, der widerwärtige Zank der Parteiführer trugen nicht wenig hiezu bei. Schon wähnte man sich jüdischerseits in die beste der Welten versetzt, schon schien allzu optimistischen Gemütern eine neue Aera „nationaler und politischer Duldsamkeit" sichtbar zu winken, da änderte sich mit einemmale allzuplötzlich das Bild und vom Wachsen des Antisemitismus beginnt die jüdischliberalePresse des preußisch-deutschen Reiches wieder zu leitartikeln. Was ist geschehen? Hat irgend eine deutsche Regierung eine antisemitisch angehauchte Vorlage eingebracht? Haben irgendwo die Antisemiten glänzende Wahlerfolge zu verzeichnen? Nichts von alledem! Zwei Worte, zwei heftige Schmahworte der Reichstagsmajorität sind der äußere Anlaß zu dieser Stimmungsveränderung der stets „optimistisch gesinnten deutsch-liberalen Judenschaft". Es war im Reichstag während der Zolltarif- Debatte. Mit einer anerkennenswerter: Schneidigkeit hatte Paul Singer, ein in Geschäftsordnungsdebatten wohlbewanderter Führer, gerade wieder einen Angriff der konservativ-agrarischen Mehrheit abgewehrt, als der konservative Vize-Präsiident sich erhob und — ein im deutschen Reichstag unerhörter Vorgang — den Abgeordneten Singer von der Sitzung ausschloß. Singer blieb im Saale. Da brach mit elementarer Gewalt die lang zurückgehaltene antisemitische Gesinnung .-der Majorität hervor und die beiden ominösen Worte erschollen wieder und wieder, die beiden Worte, über die schon so viel geleitartikelt worden ist: „I u d e n r r a u s!" Die beiden Worte verraten mehr, als uns die jüdisch-liberale Presse glauben machen will. Der geschmacklose Zuruf der Reichstagsmajorität beleuchtet grell die Feuilleton. Die Wahrheit. Bon Bjvrnfijeue Björuson.*) Verachtet von den Großen, den Kleinen Trost und Licht, Sagt, ist nicht so der Weg, den sich das Neue bricht? Verachtet just von denen, die ihr zur Hut bestellt, Sagt, kämpft nichts ede Wahrheit so mit der stumpfen Welt? Ernst raunt sie, eilt Geflüster in reifer, gold'ner Saat, Dann durch das Waldesdüster braust laut ihr Wortzur Tat, Bis wolkenan erdonnernd das Meer die Kunde rauscht Und alle Stimmen schweigen und ihr die Erde lauscht. *) Anläßlich des 70. Geburtstages im „Simplicissimris" veröffentlicht. Zur Iargonfrage.*) Bon A. Lorrbetzky. Eigentlich ist es eine sonderbare Aufgabe, in einer jüdisch-nationalen Zeitung für den Jargon zu plaidieren. Meiner Ansicht nach sollte die Anerkennung des Jargons als Nationalsprache der erste Schritt der Jüdisch-Nationalen sein. Dies wäre viel notwendiger als mancher andere Punkt des nationalen Programmes. Jüdische Nationalisten, Zionisten, das heißt Juden, welche mit ihrer ,jüdischen Gegenwart eine jüdische Vergangenheit und eine jüdische Zukunft verbinden, sollten eigentlich das größte Interesse an der Verbreitung der jüdischen Sprache haben. Sollten, leider ist es nicht der Fall. *) Wir stellen hiemit diese Frage zur Diskussion, ohne unsere Stellung zu präjudizieren. ' Anm. d. Red. Tiefe der deutschen Volksseele. Mau bedenke nur, es war der Reichstag, auf den die Deutschen aller Parteien so stolz sind, in dem diese Worte fielen, der Reichstag einer Nation, in deren Adern keineswegs südliches Blut fließt, der Reichstag, in dem kalte und stolze Männer sitzen, die sonst mit tiefer Würde sich zu geberden verstehen. Man bedenke ferner, daß Konservative, National- Liberale und Zentrumsleute, so wescnsverschiedene Gruppen also, unisono in dieselbe Melodei einstimmteu und mau wird die Ueberzeugung gewinnen müssen, daß die beschwichtigende Auffassung, welche die allzu optimistisch Gesinnten geschäftig ausstreuen, es handle sich hier um einen unbedeutenden und unwirksamen Zwischenfall, ganz unrichtig und unhaltbar sei. In der Tat, nur der wirtschaftliche Antisemitismus ist in Deutschland tot, maustot. Selbst die Krisis, die man noch in allen Ecken und Enden des gewaltigen Reiches spürt, kann darin nichts ändern. Der ausgesprochen industriell-kapitalistische Charakter des Gesamtstaates hat den alten feudal-agrarischen Bevölkerungsteil