Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag JiMisehes Volksblau 5. Dezember 1902 Nr. 49 §uug des Zaren gestattet. Das Gesetzprojekt mit den detaillierten Erläuteruugeu ist bereits den einzelnen Ministerien zur Begutachtung übersandt. Es ist selbstverständlich — bemerkt dazu das gekannte Blatt — das; die erwähnte Atasjnahme j\n Falle ihrer Verwirklichung oou wesentlichen Erleichterungen für Juden bezüglich ihrer vorher erlassenen Bestimmung, die beut Finanzmimster das R'echt einräumt, nach U.ebercinknnft mit« dem Minister des Aentzern. oiZenigen Aktien und Obligationen zu verbieten, deren Einfuhr den ^taatsinieresseit zuwiderläuft. Die Lehren der Statistik. Der „Neichsbote" beschäftigt sich dle.'in seiner Nr. 220 mit der Statistik Badens, ans der hervorgeht, : -i.-r,. r.x |gQQ bf-tt Protcstaw- Wohnberechtigung begleitet sein! daß die Kapitalrenteiistclier-Kapitalicn sich 10 - '■; teil ans rund 738, bei den Katholiken auf 471'/-, bei den Juden TDl10' . { ans 142'/2 Millionen Mark belief und das fromme Pastorenblatt Bei den LandtagAwahlen irr Hessen haben dle Antt-i sich naturgeniäß in erster Linie sehr bennrnhigt von dem Wirtsenritsn das Mandat für Dlebnrg-Großumhadt pur der Unenngi fcbaftlidjeit Uebergeivichte des Judentums über beide christliche Konkeit der Gegner zu verdanken. Der Antisemit ist nämlich m diesem, scssioncn. Es konstatiert, daß dieses Uebergewicht „Stoff zuin Wahlkreise schon zum zweitenmale als Vertreter derienigen Partei - Nachdenken" gibt niid fragt: „Ist der Jude wirklich soviel spargewählt worden, die im Kreise am schwächsten ist. Schon vor^ ivirsschaftlieherl arbeitsarner und intelligenter, wie der sechs Jahren kandidierten dort ein Zentrumsmaiin, em Liberaler chxsglichc Delltsche? Liegen hier nicht andere Ursachen vor?" und ein Antisemit. Der erftere erhielt l7, der zweite 14 und der Herauf ist zu erwidern: selbstverständlich liegen andere Ursachen dritte G Wahlmännec hei der Urwahl. Diesrnal erhielt der; bic bcr „Neichsbote" nachgerade auch keiincn sollte. Dr. Offen- Zentrumskandidat 1b, der Liberale 13 und der Antisemit.9 Wahl- ^cher hat in seinem Werke über diesen Punkt bereits geschrieben Männer.^Vor sechs Jahren, wie fftztt „siegle" trotzdem der Antt-1 08): „Eine ganz eigentümliche Stellung im badischen Wirt- .rr"' °‘"'t. .. . .. Jahrhundertelang war semiten und gaben ihren eigenen Kandidaten preis. j Sie lebten sich, durch änderen Zwang veranlaßt, immer mehr in In her lebten Qetf Tieahntt biß Olns-; biese Berufe ein imd es ist kein Wunder, daß sic heute, noch kein ^UvafNta. oev letzten tfett ^gmiu 01^ : Jahrhundert nach ihrer Emanzipation, sich immer noch hauptsächwandernng vufslfchev Hilden nach Subafnra derartige jjarjn itttbcu." Das ist aber nur ein Grund für den un- Dimeusionen anznnehmen, daß in nianchen Gebieten des, erhörten wirtschaftlichen Aufschwung der Inden. Viel wichtiger „Rayons" ganze Städtchen sich in Bewegung setzen, um : sind die Vorteile, die ihnen durch das Anfflackern des Antisemitisdas undankbare (Stief) Mutterland zu verlassen und in das «m, im lchtc» Vier» d°s 1». Iahrhmidc^s in dc» Schob g°- Dr-»r ntfi'ifrfie worfen worden sind. Ans Verwaltung, Justiz (Mit Ausnahme der "S* ^lei-Cf^UÖa 1 la kN1j)UwandevN>. N^okatlntt, Militäritnb Marine-Dienst ausgeschlossen, mutzte sich „Woschob" hat sich nun der dankewswerten Muhe unter- ,bcv %ubc {n Dentschland notgedrungen Handel, Gewerbe und Jnzogen, durch eine Anfrage bei den maßgebenden Behörden - dustrie als Feld seiner Tätigkeit wählen. Die 'Entwicklung der in London und Kapstadt über die von diesen an die Emi- Technik, der, Verkehrsmittel, der Presse führte es Mit sich, daß das o** vvvr;..Mv... 7„ t" ör 1 .- ' .r r~"Z r mir oruraier evewarr oas grogrc rocaanknnioc nnicccr — imp und das speziell für die Auswanderung nach Südafrika gedrängt hat. Parallel damit gehend hat der Antisemitismus ad hoc geschaffene „Permit Office" teilten nun auf Anauch den Juden das Erworbene mit geradezu mütterlicher Sorgfalt frage mit, daß Jedermann, welcher nach Kapstadt anszn- ■ ö}} erhalten gewußt, indem er alle Klippen vorsorglich!vegwcmdvm wünscht. der letztgenannten Behörde, nachstehende (TjRiTK ÄSn'ZL-nL Befcheinigimgen vorzulegen! hat. , „Unterzeichneter be-.. Larfhbringcn, weil ihn die Korps nicht znließen; er sah sich bei scheinigt hierdurch, daß Dorzeiger dieses, N. N., 100 Lstr. j sportlichen Veranstaltungen aller Art meist ausgeschlossen, er konnte besitzt, resp. daß er imstande ist, an Ort und Stelle ange- ' rächt Reserveoffizier werden und war von den zeitraubenden und Tn-rmf fiifi felfiftnnhm länaere fteit m ernähren Der kostspieligen Reserveübungen verschont. Alle schlecht dotierten r ' m •; ’-i ... 0 . , t , Stelen im Post- und Eisenbahnwesen, NN Steuersach, UN Ver- Zweck seiner Reiff nt .... R. R. tzt ans seinem Heimatjyaltungs- und Schuldienst kamen für ihn nicht in Betracht und, lande nicht vertrieben." Diese Bescheinigung muß IM : wenn er hundertmal aus Neigung eine ruhige Staatsstellung vor- Emigrationslande vom englischen Konsul, in England; gezogen hätte — es nutzte ihm nichts, er wurde auf das ,Meer des selbst von einer Amtsperson oder von emem angesehenen Erwerbslebens hiimusgestoßen., Wie so häufig im Völkerleben, onaliscbpn 01in>ner uuterwicbrrot sein Marnus dns Rermit: wurde der Unterdrückte durch seme Unterdrücker groß und rerch geschall "bürg er unterz)elll)nei sem, woraus oas ,, Per MN , a-enn der „Neichsbote" weiter fragt: „Mutz aber em Office" die erbetene Erlaubnis ohne weiteres,gleich erteilt.; solches Uebergewicht jüdischen Besitzes nicht allmählich zu einer Zn raten wäre überdies den Emigranten, die Reise nach Art Schuldknechtschaft und Proletarisierung der christlichen Be- Südafrika mit einem englischen Schiffe zu machen. Leidervölkernng führen und wie ist ihm gesetzlich besser zu steuern?" so ist reicht diese in England erhaltene Erlaubnis nur zur Reis-: >r,m darauf zu -rw,d-m. datz ein Ä»™ •C.-2 x. U, h cm. ’i . -r . o w 1 I semrtlsmus von staatswegen rn ermgen Jahrzehnten rn der Tat bis nach Kapstadt, wahrend zur Wcrterretse tu da» Innere Jjcrt c^uden in Deutschland ein nicht unbedenkliches wirtschaftliches des Landes eine Zweite Erlaubnis der Kapregierung er-' Uebergewicht verleihen könnte, weshalb es sicher nicht mehr lauge forderlich ist. Diese ist aber weit schwerer zu erlangen als i dauern wird, bis gerade von seiten der christlichen Bevölkerung die vom Londoner „Permit Office" und ist für russische t darcms gedrungen werden wird, daß die Inden an den, Lasten der c," '■ Verwaltung, der Armee und der Marme chren persönlichen Anten ^211 23^00röeTt Al^äpstadt so verachteten ^ghen sollen. Neue Gesetze sind hierzu nicht nötig, da nach den Russians, fast gar nicht zu hoben. Dies haben die 16 000; bereits bestehenden Angehörige aller Konfessionen im Staatsrussischen Inden erfahren MÜssejNh welche früher in Trans- \ leben gleiche Rechte und gleiche Pflichten haben, vaal gewohnt und sich für die Dauer des Krieges nach („Das freie Wort".) Capetown zurückgezogenhaben. Trotz aller Mühe können! 