in eine reine Defensivstellung gedrängt. Das unmoderne Agrariertum kämpft vielleicht die letzte entscheidende Schlacht, aber wenn auch wider Erwarten der große Versuch eines rückständigen Wirtschaftsgebildes gelingen sollte, zu einen: Agrarierlande wird der Industriestaat' Preußen-Deutschland nimmer werden. Dieser Umstand und der gewaltige Aufstieg des Proletariats genügen zur Erklärung der verzeichneten Tatsachen, aber das Zurückgehen des wirtschüftlichen Antisemitismus vermochte keineswegs den gesellschaftlichen und Rassen- Antisemitismus zurückzudrängen. Der Antisemitismus, als große psychologische Kraftz als „Elementar-Unterströmung", ist eben geraume Zeit in Deutschland nur „latent" gewesen und es bedurfte einer relativ so geringen Veranlassung, wie das Verhalten des Abgeordneten Singer, um alte Antipathien mächtig emporlodern zu lassen. Was lehrt uns dieser „scheinbare" Zwischenfall, der zu einen: bei objektiver Betrachtung so wichtigen Ereignis führte? Er lehrt uns zunächst, daß, wenn in einem so geordneten, wirtschaftlich so kräftig vorwärts strebenden, verhältnismäßig so geringe Judenmassen enthaltenden Staate der Antisemitismus noch so kräftig lebt, wie mächtig derselbe erst in andern national zerklüfteten, von vielen tiefen Gegensätzen bewegten, von Juden dicht bevölkerten Ländern sein muß. Und zu einer zweiten Lehre drängt von selbst eine objektive Betrachtung des Ereignisses, zu der Lehre nämlich, daß die Juden es In Wirklichkeit wetteifern viele Nationale mit den Assimilanten in ihrem Haffe gegen den Jargon. Es mag unglaublich erscheinen, aber es ist Tatsache; Renaissance-Juden verachten und verfolgen den jüdischen Jargon nicht weniger, wie die abgetanen Religions- und Assimilations-Juden. A ch ad H a a m, dieser gesunde klare Verstand, dieses ruhige Temperament, welcher nie seine besonnene Höflichkeit verliert, selbst wenn er gezwungen ist, längst gestorbene, längst verweste Leichen zu begraben, selbst Achad Haam verliert seine Ruhe, wenn er auf den Jargon zu sprechen kommt (im ersten Jahrgange des „Jud* unter dem Pseudonym Adam) und wütend schüttet er seine ganze Verachtung auf den unglücklichen Jargon. Ich will keinen polemischen Artikel schreiben, denn es ist mein Zweck, über diese Frage, welche mir so am Herzen liegt, eine Diskussion anzuregen. Den Jargonhaß haben wir östlichen und westlichen Nationaljuden als Erbe von den Assimilationsjuden übernommen und auch die Renaissance der althebräischen Sprache haben wir diesen Scheinjuden zu verdanken. Einem Volke Selbstmord und Selbstverachtung predigen kann man nur in einer fremden Sprache, in einer Sprache, welche zum Recht und zur trockenen Vernunft spricht, aber keinesfalls in seiner Muttersprache, daS heißt, in jener Sprache, welche zum Herzen, zum Empfinden spricht. Wenn die alten M a s k i l i m unter das Volk gingen, um ihr AsiimilationSw-rk zu vollenden, haben sie sich nicht umsonst der Landessprache und des Hebräischen bedient; sie wußten, was sie taten. Ihre Assimilationspredigten im Jargon wären ein Absurdum gewesen. Sie wußten wohl, wenn sie im Jargon geschrieben härten, hätten sie den jüdischen Geist neu aufleben gemacht. Nur in den fremden Sprachen haben sie dem Volke ihr Todesgift zuführen können; denn diese Sprachen waren und sind noch heute der großen jüdischen Masse ein fremdes Idiom. Das jüdische Herz durch die Vernichtung der jüdischen Gefühlssprache zu vergiften, das ist das Mittel, das die Assimilanten zu benützen verstanden. Haß endlich einmal aufgcben müßten, als Nichtjuden sich politisch zu betätigen, daß ihr Vordrängen in nichtjüdrsche Parteien und Gruppen sowohl dem Judentum rvie der gerechten Sache schadet, daß nur die Verbreitung der nationalen Idee unter den Juden den: Antisemitismus, ürsoweit er psychologischer und nicht wirtschaftlicher Natur ist, Einhalt tun kann. Wer sich stolz zu einer Nationalität bekennt, wer aushört, ängstlich ber jeden: Rufe „Juden" sich umzuschanen, wer Selbstbewußtem hat, der wird nur in den seltensten Fällen ob