21^ Nachfolger für den kürzlich verstorbenen Oberrabbiner. diese Armen, von denen ein großer Teil die früher ge-! der orthodoxen jüdischen Gemeinde Nev. Jnkov Joseph in New-Yvrk; machten Ersparnisse schon längst verzehrt hat, keine Er-! ist Rabbiner Bcrnard Levinthal aus Philadelphia gewählt worden.! lanbnis zur Rückkehr nach Johannesburg erhalten. Die- Rabbiner Lcvinthal war vor 11 Jahren mis Kowno 0RuAa'w) nach j: rc r-x L or sr” Ji. £._-! Amerika gekommen, um eine durch den Tod seines Schwiegervaters. selbe Wird nämlich den Ausländern nur auf Verwendung j oniar Kleiueberg vakante Rabbinerstelle in Philadelphia einzuneh- - der Konsuln ihrer resp. Heimatländer erteilt und die russischen Klonsnln in Kapstadt denken nicht daran, sich für die jüdischen Untertanen des Zaren zu verwenden. Das Hohelied Salomonis. Den bedeutsamen Ausführungen desselben Gelehrten über das Hohelied Salomonis entnehmen wir in Kürze folgendes: Das sogenannte Hohelied Salomonis ist eine in Damaskus nach Beginn der Seleucidenzeit zusammengestellte Sammlung volkstümlicher hebräischer Liebeslieder, die alle bei Hochzeiten gesungen sein können, wenn sie auch zunächst für diesen Zweck nicht verfaßt waren. Es ist nicht unmöglich, daß einzelne dieser Volkslieder Theokrit in Alexandria bekannt wurden llvgl. besonders Theokrit 10, 28 und Hohe Lied 2, 1, 1, 6, 6). Außer dem Wort für „die Sänfte der Braut", das eine Umgestaltung des griechischen zovpsoy zu sein scheint, finden sich keine griechischen Lehnwörter mehr in den biblischen Liebesliedern. Mit Ausnahme des Liebesfrühlings in 2, 8—14, der aus drei Strophen von je fünf Doppelzeilen mit Kehrvers am Schlüsse besteht, sind, die biblischen Liebeslieder durchweg in Strophen von 2 meschalim, d. h. Doppelzeilen abgefaßt. Jedes Mesches besteht aus 2 Halbzeilen und jede Halbzeile hat 3 Hebungen; Halbzeilen mit 2 Hebungen kommen nur ausnahmsweise vor (2, 8—10; 14, 15. — 4, 16a). Längere Wörter haben nicht selten 2 Hebungen, besonders wenn sie Konsonantengruppen oder verdoppelte Konsonanten enthalten. Professor Haupt hat es unternommen, das Hohelied neu zu übersetzen. Wir geben nachsteherrd nach seiner Üebersetzung Horch! mein Liebster! — sieh, da kommt er! lieber Berge eilend — über Hügel springend. Sieh! da steht er — hinter unserer Mauer! Aus dem Fenster blick' ich — durch das Gitter guck' ich. Auf, meine Freundin! — komm, meine Schöne! Denn sieh', vorbei ist der Winter — vorüber die Zeit der Regen, Schon schmücken Blumen die Erde — schon singen die Vöglein wieder. Die Turteltauben girren — die Schwalben sind heimgekehrt, Es reifen die Winterfeigen — süß duften die Rebenblüten. Auf, meine Freundin! —• komm, meine Schöne I Meine Taube in den Felsspalten in den Ritzen der Klippe, Deinen Anblick mir gönne, deine Stimme laß mich hören. Deine Stimme so süß, deinen Anblick so lieblich. Die Üebersetzung von Paul Haupt wird zur Komposition eines Oratoriums benützt werden. Aus Rußland. Wie erst jetzt amtlich bekanntMqeben wird,, hat der Jmauzminister bereits am 25. Augltst die Einlführuns;, von Aktien und Jnterimsscheinen der Jüdischen Külonialbank in London (The Jclvish Colonial Trust) verboten. Die Aktien dieser Bank haben in Russisch- Polen unter den Zionisten große Veöbreiffms; gefunden. In Lodz allein sollen für 100 000 Rubel, in km Umgegend von Lodz ftir mehr als 60 000 Rubel Aktien vorkartft worden sein. Das Verbot ist die erste Anwendunjg einer kurz, men. Er hat sich an der zionistischen Bewegung stark beteiligt und ist Vizepräsident der amerikanischen Zionistenvereinigung. Die lieber- - wachung der Großschlächtercicn, welche „Koscher"-Fleisch verkaufen, \ geschah aus seine Anregung hin. Er ist auch Vizepräsident der orthodoxen Rabbinervereinigung in den Vereinigten Staaten. Aus Palästina. Es ist nicht allgemein bekannt, in welchem Umfange die heiligen Stätten in Jerusalem von Seiten der ver-' schicdcnen Kirchen bebaut iverden. Im vergangenen wie im gegen-! wärtigen Jahre war das Baugeschäft in Jerusalem sehr flau; - zudem waren die beiden Sommer so heiß und wasserarm, daß es schwer ivar, für die wenigen Bauten das nötige Wasser auszu- > treiben. Jmmerhirc wurde an einigen bedeutsmnen deutschen Unternehmen gearbeitet. Auf der Dormition, dem Landstück auf dem, Berge Zion, das der Kaiser 1808 den deutschen Katholiken zur. Nutznießung übergeben hat, soll bekanntlich eine Kirche mit Kloster entstehen. Der Platz ist zwar ziemlich klein und durch Bauten > eingeengt, aber im Plaue sehr gut nusgenützt. Bevor der Bau! selbst angegriffen wurde, mußten ausgedehnte Erdarbeiteu vorge-; nommen werden. Eine Menge menschlicher Gebeine ivurde dabei! blohgelegt, da der Platz früher Gottesacker war. Jetzt erhebt sich! der Bau der Dormition-Kirche allmählich über den Boden. Noch, ist übrigens die Krypta, die mit Aufwand von viel Kunst und Sorgfalt alle ähnlichen Gebäude Jerusalems an Feinheit und Kostbarkeit übertreffen soll, nicht ganz fertiggcstellt. Auf dem „Kaiserplatz", dem ausgedehnten Gelände, wo Kaiser Wilhelm 1898 sein Zeltlager hatte, wurde im Aufträge der deutschen Jcrusalemsstiftung im Laufe des Winters der Bau eines Pfarrhauses und eines Schulhauses begonnen. Der Bau des letzteren! wurde indesserr wieder eingestellt, da für den Bauplan Aenderuugen beantragt wurden, über die seitdem noch keine end-: gütige Entscheidung getroffen wurde. Das Pfarrhaus dagegen, ■ die Wohnung für den evangelischen Propst von Jerusalem und: den Hilfsgeistlichen, ist im Rohbau fertig. Das Blindenheim! neben dem syrischeu Wttisenhause, für das der in Dresden gestorbene Graf Münnich 220 000 Mark gestiftet hat, konnte, tvie! Schuellers „Bote aus Zion" mitteilt, nur im Kellergeschoß und Erdgeschoß hergestellt iverden, da die eisernen Säulen und Träger, j die ilnumgänglich nötig sind, noch nicht eingetroffen sürd. Ist das 1 Gebäude voraussichtlich bis zum Winter rlnter Dach, so bildet es' einen 38 Meter langen Raum mit ztvei Flügeln, welcher Raum siir Wohnung, rind Arbeit für zwanzig blinde Knaben imb zwanzig blinde Mädchen nebst den nötigen Lehr- und Aufsichtskräften bilden soll. Im Laufe des Herbstes wird Professor Dr. Dalntann aus Leipzig eintreffen, um die neugegründete „deutsche archäo-: logische Anstalt" als deren Leiter zu eröffnen. Sie soll vorläufig, in einer Mietswohnung untergebracht lverden. Der Zweck dieser. lvissenschaftlichen Anstalt ist die archäologische Erforschung des: Landes und die Eröffnung der Möglichkeit, daß junge Gelehrte' mis Deutschland, besonders Theologen und Historiker, sich im An-' schluß an diese Anstalt gründlich uilterrichten und fördern lassen können. 1 Jules Cambou, der bisherige Vertreter Frankreichs in Washing-! ton, ist zum Botschafter in Madrid ernannt worden. Ein maß-.' l gebendes liberales Blatt in Berlin schreibt hierzu: Daß er als! Gencralgouverncur in Algerien Leu Antisemitismus liebevoll großj gezogen hat, ist für ihn in gelvisseu Madrider Kreisen eine nachdrücki lichc Empfehlung. — Unter glänzenden Feierlichkeiten fand dieser! Tage die Eiuweihilug der neuen Talmud Thora-Schule an Stone Ave., zwischen Eastern Parkwah und Belmond Ave. in Bronsville . statt.; Gin jüdischer Journalist. j Tie Monatsschrift „Teborah" schreibt aus Cineinnati:! Es klingt fast une otit Wärchen