seines stolzer: Nationalbeker:ntnisses verhöhnt und gcbrandmarkt. Nur wein: der Deutsche von der Minderwertigkeit des Tschechen spricht, nur wer::: der Tscheche die deutsche Kultur angreift, werden die Bezeichrumger: „Deutsche und Tscheche::" zu Schimpfwörter:, nur wenn man provozierst wird n:an als national bewußter Mann angegriffen. Diese einfache Wahrheit verkündet und sie so oft' variiert vorgetrager: zu haben, daß uns kaum eine Variante zu sagen übrig bleibt, das war und ist in den Augen der assimilatori'schen Judenschaft unser größtes Verbrechen. Wir habe::, so heißt es, durch unser „ stolzes Bekenntnis des Nationalismus den Gegner erst auf die richtige Fährte gelenkt. Soll n:an obsolcher Angriffe nicht verzweifeln, soll man mit- Gegnern noch argumentieren, die nicht einsehen wollen^ daß schon allein ihr stetes Starmen über den „noch bestehenden Antisemitismus" die elementare Verkennung des Volkscharakters der arischen Nationen bedeutet? Soll man sich in einen wissenschaftlichen Kan:pf einlasser: mit dem offizieller: Judentum, welches stets bereit ist, die Worte: „Ihr seid die Unterstützetder Antisemiten!" ur:s entgegenzuschleudern und ebenso bereit sind, die antisemitische Presse zu unterstützen? Sollen wir ur:s in eine ernste Polemik einlassen nrit Leuten, die r:ur vor: einem Kultus sprechen, sich nur als Formjuden fühlen, ohne jemals in die Synagoge zu gehen? Sollen wir das assimilatorischenJudentum ernstlich darüber belehren, daß die großen Herren, die den Antisemitismus durch die seltsame Art, durch die sie ihr Geld erworben haben, erst geschaffen, auch „soziale Pflichten" gegen die Enerbter: ihrer Nation haben? Sollen wir, die wir scharfe Worte gebrauchen müssen, weil die Herren ja doch einmal die akademische Diskussion nicht begreifen, uns sagen lassen, daß wir durch unsere unvornehme Kampfesart die geringe Nachgiebigkeit im entgegengesetzten Kampfeslager verursacht haben? Gegen solche Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens! Und schier würde ur:s Verzweiflung crgegen den Jargon! Das war ihr erstes und letztes Wort- Und dieses Gift hat leider seine Wirkung auf uns nicht verfehlt, selbst auf uns Nationale, denn auch manche Nationale Haffen den Jargon. Diese Maskilim begannen hebräisch zu schreiben, aber was für ein Hebräisch! Ihr Hauptziel ist, den Juden von seiner Gegenwart und von seiner Vergangenheit, aus welcher seine Gegenwart hcrvorgegangen ist, heraurznreißen. Sie wollten das Judentum auf eine alte, längst verstorbene Vergangenheit reduzieren; und angelangt an diesem Punkte, mußte es eine leichte Sache sein, das Judentum in daS Nirwana hinüberzubringen. Inhalt und Sprache der Maskilim- Literatur haben dieser Aufgabe zugestrebt. Von jüdischen Zeitfr a g e n oder von GoluS-Landschaften hat die Bikureitim-Literatur im Westen oder der Anfang der Haskala-Literatur im Osten nichts zu erzählen gewußt. Der Inhalt dieser Literatur sind Bibel-Kommentare und idyllische Romane aus der biblischen Zeit und Landschaftsmalereien ans den Zionsbergeu. „Das Judentum sollte ein biblisches Judentum sein, damit der jüdische Lebensnerv vernichtet werde." Denn ein solcher Inhalt hat auch den paffenden Ausdruck gefunden, in einem echt biblischen Hebräisch. Das Hebräisch der Mischna, des Talmud und der Kajkonim war ihnen verhaßt, weil dieses Hebräisch lebendiger ist und lkbhafter zum Bolksgeiste spricht. Ein strenges biblisches Hrbräisch begannen sie zu schreiben. Mit einem Striche wollten sie achtzehnhuttdert Jahre jüdischer Entwicklung vernichten. Ein biblisches Judentum wollten sie haben, um das Judentum dem Grabe näherzubringen. Der moderne Nativnaljude mußte eine Literatur mit dieser Tendenz bekämpfen. Er mit seinem Nationalmstiukt mußte empfinde», daß dos jüdische Leben gerade in der uachbiblischen Golusperiode wurzelt. Daher war sein erstes Bestreben, eine entsprechende Literatur zu schaffen. Keine Bibelkommentare, keine idyllischen Romane aus der Bibelzeit, nein, jüdische Lebenskommentare und Romane aus dem mode r u e n ■