ans Tansend eine Nacht, wenn lvir die Karriere eines Mannes verfolgen, der sich von der untersten Stufe bis zum hervorragendsten Range des Jonrnalisnnis cmporgeschivnngen hat. Doch ungleich jenen Märchenhelden» deren wunderbare dieschicke durch gütige Feen mit Hilfe magischer Kräfte gelenkt wurden, hat Adolph S. Ochs seinen großen Erfolg durch eigene Tatkraft crruirgen. Ernstes Streben, Intelligenz und Beharrlichkeit leiteten seine Schritte auf der voil ihm betretenen Laufbahn und führten ihn in kurzer Zeit zu dem Ziele, das er sich gesetzt. Noch incht ein Menschcnalter ist verflossen, seitdem er als Setzerlehrling in Gntcnbergs Kunst cingelveiht wurde und heute, im Alter von 44 Jahren, steht Adolph S. Och's au der Spitze dreier großer, einflußreicher Tageszeitungen! Unsere Queen City kann sich rühmen, die Geburtsstadt des Mannes zu sein, dessen Name einen so guten Klang im ganzen Lande hat. Am 12. März 1858 erblickte ec in Cincinnati das Licht der Welt. Sein Vater. Julius Ochs aus Fürth, Bayern, eingetvandert, war ein Mann von gediegener Bildung, der außer seiner Muttersprache noch mehrere moderne Sprachen beherrschte. Im Jahre 1866 übersiedelte die Familie nach 5ttioxville, Tennessee. In diesem Städtchen betrat der achtjährige Knabe das erste Stadium seiner Lebensbahn. Am frühen Morgen, ehe die Schulstunde hecangerückt ivar, widmeten er und seine beiden jüngeren Brüder sich dein Geschäfte des Zeittingsverkaufes.. Im Alter von 13 Jahren verwertete er seine erlangten praktischen Kenntnisse als Gehilfe in einem Spezereiladen in Providence, Rhode Island. Sein ganzer Schulunterricht beschränkte sich ans die fünf in Knoxville verbrachten Jahre. Doch war der begabte Jüngling stets bemüht, durch Selbststudium das in der Elementarschule erlangte dürftige Wissen zu ergänzen und zu vermehren. Nach einjährigem Aufenthalte in Providence kehrte er nach Knoxville zurück und trat in die Druckerei der dort erscheinenden Zeitung als Sctzcrlehrling ein. Später wirkte er als Setzer in dem Louisviller Kurier-Journal. Im Jahre 1878 brachte der zwanzigjährige Jüngling durch Kauf die Chattanooga Times in seinen Besitz. Der Preis für dieses äußerst hcrabgekommene Blatt betrug 500 Dollars, ioelchc, wie man sagt, der Käufer mit erborgtem Gelde Zahlte. Hier entfaltete der neue Besitzer jene glänzenden Eigenschaften, die ihn zur Höhe seiner jetzigen Stellung brachten. In wenigen Jahren gelang es ihm, die Zeitung zu heben und in eines der besten Preßorgane des Südens umzuloandeln. Sein großer Erfolg ermutigte ihn, 1892 ein Zeitungsgebäride in Chattanooga aufzurichten, dessen Herstellungskosten 200 000 Dollars betrugen und dem an Pracht und Ausdehnung kein ähnliches Gebäude im Süden gleichkommt. Bald erweiterte der junge Herausgeber die Sphäre seiner Tätigkeit. Sein Ruf war auch nach New-Dork gedrungen und im Jahro 1806 vertrauten ihm die Aktieninhaber der New-Nork Times die Leitung derselben an. Nun bot sich ihm eine größere Gelegenheit, sein unschätzbares Talent zu verioerten. Das von Henry I. Raymond 1861 gegründete Blatt, das unter seiner tüchtigen Redaktion und unter der seines Nachfolgers George Jones zu großer Blüte gediehen war, befand sich seitdem in einem sehr prekären Zustande. Mit bewährter Energie und Sachkenntnis ging der neue Leiter ans Werk und yteHtc die Zeitung auf eine solide finanzielle Basis. Die Mittel, die er in der Chattanooga Times zur Gelttnlg gebracht, wmldte er auch in seiner neuen Stelluilg an. Seinem Grundsätze getreu, den er als Motto an die Spitze der New-Uork Times setzt „Alle Nachrichten, die sich zur Veröffentlichung eignen", hat er dem großen Jouniale einen tiefernsten moralischen Ton verliehen. Fern von jener Sensationssncht, der die sogenannten gelben Journale kennzeichnet, nicht verwirrt „von der Parteien Glinst nild Haß", bespricht cs alle politischen, ökonomischen lind sozialen Zeitfragen mit Ruhe lind Würde. Stets für die Sache der Gerechtigkeit und die Angelegenheiten des öfseiltlichen Wohles eiittretend, übt es einen wirksamen wohltätigen Einfluß in der Metropole mis, einen Einfluß, der sich auch mis den Familienkreis erstreckt; denn, obwohl es deil höchstell Anforderungeil der Handelslind Industrie- Welt gerecht wird und alle Ereignisse prompt lind genmi berichtet, herrscht in seinen Artikel,i und Berichten ein so anständiger Ton, daß sie mit Nutzen von allen, älteren lind jüngereil, Mitgliedern der Familie gelesen werdell köllnen. Dem von anderen New-Zorkcr Journalen gegebenen Beispiele folgend, setzte auch die Neiv-?)ork Times deil Preis auf einen Cent herab lind wlirde dadurch einer größeren Zahl von Lcseril zugänglich. Welche Fülle von Lesestoff für diesen geringen Preis, ganz besonders in deil Samstaglind Sonntag-Ansgaben mit ihren wertvollen literarischen liiid den kommerziellen und iiidiistriellcn Interessen geividmeten Beiträgen! Von welcher Vedelltttng eine solche Zeitung ist, wurde mir vor zwei Jahren klar, als ich ans der Pariser Alisstellling im Gedränge des Publikums, bas täglich in großer Masse das moderne Wlmder anstaunte, das Werk der Linotype-Maschine betrachtete, tvelche in einer Stunde 50 000 Exemplare der Ne>v-fiork Times druckte lind faltete. Der amerikanische Unternehnnrngsgeist, vor, Adolph S. Ochs und seinem Bruder George, seinem Vertreter in der Alisstellung, so augeiischeinlich dargestcllt, flößte allen Besuchern gclvaltigen Respekt ein lind frelidig empfand ich den Ruhm, der dadlirch auf mein Ädoptivlnnd zurückstrahlte. Doch Adolph S. Ochs begnügte sich nicht mit deil crrlingenen Lorbeer». Vor zlvei Jahren erwarb er auch die Philadelphia Times, die er mit dem im verflosseneli Juli lnil den Preis von zweieinviertel Millionen Dollars angekallften Philadelphia Daily Lcdger verschmolz. Dieses auf gleichen Tendenzen, wie seine New- Uorker Namensschlvester, berllhende Organ steht linier der Leitting des genannten George Ochs, der vor wcnigcli Johreil i» zwei Terminen das Alnt eines Mayors von Chattanooga bekleidete. Die Chattanooga Times ivird von seinem Schjvager Harry Adler geleitet. Mit Recht kann man behallpten, daß Adolph S. Ochs, Herausgeber der Chattanooga Times, der Ne>v-Uork Times und der Philadelphia Times, stets ans der Warte der „Zeit" stehend, mit der „Zeit" voranschrcitet. Eulen weiteren bedelltendcn Fortschritt bekilildet sein Eriverb eines misgedehllten Baliplatzes im oberen Teile der Stadt, auf dem für die Netv-?)ock Tiules ein lieues bequemeres und stattlicheres Heim errichtet tvird. Es steht zu hoffen, daß mit der Uebcrsiedelling in das nelie Gebälide, das im Jahre 1004 vollendet iverden soll, die Zeittnlg in eine Aera lloch größerer Prosperität treten und dadurch die lveise Umsicht ihres Leiters bezeugeil wird. Waö unsere Achtung vor dein self-made-Manne steigert, ist die Wahrllehmung, daß feine treue Anhänglichkeit an die Ideale des JlldentlimS die edlen Regungen des Herzens und Gemütes wach erhalten. Ungleich mehreren seiner Kollegen, welche von der Höhe des Erfolges mit Gleichgiltigkeit, ja mit Geringschätzlmg ans ihre altehrwürdige Mlltter, ihre allgestammte Neligwli, herabschauen und dieselbe verleugnen, nimint Adolph S. Ochs innigen Anteil an